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Kanadas Angebot an Europa: Mehr als nur Handelspartner

Kurz gesagt, 16.09.2026 Forschungsgebiete
  • Johannes Thimm

    Johannes Thimm

  • Nicolai von Ondarza

    Nicolai von Ondarza

Im Handelskonflikt mit der US-Regierung sucht Kanada eine engere Partnerschaft mit der Europäischen Union. Die Europäer sollten bereit sein, klar Partei zu ergreifen, meinen Johannes Thimm und Nicolai von Ondarza.

Bei der Suche nach Partnern für seine »Mittelmächte«-Strategie schaut der kanadische Premierminister Mark Carney besonders nach Europa: Zeitgleich mit der Aufkündigung der Handelsgespräche mit den USA kündigte er an, mit der EU eine »stärkere und vertiefte Sicherheits- und Wirtschaftspartnerschaft« zu verhandeln. Am 17. September wird er zudem eine Rede vor dem EU-Parlament halten.

Aufgrund der engen, aber asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen hat Kanada allein gegen die USA einen schweren Stand. Hier soll die EU einen Ausgleich schaffen; Carney hebt sie explizit als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und Wertepartner hervor. 

Kanada auf dem Weg zur vertieften Partnerschaft mit der EU

Die Europäische Union ist für Kanada ein naheliegender Verbündeter, und beide haben ihre engen Beziehungen seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus ausgebaut. So hat die EU mit Kanada 2025 eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft vereinbart und dem Land dabei als bisher einzigem Nicht-EU-Staat Zugang zu Rüstungsaufträgen aus dem 150-Milliarden-SAFE-Programm gewährt. Ottawa hat begonnen, bei größeren Beschaffungen nach Europa zu schauen, zuletzt mit einer historisch großen Vorentscheidung für die Bestellung von U-Booten aus Deutschland. Mit CETA besteht zudem ein seit 2017 vorläufig geltendes Freihandelsabkommen, das neben dem Abbau von Handelshemmnissen auch Investitionsschutz einschließt, also durchaus anspruchsvoll ist.

Die Europäer binden Kanada zunehmend auch in flexible, bislang vor allem europäische Formate ein: Im Mai 2026 nahm Carney als erster Nicht-Europäer an einem Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft teil, im September war die kanadische Außenministerin Gast beim EU-Außenministerrat, im Oktober wird der kanadische Handelsminister an einem EU-Treffen teilnehmen. Bei Überlegungen zur erweiterten europäischen Sicherheit gehört Kanada nun neben Norwegen, der Ukraine und dem Vereinigten Königreich zur Riege besonders enger Partner. 

Von der Diversifizierungs- zur Beistandspartnerschaft

Beim gegenseitigen politischen Rückhalt besteht allerdings ein Ungleichgewicht. Während Kanada angesichts der Drohungen von Donald Trump gegenüber Grönland betont hat, dass Grönland zum NATO-Verbündeten Dänemark gehört, hat Europa zu den Äußerungen Trumps, Kanada solle ein US-Bundesstaat werden, weitgehend geschwiegen. Auch zum von den USA provozierten Handelskonflikt mit Kanada hält sich Brüssel mit Äußerungen zurück. Zwar hat der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament, Bernd Lange, Solidarität mit Kanada eingefordert, doch der zuständige EU-Handelskommissar Šefčovič hat eine vermittelnde Rolle oder Parteinahme der EU ausgeschlossen. Allerdings nehmen die Drohungen und handelspolitischen Attacken gegen Kanada zu, so dass die Diskrepanz zwischen den Prinzipien, auf die die Europäische Union drängt, und dem Verhalten der USA wächst. 

Sicherlich wäre explizite Kritik am Verhalten der US-Regierung gegenüber Kanada für die EU und Deutschland mit politischen und wirtschaftlichen Kosten verbunden. Doch auch Zurückhaltung hat ihren Preis. Die Trump-Regierung setzt auf eine »Teile und herrsche«-Strategie: Sie verhandelt bevorzugt mit einzelnen Staaten, um ihren Machtvorteil im jeweiligen bilateralen Verhältnis auszuspielen. Je enger sich Staaten jedoch verbünden und amerikanischen Drohungen sowie handelspolitischem Druck geschlossen entgegenstellen, desto mehr steigen die Kosten auch für die USA. Die Unterstützung für Trumps konfrontativen Kurs gegenüber Kanada und Europa ist in der US-Bevölkerung begrenzt. Steigen die wirtschaftlichen Kosten für die Amerikaner, dürfte die Unterstützung weiter abnehmen. 

Europa sollte deshalb mit Blick auf den EU-Kanada-Gipfel Ende Oktober Carneys Angebot einer vertieften Wirtschafts- und Sicherheitspartnerschaft aufgreifen. Es gilt, Fortentwicklungen in der Partnerschaft im gegenseitigen Interesse auszuloten; im Gespräch sind hier etwa Kooperationen bei kritischen Rohstoffen und Energie sowie in der Arktis-Sicherheit und kanadische Beteiligung an europäischer Rüstungszusammenarbeit. Darüber hinaus sollte sich die EU mit Kanada verständigen, bei welchen weiteren Eskalationen der Konflikte von US-Seite beide Seiten gemeinsam reagieren können. Ein solches abgestimmtes Vorgehen würde die EU von einem Diversifizierungs- zu einem Beistandspartner machen.

Carneys Forderung nach einer Allianz der Mittelmächte hat weltweit Zuspruch erhalten. Kanada und die EU teilen viele Ziele und Werte und könnten dabei mit einer vertieften Partnerschaft im gegenseitigen Interesse eine Vorreiterrolle für die Zusammenarbeit mit anderen Mittelmächten einnehmen. Sich Trumps Erpressungsversuchen entschlossener und gemeinsam entgegenzustellen, würde die Glaubwürdigkeit der EU als Akteur weltweit erhöhen und könnte ein Schritt zu weiteren Kooperationen zum Schutz einer regelbasierten internationalen Politik sein.

Dr. Johannes Thimm ist Leiter der SWP-Forschungsgruppe Amerika. Dr. Nicolai von Ondarza ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe EU/Europa.

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