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Diasporapolitik im Zeitalter der Autokratisierung

China, Eritrea, Indien, Marokko, Russland und die Türkei im Vergleich

SWP-Studie 2026/S 13, 29.09.2026, 58 Seiten

doi:10.18449/2026S13

Forschungsgebiete
  • Autoritäre und sich autokratisierende Staaten widmen ihrer Diaspora zunehmend Aufmerksamkeit. Die sechs in dieser SWP-Studie untersuchten Fälle zeigen, dass Diasporapolitik immer strategischer und systema­tischer betrieben wird und auf eine Identifizierung auch postmigran­tischer Generationen mit dem Herkunftsstaat zielt.

  • Die Beweggründe staatlicher Diasporapolitik reichen von der Machtsicherung herrschender Eliten oder einer politischen Strömung über wirtschaftliche, regionale und globale Interessen sowie Nation Branding bis hin zur Abwehr politischer Herausforderungen durch Diasporaakteure.

  • Dabei variieren die jeweiligen Schwerpunkte und Instrumente erheblich: Russland begreift Diasporapolitik als Teil seiner Kriegsführung, für China und Indien ist sie eng mit globalen wirtschaftlichen Ambitionen und dem technologischen Wettbewerb verbunden. Der Türkei geht es um post­koloniale Ordnungsvorstellungen und regionale Ansprüche. Für Marokko stehen territoriale Souveränität sowie die Maximierung von Rücküber­weisungen und Investitionen im Vordergrund. Eritrea wiederum strebt nach Ertragssteigerungen aus Auslandssteuern zur Stabilisierung des Staatshaushalts.

  • Die Reaktionen der oftmals sehr heterogenen Diaspora fallen nicht immer nach Wunsch aus. Die Politik des Herkunftsstaats kann auf Desinteresse oder gar Widerstand stoßen und Spannungen in der jeweiligen Diaspora begünstigen.

  • Für Deutschland eröffnet Diasporapolitik einerseits Chancen: außen- und entwicklungspolitisch, teilweise auch mit Blick auf Integration und soziale Mobilität. Andererseits ist sie mit Herausforderungen verbunden, ins­besondere hinsichtlich transnationaler Repression.

  • Im Umgang mit Diasporapolitik und ihren Auswirkungen sollte Deutschland sich vorrangig an Rechtsstaatlichkeit orientieren. Eine effektive Nutzung der Chancen setzt überdies ein genaues Verständnis der Motivation, Instrumente und Grenzen dieser Politik voraus. Pauschalisierende und ausgrenzende Diskurse gegenüber Diasporagruppen können hingegen destruktiven Strategien von Drittstaaten das Feld bereiten.

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung und Empfehlungen

2 Eine konzeptionelle Annäherung an Diasporapolitik

Sinem Adar / Isabelle Werenfels

3 Chinas Diasporapolitik

Carsten Schäfer

3.1 Motive, Interessen und Ziele

3.1.1 Förderung von Handel und Investitionen

3.1.2 Talentgewinnung und Technologietransfer

3.1.3 »Diskursmacht« und internationale Einflussnahme

3.2 Institutionen und Instrumente

3.3 Grenzen der chinesischen Diasporapolitik

3.4 Relevanz für Deutschland

4 Die Diasporapolitik Eritreas

Gerrit Kurtz

4.1 Gründe für die Emigration

4.2 Motivation und Ziele: Die vierte Front

4.3 Institutionen und Instrumente

4.4 Stabilisierung des Regimes und transnationale Repression

4.5 Relevanz für Deutschland

5 Indien: Diasporapolitik zwischen Mobilisierung und Fragmentierung

David Kipp / Christian Wagner

5.1 Motivation und Interessen der indischen Diasporapolitik

5.2 Entwicklung der indischen Diaspora

5.3 Grenzen der Diasporapolitik

5.4 Relevanz für Deutschland

6 Marokko: Politik des Umgarnens

Isabelle Werenfels

6.1 Ziele der Diasporapolitik: Loyalität, Investitionen und Nation Branding

6.2 Institutionen und Instrumente: Sanfte Steuerung

6.3 Grenzen der Politik: Kritische MRE und europäische Maßnahmen

6.4 Relevanz für Deutschland

7 Russland: Diasporapolitik als Waffe im hybriden Krieg

Sabine Fischer

7.1 Ideologische Grundlagen

7.2 Rechtliche und politische Grundlagen

7.3 Instrumente

7.4 Diasporapolitik ohne Diaspora

7.5 Russische Diasporapolitik in Deutschland: Ziele, Erfolge, Grenzen

7.6 Relevanz für Deutschland

8 Diasporapolitik der AKP-Regierung: Zwischen Innen- und Außenpolitik

Sinem Adar

8.1 Die Diasporapolitik der AKP: Mittel der Machtkonsolidierung

8.2 Die Diasporapolitik der AKP: Ein Instrument der Außenpolitik

8.2.1 Die türkische Diaspora aus Sicht der AKP

8.2.2 Vertretung türkischer Interessen außerhalb der Türkei

8.3 Aufbau eines zentral gesteuerten institutionellen Netzwerks

8.4 Grenzen der AKP-Diasporapolitik

8.5 Relevanz für Deutschland

9 Diasporapolitische Muster

Sinem Adar / Isabelle Werenfels

9.1 Chancen und Herausforderungen für Deutschland

10 Anhang

10.1 Abkürzungen

10.2 Die Autorinnen und Autoren

Problemstellung und Empfehlungen

Die Beeinflussung von Diasporagruppen durch Drittstaaten ist in Deutschland vor allem dann Thema, wenn es um Wahlen in der Türkei oder transnationale Repression Russlands geht. Dies ist kein Zufall. Deutschland ist seit Langem ein wichtiges Aufnahmeland für Menschen aus beiden Ländern. Zugleich verfolgen diese beiden Herkunftsländer in den letzten Jahrzehnten eine gezielte Politik gegenüber Diaspora­akteuren. Damit stehen sie bei Weitem nicht allein. Die wissenschaftliche Literatur zu Diasporapolitiken zeigt, dass gerade autoritäre und sich autokratisierende Staaten aus politischen Gründen zunehmend und immer breiter gefächert Interesse für ihre Diaspora aufbringen – sei es, um diese zur Durchsetzung eigener staatlicher Ambitionen zu nutzen, sei es, um drohende politische Herausforderungen aus der Dias­pora zu unterbinden.

Im Zentrum dieser Studie stehen denn auch Autokratien sowie Staaten mit sich autokratisierenden poli­tischen Systemen, die über eine nennenswerte Dias­pora in Deutschland verfügen und ihr gegenüber eine klare Politik erkennen lassen. Das gilt für China, Eri­trea, Indien, Marokko, Russland und die Türkei. Welche Motive stehen jeweils dahinter? Welche politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Instrumente haben diese Staaten entwickelt? Welche Aussagen lassen sich über Erfolge und Grenzen dieser Politik treffen? Welche Muster und Gemeinsamkeiten finden sich in diesen prima facie höchst unterschiedlichen Vor­gehensweisen? Und nicht zuletzt: Wo konvergiert und wo kollidiert die jeweilige Politik mit deutschen Inter­essen und welche Schlüsse lassen sich daraus für deut­sche politische Akteure ziehen?

Zu den auffälligsten Gemeinsamkeiten der Fall­studien gehört, dass Diasporapolitik strategischer und systematisch(er) betrieben wird. Sie erfüllt spezifische innen- und außenpolitische Funktionen, die mit dem Erhalt des bestehenden Herrschaftssystems und/oder der Machtsicherung einer bestimmten politischen Strömung verbunden sind. Sie hat meist auch eine wirtschaftspolitische Dimension. Vor allem die indi­sche und die marokkanische Wirtschaft sind in hohem Maße auf Rücküberweisungen und Investitionen angewiesen, Eritrea profitiert darüber hinaus von (erzwungenen) Steuerzahlungen durch die Diaspora.

Eine erhebliche Varianz zeigt sich hingegen sowohl bei den geo- und regionalpolitischen Zielen der Dias­porapolitik als auch bei ihrer jeweiligen Ausgestaltung. Staaten wie Russland, Indien oder China binden die Diaspora in ihr Streben nach einer multipolaren Welt bzw. einem globalen Führungsanspruch ein, sei es militärisch, wirtschaftlich, technologisch und/oder diskursiv. Für Staaten wie Marokko oder die Türkei dominieren regionale Ambitionen und Souveränitätsfragen.

So gut wie alle Staaten versuchen über Diaspora­akteure im Wohnland politisch Einfluss zu nehmen – Dimension und Mittel dieser Einflussnahme unterscheiden sich jedoch maßgeblich. Während Russlands Diasporapolitik Teil einer hybriden zersetzenden Kriegsführung ist, verfolgt Indien weitgehend einen kooperativen Ansatz zur Förderung eigener wirtschaftlicher Interessen. Marokko und die Türkei wiederum setzen auf Lobbying und Nation Branding durch die Diaspora und ermutigen sie zu politischer Teilhabe im Wohnland.

In allen untersuchten Fällen üben die Herkunftsstaaten transnational Repression aus. Allerdings diver­giert auch hier das Ausmaß. Herkunftsstaaten wie Eritrea, Russland und China, die im eigenen Land kaum oder gar keine Freiräume für oppositionelle Politik zulassen, agieren transnational besonders rigide. Am Beispiel der Türkei etwa zeigt sich, wie sich innenpolitische Spannungen und Machtkämpfe im Ausland ebenfalls in Unterdrückung bzw. Kontrolle niederschlagen können.

Auffallend ist in allen Fällen, wie eng Diaspora­politik mit Identitätspolitik verbunden ist – mit jeweils unterschiedlichen Haltungen zu Integration und mul­tiplen Identitäten. China zielt auf vollkommene Beibe­haltung der nationalen Identität. Die Türkei und Marokko befürworten die weitgehende Integra­tion in das Wohnland ohne komplette Aufgabe der Herkunfts­identität; das bezieht sich auch auf die post­migranti­schen Generationen. Und Indien versucht, den Hindu-Nationalismus in der Diaspora zu fördern.

Eine Reihe von Faktoren begrenzt die Effekte der Diasporapolitik. Dazu zählt die große Vielfalt an Iden­titäten und politischen Haltungen von Diasporaakteu­ren. Diese können die Diasporapolitik teilweise ins Leere laufen lassen und/oder durch Gegenmobilisierungen kontern, gerade in einer hochpolarisierten Diaspora wie der türkischen oder eritreischen. Auch Gesetzgebungen in demokratischen Wohnländern setzen diasporapolitischem Zugriff, etwa auf Oppositionelle, Grenzen.

Begünstigend hingegen wirkt beispielsweise ein Entfremdungsgefühl im Wohnland, das Diaspora­narrativen wie dem türkischen Kampf gegen Islamophobie oder russischer Propaganda Tür und Tor öffnen kann. Auch die Aussicht auf soziale Mobilität und Prestige im Wohnland spielen für das Engagement von Diasporaakteuren für ihr Herkunftsland eine Rolle, wenn dieses ihnen etwa wie China, die Türkei und Marokko materielle und soziale Angebote unterbreitet. Das heißt aber auch: Im Idealfall »produziert« Diasporapolitik Akteure, die in Herkunfts- wie Wohnland engagiert und verankert sind: die sprichwörtlichen Brückenbauer. Um die konstruktiven Aspekte von Diasporapolitik zu nutzen und die potenziell nega­tiven Effekte einzudämmen, sollten deutsche Politiker:innen Folgendes beachten:

  • Deutschland muss sich im Umgang mit Diaspora­politik und der Vielfalt von Diasporagruppen von Rechtsstaatlichkeit leiten lassen. Einmischung in innere Angelegenheiten, etwa in Wahlen, sowie aggressiver Propaganda, transnationaler Repres­sion, Einschüchterung und (Wirtschafts-)Spionage ist systematisch entgegenzutreten – idealerweise auch durch Koordination auf europäischer Ebene.

  • Die Grundrechte der Meinungs- und Demonstra­tionsfreiheit in Deutschland sind unbedingt zu schützen, selbst wenn Drittstaaten oder Diasporagruppen diesbezüglich Druck ausüben.

  • Das Interesse an Wirtschafts- und Wissenschafts­kooperation darf nicht zu unerwünschtem Wissens­transfer durch Diasporaakteure führen. Hier sollte das Prinzip small yard, high fence zur Anwendung kommen. Das heißt: Einige klar definierte Schlüsseltechnologien werden streng geschützt, Austausch und Kooperation in anderen Bereichen ermöglicht.

  • Die Diasporapolitik des Herkunftslands und die Dias­poraakteure sind grundsätzlich voneinander zu unterscheiden. Sprich: Diasporaakteure sind a priori nicht verantwortlich für Agenden und Politik des Herkunftsstaats.

  • Deutschland sollte gegenüber den hier lebenden Diasporagruppen insgesamt positive Signale senden. Denn die Grundvoraussetzung zur Vermeidung negativer Aspekte von Diasporapolitik besteht in der Integration der jeweiligen Diaspora und darin, ihr das Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung zu vermitteln.

Eine konzeptionelle Annäherung an Diasporapolitik

Sinem Adar / Isabelle Werenfels

Während politische Akteure in Deutschland sich erst in jüngerer Zeit eingehender mit dem Thema Dias­pora beschäftigen, findet sich in der wissenschaftlichen Literatur seit bald drei Jahrzehnten eine wachsende Zahl von Studien dazu. Dabei lag der Schwerpunkt anfänglich vorwiegend auf Diasporagruppen als Akteu­ren. So haben sich Ethnolog:innen und Soziolog:in­nen mit den Zugehörigkeiten zum Herkunfts- als auch zum Wohnland, der Integration und mit inner-diasporischen Dynamiken beschäftigt.1 In diesem Zusammenhang untersuchten Historiker:innen unter anderem die Komplexitäten, mit denen sich Diasporagruppen im ehemaligen Kolonialland konfrontiert sehen. Ökonominnen und Migrationsforscher konzentrierten sich auf Diasporaakteure als Triebkräfte von (wirtschaftlicher) Entwicklung im Ursprungsland, etwa durch Rücküberweisungen und Investitionen, sowie als Vermittler von Know-how.2 Politikwissenschaftler und Soziologinnen wiederum richteten den Blick auf Diasporaangehörige als politische Akteure und potenzielle Vermittler von Demokratie und Rechts­staatlichkeit im Herkunftsland.3

Seit Beginn der 2000er Jahre geriet zunehmend auch die Diasporapolitik der Herkunftsstaaten in den wissenschaftlichen Fokus.4 Damit verbunden waren unter anderem Versuche, diese zu typologisieren, etwa nach Kapazitätsaufbau, Zugeständnis von Rechten und Einforderung von Pflichten der Diasporaakteure.5 Das politische System im Herkunftsland spielte in dieser Literatur allerdings keine wesentliche Rolle.

Autokratien und sich autokratisierende Staaten nehmen ihre Bürger:innen im Ausland und deren Nachkommen systematisch in den Blick.

Mit der weltweiten Tendenz zur Erosion von Demo­kratien und Konsolidierung bestehender Autokratien6 hat sich in jüngerer Zeit indes ein neuer Forschungsschwerpunkt herauskristallisiert: die Diasporapolitik autoritärer und sich autokratisierender Staaten.7 Verfasstheit der politischen Systeme der FallbeispieleDabei zeigen sich auch Überschneidungen mit der Literatur zu Migrationsdiplomatie, also dem gezielten Einsatz von Migration und Mobilität zu außenpolitischen Zwecken.8 In immer mehr Studien wird deutlich, dass Autokratien und Staaten mit sich autokratisieren­den bzw. hybriden politischen Systemen ihre Bürger:innen im Ausland und deren Nachkommen sys­tematisch und mit ausgeklügelten politischen Strategien in den Blick nehmen. Dabei differieren die Ziele. So werben Staaten, die hohe Investitionsbarrieren aufweisen, vor allem deshalb um ihre Diaspora, um mit deren Hilfe dennoch an ausländische Direktinvestitionen zu kommen.9 Andere suchen ihre Bürger im Ausland und deren Nachkommen als außenpolitische Akteure im Sinne der geo- und regionalpolitischen Ziele sowie des Nation Branding des Ursprungslands zu nutzen.10 Gut dokumentiert ist in der Literatur überdies die Tendenz solcher Staaten, ihre Staatsbürger im Ausland zu beobachten und teils massiver transnationaler Repres­sion auszusetzen.11

Ein Kriterium für die Auswahl der Fallbeispiele in dieser Studie – China, Eritrea, Indien, Marokko, Russland und die Türkei – ist denn auch das politische System. Zwar sind diese Staaten auf einem Spektrum von demokratisch zu autokratisch ganz unterschiedlich anzusiedeln.12 Eine liberale Demo­kratie findet sich darunter aber nicht. Indien kann als das Fallbeispiel mit den mit Abstand größten politischen Freiheiten gelten, während Eritrea zu den autoritärsten Staaten weltweit gehört (siehe Grafik).

Grafik

Neben dem politischen System spielen bei der Diasporapolitik des Herkunftslands sowie deren Reich­weite und Grenzen in Deutschland demographische, historische und (geo-)politische Faktoren eine wich­tige Rolle. Diese umfassen die Größe der Diaspora, den Zeitpunkt und die Gründe der Migration nach Deutschland, die Verwurzelung der Diaspora im Her­kunfts- und im Wohnland, die Qualität der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Herkunftsland und nicht zuletzt die Frage, wie willkommen sich eine Diaspora in Deutschland fühlt und welches gesellschaftliche Ansehen sie in Deutschland genießt.

Diese Kriterien spiegeln sich ebenfalls in der Fall­auswahl wider, und die Bandbreite ist groß. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Frage, wie die jeweilige Dias­pora in Deutschland wahrgenommen wird und ihrer­seits Deutschland wahrnimmt, als auch im Hinblick auf die historischen und gesellschaftlichen Verflechtungen mit Deutschland. Zum Beispiel dürften sich Vertreter der marokkanischen oder eritreischen Dias­pora mit anderen, häufig rassistischen Vorurteilen konfrontiert sehen als indische Diasporaakteure, denen oftmals der Ruf von »Techies« vorauseilt. Im Vergleich zur indischen lebt wiederum die türkische Diaspora schon lange in Deutschland, was sich unter anderem in einer gewachsenen Struktur eigener Vereine und zivilgesellschaftlicher Organisationen ausdrückt. Auch solche Aspekte beeinflussen die Konzeption von Dias­porapolitik im Herkunftsland und deren Wirkung im Wohnland. Deutschland hingegen schenkt ihr jenseits des prominenten und oft polemisch diskutierten türkischen Falls13 recht wenig Beachtung.

In diese Studie sind nur Staaten einbezogen worden, die eine klar identifizierbare Politik gegenüber jenen Akteuren verfolgen, die sie als ihre Diaspora definieren, und die überdies ein gesteigertes politisches Inter­esse an ihrer Diaspora in Deutschland haben – unab­hängig von deren realer Größe.

Gerade an der Definition dessen, was als Diaspora gilt oder zu gelten hat, scheiden sich in der Wissenschaft wie in der Politik die Geister. Ursprünglich bezog sich der Terminus auf exilierte Bevölkerungsgruppen wie Juden, Armenier und Griechen. Im Mittelpunkt standen die Vertreibung und ihre Auswirkungen auf Identität und Zugehörigkeit. Seit den 1990er Jahren ist die wissenschaftliche Diskussion über Diaspora jedoch in eine neue Phase eingetreten, in deren Verlauf der Gehalt des Begriffs enorm erweitert wurde.14 Drei Faktoren prägen gemäß der Literatur eine Diaspora: erstens eine transnationale Gemeinschaft, die aus freiwilliger oder unfreiwilliger Auswanderung entstanden ist, zweitens eine Orientierung zum Herkunftsland und drittens die generationenübergreifende Bewahrung einer Gruppenidenti­tät.15 Dementsprechend werden Diasporagruppen nach Nationalität (z. B. tür­kisch, marokkanisch, indisch), Ethnizität (z. B. kurdisch oder tamilisch), Religion (z. B. Muslim oder Hindu) und sogar nach Eigenschaften wie »digital« kategorisiert.

Die genannten Faktoren sind allerdings so breit gefasst, dass fast jede Form von Migration und transnationaler Gruppierung als Diaspora bezeichnet werden könnte. Solche Flexibilität bei der Verwendung des Terminus hat zu einer heftigen Debatte darüber geführt, was Diaspora eigentlich ist. »Wenn alles als Diaspora bezeichnet wird, kann man [im analytischen Sinne] nicht mehr von einer Diaspora sprechen«, monierte der Soziologe Rogers Brubaker in einem 2005 veröffentlichten Artikel.16

In dieser Studie legen sich die Autor:innen nicht auf eine Definition fest, sondern halten sich, aus­gehend von Brubakers Diktum »diaspora is in the first line a category of practice«,17 in den jeweiligen Fall­studien an jene, die das Herkunftsland im Kontext seiner Diasporapolitik nutzt.

Herkunftsländer bestimmen in der Regel eindeutiger, wer zu ihrer Diaspora gehört, als das Wohnland Deutschland.

Dabei gilt es zu beachten, dass die Herkunftsländer in der Regel eindeutiger bestimmen, wer zu ihrer Diaspora gehört, als das Wohnland Deutschland. So antwortete die Bundesregierung auf eine parlamen­tarische Anfrage 2020: »Die Bundesregierung arbeitet nicht mit dem Begriff ›Diasporagruppe‹«.18 Gleichwohl findet sich etwa auf der Webseite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eine Diasporadefinition,19 auch taucht der Begriff in Dutzenden von Dokumenten unterschiedlicher Ministerien sowie des Bundestags auf, und zwar seit sechs, sieben Jahren mit zunehmender Tendenz. Zudem werden Diaspora­akteure immer häufiger in Grundsatzdokumente der Bundesregierung einbezogen, etwa in die »Leitlinien Afrikapolitik« des Jahres 2025.20 Oftmals geht indes aus den offiziellen Dokumenten nicht klar hervor, wer genau zur Diaspora gezählt wird: nur Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft oder auch deren Nachkommen oder aber alle, die sich selbst als solche verstehen? Diese definitorische Unschärfe, die vielen offiziellen Papieren zugrunde liegt, dürfte aber den komplexen Wahrnehmungen der Diasporaakteure selbst eher entsprechen als die klaren Zuschreibungen bzw. Kategorisierungen, welche die Herkunftsstaaten vornehmen.

Das vielschichtige Selbstverständnis der Diaspora­akteure hält für die Analyse von Diasporapolitik auto­ritärer und sich autokratisierender Staaten eine Reihe von konzeptionellen Fallstricken bereit. Fühlen sich zum Beispiel jene, für die Diasporapolitik im Herkunfts­land entwickelt wird, überhaupt angesprochen? Stim­men Motivation und Ziele der jeweiligen Diaspora­politik mit den Interessen derer überein, die als Dias­pora definiert werden – einschließlich der post­migran­tischen Generationen, also der im Wohnland gebo­renen Nachkommen der Migrant:innen? Und nicht zuletzt: Handelt es sich auch nur ansatzweise um Ak­teursgruppen mit homogenen Vorstellungen, Wahr­nehmungen, Einstellungen und Identitäten sowie um Gruppen, die sowohl Deutschland als auch ihrem Her­kunftsland gegenüber loyal sind? Auch wenn der Fokus dieser Studie auf der Diasporapolitik und nicht auf den inner-diasporischen Dynamiken liegt, werden diese in den einzelnen Fallstudien berück­sichtigt. Denn neben den Zielen und Instrumenten werden auch die Grenzen der jeweiligen Diaspora­politik angedeutet, und diese werden unter anderem durch die Zusammen­setzung der adressierten Dias­pora und deren womöglich heterogenes Selbstverständ­nis gesetzt. Die Einsicht in solche Dynamiken und potenziell daraus resultierende Spannungen ist für Deutschland relevant, wenn es um die Beziehungen sowohl zu den hier lebenden Akteuren mit Migra­tionshintergrund und deren Nachkommen als auch zu den Herkunftsstaaten geht.

Nicht zu unterschätzen ist schließlich das Risiko, die Diasporapolitik autoritärer und sich autokrati­sierender Staaten a priori als negativ und die bilateralen Beziehungen belastend zu bewerten. In den hier geschilderten Beispielen für Diasporapolitik lassen sich durchaus auch konstruktive Ansätze erkennen, die Aufmerksamkeit oder Unterstützung seitens der deutschen Politik verdienen. Ziel dieser Studie ist es denn auch herauszuarbeiten, was die einzelnen Ansätze und ihre Wirkung eint und worin sie sich unterscheiden, damit Berlin nuancierter als bisher damit umgehen kann.

Chinas Diasporapolitik

Carsten Schäfer

In China rückte die sogenannte Diaspora mit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik im Jahre 1978 in den Fokus der Regierung. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) sieht sie seither als zentrale Ressource für Chinas wirtschaftlichen und politischen Aufstieg. Tatsächlich erwiesen sich die Auslandschines:innen mit ihrer Finanzkraft und ihren Handelskontakten rasch als »Glücksfall« (Deng Xiaoping) für Chinas Modernisierungsprojekt. Hatte Chinas Diasporapolitik in den 1980er Jahren eine klar wirtschaftspolitische Ausrichtung, stehen heute zunehmend außen- und geopolitische1 Zielsetzungen im Vordergrund. Für Xi Jinping spielen Auslandschines:innen »eine unersetzliche Rolle bei der Verwirklichung des chinesischen Traums«2 – der darin besteht, das (stark autoritäre) Land bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts zu einer Welt­macht zu entwickeln.3

Die Hinwendung zur Diaspora überrascht nicht: Peking geht davon aus, dass weltweit 60 Millionen Auslandschines:innen leben. Nach chinesischem Ver­ständnis gehören dabei nicht nur chinesische Staatsangehörige zur Diaspora, sondern alle chinastämmigen Menschen – unabhängig von Staatsbürgerschaft und Geburtsort. Sie alle werden als Teil der »großen chinesischen Familie« begriffen. Im Sinne dieses Selbst­verständnisses appelliert Peking mit einer gezielten Identitäts- und Mobilisierungspolitik an »Patriotismus« und Loyalität der Auslandschines:innen.

Infobox 1: Emigration, Rückkehr, Braindrain

Schätzungen zufolge leben rund 60 Millionen Auslands­chines:innen in über 130 Ländern. In Europa – vor allem in Frankreich und Großbritannien – waren im Jahr 2015 etwa 2,8 Millionen chinesische Staatsangehörige gemeldet.

In Deutschland halten sich rund 222.000 Menschen mit chinesischem Migrationshintergrund auf, darunter etwa 80.000 mit chinesischer Staatsbürgerschaft. Beson­ders zugenommen hat die Zahl chinesischer Studierender (2023: etwa 42.500, die damit die zweitgrößte Studierendengruppe aus dem Ausland stellen). Hinzu kommen rund 4.600 Forschende sowie etwa 3.250 chinesische Unter­nehmen.

Nach jahrelangem Braindrain dreht sich – global gesehen – der Trend: Allein im Jahr 2024 sollen etwa 495.000 Hoch­qualifizierte nach China zurückgekehrt sein. China ist weltweit eines der wichtigsten Empfängerländer von Rücküberweisungen (2024: rund 48 Milliarden US-Dollar); etwa 752 Millionen US-Dollar stammen aus Deutschland, das damit in finanzieller Hinsicht zu den bedeutenderen Wohnländern zählt (Rang 11 von 130).

Motive, Interessen und Ziele

China hat seine Diasporapolitik in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgeweitet und strategisch neu ausgerichtet. Peking verfolgt heute eine Agenda, die wirtschaftliche, technologische und außenpolitische Zielsetzungen miteinander verbindet. Im Detail:

Förderung von Handel und Investitionen

Wirtschaftliche Ziele standen lange im Zentrum der Diasporapolitik. Ging es Peking dabei zunächst vor allem um Rücküberweisungen, Direktinvestitionen und den Import von Managementwissen, steht heute eher die Aktivierung transnationaler Wirtschaftsnetzwerke im Vordergrund. Auslandschinesische Unternehmerverbände und -netzwerke werden als Infrastrukturen betrachtet, über die Kapital, Marktinformationen und -zugänge sowie Geschäftskontakte und Kooperationsbeziehungen mobilisiert werden können. Gerade im Kontext der Neuen Seidenstraße sind Auslands­chines:in­nen als Vermittler zwischen China und dem Ausland vorgesehen.4

Talentgewinnung und Technologietransfer

Außerdem möchte China Zugriff auf moderne Technologie und »Talente« (rencai) erhalten. Spätestens seit der Amtszeit Hu Jintaos (2002–2012) strebt die chine­sische Führung den Übergang zu einem innovationsorientierten Entwicklungsmodell an, das langfristig die Grundlage für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum schaffen soll. Unter Xi Jinping hat sich diese Ent­wicklung weiter intensiviert: China plant, bis 2030 ein »führender Innovator« in Forschung und Wissenschaft zu werden, bis 2049 dann eine »Wissenschafts- und Technologiemacht von Weltrang«.5 Der Dias­pora kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu: Die nach Pekinger Schätzung etwa vier Millionen chinastämmigen Wissenschaftler:innen und Studierenden in aller Welt werden gezielt als potenzielle Partner:innen für Technologietransfer, Forschungskooperationen und den Aufbau global vernetzter Innovationsstrukturen ange­sprochen – etwa mithilfe staatlicher Rekrutierungsprogramme wie dem »Thousand Talents Plan«, mit staatlichen Innovationsparks oder speziellen Steuer­erleichterungen. Ging es China zunächst darum, ver­lorene Fachkräfte und Auslandsstudierende ins Land zurückzuholen, wurde 2001 erstmals die Idee ent­wickelt, Chinastämmige könnten China auch »vom Aus­land aus dienen«. Unter Xi Jinping rückt dieser Ansatz in den Fokus: Chinastämmige, die im Ausland Spitzen­positionen in Wissenschaft und Forschung besetzen, werden zunehmend ermutigt, nicht dauerhaft nach China zurückkehren, sondern das im Ausland erworbene Wissen bei Kurzaufenthalten im Land weiterzugeben.6

Die globale Wissenszirkulation soll systematisch mit nationalen Innovationszielen verknüpft werden.

Diasporapolitik fungiert an dieser Stelle als Ergänzung industriepolitischer Strategien: Die globale Wissenszirkulation soll systematisch mit nationalen Inno­vationszielen verknüpft werden. Gerade in tech­no­logisch sensiblen Bereichen gewinnt diese Dimension strategisch an Bedeutung, geht es doch darum, Abhängigkeiten ab- und eigene Innovationskapazitäten auszubauen sowie in Zukunftstechnologien die Füh­rung zu übernehmen. Deutschland spielt dabei als Zielraum chinesischer Wissens- und Talentmobilität eine wichtige Rolle.7

»Diskursmacht« und internationale Einflussnahme

Zu den zentralen Veränderungen in der chinesischen Diasporapolitik unter Xi Jinping zählt die Betonung öffentlicher Diplomatie und internationaler Propagan­daarbeit unter Einbeziehung der Auslandschines:in­nen.8 Die chinesische Regierung betrachtet die Dias­pora als grassroots ambassadors, die das Bild Chinas im Ausland positiv beeinflussen, im Sinne der strategischen Interessen des Landes agieren und dessen politischen Einfluss ausweiten sollen.9

Dahinter steht eine breiter angelegte Strategie zur Entfaltung von »Diskursmacht«, also der Fähigkeit Pekings, eigenen Narrativen global Gehör zu verschaffen und Unterstützung für chinesische Positionen in Politik, Medien und internationalen Organisationen zu mobilisieren. Im September 2019 erklärte Xi Jinping auf der Nationalen Konferenz zur Arbeit der Parteischulen, dass China zwar wirtschaftlich und militärisch stark geworden sei, auf der internationalen Bühne jedoch nicht ausreichend gehört werde. Entsprechend sei »das Ringen um Diskursmacht die große Frage, die wir zu lösen haben«.10 Xi kritisierte insbesondere, das internationale Diskurssystem werde vom Westen dominiert, und forderte, sein Land müsse proaktiv »gute Geschichten über China erzählen«11 – das heißt, ein positives Bild Chinas verbreiten, um die internationale Ordnung stärker als bisher mitbestim­men zu können und vermeintliche westliche Fehlwahrnehmungen aktiv zu bekämpfen. Schon auf dem Parteitag des Jahres 2017 war der Aufbau von »Diskursmacht« als offizielles Ziel formuliert worden.12

Infobox 2: Institutionen und Instrumente

■ Abteilung für Einheitsfrontarbeit (UFWD): wichtigste Partei­institution zur Steuerung der Beziehungen zur Diaspora. Zwei der insgesamt zwölf UFWD-Abteilun­gen (das Overseas Chinese Affairs General Bureau und das Overseas Chinese Affairs Bureau) sind für Netz­werkpflege, Einflussnahme und Mobilisierung der Diaspora zuständig.

■ Overseas Chinese Affairs Office (OCAO): früher eigen­ständige Regierungsbehörde, 2018 in die UFWD inte­griert. Die Bezeichnung wird in der Interaktion mit der Diaspora teils aber weiterhin verwendet.

■ Allchinesischer Verband der Rückkehrer aus Übersee: Interessenvertretung von Rückkehrern; Vernetzung mit der Diaspora; übernahm nach 2018 ebenfalls Funktionen des ehemaligen OCAO.

  • Konsulate/Botschaften: Beziehungspflege zu Diaspora­verbänden.

Mit Blick auf die Auslandschines:innen hatte Xi Jinping 2014 erstmals davon gesprochen, dass diese »der Stimme Chinas Gehör verschaffen« und »Geschich­ten über China gut erzählen« müssten13 – konkret also Chinas Außendarstellung aufwerten und dem eigenen Narrativ Deutungshoheit verschaffen. Auch Chinastämmige in Deutschland werden explizit dazu aufgerufen.14

Institutionen und Instrumente

Lange Zeit fungierte das Overseas Chinese Affairs Office (OCAO), angesiedelt im Staatsrat der Volksrepublik (VR) China, als zentrale Institution der Diasporapolitik. Daneben existierte eine über Jahrzehnte gewachsene Zahl weiterer Behörden, die mit der Implementierung der Diasporapolitik betraut waren. 2018 wurde eine grundlegende institutionelle Neuordnung eingeleitet: Seither ist die Diasporapolitik der »Einheitsfrontabteilung« (United Front Work Department, UFWD) unterstellt und damit erstmals unmittelbar der KPCh zugeordnet – also nicht mehr primär staat­lichen Verwaltungsstrukturen, sondern dem Parteiapparat, der im chinesischen System die maßgebliche politische Instanz darstellt.15

Die Idee der Einheitsfront, die ursprünglich auf die revolutionäre Phase der KPCh vor Gründung der Volks­republik China zurückgeht, zielte darauf, nicht-kom­munistische Gruppen inner- und außerhalb Chinas in ein breiteres politisches Bündnis einzubinden, um Unterstützung zu gewinnen und oppositionelle Kräfte zu schwächen. Heute umfasst die Einheitsfrontpolitik ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Mobilisierung und Kontrolle von Akteuren außerhalb der Partei – etwa Privatunternehmer:innen, Minderheiten oder Mitgliedern der chinesischen Diaspora.

Mit der Überführung des OCAO in die Einheitsfront­abteilung der KPCh wurden institutionelle Doppelstrukturen abgebaut und die hierarchischen Zuständigkeiten geklärt. Dadurch ist die Partei in der Lage, Aktivitäten gegenüber Auslandschines:innen kohären­ter als zuvor zu bündeln und zu lenken. Die Reformen unterstreichen den Bedeutungszuwachs der Dias­pora für die strategischen Ziele der Volksrepublik. Durch die Integration in die Einheitsfrontarchitektur wird Diasporapolitik heute als Teil eines umfassenden politischen Steuerungsfeldes verstanden, das Beziehun­gen zu Überseechines:innen systematisch pflegt und ihre Ressourcen in staatliche Entwicklungs- und Ein­flussstrategien einbindet: Diasporapolitik ist heute ein integraler Bestandteil chinesischer Außenpolitik.

Um diese Ziele zu verwirklichen, errichtet der chinesische Parteistaat im Ausland Strukturen, die spezi­ell auf Diasporaangehörige ausgerichtet sind. Dazu gehören Migrantenverbände, aber auch chinesische Sprachschulen für Nachkommen der ersten Ein­wanderergenerationen oder Medienplattformen, die in enger organisatorischer Verbindung zu parteistaat­lichen Stellen stehen. Diese Einrichtungen fungieren als Schnittstellen zwischen chinesischen Akteuren und Diasporagruppen und sollen eine kontinuierliche Mobilisierung der Diaspora ermöglichen. Mitglieder solcher Verbände, Medienschaffende und Schüler:in­nen werden regelmäßig zu Reisen oder Schulungen nach China eingeladen. Solche Programme schaffen Gelegenheiten zur Vermittlung offizieller Positionen und sollen dazu beitragen, politische Loyalität gegenüber China zu festigen. Chinesische Offizielle wiederum statten Diasporaorganisationen im Ausland Besu­che ab, um Kontakte zu pflegen, neue Kooperationen anzustoßen und bestehende Netzwerke zu konsolidieren. Auch chinesische Konsulate und Botschaften spielen hierbei eine Schlüsselrolle.16

Infobox 3: Rechtliche Grundlagen

Die VR China erkennt keine doppelte Staatsangehörigkeit an. Die chinesische Rechtsordnung unterscheidet formal zwischen chinesischen Staatsbürger:innen im Ausland (huaqiao) und ethnischen Chines:innen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (huaren). Zugleich ist Diasporapolitik aber von der Idee geprägt, chinastämmige Personen – unabhängig von ihrem rechtlichen Status als Staats­bürger:in oder Ausländer:in – von nicht-china­stämmi­gen »gewöhnlichen Ausländer:innen« zu unterscheiden. Sowohl huaqiao als auch huaren gelten explizit als Ziel­gruppe der Diasporapolitik. Die rechtliche Kategorie der Staatsbürgerschaft wird folglich durch politische Instrumente ergänzt, die über den reinen Rechtsstatus hinausweisen.

Aufsehen erregt haben in diesem Kontext vor einigen Jahren die »chinesischen Polizeistationen« im Ausland. Nach außen hin Konsular- und Serviceeinrichtungen, können sie zugleich der Beobachtung und Kontrolle von Auslandschines:innen dienen. In Deutschland gab es im März 2023 mindestens zwei solcher Einrichtungen, die als »informelle Außen­posten lokaler chinesischer Polizeieinheiten« fungieren und von Diasporaangehörigen geleitet werden. Neben Rechtsberatung und behördlichen Angelegenheiten (z. B. Führerscheinverlängerung, Beglaubigungen, Heirat, Urkunden etc.) widmen sie sich der Pro­pagierung politischer Leitlinien, sammeln Informa­tionen über Mitglieder der Diaspora17 oder sorgen für die Rückführung chinesischer Staatsbürger:innen.18 Bis­lang sind diese »Polizeistationen« nicht zentral organisiert, sondern gehen auf Initiativen lokaler Akteure auf der chinesischen Kreisebene zurück. Sie lassen sich dennoch als Bestandteil eines transnationalen Steuerungsansatzes und eines neuen Selbstverständnis­ses verstehen, die darauf zielen, Diasporagruppen durch permanent vorhandene Präsenzstellen im Aus­land an sich zu binden und zu kontrollieren.

Es gibt Projekte, systematisch Daten zu Herkunft, Organisationen, Unternehmen und Medien von Diasporaangehörigen zu erheben.

Seit der Corona-Pandemie kommen außerdem zunehm­end digitale Maßnahmen zum Einsatz. Mithilfe moderner Kommunikationstechnologien erproben lokale Behörden in China – darunter Gerichte, Polizei und Justiz – neue Wege, um Diasporaakteure zu erreichen, zu betreuen oder politisch zu steuern.19 Über Kanäle wie Weixin, Apps oder eigens geschaffene behördliche Internetplattformen werden offizielle Dienste wie Online-Gerichtsverfahren, notarielle Beglaubigungen und Chatgruppen zu Rechtsfragen angeboten oder offizielle Narrative und Chinas Kultur im Ausland verbreitet.20 Vorsitzende von Diasporaverbänden vor Ort fungieren dabei als Partner:innen; sie koordinieren diese Angebote und unterstützen die Behörden bei der Umsetzung. Auch gibt es – bislang lokal begrenzte – Projekte, systematisch Daten zu Herkunft, Organisationen, Unternehmen und Medien von Diasporaangehörigen zu erheben.21 Wie die Exis­tenz der »Polizeistationen« verwischt diese seit einigen Jahren betriebene Schaffung digitaler Verwaltungs­strukturen die geographische Distanz zwischen Dias­pora und Herkunftsstaat, der zunehmend nach unmit­telbarer Präsenz im Ausland strebt.

Nicht zuletzt gehören Spionage und transnationale Repression in diesen Kontext. Der chinesische Geheim­dienst kooperiert teilweise mit in Deutschland lebenden Personen chinesischer Herkunft, um Oppositionelle auszuspähen. Das Oberlandesgericht Dresden bestätigte im September 2025 einen solchen Fall und machte deutlich, wie weit Chinas Arm mittlerweile reicht.22

Grenzen der chinesischen Diasporapolitik

Trotz fortschreitender Institutionalisierung bleibt Chinas Diasporapolitik in ihrer Wirkung begrenzt. Zum einen trifft Chinas Politik auf eine hochgradig heterogene Diaspora. Die große Mehrheit der Chinastämmigen in Deutschland ist nicht in Verbänden organisiert, die Verbindungen zur chinesischen Einheitsfront aufweisen. Sind chinesische Vertreter:innen zu Besuch, nehmen häufig nur zehn bis dreißig Personen an Zusammenkünften teil. Die Menschen chinesischer Herkunft in Deutschland lassen sich großenteils nicht politisch vereinnahmen. Selbst jene, die Kontakte zur Einheitsfront unterhalten, tun dies nicht zwangsläufig aus Loyalität oder politischer Überzeugung, sondern auch zur Verfolgung eigener, etwa wirtschaftlicher Interessen. Über Migrantenverbände bleibt der Einfluss Pekings auf chinesische Gemeinden in Deutschland somit überschaubar.

Darüber hinaus arbeiten einige Minderheitengruppen wie die in Deutschland politisch organisierten Uiguren oder Hongkong-Chines:innen aktiv gegen die KPCh. In jüngerer Zeit gab es auch Ad-hoc-Proteste: In den USA, Deutschland und anderen Ländern organi­sierten chinesische Studierende Ende 2022 beispielsweise Demonstrationen, um sich mit den Null-Covid-Protesten in China zu solidarisieren. Noch weniger Wirkung entfaltet Chinas Diasporapolitik unter post­migrantischen Generationen, die sich stärker mit ihren Geburtsländern und deren freiheitlichen Systemen identifizieren als mit dem autoritären China.23

Komplexer fällt die Beurteilung allerdings im Hinblick auf die digitalen Strukturen aus, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben. Im Gegensatz zu den traditionellen Kommunikationskanälen – Migran­tenverbände, Medien und Sprachschulen – sind die neu geschaffenen technikbasierten Diasporastrukturen potenziell niedrigschwelliger zu erreichen und für Außenstehende schwerer zu erkennen. Fallstudien zei­gen, dass digitale Ad-hoc-Netzwerke, die chinesische Behörden mithilfe von Diasporaverbänden etwa wäh­rend der Corona-Pandemie über WeChat aufbauten, rasch enorme Reichweiten erzielten – und auf Anhieb mehr Mitglieder verzeichneten als viele alteingesessene Migrantenvereine: Mit über hundert WeChat-Gruppen mit jeweils etwa 500 Mitgliedern soll es chinesischen Konsulaten gelungen sein, kurzfristig einen erheb­lichen Anteil der chinesischen Diaspora in Europa unmittelbar zu erreichen.24

Zum anderen stößt Chinas Diasporapolitik auch des­halb an Grenzen, weil viele Staaten mittlerweile Maßnahmen gegen die politische Einflussnahme ergreifen. Dazu gehört etwa der kanadische Countering Foreign Interference Act, der nicht zuletzt wegen chi­nesischer Einflussversuche erlassen wurde. In Deutsch­land wird man sich dessen ebenfalls zunehmend gewahr. Ein Beispiel dafür ist, dass die »Polizeistationen« rasch in den Fokus der Sicherheitsbehörden gerieten. Im November 2022 forderte das Auswärtige Amt China schließlich offiziell zur Schließung entsprechender Einrichtungen auf.25

Relevanz für Deutschland

Während sich Chinas Diasporapolitik im Bereich wirt­schaftlicher Zielsetzungen mit deutschen Interessen überschneiden kann, fällt die Bewertung in anderen Bereichen ambivalenter aus.

Nachvollziehbar ist, dass China mithilfe der Dias­porapolitik versucht, den über Jahrzehnte anhaltenden Braindrain umzukehren. Als problematisch erwei­sen sich diese Programme allerdings dann, wenn sie nicht darauf ausgerichtet sind, im Ausland ausgebildete Fachkräfte ins Land zurückzuholen, sondern an Fach­kräfte appellieren, »China vom Ausland aus zu dienen«: Auslandschinesische Fachkräfte sollen dabei nur temporär nach China zurückkehren, um im Ausland erworbenes Wissen zu transferieren, während ihre eigentliche Forschungsinfrastruktur im Ausland ver­bleibt. Auf diese Weise wird hochqualitative Forschung effektiv abgeschöpft. Insbesondere in den USA hat das zu drastischen Gegenmaßnahmen geführt, die For­schungskooperationen mit China stark einschränken.26 Für Deutschland ergeben sich hieraus erhebliche Her­ausforderungen: Einerseits kann Chinas Politik den Diebstahl geistigen Eigentums begünstigen oder sensi­ble Infrastruktur berühren; andererseits bleibt die Forschungskooperation mit China weiterhin in vielen Feldern wünschenswert – etwa in der Klimaforschung. Von deutscher Seite erfordert dies eine sorgfältige Abwägung von Chancen und Risiken der wissenschaft­lichen Zusammenarbeit mit China. Technologiepo­liti­sche Schutzmaßnahmen ostasiatischer Industrienati­o­nen wie Japan und Südkorea zeigen, dass eine stra­te­gische Absicherung sensibler Schlüsseltechnologien und eine selektive Neubewertung der Kooperation mit China keinesfalls zu einer umfassenden wirtschaft­lichen Entkopplung führen müssen.

Problematisch ist zudem die Verbreitung staatlicher Narrative als Bestandteil gezielter Machtpolitik, da diese Problemdeutungen im Sinne der KPCh prägen und zur Legitimation chinesischer Ansprüche und Interessen beitragen sollen – etwa gegenüber Taiwan oder dem Schiedsgericht in Den Haag, das chinesische Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer zurückgewiesen hat. Teils stehen chinesische Positionen dabei deutschen Grundsätzen wie dem Festhalten an der regelbasierten internationalen Ordnung gegenüber. Hier gilt es, entsprechende Resilienz gegen Auslandspropaganda zu entwickeln.

Die Vereinnahmung der Diaspora kann Entfremdung und Desintegration befördern.

Nicht zuletzt läuft Chinas Identitätspolitik der deut­schen Integrationspolitik zuwider. Laut dem deutschen Innenministerium heißt »gelungene Integration« unter anderem, »sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Sie bedeutet die Entwicklung eines gemein­samen Verständnisses, wie wir in der Gesellschaft zusammenleben«.27 »Integration« bezieht sich mithin nicht nur auf Teilhabe, sondern auch auf ein Iden­titätsgefühl. Die Vereinnahmung der Diaspora als unbedingter Teil der chinesischen Nation kann dem­gegenüber Entfremdung und Desintegration befördern. Bemerkenswert ist, dass die KPCh selbst immer wieder an Auslandschines:innen appelliert, sich zu »integrieren« (rongru). Dabei vertritt die Partei aber eine andere, chinazentrierte Auslegung des Begriffs. Danach sollen sich Auslandschines:innen zwar lokal eingliedern, ihre chinesische Identität jedoch aufrecht­erhalten.28 Identität wird hier einseitig über Abstammung und »Blutsbande« definiert und gilt als »natürliche« Zugehörigkeit, die auch durch Migration und Integration nicht aufgehoben wird. Während in Deutschland Identität »auch im Plural« (Inte­grationsbeauftragte) gedacht wird, impliziert das chinesi­sche Verständnis eine ethnisch beziehungsweise rassisch exklusiv gedachte Nation.

Noch problematischer ist, dass damit zugleich politische Verpflichtungen verknüpft werden. Laut dem Politmagazin »Wahrheitssuche«, das als Organ der KPCh fungiert, können Auslandschines:innen »ihre Vor­teile in Sprache, Kultur und grenzüberschreitender Ver­netzung nutzen, um Chinas Stimme Gehör zu verschaffen«.29 Für die deutsche Politik ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Integrationspolitik konsequent auf gesellschaftliche Zugehörigkeit und Teilhabe sowie auf individuelle Bürgerrechte auszurichten und zugleich Strategien zu entwickeln, die Versuche exter­ner Loyalitätsmobilisierung erkennen und begrenzen, ohne die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen chi­nesischer Herkunft zu beeinträchtigen.

Die Diasporapolitik Eritreas

Gerrit Kurtz

Für das streng autokratische Eritrea spielt die Dias­pora eine zentrale Rolle für den Regimeerhalt. Nach Jahrzehnten der Auswanderung ist die eritreische Gesellschaft zu weiten Teilen transnational zu verstehen. Politische Auseinandersetzung findet beinahe ausschließlich im Ausland statt, da organisierte Oppo­sition, freie Presse und Versammlungsfreiheit im Land selbst untersagt sind. Der Staat unter der Führung von Präsident Isaias Afwerki kontrolliert die eritreische Gesellschaft umfassend und versucht dies mit transnationaler Repression auch dort zu erreichen, wo die Freiräume größer sind. Dies ruft bisweilen gewaltsame Gegenaktionen einzelner Diasporagruppen hervor. In Deutschland reagierten Politik und Medien darauf mit teilweise pauschalisierenden und fremdenfeindlichen Aussagen. Damit laufen sie jedoch Gefahr, das von Eritrea gepflegte Narrativ einer Nation, die stets Opfer imperialer Großmachtpolitik war, zu untermauern. Gleichzeitig unterstützt Eritrea bewaffnete Akteure am Horn von Afrika und sieht sich mit äthiopischen Kriegsdrohungen konfrontiert. Eine konstruktive deutsche Politik gegenüber Eritrea sollte somit innen- und außenpolitische Erwägungen berücksichtigen.

Gründe für die Emigration

Auswanderung aus Eritrea ist eng mit der politischen Entwicklung des Landes verbunden. Hunderttausende verließen während des dreißigjährigen Unabhängigkeitskriegs das Land, der 1991 mit dem Ende des Derg-Regimes in Addis Abeba und der Einnahme Asmaras durch die Eritreische Volksbefreiungsfront (Eritrean People's Liberation Front, EPLF) endete. Die Unabhängigkeit von Äthiopien folgte zwei Jahre später. Nach dem Krieg zwischen den ehemaligen Verbündeten Äthiopien und Eritrea in den Jahren 1998 bis 2000 setzte die Regierung von Präsident Isaias Afwerki ab 2001 auf interne Repression und Militarisierung, die seitdem insbeson­dere jüngere Menschen in die Flucht treiben. Je nach eigener bzw. familiärer Erfahrung mit dem Unabhängigkeitskampf oder mit der anschließenden Unterdrückung setzt sich die Diaspora heute sowohl aus Befürwortern der eritreischen Regierung als auch deren entschiedenen Gegnern sowie Menschen zusam­men, die sich nicht politisch engagieren. Daraus ergibt sich auch ein Generationenkonflikt.

Der Nationaldienst, der einem Zwangsarbeitsdienst gleichkommt, ist einer der Hauptfluchtgründe.

In Eritrea haben seit der Unabhängigkeit 1993 keine Wahlen stattgefunden, das Parlament ist seit 2002 nicht zusammengetreten.1 Die eritreische Regierungs­partei Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (People’s Front for Democracy and Justice, PFDJ), die Nachfol­gerin der EPLF, verfolgt seit dem Krieg gegen Äthiopien einen Kurs der nationalen Entwicklungsautonomie und autoritären Sicherheit; die Rechte des Individuums werden dem Staat untergeordnet.2 Alle jungen Menschen müssen einen unbefristeten sogenannten Natio­naldienst in Militär oder Arbeitsdienst ableisten, aus dem sie teilweise erst nach Jahrzehnten entlassen wer­den. Dabei werden sie oft weit weg von ihren Familien eingesetzt und schlecht bezahlt. Sexuelle Gewalt, Folter und erniedrigende Behandlung sind im Nationaldienst laut unabhängigen Berichten weit verbreitet.3 Der Nationaldienst, der einem Zwangsarbeitsdienst gleichkommt, ist einer der Hauptfluchtgründe;4 hinzu kommt, dass der Bevölkerung in der staatlich durchkontrollierten Wirtschaft nur begrenzt Entwicklungs­möglichkeiten zugestanden werden.

Politische Entfaltung außerhalb des Systems ist in Eritrea verboten. Das Land belegte im Jahr 2025 den letzten Platz im Ranking für Pressefreiheit, das die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen regelmäßig erstellt.5 Private Versammlungen von mehr als sieben Personen bedürfen einer regierungsamtlichen Erlaubnis.6 Die Gesellschaft ist durch PFDJ-Organisationen, zum Beispiel für Frauen, Studierende und Jugendliche, straff durchstrukturiert. Diese Orga­nisationen sind auch im Ausland aktiv.

Motivation und Ziele: Die vierte Front

Die eritreische Diasporapolitik folgt den Maßgaben der innenpolitischen Repression und der außenpolitischen Einflussnahme, mit der das Regime in der Region agiert. Sie dient primär drei Zwecken: der Finan­zierung des Staates, der Legitimierung des Regimes sowie der Unterdrückung bzw. Schwächung der Oppo­sition.

Damit ist sie von zentraler Bedeutung für den Erhalt des autoritären Regimes. Eine sehr kleine Elite von Offizieren und Parteikadern kontrolliert das Land. Die Wirtschaft basiert zu weiten Teilen auf einer Landwirtschaft, die ohne künstliche Bewässerung auskommen muss und damit anfällig für Dürren ist, sowie auf großen Bergbauprojekten. Daneben spielen wohl illegale Aktivitäten wie Schleusertum und Schmuggel (unter anderem von Waffen und Gold) eine wichtige Rolle. So werfen lokale äthiopischen Behörden in Tigray7 dem Land vor, Goldvorkommen in der Region ausbeuten zu lassen bzw. das Edelmetall zu schmuggeln, offensichtlich in Kooperation mit Offizieren der Tigray Defence Forces (TDF).8 Außerdem soll es vom Sesamhandel in West-Tigray profitieren. Die Region wird seit Beginn des Kriegs im Norden Äthiopiens im November 2020 von amharischen Milizen kontrolliert, die zuvor von Eritrea ausgebildet worden waren.9 Im Kriegsverlauf sollen zudem eritreische Militäreinheiten eine großangelegte Plünderungsaktion in Tigray durchgeführt haben.10

Eritrea hat noch nie einen Staatshaushalt veröffent­licht, und auch die Zusammenarbeit mit internationalen Finanzinstitutionen fällt (mit gewisser Ausnahme der Afrikanischen Entwicklungsbank) gering aus. Belast­bare Zahlen liegen nicht vor. Schätzungen zufolge stellt jedoch die Ausbeutung der Auslandseritreer:in­nen die »konstanteste und unverzichtbare Einkommensquelle des Regimes« dar. Zumindest laut rund zwanzig Jahre alten Angaben könnte die Diaspora für ein Drittel der Staatseinnahmen sorgen,11 sowohl über Besteuerung als auch durch Rücküberweisung privater Gelder. Letztere gehen zwar an Familien­angehörige, lindern aber damit den Druck auf das System, in ausreichendem Maße Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung zu schaffen. Zudem profitiert der Staat von der Kontrolle der Zahlungs­kanäle, einschließlich des informellen, transnationalen Zahlungssystems Hawala.12

Die weiteren Ziele der eritreischen Diasporapolitik sind politischer Natur. Es geht darum, eine dem Regime gegenüber loyale Gemeinschaft zu formen, diese in Entwicklungsprojekte in Eritrea einzubinden und zur Überwachung der Landsleute im Ausland zu ermutigen. Wer sich als regimetreu erweist, darf das Heimat­land auch regelmäßig besuchen. Das eritreische Infor­mationsministerium beschreibt die Diaspora-Mitglieder als

»ambassadors without portfolios because they repre­sent their homeland’s interests in their host coun­tries. They defend Eritrea’s sovereignty and policy positions in foreign land to promote its national interests. They are increasingly seen as a national resource in their performance in public diplo­macy.«13

Infobox 1: Die eritreische Diaspora in Zahlen

Zahlen in Bezug auf die eritreische Bevölkerung sind mit großer Vorsicht zu betrachten, da es nie einen Zensus gab. Die Verein­ten Nationen schätzten die einheimische Bevölkerung im Jahr 2025 auf 3,6 Millionen.a Zusätzlich gibt es laut dem UN-Hoch­kommissar für Flüchtlinge (UNHCR) rund 686.000 aus Eritrea Vertriebene, die meis­ten davon in Äthiopien (rund 180.000) und im Sudan (rund 138.000). Deutschland ist mit rund 70.000 Personen das drittgrößte Aufnahmeland eritreischer Geflüchteter.b Darüber hinaus leben vermutlich 1,2 Millionen bis 1,8 Mil­lionen Eritreastämmige im Ausland, darunter Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft oder Nachkommen von Migran­ten.c 2025 machten Eritreer:innen mit 7.583 Men­schen die drittgrößte Bevölkerungsgruppe (11,4 Prozent) aus, denen die Flucht über das Mittelmeer nach Italien gelang.d Es gibt keine aktuellen Zahlen zur Höhe der eri­treischen Rücküberweisungen.

a UN Population Division, Data Portal, <https://tinyurl.com/ 5ec6bw6t> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

b UNHCR, Refugee Data Finder, <https://www.unhcr.org/ refugee-statistics/download> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

c Hirt/Mohammad, »By Way of Patriotism, Coercion, or Instrumentalization« [wie Fn. 11].

d UNHCR, Most Common Nationalities of Sea Arrivals (Since 1st January 2025), 31.12.2025, <https://tinyurl.com/ bdkfhbvk> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026)>.

Die eritreische Regierung spricht in diesem Zusam­menhang auch von der Diaspora als »vierter Front«, die neben den militärischen Frontabschnitten im Wes­ten, Zentrum und Osten Eritreas der militärischen und politischen Landesverteidigung diene.14 Diese Bezeichnung lässt den Unterschied zwischen Zivil­bevölkerung und Militär bewusst verschwimmen.15

Dementsprechend zielt die Diasporapolitik gleichzeitig darauf, Opposition zur PFDJ zu unterbinden. Infiltration, Überwachung und Einschüchterung bis hin zum Einsatz von Gewalt durch paramilitärische Gruppen wie Eri Blood sollen Diasporamitglieder daran hindern, sich jenseits der regimetreuen Institutionen politisch zu engagieren.16 Tatsächlich ist die eritreische Opposition gespalten und verfügt weder über eine führende Partei noch eine Führungsfigur.

Institutionen und Instrumente

Eritreas totalitäres politisches System findet in den Institutionen der Diasporapolitik seinen Niederschlag. Neben den Auslandsvertretungen unterhält die Regie­rungspartei PFDJ in den Wohnländern nationale Ableger ihrer Gliederungen für Jugendliche, Frauen und Studierende. Das gilt auch für Deutschland. Über Treffen und Aktivitäten dieser Institutionen gibt unter anderem die Website des eritreischen Informationsministeriums Auskunft.17

Hinzu kommen eritreische Kulturvereine, soge­nannte Mahbere-koms. Regimetreuen Diasporamitgliedern stehen außerdem Sprachkurse, apolitisch wirkende Kulturangebote oder Auszeichnungen offen. Eritreisch-orthodoxe Kirchengemeinden in der Dias­pora dienen der Überwachung und Repression, indem sie das Abhalten von Taufen oder Hochzeiten von der Begleichung der Aufbausteuer abhängig machen und Gläubige mit abweichenden politischen Ansichten ausschließen.18 Dies ist besonders problematisch, weil die orthodoxe Kirche im gesellschaftlichen Leben der Eritreer:innen eine wichtige Rolle spielt. Wie im Inland zielt der eritreische Staat also darauf, dass sich Eri­treer:innen in der Diaspora gegenseitig überwachen und zur Loyalität gegenüber der PFDJ drängen. Oppositionelle Diasporamitglieder berichten von Informanten-Netzwerken und davon, dass kritische Aktivitäten ihrerseits zu Repressalien gegenüber Familienangehörigen im Heimatland führen können.19

Infobox 2: Wichtige Institutionen der Diasporapolitik

■ eritreische Auslandsvertretungen (Botschaften und Konsulate)

■ PFDJ-Deutschland sowie Young People’s Front for Demo­cracy and Justice und andere Gliederungen der Regie­rungspartei im Ausland

■ Mahbere-koms (Kulturvereine, die auch der Über­wachung und Steuereintreibung dienen)

■ Zentralrat der Eritreer in Deutschland e.V. (Dach­organisation regimetreuer Vereine)

Zentrale Instrumente der eritreischen Diaspora­politik sind kulturelle und politische Veranstaltungen, die von den Botschaften, Konsulaten oder Parteiorga­nisationen beispielsweise im Zusammenhang mit dem eritreischen Unabhängigkeitstag am 24. Mai oder dem Märtyrertag am 20. Juni ausgerichtet werden.

Besondere Aufmerksamkeit haben in den letzten Jahren sogenannte Eritrea-Festivals erlangt. Diese gehen zurück auf die Zeit des Unabhängigkeitskriegs; das erste fand 1974 in Bologna statt.20 Es diente dazu, die Menschen im Exil mit dem nationalen Freiheitskampf zu verbinden und Gelder für die EPLF zu sammeln. Hier konnte man sich treffen, austauschen und der Heimat gedenken. Kulturelle und politische Zwecke wurden damals wie heute vermischt. Heute finden solche Festivals überall dort statt, wo es eine größere eritreische Diaspora gibt, unter anderem in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. Dabei finden sich Regierungsvertreter unter den Rednern, die eigens für diesen Zweck anreisen. So war es auch 2023 in Gießen der Fall, wo alle sechs Gou­verneure der eritreischen Regionen auftreten durften.21 Der hiesige Veranstalter – der Zentralrat der Eritreer in Deutschland e.V., der enge Beziehungen zur PFDJ unterhält – bewirbt die Festivals allerdings hauptsächlich als kulturelle Treffen.

Ein weiteres wichtiges Instrument der Diaspora­politik ist die Aufbausteuer, auch Zwei-Prozent-Steuer genannt, weil sie zwei Prozent vom Einkommen betra­gen soll. Sie gilt seit 1995. Exil-Eritreer:innen müssen diese abführen, um an konsularische Dienstleistungen wie Pässe zu gelangen, Erbschaften antreten oder Landgeschäfte tätigen zu dürfen. Trieben Auslandsvertretungen das Geld früher direkt ein, sollen Exil-Eritreer:innen es jetzt ins Land überweisen, wo die Familienangehörigen die Steuer bezahlen müssen.

Regimegegner fürchten Repressalien, wenn sie die Aufbausteuer nicht zahlen.

Verschärft wurde die Praxis durch die sogenannte Reueerklärung. Damit müssen Menschen, die aus Eritrea geflohen sind und in den letzten Jahren keine Aufbausteuer gezahlt haben, offiziell erklären, dass sie ihr Verhalten bereuen und für die aufgelaufenen Steuern aufkommen.22 Tun sie dies nicht, fürchten Regimegegner Repressalien, sowohl für sich selbst als auch für Angehörige in Eritrea, die ihre Geschäfts­lizenz verlieren könnten. Bevor eritreische Auslands­vertretungen konsularische Dienstleistungen wie die Ausstellung von Geburtsurkunden oder Pässen erbrin­gen, verlangen sie Belege über die Zahlung der Steuer. Im Gegenzug für die Zahlung erteilen sie Auslands­eritreer:innen einen »Diaspora-Status«, der es ihnen ermöglicht, nach Eritrea ein- und wieder auszureisen (und Devisen ins Land bringen).23 Dieses System ist »central to control by Eritrea of its expatriates, as well as a key financial tool for the Government to secure offshore revenue from its global diaspora«, schreibt der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Eritrea.24

Infobox 3: Eritreische Staatsbürgerschaft

In Eritrea wird die Staatsbürgerschaft durch Geburt erworben (Art. 3 Abs. 1 der eritreischen Verfassung von 1997) und kann auch an Kinder von mindestens einem eritreischen Elternteil weitergegeben werden, die im Ausland geboren werden. In diesem Falle kann eine eritreische Auslandsvertretung die Staatsbürgerschaft bescheinigen. Deutsche Verwaltungsgerichte gehen davon aus, dass auch die Nachkommen von Menschen eritreischer Herkunft (das heißt Personen, die vor 1933 auf heute eritreischem Staatsgebiet lebten) ihre Staatsbürgerschaft über mehrere Generationen in diesem Sinne weitergeben.a

a Verwaltungsgericht Hannover, Urteil vom 23.1.2018, Az.: 3 A 6312/16, <https://tinyurl.com/ 2c3ku4cf> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

Die deutsche Migrationspolitik trägt bisweilen zu diesem System bei. Eritreische Geflüchtete erhalten in der Regel nur subsidiären Schutz, weil der eritreische Nationaldienst nicht als spezifische Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zählt. 2022 entschied das Bun­desverwaltungsgericht, dass Behörden von subsidiär Schutz­berechtigten aus Eritrea nicht verlangen dürften, bei einer eritreischen Auslandsvertretung einen Reisepass zu beantragen, weil sie dafür die »Reueerklärung« unterzeichnen müssten.25 Diaspora­mitglieder berichten, dass lokale Behörden diese Entscheidung nicht einheitlich umsetzten, zumal sie nicht ohne Weiteres auf die Beschaffung anderer Dokumente angewandt werde. Von Eritreer:innen, die sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühen, werde überdies die Vorlage einer eritreischen Geburts­urkunde verlangt, die ebenfalls nur von der Auslandsvertretung zu erhalten sei.

Stabilisierung des Regimes und transnationale Repression

Dank seiner Diasporapolitik hat das eritreische Regime Zugriff auf eine transnationale Gemeinschaft, deren Loyalität bisweilen so weit reicht, dass sie die eigenen Landsleute im Ausland kontrolliert und überwacht. Eritrea erhebt im Ausland außerdem eine »Aufbausteuer«, deren Eintreibung die Wohnländer zwar begrenzen, aber letztlich nicht verhindern können. Die eritreischen Behörden zeigen sich insofern anpassungsfähig.

Auch die Massenflucht vor allem jüngerer Menschen weiß die Autokratie für sich zu nutzen. Zwar untergräbt die Migrationsbewegung den Entwicklungs- und Legitimitätsanspruch der Regierung, aber sie beschert dem Land Einkünfte und wirkt damit stabilisierend auf die Verhältnisse.26 Während das Regime die legale Auswanderung erschwert, verdient es am Menschenschmuggel von und über Eritrea mit.27

Die transnationale Repression provoziert Gegenreaktionen.

Die Erfolge der transnationalen Repression, die zum Kern der eritreischen Diasporapolitik gehört, markieren indes gleichzeitig ihre Grenzen. Denn sie provoziert Gegenreaktionen. So bildete sich im Ausland eine ebenfalls transnational agierende Opposition, die den bewaffneten Kampf nach Eritrea tragen möchte: Die dezentral organisierte Brigade N’Hamedu, auch »Blaue Revolution« genannt, unterhält mittlerweile in verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, Ableger und zielt auf den Sturz des Regimes. In den Wohnländern wurden sie vor allem dadurch bekannt, dass ihre Mitglieder in mehrere gewalttätige Ausschreitun­gen im Zusammenhang mit Eritrea-Festivals verwick­elt waren, etwa in Stuttgart und Gießen 2022 und 2023. Regimetreue Vereine wie die Deutsch-Eritreische Gesellschaft bemühten Hyperbeln, wenn sie die Gewalt als »zivilisatorische[n] Bruch« bezeichneten und vor der »mediale[n] Dämonisierung und Stigmatisierung Eritreas« warnten.28 Denn die Ausschrei­tungen lenkten auch Aufmerksamkeit auf die autoritäre Praxis des Heimatlandes und dessen repressive Diaspora­politik. Das Europäische Parlament erwähnte Eritrea 2025 in einer Resolution zum Thema Schutz von Menschenrechtsverteidiger:innen vor transnationaler Repression.29 Die Brigade N’Hamedu, die eigenen Angaben zufolge nach dem gewaltsamen Sturz der Regie­rung in Eritrea ein »gerechtes und demokratisches Land« anstrebt,30 hat derweil ein Büro in Äthi­opien eröffnet, wo es Eritreer:innen mobilisiert.

Relevanz für Deutschland

Eritreas totalitäres politisches System und transnationale Repression bedeuten für die deutsche Außen­politik, dass die Regierung von Isaias Afwerki als Partner nicht infrage kommt. Die diplomatischen Beziehungen werden auch dadurch erschwert, dass Deutsch­land keinen akkreditierten Botschafter mehr in Asmara hat, seit das Regime den damaligen Leiter der Auslandsvertretung im Juni 2022 wegen einer angeblich nicht genehmigten Reise des Landes verwies.

Gleichwohl sucht Deutschland Gesprächskanäle nach Asmara, weil die Spannungen in der Region zunehmen und Berlin an Deeskalation gelegen ist. Eritrea mischt sich traditionell immer wieder in die Konflikte am Horn von Afrika ein.31 Gleichzeitig spricht die äthiopische Regierung immer häufiger Drohungen gegenüber Eritrea aus, was zum einen die Gefahr eines erneuten zwischenstaatlichen Krieges erhöht und zum anderen Isaias erlaubt, den National­dienst und die Militarisierung der Gesellschaft weiter­hin zu rechtfertigen. Europäische Interessen an einem Rückgang der Migration aus Eritrea lassen sich aber weder durch Drittstaaten-Abkommen noch gar durch (bislang nicht erfolgte) Abschiebungen durchsetzen. Die Flucht aus Eritrea wird erst aufhören, wenn die insbesondere mit dem Nationaldienst verbundene Repression nachlässt.

Derweil tut sich die deutsche Politik schwer damit, einen konstruktiven Umgang mit der eritreischen Diaspora(politik) zu finden. Insbesondere die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Zuge der Eritrea-Festivals in Gießen und Stuttgart 2022/23, bei denen auch zahlreiche Polizisten verletzt wurden, sorgten für Aufmerksamkeit und zogen Strafprozesse wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung nach sich. Im März 2025 ließ die Bundesanwaltschaft darüber hin­ausgehend wegen des Verdachts auf Gründung und Mitgliedschaft in einer inländischen terroristischen Ver­einigung Objekte von 17 Beschuldigten durchsuchen. Sie zählten zur Brigade N’Hamedu, und diese habe, so der Anfangsverdacht, die Gewalt gegen die Veranstalter der Festivals und zu deren Schutz abgestellte Polizis­ten gezielt geplant.32

Eritreische Diasporagruppen der Opposition beklagen daher Ungleichbehandlung durch den deutschen Staat: Die von Regimetreuen organisierten Festivals zuguns­ten eines autoritären Staates dürften stattfinden, wäh­rend sie selbst sowohl von deutschen Sicherheitsbehörden als auch eritreischen Handlangern überwacht würden. Ermittlungen wegen möglicher Gesetzesverletzungen gegen die oppositionelle Dias­pora scheint es kaum zu geben, teils vermutlich, weil Überwachung schwer nachzuweisen ist, teils aus Furcht der Betroffenen vor Repressalien. Das Vor­gehen der Bundesanwaltschaft empfanden einige jedenfalls als Einschüchterungsversuch, weshalb sie davon absahen, eine Gegendemonstration zum Eritrea-Festival in Hessen, das 2025 in Hofheim am Taunus stattfand, zu organisieren.33

Hier stehen die Behörden also vor der Heraus­forderung, einerseits grundgesetzlich garantierte Frei­heiten wie das Versammlungsrecht und die Meinungsfreiheit vor Repression zu schützen, die transnational oft innerhalb der Diaspora-Community gegen Oppositionelle ausgeübt wird, und andererseits das staatliche Gewaltmonopol mithilfe der rechtsstaatlich gebotenen Instrumente durchzusetzen. Außerdem müssen sie die politisch gewollte Abwehr von Migration mit dem Schutz vor Repression in Einklang bringen, den auch subsidiär Schutzberechtigte genießen. Einer neuen Handlungsempfehlung zufolge, die das Bundes­innenministerium im Januar 2026 in Absprache mit den Ländern herausgab, können Ausländerbehörden von eritreischen Staatsangehörigen durchaus verlangen, einen Pass bei der Botschaft zu beantragen. Nur die Unterzeichnung einer Reueerklärung sei – gemäß dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2022 – unzumutbar, nicht aber die bloße Vorsprache bei der Botschaft. Erst wenn die betreffende Person plausibel darzulegen in der Lage sei, dass sie eine Reueerklärung werde abgeben müssen, sei auf die Vorsprache bei der Botschaft zu verzichten.34

Letztlich sind Politik und Behörden in Deutschland gefordert, der transnationalen Natur der eritreischen Diasporapolitik gerecht zu werden. Im Zuge des Gewalt­ausbruchs in Gießen 2023 warnte die damalige Bun­desinnenministerin Nancy Faeser, ähnlich wie andere politisch Verantwortliche: »Ausländische Konflikte dürfen nicht in unserem Land ausgetragen werden.«35 Damit verkannte sie allerdings die Tatsache, dass politische Konflikte in Eritrea gar nicht ausgetragen werden können. Organisierte Kritik ist nur in der Diaspora möglich. Hier gibt es demokratische Freiheiten und Räume, die eine ihrerseits grenzüberschreitende Öffentlichkeit ermöglichen. Statt sich von rechtsgerichteten, pauschalisierenden Diskursen36 wie im Umfeld der Ausschreitungen 2023 treiben zu lassen, sollte Deutschland sich als Teil dieser Öffentlichkeit verstehen und die – gewaltfreie – politische Auseinandersetzung in der Diaspora schützen.

Indien: Diasporapolitik zwischen Mobilisierung und Fragmentierung

David Kipp / Christian Wagner

Indien1 hat mit etwa 35 Millionen Menschen eine der weltweit größten, wenn nicht die größte Diaspora.2 Die indische Diasporapolitik wird erst seit den 2000er Jahren in den wichtigsten Zielländern systematisch verfolgt und ist damit vergleichsweise jung. Sie steht damit vor der Herausforderung, die Vielfalt der indi­schen Diaspora in sprachlicher und religiöser Hinsicht, aber auch hinsichtlich der unterschiedlichen historischen Wanderungsbedingungen zu berücksichtigen.

Auch wenn es Migration von Inder:innen nach Deutschland bereits seit den 1960er Jahren gibt, hat sie erstmals Anfang der 2000er Jahre größere Aufmerksamkeit bekommen, als in einem Landtagswahlkampf gegen die Anwerbung indischer IT-Fach­kräfte mit der Wahlkampfparole »Kinder statt Inder« Stimmung gemacht wurde. Seit Mitte der 2010er Jahre hat sich die Wahrnehmung indischer Migration in der Mehrheitsgesellschaft – vor allem wegen der wirt­schaftlichen Vorteile der Zuwanderung indischer Fach­­kräfte in MINT-Berufe – zum Positiven gewandelt.

Die politische Mobilisierung der indischen Dias­pora befindet sich in Deutschland – im Unterschied zu den anderen in dieser Studie diskutierten Fall­beispielen – noch in einer Frühphase. Es lassen sich aber aus den Erfahrungen deutlich größerer indischer Diasporagruppen in anderen Zielländern Lehren ableiten. Indien gilt zwar als weltweit größte Demo­kratie, doch haben sich seit der Regierungsüber­nahme der Bharatiya Janata Party (BJP) unter Premier­minister Narendra Modi im Jahr 2014 die autokratischen Tend­enzen verstärkt. Das schwedische V-Dem Institut stuft Indien deshalb nur noch als elektorale Autokratie ein.3

Motivation und Interessen der indischen Diasporapolitik

Indische Regierungen haben eine wechselhafte Politik gegenüber ihrer Diaspora verfolgt. Hatte sich Premier­minister Nehru in den 1950er Jahren noch für eine Eingliederung der indischstämmigen Diaspora in ihre neuen Heimatländer ausgesprochen, so erfuhr die Dias­pora unter der ersten BJP-Regierung von A. B. Vajpayee ab 1999 eine Neubewertung. Drei Motive waren und sind nach wie vor dafür maßgeblich. Erstens war es das wirtschaftliche Potenzial der Diaspora, das als wichtiger Faktor für die Entwicklung des Landes betrachtet wurde. Dabei handelt es sich neben monetären Rück­überweisungen auch um nichtfinanzielle Transfers. So kehren einige Migrant:innen zurück oder investieren in Indien – ein Phänomen, das als brain circulation bekannt ist. Dieser Effekt wurde besonders beim Aufstieg des IT-Sektors offenkundig: Die indische Diaspora in den USA brachte, geprägt durch ihre Erfah­rungen im Silicon Valley, technisches Know-how, Marktkenntnisse und internationale Geschäftspraktiken nach Indien und trug damit maßgeblich zur globalen Wettbewerbsfähigkeit der indischen Tech-Branche bei.4 Gleichzeitig ist das Ausmaß dieser Effekte empirisch schwer zu fassen, und Experten zweifeln, ob die indische Regierung wirklich erfolgreich darin ist, dieses Potenzial systematisch für die Entwicklung des Landes zu nutzen.5

Premierminister Modi hat das Werben um die Diaspora seit seinem Regierungsantritt 2014 noch einmal intensiviert.

Zweitens galt und gilt die Diaspora als Soft-Power-Instrument und strategisches Gut.6 Mit dem Bild der »globalen indischen Familie« sollte das internationale Ansehen Indiens aufgewertet werden.7 Eine ähnliche Funktion ist dem internationalen Yoga-Tag am 21. Juni und dem von Premierminister Modi immer wieder betonten Selbstbild Indiens als Vishwaguru, als Lehrer der Welt, zugedacht. Modi hat das Werben um die Diaspora seit seinem Regierungsantritt 2014 noch einmal intensiviert. Er bemüht sich bei seinen Auslandsreisen meist offensiv um die Auslands­inder:innen. So hielt er bei einem Besuch in den USA im September 2019 eine Rede vor etwa 50.000 Angehörigen der indischen Diaspora in Houston.8 Nicht nur bei dieser Gelegenheit betonte Modi vor allem die Erfolge Indiens und seiner Regierung und forderte seine Landsleute auf, an dieser Erfolgsgeschichte teil­zuhaben.9 Ähnliche Auftritte absolvierte er während seiner Reisen nach Großbritannien und Australien. Aber auch Besuche in afrikanischen Staaten nutzte der Premier, um sich an die dortigen indischstämmigen Gemeinschaften zu wenden.

Infobox 1: Zahlen zur indischen Diaspora

Die indische Diaspora verteilt sich heute auf 207 Staaten, der Großteil lebt allerdings in den Golf­staaten und den klassischen westlichen Einwanderungsländern.a Die mit rund 5,7 Millionen Menschen größte Gruppe der über 35 Millionen Diasporaangehörigen hat in den USA ihren Wohnsitz.b Auf Platz zwei folgen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 3,89 Millionen, vor Malaysia mit 2,93 Millionen und Saudi-Arabien mit 2,75 Millio­nen Menschen.

Deutschland ist als Zielland hingegen erst in den letzten Jahren für indische Migrant:innen interessant geworden. Wurden hier 2005 noch rund 40.000 indi­sche Staatsangehörige gezählt, sind es im Jahr 2026 mehr als 300.000. Der starke Anstieg geht vor allem auf Bildungs- und Erwerbsmigration zurück, während Fluchtmigration aus Indien eine geringe Rolle spielt. Unter den Drittstaaten hat sich Indien inzwischen zum wichtigsten Herkunftsland von Erwerbsmigration nach Deutschland entwickelt. Mit über 60.000 Studierenden machen indische Staatsangehörige mittler­weile außerdem die größte Gruppe internationaler Stu­dierender an deutschen Hoch­schulen aus.

Im Zuge des Zuwachses hat sich das sozioöko­nomische Profil der indischen Migrant:innen diversi­fiziert. Während seit 2023 weniger Blaue Karten an hochqualifizierte Fachkräfte vergeben

werden, nimmt die Zuwanderung über Chancenkarte, Ausbildungs­visa und vor allem das Studium zu.c Offen bleibt, ob damit auch weniger privilegierten Teilen der indischen Mittelschicht ein sozialer Aufstieg ermöglicht wird.

Indien bleibt weltweit Spitzenreiter bei Rücküberweisungen (über 135 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024/25).d Der aus Deutschland stammende Anteil ist bislang vergleichsweise gering, steigt aber deutlich (von 87 Millionen Euro im Jahr 2021 auf 227 Millio­nen Euro im Jahr 2025).e

a »Where the World’s Indians Live« [wie Fn. 2].

b Ebd.

c David Kipp, Migrationswunder Indien? Chancen und Heraus­forderungen der indischen Migration nach Deutschland, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, August 2025 (SWP-Studie 12/2025), S. 13, doi: 10.18449/2025S12.

d »Where the World’s Indians Live« [wie Fn. 2].

e Deutsche Bundesbank, Heimatüberweisungen und Arbeit­nehmerentgelte, Frankfurt a. M. 2026, <https://tinyurl.com/ 4nnpuxnd> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

Drittens gibt es ideologische Motive für die zuneh­mende Relevanz der indischen Diasporapolitik. Das Ziel von Premierminister Modi, Indien in eine Hindu-Nation zu verwandeln, geht mit dem außenpolitischen Anspruch der Schaffung einer weltweiten Hindu-Gemeinschaft einher.10 Getragen wird dieser Versuch von der Hindu-nationalistischen Nationalen Freiwilligenorganisation (Rashtriya Swayamsevak Sangh, RSS) und angegliederten Organisationen wie dem 1964 gegründeten Hindu-Weltrat (Vishwa Hindu Parishad, VHP).11 Dagegen sehen sich zahlreiche Personen aus der Diaspora, die die Modi-Regierung kritisierten, mit Einschüchterungsmaßnahmen wie dem Entzug ihrer Rechte als Overseas Citizens of India (OCI) konfrontiert.12 Menschenrechtsorganisationen kritisieren daher, dass sich die unter Modi verschärften autokratischen Tendenzen in Form von Repression regierungskritischer Personen auch in Zielländern manifestieren.13

Entwicklung der indischen Diaspora

Die indische Diaspora hat ihre Ursprünge vor allem in der britischen Kolonialzeit, teils aber auch in vor­kolonialen Handelsnetzwerken in Ostafrika und Süd­ost­asien. Seit dem 19. Jahrhundert lassen sich mehrere Migrationsphasen unterscheiden: Zunächst wurden einfache Arbeitskräfte aus Britisch-Indien als sogenannte indentured labour in andere Teile des Empires verschifft. Nach der Unabhängigkeit zog es geringqualifizierte Arbeitskräfte in die Golfstaaten, gefolgt von hochqualifizierten Migrant:innen in west­liche Industrieländer. In jüngerer Zeit kommen ver­stärkt Wohlhabende und Studierende hinzu.14 Nur wenige andere Diasporagruppen dürften einen so bemerkenswerten politischen Einfluss erlangt haben. Bis heute haben Menschen indischer Abstammung insgesamt 32 Regie­rungschefs in verschiedenen Ländern gestellt.15

Entsprechend den unterschiedlichen historischen Wanderungsbedingungen unterscheidet die indische Regierung die Diaspora in zwei Gruppen. Rund 16 Milli­onen Menschen gelten als Non-Resident Indians (NRIs). Dies sind indische Staatsangehörige, die dauerhaft im Ausland arbeiten und sich in der Diaspora häufig ent­lang ihrer regionalen Herkunft in Indien, ihrer sprach­lichen Zusammengehörigkeit oder ihrer Kastenzugehörigkeit organisieren und meist einen Bezug zur Heimat aufrechterhalten.16 Weitere 19,5 Millionen Menschen werden in den Statistiken als Personen indischer Abstammung (Persons of Indian Origin, PIOs) erfasst.17 Diese Personen haben ihre indische Staatsbürgerschaft abgelegt und die eines anderen Staates angenommen. Zum größten Teil handelt es sich bei dieser Gruppe um Menschen, deren Vorfahren durch die britische Kolonialmacht in andere Teile des bri­tischen Empires verschifft wurden.18 Aufgrund dessen haben viele PIOs kaum noch einen Bezug zu ihrem Herkunftsland und haben teilweise auch ihre religiöse Bindung oder Kastenzugehörigkeit abgelegt.19

Im Jahr 2004 verabschiedete die Regierung ein Gesetz für Overseas Citizens of India (OCI), in dessen Folge eine einheitliche Rechtsgrundlage und OCI-Karte für beide Personengruppen eingeführt wurde. Damit wur­den PIOs in vielen Bereichen mit den NRIs gleichgestellt, durften aber nicht wählen oder poli­tische Ämter bekleiden.20 Allerdings haben auch NRIs nur sehr ein­geschränkte Möglichkeiten, sich an Wahlen in Indien zu beteiligen. Es gibt in Indien nur sehr wenige Per­sonengruppen, die per Briefwahl an einer Wahl teilneh­men können. Dazu zählen unter anderem Angehörige der Sicherheitskräfte und ältere Personen.21 NRIs dürfen sich zwar im Ausland als Wähler:in in ihrem Wahlkreis in Indien registrieren lassen, müssen aber für die Stimmabgabe am Wahltag dann in Indien präsent sein.

Der Einführung des OCI-Status gingen langjährige Forderungen vonseiten panindischer Diasporagruppen voraus, die sich seit den 1980er Jahren auf globaler Ebene vernetzten, wobei es aber schnell zu Konflikten zwischen NRI- und PIO-Verbänden kam.22 Letztere fanden sich in Organisationen wie der Global Organization of People of Indian Origin (Mauritius) wieder, während NRIs sich in der Global Organization of People of Indian Origin (New York) organisierten. Beide Gruppen beanspruchen, maßgeblich zu der Einrichtung des ersten regierungsamtlichen Komitees zur indischen Diaspora im Jahr 2000 beigetragen zu haben.23 Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2004 das Ministry of Overseas Indian Affairs (MOIA) als eigenständiges Ressort gegründet, das sich primär darauf konzen­trierte, die Arbeits- und Lebensbedingungen der indischen Migrant:innen in den Golfstaaten zu verbessern und Diasporakonferenzen zu organisieren.24 Unter Premierminister Modi wurde das MOIA im Jahr 2016 mit dem Verweis auf Effizienzgründe wieder abgeschafft, die Aufgaben integrierte man in das Außenministerium.25 Dieses verfolgt einen Ansatz, der unter den vier Leitprinzipien care, connect, celebrate und contribute zusammengefasst und mit einer Reihe von Instrumenten verfolgt wird.

Infobox 2: Instrumente der indischen Diasporapolitik (Auswahl)a

Kulturell und politisch:

■ Pravasi Bharatiya Divas: jährlicher Diaspora-Feiertag und alle zwei Jahre internationale Diasporakonferenz zur Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Diaspora.

■ Pravasi Bharatiya Samman Award: staatliche Auszeichnung für besondere Beiträge von Mitgliedern der indischen Diaspora.

■ Diaspora-Outreach durch Botschaften und Konsulate, etwa durch Kulturveranstaltungen und Wirtschaftsnetzwerke.

Rechtlich und migrationspolitisch:

■ Overseas Citizen of India (OCI): langfristiger Aufenthaltsstatus mit lebenslangem Visum sowie wirtschaftlichen und sozia­len Privilegien, jedoch ohne politische Rechte wie Wahlrecht.

■ Know India Programme: Austauschprogramme für junge Menschen indischer Herkunft zur Vertiefung kultureller und gesellschaftlicher Bindungen.

Wirtschaftspolitisch:

■ Förderung von Investitionen und wirtschaftlicher Vernetzung der Diaspora, darunter Diasporaanleihenb zur Mobilisierung von Kapital in wirtschaftlichen Krisenzeiten:

India Development Bonds (1991): 1,6 Milliarden US-Dollar

Resurgent India Bonds (1998): 4,2 Milliarden US-Dollar

India Millennium Deposits (2000): 5,5 Milliarden US-Dollar

Migrationsdiplomatisch:

■ Abschluss von (Stand 2026) insgesamt 28 bilateralen Migrations- und Mobilitätsabkommen mit wichtigen Partnerstaaten – auch Deutschland im Jahr 2022 –, um reguläre Arbeits- und Bildungsmigration zu erleichtern und irreguläre Migration zu begrenzen.c

a Ministry of External Affairs/Government of India, Indian Diaspora in Foreign Countries (Question NO-3277), Raya Sabha, 21.8.2025, <https://tinyurl.com/mrxxchbf> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

b Suhas L. Ketkar/Dilip Ratha, Development Finance via Diaspora Bonds. Track Record and Potential, Washington, D.C.: World Bank Group, 2004 (Policy Research Working Paper, Nr. 4311), S. 8ff, <http://hdl.handle.net/10986/14311> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

c »Inaugural Address by EAM Dr. S. Jaishankar at the Human Mobility Partnership Forum«, Ministry of External Affairs, Government of India, 30.6.2026, <https://tinyurl.com/ 2sfx5w9c> (zuletzt eingesehen am 18.8.2026).

Grenzen der Diasporapolitik

Der Anspruch der indischen Diasporapolitik eine ein­heitliche Diaspora zu formen, wird primär durch die ausgeprägte Heterogenität der Diaspora limitiert, die sich entlang regionaler, religiöser und sprachlicher Unterschiede oder der Kastenzugehörigkeit organisiert.26 Zudem wird der Anspruch dadurch erschwert, dass sich eine Reihe innenpolitischer Konflikte Indiens in der Diaspora widerspiegeln. Da ist, erstens, das Ziel von Premierminister Modi, Indien zu einer Hindu-Nation zu machen. Dies hat nach 2014 zu einer wachsenden Diskriminierung von Minderheiten, vor allem Muslimen und Christen, in Indien geführt. Seit­dem sind auch wieder häufiger Ausschreitungen zwi­schen Hindus und Muslimen zu beobachten.27 Die Situ­ation in Indien führt dazu, dass sich in einzelnen Dias­poragruppen die Beziehungen zwischen den Angehöri­gen der beiden Religionsgruppen ebenfalls verschlech­tert haben. Aufgrund dessen kam es 2022 in der briti­schen Stadt Leicester zu Ausschreitungen zwischen Anhängern beider Religionsgemeinschaften.28

Ein zweiter Konfliktherd ergibt sich aus separatistischen Bewegungen, deren Anhänger sich auch in der Diaspora wiederfinden. Ein bekanntes Beispiel sind die Forderungen militanter Sikhgruppen nach einem un­abhängigen Staat Khalistan. Nach der gewaltsamen Niederschlagung dieser Bewegung Mitte der 1980er Jahre in Indien sind die Anhänger der Khalistan-Bewe­gung ins Ausland geflüchtet und heute vor allem in Kanada und den USA zu finden. In Deutschland wer­den militante Sikh-Organisationen wie Babbar Khalsa International oder Babbar Khalsa Germany vom Verfassungsschutz überwacht. Ihre Anhängerzahl wurde 2021 auf 400 Personen geschätzt.29 Besonderes Auf­sehen erregte 2023 die Ermordung eines Sikhs mit kana­discher Staatsbürgerschaft in Kanada, an der indi­sche Regierungsstellen beteiligt gewesen sein sollen. Dies führte zu einer schweren Belastung der bilateralen Beziehungen, was sich unter anderem in der Aus­weisung von Diplomaten niederschlug.30 Im selben Jahr wurden die Beziehungen zwischen Indien und den USA durch den Anschlagsversuch auf ein Mitglied der Sikh-Gemeinschaft mit amerikanischer Staatsbürgerschaft belastet, das sich in den USA ebenfalls für einen unabhängigen Sikh-Staat einsetzte. Die amerikanische Justiz ermittelt auch in diesem Fall gegen staat­liche Stellen in Indien.31

Ein dritter Problembereich im Herkunftsland ist Kas­tendiskriminierung, die trotz offiziellen Verbots im Jahr 1950 in verschiedenen Formen anhält. Davon bleibt die Diaspora mitunter nicht unberührt. So sah sich der amerikanische Bundesstaat Kalifornien 2023 veranlasst, ein Gesetz gegen Kastendiskriminierung zu ver­abschieden.32

Relevanz für Deutschland

Die indische Regierung zielt darauf, dass die wachsende indische Diaspora in Deutschland zu einem posi­tiven Indienbild beiträgt. Angesichts der ansonsten eher migrationskritischen Stimmung in der deutschen Politik und Gesellschaft funktioniert das auch weitgehend, weil die wirtschaftlichen Vorteile der Zuwan­derung indischer Fachkräfte in Engpassberufen auf der Hand liegen und keine Berichte über Kriminalität vorliegen.

Die indische Diaspora ist in den letzten Jahren in Deutschland rasch gewachsen und befindet sich noch in einer Frühphase. In welchem Ausmaß und in wel­cher Weise sich ihre Mitglieder politisch engagieren werden, hängt stark von der weiteren Entwicklung und den sozioökonomischen Bedingungen der Einwanderung aus Indien sowie den Möglichkeiten zur Teil­habe in der deutschen Gesellschaft ab. Zudem wird abzu­warten sein, wofür sich die unterschiedlichen indischen Diasporagruppen politisch einbringen, etwa mit Blick auf politische Anliegen des Herkunftsstaats wie die Verbreitung einer hindunationalistischen Agenda,33 wirtschaftliche Interessen in Deutschland oder den Kampf gegen Arbeitsausbeutung. Laut einer Untersuchung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ist die Zahl der Gruppen von 100 im Jahr 2017 auf knapp 270 im Jahr 2025 gestiegen. Über 40 Prozent davon stützen sich auf religiöse oder sprachliche Zuge­hörigkeiten; zugenommen hat in den vergangenen Jahren insbesondere die Zahl von Studierendeninitiativen.34 Die Vernetzung findet dabei immer häufiger digital statt, ein Umstand, der zukünftige Formen der Selbstorganisation, Interessenvertretung und politischen Mobilisierung maßgeblich prägen wird. Dies dürfte auch Fragmentierungsprozesse innerhalb der indischen Diaspora weiter befördern. Chatgruppen und Influencer in sozialen Medien dienen zudem als Informationsquelle für Inder:innen, die an einer Zuwanderung nach Deutsch­land interessiert sind.

Je mehr indische Staatsangehörige nach Deutschland kommen, desto mehr sind auch politische Kon­flikte innerhalb der Diaspora absehbar. So lässt sich beispielsweise eine Zunahme von regierungsnahen, hindunationalistischen Akteuren auf der einen und regierungskritischen Gruppen auf der anderen Seite beobachten. In mehreren deutschen Städten gibt es Ortsverbände der RSS-Auslands­organisation Hindu Swayamsevak Sangh (HSS), die sich in ihrem Internet­auftritt primär als Organisation zu Festigung der kulturellen Identität als Hindus definiert. Daneben haben die Overseas Friends of the BJP sowie der Hindu-Weltrat Ableger in Deutschland.35 Einige regierungskritische indische Gruppen, die gegen die Staats­bürgerschaftsreform der indischen Regierung protestierten36 und sich mit den Protesten der Cockroach-Bewegung in Indien solidarisierten,37 haben sich ebenfalls in Deutschland formiert.

Gerichtsurteile legen nahe, dass Indiens Auslandsgeheimdienst in Deutschland regierungskritische Personen und Organisationen ausspäht.

Obwohl die indische Botschaft und die Generalkonsulate in Deutschland hinsichtlich dieser Konfliktlinien bisher zurückhaltend agieren, deuten zwei Gerichtsurteile darauf hin, dass der indische Auslands­geheimdienst Research and Analysis Wing (RAW) auch in Deutschland operiert und die Aktivitäten regie­rungs­kritischer Personen und Organisationen ausspäht.38 Die deutsche Politik sollte sich dieser Konflikt­linien bei einer möglichen Zusammenarbeit mit Diasporaakteuren bewusst sein, zumal es keinen ein­deutigen repräsentativen Ansprechpartner geben kann, auch wenn sich im März 2026 mit dem Bundes­verband der Indischen Vereinigungen e.V. ein Dachverband mit einem solchen Anspruch gegründet hat.39

Der Ausbau der bilateralen Beziehungen Deutschlands mit Indien sowie die wirtschaftlichen Poten­ziale der Partnerschaft unter anderem durch das Frei­handelsabkommen mit der EU dürften der indischen Diaspora in Deutschland insgesamt zugute kommen. Die grundsätzliche Bedeutung der Diaspora wurde bereits 2022 in dem zwischen Berlin und Neu-Delhi geschlossenen Migrations- und Mobilitätspartnerschaftsabkommen40 anerkannt und im Rahmen des GIZ-Programms »Migration & Diaspora«41 gefördert. Zudem hat die EU parallel zum Freihandelsabkommen mit Indien in der »gemeinsamen umfassenden strategischen Agenda« neue Initiativen für eine bes­sere migrationspolitische Kooperation angekündigt.42 Das ermöglicht es indischen Diasporaakteuren, in Europa Fuß zu fassen und den Austausch zwischen Indien und EU voranzubringen. Das kann angesichts der Erfahrungen in anderen Ländern auch bedeuten, dass die genannten innenpolitischen Problemfelder des Herkunftslandes in der indischen Diaspora in Deutschland ebenfalls stärker zum Vorschein treten. Deshalb wird es notwendig sein, sich künftig noch intensiver mit den politischen Entwicklungen in Indien auseinanderzusetzen.

Marokko: Politik des Umgarnens

Isabelle Werenfels

2025 verging kaum ein Tag, an dem marokkanische Medien nicht den Umgang mit den im Ausland leben­den Marokkaner:innen (Marocains Résidant à l’Étranger, MRE) thematisierten.1 Dass die MRE immer intensiver umworben werden, ist wenig überraschend: Sie sind ökonomisch wie politisch bedeutsam für die lang­fristige Machtsicherung der marokkanischen Monarchie, die sich in ihrem ambitionierten Modernisierungsprojekt an asiatischen Entwicklungsdiktaturen zu orientieren scheint.2

Bereits in den 1960er Jahren hatte der damalige König Hassan II. aufgrund eines rasanten Bevölkerungs­wachstums Auswanderung gefördert. Damals ging es in allererster Linie um Entlastung des Arbeits­marktes und Finanzhilfen durch Rücküberweisungen – nicht zuletzt, um in unterprivilegierten und daher potenziell aufmüpfigen Gegenden den sozialen Frieden zu wah­ren.3 Um einer (antimonarchischen) Politisierung von Auslandsmarokkaner:innen vorzubeugen, versuchte der Palast, die MRE vom Beitritt zu Parteien und Gewerkschaften sowie von Integration in das Wohnland und Übernahme anderer Staatsbürgerschaften abzuhalten.4 Die sogenannten Amicales, mit den marok­kanischen Botschaften verbundene Vereine für Arbeits­migrant:innen, die teilweise noch bis 2005 aktiv waren, bezweckten denn auch primär die Kontrolle der MRE.5

Aber schon in den 1990er Jahren begann Hassan II. verstärkt auf Anreize und Angebote für die MRE zu setzen, von controlling (auch) zu courting überzugehen6 und zunehmend die Nachkommen der Auswander:in­nen ins Auge zu fassen.7

Ziele der Diasporapolitik: Loyalität, Investitionen und Nation Branding

Seit der Thronbesteigung von Mohammed VI. im Jahr 1999 wurde die Diasporapolitik nochmals klarer kon­turiert und in ihrer Zielsetzung erweitert. Die 2014 prä­sentierte, umfassende Strategie konzentriert sich nicht mehr nur auf europäische Staaten mit einer großen marokkanischen Diaspora, sondern hat globale Reich­weite.8 Sie setzt parallel auf die Festigung der marok­kanischen Identität von MRE und auf deren Veran­ke­rung und Vernetzung in den Wohnländern. Davon erhofft man sich innen-, außen-, wirtschafts- und geo­politische Vorteile.

Infobox 1: Zahlen zur marokkanischen Diaspora

Rund 5,1 Millionen Marokkaner:innen sind offiziell im Ausland registriert; unter Einbeziehung nicht registrierter Personen wird die Diaspora auf 6 bis 6,5 Millionen Menschen geschätzt, was knapp 15 Prozent der marokkanischen Gesamtbevölkerung entspricht.a Die meisten davon leben in Europa.

Deutschland zählte Ende 2024 laut Statistischem Bundesamt 102.925 Personen mit marokkanischer Staatsangehörigkeit (davon 7.810 in Deutschland, 95.115 im Ausland geboren, darunter 87.235 in Marokko).b Es handelt sich primär um Arbeitsmigrant:innen, die seit den 1960er Jahren mit den Gast­arbeiterabkommen und dem Familiennachzug in Land kamen. Nur in Einzelfällen geht es um Migration aus politischen Gründen.

2024 beliefen sich die Rücküberweisungen auf 12,9 Mil­liar­den Dollar, was 8 Prozent des marokkanischen BIP entspricht.c 2023 stammten die Gelder zu 30,8 Prozent aus Frankreich, zu 12,6 Prozent aus Spanien, zu 10,7 Prozent aus Saudi-Arabien und zu 9,2 Prozent aus Italien. Der Anteil aus Deutschland macht mit rund 385 Millionen Euro lediglich 3,6 Prozent aus.d

a Conseil Economique, Social et Environnemental (CESE), Renforcer le lien intergénérationnel entre les Marocain(e)s du Monde et le Maroc. Les chances et les défis, Rabat, 9.11.2022 (Auto-saisine n°63/2022), <https://tinyurl.com/ycy4hxpe> (zuletzt ein­gesehen am 27.7.2026).

b Statistisches Bundesamt (Destatis), Statistischer Bericht Ausländische Bevölkerung 2024, Berlin, 15.4.2025 (EVAS-Nr. 12521), <https://tinyurl.com/26uyvm96> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

c International Fund for Agricultural Development (IFAD), International Day of Family Remittances 2025: Morocco – Migrants Sent Home over 8 Per Cent of GDP in 2024, 16.6.2025, <https:// tinyurl.com/689bn9kh> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

d Office des Changes, Rapport annuel de la balance des paiements et de la position extérieure globale du Maroc 2023, Rabat 2024, <https://tinyurl.com/3hfd3nt8> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

Die Erwartungen an die MRE sind hoch: Sie sollen sich persönlich und finanziell für Marokko engagieren, für Investitionen und Tourismus werben und die marokkanische Vorreiterrolle in Afrika, etwa bei modernen Infrastrukturprojekten und erneuerbaren Energien, preisen. Vor allem aber sollen die MRE ein Kernanliegen Marokkos, die marokkanische Souveränität über die Westsahara, in ihrem Wohnland offen­siv vertreten. In seiner jährlichen Rede zum Jubiläum des Grünen Marsches – mit dem Marokko 1975 sei­nen Anspruch auf die Westsahara territorial zu zemen­tieren begann – erklärte der König 2024, die Angelegenheit der territorialen Integrität bedürfe der perma­nenten Mobilisierung, und erwähnte dabei explizit die MRE. Generell gelten diese als wichtiger Pfeiler im marokkanischen Nation Branding. Sie sollen sich, so der König in seiner Rede 2024, als »die wahren Bot­schafter ihres Landes« verstehen.9

Nicht erwünscht dagegen ist die eigenständige Politisierung der Diaspora. Wenn der König den »Patriotismus« und das »Engagement der Kompatrioten« für die »Verteidigung der geheiligten Symbole der Nation und die Entwicklung des Landes« lobt, geht es darum, die MRE zu Loyalität gegenüber der Monarchie und ihrem politischen Kurs zu verpflichten. Damit sollen zwei Entwicklungen in der Diaspora verhindert wer­den: islamistische Radikalisierung und die Bildung einer demokratieorientierten Opposition, die sich gegen die Monarchie richtet.

Institutionen und Instrumente: Sanfte Steuerung

Die vom König 2024 angekündigte Schaffung einer neuen, übergeordneten Institution (siehe Infobox 2) kann als Eingeständnis gelten, dass die Resultate der bisherigen Politik hinter den Erwartungen zurück­geblieben sind.

Bei den zahllosen Angeboten für MRE, die direkt vom Staat aufgesetzt oder offiziell unterstützt werden, gibt es diejenigen, die sich an alle MRE richten, und die­jenigen, die gezielt (künftige) Eliten ansprechen. In die erste Kategorie gehört die »Operation Marhaba« (»Will­kommen«), in deren Rahmen seit 2001 jährlich Milli­onen MRE bei ihren Sommerreisen nach Marokko administrative Unterstützung erfahren. Das besondere Augenmerk der Diasporapolitik gilt indes Eliten und Multiplikatoren unter den MRE. Erfolgreiche Auslandsmarokkaner:innen werden in oftmals kompetitiven und medial inszenierten Veranstaltungen ausgezeichnet oder in Sommer­universitäten für auf­strebende junge MRE eingebunden. Als Teil der »sym­bolischen marokkanischen Nation« wird ihnen die Wertschätzung des Königs vermittelt.10 Beide Seiten profitieren: Die Monarchie gewinnt Werbeträger und Unterstützer, die MRE können sich global vernetzen und ihre Chancen auf (internationale) soziale Mobilität erhöhen. Neben loyalen Diasporamedien finden sich auch zunehmend marokkostämmige Influencer:in­nen in Europa, die ihre marokkanische Identitätsfindung zelebrieren und Marokko enthusiastisch loben.11

Infobox 2: Institutionen und Instrumente (Auswahl)

■ Département des Marocains Résidant à l’Etranger, Abteilung im marokkanischen Außenministerium.

■ Conseil de la communauté marocaine à l’étranger (CCME, seit 2007), in der Verfassung verankerte beratende Institution, welche die MRE repräsentieren und deren Anliegen in die Politik einbringen soll.

■ Fondation Hassan II pour les MRE (seit 1990), organisiert unter anderem Sommer-Universitäten.

■ Fondation Mohammed V pour la Solidarité (seit 1997), organisiert die Operation Marhaba.

■ Botschaften pflegen Diasporanetzwerke, unterstützen Vereine, kooptieren erfolgreiche MRE.

■ Dar-al-Maghreb-Kulturzentren zur Kultur- und Sprach­vermittlung.

■ Conseil européen des oulémas marocains (in Brüssel), soll den MRE den marokkanischen Islam näherbringen und Radikalisierung verhindern.

■ Fondation Mohammedia des Marocains résidant à l’étranger, Gründung 2024 angekündigt, aber noch nicht erfolgt. Zuständig für die Strategie; soll die bestehenden Initiativen und Institutionen koordinieren.

Zu den vielleicht wichtigsten Botschaftern des marok­kanischen Nation Branding mit dekolonialem Impetus werden Fußballer aus der Diaspora. Nahezu alle marokkanischen Nationalspieler sind im Ausland – oftmals in Spanien oder Frankreich – geborene MRE, die sich entschieden haben, der ehemaligen Kolonie, dem Land ihrer Vorfahren, den Vorzug zu geben.12

Neben den direkt vom Staat aufgesetzten Projekten kofinanziert Marokko zahlreiche Vereine in Wohn­ländern von MRE. Prominentes Beispiel in Deutschland ist das auch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geförderte Deutsch-Marok­kani­sche Kompetenznetzwerk, das Expert:innen und Unter­nehmen zusammenbringt, um Projekte in Marokko zu realisieren. Außerdem werden Dutzende von loka­len (Kultur-)Vereinen von Marokko unterstützt.13 Deren Zweck reicht von Kulturvermittlung über Hilfe in Notlagen und für marokkanische Bedürftige bis hin zu Werbung für Marokko. Teilweise dienen sie dem marokkanischen Staat überdies dazu, die MRE-Szene im Auge zu behalten.14 2025 wurde ein Marokkaner in Deutschland zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er Unterstützer der Protest­bewegung im marokkanischen Rif ausspioniert hatte.15 Bereits 2023 hatte es einen ähnlich gelagerten Fall gegeben. Und Wissenschaftler:innen, Kultur- und Medienschaffende sowie Manager:innen unter den MRE berichten von der expliziten Erwartung marokkanischer Botschaften, sie möchten sich an der patriotischen Außendarstellung Marokkos beteiligen.16

Spätestens seit den islamistischen Terroranschlägen in Casablanca 2003 ist Marokko zudem bemüht, den eigenen moderaten, vom Sufismus inspirierten Islam nach innen und außen zu fördern und Radikalisierung in der Diaspora zu verhindern. Daraus resultiert das Bestreben, Moscheegemeinden im Ausland zu beobachten und religiöse Diskurse zu beeinflussen. So wurden etwa 2024 während des Ramadan 372 Imame für die MRE nach Europa entsendet.17 2026 kamen im Rahmen solcher Ramadan Initiativen rund 80 Imame befristet nach Deutschland.18

Moscheen dienen auch als Transmissionsriemen für politische Botschaften der Monarchie.

Moscheen dienen auch als Transmissionsriemen für politische Botschaften der Monarchie. Marokkanische Imame, so berichten Diasporaakteure, würden anregen, für die Monarchie und die territoriale Integri­tät Marokkos (gemeint ist die Westsahara) zu beten.19 Der Conseil européen des oulémas marocains vermittelt in Kooperation mit lokalen Moscheen die »Spezifitäten des marokkanischen Islam« und die Rolle des Königs als Führer der Gläubigen.20 In Deutschland wird der Zentralrat der Marokkaner, der rund hundert Moschee­gemeinden vertritt und in die Deutsche Islamkonferenz eingebunden war, vom marokkanischen Staat unterstützt und wählt zusammen mit dem Religions­ministerium Imame aus.21

Besonders intensiv versucht Marokko mit wirtschaft­lichen Instrumenten um die MRE zu werben. Dazu gehören Investorenkonferenzen, etwa das Forum Écono­mique des Marocains du Monde, das Angebot von Ko­finanzierungen, Steueranreize sowie vereinfachte Zoll- und Devisenregelungen.22 Diese Maßnahmen sind nicht zuletzt eine Antwort auf bislang geringe MRE-Investitionen jenseits des Immobiliensektors.23

Im Fokus stehen überdies knowledge transfer und brain gain: In der Diaspora erfolgreiche Marokkaner:innen werden ins Land zurückgeholt, um dort Innovationen voranzutreiben. Ein aktuell prominentes Beispiel ist der für Innovation zuständige Staatsminister, der jahr­zehntelang in Deutschland lebte und bei BMW tätig war. Auch für Führungspositionen staatsnaher Unter­nehmen werden immer mehr MRE rekrutiert.

Infobox 3: Rechtlicher Status/Bürgerrechte

■ Art. 16–18 in der Verfassung von 2011 beziehen sich explizit auf die MRE.

■ Staatsbürgerschaft wird qua Geburt weitergegeben (jus sanguinis), seit 2004 auch durch die Mutter; der Entzug und das Ablegen der Staatsbürgerschaft sind nur in Ausnahmefällen möglich.

■ Das aktive und passive Wahlrecht der MRE ist in der Verfassung verankert (Art. 17), de facto aber bis­lang eingeschränkt. Das aktive Wahlrecht kann nur physisch in Marokko oder qua Vollmacht ausgeübt werden. MRE dürfen kandidieren, müssen aber einem Wahlkreis in Marokko zugeordnet sein, was eine Hürde darstellt.

Nicht zuletzt sollen die MRE über den Conseil de la communauté marocaine à l‹étranger an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken können. Seit 2011 ist das Wahlrecht der MRE in der Verfassung verankert. Das aktive Wahlrecht bleibt indes eingeschränkt (siehe Infobox 3). Wiederholte Vorstöße unterschiedlicher poli­tischer Akteure, zuletzt mit Blick auf die Parlaments­wahlen 2026, im Ausland Wahllokale einzurichten, verliefen im Sand oder wurden gar im Parlament von den großen Parteien abgelehnt24 – mutmaßlich aus Sorge, unabhängige Akteure oder pro­gressive kleinere Parteien könnten davon profitieren.

Grenzen der Politik: Kritische MRE und europäische Maßnahmen

Die Effektivität der marokkanischen Diasporapolitik lässt sich nur punktuell messen. Dass einzelne Instru­mente wie die Sommeruniversitäten erfolgreich sind, zeigt sich an der großen Nachfrage. Daten zu Inves­ti­tionen zeigen, dass diese ausbaufähig sind, während die Rücküberweisungen weiter zunehmen. Loyalität und Bindung indes lassen sich nur schwer eruieren und hängen auch von der Zusammensetzung der jeweiligen Diaspora ab. Gespräche mit MRE in Europa sowie die Literatur lassen auf ein insgesamt hohes Maß an Loyalität gegenüber Marokko und der Monarchie schlie­ßen sowie auf einen geringeren Grad an Polarisierung als etwa in der türkischen Diaspora. Sie verweisen aber dennoch auf eine ganze Reihe an Herausforderun­gen für die marokkanische Diasporapolitik.

Diasporaakteure möchten sich nicht mit eingeschränkter politischer Partizipation zufriedengeben.

So gibt es in der Diaspora durchaus Kritik an der marokkanischen Regierungspolitik und selbst der Monarchie. Diasporaakteure möchten sich nicht mit eingeschränkter politischer Partizipation zufriedengeben, wie Studien25 und Presseartikel zeigen.26 Kriti­siert wird neben dem Wahlrecht, dass der CCME undemokratisch und intransparent funktioniere und, genauso wie oftmals die Konsulate, die Interessen gewöhnlicher MRE nicht wahrnehme.27 Protestaktionen im Ausland wiederum unterlaufen das Nation Branding. 2017 solidarisierten sich MRE mit den Protesten in der Rif-Region,28 und im Oktober 2025 haben sie zu Hunderten vor verschiedenen marokkani­schen Botschaften in Europa ihre Unterstützung der GenZ 212 in Marokko demonstriert.29 Diese begehrte unter anderem gegen die Finanzierung von Groß­projekten wie der Fußball-WM 2030 in Marokko auf und forderte stattdessen Investitionen in die staat­lichen Gesundheits- und Bildungssektoren. In EU-Län­dern mit großer marokkanischer Diaspora lancieren MRE-Akti­vist:innen, darunter marokkostämmige Poli­tiker:innen, Kampagnen für aus politischen Gründen in Marokko inhaftierte Personen und schaffen es zu­weilen, das Euro­päische Parlament zu mobilisieren.30

Gerade postmigrantische Generationen scheinen teilweise wenig empfänglich für rein positive Marokko­bilder zu sein,31 identifizieren sich nur begrenzt mit nationalen Anliegen wie dem Souveränitätsanspruch auf die West­sahara,32 lehnen Kontrolle ab, wollen sich nicht als Objekt transaktionaler Politiken sehen33 oder stellen gar die religiöse Autorität des Königs infrage.34 Moniert werden auch wirtschaftliche Barrieren, die das Werben um Investoren durchkreuzen, etwa der unsichere Rechtsrahmen, Korruption und für MRE schwer zu durchdringende Patronagestrukturen. Ein weiteres, vom Staat schwer zu lösendes Pro­blem ist, dass Urlaub in Marokko aufgrund des gestie­genen Preisniveaus für den durchschnittlichen MRE (zu) teuer geworden ist.35

Auch Gesetzgebung, Politik, innenpolitische Macht­kämpfe und Freiheitsrechte in europäischen Staaten setzen der marokkanischen MRE-Politik Grenzen. Zum einen versuchen einige EU-Staaten, den Einfluss Marokkos zu schmälern, indem sie etwa, wie in eini­gen spanischen Provinzen, marokkanische Kultur- und Sprachprogramme einstellen36 oder die Entsendung von Imamen mit Restriktionen belegen. So beschloss Frankreich, ab 2024 keine Imams détachés mehr zu erlauben.37 In Deutschland und anderen Staaten dür­fen Imame zwar nicht von Marokko, aber von Moschee­gemeinden bezahlt werden – eine Praxis, die zunehmend umstritten ist.

Zum anderen kollidieren unterschiedliche Vorstellungen von Meinungsfreiheit. So warf Marokko Deutschland 2021 vor, einen islamistischen Akteur im Netz Propaganda gegen den König verbreiten zu lassen.38 Das erwähnte Ausspionieren oppositioneller MRE wiederum verstößt gegen deutsche Gesetze.

Relevanz für Deutschland

Im Vergleich zum Vorgehen anderer in dieser Studie diskutierten Staaten hat die marokkanische Diaspora­politik aus deutscher Perspektive vor allem positive Seiten. Sie konterkariert die deutsche Politik gegenüber transnationalen Bürger:innen nicht, sondern zielt darauf, Brückenbauer:innen zu gewinnen. Der marokkanische König respektiert die komplexen, überlappenden Identitäten einer globalisierten Welt. Kulturvereine bemühen sich um Integration und die Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse und kümmern sich um Kinder und Jugendliche.

Deutsche Entwicklungsprojekte und -programme des BMZ und der GIZ binden zunehmend Diaspora­akteure ein. Diese engagieren sich auch auf nicht-staatlicher Ebene, etwa bei der (privaten) Facharbeitervermittlung. Die Verwurzelung in zwei Kulturen kann überdies politisch relevante Effekte zeitigen. Das hat sich etwa in der erheblichen diplomatischen Krise zwischen Marokko und Deutschland 2021 mani­festiert, als Marokko, unter anderem aufgrund als antimarokkanisch interpretierter deutscher Aktivitäten zur Westsahara im Sicherheitsrat, die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abrupt abbrach. Hier konnten marokkanische Diasporaakteure in Deutschland deeskalierend agieren und zur Entspannung beitragen.

Ein zweischneidiges Schwert sind indes die nach wie vor stattfindenden Versuche, politische Aktivitäten von MRE zu kontrollieren. Zwar hat auch Deutschland ein Interesse daran, potenziell gefährliche radikal-islamistische Akteure zu identifizieren. Berlin war früher mehrfach auf Informationen marok­kanischer Dienste angewiesen, die solche Akteure überwachen. Transnationale Repression aber, sprich: Kontrolle oder Einschüchterung von Auslandsmarokkaner:in­nen, die sich als oppositionell verstehen und dies friedlich manifestieren, widerspricht fundamental dem Freiheitsgedanken einer liberalen Demokratie und kann zu zwischenstaatlichen Verstimmungen führen.

Das Gefühl marokkostämmiger Personen, sie gehörten zu Deutschland und würden nicht ausgegrenzt, ist in den vergangenen Jahren teilweise erodiert.

Gleichzeitig kann Deutschland deutlich mehr leisten, um Auslandsmarokkaner:innen dabei zu unterstützen, Innovation und Reformen nach Marokko zu tragen. Bedingung dafür ist allerdings, dass marokkostämmige Personen das Gefühl haben, sie gehörten zu Deutschland und würden nicht ausgegrenzt. Dieses Gefühl ist in den vergangenen Jahren teilweise erodiert, wie Gespräche mit marokkanischen Diasporaakteuren zeigen.39 Konkret haben die teils pauschalisierenden, islamophoben und rassistischen Debatten über nordafrikanische Männer, etwa nach den Ereignissen rund um die Kölner Domplatte am Silvesterabend 2015/16, sowie die normative Inkonsistenz deutscher Positionen gegenüber den Kriegen und Opfern in der Ukraine und in Gaza zu einer gewissen Entfremdung geführt. Hier gilt es, mit positiven Signalen und Gegenmaßnahmen anzusetzen, wenn man die sprich­wörtlichen Brückenbauer:innen gewinnen will.

Russland: Diasporapolitik als Waffe im hybriden Krieg

Sabine Fischer

Die russische Diktatur setzt Diasporapolitik als Waffe in der hybriden Kriegsführung ein. Das war nicht immer so. In den 1990er Jahren musste die Russische Föderation damit umgehen, dass sich nach dem Zerfall der Sowjetunion etwa 25 Millionen Russischstämmige außerhalb der russischen Staatsgrenzen wiederfanden. Sie waren während der zaristischen und der sowjetischen Herrschaft in andere Teile des Rei­ches migriert, umgesiedelt oder zwangsdeportiert wor­den. Angesichts der eigenen Transformationskrise war Russland in dieser Phase kaum zu einer konsistenten Diasporapolitik in der Lage. Revisionistische Vorstellungen von erneuter imperialer Ausdehnung und Eingliederung »russisch besiedelter Gebiete« existierten, blieben aber auf die Ränder des politischen Spektrums beschränkt.1 Das war auch im Interesse der politischen Führung unter Präsident Boris Jelzin, dem an kooperativen Beziehungen mit den west­lichen Staaten gelegen war. Der Blick Moskaus auf die rus­sische Diaspora in den Nachbarstaaten änderte sich mit dem Machtantritt von Wladimir Putin und der zuneh­menden Autokratisierung des russischen politi­schen Systems.2 Im Laufe der 2000er Jahre wurde die Diaspora­politik Russlands nicht nur systematischer und offen­siver, sondern auch auf einen immer größeren geogra­phischen Raum ausgeweitet.

Ideologische Grundlagen

Bereits 2001 führte Putin das Konzept der »russischen Welt« (Russkij Mir) ein. Diese sei schon immer über die eigenen Staatsgrenzen hinausgegangen und umfasse Millionen von Menschen, »die russisch sprechen, denken und, vielleicht am wichtigsten – fühlen«.3 Die vage Formulierung zielte weit über die ethnische und/oder rechtliche Zugehörigkeit zur Russischen Föderation hinaus auf eine möglichst breit verstandene Affinität mit Russland und allem Russischen.

Moskau schrieb der russischen Diaspora zwei Funk­tionen zu. Die »Landsleute« sollten erstens Multiplikator:innen eines positiven Russlandbildes im Ausland sein. Der russische Staat schrieb sich, zweitens, die Ver­antwortung für die Sicherheit russischer »Landsleute« im Ausland zu. Daraus leitete er das Recht ab, in die Souveränität anderer Staaten einzugreifen, wenn er diese Sicherheit bedroht sah.

Die politisch-ideologische Begründung der Dias­pora­politik wurde zu einem zentralen Legitimationsnar­rativ für die erneute Schaffung einer imperialen Ein­flusszone.4 So behauptete Moskau von den demokratischen Revolutionen, die 2003 in Georgien und 2004 in der Ukraine stattfanden, sie gefährdeten »russische Landsleute« in beiden Ländern. Den Krieg gegen Geor­gien führte Russland im August 2008 erstmals mit der expliziten Begründung, »Landsleute« in einem anderen Land schützen zu müssen. Auf die gleiche »Schutz­verpflichtung« berief es sich bei den Überfällen auf die Ukraine 2014 und 2022.

Den größeren Rahmen für die zunehmend imperiale Diasporapolitik bildete das Narrativ über die Kon­frontation zwischen Russland und dem Westen, die nicht nur als geopolitischer Konflikt, sondern als Zivilisations- und Wertekrieg beschrieben wird. Das Putin-Regime beansprucht für sich, innerhalb des russisch dominierten Zivilisationsraums die eigenen »traditionellen Werte« gegen »westliche Wertedekadenz« zu verteidigen. Diesen »Verteidigungskrieg« trägt das Regime sowohl in der Ukraine und anderen Nach­barstaaten als auch auf europäischer und globaler Ebene aus.

Rechtliche und politische Grundlagen

Die russische Verfassung von 1993 band die Fürsorge­pflicht der Russischen Föderation für Russ:innen im Ausland explizit an deren russische Staatsbürgerschaft.5 1999 wurde dieser Zusammenhang im föderalen Gesetz »Über die staatliche Politik im Hinblick auf die Landsleute im Ausland« aufgeweicht. Die hier niedergelegte Definition von »Landsleuten im Ausland« umfasste nun außer russischen Staatsbürger:in­nen auch »Nachkommen von Völkern, die historisch auf russischem Gebiet lebten, sowie Personen, die sich frei für eine geistige, kulturelle und rechtliche Bindung an Russland entschieden und deren Vorfahren früher im Gebiet der Russischen Föderation gelebt haben«.6 Diese Sichtweise findet sich auch in der Ver­fassung von 2020.7

2022 stellte das »Konzept für die humanitäre Politik der Russischen Föderation im Ausland« die Kultur­außenpolitik in den Kontext eines globalen Kampfes um kulturelle Vorherrschaft.8 Dort heißt es, feind­liche Kräfte versuchten, den Wert der russischen Kul­tur her­abzusetzen und die »russische Welt« zu diskreditieren. Deshalb müsse die russische Politik in der huma­nitären Sphäre die »traditionellen, geistig-mora­lischen Werte Russlands« schützen und die »objektive Wahrnehmung unseres Landes in der Welt voranbringen«.9 Diasporapolitik wird so explizit in das Stre­ben nach einer multipolaren Welt eingebettet.10 Das außenpolitische Konzept der Russischen Föderation von 2023 beschränkt die staatliche Schutzfunktion auf solche »Landsleute im Ausland«, die Russland gegenüber »konstruktiv eingestellt« seien. Es betont außerdem den Schutz von »Landsleuten« in »unfreundlichen Staaten«. Der Schutzanspruch umfasst damit auch »Landsleute« in westeuropäischen Demokratien, die das russische Außenministerium 2022 zur Gänze in eine »Liste unfreundlicher Staaten« auf­genommen hat.11

Instrumente

Rossotrudnitschestwo und die Stiftung »Russische Welt« sind die wichtigsten staatlichen Organisationen zur Ver­breitung der Ideologie von der russischen Welt im Ausland. Zu ihren Aufgaben zählen unter anderem die Förderung russischer Sprache, Kultur, Wissenschaft und Bildung, die Unterstützung russischer »Landsleute« und die Propagierung »traditioneller Werte«.12 Beide Organisationen finanzieren Kulturveranstaltungen, Austauschprogramme und Projekte mit einheimischen Partnerorganisationen, mit denen sie durch den »Koor­dinationsrat russischer Vereine in Deutschland« ver­bunden sind. Rossotrudnitschestwo ist außerdem für die Russischen Häuser im Ausland zuständig, die als Platt­formen für russische Propagandanarrative und Kontakte mit russlandfreundlichen Teilen der jeweiligen Bevölkerung fungieren.13 Im Juli 2022 wurden Rossotrudnitschestwo und die Stiftung »Russische Welt« von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt.14 Die Zahl der im EU-Raum aktiven Russischen Häuser sank jedoch nur um etwa ein Drittel, von 28 auf 20.15 Das Russische Haus in Berlin blieb weiter geöffnet, ebenso wie jene in Paris, Wien, Rom und anderen Hauptstädten.16 Die Bundesregierung entschloss sich erst im September 2026, es in Reaktion auf einen vereitelten russischen Drohnenanschlag auf den Leipziger Flughafen zu schließen.17 Rossotrudnitschestwo und die Stif­tung »Russische Welt« sind eng mit der Russisch-Ortho­doxen Kirche verbunden, die über ihre Diözesen im Ausland ebenfalls russische Propaganda weiterträgt.18

Die russischen Auslandsmedien pflanzen überall auf der Welt russische Propagandanarrative in gesellschaftliche Diskurse ein.

Die staatlich kontrollierten russischen Medien spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der russischen Dias­porapolitik. Sie verbreiten die Weltsicht des Putin-Regimes. Menschen außerhalb Russlands, die des Rus­sischen mächtig sind, konsumieren häufig die russischen Fernsehkanäle und sind in den russischen sozia­len Netzwerken aktiv. Die russischen Auslands­medien RT, Sputnik und Ruptly arbeiten mittlerweile in über 25 Sprachen und erreichen so einen sehr viel größeren Personenkreis.19 Sie pflanzen überall auf der Welt russische Propagandanarrative in gesellschaft­liche Diskurse ein. Die EU setzte RT, Sputnik und ande­re russische Medien ab 2022 auf ihre Sanktionslisten.20 Gleichwohl können sie im EU-Raum wie die russischen Inlandsfernsehkanäle weiter über das Internet und die sozialen Medien konsumiert werden.

Infobox 1: Instrumente

■ Föderale Agentur für Angelegenheiten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, der im Ausland lebenden Landsleute und für internationale humanitäre Zusammenarbeit (Rossotrudnitschestwo)

■ Stiftung »Russische Welt« (Russkij Mir)

■ Russisch-Orthodoxe Kirche

■ staatlich kontrollierte Medien und Auslandsmedien

■ nicht-staatliche Akteure

■ Rückkehrprogramme

Auch nicht-staatliche russische Organisationen und private Akteure beteiligen sich an der russischen Dias­porapolitik.21 Milliardäre wie Wladimir Jakunin und Konstantin Malofeew betreiben eigene Stiftungen und Medien, die ultrakonservative, illiberale und antidemo­kratische Netzwerke im Ausland finanzieren.22 Malo­feew und Jakunin haben enge Beziehungen in den Kreml und zur Russisch-Orthodoxen Kirche.

Die genannten Akteure pflegen Kontakte mit populistischen und rechtsextremistischen politischen Kräf­ten in europäischen Demokratien. Die russischen Auslandsmedien bieten ihnen Echoräume für rechtsextremistische und antieuropäische Narrative in der EU.23

Schließlich hat der russische Staat Rückkehr­programme aufgelegt, um Menschen für die Umsiedlung nach Russland zu gewinnen. Die Einbürgerung steht mittlerweile Angehörigen aller Volksgruppen offen, die in der Vergangenheit auf dem Territorium des russischen oder sowjetischen Imperiums gelebt haben.24 In den Genuss erleichterter Einbürgerung kommt außer­dem, wer sich freiwillig zur russischen Armee meldet und/oder »russische Werte teilt«.25 Ziel der Einbürgerungspolitik ist es, der demographischen Krise Russlands entgegenzuwirken. Sie soll dringend benötigten Nachschub für die russischen Streitkräfte generieren und Menschen dazu bewegen, aus welt­anschaulichen Gründen nach Russland umzusiedeln. Über solche Fälle »politischer Emigration« wird in den staatlich kon­trollierten russischen Medien ausführlich berichtet. Der Erfolg der Repatriierungspolitik bleibt jedoch beschränkt. 2021 war mit knapp 80.000 Ein­gewander­ten das erfolgreichste Jahr. Seitdem sanken die Zahlen drastisch auf etwa 25.000 im Jahr 2025.26

Diasporapolitik ohne Diaspora

In Deutschland leben heute etwa 4,5 Millionen Men­schen mit biographischen, sprachlichen und geschicht­lichen Verbindungen zur Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. Innerhalb dieser postsowjetischen Migration gibt es vielfältige ethnische, kulturelle, religiöse und politische Bezüge.27 Es ist daher nicht möglich, sie als einheitliche Diaspora zu bezeichnen.28

Infobox 2: Postsowjetische Migration in Zahlen

Deutsche Spätaussiedler:innen bzw. Russlanddeutsche bilden mit etwa 2,5 Millionen Menschen (circa 51 Prozent aus Kasach­stan, 39 Prozent aus Russland, jeweils unter 5 Prozent aus Kir­gistan, der Ukraine und Usbekistan) die größte Gruppe der post­sowjetischen Migration. Gleichzeitig mit ihnen wanderten etwa 220.000 Kontingentgeflüchtete jüdischer Herkunft ein.a Sowohl Spätaussiedler:innen als auch Kontingentgeflüchteten erleichterte die Bundesrepublik als Opfern des NS-Regimes die Einwanderung.

Deutschland nahm außerdem etwa 50.000 Geflüchtete aus dem Nordkaukasus, vor allem aus Tschetschenien, auf.b Seit den 2010er Jahren sind Zehntausende aus politischen Gründen aus Russland und Belarus nach Deutschland emigriert. Außerdem leben seit 2022 etwa eine Million ukrainische Kriegsgeflüchtete in Deutschland.

Die übrigen Migrant:innen kamen aus anderen biographischen Gründen (Ausbildung, Arbeit, Familie) nach Deutschland. Die Frage, wie viele postsowjetische Migrant:innen russisch-

sprachig sind, ist nicht eindeutig zu beantworten.c Die pau­schale Zuschreibung als »Russischsprachige« ist deshalb eine unkritische Aneignung des ideologisierten Sprachgebrauch des Putin-Regimes.

a Nils Friedrichs/Johannes Graf, Integration gelungen? Lebens­welten und gesellschaftliche Teilhabe von (Spät­)Aussiedlerinnen und (Spät)Aussiedlern, Berlin 2022 (SVR­Studie).

b Gesine Dornblüth, »Tschetschenen in Europa. Gefährder und Gefährdete«, in: Deutschlandfunk, 10.1.2029, <https:// tinyurl.com/5ybc348j> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

c Tatiana Golova/Liliia Sablina, »Contested Diasporization in Wartime: Illiberal Mobilization of Russian-Speaking Migrants in Germany«, in: Demokratizatsiya: The Journal of Post-Soviet Democratization, 32 (2025) 4, S. 413–439.

Die in Infobox 2 zusammengefassten Informationen zur postsowjetischen Migration machen deutlich, dass die russische Diasporapolitik in dieser breitgefächerten Bevölkerungsgruppe nur teilweise verfangen kann. Die ukrainischen Geflüchteten sind Opfer des russischen Angriffskriegs. Die politischen Emigrant:in­nen positionieren sich gegen die Putin-Diktatur und ihren Krieg. Das russische Regime verfolgt sie auch im Aus­land mit transnationalen Repressionen. Tschetschenische Geflüchtete sind ebenfalls transnationalen Repres­sionen und Auslieferungsgesuchen aus Russland aus­gesetzt.

Mit Russlands Krieg gegen die Ukraine und der Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen gerieten viele Russlanddeutsche in einen Loyalitätskonflikt.

Der Fokus liegt im Folgenden deshalb auf den russlanddeutschen Spätaussiedler:innen. Mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und der Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen seit 2014 – und erst recht seit 2022 – gerieten viele Russlanddeutsche in einen Loyalitätskonflikt, der teils zu einer »Re-Identifikation« mit Russland führte.29 Zugleich mobilisierte die 2015 einsetzende sogenannte Migrationskrise Menschen mit postsowjetischem Migrations­hintergrund ebenso wie die Gesamtgesellschaft ent­lang identitätsbezogener Bruchlinien.30 Dabei spiel­te die Selbstbeschreibung von Russlanddeutschen als »Heimkehrer:innen« (im Gegensatz zu Geflüchteten) ebenso eine Rolle wie das Bekenntnis zur christlichen Glaubensgemeinschaft.31

Wegmarken dieses Wandels waren der »Fall Lisa« 2016 und die Bundestagswahl 2017. Im Februar 2016 beteiligten sich etwa 10.000 Menschen in mehreren deutschen Städten an Protesten, nachdem eine Jugend­liche aus einer Spätaussiedlerfamilie in Berlin fälschlicherweise behauptet hatte, von »südländisch aus­sehenden Männern« entführt und vergewaltigt worden zu sein. Hochrangige russische Politiker:innen bis hin­auf zu Außenminister Sergej Lawrow kommentierten den Fall. Die russischen Propagandamedien spielten ihn im Zuge ihrer migrationsfeindlichen Desinformationskampagne nach Deutschland zurück, was den Protesten erheblichen Zulauf bescherte.

Bei der Bundestagswahl 2017 schlugen sich die ver­änderten politischen Präferenzen erstmals im Wahlverhalten der postsowjetischen Migrations-Community nieder: Die CDU/CSU, obwohl traditionell in dieser Wählergruppe beliebt, erreichte nur noch 28 Prozent, die AfD dagegen 15 Prozent, 3 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt.32 Die Unterstützung für die AfD nimmt seitdem kontinuierlich zu. 2024/25 konnte auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) im Vergleich zur Gesamtgesellschaft überproportional viele Stimmen aus dieser Community für sich verbuchen.33

Solche Entwicklungen rückten den russlanddeutschen Bevölkerungsanteil in ein schlechtes Licht und nährten Stereotype und Vorurteile in anderen Segmen­ten der Gesellschaft, die wiederum bei den Russlanddeutschen negative Reaktionen hervorriefen. Mittlerweile lässt sich dank wissenschaftlicher Studien ein genaueres Bild der politischen und gesellschaftlichen Haltungen dieser Gruppe zeichnen.34 Erkennbar wird ein insgesamt hohes Maß an Zuspruch zu demokratischen Institutionen. Gleichzeitig ist die Neigung zu populistischen Parteien, zu konservativ-traditionalisti­schen Werthaltungen und zur Übernahme russischer Narrative in dieser Gruppe stärker ausgeprägt als in der Gesamtgesellschaft. Der gesellschaftliche Organisationsgrad und die politische Teilhabe fallen hingegen geringer aus.35

Russische Diasporapolitik in Deutschland: Ziele, Erfolge, Grenzen

Die russische Diasporapolitik gegenüber Deutschland muss im Gesamtkontext der russischen Außenpolitik betrachtet werden. Das Putin-Regime nutzt sie, um in den Mitgliedstaaten der EU gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben und demokratische Entscheidungsprozesse zu unterwandern. Deutschland als größte Volkswirtschaft und politisch einflussreiches EU-Mit­glied gilt da als wichtiges Ziel. Die zahlenmäßig starke postsowjetische Migration in Deutschland wird von Moskau als Einfallstor betrachtet. Deshalb setzt Russland alle Instrumente seiner Diasporapolitik in Deutschland ein. Das Russische Haus in Berlin, rus­sische Medien, Influencer:innen, Bots und Trolle ver­breiten Desinformation und Propaganda. Sie verschaffen russischen Narrativen Gehör und diskreditieren die politischen und sozialen Verhältnisse in euro­päischen Demokratien, die mit der angeblich bes­se­ren Lebenssituation im autoritären Russland Wladi­mir Putins kontrastiert werden. Solche Behauptungen verfangen bei anfälligen Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund ebenso wie in anderen Teilen der Gesellschaft.

Das russische Regime hält außerdem engen Kontakt zu populistischen und rechtsextremistischen Kräften in Deutschland, die wiederum in der Gunst von Wäh­ler:innen mit postsowjetischem Migrationshintergrund steigen.36 Seit Beginn der Vollinvasion in die Ukraine wiederholt stattfindende Russlandreisen sowie Auftritte von AfD-Politiker:innen in russischen Propagandamedien belegen, dass diese Verbindungen weiter bestehen. AfD-Politiker mit postsowjetischem Migrationshintergrund können Menschen mit ähn­lichen biographischen Markern als Identifikations­figuren dienen und der Partei Zulauf verschaffen. Das russische Regime entwickelte außerdem ein starkes Interesse am Bündnis Sahra Wagenknecht, das ebenfalls prorussische Positionen vertritt.37

Die russische Diasporapolitik in Deutschland ist Teil des russischen hybriden Kriegs gegen europäische Demokratien. Diese Politik nimmt die deutsche Gesamt­gesellschaft in den Blick und versucht, die große Bevölkerungsgruppe mit postsowjetischem Migrations­hintergrund dafür zu instrumentalisieren. Wie in der Gesamtgesellschaft stößt sie in dieser Gruppe dann an Grenzen, wenn Menschen sich mit Deutschland und seiner demokratischen Herrschaftsform identifizieren und deshalb Distanz zu Russland wahren.

Relevanz für Deutschland

Wen das Putin-Regime als »russische Diaspora in Deutschland« betrachtet, wer sich selbst als ihr zugehörig bezeichnet und wem wiederum in Deutschland diese Gruppenzugehörigkeit zugeschrieben wird – diese Fragen berühren ganz unterschiedliche Aspekte der Diasporathematik.38 Will man Russland die Mög­lichkeit nehmen, die postsowjetische Migration in Deutschland für seinen hybriden Krieg zu nutzen, muss man die Situation dieser Bevölkerungsgruppen genau analysieren sowie ihrer Lebensleistung, ihren Potenzi­alen, Bedürfnissen und Problemen Anerkennung zollen. Das Wissen über die postsowjetische Migration hat im vergangenen Jahrzehnt zweifellos zugenommen, bleibt aber nach wie vor begrenzt. Es bedarf wei­terer Forschung, weiterer Stimmen aus der Commu­nity sowie politischer und zivilgesellschaftlicher Initi­ativen zu ihrer politischen Einbindung, um russischer Einflussnahme den Boden zu entziehen. Umgekehrt müssen der Gesamtgesellschaft mehr Informationen über diese Dimension der deutschen Einwanderungs­geschichte zur Verfügung gestellt werden.39 Vorurteile und stereotypisierende Berichterstattung begünstigen die Abkapselung von Teilen der postsowjetischen Migration und damit die hybride Kriegsführung Russ­lands.

Deutschland muss gemeinsam mit europäischen Partnern entschlossen gegen die Instrumente der rus­sischen Diasporapolitik – von Propagandamedien über Influencer bis hin zu Russischen Häusern und pro­russischen Netzwerken – vorgehen. Auch russischen Geheimdienstaktivitäten auf deutschem Boden muss mit Entschlossenheit begegnet werden. All das sind Maßnahmen gegen den russischen hybriden Krieg – sie betreffen nicht nur die Bevölkerungsgruppen mit postsowjetischem Migrationshintergrund, sondern die deutsche Gesellschaft als Ganzes.

Diasporapolitik der AKP-Regierung: Zwischen Innen- und Außenpolitik

Sinem Adar

Seit dem Machtantritt der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) im Jahr 2002 verfolgt die Türkei gegenüber ihrer Diaspora eine systematischere und stra­tegischere Politik als zuvor.1 Die AKP-Regierung betrachtet die Diaspora nicht nur als innenpolitische Ressource, sondern auch als außenpolitisches Instru­ment.2 Die Stimmen der im Ausland lebenden Türk:in­nen tragen bei den türkischen Wahlen zur Macht­konsolidierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei. Gleichzeitig verstehen die herrschenden türkischen Eliten die türkische Diaspora insbesondere in den europäischen Aufnahmeländern als Repräsentantin und Verteidigerin türkischer Interessen.

Die türkische Zuwanderung nach Europa geht auf die Arbeitsabkommen der 1960er Jahre zwischen der Türkei und verschiedenen europäischen Staaten, darunter Deutschland, zurück. Was damals von allen Akteuren als vorübergehend betrachtet wurde, änderte im Laufe der Zeit seinen Charakter: Es entwickelte sich eine große, dauerhafte und zunehmend vielfältige türkischstämmige Gemeinschaft, die eine eigene institutionelle Landschaft hervorbrachte. Heute sind fast 80 Prozent der im Ausland lebenden türkischen Staatsbürger:innen in westeuropäischen Ländern ansässig, vor allem in Deutschland (siehe Infobox 1).

Obwohl türkische Regierungen der türkischen Dias­pora stets wirtschaftlich, kulturell und politisch moti­viertes Interesse entgegenbrachten,3 verlieh die AKP der Diasporapolitik einen besonderen Zuschnitt. Zum einen bauten die Partei-Eliten ein zentral gesteu­ertes Netzwerk aus bestehenden und neu gegründeten Orga­nisationen auf, um die Diasporapolitik zu gestalten und umzusetzen. Zum anderen basiert die Dias­pora­politik der AKP auf der Ansicht, die kulturelle Ein­zigartigkeit der türkischen Identität müsse gewahrt werden. Im Einklang mit der identitätsbasierten Welt­anschauung der AKP-Eliten und einem erweiterten Konzept der Diaspora gewannen auch muslimische Gemeinschaften, die nicht unbedingt türkisch­sprachig sind, in der Diasporapolitik an Bedeutung.

Diese strategisch geprägte Vorgehensweise stößt aber auch an Grenzen, etwa durch die Heterogenität der türkischen Diaspora, deren weitgehendes Inter­esse an ihrem Leben in den Wohnländern und die zunehmenden Versuche europäischer Staaten, den Einfluss der AKP auf im Ausland lebende Türk:innen einzuschränken.

Die Diasporapolitik der AKP: Mittel der Machtkonsolidierung

Anders als die anderen türkischen Parteien war sich die AKP seit jeher darüber im Klaren, dass sie von Wählerstimmen aus der Diaspora – vor allem aus Westeuropa – profitieren würde. Seit den 1990er Jahren forderte die türkische Diaspora, auch in den jeweiligen Aufenthaltsländern an den türkischen Wahlen teilnehmen zu dürfen (zur Regelung des Wahl­rechts siehe Infobox 2). Erst unter der AKP-Regierung wurde dieser Wunsch erfüllt.

Infobox 1: Zahlen zur türkischen Diaspora

Laut dem türkischen Außenministerium leben circa 7,5 Millio­nen türkische Staatsbürger:innen im Ausland, davon 6 Millionen in Europa.

In Deutschland wohnten Ende 2024 rund 1,54 Mil­lio­nen Personen mit türkischem Pass, während etwa 1,4 Mil­lionen bereits einen deutschen Pass haben (Statista). Rund 338.000 besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft (Statistisches Bundesamt). Im Jahr 2024 haben 22.225 türkische Staatsangehörige die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen: im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um etwa 110 Prozent. Die erste größe­re Einwanderungswelle fand über Anwerbeankommen und Familiennachzug in den 1960er und 1970er Jahren statt.

Die ersten türkischen Asylsuchenden kamen bereits in den 1970er Jahren nach Deutschland, weitere in den 1980er und 1990er Jahren sowie nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016. Neben Asylbewerbern halten sich derzeit zahl­reiche Studierende, Akademiker, Künstler und Journalisten in Deutschland auf.

Rücküberweisungen (über offizielle Kanäle, in Prozent des türkischen BIP) sind seit Ende der 1990er Jahre stetig gesunken und beliefen sich nach Angaben der Weltbank 2024 auf etwa 908 Millionen Euro (0,1 Prozent des BIP). Die meisten davon kommen aus Deutschland: 2024 waren es 894 Millionen Euro (nach Schätzungen der Bundesbank).

Bei den Präsidentschaftswahlen 2014 gaben erstmals auch im Ausland lebende türkische Staatsbürger:in­nen ihre Stimme in Wahllokalen ab, die in ihren Wohnländern eingerichtet worden waren. Seitdem ist die Wahlbeteiligung der Auslandstürk:innen stark gestiegen, von 8,37 Prozent auf 52,04 Prozent im Jahr 2023,4 von denen 59,71 Prozent Recep Tayyip Erdo­ğan ihre Stimme gaben. In Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern fiel sein Erfolg noch deut­licher aus. Unter den Auslandstürk:innen sind der Prä­sident und seine Partei damit populärer als im Inland. Dafür sind materielle, ideologische und kul­tu­relle Fak­toren ausschlaggebend.5

Die Stimmen aus dem Ausland waren wichtig für die Machtkonsolidierung Erdoğans und seiner Partei. Dies zeigte sich deutlich bei den Präsidentschafts­wahlen 2018 und dem im Vorjahr abgehaltenen Verfassungsreferendum, bei denen die Auslandsstimmen den in der Türkei gewonnenen hinzugerechnet wurden. Bei den Präsidentschaftswahlen 2018 bekam Präsident Erdoğan 50,8 Prozent der Stimmen in der Türkei, was für einen knappen Sieg in der ersten Run­de gereicht hätte. Zusammen mit den 894.585 Stimmen, die er im Ausland erhielt, erreichte er schließlich 52,59 Prozent der gültigen Stimmen. Auch beim Referendum 2017 hatten Stimmen aus dem Ausland erheblichen Einfluss. Sie machten rund 19 Prozent (256.000) der Gesamtdifferenz (1,37 Millio­nen) zwischen den Ja- und Nein-Stimmen aus.

Die Diasporapolitik der AKP: Ein Instrument der Außenpolitik

Unter der AKP-Regierung gewannen die Diaspora­akteure auch aus außenpolitischen Motiven an Bedeu­tung. Die AKP-Eliten betrachten die Auslandstürk:in­nen zunehmend als religiös-kulturelle Gruppe, die sich für außenpolitische Ziele nutzen lässt. Dieser Wan­del der Politik gegenüber den türkischen Migrant:in­nen und ihren Nachkommen spiegelt sich auch darin wider, dass der Begriff »Diaspora« in den 2010er sowohl in türkischen Regierungsdokumenten als auch in türkischen wissenschaftlichen Arbeiten vermehrt auftaucht.6

Infobox 2: Rechtlicher Status/Bürgerrechte

■ Die doppelte Staatsbürgerschaft ist nach Art. 44 des türkischen Staatsbürgerschaftsgesetzes Nr. 5901 möglich; eine Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft ist mit staatlicher Genehmigung erlaubt. 1995 wurde die Rosa Karte eingeführt, die ehemaligen Staatsbürger:innen weitgehende Gleichstellung mit Inländern gewährte (z. B. Aufenthaltsrecht, Freizügig­keit, Beschäftigung).

■ Im Jahr 2009 wurde die Rosa Karte durch die Blaue Karte ersetzt: Diese ermöglicht zusätzlich befristete Tätigkeiten im öffentlichen Dienst, freiwillige Zahlun­gen in die türkische Sozial- und Rentenversicherung sowie staatliche Zuschüsse zur Altersvorsorge.

■ Bis 1987 durften Auslandstürk:innen nur an Flug­häfen und Grenzposten wählen. Durch Reformen 2008 und 2012 können alle über 18-Jährigen mit tür­kischem Pass im Ausland heute in Wahllokalen ihres Wohnlandes abstimmen.

Die türkische Diaspora aus Sicht der AKP

Die AKP-Regierung sieht die Türkeistämmigen als potenzielle Vertreter und Verteidigerinnen türkischer Interessen in den jeweiligen Wohnländern. Diese Wahrnehmung steht im Zusammenhang mit einer identitätsbasierten Weltanschauung. Die kulturellen Unterschiede zwischen der türkischstämmigen und der Mehrheitsgesellschaft werden bewusst betont.

Nach Erdoğans Willen sollen sich die Türkeistämmigen in der Diaspora nicht assimilieren, aber integrieren und die türkische Identität wahren.

Ein Musterbeispiel dafür ist der berühmte und umstrittene Aufruf des damaligen Premierministers Erdoğan im Jahr 2008 in Köln an die Türkeistämmigen: »[sich] nicht zu assimilieren, aber zu integrieren«, denn Assimilation sei »ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit«.7 Damit forderte Erdoğan von ihnen, ihre türkische Identität zu wahren, insbesondere durch Beherrschung der türkischen Sprache sowie gute Kenntnisse des Islams. Gleichzeitig betonte er, wie wichtig Teilhabe an der Politik der Aufnahmeländer sei.

Zentral für dieses Narrativ ist die Vorstellung, dass sich die in der Diaspora lebenden Türken (und Muslime) in Bezug auf ihre Werte, ihre Moral, ihre Identität und ihre Kultur grundlegend und unversöhnlich von der Mehrheits­gesellschaft unterscheiden. Dazu passend präsentieren sich die AKP und ihr Vorsit­zender als Vertreter und Hüter eines »postkolonialen neuen (politischen) Sub­jekts«, das durch die Entstehung einer »neuen Türkei« hervorgebracht worden sei.8 Die Familie bildet für die AKP das Herzstück dieser neuen Gesellschaft, mitsamt den damit verbundenen traditionellen Rollenbildern für Männer und Frauen. Wie sich diese Weltanschauung in der Diaspora niederschlägt, zeigt sich besonders deutlich in den fami­lien- und frauenbezogenen Aktivitäten der Diyanet, des staatlichen türkischen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten.9

Vertretung türkischer Interessen außerhalb der Türkei

Trotz – und gerade wegen – ihrer Identitätspolitik fordert die AKP-Regierung die Diaspora auf, an der Politik ihrer Aufnahmeländer aktiv mitzuwirken. Zu diesem Zweck fördert die AKP-Regierung nicht nur die Mitgliedschaft in politischen Parteien in den Auf­nahmeländern, sondern auch die Gründung neuer Parteien.10

Die niederländische DENK (auf Türkisch: »gleich« oder »ausgeglichen«) ist dafür ein prominentes Beispiel. Gegründet von zwei ehemaligen Abgeordneten der Partij van de Arbeid (PvdA), fordert DENK unter anderem eine Dokumentationsstelle für rassistische Vorfälle, die Einführung von Islamunterricht an Schu­len, eine Imam-Ausbildung ohne Mitsprache der niederländischen Regierung sowie die Einsetzung von Imamen in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Gefängnissen sowie im Militär. Bei der Parlamentswahl im Oktober 2025 behauptete die Par­tei ihre drei Sitze.

Als weiteres Beispiel lässt sich die DAVA (Demokratische Allianz für Vielfalt und Aufbruch) in Deutschland anführen. Die Partei, die 2024 von vier deutschen Staatsbürgern türkischer Herkunft ins Leben gerufen wurde, erregte bereits bei ihrer Gründung erhebliches Aufsehen. Dazu trug auch ihr Name bei, denn das arabische Wort Daʿwa bedeutet »Einladung« – im reli­giösen Kontext die Aufforderung an Nichtmuslime, den Islam anzunehmen – und ist zudem eng mit der islamistischen Bewegung in der Türkei verbunden. Einer der Parteigründer gehörte bis 2011 der SPD an, während zwei weitere in der Union der internatio­nalen Demokraten (UID) engagiert waren, einer Lobby­organisation der AKP, die sich auf die Mobilisierung türkischstämmiger Migrant:innen bei Wahlen spezialisiert hat.

Ähnlich wie für die DENK hat auch für die DAVA der Kampf gegen Islamophobie Priorität. Die Partei fordert außerdem die Anerkennung muslimischer Verbände als Körperschaften des öffentlichen Rechts. Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Festigung tra­ditioneller Geschlechterrollen. Bislang war die Partei jedoch wenig erfolgreich: Bei der Europawahl 2024 erlangte sie keinen Sitz, ihre einzige Landesliste in Nordrhein-Westfalen wurde vom dortigen Wahlausschuss abgelehnt; bei der Hamburger Bürgerschaftswahl verfehlte sie 2025 die für die staatliche Parteienfinanzierung auf Landesebene erforderliche Ein-Prozent-Hürde.

Aufbau eines zentral gesteuerten institutionellen Netzwerks

Mit der zunehmenden Systematisierung der türkischen Diasporapolitik zu innen- und außenpolitischen Zwecken hat sich die institutionelle Infrastruktur, über die diese Politik umgesetzt wird, deutlich konsolidiert.11 Dabei spielen die Gründung neuer Institutionen sowie deren Verknüpfung mit bestehenden Organi­sationen eine Rolle.

Eine der wichtigsten neuen Institutionen ist die im Jahr 2004 in Köln mit Unterstützung des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gegründete Union der internationalen Demokraten (UID).12 Sie agiert als Lobbyorganisation der AKP und verfügt über Niederlassungen in ganz Europa, darunter 15 in Deutschland. Die Vorstandsmitglieder der UID treten oft in Fernsehdebatten türkischer Sender auf, die im Ausland ausgestrahlt werden, etwa TRT Avrupa und Kanal Avrupa. Neben den Konsulaten und der UID spiel­ten weitere AKP-freundliche Organisationen wie die Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung (SETA) und die Yunus-Emre-Kulturzentren bei der Mobilisierung stimmberechtigter Migrant:in­nen im Vorfeld der türkischen Wahlen eine maßgebliche Rolle.

Noch bemerkenswerter mit Blick auf eine zentral gesteuerte Diasporapolitik ist die 2010 erfolgte Grün­dung einer Regierungsbehörde, die sich eigens der Dias­porapolitik verpflichtet hat: des Amtes für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB). Das ist ein Novum in der Geschichte der türkischen Republik. Seit 2018 untersteht die Institution dem türkischen Präsidenten. Das YTB richtet sich an drei verschiedene Gruppen: erstens türkische Bürger im Ausland und ihre Kinder, zweitens Schwestergemeinschaften (darunter türkisch­sprachige Minderheiten, Länder und Regio­nen sowie muslimische Länder, Regionen und Gesell­schaften sowie Länder und Gesellschaften, die Entwicklungshilfe von der Türkei erhalten) und drittens Studie­rende im Aus­land (insbesondere in Afrika, im Nahen Osten und in Asien).

Die YTB-Angebote richten sich großenteils an Kinder und Jugendliche13 und stehen türkischen Bürger:in­nen im Ausland sowie Inhaber:innen der sogenannten Blauen Karte offen (siehe Infobox 3). Gefördert werden türkischer Sprachunterricht, Stipendienprogramme, kulturelle Mobilität sowie die jährliche Veröffent­lichung eines Berichts über »rassistische und islamfeind­liche Angriffe« im Ausland, worunter Vorfälle verstanden werden, die sich direkt oder indirekt gegen türkische Staatsbürger:innen sowie gegen von ihnen gegründete Nichtregierungsorganisationen und Moscheen richten.14

Neben den oben aufgeführten Aktivitäten bietet das YTB zwei spezielle Förderprogramme an: eines zur Entwicklung von Expertise in rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Diskriminierung und eines zur Bereitstellung von Familien- und Sozialleistungen, die in den vergangenen Jahren vermehrt in den Fokus der Diasporapolitik gerückt sind – ein gutes Beispiel dafür, wie bestehende Institutionen mit neuen diasporapolitischen Zwecken verknüpft werden. Zum Beispiel unterhält das türkische Ministerium für Fami­lien- und Sozialpolitik Büros in Düsseldorf, Köln, Ber­lin, Hamburg und Stuttgart, die in die institutionelle Struktur der türkischen Konsulate integriert sind. Migrant:innen und ihre Kinder mit türkischer Staatsbürgerschaft sowie mit der Blauen Karte können hier Ansprüche auf Dienstleistungen geltend machen.

Infobox 3: Die wichtigsten Institutionen, die sich mit der Diaspora beschäftigen

■ Amt für Auslandstürken und verwandte Gemein­schaften (YTB, gegründet im Jahr 2010), seit 2018 dem türkischen Präsidenten unterstellt

■ Union Internationaler Demokraten (UIB, ursprüng­licher Name: Union Europäischer Türkischer Demokraten): 2018 Umbenennung nach ihrer sechsten
ordentlichen Generalversammlung in Bosnien und Herzegowina. Büros in etwa 30 Ländern, zumeist in Europa

■ Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)

■ Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung (SETA)

■ Yunus-Emre-Institut: türkischer Sprachunterricht und Pflege der internationalen kulturellen Zusammenarbeit

Ein anderes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen alten und neuen Institutionen ist das Diyanet. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), der deutsche Ableger von Diyanet, beteiligte sich aktiv an YTB-Projekten.

Die jahrzehntelangen Migrationsbewegungen aus der Türkei nach Europa – vor allem nach Deutsch­land – hatten bereits vor 2002, als die AKP an die Macht kam, dazu geführt, dass in den Wohnländern eine vielfältige institutionelle Landschaft entstand. Deren Potenziale waren der Partei-Elite von Anfang an bewusst, insbesondere hinsichtlich des Zugangs zur türkischen Diaspora. Die Moscheen und Verbände werden ebenfalls als wichtig angesehen, wenn um Loyalität und Unterstützung der Auslandstürk:innen für die Außenpolitik des Herkunftslandes geworben wird, zum Beispiel hinsichtlich der türkischen Militär­operationen in den kurdischen Gebieten Syriens.15 Die Forderung nach Aufbau einer kohärenten und zentral koordinierten institutionellen Struktur wird seit den 1990er Jahren von Türkeistämmigen gegenüber den jeweiligen türkischen Regierungen erhoben. Diese soll – so die zugrunde liegende Logik – die Vermittlung gemeinsamer Interessen und Forderungen der Diaspora gegenüber den Aufnahmestaaten erleichtern und die politische Handlungsfähigkeit der Diaspora stärken. Die AKP kommt diesem Wunsch entgegen.

Grenzen der AKP-Diasporapolitik

Die Versuche der AKP-Regierung, die Diaspora für eigene innen- und außenpolitische Zwecken zu inst­rumentalisieren, laufen zuweilen jedoch ins Leere. Dies zeigt sich beispielsweise an der geringen Popularität von AKP-nahen Parteien in Europa wie DENK oder DAVA. Als Ein-Themen-Parteien gehen sie an den Bedürfnissen ihrer Zielwählerschaft, die sich oft für ein breites Spektrum an politischen Fragen in ihrem Wohnland interessiert, vorbei.

Die Vielfalt politischer Ausrichtungen in den türkischen Gemeinschaften setzt der Diasporapolitik der AKP ebenfalls Grenzen. Dies zeigt sich deutlich bei der Wahlbeteiligung im Ausland. Zwar ist es der AKP in nur rund vier Jahren gelungen, deren Stimmabgabe bei türkischen Wahlen von 8 Prozent auf fast 50 Prozent zu steigern.16 Fast die Hälfte der Wähler:innen ließ sich durch die AKP aber nicht mobilisieren.

Für die AKP und ihre Führungskader gehören nicht alle Teile der türkischen Gemeinschaft in gleicher Weise zur türkischen Nation.17 Konservative Frömmig­keit sowie Loyalität zu Erdoğan und seiner Partei sind aus ihrer Sicht wichtige Kriterien der Zugehörigkeit. Oppositionsakteure im Ausland hingegen zählen, erst recht nach dem gescheiterten Putschversuch des Jahres 2016, nicht dazu und werden in manchen Fällen auch direkt von dem türkischen Staat als Staatsfeinde verfolgt.18

So wurde 2017 bekannt, dass deutsche Behörden Ermittlungen gegen Imame und andere Angehörige der DITIB aufgenommen hatten. Die Funktionäre wurden beschuldigt, geheimdienstlich relevante Informationen über türkische Staatsangehörige in Deutschland gesammelt und nach Ankara weitergeleitet zu haben, von denen der türkische Staat annahm, sie hätten Verbindungen zum Gülen-Netzwerk. Presseberichten zufolge waren die Religionsattachés der türkischen diplomatischen Vertretungen in Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz ebenfalls in dieser Richtung tätig.19 Die Türkei wirft der Gülen-Bewegung vor, den Putschversuch geplant und durchgeführt zu haben, und stufte sie bereits im Mai 2016 als terroristische Organisation ein.20

Die Reaktionen aus den Aufnahmeländern auf den Versuch der AKP, ihren Einfluss unter den Türkeistäm­migen zu erweitern, haben auch innerhalb der türkischen Gemeinschaften zu Besorgnis und einem zurück­haltenden Verhältnis zur AKP geführt. Ein Beispiel dafür war 2018 der Rücktritt des gesamten Vorstands von DITIB-Niedersachsen, als die Kölner DITIB-Zentrale und ihr Religionsattaché in die Arbeit der Organisa­tion eingreifen wollte.21 Doch ist, wenn im Sinne der AKP gehandelt wird, nicht immer Ideologie im Spiel. Wie das Wahlverhalten der Diaspora illustriert, geben oft Pragmatismus und Nützlichkeitsüberlegungen den Ausschlag.22 Die von der AKP propagierte konservative Sittlichkeit wiederum könnte unter Angehörigen der jungen Generation die Überzeugungs­kraft der Dias­porapolitik limitieren.23

Relevanz für Deutschland

Trotz einschränkender Erlebnisse und Faktoren wird Ankara, so die realistische Erwartung, seine Aktivitäten in der Diaspora fortsetzen. Im Mittelpunkt dieser Strategie steht eine Mischung aus dem Wunsch nach dem politischen Überleben Recep Tayyip Erdoğans, den außenpolitischen Ambitionen der Türkei und dem Wunsch nach Etablierung streng konservativer Moral­vorstellungen mit traditionellen Geschlechterrollen.

Es ist damit zu rechnen, dass Erdoğan oppositionelle Kräfte in Europa noch rigoroser verfolgen lässt als in der Vergangenheit.

In diesem Zusammenhang ist mit einer Intensivierung der Verfolgung oppositioneller Kräfte in Europa zu rechnen, und diese ist nicht auf die Gülenisten beschränkt. 2016 begann die AKP-Regierung, die beschriebenen Vorgehensweisen auch auf andere Grup­pen wie die Kurd:innen und die sogenannten neuen Migrant:innen auszuweiten. Den Oppositionsgruppen wird unterstellt, sie würden die Diaspora politisch, kulturell und religiös untergraben. Die neue Migrationswelle von Studierenden, Journalist:innen, Aktivist:innen und hochgebildeten Türk:innen, die seit 2015/16 das Land verließen, könnte in den kommenden Jahren zu Spannungen innerhalb der Diaspora beitragen.

Gleichzeitig wird sich die Türkei weiterhin mit den Sorgen türkischer Migranten wegen zunehmender Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber dem Islam befassen. Dabei spielen auch die innenpolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland über die Poli­tik gegenüber Israel und Palästina eine Rolle. Zwar haben sich türkische Organisationen bislang mit öffent­lichen Bekundungen oder gar Demonstrationsaufrufen zurückgehalten, doch die Haltung der Bundesregie­rung stößt dort weithin auf Unverständnis und Empö­rung. Davon zeugen Stellungnahmen türkischer Vereine, Moscheegemeinden und Politiker. Sie haben den Eindruck, die Bundesregierung messe bei ihrem Einsatz für universelle Werte mit zweierlei Maß, wenn es um Muslime sowie Migrant:innen aus dem Nahen Osten geht. Dem Narrativ der AKP über Islamo­phobie des Westens könnte so ebenso wie einer wei­teren Entfremdung von der Aufnahmegesellschaft Tür und Tor geöffnet werden.

Angesichts der komplexen Dynamiken der politischen Meinungsbildung in der Diaspora-Community ist es zuallererst geboten, zwischen den systematischen Bemühungen der türkischen Regierung, die tür­kische Diaspora für ihre innen- und außenpolitischen Zwecke zu instrumentalisieren, und den Sorgen und Nöten der türkischen Diaspora und den daraus resultierenden Forderungen zu differenzieren. Nicht zuletzt lassen sich für Deutschland aus den Erfahrungen mit der Türkei wichtige Erkenntnisse ableiten: Die emo­tionale Distanz zwischen dem Aufnahmeland und einer Diaspora kann vom Herkunftsland ausgenutzt werden, gerade wenn sich die bilateralen Beziehungen zum Herkunftsland verändern.

Diasporapolitische Muster

Sinem Adar / Isabelle Werenfels

Die Fallbeispiele in dieser Studie belegen, dass die Bedeutung der Diasporapolitik für autoritäre und sich autokratisierende Staaten zunimmt. Davon zeugt die wachsende und vielfältige Landschaft von Institutionen und Instrumenten, die sich an die jeweilige Diaspora richten. Die Diasporapolitik ist in fast allen Fällen zu einem wichtigen Pfeiler der Außenpolitik dieser Staa­ten geworden und dient meist auch innenpolitischen Zielen (siehe Tabelle).

Der Konnex zwischen der jeweiligen Diaspora- und Außenpolitik gestaltet sich allerdings unterschiedlich. Gerade Staaten, die sich als Global Player verstehen, verfolgen mit der Diasporapolitik geopolitische bzw. impe­riale Ambitionen. Besonders offensichtlich ist dies im Falle Russlands, wo die Diasporapolitik als Teil der hyb­riden Kriegsführung darauf zielt, Gesellschaft und Politik in anderen Ländern zu durchdringen und demo­kratische Systeme zu destabilisieren. Dies zeigt sich vor allem in Deutschland, wo es eine historisch gewach­sene, große russische Diaspora gibt. Für China wiederum stehen Fragen globaler Wirtschafts- und Techno­logie­konkurrenz und -dominanz im Vordergrund. Auch für Indien spielen Innovations- und Wettbewerbs­fähigkeit eine Rolle. Staaten mit regionalen Ambitionen wie Eritrea, Marokko und der Türkei geht es überdies um terri­toriale Souveränitätsfragen (Westsahara, Kurden­gebiete, Zypern) und/oder um nachbarschaftliche Rivalitäten und Konflikte, etwa zwischen Eritrea und Äthi­opien oder Marokko und Algerien.

Darüber hinaus sind die Regime meist bestrebt, mit­hilfe ihrer Diasporapolitik internationale Diskurse zu beeinflussen und/oder das Image des Herkunftsstaates in der internationalen Arena aufzuwerten. Sie setzen daher verstärkt auf Public Diplomacy, Nation Bran­ding und Lobbying und nutzen zu diesem Zweck ver­mehrt digitale Mittel und Plattformen.

Innenpolitische Ziele motivieren die Diasporapolitik ebenfalls. Dies gilt unabhängig von der Ausprägung des Autoritarismus (siehe Tabelle). Auch hier ist das Spektrum der Interessen hinter der jeweiligen Dias­porapolitik breit. Sie reichen von der Sicherung persönlicher Macht bzw. eines politischen Regimes und/oder Systems über wirtschaftliche Überlegungen hin zur Beeinflussung von Dynamiken in der Diaspora. In der Regel geht es den politischen Entscheidungsträgern um Loyalität und damit Unterstützung für das eigene politische System bzw. Regime und oftmals auch um Kontrolle und Überwachung der Diaspora. Dies geschieht nicht zuletzt durch geheim­dienstliche und andere Aktivitäten, sprich: im Rahmen von transnationaler Repression. Das gilt insbesondere dann, wenn Freiräume für oppositionelle Politik im Herkunftsland klein sind oder gänzlich fehlen wie in Eritrea, Russland und China. Hier korreliert der Grad der transnationalen Repression stark mit dem Grad des Autoritarismus im Herkunftsland. Innen­politische Umbrüche und Machtkämpfe können die Repression der Diaspora ebenfalls verschärfen. Dies war zum Beispiel nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016 der Fall. Mit Blick auf transnationale Repression gerät Diasporapolitik dann in Konflikt mit dem Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und mit rechtsstaatlichen Normen und demokratischen Grundsätzen der Wohn­länder.

Auffallend ist außerdem, dass die meisten Herkunftsstaaten in der Ausgestaltung ihrer Politiken vis-à-vis einzelnen Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Ziele verfolgen. Je ambitionierter die Ziele, die über die Diaspora­politik erreicht werden sollen, desto flächendeckender in der Regel das Instrumentarium. Das spiegelt sich auch in rechtlichen Regelungen wider, etwa im Bürgerrecht für postmigrantische Diasporas, das heißt Nachkommen von Auswander:innen, sowie der ideellen Konzeption, wer alles zur Diaspora gezählt wird. Für die Türkei und Marokko sind Jugendliche und junge Erwachsene mittlerweile eine der wichtigsten Zielgruppen. In einigen Fällen sollen selbst Gruppen, die keinen genealogischen oder rechtlichen Bezug zum Herkunftsland haben, erreicht werden. Russland etwa inkludiert Menschen mit Neigung zum äußeren rechten Rand des politischen Spektrums in seine Bemühungen. Und die türkische AKP betrachtet bei dem Versuch, die Führungsrolle in der sunnitischen muslimischen Welt einzunehmen, auch nicht-türki­sche Muslime als Zielgruppe ihrer Dias­porapolitik. Dieser Ansatz stößt jedoch, nicht zuletzt aufgrund von Sprachbarrieren, schnell an Grenzen und bleibt auf die rhetorische Ebene beschränkt.

Tabelle Übergeordnete Ziele von Diasporapolitik

China

Diasporapolitik als Teil außen- und geopolitischer Ziel­setzungen: Entwicklung Chinas zu einer ökonomischen, technologischen und politischen Weltmacht

Eritrea

Diasporapolitik zum politischen und wirtschaftlichen Regimeerhalt

Indien

Diasporapolitik zur Unterstützung innen-, wirtschafts- und geopolitischer Zielsetzungen: Indien als Hindu-Nation und als globale Wirtschaftsmacht

Marokko

Diasporapolitik zur Unterstützung innen- und regional­politischer Ziele: langfristige Sicherung des monarchischen Systems, wirtschaftlicher Stabilität und Anerkennung der Souveränität über die Westsahara

Russland

Diasporapolitik als Teil hybrider Kriegsführung

Türkei

Diasporapolitik als Teil innen- und regionalpolitischer Zielsetzungen: AKP-Machtkonsolidierung und Ausbau des außenpolitischen und regionalen Einflusses

Ein weiteres gemeinsames Merkmal aller in dieser Studie analysierten Fälle ist, dass Identitätspolitik einen zentralen Pfeiler der Diasporapolitik bildet. Allerdings variieren die Vorstellungen darüber, was den Zielen des jeweiligen Herkunftslandes dienlicher ist: exklusive oder multiple Identitäten und/oder ein niedriger oder hoher Integrationsgrad im Wohnland? China etwa möchte keine »Bindestrich-Identitäten« und betont eine einheitliche nationale Identität. Marokko und die Türkei wünschen sich weitgehende Integration in das Wohnland, aber keine (völlige) Assimilation, sprich: die komplette Aufgabe der Herkunftsidentität. Und alle Herkunftsstaaten streben die Bewahrung kultureller und sprachlicher Identität an – nicht nur zwecks enger Bindung an das Herkunftsland, sondern auch, um den kulturellen Unterschied zur Aufnahmegesellschaft zu betonen. Bei den russischen Vorstellungen spielt bei der identitätsbezogenen Bruchlinie das Bekenntnis zur »russischen Welt« und ihren »traditio­nellen Werten« in Abgrenzung vom westlichen Libe­ralismus eine Rolle. Bei der AKP wiederum steht der sogenannte Kampf gegen Islamophobie im Zentrum.

Gerade im Kontext innenpolitischer Polarisierung oder ethno-konfessioneller Spaltungen im Herkunftsland ist Dias­porapolitik sowohl Ausdruck eines Tauziehens um die soziokulturelle oder politische Identität des eigenen Landes als auch des Versuchs, einer gesellschaft­lichen, politischen oder identitären Strömung zur innen- (und außen-) politischen Dominanz zu verhelfen. Das zeigt sich etwa an der Förderung des Hindu­nationalismus in der Diaspora durch die regierende BJP, den gesellschaftspolitischen Vorstellungen der türkischen Regierungspartei AKP und nicht zuletzt in Moskaus »zivilisatorischem« Anspruch einer »russischen Welt«. Da, wo die Entfremdung der Diaspora vom Wohnland teilweise groß ist und/oder zunimmt, fällt eine solche Diasporapolitik auf fruchtbaren Boden. Aus mehreren Fallstudien lässt sich zudem her­auslesen, dass nicht nur der Herkunftsstaat Druck ausübt, sondern auch Diasporaakteure selbst unter­einander soziale oder politische Kontrolle ausüben. Dies kann über Vereine und/oder Moscheen geschehen wie im türkischen und marokkanischen, über die Kirchengemeinden im eritreischen oder über Spio­nage im chinesischen Fall. Solche lokalen »Initia­tiven« können, aber müssen nicht immer zentral organisiert sein.

Auch die diasporapolitischen Überlegungen in puncto Wirtschaft differieren in ihren Schwerpunkten. So spielt die ökonomische Dimension der Dias­porapolitik im eritreischen Fall durch die erzwungenen Steuerzahlungen und Überweisungen eine ent­scheidende Rolle für den schieren Regimeerhalt. Im Falle Marokkos und Indiens sind Rücküberweisungen von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Ent­wicklung. Im türkischen Fall dagegen haben sie im Laufe der Zeit an Gewicht verloren. Marokko hat über­dies gezielt Finanzinstrumente für Diasporaakteure entwickelt, um Finanzflüsse zu generieren, wirtschaft­liche Stabilität zu gewährleisten und sein ambitio­niertes Modernisierungsprojekt voranzutreiben. Für China waren Investitionen von Auslandschinesen in der Vergangenheit ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Heute wiederum misst China der Diaspora in seinem innovationsorientierten Entwicklungsmodell eine Schlüsselrolle zu. Sowohl für Indien als auch für China ist die Rückkehr von Talenten und Führungskräften in das Herkunftsland entscheidend für den Aus­bau von Konkurrenzfähigkeit und Innovations­kraft sowie der eigenen Wirtschaftsmacht auf dem Weltmarkt. Solche Ambitionen können sich, etwa im Falle Chinas, auch in der Ermutigung zu Wirtschaftsspionage durch Diasporaakteure niederschlagen.

Wenig überraschend, aber für den Erfolg der Dias­porapolitik zentral ist der Umstand, dass Diaspora­akteure sich nicht immer an das Skript halten, das ihr Herkunftsland für sie vorsieht. Die Fallbeispiele in dieser Studie verweisen auf eine große Vielfalt an Hal­tungen und Identitäten in der jeweiligen Diaspora. Im indischen oder chinesischen Fall etwa ist die sehr große Diaspora zu weiten Teilen nicht in staatlichen Ver­einen oder Verbänden organisiert. Und bei den im Aus­land geborenen postmigrantischen Generationen sinkt, allen diasporapolitischen Bemühungen zum Trotz, oftmals die Identifikation mit dem Herkunftsland – vorausgesetzt, sie fühlen sich im Wohnland nicht diskriminiert. Das heißt: Die Effektivität von Aspekten der Diasporapolitik, die für das Wohnland herausfordernd sind, lässt sich durch erfolgreiche Integration beschränken.

Auch die Vielfalt einer Diaspora kann die Politik des Herkunftslandes schwächen oder gar konterkarieren. Die neue Migrationsbewegung aus der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch äußert sich in Gegenmobilisierungen in der Diaspora. In der marokkanischen Diaspora kommt es vereinzelt zur Solidarisierung mit regierungskritischen Protesten und/oder mit politischen Gefangenen. Und auch im chinesischen Fall lassen sich Gegenmobilisierungen zum autoritären China beobachten. Das heißt, Vertreter:innen regimekritischer bzw. demokratiefreund­licher Haltungen in einer Diaspora sind geeignet, beschönigenden Narrativen und damit der Public Diplomacy und dem Nation Branding der Herkunftsländer Grenzen aufzuzeigen.

Wenn diese Vielfalt im Herkunftsland nicht gelebt werden kann, schlagen sich dortige innenpolitische Konflikte in der Regel auch im Wohnland nieder. Dabei scheinen zwei Faktoren für das damit verbundene Gewaltpotenzial in der Diaspora eine wichtige Rolle zu spielen: der Grad an Autoritarismus und das Ausmaß bzw. die Virulenz ethno-religiöser Konflikte bzw. ideologischer Vorstellungen. Wenn der Autori­tarismus so stark ausgeprägt ist wie im eritreischen oder russischen Fall, ist politische Kritik im Herkunfts­land unmöglich und verlagert sich ins Ausland. Wenn ethno-religiöse bzw. ideologische Vorstellungen so dominant sind wie im türkischen bzw. indischen Fall, führt dies in der Diaspora ebenfalls zu erheblichen Spannungen.

Nicht zuletzt gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum sich Diasporaakteure von der Politik ihrer Herkunftsstaaten angesprochen fühlen und darin oft­mals persönliche Chancen erkennen. So beeinflussen gesellschaftliche und politische Dynamiken im Wohnland, wie Diasporagruppen auf das Werben der Herkunftsländer reagieren. Insbesondere bei Diasporaakteuren aus (teilweise) muslimischen Ländern haben rassistische und islamfeindliche Diskurse in europäischen Staaten, inklusive Deutschland, zu einem Gefühl der Ausgrenzung, zu Ängsten und einer gewissen Entfremdung geführt. All dies mag auch im Ausland gebo­rene postmigrantische Generationen dazu bewegen, sich wieder stärker dem Land ihrer Vorfahren zuzuwenden.

Dabei gilt, dass Diasporaakteure sich nicht unbedingt aus Loyalität oder politischer Überzeugung mit ihren Herkunftsländern identifizieren, sondern des­halb, weil die Soft-Power-Instrumente der Diaspora­politik wie im marokkanischen Fall Chancen auf Ver­netzung und sozialen Aufstieg bieten. Die Aussicht auf Aus­zeichnungen, Preise und materielle Kompensa­tion kann Anreiz sein, sich im Wohnland um Erfolg zu bemühen. Oft bewirkt schon moderater Erfolg im Wohnland Prestige und Sichtbarkeit im Herkunftsland. Materielle sowie Karriereüberlegungen spielen auch für die türkische und chinesische Diaspora eine Rolle, wenn es darum geht, sich im und für das Her­kunftsland zu engagieren. Gleichzeitig erkennen Außen-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitiker:in­nen in den Wohnländern ebenfalls zunehmend, welchen Mehrwert Diasporaakteure als Vermittler:in­nen und Brückenbauer:innen, die in zwei oder mehreren gesellschaftlichen und politischen Welten verankert sind, darstellen. Diese Einsicht wiederum eröffnet Diasporaakteuren Aufstiegschancen im Wohnland.

Chancen und Herausforderungen für Deutschland

Genauso wie die Herkunftsstaaten, wenn auch mit einige Jahrzehnten Verzögerung, haben deutsche Außen- und Wirtschaftspolitiker die Chancen erkannt, die sich durch in Deutschland lebende Diasporagruppen ergeben. In vielen Fällen überlappen sich die Interessen Deutschlands mit denjenigen des Herkunfts­lands, etwa wenn es um das entwicklungs- und wirt­schaftspolitische Engagement von Diasporaakteuren im Herkunftsland geht, um eine Strategie zur legalen Migration von Fachkräften oder um politische Mittler und Übersetzer in komplexen oder delikaten bilate­ralen Kontexten.

Grundsätzlich gilt es zwischen aus deutscher Sicht konstruktiven diasporapolitischen Ansätzen und sol­chen zu unterscheiden, die möglicherweise mit deut­schen Interessen und Werten kollidieren oder gar demokratiezersetzend wirken. Letzteres ist insbesondere bei der russischen Diasporapolitik der Fall.

Dabei zeigt sich, dass für die Auswirkungen der jeweiligen Diasporapolitik in Deutschland und entsprechende Handlungsoptionen zwei Faktoren beson­ders relevant sind: erstens Historie, Qualität und Charakteristika der bilateralen Beziehungen Deutschlands zum Herkunftsstaat und zweitens die Wahrnehmung der jeweiligen Diaspora in der deutschen Gesellschaft und Politik. Gerade am russischen Beispiel, aber auch am türkischen oder marokkanischen zeigt sich, wie stark bilaterale Beziehungen sowie Sichtweisen auf die jeweilige Diaspora Schwankungen unterworfen sein können oder sich auf Dauer verändern. Die diplomatischen Beziehungen zu Russ­land sind seit der Vollinvasion in die Ukraine nachhaltig gestört bzw. konfrontativ, zu Eritrea gibt es nur schwach ausgeprägte diplomatische Kanäle. Im indi­schen Fall korrespondiert die gewachsene politische Bedeutung der bilateralen Beziehungen mit den mehr­heitlich positiven Sichtweisen in Deutschland auf indische Fachkräfte. Darin steckt das Potenzial, Dias­poraakteure gezielt in die Weitentwicklung der bila­teralen Beziehungen einzubeziehen, unter anderem im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Aus dieser Gemengelage von Diasporapolitik, bilateralen Beziehungen und öffentlichem Diskurs zur jeweiligen Diaspora ergeben sich für Deutschland in den meisten Beispielen dieser Studie sowohl Chancen als auch Herausforderungen bzw. Dilemmata. Während die Gelegenheiten relativ einfach zu identifizieren sind und verschiedene Ressorts schon diesbezügliche Strategien entwickelt haben, sind mit Blick auf die Herausforderungen und Dilemmata komplexere Kon­stellationen zu beachten:

Erstens kollidiert in nahezu allen Fällen das deutsche Verständnis von Freiheitsrechten mit den Versuchen autoritärer Machthaber, die Kontrolle über die eigene Diaspora zu sichern. So können Regierungen von Herkunftsländern nicht erwarten, dass Deutschland oppositionelle Diasporaakteure in ihren Akti­vitäten und ihrer Meinungsäußerung einschränkt und/oder toleriert, dass diese massiver transnationaler Repression unterworfen und geheimdienstlich aus­gespäht werden. Im russischen Fall werden loyale Dias­poragruppen gar instrumentalisiert, um demokratische Diskurse im Wohnland durch Falschinformationen und Engagement in populistischen Parteien zu unterwandern.

Zweitens konfrontiert die Verlagerung von Konflikten des Herkunftslandes nach Deutschland die hiesige deutsche Innen- und Außenpolitik mit einer ganzen Reihe von Dilemmata. Am deutlichsten wird dies am Beispiel Eritrea, dessen rigide innenpolitische Repression dazu führt, dass Auseinandersetzungen zwischen regimeloyalen und oppositionellen Diasporaorganisationen auf deutschem Boden ausgetragen werden. Hier muss Deutschland einen schwierigen Ausgleich bewerkstelligen: zwischen einem verhältnismäßigen Vorgehen gegen organisierte wie auch spontane Gewalt und Einschüchterung – sowohl durch staatlich unter­stützte als auch oppositionelle Diasporaakteure – und dem Schutz kritischer Stimmen innerhalb der Dias­pora, und zwar bei gleichzeitiger Wahrung der Frei­heitsrechte aller Diasporagruppen.

Drittens zeigt sich in einigen Fällen ein Muster der Entfremdung von Diasporaakteuren – dies nicht nur aufgrund von Diskriminierung im Wohnland, sondern auch wegen außenpolitischer Positionen und Handlungen Deutschlands, die ein Spannungsfeld zwischen Integration und Identität eröffnen. Prominentestes Beispiel hierfür sind die unterschiedlichen Haltungen Deutschlands zur Auslegung des Völkerrechts in den Kriegen in der Ukraine, Gaza und Iran. Diaspora­akteure, insbesondere aus Nordafrika und dem Nahen und Mittleren Osten, inklusive der Türkei, haben wenig Verständnis für Einschränkungen im Kontext von Demonstrationen, die sich Solidarität mit Paläs­tina und Palästinenser:innen auf die Fahnen schreiben. Sie empfinden diese nicht nur als normativ inkonsistent, sondern als antimuslimisch und oftmals als rassistisch. Diese Wahrnehmung hat zur Folge, dass der starke Fokus der türkischen Diasporapolitik auf Islamophobie in der hiesigen Diaspora teils auf frucht­baren Boden fällt. Im russischen Fall wiederum füh­len sich postsowjetische Migrant:innen im Zuge der Annexion der Krim 2014 durch Russland und erst recht seit dessen 2022 begonnenem Krieg gegen die Ukraine unter Druck und von Deutschland entfremdet. Damit steigt ihre Anfälligkeit für russische Kriegs­narrative.

Diese komplexe Gemengelage erfordert beim Umgang Berlins mit den Diasporapolitiken und ihren Effekten genaue Kenntnisse der spezifischen Geschichte und Sensibilitäten der jeweiligen Diasporagruppen. Es lassen sich hierfür eine ganze Reihe genereller Dos and Don’ts identifizieren:

  • Bei allen Überlegungen zum Umgang mit Dias­porapolitik der in dieser Sammelstudie analysierten Staaten gilt es zwischen konstruktiven Politiken, die willkommene Ansatzpunkte für Kooperationen bieten können, und Versuchen strategischer Einflussmaßnahme bis hin zu hybrider Kriegführung zu unterscheiden, die gegen deutsche Gesetze verstoßen und/oder gesellschaftliche und politische Spannungen in Deutschland verschärfen.

  • Im Umgang mit den Effekten von Diasporapolitik sollte Berlin immer innen- und außenpolitische Erwägungen im Auge behalten. Das gilt etwa im Falle von Aktivitäten der eritreischen Diaspora in Deutschland, die sich auf Entwicklungen am Horn von Afrika auswirken können. Im türkischen Fall ist es angeraten, funktionierende Beziehungen zur Türkei aufrechtzuerhalten und gleichzeitig türkischer Einflussnahme auf die Diaspora, etwa durch Nutzung von Moscheen und Verbänden zu politischen Zwecken, Einhalt zu gebieten.

  • Sorgfältige Abwägungen bzw. einen Balanceakt ver­langt auch das Verfolgen der wirtschaftliche Interessen Deutschlands an Forschungskooperationen in Klima, Gesundheits- und Technologiefragen, ohne dass dabei unerwünschter Wissenstransfer stattfindet. Das gilt in allererster Linie für China. Ein möglicher Ansatz ist das aus den USA stammende Prinzip des small yard, high fence: Nur eng definierte Schlüsseltechnologien (small yards) werden stark abgesichert (high fence), während andere Bereiche für Kooperation und Austausch grundsätzlich offenstehen; dies setzt eine diffizile Risiko- und Interessenabwägung unter Einbeziehung juristischer, politischer und regionalwissenschaftlicher Expertise voraus.

  • Aggressiver Propaganda, Einschüchterung und transnationaler Repression durch Herkunftsstaaten müssen deutsche Behörden entschieden entgegentreten. Das gilt auch für die Verbreitung von Propaganda in mehreren Sprachen, wie sie etwa Russland oder China praktizieren. Hier sollten Sanktionen gegen kulturelle Instrumente der Diaspora­politik konsequent umgesetzt werden. Generell dürfte es sich lohnen, genügend Ressourcen für die Identifizierung von und den Umgang mit Plattformen bereitzustellen, die Diasporagruppen auf unerwünschte Weise beeinflussen. Entschlossen bekämpft werden muss die Überwachung von Dias­poraakteuren durch Geheimdienste und Botschaften der Herkunftsstaaten, wie dies in nahezu allen Fällen dieser Studie zumindest punktuell zu beob­achten war oder ist.

  • Die Schaffung einer Stelle zur Generierung von Wissen zu transnationaler Repression in der Bundesregierung ist sehr zu begrüßen. Notwendig sind auch Austausch und ein koordiniertes Vorgehen innerhalb Europas. Dies gilt unter anderem für die Einreise von Regimevertretern und ‑propagandis­ten mit Schengen-Visa, wie dies etwa im eritreischen Fall schon geschehen ist. Zu überlegen wäre auch die Schaffung von Anlaufstellen bzw. Ombudspersonen für Diasporaakteure, die sich unter Druck gesetzt fühlen – nicht alle dieser Akteure sind prominente Dissident:innen, die leicht Zugang zu deutschen Behörden bzw. zu Schutzmaßnahmen finden.

  • Zudem sind pragmatische bürokratische Lösungen für Diasporaakteure gefragt, die aus Sicherheits- oder Diskriminierungsgründen in ihren Botschaften in Deutschland keine für ihre hiesige Existenz relevanten Dokumente anfordern können.

  • Rechtsstaatlichkeit muss der Hauptbezugspunkt Deutschlands für Entscheidungen sein, wann Einschränkungen von grundrechtlich garantierter Versammlungsfreiheit aufgrund von innerdiaspo­rischen Konflikten gerechtfertigt sind und wann nicht. Dies ist besonders im Falle Eritreas offenkundig. Hier besteht das Risiko, dass aus Sicherheitsbedenken und Sorge, rechtsextremen Diskursen Auftrieb zu geben, Freiheitsräume nicht verteidigt bzw. ausgehöhlt werden.

  • Die Grundrechte für Meinungs- und Demonstra­tionsfreiheit müssen gewahrt werden, um gerade bei Diasporaakteuren den Eindruck zu vermeiden, dass bei der Verteidigung von Menschenrechten und internationalen Normen mit zweierlei Maß gemessen wird. Kanäle für gewaltfreien Protest müssen offengehalten werden, um potenziellen Gewaltakteuren keine Legitimation für gewaltsame Aktion zu bieten.

  • Ganz grundsätzlich gilt es, standfest zu bleiben, wenn Herkunftsstaaten von Deutschland erwarten, kritischen Diasporaakteuren einen Maulkorb zu verpassen.

  • Umgekehrt sollten deutsche Institutionen bzw. Behörden für die Instrumentalisierung von Dias­poragruppen sensibilisiert werden, erst recht mit Blick auf Einmischung in demokratische Prozesse und Strukturen oder gar deren Aushöhlung, wie dies im russischen Fall bereits geschieht und in Zukunft auch bei anderen Staaten nicht auszuschließen ist – Staaten können auch diesbezüglich voneinander lernen. Hier sollten die zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden.

  • In der öffentlichen und politischen Kommunika­tion braucht es zudem eine klare Differenzierung zwischen dem Herkunftsland und der jeweiligen Diaspora.

  • Hinweise auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln sowie deren konsequente Durchsetzung sind legitim und wichtig. Sie dürfen jedoch nicht in pauschalisierende und diskriminierende Rhetorik münden. Dies könnte zur Entfremdung ganzer Diasporagruppen führen und damit negative Einflussnahme durch Drittstaaten begünstigen. Posi­tive Signale gegenüber Diasporagruppen dagegen eröffnen Chancen; nicht nur für die Wirtschaft bzw. den Arbeitsmarkt in Deutschland, sondern auch für die deutsche Außen-, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik.

  • Nicht zuletzt ist der Kenntnisstand über Diasporagruppen, ihre enorme Diversität und ihre Aktivi­täten auch in der digitalen Sphäre noch zu lücken­haft – oftmals wissen hier die Botschaften und Außenministerien der Herkunftsstaaten besser Bescheid als deutsche Behörden. Schließt man diese Lücken, könnten die Behörden wichtige Diaspora­akteure genauer einschätzen, lohnende Koopera­tionen ausbauen und konstruktives Engagement von Diasporaakteuren unterstützen. Die sprichwört­lichen Brückenbauer, das heißt, in beiden Staaten gut vernetzte Akteure, sind nicht nur für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit und die Außenwirtschaft ein Gewinn, sondern auch geeignet, Konfliktsituationen innerhalb der Dias­pora zu entschärfen und selbst in den bilateralen Beziehungen Deutschlands mit dem Herkunftsland Wogen zu glätten.

Anhang

Abkürzungen

AfD

Alternative für Deutschland

AKP

Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung)

BJP

Bharatiya Janata Party

BMZ

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

BSW

Bündnis Sahra Wagenknecht

CCME

Conseil de la Communauté Marocaine à l’Étranger

CDU

Christlich Demokratische Union

CSU

Christlich-Soziale Union

DAVA

Demokratische Allianz für Vielfalt und Aufbruch

DITIB

Diyanet İşleri Türk İslam Birlığı (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.)

GIZ

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

EPLF

Eritrean People’s Liberation Front

HSS

Hindu Swayamsevak Sangh

KPCh

Kommunistische Partei Chinas

MEA

Ministry of External Affairs

MINT

Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik

MOIA

Ministry of Overseas Indian Affairs

MRE

Marocains Résidant à l’Étranger

NRI

Non-Resident Indian(s)

OCAO

Overseas Chinese Affairs Office

OCI

Overseas Citizen(s) of India

PFDJ

People’s Front for Democracy and Justice

PIO

Person(s) of Indian Origin

PKK

Arbeiterpartei Kurdistans

PvdA

Partij van de Arbeid

RAW

Research and Analysis Wing

RSS

Rashtriya Swayamsevak Sangh

SETA

Siyaset, Ekonomi ve Toplum Araştırmaları Vakfı (Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung, Ankara)

TDF

Tigray Defence Forces

UFWD

United Front Work Department (Einheitsfrontabteilung)

UID

Union der Internationalen Demokraten

UNHCR

United Nations High Commissioner for Refugees

VHP

Vishwa Hindu Parishad

VR

Volksrepublik

YTB

Yurtdışı Türkler ve Akraba Topluluklar Başkanlığı (Amt für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften)

Die Autorinnen und Autoren

Dr. Sinem Adar

Leiterin des Centrums für angewandte Türkeistudien (CATS) in der SWP

Dr. Sabine Fischer

Senior Fellow in der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien

David Kipp

Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Globale Fragen

Dr. Gerrit Kurtz

Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten

Dr. Carsten Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Moderne China-Studien des Ostasiatischen Seminars der Universität zu Köln

Dr. habil. Christian Wagner

Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Asien

Dr. Isabelle Werenfels

Senior Fellow in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten

Economic Times 05.09.2025 Where the world’s Indians live 05.09.2025 RIS

Half of overseas Indians reside in just 10 countries

Where the world’s Indians live

Frederic Docquier

Hillel Rapoport

CID Working Paper März 2011 21961 Docquier, Rapoport März 2011 – Globalization Globalization, Brain Drain and Development
The Hindu

C. RajaMohan

06.01.2003 Mohan 06.01.2003 – Indian diaspora and `soft power' Indian diaspora and `soft power'
Economic and political weekly

Devesh Kapur

05 Kapur 2003 – Indian Diaspora as a Strategic www.epw.in Indian Diaspora as a Strategic Asset 38 2003
BBC News 23.09.2019 ‘Howdy, Modi!’ 23.09.2019 RIS ‘Howdy, Modi!’: Trump hails Indian PM at ‘historic’ Texas rally 28.04.2026 Translation of Prime Minister's address 28.04.2026 www.mea.gov.in Translation of Prime Minister's address to Indian Community in Houston, Texas Human Rights Watch 18.03.2024 India: Authorities Revoke Visa Privileges 18.03.2024 RIS India: Authorities Revoke Visa Privileges of Diaspora Critics Refworld - UNHCR's Global Law and Policy Database

Hein de Haas

29.10.2023 Hein de Haas 29.10.2023 – Morocco's Migration Transition RIS Morocco's Migration Transition: Trends, Determinants and Future Scenarios

1474-7731

Globalizations

Emanuela Dalmasso

10.1080/14747731.2017.1396713

2 198–214 Dalmasso 2018 – Participation without representation CrossRef Participation without representation: Moroccans abroad at a time of unstable authoritarian rule 15 2018

1538-7216

Eurasian Geography and Economics

Marcin Kosienkowski

10.1080/15387216.2020.1793682

329 319–346 Kosienkowski 2021 – The Russian World CrossRef The Russian World as a legitimation strategy outside Russia: the case of Gagauzia 62 2021

The MoscowTimes

07.04.2026 Times 2024 – Putin Signs Decree Granting Residency www.themoscowtimes.com Putin Signs Decree Granting Residency to Foreigners Who Share ‘Traditional’ Russian Values - The Moscow Times 2024

Endnoten

1

 Richard D. Alba/Victor Nee, »Rethinking Assimilation Theory for a New Era of Immigration«, in: International Migration Review, 31 (1997) 4, S. 826–874; Yasemin Soysal, »Citizenship and Identity: Living in Diasporas in Post-war Europe«, in: Ethnic and Racial Studies, 1 (2000) 23, S. 1–15.

2

 Kathleen Newland/Sonia Plaza, What We Know about Diasporas and Economic Development, Washington, D.C.: Migration Policy Institute, September 2013 (Policy Brief 5), <https://tinyurl.com/dtp9nw32> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026); Claire Eldrige, »Migrations of Decolonisation, Welfare, and the Unevenness of Citizenship in Britain, France and Portugal«, in: Past & Present, 259 (2023) 1, S. 155–198.

3

 Vgl. als frühes Beispiel einer solchen Perspektive Yossi Shain, »Marketing the Democratic Creed Abroad: US Dias­poric Politics in the Era of Multiculturalism«, in: Diaspora: A Journal of Transnational Studies, 3 (1994) 1, S. 85–111. Vgl. auch José Itzigsohn/Daniele Villacrés, »Migrant Political Transnationalism and the Practice of Democracy: Dominican External Voting Rights and Salvadoran Home Town Associations«, in: Ethnic and Racial Studies, 31 (2008) 4, S. 664–686.

4

 Rogers Brubaker/Jaeeun Kim, »Transborder Membership Politics in Germany and Korea«, in: European Journal of Sociology, 52 (2011) 1, S. 21–75.

5

 Mathieu Rilke, »Feeding the Ties to ›Home‹. Diaspora Policies for the Next Generations«, in: International Migration, 53 (2014) 2, S. 397–408.

6

 Paula Martini, Autokratisierung: Spielarten, Mechanismen und begünstigende Faktoren, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, Dezember 2024 (Themenlinie Autokratisierung, Arbeitspapier 2/2024), <https://tinyurl.com/ys422pvd> (zuletzt ein­gesehen am 27.7.2026).

7

 Bahar Baser/A. Erdi Öztürk, »Positive and Negative Diaspora Governance in Context: From Public Diplomacy to Trans­national Authoritarianism«, in: Erdogan’s Turkey: Islamism, Identity and Memory, London 2021; Arne F. Wackenhut/Camilla Orjuela, »Engaging the Next Generation: Authoritarian Regimes and Their Young Diaspora«, in: European Political Science, 22 (2023), S. 143–158.

8

 Gerasimos Tsourapas, Migration Diplomacy in the Middle East and North Africa. Power, Mobility, and the State, Manchester 2021.

9

 Seungbin Park, »Courting Foreign Direct Investment from Diasporas: Are Diaspora Engagement Policies Effective? Under What Conditions?«, in: Pacific Focus, 36 (2021) 2, S. 252–286.

10

 R. S. Hedge, »Renewing Diasporic Bonds and the Global Branding of India«, in: R. S. Hedge/A. K. Sahoo (Hg.), Routledge Handbook of the Indian Diaspora, London 2017, S. 269–281.

11

 Carsten Schäfer, Chinas Diasporapolitik unter Xi Jinping, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, September 2022 (SWP-Studie 9/2022), doi: 10.18449/2022S09.

12

 Paula Martini, Im Dschungel der Indizes: Wie wird Autokratisierung verstanden und gemessen?, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, August 2024 (Themenlinie Autokratisierung, Arbeitspapier 1/2024), <https://tinyurl.com/y3esc37f>.

13

 Sinem Adar u. a., The Turkish Diaspora Landscape in Western Europe. Between AKP’s Power Aspirations and Migrants Grievances, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, Mai 2024 (SWP-Comment 20/2024), doi: 10.18449/2024C20.

14

 Khatchig Tölolyan, »The Nation-State and Its Others: In Lieu of a Preface«, in: Diaspora: A Journal of Transnational Studies, 1 (1991), S. 3–7.

15

 Jonathan Grossman, »Toward a Definition of Diaspora«, in: Ethnic and Racial Studies, 42 (2019) 8, S. 1263–1282.

16

 Rogers Brubaker, »The ›Diaspora‹ Diaspora«, in: Ethnic and Racial Studies, 28 (2005) 1, S. 1–19.

17

 Ebd.

18

 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dietmar Friedhoff, Ulrich Oehme, Markus Frohnmaier, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD – Drucksache 19/19315, Deutscher Bundestag, Bundestags-Drucksache 19/20015, 16.6.2020, <https://dserver.bundestag.de/btd/19/ 200/1920015.pdf> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

19

 Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), »Diaspora«, in: Lexikon der Entwicklungspolitik, <https://tinyurl.com/3j7592zm> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

20

 Die Bundesregierung, Gemeinsam Partnerschaften gestalten in einer Welt im Wandel. Afrikapolitische Leitlinien der Bundes­re­gie­rung, Berlin, Januar 2025, <https://tinyurl.com/2amaah2h> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

1

 Stefanie Kam, Global Ambassadors or Agents of Influence?, Singapur: RSIS, 2024 (IDSS Paper 90), S. 4.

2

 »Xi’s Remarks on Importance of Overseas Chinese«, in: China Daily, 31.8.2023, <https://tinyurl.com/2ef7uzru> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

3

 Internationalen Indizes zufolge gilt China als stark autoritär: Freedom House (9/100 – not free, 2026); V-Dem (closed autocracy, 2026), Bertelsmann Transformationsindex (3,18 – harte Autokratie, 2026).

4

 Report on Development of World Overseas Chinese Entrepreneurs, Peking: Center for China and Globalization, November 2016, S. 1, <https://tinyurl.com/bdfbaf29> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

5

 »President Xi’s Speech on Science, Technology Published«, in: China Daily, 2.6.2016, <https://tinyurl.com/42mhdcu6> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

6

 David Zweig, The War for Chinese Talent in America, Ann Arbor, MI: ‎Association for Asian Studies, 2024, S. 16.

7

 Max Zenglein/Anna Holzmann, Chinas industriepolitische Stra­tegie, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2020 (WISO direkt 07).

8

 Kam, Global Ambassadors [wie Fn. 1], S. 2.

9

 Jiaqi Liu, »Diaspora Politics and a Rising China: Ambivalent Ties amid Geopolitical Changes«, in: Handbook of Chinese Migration to Europe, Leiden 2025, S. 274–296.

10

 »Women kao shenme jiejue aima wenti« [Wie wir das Problem lösen können, beschimpft zu werden], Xinhua, 26.9.2016, <https://tinyurl.com/rd4cs3px> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

11

 »Wu wei yi ti« [Die Fünf-in-eins-Strategie], in: People’s Daily, 7.9.2021, <http://politics.people.com.cn/n1/2021/0907/ c1001-32219439.html> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

12

 Dong Zhenhua, Zhongguo tese shehuizhuyi wei shijie gong­xian le shenme [Der weltweite Beitrag des Sozialismus chinesischer Prägung], Peking 2022, S. 206.

13

 Xi Jinping, China regieren, Peking 2014, S. 77.

14

 Außenministerium der VR China, »Zhu deguo dashi Wu Ken jieshou de huaren wangluo meiti zhuanfang« [Der chinesische Botschafter in Deutschland, Wu Ken, gibt chinesischen Online-Medien in Deutschland ein Interview], 11.5.2019, <https://tinyurl.com/3h5zycm9> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

15

 Siehe dazu Alex Joske, The Party Speaks for You. Foreign Interference and the Chinese Communist Party’s United Front System, Canberra: Australian Strategic Policy Institute (ASPI), 2020 (Policy Brief Report 32/2020).

16

 Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2024, Berlin, Mai 2025, S. 316.

17

 »Antwort der Parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter vom 2. März 2023«, in: Deutscher Bundestag, Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 27. Februar 2023 eingegangenen Antworten der Bundes­regierung, Drucksache 20/5883, Berlin, 3.3.2023, S. 22.

18

 Safeguard Defenders, 110 Overseas: Chinese Transnational Policing Gone Wild, Madrid 2020 (Investigations and Briefings), S. 9.

19

 Mette Thunø/Yiwen Wang, »China’s Smart Diaspora Governance: Extraterritorial Social Control through Digital Platforms«, in: Journal of Current Chinese Affairs, 54 (2025) 1, S. 48–72 (48).

20

 Li Jiabao, »Hulianwang + qiaowu dajian xin qiao liang« [Internet + Auslandschinesenarbeit bauen eine neue Brücke zur Diaspora], in: People’s Daily, 4.12.2019, <http://it.people.com. cn/ n1/2019/1204/c1009-31488794.html> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

21

 Thunø/Wang, »China’s Smart Diaspora Governance« [wie Fn. 19], S. 62.

22

 Sächsische Staatskanzlei, »Urteil im Verfahren gegen Jian G. und Jaqi X. wegen Geheimdienstlicher Agententätigkeit verkündet«, sachsen.de, 30.9.2025, <https://tinyurl.com/ 3kb82e37> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

23

 Sheng Ding, »New Generation Brings New Challenges for China’s Diaspora Engagement«, in: East Asia Forum, 13.7.2025, <https://tinyurl.com/mvsjnm6a> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

24

 Thunø/Wang, »China’s Smart Diaspora Governance« [wie Fn. 19], S. 57f.

25

 Auswärtiges Amt, »Erklärungen des Auswärtigen Amts in der Regierungspressekonferenz vom 15.05.2023«, Berlin, 15.5.2023, <https://tinyurl.com/32ejx3e2> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

26

 Zweig, The War for Chinese Talent in America [wie Fn. 6], S. 63.

27

 Bundesministerium des Innern, »Warum Integration so wichtig ist«, 2026, <https://tinyurl.com/vzb94vyd> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

28

 »Huaqiao huaren chuanbo Zhongguo xingxiang de lilun tanxi yu shijian qishi« [Theoretische Analyse und praktische Implikationen der Verbreitung des China-Images durch die Diaspora], Overseas Chinese Affairs Office, 2022, <https://tinyurl.com/35ttb2kw> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

29

 »Chuangxin guoji chuanbo, jianghao zhongguo gushi« [Innovative internationale Kommunikation und das Erzählen guter Geschichten über China.], in: Qiushi [Wahrheitssuche], 1.10.2023, <https://tinyurl.com/wmpn7d2m> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

1

 Internationalen Indizes zufolge gilt Eritrea als stark autoritär: Freedom House (3/100 – not free, 2026); V-Dem (zwischen 0,01 und 0,11 der fünf Demokratie-Indizes, 2026), Ber­telsmann Transformationsindex (2,02 – harte Autokratie, 2026).

2

 Aleksi Ylönen, »Political Continuity in Eritrea«, in: Jan Záhořík/Aleksi Ylönen (Hg.), The Horn of Africa since 2018, London 2025, S. 81.

3

 Mohamed Abdelsalam Babiker, Situation of Human Rights in Eritrea, Report of the Special Rapporteur on the Situation of Human Rights in Eritrea, UN Doc. A/HRC/59/24, Genf: United Nations Human Rights Council, 12.5.2025.

4

 Laetitia Bader, »They Are Making Us into Slaves, Not Educating Us«. How Indefinite Conscription Restricts Young People’s Rights, Access to Education in Eritrea, Washington, D.C.: Human Rights Watch, 8.8.2019, <https://tinyurl.com/yckcwfr3> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

5

 Reporters without Borders, »Press Freedom Index 2025«, 2025, <https://rsf.org/en/index?year=2025> (zuletzt eingese­hen am 27.7.2026).

6

 Babiker, Situation of Human Rights in Eritrea 2025 [wie Fn. 3], Abs. 67.

7

 Es gibt enge kulturelle, religiöse und sprachliche Verbindungen zwischen dem äthiopischen Tigray und dem Teil der eritreischen Bevölkerung, der Tigrinya spricht und christlich-orthodox ist.

8

 Power and Plunder. The Eritrean Defense Forces Intervention in Tigray, Washington, D.C.: The Sentry, Juni 2025, <https://thesentry.org/reports/power-and-plunder/> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

9

 Ahmed Soliman/Abel Abate Demissie, The »Conflict Economy« of Sesame in Ethiopia and Sudan, London 2024.

10

 Power and Plunder [wie Fn. 8].

11

 Nicole Hirt/Abdulkader Saleh Mohammad, »By Way of Patriotism, Coercion, or Instrumentalization: How the Eritrean Regime Makes Use of the Diaspora to Stabilize its Rule«, in: Globalizations, 15 (Februar 2018) 2, S. 232–247 (237), doi: 10.1080/14747731.2017.1294752.

12

 Ebd.

13

 Simon Weldemikael, »Homecoming in Summer – A Ritual of the Eritrean Diaspora«, Asmara: Ministry of Information Eritrea, 4.9.2025, <https://tinyurl.com/5akap4hs> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

14

 The Eritrean »Fourth Front«: Festivals as a Tool to Control the Diaspora, Brüssel: Europe External Programme with Africa, 2024, <https://tinyurl.com/34cbzj8m> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

15

 Ebd.

16

 Anna Dotti u. a., »›Eine Kugel reicht‹«, in: Die Zeit, 21.9.2023.

17

 »PFDJ Branch in Germany Holds Second Congress«, Asmara: Ministry of Information Eritrea, 30.1.2025, <https://tinyurl.com/ywkywfze> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

18

 Babiker, Situation of Human Rights in Eritrea 2025 [wie Fn. 3], Abs. 52f.

19

 Ebd., Abs. 70.

20

 Martin Plaut, »Eritrea’s Foreign Festivals: Support, Finance, and Defiance from the Diaspora«, in: Review of African Political Economy (ROAPE), 6.9.2022, <https://tinyurl.com/5t52h38d> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

21

 Marina Mai, »Eritrea-Festival in Gießen: Aufarbeitung der Krawalle gefordert«, in: Die Tageszeitung (taz), 10.7.2023, <https://tinyurl.com/yusvt55n> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

22

 Nicole Hirt, Forced Migration (erzwungene Migration) aus Eritrea und die transnationalen Strukturen des eritreischen Staates, Expertise im Auftrag des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration für das SVR-Jahres­gutachten 2020, Berlin, Oktober 2019.

23

 Urteil, 2 LB 1/25, Oberverwaltungsgericht für das Land Schleswig-Holstein, 26.5.2025.

24

 Babiker, Situation of Human Rights in Eritrea 2025 [wie Fn. 3], Abs. 72.

25

 Bundesverwaltungsgericht, »Unzumutbarkeit der Passbeschaffung bei Erfordernis einer ›Reueerklärung‹«, Pressemitteilung Nr. 62/2022, 11.10.2022, <https://www.bverwg.de/ pm/2022/62> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

26

 Hirt, Forced Migration [wie Fn. 22].

27

 Mirjam van Reisen/Munyaradzi Mawere (Hg.), Human Trafficking and Trauma in the Digital Era. The Ongoing Tragedy of the Trade in Refugees from Eritrea, Bamanda 2017.

28

 Deutsch-Eritreische Gesellschaft e.V., DEG-Stellungnahme zur internationalen Gewalt-Kampagne gegen Eritrea-Festivals, Frankfurt a. M., 9.8.2023, <https://tinyurl.com/3ufjxe3r> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

29

 European Parliament, Addressing Transnational Repression of Human Rights Defenders, P10_TA (2025) 0258, Brüssel, 13.11.2025.

30

 Brigade Nehamedu UK, »Bylaws«, o. J. (Dokument liegt dem Autor vor).

31

 Martin Plaut, Understanding Eritrea: Inside Africa’s Most Repressive State, London 2019.

32

 Generalbundesanwalt, »Durchsuchungen wegen des Verdachts der Gründung und Mitgliedschaft in einer inländischen terroristischen Vereinigung (›Brigade N’Hamedu‹)«, Pressemitteilung, Karlsruhe, 26.3.2025, <https://tinyurl.com/ 3akd8zvb> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

33

 Marina Mai, »Autokratisches Eritrea feiert in Hessen«, in: taz, 1.8.2025.

34

 Bundesministerium des Innern, »Reueerklärung bei eritreischen Staatsangehörigen«, Rundschreiben an die für das Aufenthaltsrecht zuständigen Ministerien / Senatsverwaltungen der Länder, Berlin, 20.1.2026, <https://tinyurl.com/ 5av9s4j7> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

35

 Dotti u. a., »›Eine Kugel reicht‹« [wie Fn. 16].

36

 Hessischer Verfassungsschutzbericht 2023, Wiesbaden 2024, S. 126.

1

 Dieser Beitrag wurde im Rahmen des vom BMZ geförderten Projekts »Flucht- und Migrationspolitik im Kontext globaler Umbrüche« verfasst.

2

 »Where the World’s Indians Live: Half of Overseas Indians Reside in Just 10 Countries«, in: The Economic Times, 5.9.2025, <https://tinyurl.com/y6nne9sb> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

3

 Internationalen Indizes zufolge gilt Indien nicht mehr eindeutig als Demokratie: Freedom House (62/100 – partly free, 2026); V-Dem (electoral autocracy, 2026), Bertelsmann Transformations­index 2026 (6,10 – defekte Demokratie).

4

 Frederic Docquier/Hillel Rapoport, Globalization, Brain Drain and Development, Cambridge, Mass.: Center for Inter­national Development at Harvard University, März 2011 (CID Working Paper No. 219), <https://tinyurl.com/4h79br83> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

5

 Sanjaya Baru, Secession of the Successful – The Flight Out of New India, Neu-Delhi 2025, S. 37ff.

6

 C. R. Mohan, »Indian Diaspora and ›Soft Power‹«, in: The Hindu, 6.1.2003; Devesh Kapur, »Indian Diaspora as a Strategic Asset«, in: Economic and Political Weekly, 38 (2003) 5, <https://tinyurl.com/yc63dx38> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

7

 Chandrashekhar Bhat, »Indian Diaspora and Global Organizations: Communities and Contested Boundaries«, in: Elfriede Hermann/Antonie Fuhse (Hg.), India Beyond India: Dilemmas of Belonging, Göttingen 2018 (Göttingen Series in Social and Cultural Anthropology), S. 27–48 (33), doi: 10.17875/gup2020-1262.

8

 »›Howdy, Modi!‹: Trump Hails Indian PM at ›Historic‹ Texas Rally«, BBC News, 23.9.2019, <https://tinyurl.com/ 4ecrw2rm> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

9

 Ministry of External Affairs Government of India, »Translation of Prime Ministers Address to Indian Community in Houston, Texas«, Neu-Delhi, 28.4.2026, <https://tinyurl.com/ 4acv6cdy> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

10

 Baru, Secession of the Successful [wie Fn. 5], S. 30, S. 207.

11

 Ebd., S. 29f.

12

 Ebd., S. 219.

13

 India: Authorities Revoke Visa Privileges of Diaspora Critics. Government Targets Overseas Indians Opposing Ruling Party Poli­cies«, New York: Human Rights Watch, 17.3.2024, <https://tinyurl.com/4p8pkmy3> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

14

 Baru, Secession of the Successful [wie Fn. 5], S. 17ff.

15

 Ebd., S. 40f.

16

 Bhat, »Indian Diaspora and Global Organizations« [wie Fn. 7], S. 29ff.

17

 Ministry of External Affairs, Government of India,
»Population of Overseas Indians«, Neu-Delhi 2025, <https://tinyurl.com/ 55899u9k> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

18

 Baru, Secession of the Successful [wie Fn. 5], S. 36f.

19

 Bhat, »Indian Diaspora and Global Organizations« [wie Fn. 7], S. 30.

20

 Baru, Secession of the Successful [wie Fn. 5], S. 36.

21

 Smarica Pant, »What is a Postal Ballot?«, in: India Today, 3.12.2023, <https://tinyurl.com/4u5euf75> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

22

 Bhat, »Indian Diaspora and Global Organizations« [wie Fn. 7], S. 34ff.

23

 Ebd., S. 33ff.

24

 Baru, Secession of the Successful [wie Fn. 5], S. 100.

25

 »Government to Merge Overseas Indian Affairs Ministry with MEA«, in: The Times of India, 8.1.2016, <https://tinyurl.com/ 54m6pc4m> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

26

 Elfriede Hermann/Antonie Fuhse, »Introduction: Dilem­mas of Belonging in Indian Diasporas«, in: dies. (Hg.), India Beyond India: Dilemmas of Belonging [wie Fn. 7], S. 11–24 (15f).

27

 Vijaita Singh, »States Can Enact Law to Stop Cow Vigi­lantism, Centre Tells LS«, in: The Hindu, 11.12.2018, <https://www.thehindu.com/news/national/states-can-enact-law-to-stop-cow-vigilantism-centre-tells-ls/article25720896.ece> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

28

 Ingrid Therwath, »India’s BJP Exports Hindutva Message. Hindu Nationalism’s Global Networks«, in: Le Monde Diplomatique, 1.2.2023, <https://mondediplo.com/2023/02/11hindutva> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

29

 Bundesministerium des Innern und für Heimat/Bundes­amt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2022, Berlin, August 2023, S. 276, <https://tinyurl.com/5b9xsrh3> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

30

 Devirupa Mitra, »After Trudeau Alleges Indian Govt Link to Assassination of Sikh Citizen, India, Canada Expel Diplomats«, The Wire, 19.9.2023, <https://tinyurl.com/4pjracde> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

31

 Siddharth Varadarajan, »Whatever ›Rogue‹ Yarn the Modi Government May Spin on Pannun Plot, There’ll Be No Happy Ending«, The Wire, 22.3.2024, <https://tinyurl.com/ kcwmh22v> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

32

 »California State Senate Passes Caste Discrimination Bill«, in: The Hindu, 12.5.2023, <https://www.thehindu.com/ news/international/california-state-senate-passes-caste-discrimination- bill/article66842289.ece> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

33

 Arani Basu u.a., »Digital Discords and Digital Othering: How Social Media Practices in the Diaspora Mimic the Home-grown Social Inequalities among the Indian Migrants in Germany«, in: Migration and Diversity, 4 (2025) 2, S. 15–31.

34

 V. Subramanian Saravanan/Subha D. Ramesh/Mridula Singh, Diaspora in Focus: Potential and Challenges of Indian Communities in Germany, Report Submitted to the Federal Foreign Office and the Federal Government Commissioner for Migration, Refugees and Integration, and the Federal Government Commissioner for Anti-Racism, Bonn 2025.

35

 »Seeing the Sangh«, The RSS Project, 12.2.2026, <https://tinyurl.com/3xudbvct> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

36

 Yossi Bartal, »Indiens Wahlkampf in Deutschland: Buhlen um die Diaspora«, in: taz, 18.4.2024, <https://tinyurl.com/ 4py2d42h> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

37

 »Indians Abroad Join the Cockroach Movement«, Deutsche Welle, 23.7.2026, <https://tinyurl.com/y4xww8bt> (ein­gesehen am 18.8.2026).

38

 Florian Flade, »Indien und die Spionage«, Verschlusssache (Blog), 25.9.2023, <https://tinyurl.com/3c44t6j2>; Praveen Swami, »As India’s External Intelligence Operations Expand Globally, a Growing Army of Spies Left out in the Cold«, The Print, 3.10.2023, <https://tinyurl.com/4rcrpx2h> (beides zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

39

 »One Diaspora. One Voice. One Organization«, München: India Federation of Germany, 27.4.2026, <https://india federation germany.de/> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

40

 Bundesministerium der Justiz, Bekanntmachung des deutsch-indischen Abkommens über eine umfassende Migrations- und Mobilitätspartnerschaft, Berlin, 5.5.2023, S. 11, <https://tinyurl. com/5x8mnb3m> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

41

 »Rückkehrende Fachkräfte und Diaspora-Engage­ment fördern. Fachkräftefonds Migration und Diaspora«, Eschborn: Deutsche Gesellschaft für Inter­nationale Zusammenarbeit (GIZ), 2025, <https://www.giz.de/de/weltweit/800 44.html> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

42

 European Commission, »Towards 2030. A Joint European Union–India Comprehensive Strategic Agenda«, Presse­mitteilung, Brüssel, 27.1.2026, <https://tinyurl.com/yey mnx9k> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

1

 Diese Fallstudie beruht auf Literaturrecherchen sowie Interviews mit offiziellen Stellen in Marokko, mit Wissenschaftlerinnen in Marokko und Europa sowie mit in Deutsch­land lebenden Akteuren marokkanischer Herkunft (alle Interviews zwischen 2020 und 2025).

2

 Internationalen Indizes zufolge bewegt sich Marokko in puncto Autokratie auf einem relativ breiten Spektrum: Freedom House (37/100 – partly free, 2026), V-Dem (closed autocracy, 2026) und Bertelsmann Transformationsindex 2026 (3,52 – hard autocracy). Vgl. auch Isabelle Werenfels/Ilyas Saliba, Keine Konkurrenz für den König, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, April 2017 (SWP-Aktuell 25/2017), <https://tinyurl.com/3rdjsc29> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

3

 Als Überblick über die Entstehung der Diasporapolitiken und deren Wandel siehe Lalla Amina Drhimeur, Moroccan Disapora Politics Since the 1960s. Literature Review, Istanbul: İstanbul Bilgi University, 12.10.2020, <https://tinyurl.com/ mskz5use> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

4

 Leila Hanafi/Danielle Hites, »Morocco and Diaspora Engagement: A Contemporary Portrait«, in: Jack Mangala (Hg.), Africa and Its Global Diaspora. The Policy and Politics of Emigration, London 2017, S. 61–82.

5

 Stefan Metzger, Development Activities of Moroccan Migrant Orga­nisations in Germany, Eschborn: Deutsche Gesellschaft für Inter­nationale Zusammenarbeit (GIZ), 2015, <https://tinyurl.com/ 2unp6jmf> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

6

 Hein de Haas, »Morocco’s Migration Transition: Trends, Determinants and Future Scenarios«, Refworld – UNHCR’s Global Law and Policy Database, 29.10.2023 (Zugriff am 24.11.2025).

7

 Der Begriff MRE umfasst die migrantischen und post­migrantischen Generationen. Oftmals werden auch Juden marokkanischer Herkunft dazugezählt.

8

 Ministère chargé des Marocains Résidant à l’Etranger et des Affaires de la Migration, Stratégie Nationale en faveur des Marocains du Monde, 2023, <https://tinyurl.com/5n8danuk> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

9

 Kingdom of Morocco, »HM the King Delivers Speech to Nation on Green March 49th Anniversary (Full Text)«, 6.11.2024, <https://tinyurl.com/ms4w9b6c> (zuletzt ein­gesehen am 27.7.2026).

10

 Mathieu Rilke, »Feeding the Ties to ›Home‹: Diaspora Policies for the Next Generations«, in: International Migration, 53 (2014) 2, S. 397–408.

11

 Cécilia Leriche, »Ces créateurs de contenus issus de la diaspora, nouveaux ambassadeurs du soft power marocain«, Telquel.ma, 18.11.2026, <https://tinyurl.com/mvfebyw2> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

12

 Aomar Boum/Brahim El Guabli, »How Morocco’s Diaspora Is Remaking the Nation«, Africa Is a Country, 24.6.2026, <https://tinyurl.com/4nkwe3as> (zuletzt eingesehen am 11.8.2026).

13

 Zu Beispielen für solche Vereine siehe Stefan Metzger, Development Activities of Moroccan Migrant Organisations [wie Fn. 5].

14

 Interviews mit MRE in und aus Italien, Deutschland, den USA und Kanada, 2023 bis 2025.

15

 Issam El Yadar, »Berlin inculpe un activiste rifain pour espionnage au profit de Rabat«, in: Le Desk, 5.6.2025.

16

 Interviews mit marokkanischen Diasporaakteuren in Deutschland, Frankreich und den USA, Juli 2024 bis März 2026.

17

 »Le Maroc a envoyé 372 imams à l’étranger en 2024 pour encadrer les MRE«, Telquel.ma, 26.11.2024, <https://tinyurl.com/ mtvhmm87> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

18

 Interviews mit offiziellen Akteuren, Rabat und Berlin, Februar 2025 und März 2026.

19

 Karam Akrout, Morocco‹s Influence on Diaspora Views: The Western Sahara Conflict, Gent: Universität Gent, 2024, <https://tinyurl.com/4bx38nvp> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

20

 »Le Conseil Européen des Oulémas Marocains, organise en collaboration avec l’Association des Etudiants Marocains Musulmans aux Pays-Bas, un forum d’information avec un groupe de compétences marocaines«, Conseil Européen des Ouléma Marocains, 12.4.2020, <http://bit.ly/3ZD4z7T> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

21

 Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags, Verbände der Deutschen Islamkonferenz, Ergänzungen zu WD 1-011/18, A, Berlin,10.4.2018 (WD 1 – 3000 – 013/18), <https://tinyurl.com/553v5h6d> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

22

 »L’Observatoire du Travail Gouvernemental publie un rapport sur le rôle des MRE«, Le Conseil de la Communauté Marocaine à l’Etranger (CCME), 3.12.2024, <https://tinyurl.com/ 2kkywf74> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

23

 »Investir au Maroc, oui, mais les MRE veulent des garanties«, bladi net, 26.6.2025, <https://tinyurl.com/37264kd2> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

24

 Ghita Zine, »Elections au Maroc: Quelle place pour la participation politique des MRE d’ici 2026?«, Yabiladi.com, 9.8.2025, <https://tinyurl.com/38uxh4y9> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

25

 Emanuela Dalmasso, »Participation Without Representation: Moroccans Abroad at a Time of Unstable Authoritarian Rule«, in: Globalizations, 15 (2018) 2, S. 198–214.

26

 Hiba Chaker, »Les Marocains du monde veulent une voix, pas seulement un rôle économique«, Le Matin.ma, 13.10.2025, <https://tinyurl.com/3tc57nn8> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

27

 Abdelkrim Belguendouz, Citoyens MRE, Institutions Dédiées et Gouvernance Migratoire. Quelle(s) réform(s) et pourquoi?, Eigendruck des Autors, 2025, S. 111ff.

28

 »Allemagne: un deuxième Marocain condamné pour espionnage de compatriotes«, Mediapart, 1.9.2025, <https://tinyurl.com/kfnmec3t> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

29

 »Des centaines de personnes se rassemblent à Marseille et Paris en soutien au collectif marocain ›GenZ 212‹«, in: Le Parisien, 5.10.2025, <https://tinyurl.com/48xmsx77> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

30

 European Parliament, European Parliament Resolution of 19 January 2023 on the Situation of Journalists in Morocco, Notably the Case of Omar Radi, 19.1.2023 (Procedure 2023/2506[RSP]), <https://tinyurl.com/yzxaw89h> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

31

 Mathieu Rilke, »›We’re Not Coming from Mars; We Know How Things Work in Morocco!‹ How Diasporic Moroccan Youth Resists Political Socialisation in State-led Homeland Tours«, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, 45 (2019) 4, S. 674–691, <https://tinyurl.com/4kkf43rm> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

32

 Akrout, Morocco‹s Influence on Diaspora Views [wie Fn. 19].

33

 African Foundation for Development (AFFORD)/Inter­national Centre for Migration Policy Develop­ment (ICMPD), Diaspora Engagement Mapping: Morocco«, April 2020, aktualisiert Dezember 2023, <https://tinyurl.com/ 2vwyjym4> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

34

 Interviews mit MRE, die »marokkanische Moscheen« in Europa besuchen, 2025.

35

 »Les obstacles qui découragent les MRE au Maroc«, bladi.net, 10.8.2025, <https://tinyurl.com/48fe75jx> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

36

 Gita Zine, »Scrapping Arabic and Moroccan Culture Classes Gains Ground in Spain«, Yabiladi.com, 9.7.2026, <https://tinyurl.com/yzkvuxje> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

37

 Robin Richardot, »Fin des ›imams détachés‹ en France: un an après, une difficile mise en place«, in: Le Monde, 2.1.2025, <https://tinyurl.com/5atc3zmt> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

38

 Sven Becker u. a., »Wie dieser YouTuber die Krise zwischen Deutschland und Marokko befeuert«, in: Der Spiegel, 6.5.2021.

39

 Selbst in Deutschland geborene MRE berichten vermehrt, dass sie für ihre Kinder auch marokkanische Pässe beantragen, denn »man wisse ja nie«.

1

 Marlene Laruelle, The »Russian World«. Russia’s Soft Power and Geopolitical Imagination, Washington, D.C.: Center on Global Interests, Mai 2015.

2

 Internationalen Indizes zufolge gilt Russland als stark bzw. geschlossen autoritär: Freedom House (12/100 – not free, 2026); V-Dem (closed autocracy, 2026), Bertelsmann Transformationsindex (3,22 – harte Autokratie, 2026).

3

 Mikhail Suslov, »›Russian World‹ Concept: Post-Soviet Geopolitical Ideology and the Logic of ›Spheres of Influence‹«, in: Geopolitics, 23 (2018) 2, S. 330–353.

4

 Marcin Kosienkowski, »The Russian World as a Legitimation Strategy Outside Russia: The Case of Gagauzia«, in: Eurasian Geography and Economics, 62 (2020) 3, S. 319–346.

5

 Constitution of the Russian Federation, 1993, Art. 61 Abs. 2, <https://www.constituteproject.org/constitution/Russia_ 2014> (zuletzt eingesehen am 10.8.2026).

6

 Federalʹnyj zakon ot 24.05.1999 g. № 99-FZ: O gosudarstvennoj politike Rossijskoj Federacii v otnošenii sootečestvennikov za rubežom [Föderales Gesetz vom 24.5.1999 Nr. 99-FZ Über die staatliche Politik der Russländischen Föderation in Beziehung zu den Landsleuten im Ausland], <https://tinyurl.com/ytwhptff> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

7

 Russian Federation Constitution (Venice Commission CDL-REF (2021) 10 Art. 70, Abs. 3, <https://tinyurl.com/2x549e2y> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

8

 Ukaz Prezidenta RF ot 5 sentjabrja 2022 g. № 611, »Ob utverždenii Koncepcii gumanitarnoj politiki Rossijskoj Federacii za rubežom« [Verordnung des Präsidenten der Russischen Föderation vom 5. September 2022 Nr. 611, »Über die Bestätigung der Konzeption der humanitären Politik der Russischen Föderation«], 6.9.2022, <https://tinyurl.com/3sjvvvdt> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

9

 Ebd., S. 4.

10

 Ebd., S. 18.

11

 Ukas ot 31 marta 2023 g. N229 Ob utwerschdenii konzepzii wneschnej politiki Rossijskoj Federazii [Verordnung vom 31. März 2023 Nr. 229 des Präsidenten der Russischen Föderation, Über die Bestätigung der außenpolitischen Konzeption der Russischen Föderation], Abschnitt 47, <https://tinyurl.com/ mr3hz8dn> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

12

 Zu Tätigkeiten von Rossotrudnitschestwo siehe <https://rs.gov.ru/activities/>. Satzung der Stiftung Russische Welt: <https://russkiymir.ru/fund/USTAV_2024.pdf> (beides zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

13

 Nadiia Koval/Maryna Irysova/Serhiy Tytiuk/Denys Tereshchenko, Rossotrudnichestvo: The Unbearable Harshness of Soft Power, Kiew: Ukrainian Institute, 2022.

14

 »Council Implementing Regulation (EU) 2022/1270 of 21 July 2022«, in: Official Journal of the European Union, L193, 21.7.2022, <https://tinyurl.com/3x59bcyh> (zuletzt ein­gesehen am 27.7.2026).

15

 Yuqing Yang, ifa External Cultural Policy Monitor – Russian Federation: Country Report, Stuttgart 2024.

16

 Andreas Hartmann, »Das Russische Haus. Putins Außen­posten mitten in Berlin«, in: taz, 13.1.2026, <https://tinyurl.com/ yx7hfeh> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026); Patrick Heinemann, »Kreml-Propaganda im Herzen der Hauptstadt. Berlin setzt EU-Sanktionen gegen Russisches Haus nicht um«, LTO, 14.12.2022, <https://tinyurl.com/7cc6a98j> (beides zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

17

 Mona Jaeger u.a., »Dobrindt und Wadephul zu Drohnenvorfall in Leipzig: Diesen Preis soll Russland bezahlen», in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (online), 1.9.2026, <https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/drohnenvorfall-in-leipzig-diesen-preis-soll-russland-bezahlen-201180607.html? share=Email>.

18

 Andreas Heinemann-Grüder, Russen in Deutschland – Putins Mannen? Zur Radikalisierung russischer Milieus in Deutschland, Bonn: core-nrw, September 2024 (Kurzgutachten 8), S. 20.

19

 »RT (Russia Today) as Guerrilla Activists«, EUvsDisinfo, 27.9.2024, <https://tinyurl.com/4wvujx43> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

20

 »Verordnung (EU) 2022/350 des Rates vom 1. März 2022 zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 833/2014 über restriktive Maßnahmen angesichts der Handlungen Russlands, die die Lage in der Ukraine destabilisieren«, in: Amtsblatt der Europäischen Union, L65, 2.3.2022, <https://tinyurl.com/bdd4uka7> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

21

 Yang, ifa External Cultural Policy Monitor [wie Fn. 15].

22

 Neil Datta, Die Spitze des Eisbergs: Religiös-extremistische Geldgeber gegen Menschenrechte auf Sexualität und reproduktive Gesundheit in Europa, 2009–2018, Brüssel: Europäisches Parlamentarisches Forum, Juni 2021.

23

 Marlene Laruelle, Is Russia Fascist? Unraveling Propaganda East and West, Ithaca/London 2021, S. 132f.

24

 Tsypylma Darieva/Tatiana Golova/Daria Skibo, Russian Migrants in Georgia and Germany: Activism in the Context of Russia‹s War Against Ukraine, Berlin: ZOiS, Oktober 2025 (ZOiS Report, Nr. 3).

25

 »Putin Signs Decree Granting Residency to Foreigners Who Share ›Traditional‹ Russian Values«, in: The Moscow Times, 19.8.2024, https://tinyurl.com/47n2tdbe (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

26

 »Čislo želajuščich pereselitʹsja v Rossiju obvalilosʹ do minimuma za 15 let [Die Zahl der Menschen, die nach Russland umsiedeln wollen, ist die niedrigste seit 15 Jahren]«, in: The Moscow Times, 16.2.2026, <https://tinyurl.com/2cz3k27t> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

27

 Jannis Panagiotidis, Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung, Bonn 2021, S. 17ff.

28

 Felix Riefer, »Russlands revisionistische Außenpolitik und der falsche Diasporadiskurs in Deutschland«, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 28 (2024) 1, S. 89–123.

29

 Ebd.

30

 Panagiotidis, Postsowjetische Migration in Deutschland [wie Fn. 27], S. 161f.

31

 Ebd., S. 172.

32

 Jannis Panagiotidis weist darauf hin, dass das Wahlverhalten dieser Gruppe unter den postsowjetischen Migrant:in­nen stark dem der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern ähnelt; vgl. Panagiotidis, Postsowjetische Migration in Deutschland [wie Fn. 27], S. 167. Allerdings hat sich das Wahlverhalten in Ost- und Westdeutschland in der Zwischenzeit angeglichen, so dass bei der Unterstützung für die AfD von einem gesamtgesellschaftlichen Trend gesprochen werden muss.

33

 Fabio Best u. a., Welche Rolle spielte der Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2025?, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, 2025.

34

 Dazu zählen beispielsweise die Arbeiten des Soziologen Jannis Panagiotidis sowie die Forschung, die am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien zum Thema betrieben wird. Außerdem gibt es eine Reihe von Sachbüchern, autobiographischen Romanen, Podcasts und andere Formate, in denen Menschen aus der Community ihre Geschichte und Positionen sichtbar machen.

35

 Félix Krawatzek, Wechselnde Loyalitäten. Familien mit Russlandbezug und die Bundestagswahl, Berlin: ZOiS, 12.2.2025 (Spotlight 3/2025), <https://tinyurl.com/k5t4rktm> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

36

 Anton Shekhovtsov, »Germany: The Far-Right Plot and Russian Malign Inspiration«, in: Kacper Rekawek/Barbara Molas (Hg.), Russia and the Far-Right: Insights from Ten European Countries, Den Haag 2024, S. 47–76 (53ff).

37

 Catherine Belton, »Kremlin Seeks Coalition of Allies inside Germany«, in: The Washington Post, 22.4.2023.

38

 Moritz Pieper, »Russkiy Mir: The Geopolitics of Russian Compatriots Abroad«, in: Geopolitics, 25 (2020) 3, S. 756–779 (760).

39

 Riefer, »Russlands revisionistische Außenpolitik« [wie Fn. 28], S. 121ff.

1

 Der Text baut weitgehend auf früheren Veröffentlichungen der Autorin auf: Sinem Adar u. a., Die türkische Diaspora in Westeuropa: Zwischen Angrenzung und Instrumentalisierung für die Politik der Türkei, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 2024 (SWP-Aktuell 31/2024); Sinem Adar, Eine Neubetrachtung der politischen Einstellungen türkischer Migranten in Deutschland. Analyse der Wahlverhaltens jenseits von »Loyalität gegenüber der Türkei« und »Mangel an demokratischer Kultur«, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 2020 (SWP-Studie 6/2020).

2

 Internationalen Indizes zufolge rangiert die Türkei in puncto Autokratie auf einem relativ breiten Spektrum: Freedom House (32/100 – not free, 2026), V-Dem (electoral autocracy, 2026), Bertelsmann Transformationsindex (4,18 – moderate autocracy, 2026); vgl. auch Sinem Adar/Günter Seufert, Turkey’s Presidential System after Two and a Half Years: An Overview of Institutions and Politics, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 2021 (SWP-Studie 02/2021), doi: 10.18449/2021RP02, und Sinem Adar, »Pakt der Elite«, IPG-Journal, 28.5.2026, <https://tinyurl.com/52r45ecb> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

3

 In den 1960er und 1970er Jahren lag der Schwerpunkt auf den Rücküberweisungen der Arbeitsmigrant:innen, während in den Jahrzehnten danach politische und kulturelle Interessen in den Vordergrund traten. Dafür lassen sich meh­rere Faktoren anführen: 1. die Erkenntnis, dass ein Großteil der türkischen Gastarbeiter:innen dauerhaft in Europa bleiben würde; 2. politisch motivierte Migrationswellen vor und nach dem Militärputsch 1980 sowie im bewaffneten Konflikt zwischen der türkischen Armee und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK); 3. das Bemühen der türkischen Regierungen, die Handlungsspielräume oppositioneller Akteure wie der PKK oder radikaler islamistischer Gruppen, die als Sicherheitsbedrohung wahrgenommen wurden, zu beschneiden.

4

 Letztere Zahl steht für die zweite Runde der Präsidentschaftswahl 2023; an der ersten Runde beteiligten sich 49,5 Prozent.

5

 Siehe Adar, Eine Neubetrachtung der politischen Ein­stellungen türkischer Migranten in Deutschland [wie Fn. 1].

6

 Sezer İdil Göğüş, »Die neue Diasporapolitik der Türkei und Türkeistämmige in Deutschland«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 68 (2018) 48, <https://tinyurl.com/mr36dayp> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

7

 »Erdogan-Rede in Köln im Wortlaut. ›Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹«, in: Süddeutsche Zeitung, 17.5.2010, <https://tinyurl.com/msuaeuf5> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

8

 Zeynep Gulsah Capan/Ayse Zarakol, »Postcolonial Colonialism? The Case of Turkey«, in: Charlotte Epstein (Hg.), Against International Relations Norms, London 2017, <doi.org/ 10.4324/9781315665955>, S. 193–211.

9

 Chiara Maritato, Care and Control: Turkey’s Ambitions for »Its« Domestic Abroad, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 2024 (CATS Network Paper 3), <https://tinyurl.com/yzb6j48n> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

10

 Friedrich Poeschel/Inci Oyku-Roderburg, »Fearing the Immigrant Vote? AKP’s Political Echo Sparks Controversy in Germany«, EUI Global Citizenship Observatory, 2024, <https://tinyurl.com/mtkb4x58> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

11

 Siehe auch Yaşar Aydɪn, The New Turkish Diaspora Policy, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, Oktober 2014 (SWP Research Paper 10/2014), <https://tinyurl.com/ 42tcneh5> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

12

 Nastasja Steudel, »Erdogan‹s Lobby«, Deutsche Welle, 21.5.2014, <https://tinyurl.com/yve7u2xb> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

13

 Zur zentralen Rolle von Jugendlichen in der Diaspora­politik der AKP siehe Banu Senay/Ayca Arkilic, »Turkey’s Diaspora Youth Diplomacy«, in: Arkilic/Senay (Hg.), Routledge Handbook of Turkey’s Diasporas, London 2024, S. 213–227.

14

 Eine vollständige Liste der Aktivitäten und Angebote ist (auf Deutsch) abrufbar unter dem Link: <https://ytb.gov.tr/de/ departments/auslandsburger> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026). Die Berichte finden sich unter folgendem Link: <https://ytb.gov.tr/de/departments/auslandsburger/veroffentlichungen> (zuletzt eingesehen am 6.8.2026).

15

 Karoline Krause-Sandner, »Türkische Kriegspropaganda auch in deutschen Moscheen«, in: Kurier, 20.4.2018, <https://tinyurl.com/mr2c3f4v> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

16

 Zwischen 2018 und 2023 stieg die Wahlbeteiligung nur um zwei Prozentpunkte.

17

 Zeynep Yanasmayan/Zeynep Kasli, »Reading Diasporic Engagements through the Lens of Citizenship: Turkey as a Test Case«, in: Political Geography, 70 (2019), S. 24–33.

18

 »Turkey: Transnational Repression Case Study«, Freedom House, 2021, <https://tinyurl.com/3mb4xywm> (zuletzt einge­sehen am 27.7.2026).

19

 Vgl. Chase Winter, »Turkish Imam Spy Affair in Germany Extends across Europe«, Deutsche Welle, 16.2.2017, <https://tinyurl.com/mvwhycr4>; Hasnain Kazim, »Turkey’s Worldwide Monitoring of Suspected Gülen Supporters«, in: Der Spiegel, 31.3.2017, <https://tinyurl.com/yb4yfyaf>, (ein­gesehen am 5.7.2026).

20

 »Turkey Officially Designates Gulen Religious Group as Terrorists«, Reuters, 31.5.2016, <https://tinyurl.com/ ycdzje79>, (eingesehen am 6.7.2026).

21

 »Aus Protest: Niedersachsens Ditib-Chef tritt zurück«, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 28.11.2018, <https://tinyurl.com/ mwz2j3ef> (zuletzt eingesehen am 27.7.2026).

22

 Siehe Adar, Eine Neubetrachtung der politischen Einstellungen [wie Fn. 1].

23

 Bahar Baser/Gözde Böcü, »Youth Responses to State-Manufactured Diaspora Mobilization: Turkey’s Diaspora Governance and the Politics of Selective Engagement«, in: Globalizations, 22 (2025) 1, S. 81–97.

Dieses Werk ist lizenziert unter CC BY 4.0

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