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MHPSS als Friedensressource

Fluchtkontexte, psychosoziale Unterstützung und der Humanitarian-Development-Peace-Nexus

SWP-Aktuell 2026/A 02, 16.01.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A02

Forschungsgebiete

Menschen auf der Flucht sind nicht nur physischen Gefahren, sondern auch schweren psychischen Belastungen ausgesetzt, von der Vertreibung selbst über Gewalt­erfahrun­gen bis zu unsicheren Lebensbedingungen und Perspektivlosigkeit am Zielort. Die Folgen dieser Erschütterungen beeinträchtigen nicht nur die Betroffenen, sondern auch den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft und deren wirtschaftliche Ent­wicklung und Stabilität. Dennoch wird psychosoziale Unterstützung (Mental Health and Psychosocial Support, MHPSS) in Fluchtsituationen sowohl im politischen Dis­kurs als auch in internationalen Hilfsprogrammen oft vernachlässigt. Dabei können sich entsprechende Maßnahmen positiv auf das Zusammenleben in den Aufnahmeländern, aber auch auf Friedensprozesse in den Herkunftsländern auswirken und damit der dritten Dimension des Humanitarian-Development-Peace-Nexus (HDP-Nexus), der sogenannten Friedenssäule, zugutekommen. Der HDP-Nexus soll humanitäre Hilfe und Entwicklung mit Friedensförderung verzahnen. Dieser Ansatz ist gerade in Flucht­situationen von großer Bedeutung.

Menschen auf der Flucht sind in allen Phasen der Vertreibung einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt, die ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Bereits vor der Entscheidung zur Flucht erleben viele anhaltende oder wiederholte Bedrohungen für Leib und Leben: gezielte Ver­folgung, Folter, sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt sind ebenso kennzeichnend für ihre Situation wie strukturelle Gewalt in Form von systematischer Dis­kriminierung, fehlender Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung oder der Verlust von Existenzgrundlagen infolge von Konflikten oder Umweltkatastrophen.

Dazu kommen bedrohliche und ent­würdigende Bedingungen während der Flucht, wie etwa lebensgefährliche Flucht­routen über Land und See, Ausbeutung durch Schleuser, willkürliche Inhaftierung, Nahrungs‑ und Wassermangel, ausbleibende medizinische Hilfe und der Verlust oder die Trennung von Familienangehörigen. Ins­besondere bei langandauernder Flucht oder wiederholten Vertreibungen können sich chronischer Stress, Schlafstörungen und das Gefühl der Entmenschlichung verfestigen.

Auch nach der Ankunft im Aufnahmeland stehen viele Geflüchtete vor neuen, teils langanhaltenden Stressfaktoren: Un­sicherheit über den Aufenthaltsstatus, Asyl­verfahren mit unklaren Anforderungen, langen Bearbeitungszeiten und ungewissem Ausgang, fehlende Rechte, eingeschränkter Zugang zu Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, kulturelle Entwurzelung und soziale Isolation.

Die Belastungen Binnenvertriebener werden durch die anhaltende räumliche Nähe zur Konfliktzone häufig noch ver­stärkt. Da sie oft in prekären Sicherheits­lagen verbleiben, sind sie besonderen Risiken wie wiederholter Vertreibung, eingeschränktem Zugang zu Gesundheits­versorgung und fehlendem Schutz durch staatliche Institutionen ausgesetzt.

Auch eine Rückkehr an den Heimatort bedeutet nicht automatisch eine Entlastung. Nach den traumatischen Flucht- und Auf­nahmeerfahrungen sehen sich die Menschen in ihrem Herkunftsland häufig unsicheren Verhältnissen und sozialen Spannungen gegenüber, etwa durch anhaltende Instabi­lität, Landkonflikte oder fehlende wirtschaft­liche Perspektiven. Zudem sind Rück­kehrende oft mit Stigmatisierung kon­fron­tiert. Auch dies verstärkt psychische Belas­tungen und erschwert die Reintegra­tion.

Viele Symptome psychischer Belastung zeigen sich dabei häufig erst dann, wenn die akute Fluchtsituation (und damit die traumatische Erfahrung) vorüber ist und die Betroffenen sich vermeintlich in Sicher­heit befinden, sei es im Aufnahmeland oder bei Rückkehr im Herkunftsland. Die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass etwa jede fünfte von einem Gewaltkonflikt betroffene Person (22%) eine psychische Erkrankung entwickelt, dar­unter Depressionen, Angststörungen, post­trauma­tische Belastungsstörungen (PTBS), bipolare Störungen oder Schizophrenie.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen unbehandelter Traumata

Die Folgen dieser psychischen Belastungen betreffen allerdings nicht nur Individuen, sondern haben auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen. In ökono­mischer Hinsicht schlagen sich die psychi­schen Langzeitfolgen von Flucht- und Gewalt­erfahrungen in einer erhöhten Be­lastung der Gesundheits- und Sozialsysteme nieder. Unbehandelte Traumafolgen wie Depressionen, Angststörungen oder PTBS führen zu einer gesteigerten Inanspruchnahme medizinischer Versorgung, was die oftmals ohnehin begrenzten Ressourcen der Aufnahmestaaten zusätzlich strapaziert. Gleichzeitig sind viele Betroffene langfristig nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig. Dies wiederum erschwert es ihnen, wirt­schaftlich unabhängig zu werden, und ver­ringert das volkswirtschaftliche Potential der Gesellschaft. Auch im Bildungsbereich sind die Folgen gravierend. Psychische Be­lastungen beeinträchtigen die Lernfähigkeit und senken die Bildungsbeteiligung von Geflüchteten und wirken sich auf lange Sicht negativ auf ihre Berufsqualifizierung, ihre Arbeitsmarktchancen und ihr Ein­kommen aus.

Zudem ist in sozialen Kontexten, die durch einen hohen Anteil von traumatisier­ten Menschen gekennzeichnet sind, ein An­stieg häuslicher und sexualisierter Gewalt zu beobachten. Dies verursacht nicht nur weiteres menschliches Leid, sondern auch weitere Kosten, etwa durch erhöhte Gesund­heitsausgaben und geringere Arbeitsproduk­tivität. Hinzu kommt, dass unbehandelte Traumata oft an nachfolgende Generationen »vererbt« werden: Kinder traumatisierter Eltern entwickeln häufiger Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Störungen.

Darüber hinaus können unbehandelte Trau­mata die soziale Kohäsion und Stabili­tät von Gesellschaften gefährden. Symptome wie Misstrauen oder sozialer Rückzug machen es Geflüchteten schwer, in ihrer neuen Umgebung stabile Beziehungen auf­zubauen. Dazu tritt oft die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung, etwa bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildungssystem. All diese Faktoren können soziale Spannungen zwischen Geflüchteten und der Aufnahmebevölkerung verstärken und Integrations­prozesse erschweren.

In den Herkunftsländern wiederum können die psy­chischen Belastungen von zurückgekehrten Geflüchteten den Wieder­aufbau nach Konflikten behindern. Men­schen mit Fluchttraumata, die keine psycho­soziale Unterstützung erhalten, sind häufig nur eingeschränkt in der Lage, konstruktiv an Friedensprozessen und am institutionellen oder wirtschaftlichen Wiederaufbau mitzuwirken. In besonders fragilen Kon­texten kann dies sogar zur Remobilisierung von Gewalt beitragen. Ehemalige Kämpfer:innen, Überlebende sexualisierter Ge­walt oder marginalisierte Gruppen, die in einem Zustand ungelöster Traumatisierung verbleiben, sind anfälliger für Retraumati­sierung, Re-Rekrutierung oder den Rückzug in gewaltlegitimierende Narrative. Fehlen­des Vertrauen in Mitmenschen und staat­liche Institutionen wirkt wie ein Nähr­boden für erneute Eskalationen.

Psychosoziale Unterstützung in Krisen- und Konfliktkontexten

Studien zeigen, dass eine frühzeitige und kontinuierliche psychosoziale Unterstützung posttraumatischen Langzeitfolgen vor­beugen kann. Unter dem international eta­blierten Begriff MHPSS (Mental Health and Psychosocial Support, deutsch: psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung) werden alle Maßnahmen zusammengefasst, die das psychosoziale Wohlbefinden von Individuen stärken und psychischen Störungen vorbeugen sollen. MHPSS umfasst dabei ein breites Spektrum an An­sätzen, die emotionale, soziale, spirituelle, kognitive und verhaltensbezogene Dimen­sionen adressieren, ohne ausschließlich einem medizinischen Behandlungs­modell zu folgen. Häufig handelt es sich um nieder­schwellige, gemeindebasierte Maßnahmen, die im Gesundheits-, Bildungs- und Sozial­arbeitsbereich von Lehrer:innen, Sozial­arbeiter:innen oder zivil­gesellschaft­lichen Akteuren umgesetzt werden. MHPSS schließt aber auch spezialisierte klinische Versorgung mit ein.

Als internationaler Referenzrahmen für psychosoziale Arbeit in Krisen- und Konflikt­kontexten gilt seit 2007 ein vom Inter-Agency Standing Committee (IASC, stän­diger inter­institutioneller Ausschuss für die Koordination der humanitären Hilfe) ent­wickeltes Pyramiden-Modell. Es visualisiert vier Interventionsfelder. Die Ebenen sind dabei nicht als Hierarchie zu verstehen, sondern ergänzen einander und sollen idealerweise parallel bearbeitet werden.

Basisversorgung und Sicherheit

Auf der untersten Ebene der Pyramide geht es darum, psychosoziale Aspekte bereits in die Planung und Umsetzung grundlegender Maßnahmen einzubeziehen – etwa bei der Bereitstellung von Nahrung, Wasser, Wohn­raum oder einer Basisgesundheitsversorgung. Die Interventionen auf dieser Ebene müssen bedarfsorientiert, konfliktsensibel und darauf gerichtet sein, negative Folgen zu vermeiden.

Familien- und Gemeinschaftsstärkung

Die zweite Ebene zielt auf die Förderung sozialer Netzwerke und kollektiver Ressour­cen. Dazu gehören etwa Sensibilisierungskampagnen gegen Stigmatisierung, der Aufbau sicherer Begegnungsräume oder ein­kommensschaffende Maßnahmen, die Stabilität und Teilhabe fördern.

Gezielte psychosoziale Unterstützung

Auf der dritten Ebene erhalten Einzelperso­nen, Familien oder Gruppen Unterstützung durch geschulte Fachkräfte aus Gesundheits- und Sozialberufen. Typische An­gebote in dieser Dimension sind psycho­logische Erste Hilfe, grundlegende psychologische Versorgung oder Maßnahmen zur sozialen und ökonomischen Reintegration.

Spezialisierte klinische Versorgung

Die oberste Ebene der Pyramide repräsentiert all jene Aktivitäten zur Unterstützung von Menschen, die aufgrund starker Ein­schrän­kungen in ihrem Alltag eine lang­fristige psychologische oder psychiatrische Behandlung benötigen. Diese wird von ent­sprechend qualifiziertem Fachpersonal geleistet.

In der Praxis wird diese integrierte Ver­sorgung allerdings selten in ausreichendem Umfang und angemessener Qualität bereit­gestellt. Auch in wohlhabenden Aufnahmeländern wie Deutschland ist der Zugang zu psychologischer Versorgung für Geflüchtete eingeschränkt: Während des Asylverfahrens sind nur akute Erkrankungen und Notfälle abgedeckt, Psychotherapien daher nur in Ausnahmefällen möglich. Anerkannte Flüchtlinge haben zwar über die gesetz­lichen Krankenkassen Zugang zu psycho­logischer Unterstützung; bürokratische Hürden für Übersetzung und ein Defizit an spezifischer Expertise für fluchtbedingte Beschwerden bestehen aber weiter.

Insbesondere in fragilen und/oder Entwicklungsländern und damit in vielen Flucht­situationen ist der Mangel sowohl an notwendigen Ressourcen als auch an qua­lifiziertem Personal noch ungleich höher.

Der HDP-Nexus als strategischer Rahmen für Fluchtsituationen und MHPSS

Für die Integration von MHPSS in die inter­nationale Zusammenarbeit im sogenannten Globalen Süden bietet der Humanitarian-Development-Peace-Nexus (HDP-Nexus) einen geeigneten konzeptionellen Rahmen. Dies wird jedoch bislang noch nicht syste­matisch genug genutzt.

Der HDP-Nexus wurde 2016 entwickelt, um die klassische Trennung zwischen humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung zu überwinden. Ziel ist es, Synergien zwischen kurzfristiger Nothilfe und den Zielen einer langfristigen Entwicklung und nachhaltigen Stabilisierung herzustellen. Durch die ko­ordinierte Bearbeitung der strukturellen Ursachen von humanitären Notlagen, mangelnder Entwicklung und Gewalt­konflikten soll humanitäre Hilfe langfristig überflüssig werden und sollen Betroffene wieder selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können. Diese Fortschritte gilt es durch Friedensförderung zu sichern.

Der HDP-Nexus bietet sich für die Be­arbeitung von Fluchtsituationen besonders an. Dies zeigt sich gerade im Hinblick auf die beiden zahlenmäßig bedeutendsten der traditionellen drei dauerhaften Lösungen (mit Resettlement) in Fluchtkontexten: die lokale Integration im Aufnahmeland und Rückkehr. Während in unmittelbaren Not­situationen humanitäre Hilfe benötigt wird, erfordert die Integration in der Aufnahme­gesellschaft ebenso wie die Reintegration in die Herkunftsgesellschaft entwicklungs­politische Ansätze, die Betroffene dazu be­fähigen, ein eigenständiges Leben ohne Hilfe von außen zu führen. Diese Prozesse sind konfliktanfällig: Bei der Integration kann es zu Konflikten zwischen Geflüchteten und Aufnahmegesellschaften kommen; für eine Rückkehr an den Herkunftsort ist die Schaffung von Sicherheit und Frieden eine maßgebliche Voraussetzung. Entsprechend ist es notwendig, die Prozesse mit friedensbildenden Maßnahmen zu flankieren.

MHPSS wird im Nexus bislang nur punk­tuell berücksichtigt. Dabei könnten alle drei Nexus-Säulen direkt oder indirekt von MHPSS profitieren: In der humanitären Hilfe kann psychosoziale Unterstützung unmittelbar dazu beitragen, Leid zu lindern, Schutz zu gewährleisten und die Hürden für die Inanspruchnahme anderer Angebote zu senken. Im Bereich der Entwicklungs­zusam­menarbeit können MHPSS-Maß­nahmen den Zugang zu Bildung und die In­tegra­tion in den Arbeitsmarkt erleichtern und damit ein Baustein zur Einkommens­sicherung sein, indem sie psychische und psychosoziale Barrieren zu überwinden helfen. Und in der Friedensförderung stärkt MHPSS soziale Kohäsion, das Vertrauen in Institutionen und die Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei auszutragen – zentrale Voraus­setzungen für nachhaltigen Frieden.

Der Beitrag, den MHPSS-Angebote zur Friedens­bildung leisten können, ist für Fluchtkontexte besonders relevant – sei es für das Zusammenleben von Geflüchteten und Aufnahmegesellschaften, für nach­haltige Rückkehrprozesse oder für die Schaf­fung von Frieden, Sicherheit und Stabilität im Herkunftsland.

MHPSS und Friedensförderung

Der positive Zusammenhang zwischen Friedensförderung und MHPSS ist mittlerweile breit anerkannt. Dies zeigt sich auch an der umfassenden konzeptionellen In­tegration von MHPSS in die Friedens­förderung im Laufe der letzten 20 Jahre.

Als erster internationaler Bezugspunkt gilt die Veröffentlichung der IASC Guidelines on MHPSS in Emergency Settings im Jahr 2007. Die Guidelines formulierten erstmals sektor­übergreifende Standards für psychosoziale Hilfe in akuten Krisen, ohne jedoch länger­fristige Wirkungen für Nachkriegsgesell­schaften in den Blick zu nehmen oder MHPSS mit Friedensförderung explizit zu verknüpfen. Auch der Mental Health Action Plan der WHO (2013–2020, verlängert bis 2030) verweist vor allem auf den Bedarf psychosozialer Versorgung in fragilen und Post-Konflikt-Kontexten. Ein entscheidender Impuls zur strategischen Verknüpfung von MHPSS und Friedensbildung erfolgte mit dem Bericht Pathways for Peace (2018) von Weltbank und Vereinten Nationen, der psychosoziale Belastungen als Risikofaktor für gewalt­same Eskalationen identifizierte und MHPSS als Teil präventiver Ansätze disku­tierte. Im selben Jahr veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Guiding Framework for MHPSS in Develop­ment Cooperation, in dem bereits Bezüge zu gesellschaftlicher Kohäsion und Friedensförderung hergestellt werden – jedoch nicht im Fokus stehen.

Im Jahr 2019 reaktivierte die MHPSS-Refe­renzgruppe des IASC eine eigene Arbeitsgruppe, um MHPSS und Friedensförderung konzeptionell zu verbinden. Im Zuge des UN Peacebuilding Architecture Review (2020) wurde MHPSS schließlich offiziell als Bestandteil von Friedenskonsolidierung anerkannt. Eine vom niederländischen Außenministerium koordinierte Task Force entwickelte daraufhin Empfehlungen zur Stärkung dieser Schnittstelle. Im gleichen Jahr be­tonte auch der UN-Generalsekretär in seinem Bericht Peacebuilding and Sustain­ing Peace die Not­wendigkeit, MHPSS stärker in Friedensprozesse zu integrie­ren. Parallel dazu erkannte auch der Europäische Aus­wärtige Dienst (EEAS) in seinem Konzept für EU-Friedensmediation die Bedeutung psycho­sozialer Expertise für Friedensprozesse an.

Wichtige weitere Meilensteine folgten: 2022 legte das IASC eine überarbeitete Ver­sion des Mental Health and Psychosocial Support Minimum Service Package vor – ein standardisiertes Leistungsangebot, das auch auf eine längerfristige Nachsorge in Flucht­kontexten ausgerichtet ist. Im gleichen Jahr erschien ein umfassender Leitfaden des UNDP (United Nations Development Pro­gramme) zur Integration von MHPSS in die Friedensförderung, ergänzt durch ein praxis­orientiertes Manual der IOM (Inter­national Organization for Migration) zur gemeindebasierten MHPSS-Arbeit in Flucht- und Vertreibungskontexten.

Diese Entwicklung macht einen Paradigmenwechsel deutlich: weg von einer rein humanitären psychologischen Notfall­versorgung, hin zu einem strategischen Ver­ständnis von psychosozialer Unterstützung als eines integralen Bestandteils nach­haltiger Friedensförderung, insbesondere in Kontexten fragiler Staatlichkeit, gewalt­samer Konflikte und Flucht.

Die Friedensdimension im HDP-Nexus: kleines p und großes P

Obwohl MHPSS und Frieden bereits mit­einander verknüpft gedacht (und auch in der Praxis miteinander verbunden) werden, fehlt eine explizite konzeptionelle Einbet­tung von MHPSS in den Nexus. Ein solcher Schritt bietet sich indes an, wie ein diffe­renzierter Abgleich mit der als P-Säule (für engl. »peace«) bezeichneten Friedensdimen­sion des Nexus zeigt.

Diese P-Säule wird meist in »kleines p« und »großes P« unterschieden. Das »kleine p« beschreibt Friedensförderung auf der loka­len und gesellschaftlichen Ebene. Dabei geht es um das alltägliche gesellschaftliche Zusammenleben, um Vertrauen, soziale Kohäsion und gewaltfreie Konfliktbearbeitung.

Das »große P« hingegen bezieht sich auf strukturelle und politische Friedensprozesse, die sich auf die Ursachen von Gewalt fokussieren und nachhaltige Stabilität und positiven Frieden schaffen sollen. Dazu gehören hoch­rangiger politischer Dialog, Diplomatie und Friedensmissionen und Stabilisierungs­einsätze, aber auch Versöhnung, Übergangsjustiz (Transitional Justice), institutioneller Wiederaufbau und die Wiederherstellung des Vertrauens in staat­liche Strukturen.

Psychosoziale Unterstützung kann sich so­wohl auf die Förderung individueller und gemeinschaftlicher Resilienz (»kleines p«) als auch auf gesellschaftliche Heilung und die Schaffung strukturellen Friedens (»großes P«) richten.

MHPSS im »kleinen p«

Im Rahmen der Aktivitäten des »kleinen p« entfaltet MHPSS in Fluchtkontexten seine friedensfördernde Wirkung primär durch die Stärkung sozialer Kohä­sion und die Förderung des gewaltfreien Zusammen­lebens zwischen Geflüchteten, Binnen­vertriebenen und Aufnahmegemeinschaften bzw. zwischen Rückkehrenden und Ver­bliebenen (stayees). Auch wenn die Wir­kung auf diesem Level quantitativ schwierig zu messen ist, gehen Expert:innen da­von aus, dass psychosoziale Interventionen dazu beitragen, Misstrauen, Stigmatisierung und Spannungen abzubauen. Diese drohen häufig zu entstehen, wenn begrenzte Res­sour­cen, ungleiche Lebensbedingungen oder kulturelle Unterschiede die Beziehungen zwischen Gruppen belasten. Niedrig­schwellige, gemeindebasierte MHPSS-An­gebote wie Gruppenaktivitäten, Dialogforen oder Nachbarschaftsprojekte dienen dem gegenseitigen Verständnis und erhöhen die Empathie – zentrale Voraussetzungen für friedliches Zusammenleben. So förderte das BMZ bereits ab 2014 im Rahmen der Sonder­initiative »Geflüchtete und Aufnahme­länder« in Nachbarländern Syriens Projekte, die den sozialen Zusammenhalt zwischen Geflüchteten und Einheimischen und das Gefühl von Sicherheit stärken sollen, unter anderem durch die Einrichtung öffentlicher Begegnungsstätten wie sogenannter »Familiengärten« oder durch psychoedukative Sport- und Musikaktivitäten für Jugend­liche. Ein weiteres Beispiel ist das Programm Game Connect, das die internationale Nicht­regierungsorganisation Right to Play seit 2020 in mehreren Flüchtlingssiedlungen in Uganda umsetzt. Durch spiel- und sport­basierte Akti­vitäten in Schulen und Jugend­zentren sollen das psychosoziale Wohl­befinden erhöht und das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft zwischen geflüch­teten Jugendlichen und Mitgliedern der Aufnahmegemeinschaften gestärkt werden.

Auch Cash-for-Work-Programme bieten Ansatzpunkte für MHPSS. In den von der GIZ in Jordanien durchgeführten Projekten wurden begleitende Gruppensitzungen eingeführt, in denen jordanische und syri­sche Teilnehmende gemeinsam über Stress­bewältigung und alltägliche Herausforderungen reflektierten. Diese psychosozialen Angebote sollen sichere Begegnungsräume schaffen, Spannungen abbauen und gegen­seitiges Verständnis innerhalb der Gruppen fördern.

Auch im Bereich Rückkehr können sich MHPSS-Maßnahmen vorteilhaft auf die Stabilisierung lokaler Gemeinschaften aus­wirken. So integrierte die IOM 2023 An­gebote der psychosozialen Unterstützung in Programme für freiwillige Rückkehr und Reintegration. Durch psychologische Erst­hilfe, Aufklärung und individuelle Be­ratung sollten Rückkehrende beim Umgang mit Stress, Verlust und Neuanfang unterstützt werden. Dies soll dazu beitragen, soziale Bindungen in den Herkunftsgemeinden zu festigen und Spannungen zwischen Rück­kehrenden und Stayees zu verringern.

MHPSS im »großen P«

Während MHPSS im Rahmen des »kleinen p« also vor allem alltägliche Kohäsion und gewaltfreies Zusammenleben stärkt, richtet sich der Fokus im »großen P« auf politische Friedensprozesse, Aufarbeitung, Versöhnung und Gerechtigkeit. Hier können MHPSS-Ansätze eine Brückenfunktion übernehmen, indem sie individuelle Heilung mit gesell­schaftlicher Aufarbeitung verbinden und damit die psychosozialen Voraussetzungen für nachhaltigen Frieden schaffen – ein Prozess, der sowohl für Aufnahmegesellschaften von Geflüchteten als auch von Rückkehrer:innen relevant ist.

Während diese Zusammenhänge theoretisch naheliegen, hinkt die praktische Um­setzung noch hinterher. Dafür lassen sich mehrere Gründe ausmachen. Eine Hürde besteht in knappen Mitteln, die gerade für einen noch relativ neuen Tätigkeitsbereich und vor dem Hintergrund weltweiter massiver Kürzungen in der internationalen Zusammenarbeit nur zögerlich bereitgestellt werden. Gleichzeitig bedeutet das im Nexus-Ansatz geforderte integrierte Vorgehen einen erhöhten praktischen Aufwand, und zwar nicht nur aufgrund des zusätzlich ent­stehenden Abstimmungsbedarfs zwischen den verschiedenen Akteuren, sondern auch, weil die dafür notwendige Expertise bei Mitarbeitenden und in standardisierten Abläufen erst verankert werden muss. Zu­dem sind psychische Beschwerden in vielen Gesellschaften sowohl in Geber- als auch in Entwicklungsländern weiterhin stark tabu­isiert. MHPSS-Interventionen können daher einerseits beim Personal von humanitären und Entwicklungsorganisationen, andererseits bei Betroffenen Unbehagen und Sorge vor Stigmatisierung hervorrufen und ihre Umsetzung erschweren. Dies gilt insbesondere für den meist von Männern dominierten Sicher­heitssektor und die häufig weiter­hin männlich geprägten Führungsebenen in der Politik ebenso wie in den UN- und anderen inter­nationalen Organisationen, die etwa mit den Friedensprozessen des »großen P« zu tun haben.

Und doch finden sich im Bereich des »großen P« einige Anknüpfungspunkte für ein Mainstreaming von MHPSS und somit für die Einbeziehung von psychologischen Faktoren in existierende Programme und Good Practices. So birgt MHPSS großes Potential als Friedensressource bei verhält­nismäßig geringem Mittelaufwand: Zusätz­liche Expertise durch Fortbildung und Fach­personal zu integrieren, scheint im Ver­gleich zu Kosten für vollständig neu auf­gelegte Programme verkraftbar.

Damit bieten MHPSS-Interventionen eine Option für die Operationalisierung des HDP-Nexus und des »großen P« in Fluchtsitua­tionen.

Denkbar wären in diesem Kontext ins­besondere Maßnahmen, die an Friedensprozessen beteiligte Akteure sensibilisieren für die Erfahrungen Geflüchteter, Binnenvertriebener und Rückkehrender. Dazu zählt bei der Unterstützung von Friedensverhandlungen beispielsweise die Bereitstellung von »safe(r) spaces« und psycho­sozialer Erst­versorgung während großer Anhörungen, an denen Betroffene beteiligt sind, ebenso wie die Begleitung und Betreu­ung von zivilgesellschaftlichen Gruppen und/oder Über­lebenden. Psychosoziale Expertise, etwa durch Psycholog:innen oder MHPSS-Koordinator:innen, sollte gezielt in Verhandlungs- und Mediationsprozesse eingebunden wer­den. Diese Fachkräfte könnten durch die Analyse psychosozialer Dynamiken, die Entwicklung sicherer Beteiligungsformate und die Schulung von Mediator:innen und Unterhändler:innen in den Kompetenzen Traumasensibilität und Konfliktnarrative darauf hinwirken, dass Friedensverträge die Perspektiven aller be­troffenen Gruppen berücksichtigen – ein­schließlich Menschen auf der Flucht sowie Rückkehrer:innen – und positiven, in­klusiven Frieden als Ziel formulieren. Dabei sollten vor allem auch Frauen(-organisa­tionen) berücksichtigt werden, deren Betei­ligung sowohl als Delegierte bzw. Unter­zeichnerinnen als auch als Vertreterinnen zivilgesellschaftlicher Gruppen nachweis­lich zur Qualität und Beständigkeit von Friedenschlüssen beiträgt. Die Einbindung von MHPSS-Expert:innen und ‑Expertise bzw. die entsprechende Schulung von Personal bietet sich auch für Missionsstäbe inter­nationaler Organisationen und für Mitglie­der von Transitional-Justice-Mechanismen oder Wahrheitskommissionen an. So kön­nen diese befähigt werden, psychologi­che Faktoren im Prozess der Friedensbildung systematisch zu berücksichtigen und in ihre Arbeit zu integrieren – etwa Traumata, Angst oder Scham, die sich aus Flucht, Gewalt und Entwurzelung ergeben und die kollektive Heilung behindern können.

Auch Friedens- und Konfliktanalysen könnten diese psychologischen Faktoren noch stärker berücksichtigen als bisher und die möglicherweise traumatischen Erfah­rungen von Flüchtlingen, Binnenvertrie­benen und Rückkehrer:innen ebenso wie von Stayees systematisch erfassen. Nur wenn die zugrundeliegenden psychosozialen Dynamiken, die Gewalt nähren oder Friedens­prozesse blockieren – von Misstrauen über erlernte Hilflosigkeit bis zu genera­tions­übergreifenden Traumata – sichtbar ge­macht und bearbeitet werden, können Strategien entwickelt werden, die Friedensprozesse langfristig stabilisieren und Ver­söhnung ermöglichen.

Fazit: Synergie von MHPSS und HDP-Nexus in Fluchtkontexten

Für dauerhafte Lösungen in Fluchtkontexten ist psychosoziale Unterstützung sowohl auf der Ebene des »kleinen« als auch des »großen P« unabdingbar: Denn positiver Frieden setzt ein friedvolles Zusammen­leben auf lokaler Ebene ebenso voraus wie politischen Frieden, der strukturelle Ur­sachen von Gewalt adressiert. MHPSS kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten: Psychosoziale Unterstützung entfaltet ihre Wirkung immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Sie lindert akute Not, stärkt soziale und ökonomische Teilhabe und schafft Voraussetzungen für Vertrauen und Kohäsion. Deutschland zählt neben den Niederlanden seit Jahren zu den wichtigsten Gebern im Bereich MHPSS – sowohl in der humanitären Hilfe als auch in der Ent­wicklungszusammenarbeit.

Diese führende Rolle im Bereich MHPSS sollte Deutschland strategisch nutzen, um die Friedensdimension des HDP-Nexus in Fluchtkontexten zu stärken. Es wäre wün­schenswert, MHPSS-Expertise systematisch in Friedensprozesse, Stabilisierungseinsätze und Transitional-Justice-Formate einzubinden – etwa durch die Entsendung psycho­sozial geschulter Fachkräfte in Mediations- und Beobachtungsmissionen oder durch die Berücksichtigung psychologischer Faktoren in Konfliktanalysen und Friedensverträgen. Gleichzeitig sollte MHPSS als fester Bestand­teil von Programmen der (Re-)Integration, der Rückkehrförderung und der Erhöhung des sozialen Zusammenhalts verankert werden. Dabei müssen lokale Strukturen und Partnerorganisationen noch stärker einbezogen werden.

Gerade in Zeiten weltweiter Mittelkürzun­gen – auch in Deutschland – und des schwindenden Engagements im Nexus-An­satz von Seiten traditioneller Partner wie den USA kommt der Bundesregierung eine strategische Rolle zu. Eine fortgesetzte und sichtbare Priorisierung des MHPSS-Konzepts als Friedensressource – und der Einsatz für die Enttabuisierung von psychischen Be­schwerden – in multilateralen Foren, bei den Vereinten Nationen und in der EU stärkt nicht nur die Handlungsfähig­keit Europas in fragilen Kon­texten. Sie setzt auch ein Signal, dass Deutschland für eine resilienzorientierte Friedenspolitik eintritt und sich als Treiber einer ganzheitlichen, menschenzentrier­ten Friedensförderung positioniert.

Nadine Biehler und Dr. Amrei Meier sind Wissenschaftlerinnen in der Forschungsgruppe Globale Fragen. Das Aktuell wurde verfasst im Rahmen des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Projekts »Strategische Flucht- und Migrationspolitik«.

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