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Indiens Aufstieg: auf tönernem Fundament?

SWP-Studie 2021/S 13, 06.09.2021, 44 Seiten

doi:10.18449/2021S13

Forschungsgebiete
  • Indien ist seit den 1990er Jahren international aufgestiegen. Die wichtig­sten Ursachen dieses Erfolgs waren die Wirtschaftsreformen seit 1991 und die neuen internationalen Konstellationen nach dem Ost-West-Konflikt. Beides verschaffte dem Land in globalen Fragen deutlich mehr Gewicht. Allerdings ist Indiens Aufstieg angesichts einer Reihe struktureller Defizite auf nationaler Ebene durchaus brüchig. So zählt Indien trotz seiner wirt­schaftlichen Erfolge in vielen Bereichen zu den Schlusslichtern der G20.

  • Indiens Aufstieg liegt im deutschen wie im europäischen Interesse. Die größte Demokratie gilt als Wertepartnerin und Mitstreiterin für eine regelbasierte internationale Ordnung sowie als zukunftsträchtiger Markt. Außerdem teilen Indien, Deutschland und Europa zunehmend geo­politische Interessen. Indien gilt als ein wichtiger Pfeiler der künftigen deutschen Indo-Pazifik-Politik.

  • Eine Reihe von innenpolitischen Entwicklungen in Indien beeinträchtigt jedoch die Grundlagen der Zusammenarbeit. So ist seit 2014 ein Abbau demokratischer Verfahrensweisen und Institutionen zu beobachten, die 2020 verkündete neue Wirtschaftspolitik der Eigenständigkeit setzt eher auf partielle Abschottung denn auf weitere Integration in den Weltmarkt.

  • Im Sinne eines realistischen Erwartungsmanagements sollten sich die deutsche und europäische Politik deshalb eher an gemeinsamen Interes­sen denn an Werten orientieren.

Problemstellung und Schlussfolgerungen

Indiens internationaler Aufstieg seit den 1990er Jah­ren erweist sich bei genauerer Betrachtung als ambi­valenter Prozess. Auf der einen Seite hat sich das Land seit den Wirtschaftsreformen 1991 zu einem Wachs­tumsmotor der Weltwirtschaft entwickelt. Aufgrund ihrer Größe ist die Indische Union ein Schlüsselakteur in globalen Handels- und Klimaverhandlungen. Auf der anderen Seite rangiert das Land trotz eines teil­weise beeindruckenden Wirtschaftswachstums und einer wachsenden Mittelschicht weiterhin nur auf den hinteren Plätzen des Human Development Index (HDI). Die Defizite bei der Bereitstellung öffentlicher Güter wurden im Frühsommer 2021 offenkundig, als das Gesundheitssystem bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie de facto kollabierte, mit drama­tischen humanitären Folgen.

Der Aufstieg Indiens liegt auch im deutschen und europäischen Interesse. Die größte Demokratie gilt in Berlin und Brüssel als Wertepartner und Mitstreiter für eine regelbasierte internationale Ordnung sowie als zukunftsträchtiger Markt. Die strategischen Part­nerschaften der Europäischen Union (EU) und Deutsch­lands unterstreichen die gestiegene Bedeutung Indiens ebenso wie die Indo-Pazifik-Leitlinien der Bundesregierung von 2020 oder die im Mai 2021 zwischen Indien und der EU vereinbarte Konnektivitätspartnerschaft.

Allerdings werfen die Entwicklungen in Indien die Frage auf, wie tragfähig der Aufstieg ist. In der Rück­schau haben im 19. und 20. Jahrhundert vor allem wirtschaftlich, politisch und militärisch leistungs­fähige Staaten international reüssiert. Indiens Auf­stieg scheint hingegen eher auf tönernem denn soli­dem Fundament zu stehen. Dass Indien auf inter­nationaler Bühne einen Großmachtdiskurs führt, ist angesichts seiner internationalen Ansprüche ver­ständlich. Allerdings können die damit entstehenden Erwartungen bei den Partner nicht immer erfüllt werden, verfügt Indien de facto doch nur über die Ressourcen und Kapazitäten einer Mittelmacht. Die künftige Zusammenarbeit mit Indien sollte deshalb im Sinne des Erwartungsmanagements realistische Ziele verfolgen. Indien bleibt für Deutschland und Europa ein zentraler Partner im Indo-Pazifik und dar­über hinaus. Beide Seiten verzeichnen eine wachsende Konvergenz ihrer strategischen Interessen, sowohl im Umgang mit China als auch mit Blick auf die Sta­bilität im Indo-Pazifik und die Stärkung multilateraler Institutionen. Zugleich zählen Deutschland und Europa aufgrund ihrer wirtschaftlichen und technologischen Stärke zu den wichtigsten Partnern Indiens.

Eine Reihe innenpolitischer Entwicklungen in Indien wird die Beziehungen mit Deutschland und Europa allerdings in Zukunft vermutlich eher er­schweren als vereinfachen. Erstens wird die neue indische Wirtschaftspolitik der Eigenständigkeit das Umfeld für deutsche und europäische Firmen be­einträchtigen. Zweitens wird immer deutlicher, dass die Regierung von Narendra Modi einer eigenen, indischen Interpretation von Demokratie folgt, die sich vom westlichen Verständnis entfernt. Damit verliert aber der lieb gewonnene Diskurs über die Wertepartnerschaft, die als Grundlage für die außen­politische Zusammenarbeit zwischen Indien und dem Westen beschworen wird, zunehmend an Glaub­würdigkeit. So entsteht die ambivalente Konstella­tion, dass die wachsenden geostrategischen Konver­genzen von zunehmenden Differenzen in bilateralen Fragen begleitet werden. Vor diesem Hintergrund sollten künftig eher die gemeinsamen Interessen und weniger die Werte das Fundament deutscher und europäischer Politik gegenüber Indien bilden.

Einleitung

Es gibt nur wenige Länder, die seit ihrer Gründung so durchgängig eine international gewichtige Rolle für sich beansprucht haben wie die Indische Union. Schon vor der offiziellen Unabhängigkeit im August 1947 erklärte der spätere Pre­mier­minister Jawaharlal Nehru, die künftige internationale Ordnung werde von vier Staaten geprägt werden: den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, China und Indien.1 Die Frage nach Status, Rolle, Position und damit ver­bunden dem Aufstieg Indiens ist seitdem ein wieder­kehrendes Thema in der außenpolitischen Diskus­sion. So sieht auch der derzeitige Premierminister Narendra Modi sein Land als »führende Macht« (leading power) und als »Guru der Welt« (Vishwa Guru).2 Außenminister Jaishankar betonte wiederholt, dass Indien als Pol in einem künftigen multipolaren Asien zu betrachten sei.3 Im Januar 2021 erklärte Modi beim Weltwirtschaftsforum in Davos selbstbewusst, Indiens Erfolg bei der Pandemiebekämpfung habe die Menschheit vor dem Corona-Virus gerettet.4

Nach fast 75 Jahren Indischer Union fällt eine Zwischenbilanz mit Blick auf deren internationale Ambitionen ambivalent aus. In den 1950er Jahren stand die Volksrepublik China noch ganz im Schatten Indiens, das als Vorbild für die neuen dekolonisierten Staaten galt. Ende der 1980er Jahre bewegten sich Indien und China bei wirtschaftlichen Kennzahlen noch auf einem ähnlichen Niveau. Die aktuellen Diskussionen über den Aufstieg Asiens oder das kom­mende »asiatische Zeitalter« aber sind im Wesent­lichen von den wirtschaftlichen Erfolgen Chinas, nicht denen Indiens geprägt.

Indiens Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa intensiviert sich.

Chinas neue machtpolitische Ambitionen, wie sie unter anderem in der Seidenstraße-Initiative (Belt and Road Initiative, BRI) zum Ausdruck kommen, sorgen in Washington, Tokio, Brüssel und Berlin für eine stra­tegische Aufwertung Neu-Delhis. In den geopoli­tischen Überlegungen der USA gilt Indien seit langem als Gegengewicht zu China. Dies hat zu einem Aus­bau der po­litischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zwischen Washington und Neu-Delhi geführt. Auch die EU unterstrich 2018 mit ihrer Indienstrategie, 2020 mit der »Roadmap 2025« und 2021 mit der Konnektivitätspartnerschaft den geo­politischen Bedeutungszuwachs. Die wirtschaft­lichen und politischen Beziehungen zwischen Berlin und Neu-Delhi wurden in den letzten Jahren eben­falls intensiviert: nicht nur durch die im Jahr 2000 erreichte strategische Partnerschaft, sondern auch durch die seitdem regelmäßig stattfindenden Regie­rungskonsultationen. In den Leitlinien zum Indo-Pazifik vom September 2020 wurde die Zusammen­arbeit mit Indien zu den zentralen Säulen des künf­tigen deut­schen Engagements in der Region gezählt.

Die Indische Union hat, ohne Frage, vor allem seit der wirtschaftlichen Liberalisierung 1991 in vielen Bereichen internationale Anerkennung erfahren. Aller­dings zeigt ein genauerer Blick, dass es weiterhin eine Kluft zwischen der politischen Rhetorik und den tatsächlichen Kapazitäten gibt. Einerseits ist Indien Atommacht und verzeichnete stellenweise höhere Wachstumsraten als China, andererseits kommt das Land seit Jahren im Human Development Index über die unteren Plätze nicht hinaus. Der Aufstieg steht somit eher auf einem tönernen Fundament und dürfte durch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie zusätzlich gebremst werden.

Ausgehend von dieser Konstellation wird hier eine Bestandsaufnahme jener Bereiche in Indien unternommen, die als entscheidend für den Aufstieg von Staaten gelten: Politik, Wirtschaft und Sicherheit. Betrachtet werden die internationale, die regionale und die nationale Ebene. Diese Matrix erlaubt ein differenzierteres Bild der Stärken und Schwächen, Erfolge und Rückschläge, mit denen Indien im Pro­zess des Aufstiegs konfrontiert ist.

Die Studie kommt zu folgenden Schlussfolgerungen: Indiens Aufstieg zeigt sich am deutlichsten auf internationaler Ebene. Das Land hat sein Gewicht in internationalen Institutionen vergrößert und seine Beziehungen zu anderen Großmächten verbessert. Die Priorität indischer Außenpolitik war, ist und bleibt aber Eigenständigkeit. Daher wird sich Indien in der sich abzeichnenden Systemrivalität zwischen den USA bzw. dem Westen und China keinem Lager zurechnen lassen. In Menschenrechts- und Souverä­nitätsfragen steht Indien, ungeachtet der vielbeschworenen demokratischen Werte, die es mit dem Westen teile, nicht automatisch auf dessen Seite.

Auf regionaler Ebene muss zwischen der unmittel­baren Nachbarschaft in Südasien und der erweiterten Nachbarschaft unterschieden werden, die heute als Indo-Pazifik bezeichnet wird. In Südasien gilt Indien zwar traditionell als Vor- oder Regionalmacht, hat aber infolge des wachsenden Einflusses Chinas in den letzten Jahren deutlich an Einfluss verloren. Im Indo-Pazifik ist Indien durch sein Engagement in der Quad-Gruppe (Quadrilateral Security Dialogue, Quad) mit Australien, den USA und Japan zwar ein wichtiger, aber bei weitem nicht der wichtigste Akteur. Da In­dien bis Ende 2020 keinem der neuen regionalen Frei­handelsabkommen in Asien beigetreten ist, verliert es an wirtschaftlicher Bedeutung in der Region.

Auf nationaler Ebene hat die Regierung von Narendra Modi seit ihrem Amtsantritt 2014 die Erwar­tungen, die westliche Staaten an Indiens künftige wirtschaftliche und politische Entwicklung knüpften, nur teilweise erfüllt. Indiens Wirtschaft befand sich bereits vor der Corona-Pandemie im Abschwung. Selbst wenn das Wachstum nach der Corona-Krise wieder deutlich zulegen sollte, bleibt die große Frage, wie Indien mit der neuen Wirtschaftspolitik der Eigen­ständigkeit jene wirtschaftlich starke Stellung erreichen kann, die es für seine außenpolitischen Ambitionen benötigt. Für deutsche und europäische Firmen ist der indische Markt aufgrund seiner Größe und seines Wachstumspotenzials nach wie vor von Interesse. Allerdings dürfte seine Attraktivität für mit­telständische Unternehmen aus dem Ausland abneh­men, wenn im Rahmen der neuen Wirtschaftspolitik immer mehr bürokratische Auflagen gemacht werden.

Die autoritären Tendenzen, die seit der Regierungs­übernahme der Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) von Premierminister Modi 2014 zu beobachten sind, mögen für die Frage des Aufstiegs von untergeordneter Bedeutung sein. Doch sind sie für die Beziehungen zu Deutschland und Europa zentral, denn die gemeinsamen demokratischen Werte werden in nahezu allen offiziellen Dokumenten als Grundlage der Zusammenarbeit genannt. Die Einschränkung demokratischer Freiheiten, zum Bei­spiel im Presse- und Medienbereich, stieß auch in Washington, Brüssel und Berlin auf Kritik. Solche Entwicklungen sind auch außenpolitisch von Belang, wenn etwa die Zusammenarbeit der demokratischen Staaten im Indo-Pazifik vorangetrieben werden soll oder Handelsverträge mit der EU vereinbart werden, die der Zustimmung des Europäischen Parlaments bedürfen.

Indiens Aufstieg: Konzepte und Kriterien

Die Diskussion über Indiens internationale Rolle und Status hat eine lange Tradition.5 Sie intensivierte sich im Rahmen der Debatten über aufstrebende Mächte, die seit den 2000er Jahren als künftige Ordnungs- oder Gestaltungsmächte im internationalen System gesehen wurden.6 Die Argumentation lautete ver­einfacht, dass die wachsende wirtschaftliche Stärke dieser Staaten ihnen auch zunehmend politischen Einfluss bescheren würde. Die damit entstehenden Vorstellungen internationaler politischer Ordnung wurden als Alternative zum westlich geprägten Staa­tensystem verstanden. Die BRICS-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) galt als Vorbotin einer solchen neuen, nichtwestlichen internationalen Ordnung. Die hochgesteckten Erwartungen haben sich aber kaum erfüllt. Stattdessen schmälerten wirt­schaftliche Krisen und Spannungen zwischen den BRICS-Staaten die Bedeutung der Gruppierung.7

Der Aufstieg eines Landes ist ein langer und komplexer Prozess.

Die Debatte zeigte, dass der Aufstieg eines Landes bzw. dessen internationaler Bedeutungszuwachs ein langer und komplexer Prozess ist, der von den ideel­len und materiellen Ressourcen des Landes selbst, den Machtkonstellationen im internationalen System und von der Anerkennung seines Anspruchs durch andere Staaten abhängt. Die verschiedenen Theorieschulen ziehen unterschiedliche Kriterien zur Bemessung des Aufstiegs heran. In (neo-)realistischen Ansätzen werden klassische Machtindikatoren wie militärische Stärke oder Einfluss auf das regionale Umfeld betont. Bei institutionalistischen Ansätzen liegt das Augenmerk darauf, inwieweit Staaten die Regeln und Nor­men internationaler Organisationen und Regime selbst setzen bzw. entscheidend beein­flussen können, um ihre Interessen zu verfolgen. Die wirtschaftliche Entwicklung gilt in allen Ansätzen als zentraler Indi­kator, ob sie nun zur Fundierung mili­tärischer Stärke oder dazu genutzt wird, durch die eigene Marktmacht außenpolitische Interessen zu verfolgen.8

Ein Problem in der Diskussion über den Aufstieg von Staaten besteht darin, dass sich Erfolg bzw. Schei­tern in der historischen Rückschau vergleichsweise leicht identifizieren lässt, etwa durch militärische Siege oder Niederlagen. Deutlich schwieriger ist je­doch ein Fall wie Indien. Die politischen Entscheidungsträger haben ihre Ambitionen auf eine Aus­weitung der internationalen Rolle ihres Landes zwar seit 1947 immer wieder formuliert, doch bleibt in der theoretischen Diskussion oft unklar, wann dieses Ziel, mithin der Aufstieg, erreicht ist. Am häufigsten wird dies anhand militärischer und wirtschaftlicher Kenn­zahlen ermittelt, doch deren Aussagekraft ist be­grenzt. Zudem wirkten sich nicht alle innenpolitischen Refor­men und außenpolitischen Strategien für Indien er­folg­reich aus bzw. erbrachten die gewünschte inter­nationale Anerkennung. So stellte das Land zwar mit dem ersten Nukleartest 1974 seine technologischen Fähigkeiten unter Beweis, die vermutlich erhoffte Anerkennung oder Aufwertung auf der inter­natio­nalen Bühne blieb dennoch aus. Die Erreichung des von Premierminister Modi propagierten Ziels einer »Fünf-Billionen-Volkswirtschaft« 2024/25 würde Indien nach den USA und China, gemessen am Brut­to­inlandsprodukt (BIP), zwar zur drittgrößten Volks­wirtschaft machen,9 das Pro-Kopf-Einkommen läge im internationalen Vergleich aber weiterhin am unteren Ende der Skala. Ein Kriterium kann auch sein, dass das Narrativ des Aufstiegs nicht mehr infrage gestellt wird, unabhängig zum Beispiel von wirtschaftlichen Kennzahlen. Aufstieg wird im Folgenden als Prozess verstanden, in dem Staaten politische, wirtschaftliche und/oder militärische Kapazitäten entwickeln, mit denen sie ihre Macht- und Statusambitionen im inter­nationalen System durchsetzen können.

Politik, Wirtschaft und Sicherheit liefern Indikatoren für Indiens Erfolge und Rückschläge.

Für die Bereiche Politik, Wirtschaft und Sicherheit lässt sich daraus eine Reihe von Indikatoren ableiten, mit denen Indiens Erfolge und Rückschläge im Pro­zess des Aufstiegs auf internationaler, regionaler und nationaler Ebene analysiert werden können. Im Be­reich Politik ist auf internationaler Ebene zu unter­suchen, ob und inwieweit Indien seinen Einfluss in internationalen Institutionen, zum Beispiel im Sicher­heitsrat (SR) der Vereinten Nationen (VN), ausbauen konnte und wie sich die Beziehungen zu anderen Großmächten entwickelten. Auf regionaler Ebene stellt sich die Frage, inwieweit Indien eigene poli­tische Ordnungsvorstellungen gegenüber den Nach­barn durchsetzen konnte, um seine Gestaltungsambitionen zu unterstreichen. Auf nationaler Ebene geht es um die Leistungsfähigkeit des indischen Staates, beispielsweise seine administrativen Fähigkeiten, sowie um die demokratische Entwicklung, die vor allem im Verhältnis zu den westlichen Staaten von beiden Seiten als Grundlage der Zusammenarbeit beschworen wird.

Im Bereich Wirtschaft stehen auf globaler Ebene Indiens Einbindung in die Weltwirtschaft im Vor­der­grund sowie das Gewicht, das dem Land in internatio­nalen Finanzinstitutionen eingeräumt wird. Auf regio­naler Ebene wird der Grad an wirtschaftlicher Verflechtung mit den Nachbarstaaten untersucht. Auf nationaler Ebene liegt der Fokus auf den Modernisierung- und Entwicklungserfolgen.

Im Bereich Sicherheit werden mit Blick auf die inter­nationale Ebene in erster Linie Indiens Atom­programm und das Verhältnis zum Nichtverbreitungs­vertrag (NVV) beleuchtet. Auf regionaler Ebene geht es um Indiens Rolle als militärische Ordnungsmacht bzw. seine militärische Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten, auf nationaler Ebene um die Kapa­zitäten der indischen Streitkräfte und die Her­ausforderungen, vor denen sie stehen.

Politik

Die internationale Ebene

Institutionen: Vereinte Nationen, Blockfreien-Bewegung, BRICS

Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist eine grund­sätzliche Neuorientierung der indischen Außenpolitik zu beobachten. Noch Anfang der 1990er Jahre galt Indien als »Verlierer« der veränderten internationalen Konstellationen.10 Seitdem haben indische Regierungen ihre Strategien und Instrumente angepasst und damit erreicht, dass ihre Rolle in internationalen Organisationen heute bedeutender ist als vor 1991.

Die Indische Union zählte 1945, obwohl zur damaligen Zeit noch Kolonialgebiet, zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen. Indien genoss nach der Unabhängigkeit 1947 ein hohes internationales Ansehen, nicht zuletzt aufgrund der persön­lichen Reputation des ersten Premierministers, Jawa­harlal Nehru. In den 1950er Jahren hätte Indien zwei Mal ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der VN wer­den können. Nehru lehnte diese Vorschläge jedoch ab – unter anderem mit dem Hinweis, dass China ebenfalls eine größere internationale Anerkennung erfahren müsse.11

Seit 1994 erhebt die indische Seite von sich aus die Forderung nach einem ständigen Sitz im SR, so unter anderem Premierminister Modi 2015.12 Indien kri­tisiert, dass das Gremium den veränderten inter­nationalen Konstellationen nicht mehr gerecht werde, und untermauert seine Forderung mit Verweis auf die eigene wirtschaftliche und demographische Bedeutung sowie sein Engagement bei Blauhelm­einsätzen.13 Zusammen mit Deutschland, Japan und Brasilien initiierte Indien die Gruppe der Vier (G4), um eine Reform der VN und des SR zu erreichen, bis­lang allerdings erfolglos.

Dass Indien innerhalb der VN an Statur gewonnen hat, zeigt sich daran, dass das Land bislang acht Mal als nichtständiges Mitglied in den SR gewählt wurde. Bei der Wahl für die Amtsperiode 2021/22 errang Indien in der Generalsversammlung 184 von 192 Stimmen, fand also breite Unterstützung.14 Neben der VN-Reform legt Indien hier den Schwerpunkt auf eine umfassende Konvention gegen den internatio­nalen Terrorismus (Comprehensive Convention on International Terrorism, CCIT) sowie auf die Reform der Blauhelmeinsätze.15

Eines der wichtigsten internationalen Foren für Indien war lange Zeit die Bewegung der Blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM). Bei der Grün­dung 1962 zählte Nehru zu den maßgeblichen Archi­tekten; die Idee eines Zusammenschlusses der Block­freien kam Indiens Wunsch entgegen, auf internationalem Parkett eine Hauptrolle zu spielen. Seit den 1990er Jahren ist die Bewegung auf der außenpoliti­schen Prioritätenliste Indiens nach unten gerückt. So hat Premierminister Modi wiederholt seine Teilnahme an den Gipfeltreffen der Organisation abgesagt.16

Konnte lange Zeit die Idee der Blockfreiheit auch als Chiffre für Indiens außenpolitische Eigenständigkeit gelesen werden, verfolgt Neu-Delhi mittlerweile das Konzept des »Multi-Alignment«, das ebenfalls auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit abzielt.17 Denn im indischen Verständnis ist eine Großmacht oder ein »Pol« im Staatensystem ein eigenständiger und unab­hängiger Akteur. Dies erklärt die Aversion indischer Entscheidungsträger gegenüber Begriffen wie Allianz. Deshalb tut sich Indien auch schwer, sich in der auf­kommenden Systemrivalität zwischen China und den USA eindeutig zu positionieren. So gilt der Grenz­konflikt mit China in Neu-Delhi offiziell als bilaterales Problem. Peking hingegen sieht den Konflikt im Kontext seiner Rivalität mit den USA, weil es Indien wegen dessen Zughörigkeit zur Quad als Verbündeten Washingtons betrachtet. Obwohl Indien massive mili­tärische Unterstützung durch die USA erhält, möchte es nicht als deren »Juniorpartner« gesehen werden, was indirekt ein Eingeständnis der eigenen Schwäche wäre.

BRICS lösen seit den 2000er Jahren die Blockfreien als außenpolitisches Instrument ab.

Anstelle der Blockfreien-Bewegung haben seit den 2000er Jahren neue Formen der tri-, mini- und multi­lateralen Zusammenarbeit für Indien an Bedeutung gewonnen. Am wichtigsten ist die BRICS-Gruppe, die ursprünglich auf eine Idee der amerikanischen Invest­mentgesellschaft Goldman Sachs zurückgeht. Die Grundannahme war, dass die fünf Schwellenländer mit ihrem wirtschaftlichen Potenzial langfristig die Industrieländer überholen und damit zu Stützen der Weltwirtschaft werden würden. Die genannten Staa­ten griffen diese Idee 2001 auf, verstanden sich aber auch als politisches Gegengewicht gegen die Dominanz der (westlichen) Industriestaaten, die in vielen internationalen Institutionen herrscht. 2009 kam es zum ersten Gipfeltreffen der neuen Gruppierung.

BRICS war für Indien in verschiedener Hinsicht attraktiv. Erstens unterstrich die Mitgliedschaft die wirtschaftlichen Erfolge, die das Land seit der Libera­lisierung 1991 erzielt hatte. Zweitens ermöglichte das Format eine neue globale Präsenz, die Indiens inter­nationalen Ambitionen entsprach. Drittens versprach BRICS durch die übersichtliche Mitgliederzahl im Unterschied zur Bewegung der Blockfreien größere Handlungsmöglichkeiten. Doch trotz Gipfeltreffen und anderen Aktivitäten der Staatengruppe haben sich die Hoffnungen auf politische Wirksamkeit nicht erfüllt. In der Gruppierung gibt es große wirtschaft­liche Unterschiede (siehe Tabelle 1, S. 14f), die auf internationalem Parkett zu unterschiedlichen Inter­essenlagen führen. So streben zum Beispiel Indien und Brasilien im Rahmen der G4 eine Erweiterung des Sicherheitsrates an, was zumindest China mit Blick auf Indien kaum unterstützen dürfte. Als im Sommer 2020 die Spannungen zwischen Indien und China zunahmen, wurden in Indien auch Forderungen laut, das Land solle die BRICS-Gruppe verlassen.18

Eine weitere, noch weniger erfolgreiche Gruppierung war das Indien-Brasilien-Südafrika-Dialogforum (IBSA), dessen erstes Gipfeltreffen 2006 stattfand. Neben ihren regionalen und internationalen Füh­rung­sambitionen betonten die drei Staaten ihr ge­mein­sames Bekenntnis zu Demokratie und Menschen­rechten. Allerdings entwickelte sich daraus keine gemeinsame außenpolitische Agenda, die etwa in Form von Demokratieförderung nachhaltig Spuren im internationalen System hinterlassen hätte.

Weitaus erfolgreicher war hingegen die 2015 von Indien und Frankreich initiierte International Solar Alliance (ISA) und die 2019 auf Indiens Initiative gegründete Coalition for Disaster Resilient Infrastruc­ture (CDRI). Neu-Delhi bewies hier seine Fähigkeit, im Zusammenspiel mit anderen Akteuren neue inter­natio­nale Ordnungsstrukturen zu etablieren. Eben­falls in diese Richtung geht die mit Australien und Japan im April 2021 vereinbarte Initiative zur Stär­kung von Lieferketten, mit denen die drei Staaten ihre Abhängigkeit von China verringern wollen.19

Ein weiterer Erfolg für Indien war die – wenn auch anfangs nicht intendierte – politische Aufwertung der Gruppe der Zwanzig (G20). Die Gruppierung war als Reaktion auf die Finanzkrise in Asien in den 1990er Jahren entstanden. Sie umfasst die zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, darunter Indien. Während der Finanzkrise 2008/09 entwickelte sich die Gruppe zu einem Forum der Staats- und Regierungschefs, die sich seitdem regelmäßig treffen. Indien sollte 2022 erstmals den G20-Gipfel abhalten, doch wurde der Termin mittlerweile auf 2023 ver­scho­ben. Ein G20-Gipfel unter indischer Leitung ist eine große Chance, die internationalen Ambitionen Neu-Delhis zur Geltung zu bringen. Dazu bedarf es allerdings einer Agenda, und über die bestand in Regierungskreisen bis Ende 2020 noch nicht allzu viel Einvernehmen.20

Indiens Engagement in den verschiedenen inter­nationalen Institutionen und Gruppierungen verhalf dem Land zu internationaler Aufwertung; neue Be­griff­lichkeiten wie »Emerging Powers«, »Leaders of the Global South«, »Gestaltungsmächte«, »Führungsmächte« et cetera verschafften dem Land ebenfalls Auf­merk­samkeit und Präsenz.21 Die innovativen Formate erlaubten es Indien zudem, sich traditioneller For­mate wie der Blockfreien-Bewegung zu ent­ledigen, ohne die damit verbundenen Führungs­ansprüche aufzugeben.

Indiens bilaterale Beziehungen zu anderen Großmächten haben sich seit den 1990er Jahren teilweise ebenfalls deutlich verbessert. Am markantesten ist dies im Verhältnis zu den USA, Japan, Deutschland und der EU zu beobachten, bis zum Sommer 2020 auch gegenüber China. Obwohl im Rahmen dieser Studie keine Analyse der bilateralen Beziehungen erfolgen kann, lässt sich Indiens Bedeutungszuwachs in den außenpolitischen Erwägungen anderer Staaten anhand der Zunahme von strategischen Partner­schaftsabkommen aufzeigen. Besonders relevant sind diese im Hinblick auf die fünf Vetomächte im SR sowie im Kontext der G20 (siehe Tabelle 1, S. 14f). Diese Abkommen sind ein guter Indikator für das Interesse einflussreicher Staaten an einer engeren Zusammenarbeit mit Indien, auch wenn diese in der Umsetzung vielleicht hinter den Erwartungen zurück­blieb. Sein erstes strategisches Partnerschaftsabkommen unterzeichnete Indien 1998, damals mit Frank­reich, bis 2017 folgten 30 weitere. Allerdings schloss es auch Abkommen mit Staaten wie Ruanda, wo Indien zum Zeitpunkt der Unterzeichnung noch nicht einmal eine Botschaft hatte.22 Die Abkommen schu­fen aber in der Regel die Grundlage für den Ausbau der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Beziehungen, wie sich bei den Beziehungen mit den Großmächten zeigte.23 Allerdings kann die vermut­lich gewollte Unschärfe im Hinblick darauf, welche gemeinsamen Interessen »strategische Partner« nun auszeichnen, immer wieder zu Irritationen führen.24

Im Rahmen der Partnerschaftsabkommen hat eine Reihe von Staaten mittlerweile auch exklusive bilate­rale Formate mit Indien entwickelt, etwa die »Zwei plus Zwei«-Gespräche auf Ebene der Außen- und Ver­teidigungsminister, die Indien sowohl mit den USA also auch mit Japan pflegt. Deutschland führt alle zwei Jahre Regierungskonsultationen auf Kabinetts­ebene mit Indien durch und trägt damit der gewachsenen Bedeutung des Landes Rechnung.

Tabelle 1 Indien im Vergleich mit den G20-Staaten

Tabelle 1 (Forts.) Indien im Vergleich mit den G20-Staaten

aDaten für 2018.

Instrumente: Indiens neue Soft Power

Indische Regierungen haben seit den 1990er Jahren auch die außenpolitische Soft Power ihres Landes systematisch ausgebaut. Die einheimische Debatte konzentriert sich dabei auf jene Aspekte, die dem internationalen Image und der Attraktivität für ausländische Investoren dienlich sind. Ein Vorbild war dabei die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN), die Südostasien zu einem Schwerpunkt der Globalisierung und internationaler Wertschöpfungsketten entwickelte. Seit den 2000er Jahren versuchen indische Regierungen, das Bild ihres Landes, das in ihren Augen weiterhin zu stark von Armut und Un­ter­entwicklung und zu wenig von den wirtschaft­lichen Erfolgen geprägt war, unter anderem durch Kampagnen wie »Shining India« oder »Incredible India« aufzuhellen. Angesichts der in vielen Entwicklungsindizes noch immer schlechten Einstufung Indiens (siehe Tabelle 1, S. 14f) hat die Regierung im August 2020 eine neue Image-Kampagne angekündigt.25 Das Versagen des Landes bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, das im Frühjahr 2021 vor den Augen der Weltöffentlichkeit offen zutage trat, dürfte allerdings einen nachhaltigen Imageschaden zur Folge haben.

Die Förderung von Investitionen war auch eine Trieb­feder für die Unterstützung der indischen Dia­spora seit den 1990er Jahren. Mit circa 17,5 Millionen Menschen gilt diese Gruppe als die größte im welt­weiten Vergleich.26 Die Erfahrung Chinas, dessen Diaspora mit ihren Rücküberweisungen zum wirt­schaftlichen Aufschwung des Landes beigetragen hatte, nahm Indien sich seit den 1990er Jahren zum Vorbild. Im Zentrum der Bemühungen standen die gut ausgebildeten und wohlhabenden Diaspora­gruppen in den westlichen Industriestaaten. In den USA etwa hat die indische Diaspora, die dort zu den am besten situierten Minderheiten zählt, maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die politischen und wirt­schaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten seit den 1990er Jahren deutlich verbesserten. Premier­minister Modi setzt diese Politik fort: Bei seinem ersten Staatsbesuch in den USA im September 2014 wandte er sich im Madison Square Garden in New York mit einer Rede eigens an Angehörige der indi­schen Diaspora. Seitdem sucht Modi bei allen Staats­besuchen den Kontakt zur indischen Diaspora in den Gastländern.

Religiöse Aspekte gewinnen in Indiens Außenpolitik an Bedeutung.

Angesichts der hindu-nationalistischen Agenda der BJP erstaunt es nicht, dass religiöse Aspekte seit Modis Amtsantritt als Teil der außenpolitischen Soft Power an Bedeutung gewonnen haben.27 So nutzte er von Beginn an Staatsbesuche, um religiöse Stätten von Hin­dus, Buddhisten, Sikhs, aber auch Muslimen zu besuchen. Außerdem nahm er an verschiedenen inter-religiösen Dialogen teil. Der größte Erfolg ist die Einführung des internationalen Yoga-Tages, der seit 2015 immer am 21. Juni gefeiert wird. Modi betont in seinen Reden oft Indiens Rolle als Vishwa Guru, als »Lehrer der Welt«,28 und unterstreicht, wie bereits andere Premierminister vor ihm, das Sanskrit-Kon­zept des Vasudhaiva Kutumbakam, dem zufolge die Welt eine Familie ist. Mit solchen Bemühungen sucht die indischen Regierung Diasporagruppen einzubinden, die Außenwahrnehmung Indiens zu verbessern und Touristen anzusprechen. Die religiösen Aspekte sind eingebettet in den außenpolitischen Diskurs über die indische Zivilisation, mit dem Indien seinen Anspruch auf Gleichrangigkeit beispielsweise mit China unterstreicht – auch wenn das Land aufgrund von Armut, Ungleichheit, Benachteiligung von Frau­en und Minderheiten sowie der Umweltverschmut­zung im Soft Power 30-Index 2019 noch nicht vertreten ist (siehe unten, Tabelle 2, S. 39).29

In den Beziehungen mit westlichen Industrie­staaten werden immer wieder die demokratischen Werte betont, die Indien zum Beispiel mit Deutschland, der Europäischen Union oder mit den USA teile. Allerdings haben es indische Regierungen stets ab­gelehnt, eine aktive Politik der Demokratieförderung zu verfolgen, wie sie unter anderem die USA und europäische Staaten praktizieren.30 Indien betont international aber das Prinzip der nationalen Souve­ränität und der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Es wäre somit – auch gegenüber den Staaten des Globalen Südens, als deren Fürsprecher es sich versteht – schwierig, eine aktive Politik der Demo­kratieförderung zu propagieren.

Indische Autoren betonen deshalb zwar gerne den Vorbildcharakter ihrer Demokratie, aber stets mit der Einschränkung, diese müsse nicht zwangsläufig auf andere Länder übertragen werden: »Für Indien ist das beste Programm der Demokratieförderung der eigene Erfolg.«31 Nichtsdestoweniger beteiligte sich Indien vor allem auf Drängen der USA an internationalen Programmen wie den im Jahr 2000 gegründeten Com­munity of Democracies (CoD).32 Zudem richtete die Wahlkommission 2011 das India International Insti­tute of Democracy and Election Management (IIIDEM) ein, das Länder des Globalen Südens bei der Durchführung von Wahlen mit Ausbildungs- und Trainings­maßnahmen unterstützt.

In der Gesamtschau zeigt sich, dass Indien seine politische Rolle auf internationaler Ebene deutlich ausgeweitet hat. Selbst wenn es nicht nur Erfolge gab, so hat Indien doch die neuen Möglichkeiten wie BRICS oder G20 genutzt und seine Instrumente mit einem Fokus auf die Mittel der Soft Power deutlich diversifiziert. Der damit verbundene Aufstieg des Landes zeigt sich an der wachsenden Zahl der stra­tegischen Partnerschaftsabkommen, mit denen die beteiligten Staaten auch ihr Interesse daran zum Aus­druck bringen, dass Indien auf internationaler Bühne eine wichtigere Rolle einnimmt. Diese Erfolge haben sich in der Außenwahrnehmung des Landes nieder­geschlagen. In einer Pew-Umfrage wurde 2019 Indiens Bedeutungszuwachs im Vergleich zu 2009 vor allem in den USA, Großbritannien, Frankreich, Japan und Australien betont. Ähnliche Trends ließen sich unter anderem in Kanada und Deutschland beobachten.33

Die regionale Ebene

Eine der Grundannahmen in der Diskussion über den Status und Aufstieg von Staaten lautet, dass diese in der Lage sind, ihr regionales Umfeld zu beeinflus­sen.34 Aufgrund seiner demographischen, wirtschaft­lichen und militärischen Größe und Stärke erscheint Indien in Südasien als »natürlicher Hegemon«.35 Die Verträge mit Bhutan, Nepal und Sikkim sowie eine Reihe von politischen und militärischen Interventionen, etwa in den 1950er Jahren in Nepal, 1971 im Bürgerkrieg in Ostpakistan oder in den 1980er Jahren in Sri Lanka und auf den Malediven, unterstrichen Indiens Anspruch, als regionale Ordnungsmacht zu fungieren. Allerdings war Neu-Delhi nur selten in der Lage, seine politischen Vorstellungen dauerhaft gegenüber den Nachbarn durchzusetzen. Diese ver­suchten durchgehend, wenn auch mit unterschied­lichem Erfolg, ihre Position gegenüber Indien durch die Einbeziehung anderer Großmächte, seien es die USA oder China, zu verbessern.

Vor dem Hintergrund des politischen und militä­rischen Fiaskos der Intervention in Sri Lanka, die 1991 endete, und der neuen wirtschaftspolitischen Ausrichtung im gleichen Jahr erfolgte in den 1990er Jahren eine grundlegende Neuorientierung der indi­schen Südasienpolitik. Premierminister Gujral er­klärte 1996, Indien werde in der Region künftig dem Prinzip der Nicht-Reziprozität folgen, werde also bei Konflikten gegenüber den kleineren Nachbar­staaten größere Zugeständnisse machen. Die Kon­gress­regierung unter Premierminister Manmohan Singh (2004–2014) unternahm eine Reihe von Initia­tiven zur wirtschaftlichen Konnektivität in der Region. Von besonderer Bedeutung war der Verbunddialog mit Pakistan, der in den angespannten Bezie­hun­gen zwischen 2004 und 2008 zu grundlegenden Verbesserungen führte, ehe der Prozess im November 2008 durch den Anschlag in Mumbai jäh beendet wurde.

Innenpolitische Konflikte in den Nachbarstaaten blieben für Indien eine Herausforderung. Das von Norwegen 2002 ausgehandelte Waffenstillstands­abkommen für Sri Lanka begrüßte Indien ebenso wie das Engagement der internationalen Gemeinschaft für den Wiederaufbau des Landes. Nach dem Zusam­menbruch des Abkommens unterstützte Neu-Delhi das militärische Vorgehen gegen die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die im Mai 2009 zerschlagen wurden. Im 1996 ausgebrochenen Bürgerkrieg in Nepal vermittelte Indien 2006 ein Abkommen zwi­schen den Konfliktparteien, das den Weg zur Ab­schaf­fung der Monarchie und zu den Wahlen 2008 ebnete. Premierminister Modi unterstrich später die Bedeutung der Region mit seiner »Neighbourhood First«-Politik.

Indiens Einfluss in Südasien geht zugunsten Chinas zurück.

Dennoch ist seit 2014/15 zu beobachten, dass Indien in Südasien tendenziell an Einfluss verliert. Der wichtigste Faktor ist das gestiegene Engagement Chinas in der Region im Rahmen seiner Belt and Road Initiative (BRI). Bereits zuvor hatten die Nach­bar­staaten im Falle eines Konflikts mit Indien immer wieder die Zusammenarbeit mit China oder anderen Großmächten gesucht. Die umfangreichen BRI-Inves­titionen Chinas haben auch dessen politischen Ein­fluss in Südasien deutlich vergrößert – der allerdings von den jeweiligen innenpolitischen Konstellationen abhängig ist. Im Falle eines Regierungswechsels, wie in Sri Lanka 2015 oder 2018/19 auf den Malediven, musste auch China die Erfahrung machen, dass sein Einfluss zugunsten Indiens wieder geringer werden konnte.

Da China aber im Vergleich zu Indien über deutlich größere machtpolitische und finanzielle Res­sour­cen verfügt, dürfte die Diskussion darüber, ob und inwieweit Indien in Südasien die regionale Vormacht­stellung einnimmt, auf absehbare Zeit beendet sein. Stattdessen werden künftig Indien und China um Macht und Einfluss in der Region – und darüber hin­aus – ringen. In Reaktion darauf hat Indien in den letzten Jahren zunehmend die Zusammenarbeit mit befreundeten Staaten wie den USA und Japan bei Projekten etwa in Afghanistan und Sri Lanka gesucht. Dies markiert eine deutliche Abkehr von der Indira-Doktrin der 1980er Jahre, als Indien sich gegen Ein­mischung von außen in »seine« Region verwahrt hatte.36

Was unter »Region« zu verstehen ist, hat Neu-Delhi ebenfalls neu definiert und seinen Aktions­radius ent­sprechend erweitert. Bis zur außenpolitischen Umori­entierung in den 1990er Jahren war »Region« gleich­bedeutend mit den Nachbarstaaten in Süd­asien. Seit­dem sind eine Reihe neuer Begrifflichkeiten entstanden, mit denen indische Regierungen ihre vorgestellten Einflusszonen markierten. Hierzu zählten Begriffe wie »Southern Asia« oder »Extended Neighbourhood«, die geographisch die Ostküste Afri­kas, den Indischen Ozean und Südostasien umfassten. Mittlerweile sind diese Konzepte auch in der indi­schen Diskussion durch den Terminus »Indo-Pazifik« ersetzt. Indien untermauerte seine politischen Ambi­tionen in diesen Räumen unter anderem damit, dass es sich aktiv an der Gründung von Regionalorganisa­tionen beteiligt habe, etwa der Indian Ocean Rim Association (IORA) 1997 und der Bay of Bengal Ini­tiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation (BIMSTEC) 1997. Seit Mitte der 1990er Jahre baute Indien im Zuge seiner »Look East«-Politik außerdem die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zur ASEAN aus. 2014 wurde unter Premierminister Modi daraus die »Act East«-Politik. Dass in der indischen Konzeption des Indo-Pazifiks die ASEAN ebenfalls einen zentralen Stellenwert hat, unterstrich Modi in seiner Rede beim Shangri-La-Dialog 2018.37

Die nationale Ebene

Staatliche Kapazitäten

Der Aufstieg eines Landes ist eng mit staatlichen Kapa­zitäten und Ressourcen verknüpft. Im historischen Rückblick haben nur Staaten, die im Sinne politischer, wirtschaftlicher und militärischer Leis­tungsfähigkeit über »Stärke« verfügen, eine heraus­gehobene Stellung im internationalen System erreicht. Staaten wie die USA und Großbritannien hatten bei ihrem internationalen Aufstieg mit zahllosen innen­politischen Problemen zu kämpfen.38 Dennoch zähl­ten sie zu den leistungsfähigsten Staatsgebilden ihrer Zeit. Die damit verbundenen Fragen werden in Dis­kussionen über Indiens Aufstieg oft vernachlässigt.39

Indiens Verwaltungsstrukturen sind schwach.

Die Debatte über Staatlichkeit hat in Indien eine lange Tradition. Schon in den 1960er Jahren sah Gunnar Myrdal den »soft state« als eine Ursache des »asiatischen Dramas« und hatte dabei oft Indien vor Augen.40 Trotz zahlloser Reformen und Erfolge hat die Indische Union weiterhin große Probleme mit ihrer staatlichen Steuerungsfähigkeit.41 Der indische Staat erscheint in vielen Bereichen als unterverwaltet und unterfinanziert und wirkt wie ein Gemeinwesen, das im 21. Jahrhundert mit Strukturen aus dem 19. Jahr­hundert gelenkt wird.42

Das geringe BIP und die niedrige Steuerquote Indiens (siehe Tabelle 1, S. 14f) führen zu Defiziten bei der Transformation von latenten Ressourcen in reale Kapazitäten im Hinblick auf die Entwicklung seiner Fähigkeit zur Machtprojektion.43 Die staatliche Verwaltung weist in Relation zu anderen Staaten ebenfalls deutliche Rückstände auf.44 So waren von den insgesamt 6.500 Stellen des prestigeträchtigen Indian Administrative Service 2017 nur rund 5.000 besetzt.45 Zwar setzt die Modi-Regierung verstärkt auf digitale Lösungen, um die staatliche Verwaltung zu modernisieren, zum Beispiel beim Ausbau der Aadhaar-Karte.46 Zudem hat Modi Reformen angekündigt, um Experten den Quereinstieg in die staat­liche Verwaltung zu ermöglichen. Auch mögen die Unterbesetzung staatlicher Verwaltungen oder die Rekrutierungsprobleme der Polizei für die Außen­politik eines Landes nicht direkt von Bedeutung sein. Dass die Streitkräfte allerdings ebenfalls Probleme bei der Rekrutierung von Offizieren haben, kann mög­liche außenpolitische Machtprojektionen aber durchaus begrenzen.47

Grafik 1

Die außenpolitische Bedeutung der administra­tiven und finanziellen Probleme zeigt sich am ehes­ten im diplomatischen Dienst. 2019 unterhielt Indien insgesamt 186 diplomatische Vertretungen und lag damit auf Platz 12 im globalen Diplomatie-Index.48 Das Land plant zugleich, seine globale Präsenz aus­zubauen und unter anderem bis 2021 allein in Afrika weitere 18 Botschaften zu eröffnen.49 Der diplomatische Dienst operiert indes mit weniger als eintausend Diplomaten, von denen sich verschiedenen Schätzungen zufolge rund ein Drittel in Indien und zwei Drit­tel im Ausland befinden.

Indiens diplomatischer Dienst entspricht kaum den geopolitischen Ambitionen des Landes.

Da Indiens internationale Verpflichtungen, unabhängig von plötzlich auftretenden Krisen, zugenommen haben, wird vielfach eine Überlastung des diplo­matischen Dienstes kritisiert. Gleichzeitig stoßen Reformansätze etwa zur Aufstockung des diploma­tischen Personals (»Class IV« in der indischen Büro­kratie) auf Widerstände, da damit intern andere Karriereverläufe notwendig werden. In den letzten Jahren suchte man diese Probleme zu umgehen, indem man externe Berater rekrutierte, um offen­sichtlich vorhandenen Personalengpässen zu begeg­nen.50 Das Budget des Ministry of External Affairs (MEA) ist über die Jahre kontinuierlich gestiegen. Allerdings gab es in dem Zeitraum zwischen 2000/01 und 2019/20 auch Jahre mit zweistelligen Inflations­raten.51 Für den Haushalt 2021/22 erhielt das MEA eine Aufstockung seines Budgets um 4,65 Prozent und damit den größten Haushalt seiner Geschichte. Damit stieg der Anteil des MEA am Gesamthaushalt auf 0,52 Prozent, im Haushaltsjahr 2015/16 hatte der Anteil aber noch bei 0,81 Prozent gelegen.52

Die Defizite werden noch offensichtlicher in Relation zu Staaten, mit denen sich Indien gerne vergleicht oder enge Beziehungen pflegt. So verfügt Brasilien über 2.000, China über 4.500 und Japan sogar über 5.700 Diplomaten. An dem Ungleichgewicht änderte auch die Neueinstellung von 24 Diplo­maten im Jahr 2020 wenig.53 Die Personalstärke des indischen diplomatischen Dienstes entspricht der von Staaten wie Singapur oder Neuseeland, die jedoch bescheidenere internationale Ambitionen hegen.54

Ideen: Selbstverständnis als Zivilisation

Anders als in der Innenpolitik herrscht in der indi­schen Außenpolitik ein hohes Maß an parteiübergreifendem Konsens. Hierfür lassen sich verschiedene Gründe anführen. Erstens haben die umfangreichen wirtschaftlichen und sozialen Probleme außen­politische Fragen seit jeher in den Hintergrund ge­drängt, zudem außenwirtschaftliche Aspekte bis zur Liberalisierung 1991 kaum eine Rolle spielten. Zweitens konzentrierte sich der außenpolitische Ent­scheidungsprozess auf den Premierminister und seine engsten Berater, wohingegen Außenminister oft kein großes Gewicht hatten. Die Dominanz der Kongress­partei auf nationaler Ebene bis 1991 und der Bhara­tiya Janata Party (BJP) seit 2014 sorgte dafür, dass es bei außenpolitischen Entscheidungen kaum zu parteipolitischen Kontroversen kam. Die außen- und sicherheitspolitische Community in Indien ist nach wie vor sehr klein. Die öffentlichen Debatten werden in hohem Maß von früheren Diplomaten und Generä­len geprägt, unter denen es in sicherheitspolitischen Belangen wenig Dissens gibt.

Indiens außenpolitische Interessen und Ambitionen lassen sich ohne weiteres aus seiner demographischen Größe, seinen territorialen Konflikten mit China und Pakistan, seinem Atomarsenal oder seiner Bedeutung für die Weltwirtschaft ableiten. So ist zum Beispiel die Lösung globaler Umwelt- und Klima­probleme oder das Erreichen der Sustainable Develop­ment Goals (SDG) nur möglich, wenn es zu Erfolgen in Indien kommt, in dem rund ein Sechstel der Welt­bevölkerung lebt.

Der Rückgriff auf Indiens Zivilisation soll weltpolitische Rolle rechtfertigen.

Allerdings gibt es seit der Unabhängigkeit auch ein zivilisatorisches Narrativ, mit dem indische Entscheidungsträger zunehmend ihren Anspruch auf inter­nationalen Bedeutungszuwachs begründen. Die Vor­stellung einer indischen Zivilisation entstand im Zuge der Auseinandersetzungen mit der britischen Kolo­nialmacht im 19. Jahrhundert. Die indische Elite betonte damit die Gleichwertigkeit ihrer Gesellschaft mit denen des Westens.55 Ursprünglich bezog sich die Idee der indischen Zivilisation auf ein Gesellschaftsmodell, das aus religiösen Texten abgeleitet wurde. Die Kontinuität von Herrschaftssystemen oder Dynas­tien spielte darin keine Rolle, da eine solche Kontrolle des gesamten Raums des indischen Subkontinents historisch nur selten gegeben war. Erst durch den hin­du-nationalistischen Diskurs des frühen 20. Jahr­hunderts wurde auch diese Verbindung gezogen.56

Die liberale Variante des Narrativs geht von einer indischen Zivilisation aus, die religiöse Variante von einer Hindu-Zivilisation.57 So begründete Nehru, als Vertreter eines liberalen Verständnisses, die inter­nationalen Ambitionen Indiens nicht mit den zu Beginn ohnehin kaum vorhandenen militärischen oder wirt­schaftlichen Kapazitäten, sondern mit der Zivilisa­tion, Geschichte und Tradition des Landes,58 während der Diskurs seit dem Amtsantritt von Naren­dra Modi 2014 und seiner hindu-nationalis­tischen BJP eine eher religiöse Wendung genommen hat.59

Hier bilden die Vorstellungen über das Hindutum (Hindutva), wie sie in den 1920er und 1930er Jahren von V. D. Savarkar und M. S. Golwalkar als Grundlage für ein unabhängiges Indien formuliert wurden, den Ausgangspunkt: Orientiert am ethnischen Natio­nalismus europäischer Vorbilder aus dem 19. und 20. Jahr­hundert, zielt Hindutva auf die Schaffung einer Hindu-Nation (Hindu-Rashtra), die auf Sprache, Geschichte, Kultur, Geographie und Abstammung beruht.60 Damit verband sich anfangs auch eine Ablehnung äußerer Einflüsse, wie sie durch muslimische Eroberung und später durch die Briten ins Land kamen; beide führten vermeintlich zum Niedergang der Hindus. In den 1920er Jahren entwickelte sich eine Diskussion über Greater India, die den Einfluss der indischen Kultur bzw. ihrer Zivilisation auf an­grenzende Regionen in Asien hervorhob.61 Nach der Unabhängigkeit setzten sich diese Ideen in den Dis­kussionen über ein ungeteiltes Indien (Akhand Bharat) fort, in denen die kulturelle Einheit der Hindu-Zivili­sation beschworen und teilweise auch die Wieder­vereinigung mit Pakistan angestrebt wurde.62

Gerade vor dem Hintergrund der Konkurrenz mit China greift die Modi-Regierung zunehmend auf das Zivilisations-Narrativ zurück. Im Januar 2021 äußerte Außenminister Jaishankar beispielsweise selbst­bewusst, dass »civilisational states like India and China must always take the long view«.63 Dies bedeu­tet indirekt, dass Indien seine außenpolitischen Interessen und Ansprüche nicht unbedingt an klas­sischen Kriterien wie demographischer Größe, wirt­schaftlicher Leistungsfähigkeit und militärischer Schlagkraft festmacht, sondern immer häufiger auch an seiner vorgestellten Identität als Zivilisation.

Werte: ein illiberales Indien

Die Frage nach der inneren Verfasstheit von Staaten oder ihres politischen Systems spielt in den Debatten über Aufstieg oft keine Rolle, da der Schwerpunkt zu­meist auf wirtschaftlichen und militärischen Kenn­zahlen liegt.

Für Indien soll diese Frage hier dennoch aufgegriffen werden, da der Verweis auf gemeinsame demo­kratische Werte und Pluralismus gerade im Verhältnis zu den westlichen Staaten eine wichtige Rolle spielt und in jeder gemeinsamen Erklärung auftaucht. Die Metapher von der Kooperation zwischen der größten und der ältesten Demokratie ist zum Bei­spiel eine Standardformel in den indisch-amerika­nischen Beziehungen. Allerdings haben sich daraus selten gemeinsame Interessen oder gar außenpolitische Initiativen entwickelt. Auch in der deutschen und europäischen Diskussion gilt Indien als Wertepartner, selbst wenn dies in den Leitlinien der Bun­desregierung zum Indo-Pazifik nicht explizit zum Ausdruck kommt.64

Die indische Demokratie rückt in Richtung autokratisches System.

Eine Reihe von Entwicklungen hat seit dem Amtsantritt der Modi-Regierung eine Diskussion über ein »illiberales Indien« entfacht.65 Denn die indische Demo­kratie rückt in Richtung autokratisches System. Das zeigt sich an verschiedenen Aspekten. Erstens wird die öffentliche Diskussion beschränkt. Kritik an der Regierung und ihrer Politik gilt zusehends als unerwünscht. Kritische Intellektuelle und Medien sowie nationale und internationale zivilgesellschaft­liche Organisationen sehen sich mit bürokratischen Kontrollen konfrontiert oder werden strafrechtlich verfolgt.66 So hat sich unter anderem die Zahl der Anklagen wegen staatsgefährdender Aktivitäten seit 2014 deutlich erhöht.67 Des Weiteren wurde in keiner anderen Demokratie in den Jahren 2018 und 2019 das Internet so häufig blockiert wie in Indien.68 Die damit einhergehenden Einschränkungen der Grundrechte haben dazu geführt, dass Indien im Index der Presse­freiheit 2020 mittlerweile hinter Afghanistan rangiert und nur noch Platz 142 (von 180) belegt. Auf dem Freiheitsindex (Human Freedom Index) rutschte die größte Demokratie 2020 um 17 Plätze auf Rang 111 von 162 Staaten.69 Zweitens hat die Regierung durch personelle Veränderungen ihren Einfluss auf bislang als unabhängig geltende Institutionen wie Wahlkommission und Zentralbank ausgebaut.70 Drit­tens ist das Oberste Gericht immer seltener bereit, strittige Regierungsentscheidungen zu überprüfen, vor allem, wenn sie die Kompetenzen der Bundes­staaten gegen­über der Zentralregierung betreffen. Die beiden be­kanntesten Beispiele hierfür sind die Auf­teilung und Umwandlung des Bundesstaates Jammu und Kasch­mir in zwei von der Zentralregierung verwaltete Unionsterritorien, die im August 2019 ohne die Zu­stimmung der gewählten Landesregierung vollzogen wurde, oder die Verabschiedung von Reformen in der Landwirtschaft im Sommer 2020, die Zuständigkeitsbereiche der Bundes­staaten berühren. Das neue Staatsbürgerschaftsrecht und das geplante nationale Bürgerregister (National Register of Indian Citizens, NRIC) wer­den, vermutlich nicht unbeabsichtigt, vor allem für die muslimische Minderheit Probleme mit sich brin­gen. Diese Ent­wick­lungen haben der Regierung aber nicht geschadet. Bei der Wahl 2019 konnte Modi den Stimmenanteil der BJP sogar erhöhen und seine abso­lute Mehrheit im Par­lament noch ausbauen.

Wirtschaft

Die internationale Ebene

Indien gehörte zu den 23 Unterzeichnerstaaten, die 1947 das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade, GATT) ins Leben riefen. Aufgrund seiner gemischten Wirtschafts­politik (mixed economy), die eine Importsubstitution beinhaltete, sank Indiens Anteil am Welthandel von rund zwei Prozent in den 1950er Jahren auf 0,5 Prozent zu Beginn der 1990er Jahre.

Die mixed economy verfehlte aber ihre Ziele. Bis 1991 erreichte Indien mit diesem Modell ein durch­schnittliches Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, das oft abschätzig als »Hindu Rate of Growth« bezeich­net wurde. Angesichts eines Bevölkerungszuwachses von über zwei Prozent ließen sich mit diesen niedri­gen Wachstumsraten keine langfristigen Entwick­lungserfolge realisieren. Der Zusammenbruch der So­wjetunion – Indiens wichtigstem Handelspartner – führte im Sommer 1991 zu einer Zahlungsbilanz­krise, die das Land zu einer wirtschaftspolitischen Neuausrichtung zwang. Die anschließende wirtschaftliche Liberalisierung trieb die Raten des BIP-Wachs­tums in die Höhe. Damit wurde deutlich, dass das Wirtschaftswachstum zuvor weniger durch kulturelle als vielmehr durch institutionelle Faktoren begrenzt worden war.

Liberalisierung macht Indien seit den 1990er Jahren zur Wachstumslokomotive.

Seitdem entwickelte sich Indien zu einer Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft. In der Dekade von 1990 bis 2000 lag der Anstieg des BIP bei 5,4 Pro­zent, von 2000 bis 2010 steigerte es sich sogar auf 8,8 Prozent, ehe es im Gefolge der Finanzkrise des Jahres 2008 von 2010 bis 2017 auf 7,1 Prozent sank.71 Von großer Bedeutung war, dass alle drei großen partei­politischen Blöcke – die Kongresspartei, die BJP so­wie die Regionalparteien, die seit 1991 an der Regie­rung waren – einen Konsens über die Fortführung der wirtschaftlichen Liberalisierung entwickelten. Finanzminister Sinha umschrieb diesen Umstand 1998 mit den Worten: »The clock won’t be turned back.«72

Das hohe Wirtschaftswachstum, die steigenden Einkommen und die wachsende Mittelschicht haben Indien zu einem attraktiven Markt für viele inter­nationale Unternehmen gemacht. Je nach Definition erfreut sich die indische Mittelschicht in vielen Ge­schäftsprognosen eines nahezu unbegrenzten Wachs­tumspotenzials. Mit der Regierungsübernahme von Premierminister Modi 2014 verbanden viele Beobachter die Hoffnung, dass sich der wirtschaftliche Reformprozess ebenso wie die Integration Indiens in den Weltmarkt weiter beschleunigen würden. So verbesserte Indien seinen Platz im Ease of Doing Busi­ness Index von Rang 140 (2014) auf 63 (2019).73 Ein großer wirtschaftlicher Erfolg war auch die Einführung der Mehrwertsteuer (Goods and Service Tax) 2017. Die Indische Union wurde damit erstmals ein einheitlicher Markt, was ausländischen Unternehmen den Zugang erleichterte. Anfang 2020, vor der Corona-Pandemie, überholte Indien Großbritannien und Frankreich und wurde gemessen am BIP zur weltweit fünftgrößten Volkswirtschaft.74

Schaut man genauer hin, fällt das Bild nüchterner aus. Zwischen 2001 und 2011 wuchs die Mittelschicht in China von drei auf 18 Prozent, in Indien hingegen nur von einem auf drei Prozent. Andere Untersuchun­gen beziffern die Größe der indischen Mittelschicht auf rund sechs Prozent.75

Der wirtschaftliche Erfolg Indiens seit den 1990er Jahren ist eng mit dem Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnologie verknüpft. Dieser Teil des Dienstleistungssektors hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Land heute wenn nicht als »Fabrik«, so doch als »Büro der Weltwirtschaft« gilt. Trotz seiner globalen Vernetzung macht dieser Bereich im Gesamtkontext des indischen Arbeitsmarktes jedoch nur einen verschwindend geringen Anteil aus. 4,36 Millionen Menschen waren 2020 in diesen Berufen beschäftigt – weniger als ein Prozent aller Beschäftigten.76 Ein weiterer technologischer Erfolg ist das Weltraum- und Raketenprogramm. Die militärische Dimension wird um ein ziviles Pro­gramm ergänzt, mit dessen Hilfe Drittstaaten ihre Satelliten in den Orbit transportieren können.

Produktionsstandort Indien ist nach wie vor wenig wettbewerbsfähig.

Trotz seiner Reformen hinkt Indiens Partizipation an globalen Wertschöpfungsketten dem Durchschnitt der Industrie- und Entwicklungsländer hinterher, in den letzten Jahren sogar noch mehr als vorher.77 Indien tut sich im internationalen Standortwettbewerb somit weiterhin schwer. Zwischen April 2018 und August 2019 verlagerten 56 Unternehmen ihre Produktionsstandorte aus China weg. Allerdings entschied sich nahezu die Hälfte der Unternehmen für Vietnam als neuen Standort. Nur drei Unternehmen gingen nach Indien,78 darunter kein einziges der 87 japanischen, die China in den letzten Jahren verließen – obwohl Japan mittlerweile als einer der engsten Partner Indiens gilt.79 Zwar hat die indische Regierung in den letzten Jahren verstärkt in die Infra­struktur investiert, verzeichnet im internationalen Vergleich jedoch weiterhin Defizite. So machen zum Beispiel die Logistikkosten pro Produkt in Indien circa 14 Prozent aus, in China dagegen nur 8 bis 10 Pro­zent.80

Die Verbesserung im Ease of Doing Business Index wurde lange Zeit durch Maßnahmen wie die nach­träg­liche Besteuerung konterkariert, etwa von Firmen wie Vodafone und Cairn.81 Erst im Sommer 2021 änderte die Regierung die Gesetzeslage, um weitere Rechtsstreitigkeiten mit Unternehmen zu vermeiden.82 Auch auf Seiten der deutschen Wirtschaft gibt es nicht nur Lob für die guten Wachstumsaussichten, sondern auch Kritik am zunehmenden Protektionismus. »Die Hoffnung auf den Zukunftsmarkt Indien«, meint Wolfgang Niedermark vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), »hat sich schon in der Ver­gangenheit immer wieder in Gegenwartsernüchterung verkehrt.«83

Die ausländischen Investitionen in Indien haben deutlich zugenommen. 2019 erhielt das Land Aus­lands­investitionen in Rekordhöhe: 49 Milliarden US-Dollar. China konnte jedoch 140 Milliarden für sich verbuchen, Singapur 110 Milliarden.84 Premierminister Modi verkündete im Juni 2019, bis 2024 werde sich Indien – gemessen am BIP – zu einer Fünf-Billionen-Dollar-Volkswirtschaft entwickeln.85 Indien wäre damit in absoluten Zahlen die drittgrößte Volks­wirtschaft nach den USA und China. Für dieses Ziel würde Indien allerdings ein jährliches Wirtschaftswachstum von rund 8 Prozent des BIP erreichen müssen86 – was infolge des wirtschaftlichen Ein­bruchs durch die Covid-19-Pandemie noch schwerer zu realisieren sein wird.

Freihandelsabkommen vergrößerten Indiens Handelsdefizit.

Eine Überprüfung der bisherigen Freihandels­abkommen ergab, dass diese zumeist das Handels­defizit Indiens mit den jeweiligen Staaten noch vergrößert hatten.87 Die Regierung hatte Ende 2015 neue Leitlinien für bilaterale Investitionsabkommen beschlossen, um auf dieser Grundlage eine Neu­verhandlung auslaufender Abkommen zu erwirken.88 Allerdings kritisierten sowohl internationale Unter­nehmen als auch Staaten die neuen Regelungen. Bis 2020 konnten deshalb nur vier neue Abkommen unterzeichnet werden.89

Dennoch: Indien hat in verschiedenen internationalen Handels-, Umwelt- und Klimaverhandlungen seine nationalen Interessen verteidigt und internationale Regeln mitgeprägt. Damit hat das Land gerade im Vergleich zur Phase vor 1991 international deut­lich an Statur gewonnen.90 Indien wurde trotz erheb­licher innenpolitischer Widerstände 1995 Gründungs­mitglied der neuen Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO), wo es sich zu einem Spre­cher der Entwicklungsländer und zusammen mit Staaten wie Brasilien und China zu einem der wich­tigsten Gegenspieler der Industriestaaten entwickelte.91 In der Weltbank konnte Indien seine Stimmrechte erweitern, in der Internationalen Bank für Wieder­aufbau und Entwicklung (International Bank for Recon­struction and Development, IBRD) zählt es mitt­lerweile zu den zehn größten Anteilseignern. Auch im Internationalen Währungsfonds hat Indien seine Sonderziehungsrechte ausgeweitet und es in die Gruppe der zehn größten Anteilseigner geschafft.92

Die regionale Ebene

Indiens wirtschaftliche Zusammenarbeit mit seinen unmittelbaren Nachbarn ist dürftig. Daran änderte auch Modis »Neighbourhood First«-Politik nichts. Die Mitgliedstaaten der South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC) weisen traditionell eine niedrige Quote an intraregionalem Handel auf. Das geht vor allem auf die politischen Probleme zwi­schen Indien und Pakistan zurück, den beiden größ­ten Volkswirtschaften in der Organisation. Hinzu kommen der geringe Grad an wirtschaftlicher Kom­plementarität sowie die unzureichende regionale Infrastruktur. Die 2006 in Kraft getretene South Asian Free Trade Area (SAFTA) sowie die Anstrengungen, welche die indische Regierung unter Premierminister Manmohan Singh von 2007 an unternahm, um die regionale Konnektivität zu verbessern, erzielten nur überschaubare Erfolge. 2016 wurde die intraregionale Handelsquote in der SAARC auf rund fünf Prozent beziffert.93

Die umfangreichen Investitionen, die China seit 2015/15 im Rahmen der BRI in der Region tätigte, schwächten Indiens Position gegenüber den Nachbarstaaten weiter.94 Mit Ausnahme Indiens und Bhutans haben sich alle SAARC-Staaten der Seidenstraßen-Initiative angeschlossen. Die südasiatischen Staaten nahmen die wirtschaftliche Unterstützung Chinas bereitwillig an, zumal sie im Unterschied zu Indien keine oder nur geringfügige bilaterale Differenzen von China trennen und die Volksrepublik im Ver­gleich zu Indien der attraktivere Wirtschaftspartner ist. Die seit 2016 zu beobachtende Verschlechterung der indisch-pakistanischen Beziehungen zog die SAARC weiter in Mitleidenschaft, auch wenn Modi die Covid-19-Pandemie nutzte, um in diesem Rahmen wieder ein gemeinsames Programm aufzulegen.

Die indische Regierung unterstützt denn jetzt auch neue regionale Formate wie BIMSTEC oder die sub­regionale Zusammenarbeit mit Bhutan, Bangladesch und Nepal (BBIN). Angesichts der wachsenden poli­tischen und wirtschaftlichen Konkurrenz mit China dürften Indiens Schwierigkeiten, öffentliche Güter für die Nachbarstaaten bereitzustellen, um die eigene Vor­machtposition zu untermauern, noch zunehmen.

Indien kann in der Impfstoffdiplomatie nicht mit China konkurrieren.

Ein Beispiel dafür ist die Bekämpfung der Covid-19‑Pandemie. China wie Indien nutzen die Krise für »Impfdiplomatie«. Anfangs konnte Indien mit der Lieferung von Impfstoffen in die Nachbarstaaten teil­weise diplomatisch an China verlorenen Boden wieder wettmachen – unter anderem dank der in der Quad gefällten Entscheidung, gemeinsam die Produk­tion von Impfstoffen zu erhöhen, wofür Indien als Produktionsstandort eine wichtige Rolle spielte.95 Die verheerenden Folgen der zweiten Corona-Welle, die Indien im Frühjahr 2021 überrollte, förderten indes die Defizite der indischen Impfstoffproduktion zu­tage. Die indische Regierung stellte ihre Impfstoff­exporte ein, was nicht nur in den Nachbarländern, sondern auch in afrikanischen Staaten Kritik hervor­rief.96 Indien dürfte mit diesem Schritt in Südasien, aber auch in anderen Teilen der Welt in der Konkurrenz mit China an Boden verloren haben.

Das Verhältnis zu China prägt ebenfalls Indiens Beziehungen zur erweiterten Nachbarschaft im asia­tischen Raum. Denn China ist nicht nur strategischer Rivale, sondern auch wichtigster bilateraler Handelspartner. Indiens Handelsdefizit gegenüber China wächst seit Jahren, während seine Bemühungen, den chinesischen Markt für indische Firmen zu öffnen, kaum Erfolge zeitigten. Die Verschärfung der politi­schen Spannungen mit China, vor allem seit der Konfrontation im Himalaja im Sommer 2020, macht die Situation für Indien noch komplizierter. Infolge der militärischen Auseinandersetzungen wurden Rufe laut, die wirtschaftlichen Beziehungen mit China zu lockern. Die indische Regierung verhängte eine Reihe von Strafmaßnahmen und verbot unter anderem diverse chinesische Apps. Allerdings warn­ten große Unternehmen vor einer solchen Politik, da ihre eigenen Produktionsstandorte in Indien wieder­um von Zulieferungen aus China ab­hängig sind.97

Deutlich besser gestalten sich die Wirtschafts­bezie­hungen zu Japan oder den Staaten der ASEAN, mit denen es eine Reihe von Wirtschaftsabkommen gibt. Aus der geplanten Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) hat sich die indische Regierung allerdings im November 2019 in letzter Minute zu­rück­gezogen. Das geplante Freihandelsprojekt, an dem auch China beteiligt ist, hätte das chronische Handelsdefizit Indiens gegenüber China noch ver­größert.

Die nationale Ebene

In Wirtschaftskreisen gilt die Maxime: »Bet big and bet long in the Indian economy.«98 Nach den ein­schlägigen Prognosen wird Indien 2030 gemessen am Gesamtumfang des BIP die nach China und den USA drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein. In einer Vergleichsgruppe von 16 Staaten dürfte Indien 2030 beim BIP pro Kopf aber den letzten Platz belegen. Allerdings wird das dann bevölkerungsreichste Land der Welt mit 68,4 Prozent den größten Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung stellen.99 Ob sich die posi­tiven Prognosen bewahrheiten, hängt von einer Reihe Entwicklungen in Bereichen wie Demographie, Bil­dung und Forschung oder Beschäftigung ab.

Die demographische Entwicklung

In der Indischen Union lebten 2018 über 1,353 Mil­liarden Menschen.100 Prognosen der Vereinten Natio­nen zufolge wird Indien China schon 2027 als bevöl­kerungsreichstes Land ablösen.101 Die Fruchtbarkeitsrate ist in den letzten Jahrzehnten gesunken und lag 2017 bei 2,2,102 die Bevölkerung ist vergleichsweise jung: Im Zensus von 2011 waren 19,1 Prozent der Bevölkerung der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren zuzuordnen.103 Dieser Umstand beflügelt seit Jahren die Diskussion über eine mögliche demographische Dividende, deren Potenzial bislang aber kaum zum Tragen kommt. Stattdessen besteht die Gefahr, dass der große Anteil an Jugendlichen für den Staat zu einer Belastung wird.104

Denn zum einen gibt es in Indien ein Ungleich­gewicht zwischen den Geschlechtern, das sich statis­tisch als »Frauenknappheit« zeigt.105 Eine der wesent­lichen Ursachen ist die kulturelle Bevorzugung von Söhnen gegenüber Töchtern. Diese beginnt bei der, offiziell verbotenen, vorgeburtlichen Geschlechter­bestimmung und schlägt sich in schlechteren Gesund­heitsstatistiken für Mädchen in nahezu allen Alters­gruppen nieder. Innerhalb der städtischen Mittelschichten ändert sich dieses Verhalten zwar, aller­dings ist diese Gruppe noch immer vergleichsweise klein. Die Urbanisierungsrate liegt in Indien bislang nur bei 35 Prozent. Indien ist deshalb in internatio­nalen Vergleichsindizes wie dem Gender Gap Index 2019 sogar noch abgerutscht und belegt nur Rang 112 von 153 teilnehmenden Staaten.106

Bildung und Forschung

Zum anderen kämpft das Land weiterhin mit gra­vie­renden Defiziten im Bildungswesen. So lag die offi­zielle Alphabetisierungsrate 2018 lediglich bei rund 75 Prozent.107 Indien hat zwar in diesem Bereich große Erfolge erzielt, aber den Anschluss vor allem an die Staaten in Ost- und Südostasien verloren, die sich in den 1950er Jahren noch auf einem ähnlichen Niveau wie Indien befanden. Hier werden mittler­weile Alphabetisierungsquoten von nahezu 100 Pro­zent erreicht. Eine Ursache liegt vermutlich darin, dass Indien erst 2009 mit dem »Right to Education«-Gesetz eine allgemeine Schulpflicht eingeführt hat.

Nicht wesentlich besser gestaltet sich die Lage mit Blick auf die Universitäten. Im weltweiten Vergleich sind indische Universitäten wenig konkurrenzfähig. Selbst akademische Vorzeigeeinrichtungen wie die Indian Institutes of Technology (IIT) oder Indian Insti­tutes of Sciences (IISc) können da kaum mithalten. Im QS World University Rankings-Bericht 2021 fielen die drei renommiertesten von ihnen weiter zurück.108 Die Zahl der indischen Einrichtungen, die zu den 1.000 wichtigsten Universitäten weltweit gerechnet werden, sank 2020 von 25 auf 21.109 Kommentatoren merkten an, dass die offensichtlich unzureichende Qualität indischer Bildungseinrichtungen wohl der Grund da­für sei, dass Minister der Modi-Regierung ihre Kin­der zum Studium lieber auf Universitäten im Ausland schicken.110

Rückläufig sind auch Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Gab Indien 2008 noch 0,86 Prozent des BIP dafür aus, waren es 2018 nur noch 0,60 Prozent.111 Gerade im Vergleich zu China hinkt Indien hier hin­terher.112 Angesichts dieser Situation erstaunt es nicht, dass Indien massive Rückstände bei Patent­anmel­dungen aufweist. Wurden in Indien 2017 ins­gesamt 46.600 Patentanträge gestellt, waren es in den USA 600.000 und in China mehr als 1,3 Millionen. Des Weiteren dauerte die Bewilligung eines Patents in Indien damals 64 Monate, in den USA 24 und in China sogar nur 22 Monate. Auch bei der Zahl der Forschenden pro eine Million Einwohner fällt Indien gegenüber anderen Staaten deutlich zurück. Ihr Anteil lag in Indien bei lediglich 216 Personen, in China bei 1.206, in den USA bei 4.313 und in Japan sogar bei 5.210 Personen.113

Beschäftigung

Der Economic Survey 2018/19 der indischen Regierung bezifferte die Gesamtzahl der Erwerbstätigen mit 450 Millionen Menschen. Davon waren laut offi­ziellen Angaben 93 Prozent, das heißt mehr als 418 Millionen Personen, im nichtorganisierten Sektor beschäftigt.114 Schätzungen zufolge treten jedes Jahr 10 bis 12 Millionen Menschen neu in den indischen Arbeitsmarkt ein. Aufgrund der genannten Probleme im Bildungsbereich gilt deren Ausbildungsniveau allerdings als unzureichend, auch mit Blick auf aus­ländische Unternehmen.115 Laut India Skills Report von 2019 waren nur 47 Prozent der Graduierten ver­wendungsfähig.116 Das Problem betrifft selbst Schlüs­selbereiche wie die IT-Industrie.117 Des Weiteren zählt Indien zu den Staaten mit der geringsten Erwerbs­quote von Frauen. in den letzten Jahren ist deren Anteil am Arbeitsmarkt (Labour Force Participation Rate, LFPR) sogar noch gesunken, von 31,2 Prozent (2011/12) auf 23,3 Prozent (2017/18).118

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist seit Jahren eine zentrale Herausforderung für indische Regierungen. Die Modi-Regierung setzte wie ihre Vorgänger auf den Ausbau des verarbeitenden Sektors. Angepeilt war ein Anteil von 25 Prozent am BIP.119 Stattdessen konstatierte die Weltbank 2020 auch hier einen Rück­gang, von 15,1 Prozent im Jahr 2014 auf 14,8 Prozent im Jahr 2018.120 Hinzu kommt, dass die zunehmende Automatisierung nicht mehr die Arbeitsplatzeffekte der Industrialisierung wie noch in den 1980/90er Jah­ren hervorbringt. Diese Entwicklung schlug sich auch in Indien nieder. So halbierte sich, auch infolge der Corona-Pandemie, die Zahl der Beschäftigten in die­sem Sektor fast binnen fünf Jahren: von 51 Millionen im Jahr 2016/17 auf 27,3 Millionen im Jahr 2020/21.121

Soziale Entwicklung

In diesem Bereich fällt die Bilanz ebenfalls gemischt aus. Nach Schätzungen der VN ist es Indien dank seiner wirtschaftlichen Erfolge von 2006 bis 2016 gelungen, 271 Millionen Menschen aus der Armut zu führen.122 Trotzdem steht das Land weiterhin vor großen Herausforderungen.123 Kein G20-Staat schnei­det im Ranking des Human Development Index so schlecht ab wie Indien (siehe Tabelle 1, S. 14f), das 2020 nur Rang 131 erreichte und im Vergleich zum Vorjahr um zwei Plätze zurückgefallen war.124 Und trotz der Erfolge bei der Armutsbekämpfung lebten 2015, so schätzt die Weltbank, noch über 50 Prozent der indischen Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle von 3,20 US-Dollar pro Tag.125 Aufgrund des wirtschaftlichen Einbruchs im Zuge der Corona-Pandemie ist zu befürchten, dass die Armut, vor allem in den ländlichen Gebieten, wieder deutlich zunehmen wird.126

Indien ist zwar Selbstversorger bei der Produktion von Nahrungsmitteln, doch sind Mangel- und Unter­ernährung weiterhin ein ernstes Problem. Der VN-Bericht über Nahrungssicherheit und Ernährung 2020 zeigte, dass in Indien mit 23 Prozent nicht nur der weltweit größte Anteil an Menschen lebt, die einer unsicheren Ernährungssituation ausgesetzt sind. Deren Zahl hatte sich außerdem von 2014 bis 2019 um 62 Millionen Menschen erhöht.127 2020 kam Indien im Globalen Hunger-Index denn auch nur auf Platz 94 von 101.128 Auf dem Human Capital Index der Weltbank 2020 belegte Indien Rang 116 von 174.129

Die wirtschaftliche Entwicklung seit 2017

Die Wirtschaftsentwicklung in Indien hatte sich bereits vor der Corona-Pandemie deutlich eingetrübt. Schon seit 2017 sank die BIP-Wachstumsrate,130 und die Arbeitslosigkeit verzeichnete 2019 ein neues Drei-Jahres-Hoch.131 2019/20 – noch vor dem Ausbruch der Corona-Krise – belief sich das Wirtschaftswachs­tum auf nur fünf Prozent, das war der schlechteste Wert seit elf Jahren.132 Dabei ist zu berücksich­tigen, dass die indische Regierung 2015 die Grundlage für die Berechnung des Wirtschaftswachstums änder­te. Dies führte bei der Veröffentlichung der revidierten Wachstumszahlen 2018 zu einer kontroversen Dis­kus­sion über die Zuverlässigkeit und Aussagekraft der offiziellen Daten.133 Mit dem dramatischen wirtschaftlichen Einbruch in der Corona-Krise im Frühjahr 2020 scheint das Ziel einer Fünf-Billionen-Dollar-Volkswirt­schaft in weite Ferne gerückt zu sein.

Indien zählt zu den Staaten, die wirtschaftlich am stärksten von der Pandemie getroffen wurden. Im ersten Quartal 2020 brach das BIP um über 23 Prozent ein. Im Gesamtjahr 2020/21 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 7,3 Prozent.134 Und diese Zahlen zeigen noch nicht das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen, da die Beschäftigten im nichtorganisierten Sektor – immerhin 93 Prozent der Erwerbs­tätigen – in diesen Statistiken nur teilweise erfasst sind.135 Die ohnehin gravierende Ungleichheit, die das Leben in Indien prägt, dürfte sich nach der Krise noch ver­schärfen.

Allerdings nutzte die indische Regierung den wirtschaftlichen Einbruch 2020 auch für eine Reihe von weitreichenden Reformen. Im Zuge der staat­lichen Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise verkündete Premierminister Modi am 12. Mai 2020 in einer Rede an die Nation mit dem Konzept »Atmanirbhar Bharat« – Eigenständigkeit ­– seine neue wirtschaftspolitische Agenda.136 Er vollzog damit eine Kehrtwende, die sich bereits in den Vor­jahren angekündigt hatte. So hatte seine Regierung seit ihrem Amtsantritt in einigen Bereichen wieder die Zölle erhöht, auch Freihandelsabkommen mit Staaten oder Wirtschaftsblöcken waren unter der Modi-Regierung bis Ende 2020 ausgeblieben (siehe oben, S. 26).

Modis künftige Wirtschaftspolitik setzt auf Eigenständigkeit und Förderung der nationalen Industrie.

Der Trend zu wirtschaftlicher Abschottung lässt sich in vielen Staaten beobachten. In Indien findet dieses Konzept innenpolitisch breite Unterstützung und deckt sich mit Vorstellungen des Nationalen Freiwilligenkorps (Rashtriya Swayamsevak Sangh, RSS), das großen Einfluss auf die Regierungspolitik der BJP ausübt. Schon 2014 setzte Modi mit dem »Make in India«-Programm auf eine Reduzierung von Importen und die Förderung von Exporten. Das Pro­gramm konzentriert sich vor allem auf den Rüstungs­sektor, um dessen Abhängigkeit von Importen und ausländischer Technologie zu mindern.

Zu den ersten Maßnahmen der neuen Wirtschaftspolitik gehörten Reformen der Arbeitsgesetzgebung, um die Zahl der Regulierungen zu verringern. Im Som­mer 2020 verabschiedete die Regierung zudem weitreichende Reformen für die Landwirtschaft unter anderem mit dem Ziel, Subventionen abzubauen und das bisherige System des staatlichen Ankaufs land­wirtschaftlicher Produkte durch neue, marktwirtschaft­liche Mechanismen zu ersetzen. Diese Gesetze stießen aber auf erbitterten Widerstand der Bauern und führten im Winter 2020/21 zu heftigen Protesten und Zusammenstößen mit der Polizei in der Haupt­stadt Neu-Delhi.

Indische Experten warnen allerdings vor dem neuen Credo der wirtschaftlichen Eigenständigkeit, das an die Phase der Importsubstitution der 1950/60er Jahre erinnert. Zwar orientierte sich die Politik da­mals an sozialistischen Wirtschaftsmodellen und setzte auf einen großen Staatssektor. Modis Politik der Eigenständigkeit zielt hingegen auf Privatisierung der oft defizitären Staatsunternehmen, Kommerzialisierung der Landwirtschaft sowie auf den Aufbau von natio­nalen Champions, zum Beispiel im Technologiebereich.

Kritiker bemängeln jedoch, dass Indien so kaum in der Lage sein wird, die dringend notwendigen Arbeits­plätze zu schaffen. Zudem ist nicht ersichtlich, wie Indien mit dieser Politik mittel- bis langfristig jene Wirt­schaftsressourcen aufbauen will, die dem Land im internationalen Wettbewerb einen größeren Stel­len­wert verschaffen würde. Eine Politik der (selektiven) Abschottung birgt die Gefahr, dass Indien gegen­über China in den nächsten Jahren noch weiter ins Hintertreffen gerät. Der ehemalige Wirtschafts­chefberater Arvind Subramanian brachte das Dilemma dieser Strategie folgendermaßen auf den Punkt: »Wenn wir protektionistisch werden, weiß ich nicht, wie wir eine Exportmacht werden können. Eine eigen­ständige Exportgroßmacht ist ein Oxymoron.«137

Ausblick: Eigenständigkeit und Aufstieg

Die Entwicklung der indischen Wirtschaft war, ist und bleibt einer der entscheidenden Faktoren für den Aufstieg des Landes. Die Wachstumserfolge seit der Liberalisierung 1991 haben nicht nur zu signifikanten Entwicklungsfortschritten geführt, sondern auch das Bild des Landes verändert. Indien hat sich zwar nicht wie China zu einer »Fabrik der Weltwirtschaft« entwickelt, aber aufgrund seines großen Dienstleistungssektors und seiner Erfolge in der Informationstechnologie zum »Büro der Weltwirtschaft« gemausert. Die Aufwertung in Weltbank und Internatio­nalem Währungsfonds (IWF) sind dafür sichtbare Zeichen.

Auf regionaler Ebene ist die unmittelbare Nachbarschaft in Südasien wirtschaftlich weiterhin wenig attraktiv. Die zunehmende Konkurrenz Chinas wird Indiens wirtschaftliche Stellung in der Region ver­mut­lich weiter schwächen. Im größeren regionalen Kontext, das heißt in Asien, hat Indien seine Position durch den Ausbau des Handels mit China, Japan und der ASEAN zunächst verbessert. Der Rückzug Indiens aus regionalen Abkommen wie RCEP ist aber ein Rückschlag für die weitere Integration. Wenn Indien sich nicht in der Lage sieht, ein handelspolitisch einfaches Abkommen wie RCEP zu akzeptieren, dann dürften auch die geplanten Verhandlungen mit der EU über einen Handelsvertrag, der deutlich kom­plexer werden wird, wenig erfolgversprechend sein.

Aufgrund seiner wirtschaftlichen Erfolge der ver­gangenen drei Jahrzehnte zählt Indien mittlerweile zur Gruppe der Staaten mit einem unteren mittleren Pro-Kopf-Einkommen. Damit bewegt sich das Land allerdings auf die sogenannte Middle Income Trap138 zu: Entwicklungsländer erreichen zwar mittlere Einkommensniveaus, kommen aber aufgrund von Begrenzungen demographischer und technologischer Natur vorerst nicht weiter. Um höhere Einkommensstufen zu erreichen, wären vor allem umfangreiche Investitionen unter anderem in Bildung und For­schung notwendig.139 Hier zeigen sich aber die Schwä­chen im indischen Wirtschafts- und Entwicklungsmodell, die sich durch die Corona-Pandemie noch verschärft haben. Unklar ist bislang, ob die neue wirtschaftspolitische Ausrichtung der Eigenständigkeit Teil der Lösung oder Teil des Problems sein wird. Ökonomen haben darauf hingewiesen, dass kein Entwicklungsland nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wirtschaftswachstum von über sechs Prozent erzielen konnte, wenn es sich nur auf die heimische Nach­frage stützte.140 Die Fokussierung auf Eigenständigkeit zulasten der Öffnung birgt – in den Worten der Ökonomen Shoumitro Chat­terjee und Arvind Sub­ramanian – die Gefahr, »nicht nur die Gans zu schlachten, die goldene Eier legt, sondern die einzige Gans zu schlachten, die überhaupt noch Eier legt«.141 Die Studie eines renommierten indischen Think Tanks wies im Sommer 2021 darauf hin, dass Indien mittelfristig ein Wirtschaftswachstum von sieben bis acht Prozent benötigt, um den wirtschaftlichen Einbruch der Corona-Pandemie auszugleichen und die demographische Dividende einzulösen.142

Sollte die Politik der Eigenständigkeit zu einer Neu­auflage der mixed economy unter geänderten ideologi­schen Vorzeichen werden, dann besteht das Risiko, dass Indien, erstens, sehr lange in der Middle Income Trap verweilen wird und, zweitens, nicht jene Wirt­schaftskraft hervorbringt, die es für seine globalen Aufstiegsambitionen benötigt. Schließlich hat Außen­minister Jaishankar wiederholt den Anspruch for­mu­liert, dass Indien »eine Art Gleichgewicht« mit China anstrebe.143 Angesichts der wirtschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Staaten stellt sich die Frage, wie Indien mit seiner künftigen Wirtschafts­politik ein solches Gleichgewicht erreichen will.

Sicherheit

Die internationale Ebene

Zwei Themen sind hier für die Diskussion über In­diens Aufstieg von Interesse: das Nuklearprogramm sowie Indiens Engagement in den VN und seine damit verbundene Rolle bei Blauhelmeinsätzen.

Laut amerikanischen Geheimdienstberichten war Indien Mitte der 1960er Jahre in der Lage, Nuklearwaffen herzustellen.144 1974 folgte der erste Atomtest, seitdem gilt Indien als Atommacht. Zum damaligen Zeitpunkt diente der Test nicht in erster Linie der Abschreckung einer aktuellen Bedrohung. Indien hatte im dritten Krieg mit Pakistan 1971 einen klaren militärischen Sieg errungen, der mit der Unabhängig­keit Ost-Pakistans und der Gründung Bangladeschs endete. Es ging vielmehr um den Beweis technolo­gischer Fähigkeiten und den Anspruch Indiens, auf einer Stufe mit den anderen Atommächten zu stehen. Den 1970 in Kraft getretenen Nichtverbreitungs- oder Atomwaffensperrvertrag (NVV) hat Indien denn auch nicht unterzeichnet. Dies wäre nur als Nicht-Atom­waffenstaat möglich gewesen, was dem indischen An­spruch auf Gleichrangigkeit mit den anderen Atom­mächten zuwiderlief.

Der Test von 1974 hatte deshalb zunächst kontraproduktive Folgen für Indien, denn anstelle von mehr Anerkennung erfuhr das Land eine größere inter­nationale Isolation. Die Industriestaaten als Haupt­lieferanten von Nukleartechnologie gründeten noch 1974 die Nuclear Suppliers Group (NSG), die eine Reihe von Exportsanktionen gegen Indien verhängte. Inwieweit die technologischen Sanktionen die wirt­schaftliche Entwicklung Indiens in der Folge beein­trächtigten, ist bis heute ungeklärt. Indische Regie­rungen kritisierten den NVV wiederholt als »nukleare Apartheid«, welche die Welt in puncto Nuklearwaffen in Eigentümer (»Haves«) und Habenichtse (»Have-nots«) einteile. Allerdings zählt der NVV zu den inter­nationalen Regimen, denen die Welt­gemeinschaft höchste Anerkennung zollt. Auf den zweiten Atom­test Indiens 1998 folgten ebenfalls Sanktionen.

Indien fördert den Ausbau der Atomenergie für die künftige Energieversorgung.

Ein Ausweg aus dieser Sackgasse eröffnete sich mit der Verbesserung der Beziehungen zu den USA, die in den 1990er Jahren einsetzte. Die Bush-Administration nahm nach 2001 Verhandlungen über eine mögliche zivile nukleare Zusammenarbeit auf. Indien bekundete Interesse, auch, um seinen wachsenden Energie­bedarf in Folge der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung durch Ausbau der Atomenergie zu decken. Die indi­sche Seite machte eine Reihe von Zugeständnissen. Sie betonte unter anderem, dass sie zentrale Prinzipien des NVV wie die Nichtweiterverbreitung von nuklearer Technologie befolgen werde, auch wenn sie den Beitritt zu dem Vertragswerk weiterhin ablehnte. Im Frühjahr 2005 unterzeichneten Indien und die USA ein Abkommen über zivile nukleare Zusammen­arbeit, das im Sommer 2008 von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und der NSG, der auch China angehört, gebilligt wurde. Dies ebnete weiteren Abkommen den Weg. Bis 2019 unterzeichnete Indien mit 14 Staaten Abkommen über die zivile nukleare Zusammenarbeit.145

Das indisch-amerikanische Nuklearabkommen beendete Indiens jahrzehntelange Isolation in dieser Frage. Selbst wenn Indiens Beitritt zur NSG bislang am Widerstand Chinas gescheitert ist,146 hat es damit doch eine beträchtliche Annäherung an das Nuklearregime vollzogen, die bislang kein anderer Staat außerhalb des NVV erreicht hat. Das Abkommen er­möglichte es Indien in der Folge, auch weiteren Rüs­tungskontrollregimen beizutreten, zum Beispiel 2016 dem Raketentechnikkontrollregime (Missile Technology Control Regime, MTCR), 2017 dem Wassenaar-Abkommen und 2018 der Australien-Gruppe.147

Das Abkommen trennt strikt zwischen zivilen und militärischen Anlagen. Das nukleare Arsenal Indiens wird auf rund 140 Sprengköpfe geschätzt und ist damit kleiner als das pakistanische, das vermutlich 160 Sprengköpfe umfasst.148 Nach den Tests von 1998 betonte die indische Regierung wiederholt, sie werde im Kriegsfall nicht als Erste Atomwaffen einsetzen. Dieses Bekenntnis fand auch in die 2003 erstmals ver­öffentlichte Nukleardoktrin Eingang.149

War Indien in der Nuklearfrage bis 2008 ein Außen­seiter, leistete es wiederum bei Blauhelm­einsätzen einen wichtigen Beitrag für die internationale Sicherheit. Seit den 1960er Jahren entsendet Neu-Delhi Truppen für diese Einsätze, so viele wie kaum ein anderer Staat. 2014 war Indien der zweit­größte Truppensteller: 8.123 indische Soldaten betei­ligten sich an zwölf VN-Missionen, darunter der ers­ten weiblichen Polizeieinheit der VN.150 Ende 2020 hatte Indien noch immer mehr als 5.400 Personen im Blauhelmeinsatz,151 obwohl sich die daran geknüpften Erwartungen, das militärische Engagement werde Indien zu einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat verhelfen, nicht erfüllten. Ob die Blauhelmeinsätze tatsächlich den Aufstieg des Landes befördern, wird daher mittlerweile in Indien angezweifelt. Neu-Delhi fordert deshalb in den VN mehr Mitsprache bei der Vorbereitung der Einsätze.152 Dieses Thema wird während Indiens Amtszeit als nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrates 2021 und 2022 wieder auf der Agenda stehen.

Die regionale Ebene

Indien unterhält traditionell enge militärische Bezie­hungen mit Bhutan und Nepal; sie reichen teilweise bis in die 1950er Jahre zurück. Die Freundschafts­verträge mit den beiden Staaten ermöglichten es Indien, seine sicherheitspolitischen Interessen im Himalaya gegenüber China zu wahren.

Aufgrund bilateraler Probleme mit seinen Nachbarn waren der militärischen Kooperation stets enge politische Grenzen gesetzt. Indien fehlt zudem bis­lang eine konkurrenzfähige Rüstungsindustrie für den Waffenexport als Mittel zum Ausbau der mili­tärischen Zusammenarbeit. Seine wichtigsten sicher­heitspolitischen Instrumente sind die Ausbildungs- und Trainingskapazitäten, die es Nachbarstaaten zur Verfügung stellt. Die Streitkräfte aller SAARC-Staaten, mit Ausnahme Pakistans, entsenden Offiziere zur Ausbildung nach Indien.

Seit dem Fiasko der militärischen und politischen Intervention in Sri Lanka von 1987 bis 1991 hat Indien in der Region militärisch sehr zurückhaltend agiert. 2003 unterstützte Indien die bhutanesische Armee, als diese im Süden des Landes gegen die Lager verschiedener separatistischer Gruppen aus dem indi­schen Nordosten vorging. Auch Indien und Myanmar haben eine engere militärische Zusammenarbeit gegen separatistische Gruppen vereinbart. In Afgha­nis­tan baute Indien auf Drängen der USA zwar seine militärische Unterstützung für die Streitkräfte aus, verweigerte sich aber wiederholt dem Ansinnen, eigene Truppen dort zu stationieren. Dass Indien seine militärische Zusammenarbeit mit seinen süd­asiatischen Nachbarstaaten – mit Ausnahme Pakis­tans – in den letzten Jahren dennoch ausweiten konnte, ist einer generellen Verbesserung der poli­tischen Beziehungen ebenso geschuldet wie der als gemeinsam empfundenen Bedrohung durch Terro­rismus.153

Indien sieht sich als Sicherheitsanbieter im Indischen Ozean.

Indien hat in den letzten Jahren seine außen­politischen Ambitionen und seinen geostrategischen Radius deutlich erweitert. Diese Entwicklung voll­zieht sich vor dem Aufstieg Chinas, der Indien vor außenpolitische Herausforderungen stellt. Mittler­weile ist der Indo-Pazifik für Indien der zentrale geo­politische Raum, und er erstreckt sich, im indischen Verständnis, von der Ostküste Afrikas bis nach Japan. Auch das Selbstverständnis als regionale Ordnungsmacht hat sich gewandelt. Zum einen hat Indien seine Machtprojektion ausgeweitet und sieht sich ver­stärkt als Anbieter von Sicherheit (security pro­vider),154 etwa durch den Aufbau eines Netzes an Radarstationen in Anrainerstaaten des Indischen Ozeans: Mauri­tius, den Seychellen und Sri Lanka. In Bangladesch, Myanmar und auf den Malediven sollen weitere An­lagen hinzukommen.155

Zum anderen versteht sich Indien immer häufiger als »Ersthelfer« (first responder) bei Naturkatastrophen oder humanitären Krisen (Humanitarian Assistance and Disaster Relief, HADR).156 Die bekanntesten Bei­spiele hierfür waren die Unterstützung, die Indien Sri Lanka nach dem Tsunami 2004, Nepal nach dem Erd­beben 2015, Mosambik nach einem Zyklon, Fidschi nach einem Taifun oder durch Lieferung von Impf­stoffen im Rahmen der Pandemiebekämpfung leis­te­te. Angesichts der wachsenden Konkurrenz mit China untermauert die indische Regierung damit ihren An­spruch, als Regionalmacht zu fungieren, die in der Lage ist, öffentliche Güter bereitzustellen.157

Indien ist zusammen mit den USA, Japan und Australien Mitglied der Quad-Gruppe, die sich gegen die machtpolitischen Ambitionen Chinas im Kontext seiner BRI wendet. Trotz ihres gemeinsamen Inter­esses verfolgen die vier Quad-Staaten aber teilweise unterschiedliche Strategien.158 Während die amerikanische Indo-Pazifik-Strategie sich explizit gegen China richtet, betont Indien den inklusiven Charakter des Indo-Pazifiks, der trotz aller bilateralen Probleme eine Zusammenarbeit mit China ermöglicht. Mit dem ersten gemeinsamen Treffen der Außenminister und einem ersten gemeinsamen Militärmanöver haben die vier Staaten die Gruppierung im Herbst 2020 poli­tisch und militärisch aufgewertet. Die Quad-Staaten führen zudem in unterschiedlichen Konstellationen Manöver mit anderen Mitgliedern und weiteren befreundeten Staaten durch, was ihre militärische Zusammenarbeit festigt. Nach ihrem Treffen im März 2021 veröffentlichten die Quad-Mitglieder erstmals eine gemeinsame Erklärung und verständigten sich auf Arbeitsschwerpunkte in Bereichen wie Pandemie­bekämpfung, Klimawandel und kritischer Techno­logie.159

Die nationale Ebene

Die Indische Union ist seit ihrer Unabhängigkeit mit zwei Territorialkonflikten konfrontiert, die ihre Sicherheitspolitik bis heute prägen. Das ist erstens der seit 1947 schwelende Konflikt mit Pakistan über die Zugehörigkeit Kaschmirs. Indien hat drei seiner ins­gesamt vier Kriege mit Pakistan (1947/48, 1965 und 1999) über diesen Konflikt ausgetragen. Zweitens ist es der strategisch bedeutsamere Konflikt mit China über den bis heute ungeklärten Grenzverlauf, der 1962 erstmalig zum Krieg führte.

Die Konfrontation, die im Mai 2020 zwischen Indien und China in der zu Kaschmir zählenden Region Ladakh/Aksai Chin aufflammte, verknüpft beide Kon­flikte enger als zuvor miteinander. Am 15. Juni 2020 wurden bei einem Handgemenge zwanzig indische und mindestens fünf chinesische Soldaten getötet. Diese schwerste Krise seit dem Grenzkrieg 1962 könnte sich im bilateralen Verhältnis als Zäsur erweisen. Erstens wurden damit alle bisherigen Regelungen zur Grenze außer Kraft gesetzt, die Indien und China seit den 1990er Jahren in Arbeitsgruppen und fünf Ab­kom­men vereinbart hatten. Zweitens betrachtet China die Grenzstreitigkeiten zunehmend im geo­strategischen Kontext des sino-amerikanischen Kon­flikts und zählt Indien hier zum Lager der USA. Drit­tens sieht sich Indien im Kaschmir-Konflikt jetzt einer gestärkten chinesisch-pakistanischen Zusammen­arbeit gegenüber, die lang­fristig Indiens vorteil­hafte Stellung auf dem Siachen-Gletscher, dem am höch­sten gelegenen Kriegsschauplatz der Welt, gefährden könnte.160 Des Weiteren gibt es in Indien selbst eine Reihe von zum Teil seit Jahrzehnten andauernden Gewalt­konflikten, etwa im Nordosten, in denen auch die Streitkräfte zum Einsatz kommen.

Die Streitkräfte

2018 unterhielt die Indische Union mit rund 1,4 Mil­lio­nen Soldaten das weltweit größte Heer.161 Hinzu kommen verschiedene paramilitärische Verbände, die zum Teil dem Innenministerium unterstehen und ebenfalls über eine Million Menschen umfassen. Indien verfügt über eine Reihe von Waffensystemen, die sich mit seinem Anspruch auf einen Großmacht­status verbinden, darunter Atomwaffen, Raketen­systeme und Flugzeugträger. Außerdem hat das Land eigene Raketensysteme entwickelt, die auch als Trä­ger­systeme für Atomwaffen fungieren, etwa die Agni-V-Rakete mit einer Reichweite von mehr als 5.000 Kilo­metern.162 Spätestens seit November 2018 kann Indien auf eine nukleare Triade zurückgreifen, das heißt, Atomwaffen mittels Raketen, Flugzeugen oder U-Booten zum Abschuss bringen.163

Da China sein Engagement im Indischen Ozean ausbaut, reagierte Indien in den letzten Jahren mit Erweiterung seiner maritimen Kapazitäten. Indien zählt zu den wenigen Staaten, deren Marine über Flugzeugträger verfügt. 2020 war der Flugzeugträger INS Vikramaditya einsatzbereit, im August 2021 absol­vierte der erste weitgehend selbstkonstruierte Flug­zeugträger INS Vikrant seine Jungfernfahrt.164 In der Marine gibt es Forderungen nach einem dritten Trä­ger, damit immer mindestens eines der drei Schiffe voll einsatzbereit sein kann.165

Ein weiterer militärischer Bereich, in dem Indien seine internationale Position verbessern will, betrifft Rüstungsexporte. Noch zählt das Land zu den größten Rüstungsimporteuren.166 Traditionell arbeitet Indien hier eng mit Russland, vorher mit der Sowjetunion zusammen. In den letzten Jahren hat aber die mili­tärische Kooperation mit den USA und mit Israel deut­lich zugenommen, vor allem bei Hochtechnologie.167 Der Aufbau einer eigenen, mittel- bis langfristig international wettbewerbsfähigen Rüstungsexportindustrie ist ein zentraler Pfeiler der »Make in India«-Initiative von Premierminister Modi. Die Zielvorgabe für die Rüstungsexporte liegt bei fünf Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Hauptzielländer sollen vor allem Staaten im Indischen Ozean und in Afrika sein, wo Indien seinen außenpolitischen Einfluss ausbauen will.168 Zur Ankurbelung der nationalen Rüstungs­industrie verhängte die Regierung im Sommer 2020 ein Importembargo für 101 Güter. Gleichzeitig wurde aber auch die Schwelle für ausländische Direktinvestitionen im Verteidigungssektor von 49 auf 74 Pro­zent angehoben. Dies rief Proteste hindu-nationalis­tischer Gruppen hervor, die darin eine Benachteiligung indischer Unternehmen sahen.169 Vermutlich in Reaktion darauf wurde im Verteidigungshaushalt 2021/22 der Budgetanteil für die Modernisierung der Streitkräfte durch indische Zulieferer von 58 auf 64 Prozent erhöht.170 General Rawat, der erste Chief of Defence Staff (CDS), begrüßte die Unterstützung der nationalen Rüstungsindustrie, selbst wenn diese die Qualitätsanforderungen der Streitkräfte nicht hundertprozentig erfüllen könne.171

Die Streitkräfte haben in den letzten Jahren eine Reihe von Reformen durchgeführt. Dazu gehört die Einrichtung eines Chief of Defence Staff und von Inte­grated Battle Groups, um das Zusammenspiel der Teil­streitkräfte zu verbessern. Neben der umfangreichen Rüstungszusammenarbeit hat die Modi-Regierung seit 2016 zudem drei Abkommen mit den USA unter­zeichnet, unter deren Bestimmungen die Interoperabilität der Streitkräfte vertieft wurde.172

Indiens Verteidigungsetat ist tendenziell rückläufig.

Die indischen Streitkräfte stehen aber auch einer Reihe von Problemen gegenüber.173 Der Verteidigungs­haushalt, der traditionell zwischen zwei bis drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts schwankt,174 bewegt sich in den letzten Jahren am unteren Rand dieser Marge und lag 2020/21 bei nur noch 2,1 Pro­zent.175 Ein Großteil der Mittel fließt bei den Teil­streitkräften in Personalausgaben. General Rawat erklärte 2018, dass die Armee 83 Prozent ihres Haus­halts für Gehälter und Pensionen ausgebe, aber nur 17 Prozent für Modernisierung zur Verfügung habe. Daher müsse man die Mannschaftsstärke verringern, um mehr Spielraum für die Ausrüstung zu haben.176 Nach eigenen Angaben stuft die Armee ihre Ausrüstung zu mehr als zwei Dritteln als »vintage« ein.177

Tabelle 2 Indiens Hard und Soft Power im internationalen Vergleich

Name des Index

Hard/Soft Power

Jahr

Indiens Rang

Global Firepower Index

Hard

2020

4

National Power Rankings of Countries

Hard

2017

3a

Global Cybersecurity Index

Hard

2015

5

Composite Index of National Capability

Hard

2007

3

State Power Index

Mix

2017

4

Comprehensive National Power Index

Mix

2000

8

2020b

5b

The Soft Power 30

Soft

2019

/c

Global Terrorism Index

Hard

2019

7 (von 138)d

World Press Freedom Index

Soft

2020

142 (von 180)

Global Hunger Index

Soft

2019

102 (von 117)

Global Innovation Index

Soft

2019

52 (von 129)

a Rang 3 in allen Kategorien (ökonomisch, militärisch und geopolitisch).

b Prognose.

c nicht unter den Top 30.

d Der Index misst den Einfluss von Terrorismus – eine »Top«-Platzierung verweist auf ein hohes Maß an Terroreinfluss.

Quellen: State Power Index 2017: <http://index.ineuropa.pl/en/state-power-index/>;
Global Firepower Ranking: <
https://www.globalfirepower.com/countries-listing.asp>;
The Soft Power 30: <https://softpower30.com/>;
Composite Index of National Capability: <https://enacademic.com/dic.nsf/enwiki/11569567 #List_of_countries_by_CINC>;
Global Cybersecurity Index & Cyberwellness Profiles: <https://www.itu.int/dms_pub/itu-d/ opb/str/D-STR-SECU-2015-PDF-E.pdf>;
National Power Rankings of Countries 2019: <
https://prnet.org.pl/img/pub/national-power-rankings-of-countries-2019.pdf>;
Comprehensive National Power Index: <
https://fas.org/nuke/guide/china/doctrine/ pills2/part08.htm>
(Zugriff jeweils 16.7.2020).

Zudem heißt es, die Streitkräfte seien unterfinanziert, würden zu oft bei der Aufstandsbekämpfung im Innern eingesetzt und seien kaum auf eine künftige netzwerkorientierte Kriegsführung ausgerichtet.178 Als es im Sommer 2020 im Himalaya zur militärischen Konfrontation mit China kam, flammte die Diskussion über einen möglichen Zwei-Fronten-Krieg mit China und Pakistan wieder auf.179 Kriegskonzept und Taktik der indischen Streitkräfte, so meinten Militärexperten, hinkten teilweise »drei Dekaden« hinter denen der chinesischen Streitkräfte her.180 Indien hat zwar seine Rüstungsausgaben in den letzten Jahren deutlich gesteigert, der chinesische Beitrag liegt jedoch um ein Vielfaches höher. Indien ist China deshalb in nahezu allen Belangen militärisch unterlegen.181 Militärexperten gehen davon aus, dass Indien erst mit einem BIP von rund 10 Billionen US-Dollar China militärisch herausfordern könnte.182

Auch im Bereich Sicherheit fällt die Bewertung also gemischt aus. Die größten Erfolge erzielt Indien wieder auf internationaler Ebene. Dabei wird seine Stärke eher im Bereich der Hard als der Soft Power gesehen.

Im regionalen Kontext hat Indien zwar wiederholt als militärische Ordnungsmacht fungiert, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, wie die Intervention in Sri Lanka zeigte. Nicht nur in der wirtschaftlichen, son­dern auch in der militärischen Zusammenarbeit hat China sein Engagement in den Staaten Südasiens ausgeweitet. Ist China dabei in puncto Rüstungs­exporten im Vorteil, hat Indien durch seine Ausbildungsmöglichkeiten einen Vorsprung. Zudem koope­riert Neu-Delhi mit den Nachbarn auf Basis einer Reihe von Abkommen zur militärischen Terrorismus­bekämpfung.

Im weiteren regionalen Umfeld des Indo-Pazifiks hat Indien militärisch an Kontur gewonnen, sowohl durch die Ausweitung seiner maritimen Machtprojektion als auch durch militärische Zusammenarbeit mit den Quad-Mitgliedern sowie mit Staaten in Südost­asien und im Indischen Ozean. Die größten Heraus­forderungen ergeben sich auch in diesem Bereich auf der nationalen Ebene. Hier geht es vor allem um die Modernisierung der Streitkräfte – von Finanzierung über Rekrutierung und Ausrüstung bis hin zu Fragen der künftigen Kriegsführung.

Indiens Aufstieg: eine Bilanz

Es stand nicht zu erwarten, dass die Betrachtung verschiedener Politikfelder auf unterschiedlichen Ebenen ein einheitliches Bild oder eine klare Antwort auf die Frage nach Indiens Aufstieg hervorbringen würde – zumal das Konzept als solches oft eher als politisches Schlagwort denn als analytische Kategorie genutzt wird.

Bei Betrachtung der Politikfelder im Querschnitt lässt sich dennoch ein gewisses Muster erkennen: So hat Indien die größten Fortschritte auf internationaler Ebene erzielt. Auf regionaler Ebene musste es hingegen eine Reihe von Rückschlägen in Kauf nehmen und weist auf nationaler Ebene, trotz vieler positiver Entwicklungen, weiterhin eine Reihe struk­tureller Defizite auf.

Die internationale Ebene

Ein Aufstieg Indiens lässt sich am ehesten auf inter­nationaler Ebene erkennen. Hier zeigt sich in allen drei Politikfeldern ein Bedeutungszuwachs seit 1991. Die Aufwertung durch die Mitgliedschaft in den G20, die erweiterten Stimmrechte in Weltbank und IWF oder Indiens Engagement im Rahmen der BRICS sind die offensichtlichsten Beispiele hierfür. Der größte außenpolitische Erfolg ist vermutlich Indiens An­nähe­rung an den NVV; schließlich hat kein anderer Staat außerhalb dieses Regimes bislang solche Privi­legien erhalten. Die wachsende Zahl strategischer Partnerschaften oder exklusive Formate in bilateralen Beziehungen unterstreichen das Interesse der Groß­mächte oder anderer Staaten aus der Peer Group der G20, Indien künftig einen gewichtigeren Platz in ihrer Außenpolitik einzuräumen.

Die Hauptgründe für Indiens Aufstieg sind in der wirtschaftlichen Liberalisierung und den veränderten Strukturen des internationalen Systems nach 1991 zu suchen. Die wirtschaftliche Öffnung des Landes, das sein Wirtschaftswachstum im Vergleich zu der Zeit vor 1991 nahezu verdoppeln konnte, und der partei­übergreifende Konsens über die Fortführung der Refor­men haben dem Land einen beträchtlichen Vertrau­ensvorschuss eingebracht. Das Ende des Ost-West-Kon­flikts und die Verbesserung der Beziehungen mit den USA, China, Japan und der EU haben die Rolle des Lan­des ebenso aufgewertet wie sein demographisches Ge­wicht in globalen Klima-, Umwelt- und Ener­gie­fragen.

Die regionale Ebene

Die größten Rückschläge hat Indien vermutlich in Süd­asien zu verzeichnen, vor allem aufgrund des chine­sischen Engagements. Indische Regierungen betonten zwar seit Mitte der 1990er Jahre ihre Bereit­schaft, öffentliche Güter für die Nachbarstaaten bereitzustellen und die regionale Konnektivität zu verbessern, doch die Erfolge hielten sich in Grenzen. Politisch erzielte man zwar im Rahmen des Verbunddialogs mit Pakistan in der Kaschmirfrage 2007 eine informelle Vereinbarung, doch endete der gesamte Prozess jäh mit dem Anschlag in Mumbai 2008. Die Unterstützung der sri-lankischen Regierung bei der Beendigung des Bürgerkriegs oder die erfolgreiche Vermittlung im Bürgerkrieg in Nepal unterstrichen zwar Indiens Einfluss, doch haben Chinas Investitionen im Rahmen des Seidenstraßen-Projekts Indiens Einfluss in der Region geschwächt. Viele Regierungen in den Nachbarstaaten nutzen die chinesische Unter­stützung, um sich stärker von Neu-Delhi abgrenzen zu können. Indiens Gestaltungsmöglichkeiten hängen nach wie vor von den innenpolitischen Konstellationen in den Nachbarstaaten ab, aber im Unterschied zur Phase vor 1991 ist mit China ein dauerhafter Akteur in der Region hinzugekommen.

Indien hat seine Außenpolitik angepasst und pflegt mittlerweile Beziehungen auch zur erweiterten Nach­barschaft bzw. zu den Staaten des indo-pazifischen Raums. Hier hat Indien deutlich an Statur gewonnen, verfügt aber aufgrund seiner geringen Machtressourcen nur über eingeschränkte außenpolitische Hand­lungsspielräume. Eine Strategie Neu-Delhis besteht darin, dieses Manko durch die Zusammenarbeit mit gleich­gesinnten Großmächten auszugleichen, zum Beispiel den Quad-Staaten.

Die nationale Ebene

Auf nationaler Ebene ergibt sich ein widersprüch­liches Bild. Einerseits hat Indien teilweise spektaku­läre Erfolge beim Wirtschaftswachstum, beim Abbau der Armut, dem Aufbau einer Mittelschicht oder in der Informations- und Kommunikationstechnologie erzielt. Andererseits kommt Indien seit Jahren über die unteren Plätze des Human Development Index nicht hinaus, was auf anhaltende Defizite bei der Bereitstellung öffentlicher Güter wie Bildung und Gesundheit hinweist. Die geringe Steuerquote begrenzt die Umwandlung vorhandener Ressourcen in reale Kapazitäten, ohne die sich die außenpolitische Rolle nicht ausweiten lässt. Die Altersstruktur der indischen Gesellschaft gilt als Plus für die künf­tige wirtschaftliche Entwicklung, doch die Defizite im Bildungssektor und die geringen Aufwendungen für Zukunftsbereiche wie Forschung und Technologie lassen Zweifel aufkommen, ob die demographische Dividende wirklich eingelöst werden kann.

Die Probleme auf nationaler Ebene wirken sich auch direkt auf die außenpolitischen Ambitionen des Landes aus. Am offenkundigsten ist dies mit Blick auf die Begrenzungen des diplomatischen Dienstes. Angesichts der bekannten Zahlen erscheinen Debat­ten über Indiens Aufstiegsambitionen als müßig. Wie will Indien seine Beziehungen zu Deutschland und der EU ausbauen oder neue gemeinsame Initiativen in Drittstaaten in Gang setzen, wenn die dafür benö­tigten personellen Kapazitäten kaum aufgebracht werden können?

Bislang noch nicht abzuschätzen sind die Folgen der neuen, auf Eigenständigkeit ausgerichteten Wirt­schaftspolitik, die sich aus dem ideologischen Gerüst von Hindutva und den damit verbundenen Vorstellungen von nationaler Stärke ableitet. Misslingt das Experiment – wofür die Erfahrungen vieler Staaten seit 1945 sprechen –, würde Indien damit seine seit den 1990er Jahren aufgebaute wirtschaftliche Attrak­tivität selbst untergraben. Die Aufstiegsambitionen würden darunter indes nicht zwangsläufig leiden. Zum einen hätte das Land in internationalen Ver­hand­lungsrunden weiterhin Gewicht. Zum anderen könnten die politischen Entscheidungsträger ihre internationalen Ambitionen aus dem Selbstverständnis als Zivilisation ableiten.

Fazit: Die Folgen für deutsche und europäische Politik

Die Frage nach den Fundamenten von Indiens Auf­stieg ist auch für die deutsche wie für die europäische Politik von größtem Interesse. Bislang bildeten die enge wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit sowie das Bekenntnis zu den gemeinsamen demo­kratischen Werten die Grundlage der Beziehungen.

Doch in den letzten Jahren haben sich die Para­meter verändert. Auf der einen Seite hat der Umgang mit dem Aufstieg Chinas die Schnittmenge der geo­politischen Interessen zwischen Deutschland/Europa und Indien weiter vergrößert. Die neuen Leitlinien der Bundesregierung zum Indo-Pazifik bringen dies deutlich zum Ausdruck. Indien gilt als einer der wich­tigsten Wertepartner für den Aufbau einer regel­basierten Ordnung und die Stärkung multilateraler Institutionen. Auf der anderen Seite ist davon aus­zugehen, dass sich die Partnerschaft mit Indien durch innenpolitische Entwicklungen schwieriger als bisher gestalten dürfte.

Erstens werden sich deutsche und europäische Unternehmen, die bereits auf dem indischen Markt aktiv sind, durch die neue Wirtschaftspolitik der Eigenständigkeit vermutlich mit zusätzlichen büro­kratischen Regelungen konfrontiert sehen. Die indische Regierung wirbt zwar mit Initiativen wie »Make in India«-Mittelstand (MIIM) um dieses Firmen­segment aus Deutschland, das für den Technologie­transfer wichtig ist. Doch eine auf Eigenständigkeit ausgerichtete Wirtschaftspolitik strebt danach, die lokale Produktion auszubauen, was die Attraktivität des Marktes für ausländische Unternehmen schwächt. Als positives Signal lässt sich deuten, dass Indien und die EU bei ihrem Gipfeltreffen 2021 vereinbart haben, die Gespräche über ein Handelsabkommen wieder aufzunehmen. Da Indien allerdings nicht in der Lage war, einem vergleichsweise einfachen Abkommen wie RCEP zuzustimmen, ist schwer vorstellbar, dass dies mit der EU gelingt.

Zweitens zeigt sich, dass die von der Modi-Regie­rung propagierte indische Form der Demokratie immer weniger mit westlichen Vorstellungen über­einstimmt. Die Liste der Restriktionen gegen Nicht­regierungsorganisationen (NRO) und ihre westlichen Partner in Indien wird mit fast jedem Jahr länger. Die Kritik deutscher und europäischer zivilgesellschaft­licher Organisationen, deren Wirken in einem zuneh­mend illiberalen Indien immer weniger erwünscht ist, findet Gehör in Berlin und Brüssel und dürfte zum Beispiel beim Abschluss von Handelsvereinbarungen auch eine Rolle spielen. Das Beispiel China hat jedoch gezeigt, dass enge wirtschaftliche Bezie­hungen und weltwirtschaftliche Verflechtung nicht notwendigerweise zu politischer Liberalisierung bei­tragen. Im Falle Indiens, das auf wirtschaftspolitische Abschottung setzt, dürfte es noch weniger Möglich­keiten geben, innenpolitische Entwicklungen durch die Aussicht auf Handelsabkommen zu befördern.

Drittens eröffnen die gemeinsamen strategischen Interessen ein weites Feld an Kooperationsmöglichkeiten: Konnektivität, Digitalisierung, die maritime Wirtschaft, gemeinsame Kapazitätsprogramme in Drittstaaten oder Aufbau und Stärkung von regio­nalen Strukturen im Indo-Pazifik sind dafür nur einige Beispiele. Gemeinsamen Projekten sind aller­dings dadurch Grenzen gesetzt, dass die Kapazitäten indischer Außenpolitik den rhetorischen Ambitionen auf absehbare Zeit nicht gewachsen sein werden.

Indien hat ohne Frage seit den 1990er Jahren einen Aufstieg bewerkstelligt. Allerdings scheint dieser Auf­stieg, vor allem aufgrund der Probleme auf nationaler Ebene, auf einem tönernen Fundament zu stehen. Die internationale Aufwertung hat sich Indien durch die Reformen seit den 1990er Jahren nicht nur hart er­arbeitet; sie ist auch ein Vertrauensvorschuss vieler Staaten auf die künftige Leistungsfähigkeit. Selbst wenn Indien diesen Vorschuss nicht einlöst, wird es ein wichtiger globaler Akteur bleiben, auch für die deutsche und europäische Politik. Allerdings ist es fraglich, ob dieser Akteur aufgrund innenpolitischer Weichenstellungen seinen eigenen internationalen Macht- und Gestaltungsambitionen künftig auch gerecht werden kann. Die Zusammenarbeit mit Neu-Delhi sollten Berlin und Brüssel darum eher an den gemeinsamen strategischen Interessen ausrichten statt an der Idee einer Wertepartnerschaft, deren gemeinsame Elemente sich zunehmend voneinander entfernen.

Abkürzungen

ADBI

Asian Development Bank Institute (Tokio)

ASEAN

Association of Southeast Asian Nations

BBC

British Broadcasting Corporation

BBIN

Bhutan, Bangladesch, Indien, Nepal
(subregionale Zusammenarbeit)

BCCI

Board of Cricket Control of India

BDI

Bundesverband der Deutschen Industrie

BECA

Basic Exchange and Cooperation Agreement

BIMSTEC

Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation

BIP

Bruttoinlandsprodukt

BJP

Bharatiya Janata Party (Indische Volkspartei)

BRI

Belt and Road Initiative (Seidenstraßen-Initiative)

BRICS

Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika (Staatengruppe)

CCIT

Comprehensive Convention on International Terrorism

CDRI

Coalition for Disaster Resilient Infrastructure

CDS

Chief of Defence Staff

CEA

Chief Economic Adviser

CoD

Community of Democracies

COMCASA

Communications Compatibility and Security Agreement

ESCAP

Economic and Social Commission for Asia and the Pacific (United Nations)

EU

Europäische Union

FIR

First Information Report

G4

Gruppe der Vier (Brasilien, Deutschland, Indien, Japan)

G20

Gruppe der Zwanzig

GATT

General Agreement on Tariffs and Trade

GIGA

German Institute of Global and Area Studies (Hamburg)

HADR

Humanitarian Assistance and Disaster Relief

HDI

Human Development Index

IAEO

Internationale Atomenergie-Organisation

IBRD

International Bank for Reconstruction and Development

IBSA

Indien-Brasilien-Südafrika(-Dialogforum)

IIIDEM

India International Institute of Democracy and Election Management

IISc

Indian Institutes of Sciences

IIT

Indian Institutes of Technology

IMF

International Monetary Fund

INS

Indian Naval Ship

IORA

Indian Ocean Rim Association

ISA

International Solar Alliance

IT-BPM

Information Technology and Business Process Management

IWF

Internationaler Währungsfonds

LEMOA

Logistics Exchange Memorandum of Agreement

LFPR

Labour Force Participation Rate

LTTE

Liberation Tigers of Tamil Eelam

MEA

Ministry of External Affairs

MIIM

»Make in India«-Mittelstand

MTCR

Missile Technology Control Regime

NAM

Non-Aligned Movement (Blockfreien-Bewegung)

NPT

Non-Proliferation Treaty

NRI

Non-Resident Indian

NRIC

National Register of Indian Citizens

NRO

Nichtregierungsorganisationen

NSG

Nuclear Suppliers Group

NVV

Nichtverbreitungsvertrag (Atomwaffen­sperrvertrag)

OECD

Organisation for Economic Co-operation and Development

ORF

Observer Research Foundation

PIO

Person of Indian Origin

PM

Prime Minister

Quad

Quadrilateral Security Dialogue (Australien, Indien, Japan, USA)

RBI

Reserve Bank of India (Indische Zentralbank)

RCEP

Regional Comprehensive Economic Partnership

RSS

Rashtriya Swayamsevak Sangh
(Nationales Freiwilligenkorps)

SAARC

South Asian Association for Regional Cooperation

SAFTA

South Asian Free Trade Area

SDG

Sustainable Development Goals

SR

Sicherheitsrat (der Vereinten Nationen)

THE

Times Higher Education (Ranking)

UN

United Nations

UNSC

United Nations Security Council

VN

Vereinte Nationen

WTO

World Trade Organization

Endnoten

1

 Vgl. Jawaharlal Nehru, The Discovery of India, Kalkutta 1946, S. 535.

2

 Vgl. »Next 5 Years Will Make India Vishwa Guru: PM Modi in Gujarat«, in: Times of India, 27.5.2019, <https:// timesofindia.indiatimes.com/india/next-5-yrs-will-make-india-vishwa-guru-modi-in-gujarat/articleshow/ 69510732.cms> (Zugriff 28.5.2019).

3

 Vgl. C. Raja Mohan, »PM Modi’s Foreign Policy: Making India a Leading Power«, in: Hindustan Times, 5.4.2016, <https:// www.hindustantimes.com/analysis/pm-modi-s-foreign-policy-making-india-a-leading-power/story-SMXx2543j1uPgcHCb0 QmJJ.html> (Zugriff 6.4.2016); S. Jaishankar, »India, the United States and China«, Singapur 2015 (Fullerton Lecture, International Institute of Strategic Studies), <https://mea. gov.in/Speeches-Statements.htm?dtl/25493/IISS_Fullerton_ Lecture_by_Foreign_Secretary_in_Singapore> (Zugriff 3.8.2021); Tara Kartha, »›Anonymous‹ Author’s Paper on US’ China Strategy Makes a Buzz, Has Sharp Message for India«, ThePrint, 4.2.2021, <https://theprint.in/opinion/anonymous-authors-paper-on-us-china-strategy-makes-a-buzz-has-sharp-message-for-india/598383/> (Zugriff 4.2.2021).

4

 Vgl. Prime Minister’s Office, »English Rendering of PM’s Address at the World Economic Forum’s Davos Dialogue«, 28.1.2021, <https://pib.gov.in/PressReleseDetail.aspx?PRID= 1693019> (Zugriff 6.5.2021).

5

 Vgl. unter anderem Stephen P. Cohen, India: Emerging Power, Washington, D.C.: Oxford University Press, 2002; Christian Wagner, Die »verhinderte« Großmacht? Die Außenpolitik der Indischen Union, 1947 bis 1998, Baden-Baden: Nomos, 2005; Carsten Rauch, Das Konzept des friedlichen Machtübergangs. Die Machtübergangstheorie und der weltpolitische Aufstieg Indiens, Baden-Baden: Nomos, 2014; Bharat Karnad, Why India Is Not a Great Power (Yet), Neu-Delhi: Oxford University Press, 2015; Sumit Ganguly/William R. Thompson, Ascending India and Its State Capacity, New Haven/London: Yale University Press, 2017; Rajesh Basrur/Kate Sullivan de Estrada, Rising India: Status and Power, London/New York: Routledge, 2017; Alyessa Ayres, Our Time Has Come: How India Is Making Its Place in the World, New York: Oxford University Press, 2018; Rohan Mukherjee, »Power and Indian Foreign Policy«, in: Harsh V. Pant (Hg.), India’s Foreign Policy: Theory and Praxis, Cambridge: Cambridge University Press, 2019, S. 23–47; Shyam Saran, How India Sees the World: Kautilya to the 21st Century, Neu-Delhi: Juggernaut Publication, 2017; Subrahmanyam Jaishankar, The India Way: Strategies for an Uncertain World, Neu-Delhi: HarperCollins, 2020; Johannes Plagemann/Sandra Destradi/ Amrita Narlikar (Hg.), India Rising, A Multilayered Analysis of Ideas, Interests, and Institutions, Neu-Delhi: Oxford University Press, 2020; Shivshankar Menon, India and Asian Geopolitics: The Past, Present, Washington, D.C.: Brookings Institution Press, 2021.

6

 Vgl. unter anderem Andrew Hurrell, »Hegemony, Liberalism and Global Order: What Space for Would-be Great Powers?«, in: International Affairs, 82 (2006) 1, S. 1–19; Detlef Nolte, Macht und Machthierarchien in den internationalen Beziehungen. Ein Analysekonzept für die Forschung über regionale Führungsmächte, Hamburg: German Institute of Global and Area Studies (GIGA), 2006 (GIGA Working Papers, 29); Gregory T. Chin, »The State of the Art: Trends in the Study of the BRICS and Multilateral Organizations«, in: Alan S. Alexandroff/Andrew Cooper (Hg.), Rising States, Rising Institutions: Challenges for Global Governance, Washington, D.C.: Brookings Institution Press, 2010, S. 19–41; Amrita Narli­kar, »Negotiating the Rise of New Powers«, in: International Affairs, 89 (2013) 3, S. 561–576; Thomas G. Weiss, »Rising Powers, Global Governance, and the United Nations«, in: Rising Powers Quarterly, 1 (2016) 2, S. 7–19.

7

 Vgl. Günther Maihold, »Was ist vom Aufstieg der ›emerging powers‹ geblieben? Neue Partner und ihre Leis­tungs­fähigkeit«, in: Barbara Lippert/ders. (Hg.), Krisenland­schaften und die Ordnung der Welt. Im Blick von Wissenschaft und Politik, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, September 2020 (SWP-Studie 18/2020), S. 95–100.

8

 Vgl. Nolte, »Macht und Machthierarchien in den inter­nationalen Beziehungen« [wie Fn. 6]; Dries Lesage/Thijs Van de Graaf, »Analytical Framework and Findings«, in: Alexandroff/Cooper (Hg.), Rising States, Rising Institutions [wie Fn. 6], S. 3–18; Amrita Narlikar, »Negotiating the Rise of New Powers«, in: International Affairs, 89 (2013) 3, S. 561–576; Weiss, »Rising Powers, Global Governance, and the United Nations« [wie Fn. 6].

9

 Vgl. »Govt Sticks to $5 Trillion Economy Target; Emphasis on Infra Aimed at Achieving Goal: DEA Secretary«, Economic Times, 4.2.2021, <https://economictimes.indiatimes.com/ news/economy/policy/govt-sticks-to-usd-5-trillion-economy-target-emphasis-on-infra-aimed-at-achieving-goal-dea-secretary/articleshow/80686511.cms?from=mdr> (Zugriff 5.2.2021).

10

 Vgl. R. H. Munro, »The Loser: India in the Nineties«, in: The National Interest, (Sommer 1993) 33, S. 62–69 (62).

11

 Vgl. Anton Harder, »When Nehru Refused American Bait on a Permanent Seat for India at the UN«, The Wire, 14.3.2019, <https://thewire.in/diplomacy/when-nehru-refused-american-bait-on-a-permanent-seat-for-india-at-the-un> (Zugriff 14.3.2019).

12

 Vgl. Basrur/Sullivan de Estrada, Rising India [wie Fn. 5], S. 92; »India Deserves UNSC Permanent Membership, Says PM Narendra Modi«, in: The Economic Times, 8.6.2015, <http:// economictimes.indiatimes.com/news/politics-and-nation/ india-deserves-unsc-permanent-membership-says-pm-narendra-modi/articleshow/47578554.cms?prtpage=1> (Zu­griff 8.6.2015).

13

 Vgl. »India Deserves UNSC Permanent Membership, Says PM Narendra Modi« [wie Fn. 12].

14

 Indien war in den Jahren 1950/51, 1967/68, 1972/73, 1977/78, 1984/85, 1991/92 und 2011/12 nichtständiges Mit­glied des Sicherheitsrates und ist es auch im laufenden Jahr 2021/22, vgl. »India Will Be Security Council President for August, 2021: UN«, in: The Hindu, 19.6.2020, <https://www. thehindu.com/news/national/india-will-be-security-council-president-for-august-2021-un/article31866782.ece> (Zugriff 19.6.2020).

15

 Vgl. »India Will Be Security Council President for August, 2021: UN«, ebd.; Nayanima Basu, »Countering Terror Will Be the Focus in India’s Eighth Stint As UNSC Non-per­manent Member«, ThePrint, 18.6.2020, <https://theprint.in/ diplomacy/countering-terror-will-be-the-focus-in-indias-eighth-stint-as-unsc-non-permanent-member/444365/> (Zu­griff 18.6.2020); »India Calls for Reforms in Peacekeeping«, in: The Hindu, 10.9.2019, <https://www.thehindu.com/news/ international/india-calls-for-reforms-in-peacekeeping/ article29381070.ece> (Zugriff 10.9.2019).

16

 Vgl. Suhasini Haidar, »Narendra Modi Skips NAM Summit Again«, in: The Hindu, 23.10.2019, <https://www. thehindu.com/news/national/narendra-modi-skips-nam-summit-again/article29779894.ece?homepage=true> (Zu­griff 23.10.2019).

17

 Vgl. M. K. Narayanan, »Non-alignment to Multi-align­ment«, in: The Hindu, 5.1.2016, <https://www.thehindu.com/ opinion/lead/indian-diplomacy-non-alignment-to-multi-alignment/article13982580.ece> (Zugriff 6.1.2016).

18

 Vgl. Sadanand Dhume, »East Is East: This Group of Nations Is a Few Brics Short of a Load«, in: The Wall Street Journal, 18.9.2020.

19

 Vgl. Ananth Krishnan, »China Wary As India, Australia, Japan Push for Supply Chain Resilience«, in: The Hindu, 29.4.2021, <https://www.thehindu.com/news/national/china-wary-as-india-australia-japan-push-supply-chain-resilience/ article34431964.ece> (Zugriff 29.4.2021).

20

 Vgl. Akshay Mathur, »India Must Build the Capacity to Make Its G20 Presidency in the Future a Success«, in: The Indian Express, 29.1.2019, <https://indianexpress.com/ article/opinion/columns/g20-summit-2020-india-narendra-modi-5558463> (Zugriff 29.1.2019); »India’s G-20 Summit Will Now Be in 2023, a Year Later Than Planned«, The Wire, 23.11.2020 <https://thewire.in/diplomacy/indias-g20-summit-postponed-2023> (Zugriff 23.11.2020).

21

 Vgl. Maihold, »Was ist vom Aufstieg der ›emerging powers‹ geblieben?« [wie Fn. 7].

22

 Vgl. Suhasini Haidar, »›Strategic Partners‹ Are Now Dime a Dozen«, in: The Hindu, 12.1.2017, <http://www. thehindu.com/news/national/%E2%80%98Strategic-partners %E2%80%99-are-now-dime-a-dozen/article17024245.ece> (Zugriff 12.1.2017).

23

 Vgl. Dinakar Peri, »Bilateral Exercises Give Fresh Push to India’s Strategic Ties«, in: The Hindu, 18.3.2017, <http://www. thehindu.com/news/national/bilateral-exercises-give-fresh-push-to-indias-strategic-ties/article17529694.ece> (Zugriff 18.3.2017).

24

 Vgl. Michael Kugelman, »Define ›Strategic Partners‹«, in: The Hindu, 31.10.2018, <https://www.thehindu.com/opinion/ op-ed/define-strategic-partners/article25372410.ece> (Zugriff 31.10.2018).

25

 Vgl. Rohini Mohan, »India to Launch Publicity Campaigns to Correct Its Global Image«, in: The Straits Times, 24.8.2020.

26

 Vgl. Elizabeth Roche, »Indian Diaspora, at 17.5 Million, Is the Largest in the World, Says UN Study«, livemint.com, 19.9.2019, <https://www.livemint.com/news/india/indian-diaspora-at-17-5-million-is-the-largest-in-the-world-says-un-study-1568875186472.html> (Zugriff 27.7.2020). Die indische Diaspora besteht aus zwei verschiedenen Personengruppen, sogenannten Non-Resident Indians (NRIs) und Persons of Indian Origin (PIOs). Bei den NRIs handelt es sich um in­dische Staatsbürger, die ausgewandert sind. Im Unterschied dazu haben die PIOs zwar indische Vorfahren, aber nicht mehr die indische Staatsbürgerschaft.

27

 Vgl. zum Folgenden Ian Hall, »Narendra Modi’s New Religious Diplomacy«, in: International Studies Perspectives, (2019) 20, S. 1–45.

28

 Vgl. »India on Way to Become ›Vishwa Guru‹ under PM Narendra Modi: Amit Shah«, The Indian Express, 19.8.2017, <https://indianexpress.com/article/india/india-on-way-to-become-vishwa-guru-under-modi-amit-shah-4804375/>.

29

 Vgl. Tommy Koh, »The India of My Dreams«, in: The Straits Times, 3.12.2020.

30

 Vgl. Christian Wagner, »Democracy Promotion«, in: Johannes Plagemann/Sandra Destradi/Amrita Narlikar (Hg.), India Rising, A Multilayered Analysis of Ideas, Interests, and Institu­tions, Oxford/Neu-Delhi: Oxford University Press, 2020, S. 195–218.

31

 Vgl. Pratap Bhanu Metha, »Reluctant India«, in: Journal of Democracy, 22 (2011) 4, S. 101–113.

32

 Vgl. B. Raman, Community of Democracies, Noida: South Asia Analysis Group, 2000 (Paper 119), <http://www.south asiaanalysis.org/%5Cpapers2%5Cpaper119.html> (Zugriff 27.2.2008).

33

 Vgl. Dhruva Jaishankar, »What the World Thinks«, in: The Hindu, 29.3.2019, <https://www.thehindu.com/opinion/ op-ed/what-the-world-thinks/article26665687.ece> (Zugriff 29.3.2019).

34

 Vgl. John J. Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, New York: Norton, 2001.

35

 Südasien umfasst die Mitgliedstaaten der 1985 ge­gründeten South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC). Zu den Gründungsmitgliedern Bangladesch, Bhu­tan, Indien, den Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka gesellte sich 2007 Afghanistan.

36

 Die Indira-Doktrin ist nach der indischen Premierminis­terin Indira Gandhi benannt; vgl. Surjit Mansingh, »Indira Gandhi’s Foreign Policy: Hard Realism?«, in: David M. Malone/C. Raja Mohan/Srinath Raghavan (Hg.), The Oxford Handbook of Indian Foreign Policy, Oxford: Oxford University Press, 2015, S. 104–116.

37

 Vgl. Ministry of External Affairs (MEA), »Prime Minis­ter’s Keynote Address at Shangri La Dialogue«, 1.6.2018, <https://www.mea.gov.in/Speeches-Statements.htm?dtl/ 29943/Prime+Ministers+Keynote+Address+at+Shangri+La+ Dialogue+June+01+2018> (Zugriff 18.9.2018).

38

 Vgl. Manjeet S. Pardesi, »Is India a Great Power? Understanding Great Power Status in Contemporary International Relations«, in: Asian Security, 11 (2015) 1, S. 21f.

39

 Vgl. Ganguly/Thompson, Ascending India and Its State Capacity [wie Fn. 5], S. 271.

40

 Vgl. Hardayal Singh, »Why Are We Still a Soft State?«, Financial Express, 12.3.2016, <https://www.financialexpress. com/opinion/why-are-we-still-a-soft-state/224068/> (Zugriff 2.8.2021).

41

 Vgl. u. a. Amartya Sen/Jean Drèze, An Uncertain Glory: India and Its Contradictions, Princeton, NJ: Princeton Uni­versity Press, 2013; Devesh Kapur/Pratap Bhanu Metha/Milan Vaishnav (Hg.), Rethinking Public Institutions in India, Oxford/ Neu-Delhi: Oxford University Press, 2017.

42

 Milan Vaishnav, Transforming State Capacity in India, Washington, D.C.: Carnegie Endowment for International Peace, 2.7.2019, <https://carnegieendowment.org/2019/ 07/02/transforming-state-capacity-in-india-pub-79411> (Zugriff 29.4.2021).

43