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Kolumbien als klima- und energiepolitischer Vorreiter

Anforderungen an deutsche und europäische Kooperation

SWP-Aktuell 2026/A 30, 18.06.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A30

Forschungsgebiete

Kolumbien hat sich unter Präsident Gustavo Petro international als Vorreiter im Klima­schutz und einer gerecht gestalteten Abkehr von fossilen Energieträgern posi­tio­niert. Petros Klima- und Energiepolitik setzt unter anderem auf angebots­seitige Maßnahmen zur Be­gren­zung fossiler Energieträger. Dies ist nahezu einzigartig unter denjenigen Ländern des Globalen Südens, die – wie Kolumbien – fossile Brenn­stoffe exportieren. Zugleich war Petro nur begrenzt darin erfolgreich, diese Agenda im eigenen Land umzu­setzen. Die Präsidentschaftswahl 2026 wird über die Zukunft seines Reformkurses mit­entschei­den. Ob die Transformation in Kolumbien gelingt, ohne kurzfristig wirtschaft­liche Stabi­li­tät, Versorgungssicherheit und sozialen Zusammenhalt zu gefährden, ist relevant für viele Länder, die fossile Energieträger exportieren und nur begrenzten fis­ka­lischen Spielraum haben. Daher verfolgen sie aufmerksam, ob und unter welchen Be­din­gungen Deutschland und die Europäische Union (EU) die Transformation in Kolum­bien unter­stützen. Ein Scheitern hätte politische Bedeutung über Kolumbien hinaus.

Kolumbiens Präsident Gustavo Petro vom Linksbündnis Pacto Histórico hat seit seinem Amts­antritt 2022 einen Reformkurs von großer Tragweite eingeschlagen. Er hat die politi­sche Gestaltung einer gerechten Energie­wende und Fragen sozialer Teilhabe natio­nal wie international mit hoher Sicht­barkeit auf die politische Tagesordnung gesetzt. Kolumbien selbst steht vor be­trächt­lichen Herausforderungen: Das Land ist wirtschaftlich und fiskalisch weiterhin stark abhängig vom Erlös aus dem Export fossiler Energieträger und den damit ver­bundenen Deviseneinnahmen. Konflikte um Land, Ressourcen und territoriale Kon­trolle bestehen trotz des 2016 geschlossenen Friedensabkommens mit der Guerillabewegung Revolutionäre Streitkräfte Ko­lum­biens – Volksarmee (FARC-EP) fort; insbesondere in ländlichen Räumen bleibt die Sicherheitslage durch die Präsenz be­waff­neter Gruppen fragil. Kolumbiens fis­ka­lischer Spielraum ist durch hohe Schulden, gestiegene Zinsen und ungünstige Finanzierungsbedingungen begrenzt.

Internationale Rahmenbedingungen engen Kolumbiens Möglichkeiten zusätzlich ein. Petros Entscheidung, keine neuen Ver­träge für die Exploration fossiler Brenn­stoffe mehr zu vergeben, wurde von Rating­agen­tu­ren und Investoren negativ bewertet. Dadurch ver­teuert sich Kapital gerade in einer Phase, in der Kolumbien erhebliche zusätzliche Mittel benötigt, um neue Wirt­schaftssektoren und neue staatliche Ein­nahmequellen zu erschließen, sein Export­profil anzupassen und die Energiematrix zu diversifizieren.

Der Umgang mit diesen Herausforde­run­gen in Kolumbien ist in zweierlei Hin­sicht für den Fortgang der internationalen Klima­schutzbemühungen und der globalen Ener­giewende relevant. Erstens: Können die Dekarbonisierung des hei­mi­schen Energie- und Stromsystems und parallel dazu die Verringerung der Abhängigkeit des Exports und der Staatseinnahmen von fossilen Ener­gieträgern in einem Schwellenland gelin­gen, das vor Herausforderungen steht, die viele Länder des Globalen Südens teilen – Ab­hängigkeit von Rohstoffexporten, begrenzte fiskalische Spielräume, hohe Ungleichheit und fragile Sicherheit? Zweitens: Ist die dafür benötigte internationale Unterstützung in ausreichendem Umfang und zu finanzierbaren Bedingungen vorhanden?

Da Präsident Petro nicht noch einmal antreten darf, steht Kolumbien 2026 ein Regierungs- bzw. Machtwechsel bevor. Dieser wird zeigen, wie belastbar der klima- und energiepolitische Kurs des Landes über Petros Amtszeit hinaus ist. Am 8. März 2026 fan­den Kongresswahlen statt, die eine polari­sierte und fragmentierte politische Land­schaft offenbaren: Sowohl das linke als auch das rechte Lager haben Sitze hinzugewonnen, ohne dass eine politische Kraft allein regie­rungsfähig ist. Am 31. Mai 2026 folgte die erste Runde der Präsidentschaftswahl. Nach dem vorläufigen Ergeb­nis liegt der rechte Law-and-Order-Opposi­tions­kandidat Abelardo de la Espriella mit rund 44 Pro­zent der Stimmen vor Iván Cepeda vom linken Pacto Histórico, der sich als Nachfolger Petros versteht und auf knapp 41 Prozent kommt; beide treten am 21. Juni in der Stichwahl gegeneinander an. Unabhängig vom Wahl­ausgang ist nicht von einer vollständigen Abkehr vom klima- und energiepolitischen Transformationskurs auszugehen, wohl aber von einer Verschiebung der Prioritäten.

Ausgangslage: Kolumbien als Exporteur fossiler Energien

Kolumbien ist weiterhin Nettoenergie­expor­teur. Die Exporte fossiler Energieträger kon­zentrieren sich auf Kohle und Rohöl; diese Energie­träger machten 2023 etwa 10 Pro­zent der Staatseinnahmen, 35 Prozent der Exporte und etwa 4 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Damit bleibt der Sektor fiskalisch und außenwirtschaftlich zentral. Kolumbien ist der welt­weit sechstgrößte Kohleexporteur und der viertgrößte Ölexporteur Lateinamerikas.

Doch die Verlässlichkeit dieses auf fossi­len Energien basierenden Exportmodells steht unter Druck. Die Inter­nationale Ener­gieagentur (IEA) erwartet, dass die globale Ölnachfrage bis zum Ende des Jahrzehnts nur noch schwach wächst und sich um 2030 auf einem Plateau ein­pendelt. Die globale Kohlenachfrage hat nach ihrer Einschätzung bereits ein Plateau erreicht und dürfte bis 2030 weitgehend stagnieren, bevor sie leicht zurückgeht. Für Kolumbien wird es riskant, sich für die lang­fristige Entwicklungs- und Fiskal­planung auf die Einnahmen aus dem Ex­port fossiler Energien zu verlassen. Dem Land drohen bis 2050 beträchtliche wirt­schaft­liche Ver­luste, wenn es die sinkende Nach­frage nach fossilen Brennstoffen und damit verbundene Transitionsrisiken nicht früh­zeitig berücksichtigt. In einer Welt, die ihre CO2-Emissionen entsprechend dem Pariser Ziel, die Erd­erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, re­du­ziert, könnte Kolumbien bis 2050 mehr als 88 Milliarden US-Dollar an Wirtschaftsleistung verlieren – rund 27 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2019.

Hinzu kommen sinkende Vorkommen und Produktionsniveaus, was neben künf­tigen Exporterlösen auch die heimische Ver­sorgungssicherheit gefährdet. Die in Kolum­bien nachgewiesenen Ölreserven decken ungefähr 7,2 Jahre, die Gasreserven 5,9 Jahre. Zugleich bleibt die heimi­sche Energienutzung stark fossil geprägt. Zwar wird Kolumbiens Strom überwiegend aus Wasserkraft erzeugt, doch Strom machte 2024 nur 18 Prozent des Endenergie­verbrauchs aus. Vor allem Verkehr und Industrie hängen weiter von fossilen Energieträgern ab: Öl deckte rund 90 Pro­zent der Nachfrage des Verkehrssektors, Kohle rund 40 Prozent des Energiebedarfs der Industrie. Bereits heute importiert Kolumbien Benzin, Diesel und Erdgas. Zu­sätzliche Gasimporte und der Ausbau ent­sprechender Infrastruktur würden die Ersatzversorgung teurer und kapitalintensiver machen. Der Versuch, Teile der Gas­versorgung über Venezuela abzusichern, bleibt angesichts beschädigter Infrastruktur, politischer Volatilität und Sanktions­unsicherheit riskant.

Auch zunehmende Klimarisiken stellen Kolumbien schon jetzt vor große Herausforderungen: Die langanhaltenden El-Niño-Dürren im Jahr 2024 wirkten sich negativ auf die Wasserkraft aus, die für etwa zwei Drittel der Stromerzeugung genutzt wird.

Die angespannte Haushaltslage verschärft die beschriebenen Verwundbarkeiten. Das Haushaltsdefizit und die öffentliche Ver­schuldung sind seit 2024 gestiegen; Risiko­aufschläge bleiben erhöht und private In­ves­titionen schwach. Daraus resultiert ein enger wirtschafts- und finanzpolitischer Handlungsspielraum.

Die kolumbianische Regierung steht folg­lich von zwei Seiten unter Druck: Außen­wirtschaftlich sind auf fossilen Energien beruhende Exportmodelle langfristig ein Risiko, auch wenn kurzfristige Preisschocks infolge geopolitischer Krisen und Konflikte die Export- und Staatseinnahmen zeitweise erhöhen kön­nen. Binnenwirtschaftlich schrumpft die heimische fossile Basis, wäh­rend der Energie­bedarf weiterhin zum gro­ßen Teil fossil gedeckt wird.

Petros Reformkurs

Petros ambitionierte Klima- und Energie­politik hat versucht, dieser außen- und binnenwirtschaftlichen Ver­wundbarkeit entgegenzuwirken. Sie war Teil eines um­fassenderen sozial-ökologi­schen Reform­anspruchs. Die Agenda ver­band Dekarbonisierung und Energiesouveränität mit dem Schutz von Biodiversität, Wasserressourcen und Wäldern. Petro versprach marginalisierten Gruppen mehr Mitsprache und soziale Teilhabe sowie niedrigere Energiekosten für einkommensschwache Haushalte. Unterstützung für und Widerstand gegen den eingeschlagenen Kurs verlaufen daher nicht entlang einer einfachen Konfliktlinie zwischen Klimaschutz und fossilem Status quo, son­dern hängen stark von Beschäf­tigung, kommunalen Einnahmen, Versorgungs­sicherheit und Energiepreisen ab.

Umweltpolitik

Wie dies die zentralen Reformfelder prägt, wird in der Umweltpolitik besonders deutlich. Rund 60 Prozent der kolumbianischen Treibhausgasemissionen entfallen auf den Sektor Landwirtschaft, Forstwirtschaft und sonstige Landnutzung (AFOLU). Entwaldung, Walddegradation und exten­sive Viehwirtschaft sind wesentliche Treiber. Die extreme Konzentration von Landeigentum und unsichere Landtitel haben den bewaffneten Konflikt zwischen Staat, Gue­rillas, paramilitärischen Gruppen und kriminellen Netzwerken über Jahrzehnte genährt. Dies erschwert Waldschutz, öko­systembasierte Anpassung, Projekte zu erneuerbaren Energien und das Erschließen alternativer Einkommensquellen. Petros Landreform ist daher auch für die Umsetzung seiner Umwelt-, Klima- und Energiepolitik essenziell.

Diese Umsetzung soll sichergestellt werden durch Maßnahmen wie die Rati­fizierung des Escazú-Abkommens, das Beteiligung und Rechtsschutz in Umweltfragen sowie den Schutz von Umwelt- und Menschen­rechtsverteidiger:innen stärken soll, und die Ausweitung von Schutz­gebieten und von formalisierten Kompetenzen indigener Autoritäten. Die Entwaldung sank zwischen 2021 und 2023 um gut 54 Prozent und erreichte damit den nied­rigsten Wert seit Beginn der Messreihe. Der erneute Anstieg 2024 verdeutlicht jedoch, dass die Fortschritte fragil bleiben und strukturelle Treiber der Waldverluste bis­lang nicht nachhaltig eingedämmt sind.

Klimapolitik

Kolumbien hat sich mit seiner 2021 ver­öffentlichten langfristigen Klimastrategie zur Klimaneutralität bis 2050 bekannt. Im September 2025 hat das Land bei den Ver­einten Nationen (UN) seinen aktualisierten nationalen Klimaschutzbeitrag (NDC) für den Zeitraum bis 2035 eingereicht; damit hat die Regierung ihren Pfad zur Klima­neutralität bis 2050 unter dem Pariser Ab­kommen weiter konkretisiert. Das be­stehen­de Ziel für 2030 – eine Minderung um 51 Pro­zent gegenüber dem Business-as-usual-Sze­na­rio – wird durch einen Emis­sions­korri­dor für 2035 ergänzt: Kolumbien will seine Treibhausgasemissionen dann auf 155 bis 161 Millionen Tonnen CO-Äqui­valent pro Jahr begrenzt haben. Der aktualisierte NDC bündelt Minderungs-, Anpassungs- und Bio­diversitätsziele stärker unter dem Leit­bild einer sozial-ökologischen Transformation. Er formuliert zudem genaue Schritte für eine Roadmap zur schrittweisen Abkehr von fossilen Energieträgern und zum Ab­bau von Subventionen für Letztere; vor­gesehen sind etwa ein Subventionsinventar und Reformvorschläge bis 2027 sowie die Ver­öffentlichung der Roadmap bis 2029.

Energiepolitik

Das Konzept einer gerechten Energiewende wurde von der Regierung Petro seit Ende 2022 über einen landesweiten Dialogprozess vorbereitet und in der »Hoja de Ruta para la Transición Energética Justa« verschriftlicht. Der Nationale Entwicklungsplan 2022–2026 übersetzt diesen Kurs in kon­krete Programme, darunter Energiegemeinschaften, die Gemeinden eine dezentrale Produktion erneuerbarer Energien ermög­lichen. Ergän­zend setzt die Regierung auf Programme zur Substitution von Brenn­holz in Haus­halten, auf Energieeffizienzmaßnahmen, Elektrifizierung des Verkehrs und das Pro­gramm »Colombia Solar«. Letzteres verbin­det die Entlastung einkommensschwacher Haushalte mit einer dezentralen Energieversorgung und der Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen. Dies gelingt, indem Stromsubventionen für einkommens­schwache Haushalte teilweise in Investitionen in Solaranlagen überführt werden. Parallel dazu bekräftigte die Regie­rung ihre Linie gegenüber fossilen Energie­trägern: Neue Explorationsverträge für Kohle, Öl und Gas werden nicht mehr ver­geben, laufende Verträge bestehen jedoch fort. Mit der politischen Adressierung der Angebotsseite fossiler Energieträger nimmt Kolumbien unter denjenigen Ländern des Globalen Südens, die fossile Brennstoffe exportieren, eine einzigartige Stellung ein.

Der Ausbau erneuerbarer Energien kommt unterschiedlich schnell voran. Solar­energie und dezentrale Projekte haben deut­lich zu­ge­legt; der Anteil nichtkonven­tio­neller er­neu­erbarer Energien am Strom­mix Kolum­bi­ens ist seit 2022 stark gestiegen. Bis Ende 2024 erreichte die installierte Solar­kapazi­tät mit 1,9 Gigawatt etwa 9 Prozent der instal­lierten Stromerzeugungsleistung des Landes. Zugleich verläuft der Ausbau großer Wind­energieprojekte schleppend, vor allem im Departement La Guajira. Gründe sind Netz­engpässe, regulatorische Unsicher­heiten, unzu­reichende Konsultationen und Konflikte mit dort lebenden Wayúu-Gemein­schaften über Territorium, Nutzenverteilung und kulturelle Auswirkungen. Wasser­kraft bleibt anfällig gegenüber Niederschlags­ausfällen.

Regionale Kohleabhängigkeit, insbesondere in den Departements Cesar und La Guajira, wo Beschäftigung und kommunale Einnahmen weiter­hin stark an den Kohle­sektor gebunden sind, lässt sich nur schwer überwinden. Wirtschaftliche Diversifizierung und der Aufbau tragfähiger Alternativen zu Kohle – etwa neue Zuliefer­segmente oder Tourismus bzw. grüner Wasserstoff und erneuerbare Energien – blieben bis­lang insgesamt fragmentiert und können Exporterlöse und Staatseinnahmen aus fossi­len Ener­gien kurzfristig nicht ersetzen. Neben fehlen­den Investi­tionen und regula­to­rischen Unsicherheiten verhindern un­klare Land- und Beteiligungsfragen sowie be­grenzte lokale Kapazitäten Skaleneffekte.

Bei der Elektromobilität sind konkrete Fortschritte sichtbar: Steuerliche und regulatorische Anreize wurden verankert und zuletzt präzisiert. Allein von Januar bis Mai 2025 wurden in Kolumbien 6.153 neue Elektrofahrzeuge zugelassen, ein Plus von 252 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bogotá zählt zudem zu den Städ­ten mit den größten E-Bus-Flotten Lateinamerikas. Beim Abbau von Subventionen für fossile Energien hat die Regierung erste Schritte eingeleitet, vor allem durch An­passungen im Fonds zur Stabilisierung der Kraftstoffpreise (FEPC) und durch – wenn auch stark umstrittene – Vorschläge zur Reduzierung von Dieselsubventionen.

Faktor Finanzierung

Die Umsetzung von Petros Agenda hängt wesentlich von der Finanzierung ab. Ange­sichts der fiskalisch schwierigen Phase blieb die kolumbianische Regierung während seiner Amtszeit in hohem Maße auf Ein­nahmen aus fossilen Energien angewiesen. Kolumbien benötigt für Energiewende, Anpassung an den Klimawandel und sozial-ökologische Trans­formation erhebliche zusätzliche Investitionen, die die fiskalischen Möglichkeiten des Staates deutlich über­steigen (bis 2030 jährlich 7–10 Pro­zent des BIP). Mit einer Länderplattform, deren Kern ein Portfolio priorisierter Vor­haben ist, versucht die Regierung, die Finan­zierung für diesen Umbau zu bün­deln. Für die Vorhaben werden 40 Milliar­den US-Dollar benötigt; die Länderplattform soll Mittel von Entwicklungsbanken, privaten Inves­tor:innen und internationalen Part­ner:in­nen mobilisieren. Ergänzend soll der Abbau von Subventionen für fossile Ener­gien fiskalischen Spielraum schaffen. Bis­lang konnte über die Plattform jedoch noch nicht die externe Finanzierung und Risiko­absiche­rung in der Größenordnung gesichert wer­den, wie sie für die Umsetzung von Petros Transformationsagenda erforderlich wäre.

Internationale Führungsrolle bei der Abkehr von fossilen Energien

International hat Kolumbien unter Petro eine Führungsrolle übernommen: Als glaub­würdiger und ambitionierter Akteur des Globalen Südens trat es in der UN-Klimadiplomatie agendasetzend auf – ins­besondere in den Debatten um die Ab­kehr von fossilen Energieträgern (Transition Away from Fossil Fuels, TAFF), die 2023 auf der 28. Vertragsstaatenkonferenz (COP28) in Dubai beschlossen wurde. Drei Jahr­zehnte nach Beginn des COP-Prozesses riefen die Vertragsstaaten in Dubai erstmals gemeinsam dazu auf, auf gerechte, geord­nete und faire Weise von fossilen Brennstoffen in Energiesystemen wegzukommen (vgl. SWP-Aktuell 2/2024). Kolum­biens glo­bale Füh­rungs­rolle ist angesichts diploma­tischer Verwerfungen mit Wa­shing­ton beson­ders bemerkenswert. Die USA bleiben für Kolum­bien ein wichtiger Handels-, Inves­titions- und Sicherheitspartner. Zugleich versucht die Trump-Regie­rung, mit einer zunehmend aggressiven, auf fossile Ener­gien setzenden Außenpolitik Energie­dominanz zu erringen, und attackiert inter­nationale Klimaschutzbemühungen an ver­schiedenen Fronten.

Petros Klima- und Energiediplomatie zielt darauf, Allianzen und Partnerschaften für die Beschleunigung der Energiewende aufzubauen. Darüber hinaus will sie Kolum­bien sichtbar machen als Exportstaat fos­si­ler Energien, der eine angebotsseitige Klima­politik betreibt. Kolumbien unter­stützt als erstes Land Lateinamerikas und als bis dato größter Produzent fossiler Brennstoffe den Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty, ist der Powering Past Coal Alliance (PPCA) beige­treten und engagiert sich als Friend der Beyond Oil and Gas Alliance (BOGA). Im März 2026 kündigte Petro an, den Rückzug seines Landes aus dem internationalen Investor-State-Dispute-Settlement(ISDS)-System ein­zu­leiten, um finanzielle und rechtliche Risi­ken seiner Energiepolitik zu begrenzen und staatliche Handlungsspielräume gegen­über Investoren in fossile Energien zurück­zugewinnen.

Auf der COP30 in Belém gehörte Kolumbien zu den treibenden Kräften hinter dem Ver­such, die in Dubai beschlossene Abkehr von fossilen Energieträgern in einen ver­bindlicheren internationalen Folgeprozess zu übersetzen. Eine breite Staatengruppe von rund 80 Ländern forderte eine globale Roadmap mit klaren Etappen, wissenschaftlicher Kohärenz, differenzierten Verantwort­lichkeiten und einer verlässlichen Finan­zierungsgrundlage (vgl. SWP-Aktuell 1/2026). Eine solche Roadmap konnte zwar nicht im offiziellen COP-Ergebnis festgeschrieben werden; die brasilianische COP-Präsident­schaft führt den Prozess jedoch außerhalb der formalen Verhandlungen weiter.

Mit der von der kolumbianischen Regierung maßgeblich initiierten und gemeinsam mit den Niederlanden ausgerichteten Santa-Marta-Konferenz im April 2026 unter­strich Kolumbien seine Führungsrolle im TAFF-Prozess. Die Konferenz brachte eine Staatengruppe zusammen, die zu weiteren Schritten bereit ist, und setzte die Arbeit an Roadmaps, Finanzierungsfragen und kon­kreten Umsetzungsoptionen außerhalb der formalen COP-Verhand­lungen fort. Die kolumbianische Regierung hat damit ent­scheidend dazu beigetragen, TAFF in eine Umsetzungsdebatte zu über­führen und über neue Koalitionen und Formate poli­tisch wei­ter­zuverfolgen – gegen den star­ken Wi­der­stand anderer Staaten, der im Abschluss­plenum der COP30 offen zutage trat.

Nationale Umsetzungsdefizite und politische Ungewissheit

Parallel zu Kolumbiens internationalem Engagement zeigte sich national eine deut­liche Schwäche bei der Umsetzung und ins­titutionellen Verankerung von Petros Kurs: Häufige Personalwechsel in Ministerien, ge­ringe bürokratische Kontinuität, begrenzte tech­nokratische Kapazitäten und ein in mehre­ren Reformfeldern gleichzeitig über­lasteter Staatsapparat erschwerten es, Petros strate­gische Ziele umzusetzen. Auf sorg­fäl­tig konzi­pierte Instrumente wie die Road­map für die gerechte Energiewende folgten nur be­dingt klare Zuständigkeiten, Budget­pfade und operative Programme. Dies be­hindert auch internationale Unter­stützung.

Hinzu kommen verfestigte Interessen- und Abhängigkeitsstrukturen zwischen Zentralstaat, Unternehmen, deren Geschäfts­modell auf fossilen Energien basiert, Depar­te­ments, die von Förderabgaben abhängig sind, Gemeinden und lokalen Beschäftigungs­regimen in Förderregionen: Petros personalisierte und populistische Kommuni­kation hat dies noch vertieft. Zwar hat sie die Sichtbarkeit seiner Reform­agenda erhöht, gleichzeitig aber die Bildung einer Koalition erschwert, Widerstände ver­stärkt und die Energiewende enger mit seiner Person ver­knüpft, als es für ihre politi­sche Fortführung über seine Amtszeit hin­aus günstig wäre.

Die Präsidentschaftswahl 2026 verschärft die Richtungsfrage der von Petro angestoßenen Reformen. Vieles spricht dafür, dass der Ausbau erneuerbarer Energien, der Netze und der Elektromobilität in jedem Szenario weiterverfolgt wird; zu groß sind inzwischen die geoökonomischen, fiskali­schen und versorgungspolitischen Zwänge.

Unter einer Rechtsregierung unter Espriella dürfte sich indes das Tempo ver­ringern und der Schwerpunkt verschieben: Die Energiewende würde mehr als Frage von Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Modernisierung behandelt, weniger als sozioökologisches Transformations­projekt. Neue Öl- und Gaskonzessionen sowie eine erneute Fracking-Debatte würden wahrscheinlicher, Kolumbien träte wohl kaum noch als treibende Kraft einer inter­nationalen Transforma­tions­agenda auf, die die Angebotsseite adressiert. Fragen sozialer Teilhabe und Verteilungsgerechtigkeit wür­den in den Hintergrund rücken. Eine linke Nach­folgeregierung unter Cepeda hingegen dürfte Petros Grundrichtung weitestgehend fortführen, stünde aber unter dem Druck, die Umsetzung, die Mehrheitsbildung über Petros politische Basis hinaus sowie das Investitionsvertrauen spürbar zu verbessern.

Kooperation EU–Kolumbien: Ein Referenzfall für wirksame Transformationspartnerschaften

Für Deutschland und die EU geht die Bedeu­tung der Kooperation mit Kolumbien über das bilaterale Verhältnis hinaus. Petro hat mit seinem Reformkurs international Auf­merksamkeit erregt. Die Frage, wie dieser gelingen kann, ohne kurzfristig wirtschaftliche Stabilität, Versorgungs­sicherheit und sozialen Zusammenhalt zu gefährden, ist relevant für viele fossile Brennstoffe ex­por­tie­rende Länder des Globa­len Südens. Ob und unter welchen Bedingun­gen Europa einen solchen Transformations­prozess unterstützt, dürfte daher genau ver­folgt werden. Dies hat auch Implikationen für die Glaubwürdigkeit Deutschlands und der EU in multilateralen Koalitionen zur Um­setzung der in Dubai beschlossenen Abkehr von fossilen Energieträgern. Gelingt es, Kolumbiens hohe Ambitionen verlässlich zu begleiten, könnte dies die Rolle Deutsch­lands und der EU als Partner für andere Trans­formationsländer stärken.

Derzeitige Schwerpunkte

Die EU ist Kolumbiens drittgrößter Handels­partner und hinter den USA zweitgrößte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Deutschland engagiert sich im kolumbianischen Frie­dens­prozess. Kolumbien ist einer der drei bilateralen Partner des Bundes­minis­teriums für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (BMZ) in Lateinamerika.

Unabhängig vom Wahlausgang bleibt Kolumbien für Deutschland und die EU ein wichtiger Partner. 2025 vereinbarten die EU und Kolumbien, Verhandlungen über ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen auf­zunehmen, das unter anderem die Themen Klima und Umwelt, erneuerbare Energien, Sicherheit sowie die Bekämpfung von Drogenhandel und organisierter Krimi­nalität beinhalten soll. Den Rahmen der klima- und energiepolitischen Zusammenarbeit bilden die 2022 unterzeichnete Ge­meinsame Erklärung zu Umwelt, Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung und der darauf aufbauende hochrangige Dialog. In den UN-Klimaverhandlungen arbeiten die EU und Kolumbien eng zusammen.

Für den Zeitraum 2021–2027 stellt die EU Kolumbien mindestens 106 Millionen Euro bereit, die größere Investitionen unter der Global-Gateway-Strategie mobilisieren sollen. Die Investitionsagenda umfasst für Petros Reform­kurs wichtige Bereiche wie er­neuerbare Energien, grünen Wasserstoff und regio­nale Stromintegration. Zudem unter­stützt die EU nachhaltige Finan­zie­rungs­ins­tru­mente (etwa die Um­setzung und Weiter­entwicklung der grünen Taxo­nomie), Ent­waldungsbekämpfung, Kreis­laufwirt­schaft und nachhaltige Wert­schöp­fungsketten.

Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind außerdem der Ausbau der Metro in Bogotá sowie der Auf- und Ausbau lokaler Elek­tro­bus­fertigung. Regionale EU-Programme wie Euro­clima und AL-INVEST Verde ergänzen die Zusammenarbeit durch regulatorische Beratung, Kapazitätsaufbau, Innovationsförderung und Technologietransfer. Die Euro­päische Investitionsbank (EIB) hat ihre auf der COP27 zugesagte Unterstützung der gerechten Energiewende seit 2024 durch Darlehen für Elektromobilität, Stromnetze, die Erzeugung erneuerbaren Stroms und Solarprojekte konkretisiert.

Doch insgesamt betrachtet bleibt die Kooperation hinter ihrem möglichen strate­gischen Gewicht zurück. Die EU wird von kolumbianischen Partner:innen als frag­mentierter, zögerlicher und strategisch nur begrenzt sichtbarer Akteur wahrgenommen. Finanzierung setzt oft erst an, wenn Pro­jekte bereits weit vorangeschritten sind; in frühen, riskanten Phasen, in denen Projekt­entwicklung, Genehmigungen, Kon­sultation, soziale Absicherung und erste Garantien erforderlich sind, ist die EU wenig präsent. Auch eine bezifferte Zusage der EU gegenüber der kolumbianischen Länderplattform ist bislang ausgeblieben. Aus ko­lum­bianischer Sicht sind überdies die Ver­fahren von Global Gateway schwer les­bar: Es ist nicht immer klar, welche Insti­tu­tion wofür zuständig ist, wie Projekte prio­risiert und lokale Akteur:innen einge­bunden werden. Auf europäischer Seite erschweren Koor­dinationsdefizite zwischen EU-Institu­tionen und Mitgliedstaaten eine strategische Bün­de­lung (vgl. SWP-Aktuell 67/2024). Die Kooperation leidet aus euro­pä­ischer Sicht darunter, dass es auf kolumbianischer Seite eine hohe personelle Fluktuation und Ver­zögerungen gibt und die administrative Kontinuität unsicher ist.

Empfehlungen an Deutschland und die EU für eine verlässliche Umsetzung

Für Deutschland und die EU kommt es in der Zusammenarbeit mit Kolumbien nun weniger auf neue Formate an als vielmehr darauf, bereits Vereinbartes ver­lässlich(er) umzusetzen. Ein klareres An­gebot von Team Europe sollte vorhandene Instrumente wie Global Gateway enger an Kolumbiens Länderplattform ausrichten. Es braucht eine begrenzte Zahl gemeinsam mit Kolum­bien priorisierter Vorhaben und klare Zustän­digkeiten zwischen Europäischer Kommission, Europäischem Auswärtigem Dienst (EAD), Mitgliedstaaten, EIB und Durchführungsakteuren. Ziel sollte neben größerer Kohärenz vor allem frühere Hand­lungsfähigkeit, ein besserer Anschluss an kolumbianische Prioritäten sowie Trans­parenz über die Finanzierung sein.

Vorrangig sollten Deutschland und die EU Kolumbien dabei unterstützen, die Road­map für eine gerechte Energiewende und das bestehende Transformationsport­folio umzusetzen. Die lokale und soziale Ausgestaltung des Wandels entscheidet mit darüber, ob Petros Reformkurs politisch Bestand hat, und sollte zum Kern der Ko­ope­ration werden. Indigene, afro-kolum­bianische und bäuerliche Gemein­schaften müssten frühzeitig und mit materiellen Rechten eingebunden werden. Konsultation allein reicht dafür nicht aus. In Cesar und La Guajira sollten Deutschland und die EU regionale Just-Transition-Ansätze unterstützen, die Qualifizierung, soziale Infrastruktur und alternative Wert­schöpfung mit­einander verbinden und lokale kleine und mittlere Unternehmen einbeziehen.

Um schneller Wirkung zu erzeugen und diese diplomatisch sichtbar zu machen, emp­fiehlt es sich, den Fokus auf den prag­matischen Ausbau bestehender Ko­opera­tionsfelder zu legen: erneuerbare Ener­gien, öffentlicher Nahverkehr, Entwal­dungs­bekämpfung sowie die Schnittstellen von Umweltpolitik, organisierter Krimina­lität und illegaler Ökonomie. Industriepolitisch sollten Deutschland und die EU auf Bereiche setzen, in denen in Kolumbien bereits Nach­frage, Regulierung und erste Kapazitäten vorhanden sind, zum Beispiel öffent­liche Elektromobilität, Ladeinfrastruk­tur, Netz­technik und ausgewählte Zuliefersegmente. Deutsche und europäische Finanzierung sollte früher ansetzen und mehr Risiken übernehmen. Zuschüsse, Garantien, Misch­finanzierungen und projektvorbereitende Mittel könnten Vorhaben in frühen Ent­wick­lungsphasen absichern und weitere In­vesti­tionen anziehen.

Klima- und energiediplomatisch sollten Deutschland und die EU die Zusammen­arbeit mit Kolumbien nutzen, um den Pro­zess rund um die Debatte zur Abkehr von fossi­len Energieträgern über politi­sche Sym­bolik hinauszuführen. Es wäre wünschens­wert, dass die EU gemeinsam mit Kolum­bien, den Niederlanden und den Ausrichtern der nächsten TAFF-Konferenz Tuvalu und Irland darauf hinarbeitet, die Basis der Unter­stützer zu vergrößern. Eine breitere Ein­bindung relevanter nichtstaat­licher Akteure und eine institutionelle Ver­ankerung soll­ten dabei von Beginn an mit­gedacht wer­den. Wichtig ist, die plurilaterale Dynamik langfristig mit dem UN-Klimapro­zess und der zweiten globalen Bestandsaufnahme zu verbinden. Der Austausch über TAFF-Road­maps sollte zudem fester Bestandteil im hochrangigen Dialog zwischen der EU und Kolum­bien werden.

Für Deutschland und die EU steht mehr auf dem Spiel als der Erfolg bilateraler Ko­operation: Gelingt es, die bislang eher punk­tuelle Kooperation in eine kohärentere, resi­liente und stärker lokal verankerte Part­nerschaft zu überführen, würde Deutschlands und Europas Klima- und Energie­diplo­matie an Glaubwürdigkeit gewinnen gegenüber Ländern, die fossile Brennstoffe exportieren. Überdies würde der Anspruch untermauert, die glo­bale Energiewende sozial gerecht zu beglei­ten. Beides würde auch ein klares Argument dafür liefern, die internationale Debatte über eine gerecht gestaltete Abkehr von fossilen Energie­trägern voranzutreiben.

Jule Könneke ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Globale Fragen und Leiterin des Projekts »Deutsche Klima­diplomatie im Kontext des European Green Deal«. Sie ist Mitglied des Forschungsclusters Klima- und Energiepolitik.

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