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Resilienz als Antwort auf russische Drohgebärden im Weltraum

Handlungsoptionen für Deutschland und Europa

SWP-Aktuell 2026/A 21, 30.04.2026, 4 Seiten

doi:10.18449/2026A21

Forschungsgebiete

Russische Angriffe und Drohgebärden finden zunehmend auch im Weltraum statt. Daraus ergeben sich Risiken für Infrastrukturen in Europa, die mehr und mehr von Satellitensystemen abhängig sind. Dies betrifft zivile Dienstleistungen wie etwa Navi­gation, aber auch die europäische Verteidigungsfähigkeit. Zunehmend stellt sich daher die Frage, wie solchen Manövern Russlands zu begegnen ist und ob zur Ab­schreckung Waffensysteme im All platziert werden sollten. Während Europas Streit­kräfte von Weltraumsystemen abhängig sind, trifft das auf die russischen aber in sehr viel geringerem Maße zu. Aufgrund dieser Asymmetrie sollten Deutschland und seine Partner vor allem auf Resilienz ihrer Satellitensysteme setzen.

Angriffe auf Satellitensysteme sind weder selten noch eine bloß abstrakte Bedrohung, sondern eine gängige Taktik, um die euro­päische Sicherheitsarchitektur zu beeinträchtigen. Ende 2025 berichtete das briti­sche Verteidigungsministerium über wöchentliche Versuche Russlands, militä­rische Kommunikationssatelliten zu stören. Im Februar 2026 wurde bekannt, dass Russ­land vermutlich auch Abhörmanöver gegen Kommunikationssatelliten durchführte, die von der Bundeswehr genutzt werden.

Abschreckung als Teil deutscher Verteidigungspolitik

In einem Satellitensystem sind der Satellit im All, die Bodenstation auf der Erde und die Signale dazwischen allesamt potentielle Angriffsziele, die es zu schützen gilt – vor Sabotage, Angriffen, Abhöraktionen und weiteren Beeinträchtigungen. Andernfalls drohen wichtige militärische Kapazitäten wie Kommunikation, Navigation, Aufklärung und Raketenfrühwarnung temporär oder dauerhaft auszufallen, mit weit­rei­chenden Konsequenzen. So könnten etwa Zielidentifikation und Truppenführung erschwert, verzögert oder in ihrer Präzision eingeschränkt werden. Zivile Funktionen könnten ebenfalls betroffen sein, beispielsweise Notrufsysteme, der Datentransfer im Bankwesen oder die Bereitstellung meteoro­logischer Daten. Daher sind Satellitensyste­me für einen modernen Staat von strategischer Bedeutung. Der Schutz dieser Systeme bedarf einer soliden konzeptionellen Basis.

Die Bundesregierung versteht Abschreckung als »integralen Bestandteil einer umfassenden Sicherheitsarchitektur«. Be­reits in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie von 2023 werden Angriffe auf Weltraumsysteme als Beispiel dafür genannt, dass Abschreckung umfassend und in allen Dimensionen erfolgen muss. Die 2025 er­schienene Weltraumsicherheitsstrategie der Regierung benennt Abschreckung (zusammen mit Wehrhaftigkeit und Resilienz) als eines von drei Handlungsfeldern. Dem Dokument zufolge gestaltet Deutschland seine Abschreckung im Weltraum durch eine Kombination aus internationaler Dip­lomatie und Partnerschaften, Resilienz­maßnahmen, Verteidigungsbereitschaft und militärischen Fähigkeiten.

Die Bundesregierung behält sich damit die Option vor, militärische Mittel einzusetzen, um vor allem Russland von Angriffen im Weltraum abzuhalten. Wie dies im Detail aussehen würde, wird jedoch offen­gelassen. Der Einsatz kinetischer Waffen dürfte ausgeschlossen sein, da die Bundesrepublik bereits ein Moratorium für Tests kinetischer Anti-Satelliten-Waffen (ASAT) unterschrieben hat und demnach keine militärischen Mittel erproben wird, die Weltraummüll erzeugen. Doch auch ohne solche »hard kill«-Methoden gibt es noch eine ganze Reihe an möglichen ASAT-Waf­fen und Maßnahmen, mit denen feindliche Satelliten im Zuge möglicher Gegenangriffe beeinträchtigt werden können. Daraus lässt sich schließen, dass die Bundesregierung nun einige dieser nichtkinetischen Vorge­hensweisen evaluiert.

Mit der Beschaffung von Fähigkeiten am milderen, nichtkinetischen Ende des ASAT-Spektrums hätte Deutschland ein »Schwert« in der Hand, um sich gegen Gegner im All zu behaupten. Der Erwerb militärischer Weltraumfähigkeiten könnte Russland zwar signalisieren, dass ein versuchter An­griff auf deutsche Infrastrukturen womöglich einen Gegenangriff auf russische Satel­liten nach sich zieht. Doch wäre es ein Trugschluss anzunehmen, dass eine solche Drohung tatsächlich eine abschreckende Wirkung auf Moskau hätte. Dies liegt vor allem daran, dass ein Ausfall russischer Satelliten das Militär des Landes kaum ein­schränken würde.

Anpassung an den Gegner

Russland gilt als »unmittelbarste Bedrohung« für Deutschland. Daher bedarf es einer Abschreckungspolitik, die dieser Bedrohung angepasst ist und berücksichtigt, über welche Mittel das Land verfügt und wie es in einem etwaigen Konflikt wahrscheinlich vorgehen würde. Im Welt­raum gibt es dabei eine Asymmetrie zwi­schen den russischen und den westlichen Fähigkeiten. Russland besitzt zwar Satelli­tensysteme, hat sie aber nur relativ gering­fügig in seine militärischen Infrastrukturen integriert. Dies beeinträchtigt auch eine mögliche westliche Abschreckungsstrategie.

Russland ist deutlich weniger abhängig von Weltraumsystemen als Deutschland und seine Partner, was Moskaus militärische Fähigkeiten zugleich signifikant ein­schränkt. So fällt es russischen Truppen schwer, effektiv zu kommunizieren. Hinzu kommen Schwierigkeiten, Gefechtsschäden festzustellen, was sich wiederum auf die militärische Planung auswirkt. Da Russlands Weltraumindustrie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, wird sich die­ser Befund in den kommenden Jahren wohl noch verstärken. Dagegen wird die westli­che Abhängigkeit von Satellitensystemen weiter wachsen, denn das Konzept »Multi-Domain Operations« (die Orchestrierung militärischer Aktivitäten über alle Dimensionen) wird in der Nato bereits umgesetzt.

Es gibt Hinweise darauf, dass Russland versucht, seine Lücken zu schließen. Be­richten zufolge bemüht sich Moskau seit April 2022 darum, Satellitenbilder auf dem kommerziellen Markt zu erwerben. Der ukrainische Nachrichtendienst wirft über­dies China vor, es nutze seine technisch überlegenen Satellitensysteme, um die rus­sischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg mit Zielinformationen zu versorgen. Peking und Moskau bestreiten dies. Auch wurde ein chinesisches Satellitenbild-Unterneh­men von den USA sanktioniert, weil es Radaraufnahmen an die russische Söldnergruppe Wagner weitergegeben haben soll. Wenn sich diese Fälle bestätigen, hieße das, dass Europa, sollte es offensive Maß­nahmen einsetzen, sich chinesischer Satelliten­systeme erwehren müsste.

Doch selbst ein nur temporäres und nichtkinetisches Eingreifen in die Satellitensysteme eines Drittstaats würde mit Risiken einhergehen und eine horizontale Eskalation bedeuten. Deren Konsequenzen wären nur schwer kalkulierbar, vor allem angesichts der fortgeschrittenen kinetischen ASAT-Waffen, über die China (wie Russland) verfügt. Daher bedarf es einer anderen Herangehensweise.

Resilienz als Abschreckungs­maßnahme

Die russischen Kalkulationen im Weltraum lassen sich anderweitig beeinflussen. Um Moskau von einem Angriff abzuschrecken, kann etwa der Zugang zu potentiellen Zie­len erschwert und die Erfolgschance einer Attacke entsprechend verringert werden. Europa sollte auf eine dergestalt erreich­bare Resilienz statt auf offensive Maßnahmen setzen.

Es gilt ein System zu schaffen, mit dem sich verhindern lässt, das eigene Dienstleistungen vollständig blockiert werden. Der Schutz von Satelliten ist aufwendig und kann hohe Kosten mit sich bringen. Zum Beispiel wäre es sehr schwierig, einen Satel­liten vor einem direkten kinetischen An­griff durch eine ASAT-Rakete zu schützen oder gar vor der Detonation einer Nuklearwaffe im Weltraum. Daher sollte der Fokus auf Resilienz liegen – bei einzelnen Satel­liten ebenso wie bei Konstellationen, also ganzen Gruppen von Satelliten. Die Welt­raumsicherheitsstrategie spricht dies bereits an, auch wenn Details nicht thematisiert werden.

Die Resilienz einzelner Satelliten kann auf verschiedene Weise gesteigert werden. Möglich ist etwa, die Sendefrequenz häufig zu ändern (»frequency hopping«) oder die Widerstandsfähigkeit von Cyber-Systemen zu stärken. Ein weiterer Weg ist ein genaue­res Weltraumlagebild, das etwaige Abhör­manöver und physische Beeinträchtigungen früh erkennen lässt. Zudem können Satel­liten gegen erhöhte Strahlung und elektro­magnetische Pulse gehärtet werden, was sie bis zu einem gewissen Grad auch vor den Konsequenzen einer Nuk­leardetonation schützt. Bei einer Härtung gegen elektromagnetische Pulse steigen die Produktionskosten um bis zu 10 Prozent, bei einer Här­tung gegen Strahlung um 2 bis 5 Prozent. Zudem lassen sich Satellitenkonstellationen resilienter gestalten, unter anderem indem Kommunikation zwischen Satelliten ermög­licht wird (etwa via Laser), um Bodenstationen zu umgehen. Auch kann man Satelli­ten in mehreren Umlaufbahnen platzieren, damit potentielle Kolli­sionsschäden ver­mieden werden.

Es geht nicht darum, jeden einzelnen Satelliten mit allen denkbaren Schutzmaßnahmen auszustatten. Vielmehr sollen kon­tinuierliche Dienstleistungen gewährleistet sein, so dass einzelne Ausfälle kompensiert werden können. Dies geschieht durch Er­stellung eines »system of systems«, das aus mehreren Schichten besteht. Dazu gehö­ren Produkte kommerzieller Anbieter, die schnelle Dienstleistungen bieten, aber nicht gegen alle Angriffsarten gewappnet sind (unter anderem aus wirtschaftlichen Grün­den), sowie militärische Satelliten (auch von Partnern), die stärker geschützt werden. Manuelle oder erdgebundene Alternativen sind ebenfalls Teil dieser Architektur. Das erfordert die passende Hardware, beispielsweise terrestrische Langstrecken-Naviga­tionssysteme. Hinzu kommt, dass die Syste­me interoperabel sind – mit gemeinsamen Schnittstellen und Standards. Darüber hin­aus ist abzuwägen, welche Satellitendienste immer und unter allen Umständen verfüg­bar sein müssen. Diese sind entsprechend zu schützen und zu härten.

Die kommerzielle Starlink-Konstellation ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Resi­lienz praktisch gestalten lässt. Das Kom­munikationsnetzwerk hat sich als äußerst nützlich für die ukrainischen Truppen im Krieg mit Russland erwiesen, trotz mehre­rer Versuche von Seiten Moskaus, den Dienst durch elektromagnetische und Cyber-An­griffe zu unterbinden. SpaceX, das Unter­nehmen hinter Starlink, setzt im Umgang mit Angriffen vor allem auf Software-Up­dates. Der Fall zeigt, dass schnelle Anpassung in diesem Bereich ausreichen kann, um feindlichen Attacken zu begegnen. Zwar wurde nicht veröffentlicht, wie teuer diese Modifikationen genau waren, doch gehen Software-Updates vor allem mit Per­sonalkosten einher.

Russland verfügt neben fortgeschrittenen Störsendern und Cyberfähigkeiten zwar auch über kinetische Weltraumwaffen. Doch würde ein damit durchgeführter An­griff auf eine große Satellitenkonstellation erhebliche Ressourcen erfordern und mit ernsten Risiken für Partnerstaaten einher­gehen. Selbst kleinere Konstellationen stel­len Moskau vor ein solches Dilemma. Daher ist weiterhin mit solchen Angriffen Russ­lands zu rechnen, die vor allem auf den elektromagnetischen und den Cyberraum abzielen. Dieses Vorgehen beansprucht rela­tiv wenig Ressourcen und hat sich anderweitig als erfolgreich erwiesen. Die Kosten für Resilienz sind abzuwägen gegen­über den potentiellen Kosten einer Eskala­tion und den schwer kalkulierbaren Folgen einer offensiven Reaktion auf russische Manöver. Dabei zeigt die erste Option einen klaren Vorteil auf.

Resilienz als europäische Strategie

Die neuen Investitionen der Bundesregierung in den Aufbau von Weltraumfähig­keiten sowie entsprechende europaweite Initiativen kommen zum richtigen Zeit­punkt, um resiliente Strukturen zu schaf­fen. Resilienz dient auch zur Abschreckung Russlands, denn sie kann dazu beitragen, Angriffsziele abzuschirmen oder Attacken für den Angreifer politisch wie materiell kostspieliger zu machen. Schutzmaßnahmen werden bereits in der Planung großer Satellitenarchitekturen mitgedacht; das gilt für die proliferierte EU-Konstellation IRIS2 ebenso wie für die von der Bundeswehr ins Auge gefasste Kommunikationskonstella­tion SatComBw4. Letztere will die Bundeswehr zudem mit Laserkommunikation ver­netzen, um Interoperabilität zu ermöglichen. Die European Launcher Challenge wiederum soll den europäischen Markt für Raketenstarts vorantreiben und dabei auch die Fähigkeit verbessern, Satelliten schnell zu ersetzen. Bundeswehr und Nato haben überdies begonnen, kommerzielle Anbieter in ihre Infrastrukturen zur militärischen Aufklärung zu integrieren. Dieser Ansatz sollte beibehalten und ausgeweitet werden.

Doch gibt es noch weitere Möglichkeiten, um Satellitendienste zu schützen. Innerhalb der Allianz sollte der Austausch von Daten zur Weltraumlage verbessert werden, damit Partner einander schneller vor Gefah­ren warnen können. Auch Nato-Übungen, in denen Ausfälle von Dienstleistungen ein­geplant werden, schaffen Resilienz. Die Bundesregierung sollte kommerzielle Unter­nehmen mit Informationen unterstützen, auch was versuchte Angriffe auf staatliche Systeme betrifft, damit Schutzmaßnahmen präziser gestaltet werden können. Dies gilt gleichermaßen für Unternehmen, die kei­nen direkten Verteidigungszweck erfüllen. Zudem sollte erwogen werden, bei der Be­stellung von Satelliten immer gleich Ersatz­geräte zu ordern, damit diese bei einem Ausfall bereitstehen. Die anfänglichen Funktionsstörungen bei der Aufklärungskonstellation SARah zeigen, dass Ausfälle nicht ausschließlich durch Angriffe entste­hen und auch mit anderweitigen Widrigkeiten zu rechnen ist. Terrestrische Optio­nen wie etwa Langstrecken-Navigations­systeme sollten wo möglich mitgedacht werden. Sie schaffen zusätzliche Sicherheit und verfügbare Alternativen, falls Satellitendienste unterbrochen werden.

Juliana Süß ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik. Das Aktuell entstand im Rahmen des Projekts Strategic Threat Analysis and Nuclear (Dis-)Order (STAND).

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