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Das Ende des diplomatischen Frühlings zwischen Japan und China

Wie geopolitische Rivalität das bilaterale Verhältnis prägt

SWP-Aktuell 2025/A 52, 28.11.2025, 8 Seiten

doi:10.18449/2025A52

Forschungsgebiete

Für den Frieden und die Stabilität im Indo-Pazifik ist das Verhältnis zwischen Japan und China von weitreichender Bedeutung, sind diese beiden Länder doch die viert- bzw. die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. In den letzten eineinhalb Dekaden haben sich die sicherheits- und geopolitischen Spannungen zwischen ihnen erheb­lich ver­schärft – auch wenn weiter­hin enge Handelsbeziehungen bestehen. In der ein­jährigen Regie­rungszeit des japanischen Premierministers Ishiba Shigeru (Oktober 2024 bis Oktober 2025) gab es jedoch Anzeichen einer Entspannung. Die Beziehungen seien »in einer kritischen Phase der Verbesserung und Entwicklung«, hatte der chinesische Präsident Xi Jinping im November 2024 verkündet. Daraufhin kam es nicht nur zu einer Reihe diplo­matischer Austausche, China ging auch auf Tokios Forderung ein, Einfuhr­beschränkungen für japanische Fischereiprodukte und Rindfleisch aufzuheben. Trotz­dem waren die Beziehungen von einem echten Tauwetter weit ent­fernt. Nach­dem sich die neue japanische Premierministerin Takaichi Sanae Anfang November zu Taiwan geäußert hat, ist Beijing auf eine konfrontative Linie umgeschwenkt. Die Beziehungen sind und bleiben fragil.

Ein Blick auf die Staatsbesuche zwischen Japan und China zeigt, wie gering der poli­tische Austausch in den vergangenen Jahren war. Der letzte Staatsbesuch eines chinesischen Präsidenten in Japan liegt siebzehn Jahre zurück: 2008 reiste Hu Jintao, der Amtsvorgänger Xi Jinpings, nach Tokio. Umgekehrt war 2018 Abe Shinzo der bislang letzte japanische Pre­mier­minister auf solch offiziellem Besuch in China. Seither fanden Begegnungen auf Ebene der Regierungschefs oder Minister vor allem am Rande multilateraler Treffen statt, etwa bei der General­versammlung der Vereinten Nationen oder beim Gipfel der Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC).

Doch unter Premierminister Ishiba Shigeru, der im Oktober zurückgetreten ist, schien der politische und diplomatische Austausch wieder in Gang zu kom­men. Ende 2024 reisten der damalige Nationale Sicherheitsberater Akiba Takeo und Außen­minister Iwaya Takeshi nach China; im März 2025 folgte in Tokio der erste hoch­rangige Wirtschaftsdialog seit 2019, unter Vorsitz der Außenminister beider Länder. Bei einem tri­lateralen Treffen mit Südkorea vereinbarten die Handelsminister im März 2025, die 2012 be­gonnenen Verhandlungen über ein gemein­sames Freihandelsabkommen vor­an­zutreiben. Daneben wurde auch der Aus­tausch von Parteien und Parlamentariern intensiviert: Erstmals seit sechs Jahren fand im Januar 2025 ein Dialog der Regierungsparteien in Beijing statt, im April folgte der Besuch einer über­parteilichen japanischen Delega­tion der bilateralen par­lamentarischen Freundschaftsgruppe. Selbst der Austausch zwi­schen Vertretern der Streitkräfte wurde nach fünf­jähriger Pause wiederbelebt, in Form gegen­seitiger Besuche auf Kommandeursebene im No­vem­ber 2024 und Januar 2025.

Bei Treffen allein blieb es nicht – beide Länder leiteten erste konkrete Schritte zur Verbesserung ihrer Beziehungen ein. Ende 2024 kündigten Tokio und Beijing gegen­seitige Visumserleichterungen an und verein­barten, den zwischenmenschlichen Aus­tausch zu fördern. Anfang November 2025 konnte Japan zum ersten Mal seit 2023 wieder Meeresfrüchte nach China ex­por­tie­ren, nachdem Beijing ein Import­verbot teilweise zurücknahm. Dieses hatte es 2023 erlassen, als Japan begonnen hatte, aufbe­reitetes Kühlwasser des havarierten Atom­reaktors Fukushima ins Meer abzuleiten. Im Juli erklärte China zu­dem, den seit 2001 gelten­den Importstopp für japanisches Rindfleisch beenden zu wollen.

Trotz dieser Annäherungen verbesserte sich das bilaterale Verhältnis nicht sub­stan­ziell. Die Unsicherheiten über den außen­politischen Kurs der USA unter Prä­si­dent Donald Trump und dessen harte Zoll­politik mögen die beidseitige Dialog­bereit­schaft zwar erhöht haben, dennoch werden Japan und China so schnell keine Freunde. Grund sind wachsende sicherheits- und geopolitische Spannungen zwischen ihnen sowie ein tiefes gegenseitiges Miss­trauen. Bereits kurz nach der Amtsübernahme von Japans neuer Premierministerin Takaichi Sanae, die China wiederholt eine Bedrohung nannte und engere Beziehungen zu Taiwan befür­wortet, eskaliert ein Streit über eine Äuße­rung Takaichis im Parlament.

Wachsende Fragilität der Beziehungen

Das sino-japanische Verhältnis ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von wiederkehrenden Spannungen gekennzeichnet. Zunächst stand die Aufarbeitung der japa­nischen Kriegsvergangenheit im Mittelpunkt; ab den 1990er Jahren rückte zuneh­mend der Territorialstreit um die unbewohn­ten, von Japan verwalteten Senkaku-Inseln (chi­ne­sisch: Diaoyu) ins Zentrum.

Gleichzeitig gab es stabilisierende Faktoren in Wirtschaft, Politik und Sicher­heit. Nach der Aufnahme diplomatischer Bezie­hungen wurde Japan ab 1979 über Jahr­zehnte Chinas größter Geber von Entwicklungshilfe und trug so zu engen wirtschaftlichen Verflechtungen bei, von denen beide Seiten profitierten. Dem­entsprechend be­schrieb man die bilateralen Bezie­hungen in Japan oft als »politisch kalt, wirtschaftlich heiß« (seirei keinetsu). Ein wei­terer stabi­lisie­render Faktor waren die lang­jährigen per­sönlichen Kontakte zwi­schen hochrangigen Politikern beider Länder – begünstigt durch die nahezu durchgehende Regierungs­beteiligung der Liberaldemokratischen Partei in Japan und ihres Koalitionspartners Komeito. Diese Kontakte dienten als infor­melle Gesprächskanäle (»pipes«), um Infor­mationen auszutauschen, heikle Themen diskret zu besprechen und Span­nungen abzufedern. In der Sicherheits­politik sorgte die militärische Überlegenheit von Japans Bündnispartner USA gegenüber China für klare Machtverhältnisse und wirkte somit ebenfalls stabilisierend.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Verhältnis jedoch fundamental verändert: Mit Chinas machtpolitischem Aufstieg und seinem expansiveren Auftre­ten hat die geopolitische Rivalität spürbar zugenommen. Zugleich verlieren die einst stabilisierenden Faktoren in Wirtschaft, Politik und Sicherheit an Wirkung, wäh­rend bilaterale Spannungen offener zutage treten. Daher blieben die Beziehungen trotz des intensivierten diplomatischen Austausches während Ishibas Regie­rungszeit fragil und angespannt.

Geopolitische Rivalität und das Dreieck mit den USA

Die wachsende geopolitische Rivalität prägt das sino-japanische Verhältnis grund­legend. Japan sieht in China eine kompromisslos und revisionistisch auftretende Großmacht, die die regelbasierte Ordnung herausfordert und die USA als bisherigen regionalen Hegemon verdrängen will. Aus chinesischer Sicht wiederum sichert Japan als wichtigster US-Verbündeter in Asien die amerika­nische Militärpräsenz in der Region, wäh­rend seine Lage in der ersten Inselkette Chinas Zugang zum Pazifik erschwert. Mit seiner »Free and Open Indo-Pacific«-Vision (FOIP) hat Japan zudem seinen regionalen Gestal­tungsanspruch bekräftigt und sich klar gegen Chinas kompromissloses Ver­hal­ten, etwa im Südchinesischen Meer, posi­tioniert.

Vor diesem Hintergrund befördern die zunehmend konfrontativen Beziehungen zwischen den USA und China das bilaterale Misstrauen zwischen Tokio und Beijing. Die vertiefte Kooperation im japanisch-amerika­nischen Bündnis wertet China als Beleg für eine gemeinsame Eindämmungspolitik. Wachsende Spannungen sind in der Taiwan-Frage zu beobachten: Während China seine Drohungen gegenüber der Insel ver­stärkt, haben die USA und Japan die Wah­rung von Frieden und Stabilität in der Taiwan-Straße wiederholt zu einem gemein­samen Kern­anliegen erklärt – etwa im Februar 2025 bei einem Gipfel zwischen Präsident Trump und Premierminister Ishiba. US-Verteidi­gungsminister Pete Hegseth bezeichnete Japan als »unverzicht­baren Partner« zur Abschreckung einer chinesischen Aggression. Medienberichten zufolge intensivierten die USA und Japan in der Amtszeit Ishibas ihre Arbeit an gemein­samen Operationsplänen für den Fall einer Taiwan-Krise. Parallel dazu hat Tokio seine informellen Beziehungen zu Taipei schrittweise weiter aus­gebaut.

Umso mehr mag überraschen, dass Chi­na sich während Ishibas Amtszeit stärker auf den Dialog mit Japan einließ. Dafür dürften zwei Faktoren ausschlaggebend gewesen sein: Erstens handelte es sich eher um einen taktischen als um einen prinzipiellen Kurswechsel in Chinas Japan-Poli­tik. Beijing registriert die Verunsicherung in Japan über Trumps Außenpolitik – dessen gering­schätzigen Umgang mit Ver­bündeten und sein Desinteresse an der regelbasierten Ord­nung – und versucht, daraus Kapital zu schlagen. Wahrgenommene Differenzen zwischen den USA und Japan nutzt China gezielt, um Misstrauen im Bündnis zu schüren. So berichteten chinesische Staats­medien Ende März, die Handelsminister Chinas und Japans hätten sich im trilateralen Format mit Südkorea auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die US-Zollpolitik verständigt – eine Darstellung, der Japan prompt widersprach.

Zweitens dürfte China durch Ishibas erkennbare Dialogbereitschaft ermutigt worden sein. Zwar setzte dieser angesichts der Sicherheitslage darauf, die japa­nischen Verteidigungsfähigkeiten zu stärken; zu­gleich betonte er aber, alle Möglichkeiten zum Austausch mit Beijing nutzen zu wollen, um die Beziehungen zu stabilisieren und Missverständnisse sowie Eskalationen zu vermeiden. Vor dem Hintergrund von Trumps disruptiver Politik und der Unsi­cherheit über die Belastbarkeit sino-ameri­kanischer Gesprächskanäle war es ihm offenbar wichtig, eigene Kommunikationslinien zu China offenzuhalten.

Konfrontation im Ostchinesischen Meer

Trotz diplomatischer Austausche in den letz­ten Monaten zeigten die sino-japani­schen Beziehungen in der Sicherheitspolitik keinerlei Entspannung. Japan blickt seit Jahren mit Sorge auf Chinas massive mili­tärische Aufrüstung. Angesichts der regio­nalen Aktivitäten der Volksrepublik be­zeichnet das japanische Weißbuch 2025 China erneut als »beispiellose und größte strategische Herausforderung« – eine Formulierung, die bereits in der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2022 verwendet wurde. Zusätzlich beun­ruhigt Japan die vertiefte sicherheitspolitische Kooperation zwischen China, Nord­korea und Russland, die bei der Militär­parade in Beijing im Sep­tember demon­strativ durch die Anwesen­heit der drei Staatsoberhäupter unter­strichen wurde.

Grafik

Grafik: Die Lage japanischer Inseln und Taiwans im Ostchinesischen Meer

Vor allem die Spannungen im Territorial­streit um die Senkaku-Inseln im Ostchine­sischen Meer haben sich in den vergangenen Jah­ren zugespitzt (siehe Grafik). Seit einer Kollision zwischen einem chinesischen Fischer­boot und einem Schiff der japanischen Küstenwache 2010 hat China eine enorme, fast kontinuierliche Präsenz im Meeresgebiet um die Inseln aufgebaut. Indem es Schiffe der eigenen Küstenwache in die Territorial­gewässer (12 Seemeilen) sowie die um­liegende Anschlusszone (12 bis 24 Seemeilen) der Inseln entsendet, stellt China Japans Territorialansprüche und Kontrolle tag­täg­lich in Frage.

Zwei Trends sind dabei zu erkennen: Erstens hat China seine Präsenz sowohl quantitativ als auch qualitativ aus­geweitet. Noch nie sind so viele Schiffe der chinesischen Küstenwache durch die Anschluss­zone der Inseln gefahren wie 2024 – näm­lich an 355 von 365 Tagen. 2025 waren chinesische Schiffe bis Ende Oktober nur an vier Tagen abwesend. In die Territorial­gewässer drangen Chinas Schiffe 2024 an 42 Tagen ein, das ist der zweithöchste Wert seit 2013. Dabei entsendet China immer grö­ßere Schiffe, die mit schwerem Geschütz ausgestattet sind, darunter das weltweit größte Küstenwacheschiff mit zwei Heli­koptern. Zweitens versucht China immer öfter, japanische Fischerboote aus den Ter­ri­torialgewässern zu ver­treiben, um auf diese Weise effek­tive Kontrolle durch Ausübung hoheit­licher Befugnisse zu demonstrieren. Allein im Jahr 2023 zählte die japanische Küsten­wache 17 solcher Fälle. Insgesamt setzt China im Ostchinesischen Meer – analog zu seinem Vorgehen im Südchine­sischen Meer – auf eine Grauzonen-Strate­gie, um seine Kontrolle schrittweise und langfristig auszuweiten.

Auch über den Territorialstreit hinaus beobachtet Japan eine Inten­sivierung chinesischer militärischer Akti­vitäten in seiner Nähe, und zwar zur See wie in der Luft. Besonders die Übungen und Droh­gebär­den Chinas gegen­über Tai­wan betref­fen Japan unmittelbar: Die nächst­gelegene japanische Insel liegt nur rund 110 Kilo­meter entfernt. Überdies verstärkt China seine Präsenz in den Pazifik hinein. So operierten im Mai und Juni 2025 erst­mals zwei chinesische Flugzeugträger samt Kampfflugzeugen gleichzeitig in der Nähe kleinerer japanischer Inseln. Damit beweist China seine Fähigkeiten zur Macht­projek­tion weit über die Landesgrenzen hin­aus. China provoziert Japan dabei immer wieder direkt. Im August 2024 drang zum ersten Mal ein chinesisches Aufklärungs­flugzeug in den japanischen Luftraum ein, im Juni und Juli 2025 näherten sich chinesische Kampfflugzeuge mehrfach gefährlich japanischen Militärmaschinen, in einem Fall bis auf 30 Meter. Auch gemeinsame chinesisch-russische Manöver in Japans Nähe haben zugenommen.

Die wachsende Bedrohung durch China hat Japan in den letzten Jahren zu umfas­senden sicherheitspolitischen Reformen bewogen. Zwischen 2022 und 2025 stiegen die Verteidigungsausgaben von 5,4 auf 8,7 Billionen Yen (von 35 auf 56 Milliarden US-Dollar), und die Präsenz von Militär und Küstenwache im China zuge­wandten Süd­westen des Landes wurde verstärkt. Auf Inseln nahe Taiwan wurden Basen aus­gebaut und Antischiff- sowie Flugabwehr­raketen und Luftverteidigungssysteme statio­niert. In Kumamoto auf Kyushu, einer der Hauptinseln, plant Japan, bis März 2026 als Teil seiner »Gegenschlags­fähig­keiten« neue Typ‑12-Lang­strecken­raketen einzufüh­ren, die begrenzt Luftschläge auf geg­ne­rische Ziele ermöglichen. Japans kon­ventio­nelle Fähigkeiten tragen damit auch zur Abschre­ckung eines Angriffs auf Tai­wan bei, da sie im Verbund mit den USA poten­ziell Chinas Operationsfreiheit in der Re­gion einschränken und so die Aussichten auf einen schnellen Sieg mindern.

Seit 2022 hat Japan seine Küsten­wache ebenfalls deutlich gestärkt. Auf Ishigaki, nahe Taiwan, befindet sich nun der landes­weit größte Stützpunkt, mit einer Belegschaft von 600 Personen vor allem für Pa­trouillen um die Senkaku-Inseln. Weitere Aufrüstungen sind geplant, unter anderem ein neues Mehrzweck-Patrouillenboot, das bisherige Modelle der Marine übertreffen würde. Paral­lel dazu baut Japan ein um­fassendes Zivil­schutzkonzept für die ent­legenen Inseln im Südwesten auf, einschließlich Schutz­räumen und Evakuie­rungs­plänen. Diese Vorkeh­rungen illus­trie­ren Japans hohes Krisenbewusstsein.

Während die Streitkräfte und Küsten­wachen von Japan und China in unmittelbarer Nähe zueinander operieren, besteht keine funktionierende Krisenkommuni­kation. Zwar wurde im Mai 2023 offiziell eine Hotline zwischen den Verteidigungsminis­terien eingerichtet, doch seither wurde sie bei keinem sicherheitspolitisch relevanten Vorfall genutzt. Medienberichten zufolge hat Japan mehrfach ver­sucht, Kontakt auf­zunehmen – erfolglos. Dies führen japa­nische Beobachter darauf zurück, dass auf chine­sischer Arbeitsebene Kommunikations­befugnisse fehlen.

Wirtschaft im Schatten der Rivalität

Die wachsenden geopolitischen Spannungen der letzten Jahre haben auf den ersten Blick wenig Einfluss auf die engen Handels­beziehungen zwischen Japan und China. 2024 war China mit 292 Milliarden US-Dollar und einem Anteil von gut 20 Prozent Japans größter Handelspartner und übertraf die USA (226 Milliarden US-Dollar). Umge­kehrt war Japan mit einem Anteil von 4,8 Prozent Chinas drittgrößter Handelspartner nach den USA und Südkorea. Hinter diesen Zahlen stehen wechselseitige Abhän­gig­keiten: Japanische Unternehmen sind auf China in Lieferketten und als Absatzmarkt angewiesen, während China japanische Technologien benötigt, etwa für die Chip­herstellung.

Politisch haben sich die Wirtschafts­beziehungen jedoch deutlich verändert, und das bereits lange vor der Ishiba-Regierung. Jahr­zehnte­lang wurden wirtschaftliche Koope­rationen weitgehend losgelöst von politi­schen Dif­fe­renzen und periodisch aufflam­menden Kon­flikten gepflegt. Japan verfolgte das Ziel, durch Kooperation beid­seitiges Ver­trauen zu schaffen und China in die multi­laterale, regelbasierte Welt­ordnung zu inte­grieren; beispielsweise unterstützte Tokio Chinas Mitgliedschaft in der Welt­handelsorga­ni­sa­tion (WTO). Im Jahr 2010 setzte China erst­mals wirtschaftliche Ab­hängigkeiten gezielt als politisches Druck­mittel ein, als es im Zuge des Terri­torial­streits um die Senkaku-Inseln die Ausfuhr Seltener Erden nach Japan ein­schränkte. In Japan galt auch Chinas 2023 erlassenes Im­portverbot für japanische Fischerei­produkte als politisch motiviert, da unter anderem die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) die Einleitung auf­bereiteten Kühlwassers aus Fukushima ins Meer als sicher eingestuft hatte.

Seit 2010 prägen sicherheits- und geo­politische Erwägungen Japans Wirtschaftspolitik zunehmend. Gegenüber China ist Japan bestrebt, strukturelle Verwundbar­keiten zu verringern und kritische Abhän­gig­keiten zu minimieren, wobei Tokio die Vorteile enger Handelsbezie­hungen soweit möglich aufrechterhalten will. Ent­sprechend zielt Japans Wirtschafts­sicher­heitspolitik – etwa im Rahmen des 2022 verabschiedeten Economic Security Pro­motion Act – auf die Diversifizierung stra­tegischer Liefer­ketten, den Schutz sen­sibler Technologien und die Förderung nationaler Innovationskapazitäten.

Grund­sätzlich ähnelt Japans Ansatz dem der USA in den letzten Jahren. Im Unter­schied zu den Gesetzen und Maßnahmen der USA sind die japanischen jedoch länder­unspezifisch formuliert und in ihrem An­wen­dungsbereich enger gefasst, zudem setzen sie nicht auf handelspolitische In­stru­mente wie Straf­zölle. Unter der Ishiba-Regie­rung führte Tokio diesen Kurs fort, zum Bei­spiel indem es ein massi­ves Inves­ti­tions­paket für die Bereiche Halbleiter und Künst­liche Intel­li­genz verabschiedete. Im japa­nischen Denken sind Innovation und Techno­logieführerschaft von zentraler Be­deu­tung, um gegenüber China eine Position strategischer Unentbehrlichkeit (senryakuteki fukaketsusei) zu sichern und damit Beijings Kalkül zu­guns­ten Japans zu beeinflussen. In dieser Hinsicht setzt Tokio also weiterhin auf eine bilateral stabilisierende Wirkung der wirt­schaftlichen Zusam­menarbeit mit China.

Auch auf Unternehmensebene sind Ver­änderungen erkennbar. 2023 inves­tierten japanische Unternehmen rund 135,8 Mil­liarden US-Dollar in China, das entsprach 6,4 Prozent des Gesamtbestands japanischer Auslandsinvestitionen. Im Jahr 2015 lag dieser Anteil noch bei 8,6 Prozent. Japani­sche Investi­tio­nen in China nehmen also ab. Eine Um­frage der japanischen Außen­wirtschafts­organisation JETRO im Sommer 2024 ergab, dass nur 21,7 Prozent der in China tätigen japanischen Unternehmen expandieren wollen; das ist der nied­rigste Wert seit 2007. 64,6 Pro­zent der Unternehmen planen, den Status quo beizubehalten, 13,7 Prozent wollen ihre Aktivitäten reduzieren oder abziehen.

Die Gründe nachlassender Investitions­tätigkeit in China sind vielfältig – neben geo­poli­tischen Risiken berücksichtigen Unter­neh­men auch Faktoren wie Chinas schwache Inlandsnachfrage und kon­junk­turelle Abkühlung sowie regu­la­torische Ein­griffe. Sicherheitsbedenken spielen ebenfalls eine Rolle: In den ver­gan­genen Jahren wurden min­destens 17 japa­nische Staatsangehörige in China unter undurchsichtigen Spionagevorwürfen fest­genom­men, dazu kamen im öffentlichen Raum mehrere gewaltsame Übergriffe auf Japa­ner, unter ihnen Kinder.

Gesellschaftliche Entfremdung

Die bilateralen Spannungen spiegeln sich zuneh­mend in der Gesellschaft wider: In einer Umfrage des japanischen Thinktanks Gen­ron NPO gaben 2024 89 Prozent der Japaner und 88 Prozent der Chinesen an, ein schlech­tes oder relativ schlechtes Bild des jeweils anderen Landes zu haben. Vor rund zwanzig Jahren lagen die Werte noch teils unter 40 Prozent.

Beim gesellschaftlichen Austausch zeigt sich ein differenziertes Bild: Die Zahl der in China lebenden japanischen Bürger sank von circa 150.000 im Jahr 2012 auf knapp unter 100.000 Ende 2024. Nur circa 3.000 japanische Studierende unternahmen 2024 einen Auslandsaufenthalt in China. Da­gegen stieg die Zahl der in Japan lebenden chinesischen Bürger in den letzten Jahren deutlich, auf rund 870.000 im Jahr 2024. Bei chinesischen Studierenden und Tou­ris­ten erfreut sich Japan großer Beliebtheit. Damit rücken chinesische Staatsangehörige in Japan allerdings auch stärker in den Fokus innenpolitischer Debatten. Bei den Ober­haus­wahlen im Juli etwa wurde kon­tro­vers über Einwanderung und Immobilien­käufe durch Ausländer diskutiert – The­men, die im öffentlichen Diskurs häufig mit China verknüpft werden.

Wechselseitiges Misstrauen wird durch historische Divergenzen und Geschichts­poli­tik verstärkt. Seit den 1990er Jahren pro­pagiert die chinesische Führung natio­na­listische Geschichtsnarrative, die Japan als zentralen Antagonisten darstellen. Vor diesem Hintergrund schwindet in Japan die Bereitschaft, mit China den Dialog über die Vergangenheit zu suchen. Gleichzeitig for­dern rechtskonservative japanische Politi­ker, darunter Premierministerin Takaichi, mehr Patriotismus und eine weniger selbst­kritische Geschichtsschreibung. Ein Aus­löser für bilateralen Streit mit China war in der Vergangenheit zudem der Besuch japa­nischer Premierminister am Yasukuni-Schrein, in dem japanischer Kriegstoter – unter ihnen verurteilte Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs – gedacht wird. In die­ser Hinsicht hat Tokio in den letzten Jahren Zurückhaltung gezeigt, denn Abe Shinzo war 2013 der letzte Premierminister, der den Schrein besuchte.

Angesichts gesellschaftlicher Entfremdung und wachsender bilateraler Spannungen scheinen auch die informellen Ge­sprächs­kanäle zwischen führenden Politi­kern beider Länder geschwächt. Politiker, die in Dialog treten wollen, geraten schnell in den Verdacht, der Gegenseite zu weit entgegenzukommen. So wurde Ishiba von Partei­kollegen kritisiert, als seine Regierung Visumserleichterungen für chinesische Staatsangehörige einführte. Das Ergebnis solcher Entwicklungen ist eine strukturelle Verhärtung der Beziehungen, die die Wie­der­aufnahme von Dialog und Ko­opera­tion erschwert.

Chinas Eskalation nach Takaichis Taiwan-Aussage

Deutlich offenbart sich die Fragilität der sino-japa­nischen Beziehungen seit dem Amts­antritt von Premier­ministerin Takaichi Sanae Ende Oktober. Anfangs zeigten beide Seiten noch Gesprächsbereitschaft: Takaichi und Xi trafen sich am Rande eines multi­lateralen Gipfels per­sönlich und bekräftigten ihr Ziel einer »beid­seitig vorteilhaften Beziehung auf Grundlage gemeinsamer strategischer Interessen« – eine seit 2007 oft wiederholte, mittlerweile weitgehend leere Phrase. Takaichi thematisierte dabei auch Japans Sicherheitsbedenken, etwa Chinas Akti­vitäten im Ostchinesischen Meer.

Die Atmosphäre schlug schlagartig um, als Takaichi Anfang November auf Nach­frage eines Oppositionspolitikers im Parla­ment aussagte, eine militärische Eska­lation um Taiwan könne für Japan eine »exis­tenz­bedrohende Situation« darstellen. Nach japa­nischer Gesetzgebung würde dies er­mög­lichen, das Recht auf kollektive Selbst­vertei­digung auszuüben. Takaichis Aus­führungen legen allerdings nahe, dass sie damit nicht die Verteidigung Taiwans durch Japan meinte, sondern den Schutz amerikanischer Truppen, falls diese ein­greifen wür­den. Dies entspricht einer gesetz­lichen Regelung, die Japan bereits 2015 einführte. Für eine am­tierende Premier­ministerin war die Bezug­nahme auf ein Taiwan-Szenario allerdings ungewöhnlich konkret. Zuvor war Japans Politik durch strategische Ambiguität ge­prägt, bei der offenblieb, ob und inwiefern das Land sich an einem militärischen Konflikt um Taiwan an der Seite der USA beteiligen würde. Takaichi betonte, ihre Äußerung bedeute keine Ver­änderung von Japans Politik, und kündigte an, künftig keine hypothetischen Szenarien mehr zu diskutieren.

China reagierte umgehend mit einer Kombination aus scharfer, konfrontativer Rhetorik und gezieltem ökonomischen Druck. Das Außenministerium forderte von Takaichi die Rücknahme ihrer Aussage und warnte vor Einmischung in die Taiwan-Frage mit den Worten: »Wer mit dem Feuer spielt, wird daran zugrunde gehen.« Der chinesische Generalkonsul in Osaka, Xue Jian, drohte Takaichi gar mit Enthauptung. China riet seinen Bürgern von Reisen nach Japan ab, da ihre Sicherheit »erheblich gefährdet« sei. Innerhalb von drei Tagen wurden fast eine halbe Million Flugtickets nach Japan storniert, was insbesondere die japanische Tourismusbranche treffen dürfte. Sein Importverbot für japanische Fischereiprodukte setzte China erneut in Kraft. Japans sofortige Entsendung eines ranghohen Beamten des Außenministeriums brachte keine Deeskalation.

Ausblick und Implikationen

Nach einem schnellen Ende im Streit über Takaichis Taiwan-Äuße­rung sieht es derzeit nicht aus. Insge­samt ist die Entwicklung der japanisch-chinesischen Beziehungen besorgnis­erregend und von sich gegenseitig verstärkenden negativen Dynamiken ge­kenn­zeich­net. Durch die wachsende geo­poli­ti­sche Rivalität verschärfen sich die sicherheits­politischen Spannungen, zumal China im Territorialstreit immer aggressiver auf­tritt. Wirtschaft­liche Kooperation wird zunehmend von politischen Kalkülen über­lagert und von China gezielt als Druck­instrument eingesetzt. Gesellschaftliches und politisches Misstrauen erreicht Rekord­werte, wäh­rend traditionelle informelle Gesprächs­kanäle erodieren. Damit werden die Beziehungen fragiler, was das Risiko weiterer Eskalation erhöht.

Ishibas und Takaichis China-Politiken mögen sich vor allem im Ton unterscheiden; trotzdem ist bemerkenswert, wie schnell Beijing infolge der Taiwan-Äuße­rung Takaichis von einem Annäherungskurs gegen­über Tokio zu Konfrontation und Provokation übergegangen ist, inklusive wirt­schaft­licher Druckmittel. Ähnliche Wechsel­spiele zwi­schen Zugeständnissen und har­ten Dro­hun­gen Beijings haben auch andere Staaten erlebt – Australien ist hier ein pro­minentes Beispiel. Für seine eigenen Bezie­hungen mit China sollte Deutschland bzw. Europa daraus lernen, dass Fortschritte und Ab­spra­chen stets auf ihre tat­sächliche Sub­stanz geprüft werden müssen.

Japan und Deutschland bzw. Europa teilen mit Blick auf China ähnliche Sorgen: etwa über dessen machtpolitisches, aggres­sives Vorgehen, seine Missachtung inter­nationaler Regeln und Normen oder seinen Einsatz wirtschaftlicher Druck­mittel. Umso wichtiger ist es, dass sie ihre Solidarität demonstrieren, wenn Beijing gegenüber einer der beiden Seiten oder anderen engen Partnern Druck ausübt oder provoziert. Zugleich sollten Berlin und Tokio ihre Zusammenarbeit in Fragen der Wirtschafts­sicherheit, der Resilienz kritischer Lieferketten und der Verteidigungskooperation vertiefen, um ihre Hand­lungsfähigkeit und ihre Positionen gegenüber China zu stär­ken. Auch in multilateralen Kontexten wie der G7 sollten beide Seiten ihre Zusammen­arbeit gerade in Bezug auf China inten­sivieren.

Kento Fukuta war von April bis Juni 2025 Praktikant der Forschungsgruppe Asien. Dr. Alexandra Sakaki ist Stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Asien. Die Autoren danken Simona Beckemeier und Isabelle Faulhaber für ihre Unterstützung bei Literaturrecherche bzw. Aufarbeitung von Wirtschaftsdaten.

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