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China als Zeremonienmeister der Weltpolitik

Die Gipfeltreffen von Xi Jinping mit Donald Trump und Wladimir Putin

SWP-Aktuell 2026/A 28, 12.06.2026, 6 Seiten

doi:10.18449/2026A28

Forschungsgebiete

Innerhalb weniger Tage empfing der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping im Mai 2026 zunächst Donald Trump und dann Wladimir Putin. Der Machthaber aus Moskau reiste bereits zum 25. Mal seit dem Jahr 2000 in die Volksrepublik, während mit Trump erstmals seit neun Jahren wieder ein US-Präsident zum Staatsbesuch nach Peking kam. Beide Gipfeltreffen waren akribisch choreographiert. Trump und Putin bekamen die für sie wichtigen Bilder geliefert, Xi indes präsentierte sich als Zeremonienmeister der Weltpolitik. Welche Bedeutung haben solche politisch ritualisierten Inszenierungen? Inwiefern ordnen sich auf visueller Ebene die Beziehungen zwischen China, Russland und den USA? Und welche Lehren sollten Deutschland und die EU in ihrem Umgang mit Peking daraus ziehen?

Staatsbesuche entfalten ihre Wirkung nicht nur hinter verschlossenen Türen. Gerade auch durch ihre Inszenierung, durch Bilder und Filmaufnahmen werden Botschaften gesetzt. Politische Darbietungen und deren visuelle Repräsentation stellen ebenso wie die gewählte Rhetorik und Sprache einen wichtigen Faktor dar, um zwischenstaatliche Machtbeziehungen zu analysieren. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Visibilität und Visualität. Im Falle von Visibilität geht es darum, was Bilder bedeuten und aus­drücken. Geklärt werden muss dann etwa, warum ein bestimmter Ablauf oder Ort beim Staats­besuch von Trump bzw. Putin ge­wählt wurde und welcher Sinngehalt da­mit ein­hergeht. Visualität zielt darauf ab, was Bilder beim Rezipienten bewirken. Über eine reine Bedeutungsanalyse des Dar­gestellten geht dies insofern hinaus, als dass hier auch Stimmung und Atmosphäre mit aufgegriffen werden. Visuelle Darbietungen sind daher nicht nur eine passive Repräsentation von Ereignissen, sondern können das Verständnis von Gesellschaft oder bestimmten politischen Realitäten (mit-)prägen.

Folglich können Regierungen durch Gipfeltreffen, diplomatische Etikette und Ritu­ale ihre Legitimität stärken, die Öffent­lichkeit einbeziehen oder Hierarchien etab­lieren. Mit der Bedeutung von Bildern (Visi­bilität) und deren Wirkung (Visualität) las­sen sich bewusste Vorstellungen erzeugen. Die Choreographien solcher Termine und die offiziellen Darstellungen davon dienen nicht nur der dekorativen Untermalung von Diplomatie; sie vermitteln ein be­stimmtes normatives Verständnis von Iden­tität, Status oder Ordnungsvorstellungen. Neuere Forschungen im Bereich der Inter­nationalen Beziehungen sehen die Qualität ritueller Handlungen auf internationaler Bühne darin, dass sie politische Unsicherheiten überwindbar erscheinen lassen. Ritu­ale können die Macht von Symbolen kanali­sieren; sie basieren auf kulturellen Konven­tionen, Bräuchen oder traditionellen Routi­nen und haben eine gemeinschaftsbildende Wirkung. Wie Maria Mälksoo betont, hel­fen rituelle Inszenierungen und Performance dabei, Situationen zu bewältigen, in denen strategische und symbolische Momente ver­bunden sind. Sie kultivieren aufgeladene politische Realitäten und stif­ten ein vor­übergehendes Gefühl von Ordnung.

Rituale in der chinesischen Außenpolitik

Unter der Führung von Xi Jinping haben in China traditionelle Werte an Bedeutung gewonnen. Bereits 2017 veröffentlichten zentrale Partei- und Staatsorgane ein maß­gebliches politisches Dokument (»Stellungnahmen zur Umsetzung des Projekts zur Weitergabe herausragender traditioneller chinesischer Kultur«), das Elemente von Chinas Kultur als Ressource definiert, um die politische Legitimität zu stärken, Gover­nance-Fragen anzugehen und das Land im globalen Diskurs zu positionieren. Verweise auf nationale Tradition sind damit ein fes­ter Bestandteil der politischen Praxis unter Xi. In der Außenpolitik zeigt sich das ver­stärkt am Gebrauch einer Sprache, die sich auf China als Zivilisation bezieht. Diesen Anspruch machte Xi besonders deutlich, als er im März 2023 Pekings Globale Zivilisa­tionsinitiative (GCI) vorstellte.

Vor diesem Hintergrund wurde auch das konfuzianische Ritual (chin. Li) sichtlich aufgewertet. Es beschreibt nicht nur Zere­monien, sondern hat in der klassischen chi­nesischen Tradition immer auch einen ord­nenden Charakter, etwa in der Familie oder zwischen Gesellschaft und Staat. Unter Xi wird die Politik der Kommunistischen Par­tei Chinas (KPCh) durch Li gestützt. Sowohl bei nationalen Gedenkfeiern als auch bei diplomatischen Begegnungen wird damit politische Legitimität inszeniert. Li verbin­det – wie im Dokument von 2017 gefor­dert – nationale Zeremonie mit der Kultur der Etikette, mit anderen Worten: Tradition und Machtpolitik. Eine ritualisierte Perfor­mance wie bei Gipfeltreffen lässt sich vor diesem Hintergrund im heutigen China nicht als Folklore abtun. Vielmehr handelt es sich um den politischen Versuch, Ord­nung durch Kultur zu schaffen.

Trumps Besuch in Peking

Im Rahmen des Gipfels mit Trump führte Xi eine neue Formel ein, die als Basis für die chinesisch-amerikanischen Bezie­hun­gen der nächsten drei Jahre (und dar­über hinaus) dienen soll. Demnach geht es Peking um den Aufbau »konstruktiver Be­ziehun­gen zwischen China und den USA im Sinne strategischer Stabilität«. Letztere um­fasst laut chinesischer Darstellung vier Kom­po­nenten: positive Stabilität mit Koo­peration als Grundlage, solide Stabilität mit modera­tem Wettbewerb, dauerhafte Stabi­lität mit kontrollierbaren Unterschieden, nachhaltige Stabilität mit Friedensversprechen.

Durch die Choreographie des am 13. Mai begonnenen Gipfels wurde dieses Leitmotiv zusätzlich unterstrichen. Die Abfolge kon­trollierter und massenhaft verbreiteter Bilder – Ankunft, Begrüßung, militärische Ehren, winkende Kinder, Besuch historischer Stätten, Bankett, Gang durch das streng geheime und bewachte Führungszentrum (Zhongnanhai) der KPCh – verlieh der pro­pagierten Formel von der konstruktiven strategischen Stabilität eine visuelle Form. Dabei bestimmt der Gastgeber die Gestaltung des Treffens. So traf Trump nicht ein­fach nur Xi, vielmehr wurde der US-Präsi­dent durch eine chinesische Symbolordnung geführt. Die Macht der Performance wurde in mehreren Stufen sichtbar.

Zunächst demonstrierten die Begrüßungs­zeremonie vor dem Osttor der Großen Halle des Volkes und das Treffen in der Halle selbst, dass Ebenbürtigkeit zwischen den souveränen Staaten China und USA bean­sprucht wird. Sichtbar wurde, dass Xi die Kapazitäten mobilisieren kann, um Trump in dessen eigenen Augen angemessen zu empfangen. Der rote Teppich bezeugt Ehre und Respekt für den Gast. Die Ehrengarde und 21 Salutschüsse zeigen Disziplin und Stärke. Das Treffen in der Großen Halle, eingerahmt von monumentaler Architektur, vermittelt die gegenseitige Anerkennung als Großmacht. Wie deutlich werden soll, steht China auf Augenhöhe mit den USA. Die Bilder von Trump und Xi unter­mauern Pekings expliziten Wunsch nach einer stabilen Beziehung mit Washington.

Der Besuch des Himmelstempels war der symbolträchtigste visuelle Moment des Gip­fels. Xi begrüßte Trump vor der Halle des Gebets für Gute Ernten. Auf dem offenen Platz posierten sie für Fotos, bevor sie das Gebäude betraten, um eine Architektur zu betrachten, die sich eng an die Philosophie der »Harmonie mit allen Dingen« anlehnt. Xi erklärte, dass Herrscher des alten Kaiser­reiches in der Halle Opferrituale abhielten, um für nationalen Frieden, günstiges Wet­ter und gute Ernten zu beten. Er verknüpfte den Besuch mit der traditionellen Vorstellung, dass »das Volk das Fundament des Staates ist« – eine Formulierung, die von der KPCh in ihren Sprachkanon übernommen wurde.

Während die Große Halle des Volkes das heutige China widerspiegelt, steht der Him­melstempel dafür, dass die Geschichte des Landes weiter zurückreicht als das moderne Staatensystem und damit auch weiter als die Geschichte der USA. Trump wurde aus dem politischen Raum der Volksrepublik, der Großen Halle, in den Himmelstempel geführt – an einen Ort, der mit imperialer Kosmologie, ritueller Ordnung und zivilisa­torischer Macht, mit Himmel und Erde ver­bunden ist. Visuell wurde Trump in ein En­semble aus Weltanschauung, Architektur und Geogra­phie eingebunden, das China als Zivilisa­tionsstaat mit einer langen und un­unterbrochenen Geschichte präsentiert. Das Bild zweier moderner Staatsmänner vor der 600 Jahre alten Halle des Gebets für Gute Ernten ließ die amerikanisch-chinesische Rivalität, gemessen an Chinas Zivilisation und Geschichte, klein erscheinen.

Das Staatsbankett umschloss strategische Rivalität und strukturelle Unterschiede in einem von beiden Delegationen gefüllten Saal. Es hob die grundlegenden Differenzen nicht auf, sondern ließ sie innerhalb eines ritualisierten Rahmens bestehen. Spannungen und Konflikte wurden in Reden, Ap­plaus, Trinksprüche und farbenprächtige Etikette überführt, wodurch ein Bild von legitimer Koexistenz und Gleichberechtigung entstand. In seiner Bankettrede ver­knüpfte Xi das erste Jahr von Chinas 15. Fünfjahresplan (2026–2030) und die über 5000-jährige Geschichte der chinesischen Zivilisation mit dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Er argu­mentierte, dass die Wiederbelebung der chinesischen Nation und die Politik des »Make America Great Again« nicht nur völ­lig vereinbar seien, sondern sich gegenseitig verstärken und für die Welt von Vorteil sein könnten.

Das Bankett fungierte somit als Akt der Integration. Trump erhielt Zugang zu Chinas Zeremonienzentrum. Diese Ehre wurde ihm jedoch im Rahmen von Architektur, Proto­koll und Gastfreundschaft des Landes zu­teil. Der Gast wurde respektiert, aber der Gastgeber definierte die Bedingungen des Respekts. In gewisser Weise wurde Trump im chinesischen Sinne kultiviert – ein Akt, der durch die Bilder vom gemeinsamen Auftritt im Garten des chinesischen Füh­rungszentrums Zhongnanhai noch unter­strichen wurde. An diesem Ort verbinden sich die moderne und die imperiale Ge­schichte Chinas, und Trump wurde darin visuell eingefügt.

Während des gesamten Gipfels zeigten sich zwei unterschiedliche Arten der Macht-Performance. Der chinesische Stil war zivi­lisatorisch-imperial geprägt. Diese Insze­nierung umfasste politische Bezüge zum modernen China, rituelle Architektur, alte Kosmologie, Staatszeremonien und kon­trollierte Gastfreundschaft, was Kontinuität, Zentralität und Ordnung demonstrieren sollte. Der US-amerikanische Stil war kom­merziell-imperial. Trump reiste mit einem Wirtschaftskonvoi an, dessen thematischer Fokus auf Marktzugang, Ölgeschäften, Agrarhandel, der Bekämpfung des Fentanyl-Handels und einer Öffnung der Straße von Hormus lag. Xi präsentierte China als Zen­trum der Ordnung, das sowohl imperial als auch modern ist, während die USA sich als Macht von Deals und Märkten, CEO-Kapita­lismus und Sicherheitsforderungen zeigten. Die eine Seite stellte zivilisatorische Autori­tät zur Schau, die andere transaktionales Durchsetzungsvermögen. Beide Selbstdarstellungen standen in einem angespannten Verhältnis nebeneinander und definierten den Gipfel. Die chinesische Performance erschuf für diesen Augenblick eine Welt, in der sich Konkurrenz als Partnerschaft, Hier­archie als Gastfreundschaft und Unsicherheit als Ordnung inszenieren ließ. Die Riva­lität wurde dabei nicht aufgelöst, sondern in eine Choreographie eingebettet, in der Trump als respektierter Gast erschien, Xi hingegen als Zeremonienmeister des ge­meinsamen Auftritts.

Die Tatsache, dass im Nachgang des Gip­fels die chinesische Formel der konstruk­tiven strategischen Stabilität auch von Washington übernommen wurde, deutet an, dass die Kultivierung der USA aus chi­nesischer Sicht durchaus erfolgreich war. Nicht auszuschließen ist, dass dieses Tref­fen eine Neuausrichtung der US-amerikani­schen China-Politik einläutet. Ein prominenter Indikator dafür ist die Rede von Kriegsminister Pete Hegseth beim diesjährigen Shangri-La-Dialog in Singapur. Pekings Wunsch nach einer stabilen Großmacht­beziehung und nach friedlicher Koexistenz mit den USA scheint in Washington auf Resonanz zu stoßen.

Putins Besuch in Peking

Am 19. Mai traf Wladimir Putin zum Staats­besuch in Peking ein. Anlass war der 25. Jah­restag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China – ein Abkommen, dessen Verlängerung nun bekräftigt wurde. Vor seiner Abreise hatte sich Putin in einer Videobotschaft an die chinesische Öffentlichkeit gewandt. Dies ist ungewöhnlich für einen solchen Besuch. Putin versuchte bereits im Vorfeld, das Nar­rativ für das Treffen in Peking zu formen und dabei das Bild von Russland als gleich­rangiger Großmacht neben China und den USA zu prägen.

Auffallend war, dass die offizielle Begrüßungszeremonie auf dieselbe protokolla­rische Form zurückgriff wie beim Trump-Besuch. Auch Putin wurde vor der Großen Halle des Volkes auf einem roten Teppich empfangen, mit militärischen Ehren be­grüßt und durch 21 Salutschüsse gewürdigt. Dies unterstrich, dass Xi den Gästen aus Washington und Moskau auf derselben diplomatischen Ebene begegnete. Putin gewann so Bildmaterial für das heimische Publikum, vor dem er sich auf Augenhöhe mit den Führungspersönlichkeiten Chinas und der USA präsentieren konnte.

Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen beiden Besuchen liegt in der Kontextbeschreibung. Während bei den USA die Sta­bilisierung der Beziehungen im Mittelpunkt stand und Xi mit der konstruktiven strate­gischen Stabilität zunächst ein neues Rah­menwerk vorschlug, war die Verbindung zwischen China und Russland bereits deut­lich vertrauter. Wie Xi und Putin erklär­ten, bekennen sie sich weiter zur Ent­wick­lung einer »umfassenden strategischen Part­ner­schaft der Koordinierung für eine neue Ära«.

Diese politische Nähe drückte sich auch in der weiteren Choreographie des Treffens aus. Dazu zählte eine Zeremonie anlässlich der Unterzeichnung von mehreren bilatera­len Kooperationsvereinbarungen. Zunächst signierten Xi und Putin eine »Gemeinsame Erklärung zur Stärkung der umfassenden strategischen Zusammenarbeit und zur Ver­tiefung der gutnachbarlichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit«. Darin be­stätigten sie ausdrücklich die Verlängerung des Vertrags über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit. Dem 2001 unterzeichneten Vertrag zufolge sollte dieser zunächst für 20 Jahre gelten und sich danach automatisch jeweils um weitere fünf Jahre verlängern, sofern ihn keine Seite spätestens ein Jahr vor Ablauf schrift­lich kündigen würde. Festgehalten wurde nun also bereits die zweite turnusgemäße Fünfjahresverlängerung. Eine gesonderte vertragliche Bestätigung war nicht erforder­lich, damit das Abkommen weiter in Kraft bleiben würde. Gerade deshalb war die Inszenierung politisch aussagekräftig. Was vertraglich ohnehin vorgesehen war, er­schien in der Choreographie des Treffens als demonstrative Bekräftigung der engen Partnerschaft zwischen China und Russland.

Danach unterschrieben Minister und wei­tere hochrangige Vertreter beider Län­der in Anwesenheit der Staatspräsidenten eine Reihe von Kooperationsdokumenten. Zuletzt kündigte man an, eine gemeinsame Verlautbarung »für die Multipolarisierung der Welt und eine neue Art internationaler Beziehungen« zu veröffentlichen. So wurde das Bild von Einigkeit, Partnerschaftlichkeit und Gleichheit abermals verstärkt, auch wenn Putin ein wichtiges Ziel nicht erreich­te und keinen Deal mit Xi über die Pipeline »Power of Siberia 2« unterzeichnen konnte.

Am Abend des 20. Mai besuchten Xi und Putin in der Großen Halle des Volkes eine Fotoausstellung der staatlichen Nachrichtenagenturen Xinhua und TASS. Die Schau stand unter dem leitmotivischen Titel der »generationsübergreifenden Freundschaft zwischen China und Russland«, die »ein Vorbild für die Beziehungen zwischen Groß­mächten« sein soll. Putin wird hier zum Teil von Chinas Geschichtsschreibung, weil die russisch-chinesischen Beziehungen in auffälliger Weise mit seinem persönlichen Verhältnis zu Xi in eins gesetzt werden.

Das Verhältnis zwischen Peking und Moskau erscheint hier als Modell für einen neuen Typ der Großmachtbeziehung, in deutlichem Kontrast zu Chinas Umgang mit den USA. Xi führte Putin durch die Foto­ausstellung, vorbei an einem gigantischen Porträt der beiden Staatschefs – das Xi im Vordergrund und deutlich größer als Putin präsentiert –, an einer Bildreihe früherer gegenseitiger Besuche sowie Zeugnissen gemeinsamer Auftritte in multilateralen Formaten wie BRICS.

Am Ende wandten sich Xi und Putin einem Foto zu, das auf der Moskauer Mili­tärparade zum 80. Jahrestag des Kriegs­endes am 9. Mai 2025 aufgenommen wor­den war. Es zeigt die beiden, wie sie neben dem 100-jährigen Veteranen Evgenij Alek­sejewitsch Znamenski sitzen. Ein Ausstellungsführer erläuterte, Znamenski habe in Stalingrad gekämpft und an der Befreiung der Ukraine teilgenommen, bevor er später in Berlin eingesetzt worden sei. Am Vortag hätten die Organisatoren der Ausstellung mit ihm telefoniert. Der Veteran habe sich sehr darüber gefreut, lasse die beiden Präsi­denten herzlich grüßen und wolle ihnen eine Botschaft übermitteln: »Wenn beide Staaten zusammenbleiben, gibt es keine Macht auf der Welt, die einen dritten Welt­krieg entfachen könnte.« Die Szene unter­streicht, dass Putin innerhalb der chinesischen Zeremonie durchaus eigene Akzente zu setzen suchte. Über die Figur des Vete­ranen erinnerte er Xi und das Publikum daran, dass die Sowjetunion die Ukraine von Nazideutschland befreit hatte. Damit untermauerte er indirekt seine territorialen Ansprüche gegenüber dem Nachbarland, was von Xi nicht in Frage gestellt oder kriti­siert wurde.

Mit dem Titel und dem repräsentativen Ort der Ausstellung konnte Xi sein Streben nach einer multipolaren Weltordnung symbolisch inszenieren. Die Schau unter­mauerte seine Vision eines neuen Typs von Großmachtbeziehungen und internationaler Politik. Russland erscheint als willkommener Partner im Rahmen dieser Ordnungsvorstellung, ungeachtet westlicher Kritik. Auffällig ist dabei der starke Bezug auf historische Freundschaft, während Streitpunkte wie das sowjetisch-chinesische Zerwürfnis, die immer noch geltenden un­gleichen Verträge oder das von Russen an Chinesen verübte Massaker von Blago­weschtschensk im Jahr 1900 unerwähnt blieben. Xi gelang es so, mit Trump auf Augenhöhe zu verhandeln und gleichzeitig mit Putin eine antiwestliche Ordnungs­sprache zu pflegen.

Lehren für Deutschland und Europa

Die Staatsbesuche, die Donald Trump und Wladimir Putin im Mai 2026 in Peking durchführten, haben Xi Jinpings Rolle als Zeremonienmeister der Weltpolitik unter­strichen. Der chinesische Staats- und Partei­chef konnte den US-Präsidenten aus einer Position der Stärke heraus empfangen; eben­so war er in der Lage, den Gast aus Moskau demonstrativ, wenn auch in erster Linie performativ aufzuwerten. Während Putins Besuch wurde ein teils offensichtlich anti­westlicher sowie dezidiert antiamerikanischer Ton angeschlagen. Die neu dekla­rier­te konstruktive strategische Stabilität zwi­schen China und den USA wurde davon je­doch nicht negativ beeinflusst. So konnte Xi der Welt nicht nur demonstrieren, dass China Großmacht ist. Ebenso zeig­te er, dass er die Beziehungen zu den USA und zu Russland in einen eigenen Rahmen einord­nen kann. Xi muss nicht zwischen Trump und Putin wählen, sondern kann das Ver­hältnis zu beiden so managen, dass daraus chinesischer Handlungsspielraum entsteht.

Für Europa und Deutschland folgt daraus zunächst, China als einen Akteur mit globa­lem Gestaltungsanspruch zu akzeptieren, für den symbolische Kommunikation und ritualisierte Inszenierungen ein fester Be­standteil der Politik sind. Diese Erkenntnis ist auch für die strategische Kommunika­tion deutscher wie europäischer Entscheidungsträger äußert relevant. In Berlin und Brüssel wird oftmals unterschätzt, welche Rolle Performance in den Beziehungen zu China spielt. Über Jahrzehnte waren Europa und USA daran gewöhnt, dass Choreographie und Bildsprache diplomatischer Begeg­nungen europäisch geprägt und west­lichen Akteuren daher besonders vertraut waren.

Diese über lange Zeit gewachsenen For­men visueller Repräsentation wurden zu einem wichtigen Referenzrahmen moderner Diplomatie, an dem sich auch nichtwestliche Akteure wie China orientierten. Mit dem Aufstieg der Volksrepublik zur Globalmacht aber begegnen Deutschland und Europa hier nun einem Akteur, der zunehmend auf eigene Rhetorik, Rituale und Symbolik setzt. Deutsche und euro­päische Entscheidungsträger sollten diese Sprache weder reflexhaft zurückweisen noch unkritisch übernehmen. Denn im Umgang mit Peking zählt das Gesamtbild, nicht nur das Gespräch hinter verschlossenen Türen. Es geht darum, die Wichtigkeit von Bildern, Protokoll, Begriffen und An­schlusskommunikation zu verstehen.

Die Lesbarkeit chinesischer Performances gilt es politikstrategisch zu nutzen. Formeln wie »konstruktive Beziehungen zwischen China und den USA im Sinne strategischer Stabilität« oder »neue Art internationaler Beziehungen« lassen zwar nur wenig Rück­schluss auf die tatsächliche Natur von Pekings Außenpolitik zu. Doch für China entscheiden solche Motive mitunter dar­über, was im Anschluss an Zeremonien überhaupt verhandelt werden kann. Der Ton macht die Musik, auch wenn sich Kon­flikte und Rivalitäten dabei keineswegs auf­lösen. Trumps Besuch in der Volksrepublik unterstreicht das eindrücklich.

Für deutsche und europäische Entscheidungsträger gilt es daher die Fähigkeit zu entwickeln, im Umgang mit Peking zwi­schen öffentlicher Symbolik und harter Interessenpolitik zu unterscheiden. Ohne strategische Einbettung in eine Sprache, die von Peking positiv aufgenommen wird, dürfte die gegenwärtige Entwicklung neuer Instrumente – wie etwa des geplanten Industrial Accelerator Act (IAA) der EU – fast zwangsläufig in eine Spirale aus Miss­trauen, Vergeltungsmaßnahmen und hohen wirtschaftlichen Kosten führen. Der Gebrauch von Performance und Ritualen muss Bestandteil einer deutschen und euro­päischen Strategie gegenüber China wer­den, damit sich die realpolitischen Ziele – Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit, wirt­schaftliche Resilienz und De-Risking – erfolgreich umsetzen lassen.

Dr. Nadine Godehardt ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Asien. Oliver Dieckmann ist Informations- und Datenmanager im Projekt »CHINAGLOBAL – Wie China Global Governance formt«.

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