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Schockwellen nach Osten: Wie der Iran-Krieg die politische Landschaft Asiens verändert

360 Grad, 27.04.2026 Forschungsgebiete

Der Iran-Krieg hat Asien wirtschaftlich hart getroffen. Keine andere Region der Welt ist so stark von Energielieferungen aus dem Mittleren Osten abhängig. Dieses 360 Grad zeigt die unmittelbaren innenpolitischen Folgen des Krieges in Asien und die außenpolitischen Reaktionen der Regierungen. 

Die Koordination hat Felix Heiduk übernommen.

China: Außenpolitische Zurückhaltung und innenpolitische Risiken

Es liegt im Interesse der Volksrepublik China, den Konflikt im Mittleren Osten einzudämmen, da dieser der chinesischen Wirtschaft erheblich schaden könnte. Peking scheint dabei darauf bedacht zu sein, keine klare Partei zu ergreifen, obgleich es enge Beziehungen zum Iran pflegt und sich in einem Großmachtwettbewerb mit den USA befindet. Die chinesische Regierung leistet dem Iran keine direkte, nennenswerte Unterstützung, die über Rhetorik hinausgeht – zumindest soweit bislang bestätigt –, und hat die Politik der Trump-Administration nicht offen kritisiert. Chinas Vier-Punkte-Plan für die Krise im Mittleren Osten bleibt vage: Er beschränkt sich auf Appelle an alle Beteiligten, Souveränität und Völkerrecht zu respektieren sowie auf ein unverbindliches Vermittlungsangebot. 

Innen- wie außenpolitisch nutzt China den Krieg, um sich als Gegenmodell zur amerikanischen Militärpolitik zu profilieren: als konstruktiver Akteur, der sich traditionell aus fremden Konflikten heraushält und Frieden und Stabilität anmahnt. Dies kann Chinas Image nach außen und nach innen aufbessern und die Macht Xi Jinpings sowie der Kommunistischen Partei stärken. 

China kann sich diese außenpolitisch zurückhaltende Haltung leisten, da es weniger von der Energiekrise betroffen ist als andere Länder. China importiert zwar etwa 37 Prozent seiner Energie aus dem Mittleren Osten, verfügt aber auch über große Ölreserven. Zudem hat es in den vergangenen Jahren in erneuerbare Energien investiert und kann auf Russland als Gas- und Öllieferant zurückgreifen. Somit ist die Volksrepublik in der Lage, potentielle Engpässe zu überbrücken. 

Innenpolitisch könnte der Iran-Krieg dennoch die chinesische Wirtschaft treffen. Ein andauernder Krieg, der Energie- und Transportpreise in die Höhe treibt, dämpft die globale Nachfrage – und damit auch die Nachfrage nach chinesischen Produkten. Dass Peking sein Wachstumsziel für dieses Jahr bereits auf 4,5–5 Prozent gesenkt und angesichts steigender Ölpreise Preiskontrollen für Benzin eingeführt hat, lässt sich als Beleg für wachsende Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen des Krieges lesen. 

Hinzu kommt die unvorhersehbare Handelspolitik der Trump-Administration als Unsicherheitsfaktor. Das Treffen zwischen den Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping, das in erster Linie den Handelskonflikt zwischen China und den USA behandeln sollte, wurde Ende März verschoben und soll nun im Mai oder Juni stattfinden. Auch dies ist ein weiterer Grund für China, sich in Zurückhaltung zu üben.

Indien: Strategische Konfliktvermeidung angesichts der drohenden Energie- und Wirtschaftskrise

Indiens Außenpolitik ist durch das Dilemma geprägt, parallel tragfähige Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und Israel sowie zu Iran zu pflegen. Der Beginn des Irankriegs erschwert diese »Multialignment«-Politik erheblich. Aus Sicht der indischen Regierung ist die weitere Diversifizierung ihrer Abhängigkeiten eine absolut notwendige Maßnahme, um die nationale Energie- und Wirtschaftssicherheit zu wahren. Um keine seiner Partnerschaften zu gefährden, verfolgt Indien eine Politik der strategischen Zurückhaltung. So tritt Indien in diesem Konflikt weder als machtpolitischer Akteur noch als Mediator in Erscheinung. 

Die Lage in der Straße von Hormus betrifft in erster Linie Indiens Wirtschaftssicherheit und Armutsbekämpfung. Für nationale und bundesstaatliche Entscheidungsträger:innen zählen die Gewährleistung von Wohlfahrtsprogrammen und stabilen Energiepreisen zu den wichtigsten politischen Wahlversprechen. Insgesamt beziehen in Indien über 300 Millionen Menschen Flüssiggas (LPG) über staatliche Wohlfahrtsprogramme. Indien importiert rund 60 Prozent seines LPG, wovon etwa 90 Prozent die Straße von Hormus durchqueren. Von Indiens Rohöl-Importen mussten vor Beginn des Krieges etwa 50 Prozent die Meerenge passieren. 

Als Staat mit dem weltweit drittgrößten Erdölbedarf von etwa fünfeinhalb Millionen Barrel pro Tag setzt Indien auf eine weitere Diversifizierung. So konnte Neu-Delhi aufgrund temporärer Sanktionsausnahmen der USA zuletzt einfacher Öl aus Russland kaufen. Außerdem bezog Indien im April zum ersten Mal seit 2019 wieder Rohöl aus Iran. Die volkswirtschaftlichen Effekte der Energieknappheit fallen bisher vor allem deshalb begrenzt aus, weil die Regierung unter Narendra Modi den Ölpreisanstieg durch selektive staatliche Eingriffe abdämpfen kann. Um eine dauerhafte Preisstabilität zu gewährleisten, wird die indische Regierung künftig versuchen, noch stärker auf den Import russischen Öls zu setzen.

Doch der Irankrieg schadet indischen Interessen auch jenseits der Energiefrage. So untergräbt die Versenkung der iranischen Fregatte IRIS Dena durch die US-Marine Indiens Regionalmachtanspruch im Indischen Ozean – zumal deren Besatzung zuvor auf indischem Festland zu Gast war. Dass Pakistan sich als erfolgreicher Vermittler positionieren und damit international an Anerkennung gewinnen konnte, ist für Neu-Delhis Bemühungen um eine internationale Isolation Islamabads ebenfalls ein Rückschlag. Mit zehn Millionen Gastarbeiter:innen in der Golfregion bleibt Indien zudem ein Land, das jede weitere Eskalation auch als Bedrohung für Leib und Leben indischer Staatsbürger:innen betrachtet.

Japan: Wirtschaftlicher Gegenwind und sicherheitspolitischer Rückenwind für Takaichis Agenda

Der Krieg im Mittleren Osten und die faktische Schließung der Straße von Hormus treffen Japan unmittelbar. Das Land bezieht mehr als 90 Prozent seiner Rohölimporte aus der Golfregion – fast ausschließlich über diese strategische Meerenge. Die Folgen sind spürbar: Der ohnehin schwache Yen verlor weiter an Wert, Inflationssorgen belasten Haushalte und Unternehmen, und die Tokioter Börse reagierte mit deutlichen Verlusten. Dass Japan dennoch nicht in eine akute Versorgungskrise geraten ist, verdankt es seinen gewaltigen Ölreserven, die rund 250 Tage des nationalen Bedarfs abdecken. Die Regierung beschloss zudem massive Subventionen für Kraftstoffe, um die Auswirkungen hoher Ölpreise abzufedern.

Die globale Energiekrise trifft Japan aber auch indirekt – über Lieferketten, die vor allem durch Südostasien führen. Die Region ist für Japan seit Langem ein zentraler Produktionsstandort und hat im Zuge wirtschaftlicher Diversifizierungsbemühungen noch an Bedeutung gewonnen. Doch die dortigen Staaten verfügen kaum über strategische Ölreserven und stehen vor akuten Engpässen. Die daraus resultierenden Turbulenzen drohen auch Japan zu erreichen – befürchtet werden etwa Lieferausfälle bei medizinischen Artikeln wie Handschuhen oder Dialysegeräten, die Japan aus der Region bezieht. Tokio reagierte prompt mit einem Hilfspaket von zehn Milliarden US-Dollar für Staaten der Region. Damit unterstützt Japan seine Partner bei der Beschaffung von Rohöl und Erdölprodukten – und sichert zugleich seine eigenen Versorgungsketten ab.

Für Japans Premierministerin Sanae Takaichi, seit einem halben Jahr im Amt und mit starkem politischen Mandat nach ihrem Wahlsieg im Februar 2026, kommt die Krise zur Unzeit. Ihre ambitionierte Agenda – Japans Wirtschaft mit strategischen Investitionen zu beleben sowie Sicherheit und Verteidigung zu stärken – setzt fiskalische Spielräume voraus. Doch ein schwacher Yen, steigende Inflation und staatliche Subventionen drohen diese zu verengen.

Und doch ist es gerade dieser Krieg, der die Dringlichkeit von Takaichis Agenda unterstreicht. Er zeigt, dass Japan seine Verteidigungsfähigkeiten ausbauen und die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern vertiefen muss – zumal amerikanische Aufmerksamkeit und militärische Kapazitäten andernorts gebunden sind. Für Tokio geht es darum, ein Machtvakuum im Indo-Pazifik zu verhindern, das China für seine Zwecke nutzen könnte. Zugleich unterstreicht der Kriegdass Japan strategische Abhängigkeiten abbauen und Resilienz aufbauen muss – und dabei auch seine asiatischen Partner mitnehmen sollte.

Südkorea: Energieabhängigkeit und strategischer Wandel im Zeichen des Irankriegs

Kaum ein anderes, nicht direkt am Konflikt beteiligtes Land ist stärker vom Irankrieg betroffen als Südkorea. Die faktische Blockade der Straße von Hormus hat gravierende wirtschaftliche Schwachstellen und strategische Verwundbarkeiten offenbart: Über die Meerenge wickelt Südkorea etwa 70 Prozent seiner Rohölimporte und 20 Prozent seiner Erdgaslieferungen ab. Betroffen ist auch die Petrochemie – etwa 35 Prozent des südkoreanischen Naphtha, eines wichtigen Ausgangsstoffs für Kunststoffe und Kunstfasern, werden durch die Meerenge transportiert. Die Halbleiterindustrie befürchtet zudem Engpässe bei kritischen Gasen: Helium, von dem rund 65 Prozent aus Katar stammen, hat sich bereits um mehr als 40 Prozent verteuert. Die OECD senkte daraufhin die Wachstumsprognose für Südkorea um 0,4 Prozentpunkte – die stärkste Senkung unter den großen Volkswirtschaften – und hob ihre Inflationsprognose auf 2,7 Prozent an. Sollte die Blockade länger andauern, könnten die Produktionskosten im verarbeitenden Gewerbe um bis zu 11,8 Prozent steigen.

Angesichts lauter werdender Warnungen vor einem dreifachen Schock aus hoher Inflation, erhöhten Zinssätzen und einem geschwächten Won leitete Präsident Lee Jae Myung eine regierungsweite Krisenreaktion ein – auch mit Blick auf die Kommunalwahlen Anfang Juni. Zu den Maßnahmen zählen Preisobergrenzen für Kraftstoffe, die Freigabe strategischer Ölreserven in Rekordhöhe von 22,5 Millionen Barrel sowie die kurzfristige Beschaffung von 24 Millionen Barrel Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ergänzt wird das Paket durch einen Nachtragshaushalt von 15 Milliarden Euro zur Entlastung von Haushalten sowie kleinen und mittleren Unternehmen. Kernreaktoren sollen nach Wartungsarbeiten beschleunigt wieder ans Netz gehen.

Neben den wirtschaftlichen Folgen hat der Krieg für Südkorea jedoch auch sicherheitspolitische Implikationen. Insbesondere die Entscheidung der USA, Teile der in Südkorea stationierten Raketenabwehrsysteme abzuziehen, hat die Sorgen über eine geschwächte Abschreckung gegenüber Nordkorea verstärkt. Das schwindende Vertrauen in den US-Schutzschirm wird die Debatte über die Entwicklung eigener nuklearer Fähigkeiten in Korea weiter anheizen. Dazu kommt wachsender US-Druck auf Seoul, sich militärisch in der Straße von Hormus zu engagieren.

Der Irankrieg zeigt, dass Südkorea seine Rolle zwischen ökonomischer und insbesondere energiepolitischer Abhängigkeit einerseits und sicherheitspolitischer Eigenständigkeit andererseits neu austarieren muss. Dabei nehmen sowohl externe Risiken als auch strukturelle Verwundbarkeiten zu. Der Konflikt wirkt damit als Beschleuniger einer bereits laufenden Debatte über strategische Autonomie und wirtschaftliche Sicherheitsvorsorge. Die Reaktion Seouls darauf wird seine außen- und sicherheitspolitische Position langfristig prägen.

Pakistan: Vermittlungserfolge und innenpolitische Risiken

Unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen zwischen den USA und Iran in Pakistan haben diese der Regierung in Islamabad außenpolitische Erfolge beschert. Mit seiner Rolle als Vermittler polierte Pakistan sein weltweit eher schlechtes Image – und konterkariert zugleich Indiens langjährige Bemühungen, Pakistan international zu isolieren. 

Pakistans Vermittlerrolle wurde möglich, weil es gute Beziehungen zu allen Konfliktparteien unterhält. So vertritt das Land seit vielen Jahren die Interessen Teherans in den USA. Im vergangenen Jahr schloss die Regierung in Islamabad ein Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien. Die Beziehungen zu den USA haben sich in der zweiten Trump-Präsidentschaft unerwartet verbessert. Pakistan schlug den amerikanischen Präsidenten für seine Verdienste, den Vier-Tage-Krieg zwischen Indien und Pakistan im Mai 2025 beigelegt zu haben, für den Friedensnobelpreis vor und trat dessen Friedensrat bei.

Die Vermittlerrolle erlaubt es Pakistan zudem, eine klare Positionierung im Krieg zu vermeiden, dessen mögliche Ausweitung für das Land beträchtliche innenpolitische Risiken birgt. Die Reduktion der Öl- und Gaseinfuhren wird das ohnehin geringe Wirtschaftswachstum weiter verringern. Eine Fortdauer des Krieges könnte sich auch negativ auf die Rücküberweisungen der rund 5,5 Millionen pakistanischen Gastarbeiter aus der Golfregion auswirken. 

Nach der Tötung von Religionsführer Chamenei kam es zu gewaltsamen Protesten von Schiiten in Pakistan, die etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sofern sich die Lage in der iranischen Provinz Sistan-Baluchistan durch den Krieg destabilisiert, könnte dies auch militanten Gruppen in der pakistanischen Provinz Baluchistan weiteren Auftrieb geben. In der größten und rohstoffreichsten Provinz Pakistans kämpfen seit vielen Jahren bewaffnete Gruppen für die Unabhängigkeit. Eine Verschärfung der Situation in Baluchistan würde bedeuten, dass die gesamte pakistanische Westgrenze von Instabilität bedroht wäre. Seit Monaten kommt es zu Kämpfen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze. Pakistan will damit die Rückzugsgebiete der pakistanischen Taliban in Afghanistan zerstören, die für zahlreiche Anschläge in Pakistan verantwortlich sind. 

Pakistan hat es geschickt verstanden, den Krieg im Iran für seine außenpolitische Agenda zu nutzen. Seine Vermittlungsbemühungen haben das internationale Image verbessert, die Pläne Indiens durchkreuzt, mögliche innenpolitische Folgen des Krieges vorerst abgemildert und die Beziehungen zu den USA weiter gefestigt. Die Regierung in Islamabad wird sicherlich versuchen, dieses neugewonnene politische Kapital künftig auch in ihren Konflikten mit Indien und Afghanistan zu nutzen. 

Indonesien: Zwischen außenpolitischer Ambition und innenpolitischem Druck

Präsident Prabowo Subiantos Vermittlungsangebot im US-israelischen Krieg gegen den Iran steht im Kontext seiner Ambitionen, auf der internationalen Bühne Indonesiens Sichtbarkeit zu stärken sowie dessen strategische Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Interessen zu schützen. 

Jakartas eher zurückhaltende Reaktion auf den Konflikt beruht auf dem Bemühen, die Beziehungen zu Washington als wichtigem wirtschaftlichem und strategischen Partner nicht zu gefährden. Dennoch steht die Regierung des Landes mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung unter innenpolitischem Handlungsdruck. Die öffentlich kontrovers diskutierte Teilnahme an Trumps Board of Peace wurde vorerst ausgesetzt. Zudem beeinträchtigt die Blockade der Straße von Hormus neben Indonesiens Energieversorgung auch Produktions- und Logistikkosten. 

Das Beispiel zweier indonesischer Öltanker, die trotz Verhandlungen bisher nicht passieren konnten, zeigt, dass Beziehungen zum Iran zwar vorhanden, aber nicht robust genug sind, um strategische Interessen in der Region zu sichern. Somit können wichtige Importe wie Öl und Flüssiggas Indonesien nicht erreichen. Obwohl Jakarta die Handelsbeziehungen zu den arabischen Golfstaaten vertiefen will, muss es nach weiteren Energiepartnern suchen. Hierfür streckte Prabowo die Fühler in verschiedene Richtungen aus. Mitte April reiste er nach Moskau, zuvor vereinbarte er vertiefte Energiekooperationen mit den wichtigen InvestorenJapan und Südkorea. Außerdem sind im Handelsabkommen mit den USA vom Februar Ausweitungen der Öl- und Gasimporte vorgesehen. 

Vor der eigenen Bevölkerung spielt die Regierung die Auswirkungen des Krieges herunter. Maßnahmen, die die Bevölkerung belasten, werden nur vorsichtig eingeführt. Trotz erheblicher Mehrkosten hält Jakarta an den Treibstoffsubventionen fest. Zur Gegenfinanzierung will Indonesien kurzfristig von Preissteigerungen am Weltmarkt profitieren, etwa durch höhere Einnahmen aus Nickel- und Kohleexporten. Außerdem bietet Indonesiens große Düngemittelreserve eine weitere Exportchance. Entsprechende Anfragen aus dem Ausland werden bereits verhandelt.

Kritiker warnen, dass die Regierung die möglichen Auswirkungen der Krise – insbesondere angesichts bestehender Wirtschaftsprobleme – nicht transparent genug kommuniziert. Hinzu kommt die Sorge über zunehmende innenpolitische Einflussnahme des Militärs: Die Armee hatte nach Kriegsausbruch kurzzeitig die höchste militärische Alarmbereitschaftsstufe mit der Begründung ausgerufen, auch auf »innere Bedrohungen« reagieren zu können. Das durch die heftige Reaktion auf Proteste im vergangenen Jahr beschädigte Image der Regierung könnte darunter weiter leiden.

Prabowo vollführt somit einen Drahtseilakt: internationale Gestaltungsansprüche auf der einen sowie wachsende wirtschaftliche und innenpolitische Kosten des Konflikts auf der anderen Seite.

 

Philippinen: Energienotstand und diplomatischer Balanceakt

Als Reaktion auf stark gestiegene Erdöl- und Erdgaspreise rief Präsident Ferdinand Marcos Jr. am 25. März 2026 einen nationalen Energienotstand aus. Die hohen Ölpreise bedrohen die Energiesicherheit des Landes, begünstigt durch strukturelle Schwächen: die extreme Importabhängigkeit von Lieferanten aus dem Mittleren Osten, mangelnde Alternativen im Energiemix sowie eine schwache Landeswährung. Innenpolitisch kommt die Lage der rund 2,4 Millionen philippinischen Arbeitsmigranten in der Region hinzu. Dabei geht es nicht nur um deren Sicherheit und mögliche Rückholaktionen, sondern auch um die wirtschaftlichen Folgen ausbleibender Heimatüberweisungen

Der Ölpreisschock löste eine Reihe von Protesten aus. Ihren Anfang nahmen sie im Transportsektor, der vom Anstieg der Benzin- und Dieselpreise besonders betroffen war. Die Demonstranten forderten Preiskontrollen für Kraftstoffe, die Abschaffung der Mineralölsteuer sowie eine stärkere staatliche Regulierung der nationalen Ölindustrie. Bald weitete sich die Kritik jedoch aus: Sie richtete sich grundsätzlich gegen die Regierung Marcos, der vorgeworfen wurde, die Preise nicht in den Griff zu bekommen. Manche Demonstranten machten zudem die »amerikanische Aggression« gegen den Iran für die Probleme auf den Philippinen verantwortlich.

Dies ist außenpolitisch durchaus brisant, da die Philippinen als engster Verbündeter der USA in Südostasien gelten. Insbesondere die Regierung von Marcos Jr. hat die Beziehungen zu den USA ausgebaut, unter anderem aufgrund sino-philippinischer Territorialstreitigkeiten im Südchinesischen Meer. Seit Anfang März vollführt Manila daher einen diplomatischen Balanceakt. Auf der einen Seite die USA, auf der anderen direkte Verhandlungen mit dem Iran über die Durchfahrt philippinischer Schiffe durch die Straße von Hormus. 

Parallel dazu bemüht sich Manila, seine Energiepartnerschaften zu diversifizieren. Marcos Jr. zeigte sich offen für Gespräche mit China über eine gemeinsame Öl- und Gasexploration in umstrittenen Gebieten des Südchinesischen Meeres. Derartige Gespräche sind innenpolitisch jedoch hoch umstritten, da jedes Zugeständnis an Peking als Ausverkauf nationaler Souveränität betrachtet wird. Zugleich erhielten die Philippinen erstmals seit Beginn des Ukraine-Krieges wieder eine Öllieferung aus Russland.

Der Iran-Krieg stellt für die Philippinen einen schwerwiegenden Stresstest dar. Das Land ist aufgrund seiner fast vollständigen Abhängigkeit von Öl sowie der Millionen Arbeitsmigranten im Mittleren Osten besonders verwundbar. Außenpolitisch versucht Manila, einen schmalen Grat zu gehen: Einerseits soll das Bündnis mit den USA aufrechterhalten werden, andererseits soll pragmatisch direkt mit dem Iran (sowie Russland und China) verhandelt werden.

 

Zitiervorschlag

Zitiervorschlag 360 Grad gesamt:

Felix Heiduk (Koord.), Schockwellen nach Osten: Wie der Iran-Krieg die politische Landschaft Asiens verändert, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 27.04.2026 (360 Grad)

Zitiervorschlag einzelner 360 Grad-Beitrag:

Angela Stanzel, China: Außenpolitische Zurückhaltung und innenpolitische Risiken, in: Felix Heiduk (Koord.), Schockwellen nach Osten: Wie der Iran-Krieg die politische Landschaft Asiens verändert, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 27.04.2026 (360 Grad)

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