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Volumetrisches Imperium: Autonomie und Abhängigkeit im Export chinesischer Weltrauminfrastruktur

Die Schaffung eines Imperiums wird oft mit der Ausweitung von Territorium gleichgesetzt. Gegenwärtig wird deutlich, dass Imperien nicht ausschließlich auf horizontale territoriale Expansion setzen, sondern zunehmend auf die Kontrolle von vertikalen Räumen. In diesem Projekt liegt der Fokus darauf, wie volumetrische Räume, die früher außerhalb der Reichweite menschlichen Einflusses lagen, für die globalen Ambitionen eines Landes heute entscheidend werden können. Zu diesen Räumen gehören etwa die Atmosphäre, die Tiefsee oder die Polarregionen, insbesondere aber der Weltraum. 

Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt die Entwicklung Chinas zu einem volumetrischen Imperium. Der empirische Schwerpunkt liegt auf den chinesischen Raumfahrtinfrastrukturexporten nach Afrika, d. h. dem Bau von Satelliten und Bodenstationen, der Bereitstellung von Satellitendaten und -dienstleistungen für afrikanische Länder sowie dem Start ausländischer Satelliten von chinesischem Boden aus. Zentrales Erkenntnisziel ist die Frage, wie diese Exporte die Abhängigkeit der jeweiligen Länder von China erhöhen und ob diese Praktiken gleichsam Chinas Autonomie fördern.

Erstens erforschen wir politisches Lernen, genauer, wie und wann die chinesische Führung volumetrische Dimensionen in ihren außenpolitischen Diskurs und ihre Außenbeziehungen integriert hat. 

Zweitens analysiert das Projekt die beiden imperialen Praktiken der Kontrolle über wirtschaftliche Strukturen und der ideellen Bindung. Zu diesem Zweck analysieren wir die Exporte der China Great Wall Industry Corporation (CGWIC) nach Afrika, wobei insbesondere die raumfahrtbezogenen Kooperationen mit Äthiopien und Südafrika untersucht werden. Dabei sollen Pfadabhängigkeiten aufgezeigt werden, die entstehen, wenn Länder auf chinesische Raumfahrtinfrastruktur zurückgreifen. Anschließend wird untersucht, inwieweit der Parteistaat mit Hilfe internationaler, regionaler oder bilateraler Mechanismen diskursive Autorität erlangt, um das Narrativ einer bedeutenden Weltraummacht für afrikanische Länder zu fördern. Wir konzentrieren uns insbesondere darauf, wie es der chinesischen Führung gelungen ist, den Diskurs über ihre raumfahrtbezogenen Praktiken in regionale Mechanismen einzubetten, in diesem Fall in das Forum für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit (FOCAC), und wie sie dabei mehr Einfluss über afrikanische Länder gewinnen. 

Drittens werden wir im Hinblick auf die Ergebnisanalyse imperialer Praktiken verschiedene Typen von Peripherien aufzeigen, die das chinesische Imperium kennzeichnen. Dabei konzentrieren wir uns auf die Entstehung von Peripherien als Produkte imperialer Praktiken wie etwa materiell geprägte Peripherien, diskursiv geprägte Peripherien und territorialisierte Peripherien. Methodisch stützt sich das Projekt auf lexikometrische Textanalyse, interpretative Textanalyse, Information Mapping und semi-strukturierte Interviews. Dieses Projekt ist Teil der DFG Forschungsgruppe “Learning Empire: Autonomy, Dependence, and China’s Emerging Imperial Practices”.

Die DFG-Forschungsgruppe

Die Forschungsgruppe „Learning Empire: Autonomy, Dependence, and China’s Emerging Imperial Practices” (FOR 5913/1), geleitet von Tobias ten Brink an der Constructor University Bremen, wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Sie ist in acht Teilprojekte gegliedert, die sich an vier Hauptzielen orientieren:

  • Verstehen von Policy-Lernen: Wir untersuchen, wie und warum chinesische Entscheidungsträger ihre Ziele, Politiken und deren Umsetzung anpassen, während China als aufstrebende Macht sinozentrische Hierarchien prägt. Die Projekte analysieren, wie inländische und internationale Erfahrungen Lernprozesse innerhalb der chinesischen Bürokratie beeinflussen und wie der Parteistaat Kohärenz zwischen staatlichen und wirtschaftlichen Akteuren anstrebt, einschließlich der teilweisen Herausbildung eines „imperialen Kapitals“.
  • Untersuchung imperialer Praktiken: Wir erforschen, wie chinesische Entscheidungsträger sowie staatlich-wirtschaftlich-wissenschaftliche Netzwerke eine neuartige Form von Imperium konstruieren. Die Projekte befassen sich mit Praktiken wie dem Aufbau von Zentralität in transnationalen Wirtschaftsstrukturen, der Schaffung von „intermediaries“, „Teile-und-herrsche“-Strategien, ideologischer Bindung sowie dem Einsatz oder der Androhung von Gewalt.
  • Analyse von Ergebnissen: Wir bewerten die Resultate dieser Praktiken im Hinblick auf Autonomie und Abhängigkeit. Dabei wird untersucht, ob der Parteistaat größere Autonomie erreicht und ob ausländische Akteure von der Volksrepublik China abhängig werden.
  • Theoretisierung von Imperium: Wir entwickeln den konzeptionellen und theoretischen Rahmen der Forschungsgruppe zur Analyse von Imperien weiter. Während diese Arbeit in der zweiten Förderphase vertieft wird, bringt bereits die erste Phase Konzepte wie Peripherisierung sowie Typologien imperialer Praktiken und Peripherien voran. 

Teilprojekt (Projektnummer: 550231771) der Forschungsgruppe (FOR 5913/1), gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (2026–2030)

Projektleitung