Hormus-Blockade, Dünger und Hunger: Warum maritime Transportpolitik strategisch wichtiger wird
Kurz gesagt, 26.03.2026 Forschungsgebiete-

Bettina Rudloff
Steigende Energie- und Düngerpreise infolge der Hormus-Blockade erhöhen auch den Druck auf die Lebensmittelpreise. Die EU reagiert mit kurzfristigen Entlastungsvorschlägen, steht aber vor Zielkonflikten. Langfristig kann vorausschauende maritime Transportpolitik helfen, meint Bettina Rudloff.
Die Blockade der Straße von Hormus beeinträchtigt derzeit bis zu 30 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports und lässt globale Energiepreise steigen. Die Auswirkungen auf Dünger und Agrarprodukte erfolgen über mehrere Kanäle: Steigende Energiepreise verteuern die energieintensive Düngerproduktion und somit die Agrarproduktion weltweit. Zudem erhöhen sie die Logistik- und Transportkosten aller Produkte, inklusive Nahrungsmittel, weltweit. Daneben zählen viele der Golfstaaten zu den bedeutenden Düngemittelexporteuren. Fallen diese Lieferungen aus, steigen die Preise weiter. Allein in den vergangenen Wochen verteuerte sich etwa Harnstoff, ein wichtiger Referenzwert für viele Düngerpreise, teils um 40 Prozent. Damit liegt er jedoch immer noch unter dem Niveau kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Viele Länder sind von Importen bei Energie und Dünger abhängig. Besonders die Agrarstaaten Brasilien und Indien sowie viele afrikanische Staaten beziehen Stickstoffdünger unmittelbar aus der Golfregion. Die EU ist ebenfalls auf umfangreiche Düngerimporte angewiesen, bezieht diese aber nach wie vor zu einem großen Teil aus Russland, gefolgt von Ägypten und Marokko je nach Düngerkomponente.
Zielkonflikt zwischen Landwirtschaft, Düngerindustrie und Außenpolitik
Infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine wurden Energielieferungen aus Russlandzunehmend sanktioniert. Dies unterstützte auch das eigene Wirtschaftsziel der EU, unabhängiger von der russischen Energieversorgung zu werden. Nach wie vor tragen aber umfangreiche EU-Importe von Dünger zu russischen Einnahmen bei. Dem soll nun seit Sommer 2025 durch stark ansteigende Zölle auf Stickstoffdünger ein Riegel vorgeschoben werden.
Dadurch wurden schon vor der Blockade der Straße von Hormus durch den erwarteten Preisanstieg bei Dünger in der Landwirtschaft Sorgen ausgelöst: Es würden zu den bereits steigenden Kosten, etwa durch zunehmende Bürokratie, nun zusätzliche Belastungen hinzukommen. Zur Entlastung werden derzeit verschiedene Maßnahmen diskutiert: Für Verbraucher zieht Deutschland eine Senkung der Mehrwertsteuer für Nahrungsmittel in Betracht. Zudem werden Zollsenkungen für Düngerimporte vorgeschlagen wobei die erhöhten Zölle gegenüber Russland bestehen bleiben sollen. Auch Ausnahmen für Dünger vom nun gestarteten europäischen CO2-Grenzausgleich (CBAM) könnten die Abgaben an der EU-Grenze senken.
Solche Entlastungen bei den Düngerpreisen stoßen jedoch bei den europäischen Düngerproduzenten auf Kritik: Eine stärkere Importkonkurrenz könnte die ohnehin schon seit Längerem kontinuierlich sinkende eigene Produktion der EU zusätzlich schwächen und bestehende Abhängigkeiten noch verstärken. Zwar sank der Verbrauch, etwa von Stickstoffdünger, in den vergangenen Jahrzehnten in der EU deutlich, doch fiel auch die eigene Produktion stark. Insgesamt beträgt die Importabhängigkeit der EU je nach Düngertypus bis zu 60 Prozent.
Kurzfristige Entlastungsmaßnahmen können die strukturelle Verwundbarkeit globaler Lieferketten aber nicht beheben. Um für zukünftige Krisen vorbereitet zu sein, sollten Störungen im internationalen Handel und Transport stärker in politische Vorsorgeüberlegungen einbezogen werden.
Vorausschauende maritime Transportpolitik als Bestandteil wirtschaftlicher Resilienz
Der Seetransport ist eine zentrale Infrastruktur für die Versorgung durch den Welthandel und sollte daher systematisch als Politikfeld betrachtet werden. Für Schlüsselrouten könnte ein Beobachtungssystem kontinuierlich Risiken erfassen, die sich aus Erfahrungen mit vergangenen Krisen ergeben. Diese unterscheiden sich je nach Route und reichen von Krieg, Terrorismus und Piraterie bis zu klimabedingten Faktoren wie sinkenden Wasserständen oder Überschwemmungen. Zudem sind auch Länder individuell verwundbar bei verschiedenen Gütern, deren Versorgung über unterschiedliche Routen mit ihren jeweiligen Störrisiken erfolgt. Entlastungsmaßnahmen sollten diese Unterschiede durch vorausschauend und zielgerichtet geplante Hilfslieferungen berücksichtigen.
Anliegerländer von Passagen, die durch sich anbahnende unterschiedliche Krisen gestört werden, aber auch Transitländer für Transportalternativen über Land sollten rechtzeitig in Kooperationen eingebunden werden. Prinzipiell sollte der Seehandel stärker in handelspolitische Entscheidungen einbezogen werden: So könnten Handelsabkommen auch Investitionen in Zufahrts- und Hafenstrukturen umfassen und damit die Widerstandsfähigkeit globaler Lieferketten erhöhen.
Dr. agr. Bettina Rudloff ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe EU / Europa.