Direkt zum Seiteninhalt springen

Einsame Regionalmacht Indien

Neu-Delhi findet kaum noch Partner in seiner Nachbarschaft

SWP-Aktuell 2026/A 04, 09.02.2026, 4 Seiten

doi:10.18449/2026A04

Forschungsgebiete

Die Außenpolitik Indiens ist von einem Paradox geprägt. Das Land hat in letzter Zeit auf internationaler Bühne an Einfluss gewonnen, zugleich aber im regionalen Kon­text an Bedeutung verloren. Seit Mitte der 2010er Jahre konnte China seine wirtschaftliche und politische Position in Südasien stärken. Dies hat einer Reihe von Staaten aus Indiens Nachbarschaft neue Möglichkeiten eröffnet, sich kritisch gegen­über Neu-Delhi zu positionieren. Neu ist, dass die USA und China infolge des indisch-pakis­tanischen Konflikts von Mai 2025 begonnen haben, Indiens Rolle als Regionalmacht in Frage zu stellen – und damit auch seine Ambitionen als aufstrebende Groß­macht. Diese Entwicklungen werden Indiens Gewicht in der Region weiter sinken lassen. Eine Reaktion Neu-Delhis besteht darin, verstärkt mit Partnern im Indo-Pazi­fik sowie Mittelmächten wie Deutschland und Frankreich zu kooperieren, um seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Abzuwarten bleibt, ob und wie sehr Indien da­mit auch seinen Handlungsspielraum auf regionaler Ebene wieder erweitern kann.

Die Region Südasien, die sich über die Zuge­hörigkeit von Staaten zur South Asian Asso­ciation for Regional Cooperation (SAARC) definieren lässt, umfasst mit ca. zwei Mil­liarden Menschen (2025) knapp ein Viertel der Weltbevölkerung. Sie ist im internationalen Vergleich eine der wachstumsstärksten, aber auch eine der ärmsten Regionen. Im Indo-Pazifik sie ist auch eine der krisen­anfälligsten Regionen, wofür unter ande­rem die vier Kriege stehen, die Indien und Pakistan seit 1947 gegeneinander ge­führt haben.

Indiens Südasienpolitik

Die Südasienpolitik Indiens war lange Zeit eine bilaterale Politik gegenüber den ein­zelnen Nachbarstaaten und folgte weniger einer regionalen Strategie. Indien nutzte politische, wirtschaftliche, militärische und diplomatische Mittel, um vor allem seine Sicherheitsinteressen gegenüber den betref­fenden Ländern durchzusetzen. Erst ab Mitte der 1990er Jahre zeigte sich Neu-Delhi zunehmend bereit, den Nachbarn größere Zugeständnisse bei Konflikten zu machen. Seitdem beteiligt sich Indien auch aktiv an der Gründung neuer Regionalorganisationen, darunter die Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Econo­mic Cooperation (BIMSTEC) und die Indian Ocean Rim Association (IORA). Auf dem SAARC-Gipfel von 2007 schlug die indische Regierung vor, die regionale Konnektivität zu verbessern. Premierminister Narendra Modi propagierte bei seinem Amtsantritt 2014 eine »Neighbourhood First«-Politik und suchte den Ausgleich mit Pakistan. Nach einem Terroranschlag 2016 reduzierte Indien jedoch sein Engagement in der SAARC, um Pakistan regional zu isolieren, und forcierte den Ausbau von BIMSTEC. In jüngster Zeit sind die Aktivitäten von BIMSTEC allerdings durch den innenpolitischen Umbruch in Bangladesch und den Bürgerkrieg in Myanmar eingeschränkt.

Indiens Nachbarstaaten haben immer wieder die Unterstützung Chinas und ande­rer Großmächte gesucht, um Neu-Delhis Vormachtansprüchen entgegenzutreten. Mit seiner Initiative einer Neuen Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) erhöh­te China ab Mitte der 2010er Jahre seinen wirtschaftlichen Einfluss in Südasien, was zu Lasten Indiens ging. Alle SAARC-Staaten, mit Ausnahmen Indiens und Bhutans, sind mittlerweile an der BRI beteiligt. Neu-Delhi hat eine Teilnahme abgelehnt, weil der Chinesisch-Pakistanische Wirtschaftskorridor (China-Pakistan Economic Corridor, CPEC) durch den pakistanischen Teil Kasch­mirs verläuft, der von Indien beansprucht wird. Außerdem kritisiert Indien, dass sich ande­re Staaten durch chinesische Kredite im Rahmen der BRI zunehmend verschulden.

Indiens schwierige Nachbarschaft

Seit 2021 kam es in einer Reihe südasiatischer Staaten zu innenpolitischen Umwälzungen, die dafür sorgen, dass sich Indiens Verhältnis zu den jeweiligen Regierungen weiterhin schwierig gestaltet. Eine Aus­nahme ist die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 2021. Wie zahlreiche andere Länder kritisierte Indien diese Entwicklung. Allerdings haben sich seitdem die afghanisch-pakistanischen Beziehungen deutlich verschlechtert, weil pakistanische Taliban-Gruppen von Afghanistan aus verstärkt Anschläge in Pakistan verüben. Vor diesem Hintergrund haben sich Neu-Delhi und Kabul auf politischer Ebene angenähert und ihre Handelsbeziehungen wieder auf­genommen.

In Sri Lanka stürzte 2022 die Regierung von Präsident Mahinda Rajapakse aufgrund wirtschaftlicher Probleme, die das Land an den Rand des Staatsbankrotts geführt hat­ten. Bei den Wahlen 2025 wurde das Bünd­nis National People’s Power (NPP) stärkste politische Kraft. Die wichtigste Partei inner­halb der NPP ist die Janatha Vimukthi Pera­mua (JVP), die Indien gegenüber traditio­nell kritisch eingestellt ist. Sie hatte 1987 einen gewaltsamen, zwei Jahre andauernden Aufstand entfacht, um gegen die Statio­nierung indischer Friedenstruppen in dem Inselstaat zu protestieren, die den dortigen Bürgerkrieg beilegen sollten. Die NPP ist mittlerweile gemäßigt und setzt die Balan­cepolitik der Vorgängerregierungen gegen­über Beijing und Neu-Delhi fort. Im Früh­jahr unterzeichneten Indien und Sri Lanka auch ein Verteidigungsabkommen. Die NPP plant zudem eine neue Verfassung, in der die Frage der Autonomie für die tamilische Minderheit ein zentrales Thema sein wird. Dies berührt auch die Beziehungen zu Indien, das als Fürsprecher der Tamilen gilt.

In Bangladesch fiel im August 2024 die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina und ihrer Awami-Liga (AL). Damit verlor Indien seinen bis dahin wichtigsten Partner in der Region. Die AL wurde verbo­ten und so von den Parlamentswahlen im Februar 2026 ausgeschlossen. Die Interimsregierung unter Führung von Nobelpreisträger Mohammed Yunus fordert von Neu-Delhi die Auslieferung Sheikh Hasinas, die in Indien Zuflucht gefunden hat. Derweil hat die Übergangsregierung die Beziehungen zu Pakistan und China verbessert. Vor diesem Hintergrund sehen indische Sicher­heitsexperten den Siliguri-Korridor poten­tiell bedroht, die Landenge zwischen Bang­ladesch und Nepal, die Indien den Zugang zu seinen nordöstlichen Bundesstaaten sichert. Unter einer neuen indienkritischen Regierung in Dhaka könnte auch die Frage von Ausbildungslagern, die militante Grup­pen aus dem Nordosten Indiens in der Ver­gangenheit in Bangladesch unterhielten, wieder die bilateralen Beziehungen belasten.

In Nepal führte der Aufstand von Angehörigen der »Generation Z« im September 2025 zum Rücktritt der Regierung von Pre­mierminister K. P. Oli. Die großen nepalesischen Parteien sind intern traditionell un­eins über ihr Verhältnis zu Indien. Bei den Parlamentswahlen im März 2026 wird diese Frage eine wichtige Rolle spielen. Getrübt werden Nepals Beziehungen zu Neu-Delhi durch Aktivitäten hindu-nationalistischer Gruppen aus dem Umfeld des indischen Nationalen Freiwilligenkorps (Rashtriya Swayamsevak Sangh, RSS). Sie unterstützen Bewegungen und Parteien in Nepal, die dort wieder eine Hindu-Monarchie etablie­ren wollen. Dabei hat der RSS großen Einfluss auf die in Neu-Delhi regierende Bharatiya Janata Party (BJP).

Die ohnehin schwierigen Beziehungen Indiens zu Pakistan sind am Nullpunkt an­gekommen, seit im April 2025 ein Terroranschlag den indischen Teil Kaschmirs erschütterte und sich beide Staaten im Mai für 88 Stunden einen bewaffneten Schlag­abtausch lieferten. Über seine Angriffe auf die Infrastruktur terroristischer Gruppen in Pakistan hinaus hat Indien unter anderem den Indus-Wasservertrag mit dem Land aus­gesetzt. Die Regierung in Islamabad sieht sich ihrerseits nicht mehr an den 1972 ge­schlossenen Friedensvertrag von Shimla gebunden, in dem beide Seiten vereinbart hatten, Probleme bilateral beizulegen. Indien suchte mit dem Einsatz seiner Streit­kräfte ein neues außenpolitisches »Normal« gegenüber Pakistan zu etablieren, wonach Terroranschläge in Zukunft stets militä­risch vergolten werden. International wollte Indien mit der Operation signalisieren, dass es wie andere Staaten in der Lage ist, Terro­rismus militärisch zu bekämpfen.

Die internationale Ebene: China und die USA

Die militärische Auseinandersetzung mit Pakistan hatte auch Folgen für Indiens Be­ziehungen zu den USA. Wie bei vorangegangenen Krisen im Verhältnis von Neu-Delhi und Islamabad, etwa 1999, vermit­telte Washington hinter den Kulissen zwi­schen den beiden Nuklearmächten. Neu war allerdings das Verhalten des US-Präsi­denten. In einem Tweet beanspruchte Donald Trump für sich, den Konflikt bei­gelegt und damit einen indisch-pakistani­schen Atomkrieg verhindert zu haben. Das war vor allem für die Regierung Modi ein Affront. Denn Indien lehnt in der Kaschmir-Frage eine offizielle Vermittlung durch Dritte ab und besteht auf der Lesart, seine Militärschläge hätten Pakistan zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand bewegt. Bis Februar 2026 hat Trump seine Behauptung jedoch über neunzig Mal öffentlich wiederholt.

Zudem ist die amerikanische Regierung dazu übergegangen, Indien und Pakistan wieder in einem Atemzug zu nennen. Auch dies stellt aus indischer Perspektive einen Bruch dar. Seit den 2000er Jahren hatten alle US-Regierungen die Beziehungen zu Indien und zu Pakistan voneinander ent­koppelt und die besondere Rolle Neu-Delhis als künftiges Gegengewicht zu China im Indo-Pazifik hervorgehoben. Trump hin­gegen änderte nicht nur die Rhetorik, son­dern verbesserte auch die Beziehungen zu Pakistan. So empfing er im Juni 2025 den pakistanischen General Asim Munir zu einem Mittagessen im Weißen Haus. Munir war nach den Kämpfen mit Indien zum Feldmarschall befördert worden, womit er seine Position als »starker Mann« in Pakis­tan gefestigt hatte. Zudem verhängte die Trump-Administration im Jahr 2025 ins­gesamt 50 Prozent Zölle gegen Indien, unter anderem wegen seiner hohen Ölimporte aus Russland.

Diese Vorgänge signalisierten einen tief­greifenden Wandel im Verhältnis zwischen Washington und Neu-Delhi. Die USA be­trachten Indien nicht mehr als un­verzicht­baren Alliierten im Indo-Pazifik, sondern nur noch als einen von mehreren wichtigen Partnern in der Region. Im Feb­ruar 2026 verkündete Trump ein Han­dels­abkommen mit Indien und eine Sen­kung des Zollsatzes auf 18 Prozent. Abzuwarten bleibt, ob sich damit die bilateralen Bezie­hungen wieder normalisieren und der Vertrauensverlust in Neu-Delhi gegenüber Washington rückgängig gemacht werden kann.

Eine Abwertung erfuhr Indien zuletzt auch durch China. Im Dezember 2025 er­klärte Beijings Außenminister Wang Yi, die Volksrepublik habe im jüngsten indisch-pakistanischen Konflikt ebenfalls vermittelt. Dieser diplomatische Affront gegenüber Neu-Delhi erfolgte in einer Phase, als sich die bilateralen Beziehungen zwischen Indien und China gerade wieder verbessert hatten. Nachdem es 2020 an der gemeinsamen Grenze zu einem militärischen Zwi­schenfall gekommen war, hatte sich das Verhältnis deutlich abgekühlt. Erst beim Gipfel der Staatengruppe BRICS in Kazan 2024 kam es wieder zu einer Annäherung. Mit seiner Erklärung folgte Außenminister Wang der Linie der USA, indem er Indien indirekt absprach, den Konflikt mit Pakis­tan allein lösen zu können, und beide Län­der auf eine Stufe stellte.

Ausblick

Die innenpolitischen Umbrüche in Süd­asien und die neue Haltung der USA und Chinas dürften Neu-Delhis regionale Posi­tion weiter schwächen. Von den SAARC-Mitgliedern zählen gegenwärtig nur Afgha­nistan und Bhutan zu den Partnern Indiens. Neue Herausforderungen ergeben sich für Neu-Delhi, wenn Pakistan und Bangladesch ihre Anstrengungen fortsetzen, die SAARC wiederzubeleben, was nicht im indischen Interesse liegt. Eine Alternative wäre die Gründung einer neuen Regionalorganisa­tion, der auch China angehören könnte. Auch dies entspricht nicht Indiens Wün­schen, das sich stets gegen Vorschläge ge­wandt hat, China in die SAARC aufzu­nehmen.

Dass Indien und Pakistan von den USA und China wieder gleichrangig behandelt werden, ist auf zwei Ebenen relevant. Ers­tens wirft es im regionalen Kontext die Frage auf, wer bei einer kommenden indisch-pakistanischen Krise hinter den Kulissen vermitteln kann. Nach den jüngs­ten Erfahrungen dürfte Indien nicht daran gelegen sein, dass die Trump-Administra­tion wieder eine ähnliche Rolle einnimmt. China scheidet aufgrund seiner Nähe zu Pakistan und der Rivalität mit Indien aus. Abzuwarten bleibt, ob die übrigen UN-Vetomächte Frankreich, Großbritannien und Russland diese Funktion erfüllen kön­nen oder Mittelmächte wie Iran und Saudi-Arabien. Zu befürchten ist, dass Vermittlungsversuche künftig mehr Zeit als bisher benötigen – während sich die militärische Eskalationsspirale dann aber weiter dreht.

Zweitens verschärft die amerikanisch-chinesische Haltung die Sorge Neu-Delhis vor einem G2-Format, in dem Indien von Washington und Beijing nicht mehr als auf­strebende Großmacht, sondern nur noch als Mittelmacht wahrgenommen wird. Dies würde Indiens Ambitionen zuwiderlaufen, sich als eigener Pol in einer multipolaren Welt zu positionieren.

Indien bleibt als bevölkerungsreichstes Land der Welt in vielen Bereichen wie Umwelt, Klima und Energie ein wichtiger Akteur auf internationaler Bühne. Aber die jüngsten Entwicklungen dürften den Ein­fluss des Landes in Südasien weiter schwä­chen. Eine Strategie Indiens wird es sein, seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit weiter zu stärken, sei es in minilateralen Formaten im Indo-Pazifik, also durch engere Zusammenarbeit mit Partnern wie Australien und Japan, oder durch eine verstärkte Kooperation mit Mittelmächten wie Deutschland, Frankreich und der Euro­päischen Union. Nur auf diesem Wege kann Indien seine Kapazitäten verbessern, um mittelfristig auch wieder zu einem wichtigen Akteur in Südasien zu werden.

Dr. habil. Christian Wagner ist Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Asien.

SWP

Stiftung Wissenschaft und Politik

ISSN (Print) 1611-6364

ISSN (Online) 2747-5018