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Der »Sicherheitsschild der Amerikas«

Zwischen Sicherheitsbündnis und politischer Allianz

SWP-Aktuell 2026/A 53, 22.10.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A53

Forschungsgebiete

Mit dem »Sicherheitsschild der Amerikas« (Shield of the Americas) haben die USA eine Initiative auf den Weg gebracht, die Maßnahmen zur Drogen­bekämpfung, zur militärischen Zusammenarbeit und zur Veränderung des geopolitischen Wettbewerbs in einem einzigen Rahmen verbindet. Die Trump-Administration verfolgt damit ein hemi­sphärisches Ordnungskonzept unter eigener Führung, das zugleich auf die ideologische Verbundenheit der Partner setzt, um die Kooperation im multilateralen Rahmen zu vertiefen und Lieferketten sowie die Rohstoffversorgung zu sichern. Es bleiben jedoch viele Fragezeichen hinsichtlich der Verbindlichkeit der Vereinbarung und der Effektivität der Kooperation, da kein Aktionsplan entwickelt wurde und auch keine nachfolgenden Implementierungsschritte festgelegt worden sind. Außen­politisch binden sich Lateinamerika und die Karibik damit zwar stärker an Washington, doch werden wichtige Staaten der Region auch weiterhin Europa als Diversi­fizierungspartner wirtschaftlich und politisch in den Blick nehmen.

Bei seiner Gründung im März 2026 stellte die US-Regierung den »Sicherheitsschild der Amerikas« als neue regionale Sicherheits­architektur vor. Damit wurde deutlich, dass die westliche Hemisphäre für die Trump-Administration strategische Priorität be­sitzt. Gleichzeitig ist die Sicherheitsschild-Initiative ein unverhüllter Beleg für Trumps ideologisch fundierten Ansatz, die Koopera­tion mit rechten bis konservativen Kräften in Lateinamerika zu privilegieren. Die ex­klusive Einladung an »gleichgesinnte« Präsi­denten hat dies deutlich gemacht. Das erste Treffen, bekannt geworden als der Doral-Gipfel in Florida, diente in erster Linie einer Verständigung über die Rolle der Streit­kräfte im Kampf gegen die trans­nationale Drogenökonomie und ihre Akteure. Formal besiegelt wurde das Bündnis Tage später durch die Ausrufung einer »Amerika­nischen Anti-Kartell-Koalition« (Americas Counter Cartel Coalition) als Militärallianz unter der Ägide des US-Kriegsministeriums.

Beim zweiten Treffen im Rahmen der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen (VN) am 22. September 2026 einigten sich 15 Unterzeichnerstaaten in der Abschlusserklärung auf ein gemein­sames Vorgehen in drei Säulen: die wirt­schaftliche Säule, die Sicherheitssäule und die Säule der multilateralen Koordinierung. Durch den Beitritt von Chile und Peru hatte sich die Zahl der teilnehmenden Staaten zwischenzeitlich von 13 auf 15 erhöht: Neben den USA sind dies Argentinien, Chile, Bolivien, Costa Rica, die Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guyana, Honduras, Kolumbien, Panama, Paraguay, Peru, Trinidad und Tobago. Demgegenüber haben sich die beiden politischen Schwergewichte Latein­amerikas, Brasilien und Mexiko, bislang noch nicht zu einer Betei­ligung an diesem Projekt bekannt. Dies schließt jedoch spezi­fische Arrangements mit einzelnen Staaten nicht aus: So agiert Kolumbien als »Globaler Nato-Partner« und Peru wurde von den USA der Status eines »Major Non-Nato Ally (MNNA)« zuerkannt. Ecuador wiederum erhält US-Hilfe im Rah­men einer verstärkten bilateralen Zusammenarbeit in den Be­reichen Cyberabwehr und Drogenbekämpfung.

»Sicherheitsschild« statt Amerika‑Gipfel

Der alle drei Jahre stattfindende Amerika-Gipfel, der ursprünglich für Dezember 2025 in der Dominikanischen Republik geplant war, wurde abgesagt. Ob und gegebenenfalls wann er nachgeholt werden soll, ist gegen­wärtig offen. Dies ist ein Zeichen für die anhaltende Anfälligkeit des interamerikanischen Systems für ideologische und geopolitische Spannungen. Mit der Ver­schiebung des Amerika-Gipfels wurde die einzige kontinentweite Konferenz der west­lichen Hemisphäre nach neun Treffen erstmals ausgesetzt. Im Zeichen der von Trump formulierten Zielgrößen Stärke, Zusammenhalt und Dringlichkeit berief die US-Regierung stattdessen die »Shield of the Americas«-Konferenz als erstes Treffen ausgewählter lateinamerikanischer Staats­chefs ein. Der Doral-Gipfel lässt sich vor dem Hintergrund zweier miteinander ver­bundener Interessen der US-Regierung verstehen: der Bekämpfung des Drogenhandels und der Stärkung des eigenen Ein­flusses in Lateinamerika. Die »Sicherheitsschild«-Initiative dient auch dem Ziel der USA, ihren regionalen Einfluss gegenüber China zurückzugewinnen, der in der vergangenen Dekade geschwunden ist.

Dadurch wird die Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung zunehmend auch zu einem Instrument der politischen Bünd­nisbildung mit ideologisch nahestehen­den Regierungen. Die US-Regierung verfolgt damit zwei miteinander verbundene Ziele: Sie will die politische Ordnung in der Hemi­sphäre nach ihren Vorstellungen gestalten und die Drogenbekämpfung an ihren eigenen sicherheitspolitischen Prio­ritäten aus­richten.

Dies wurde durch die selektive Ein­ladungs­politik für das Gründungstreffen deutlich: Mexiko, der wichtigste Zugangskorridor für den Drogen­schmuggel in die USA, Kolumbien, der weltweit größte Kokain­produzent, und Brasi­lien, der größte Drogenkonsummarkt in Südamerika und ein wichtiger Drogenumschlagplatz, waren nicht geladen. Damit blieben die zentralen Akteure der Drogenökonomie aus politischen Gründen und wegen abweichender Ansätze in der Drogenpolitik außen vor. Auch der Aus­schluss des ungeliebten Nach­barn Kanada, eine reduzierte thematische Agenda und die weitere Marginalisierung der Rolle der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), die als Sekretariat der Gipfel­treffen fun­giert, komplettieren dieses Bild.

Beim Grün­dungstreffen am 6. März 2026 im Doral Golf Club von Donald Trump in Florida stand für die neue Staatenallianz die Er­arbeitung gemeinsamer Strategien im Vordergrund, um ausländische Einmischung in der Hemisphäre zu unterbinden, krimi­nelle und »narco-terroristische« Banden und Kartelle zu bekämpfen und illegale und massive Einwanderung zu verhindern. Der Trump-Administration gelang es, den Be­griff »Narcoterroristen« für die kriminellen Drogenkartelle in weiten Teilen des Kon­tinents durchzusetzen, ein Label, welches es den teilnehmenden Regierungen erleich­tert, den Einsatz entsprechender militärischer Mittel zu rechtfertigen.

Dass dies auch tatsächlich die Absicht ist, daran ließ die am darauffolgenden Tag vom US-Präsidenten veröffentlichte Proklama­tion mit dem Titel »Einsatz gegen kriminelle Kartellaktivitäten« keinen Zweifel. In dem Erlass wird es als gemeinsames Ziel der Partnerstaaten des »Sicherheitsschilds« be­zeichnet, die Netzwerke völlig zu zer­schla­gen. Zu den ins Auge gefassten Maßnahmen zählen gemeinsame Militäroperationen und anderweitige Aktionen zur Bekämpfung illegaler Aktivitäten in der Region, auch unter Einsatz tödlicher Gewalt. Ein Beispiel für das zu erwartende Vorgehen ist der Einsatz der USA gegen Drogenschmugglerboote in der Karibik und dem Pazifik seit dem Jahr 2025, der bislang über 200 Todes­opfer gefordert hat.

Das Drei-Säulen-Konzept der Initiative

Nach der Gründungszeremonie rückte neben der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und der Sicherung der Gren­zen zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie die Zusammenarbeit auf weitere Politik­felder ausgeweitet werden könnte. Beim zweiten Treffen im September 2026 stand insbesondere die Möglichkeit im Fokus, die sicherheitspolitische Kooperation um eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zu ergän­zen. Auch wenn dies nur indirekt formuliert wurde, ging es dabei auch um das Interesse Washingtons an einer robusten Anti-China-Strategie in der Region, die den südlichen Teil des amerikanischen Konti­nents vor externer Einmischung abschirmt und den USA den exklusiven Zugang zu natürlichen Ressourcen sichert.

Ein Beweggrund für viele Staaten, sich an der Initiative der Trump-Administration zu beteiligen, dürfte die Erwartung sein, die ideologische Nähe zum US-Präsidenten zu stärken und dadurch eine günstigere Be­handlung bei Zollentscheidungen zu er­reichen. Auch wenn dieses Kalkül bislang nicht aufgegangen ist, hoffen viele Regie­rungschefs, aus der Vereinbarung Vorteile für sich zu gewinnen.

Mit der Erklärung vom 22. September 2026 wird die Agenda des »Sicherheits­schild«-Projekts über die ursprüngliche sicherheitspolitische Ausrichtung hinaus erweitert. Die Initiative soll künftig auch die wirtschaftliche Kooperation und die Abstimmung gemeinsamer Positionen in internationalen Organisationen umfassen. Unter dem Leitgedanken der Souveränität verfolgen die beteiligten Staaten damit das Ziel, ihre Zusammenarbeit auf kontinen­taler Ebene zu vertiefen. Dazu sollen ins­besondere gemeinsame Investitionen und die Kooperation in Wirtschaftsfragen bei­tragen. Welche konkreten Maßnahmen daraus folgen, bleibt allerdings offen, da kein übergreifender Aktionsplan ver­abschie­det wurde.

In der Abschlusserklärung wird die Initia­tive erstmals um eine wirtschafts­politische Dimension erweitert. Im Mittel­punkt stehen dabei die Sicherung von Lieferketten und der verlässliche Zugang zu kritischen Mineralien. Die beteiligten Staaten wollen ihre Volkswirtschaften vor Versorgungsengpässen schützen, indem sie auf sichere Lieferwege und zuverlässige Lieferanten setzen. Dies gilt insbesondere auch für Rohstoffe, die für digitale Infra­strukturen benötigt werden. Darüber hinaus sieht die Erklärung im Sinne der wirtschaftlichen Souveränität vor, Kapitalzuflüsse in die be­teiligten Länder trans­parent zu gestalten.

Die zweite Säule der Initiative betrifft die sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Die beteiligten Staaten verständigten sich darauf, sogenannte »Narcoterroristen« offiziell als Bedrohung für die gemeinsame Stabilität einzustufen. Zudem wurde die Liste der von den USA als ausländische Terrororganisationen eingestuften Gruppen von 17 auf 24 erweitert. Gegen diese Grup­pen und ihre Unterstützer sollen weit­reichende Maßnahmen ergriffen werden. Dazu zählen die Sperrung von Vermögenswerten, der Entzug von Visa und strenge Finanzsanktionen. Auf der Liste stehen zwei transnational organisierte Jugend­banden mit Aktivitäten in Zentralamerika, drei transnationale kriminelle Netzwerke aus Venezuela, sieben Kartelle und Drogen­organisationen in Mexiko, drei (wieder)­bewaff­nete Gruppen, Guerillaverbände und Drogenhandelsorganisationen aus Kolumbien, zwei kriminelle Banden aus Haiti, vier ecuadorianische Drogenbanden, eine peru­anische Nachfolgeorganisation der Guerilla und zwei brasilianische kriminelle Organi­sationen. Die große Heterogenität dieser Gruppierungen macht zweierlei deutlich: Zum einen dürfte es schwierig sein, diese Banden mit einem essentiell militärisch angelegten Vorgehen erfolgreich zu be­kämpfen, ohne gleichzeitig die institutionellen Schwächen der betroffenen Länder anzugehen. Zum anderen erfordern der transnationale Wirkungsbereich und die Netzwerkstruktur der kriminellen Akteure eine enge Abstimmung zwischen den Sicherheitsorganen. Angesichts der Ver­quickung der kriminellen Aktivitäten mit dem Justizapparat und politischen Ent­scheidungsträgern dürfte eine solche Ko­operation nur schwer herzustellen sein und an (begründetem) Misstrauen zwischen den Sicherheitsapparaten scheitern.

Die dritte Säule ist die »multilaterale Koordination«. Hier verbindet sich das Bekenntnis zur nationalen Souveränität und Selbstbestimmung mit der Forderung nach einer Transformation internationaler Organisationen. Auch wenn diese nicht konkret benannt werden, liegt es nahe, dass hier insbesondere die VN und die OAS gemeint sind. Der Druck der USA auf die Partnerländer ist unmittelbar deutlich geworden, als der US-Kriegsminister Pete Hegseth die lateinamerikanischen Staaten im Sinne der Verteidigung ihrer nationalen Souveränität dazu aufforderte, aus dem Römischen Statut des Internationalen Straf gerichtshofs auszutreten.

Vertrag oder politische Erklärung?

In Chile, das bis dato nur Beobachterstatus bei der »Sicherheitsschild«-Initiative hatte, löste der kurzfristige Beitritt zu dem Bünd­nis eine heftige innenpolitische Kontroverse aus. Die Opposition machte auf den un­klaren rechtlichen Status des Projekts auf­merksam. Die Entscheidung zur Teilnahme an der Initiative wurde von Präsident José Antonio Kast am Rande der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York bekanntgegeben. Die chilenische Regierung vertritt die Auffassung, dass es sich nicht um einen verbindlichen Vertrag handelt, der Verpflichtungen mit sich bringen würde, sondern lediglich um eine politische Absichtserklärung. So hatte die Regierung verlauten lassen, sie wolle sich im Rahmen einer »freiwilligen Zusammenarbeit zwi­schen den Regierungen der amerikanischen Staaten bewegen«, um die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität – ein Pro­blem, das heute in chilenischen Gemeinden allgegenwärtig ist – wirksamer bekämpfen zu können. Als Mitglied einer solchen »Ko­ordinierungsgruppe« erwarte sich Chile unmittelbare operative Vorteile wie bei­spielsweise Zugang zu Infor­mationen und intelligenten Datenanalysesystemen, eine Verbesserung der Ausbildung der natio­nalen Sicherheitskräfte und eine intensi­vere grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den Nach­barländern Argentinien, Bolivien, Peru und anderen Staaten der Region.

Das von der US- Regierung veröffentlichte Dokument offenbarte jedoch, dass die Kooperation weit über die behaupteten rein sicherheitspolitischen Zwecke hinausgehen soll und eben auch die Vertiefung der wirt­schaftlichen Zusammenarbeit und die Ko­ordination des Auftretens auf multilateraler Ebene einschließt. Dass darüber hinaus Mechanismen zur Investitionskontrolle und zum Schutz der Lieferketten für kritische Mineralien vereinbart werden sollen, wo­raus möglicherweise Verpflichtungen seitens der Unterzeichner entstehen, hat die Wahrnehmung der Initiative in der chile­nischen Öffentlichkeit verändert.

Der Kritik an der Entscheidung der Regie­rung Kast schlossen sich auch die ehe­maligen Präsidenten Michelle Bachelet (2006–2010, 2014–2018) und Gabriel Boric (2022–2026) an. In einer gemein­samen Stellungnahme forderten sie die Regierung auf, den Verbleib Chiles in der Initiative zu überdenken, und warnten vor möglichen Auswirkungen auf die strategische Autonomie und die nationale Souve­ränität des Landes. Konzepte wie das der »kontinentalen Souveränität« könnten letztendlich den Grundsatz der nationalen Souveränität untergraben, den das Land seit jeher verteidigt habe.

Beide Ex-Präsidenten betonten, dass sie eine Zusammenarbeit zur Kriminalitäts­bekämpfung zwar unterstützten, diese aber stets »unter vollständiger Wahrung der Entscheidungsautonomie Chiles« erfolgen müsse, ohne dass die Außen-, Sicherheits- oder Verteidigungspolitik des Landes den von einer ausländischen Macht festgelegten Prioritäten untergeordnet werde. Befürchtet wird, das Abkommen könne einen Verlust nationaler Souveränität im Bereich der Ver­teidigung und bei Geheimdienstinformatio­nen mit sich bringen und die Anwesenheit ausländischer Agenten und eine mögliche Beteiligung an gemeinsamen Operationen einschließen.

Die chilenische Regierung wies diese Vorwürfe zurück und versicherte, dass die Zusammenarbeit mit Washington keine Unterordnung bedeute. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die USA Druck ausgeübt haben sollen, damit Chile seinen ursprünglichen Beobachterstatus aufgibt und voll­wertiges Mitglied der »Sicherheitsschild«-Initiative wird. Fünf Abgeordnete der Op­position beantragten beim Rechnungshof, der in Chile die Aufgabe hat, die Rechts­konformität von Regierungshandeln zu kontrollieren, eine Überprüfung des Bei­trittsbeschlusses, da sie der Ansicht sind, dass es sich um einen »verdeckten inter­nationalen Vertrag« handeln könnte. Rückenwind erhält diese Auffassung von der Ankündigung in der Abschlusserklärung des Treffens, dass beabsichtigt sei, einen formellen Antrag an den Präsidenten des Ständigen Rates der OAS zu stellen, in dem die Unterzeichner um ein Konsulta­tionstreffen bitten. Dabei soll es um die Einrichtung eines Konsultationsgremiums gemäß den Artikeln 6 und 13 des Interamerikanischen Vertrags über gegenseitige Hilfe (Rio-Vertrag) gehen. Nach der for­mel­len Einberufung einer Sitzung des Konsultationsgremiums soll eine Resolution ver­abschiedet werden, die kollektive Maß­nahmen gegen »narco-terroristische« Orga­nisationen im Rahmen des Rio-Vertrags anbahnt. Damit könnte in Zukunft auch die gegenseitige Beistandsklausel (Artikel 3 des Rio-Vertrags) aktiviert werden, um ein ge­meinschaftliches Vorgehen gegen diese Bedrohung zu ermöglichen.

Der »Sicherheitsschild« und der Wandel außenpolitischer Strategien in Lateinamerika

Der neue hemisphärische Schutzschirm soll nicht nur gemeinsame Vorgaben und Vor­haben im Rahmen der Drei-Säulen-Archi­tektur bündeln. Die Initiative zielt auch darauf ab, rechtsgerichtete politische Kräfte in der Region enger zusammenzuführen. Damit geht ein außenpolitischer Kurs­wechsel einher: An die Stelle des liberalen Internationalismus tritt ein Ansatz, der die Bindung an die Regeln internationaler In­stitutionen ablehnt. Doch gerade diese Aus­richtung dürfte verhindern, dass jenseits vorüber­gehender politischer Freund­schaf­ten eine vertiefte Zusammenarbeit entsteht. Denn letztlich wird der nationalen Souve­ränität Vorrang eingeräumt, so dass das Handeln defensiv aus­gerichtet bleibt, thema­tisch begrenzt ist und keine sub­stanzielle Vision entwickelt werden kann.

Wenn außenpolitische Fragen an innenpolitisch wirkmächtige Identitätsnarrative anknüpfen, kann ihre Mobilisierung zur Verteidigung nationaler Souveränität bei­tragen. In Verbindung mit einer zunehmenden Personalisierung der Macht kann dies eine außenpolitische Neuausrichtung begünstigen. Dies zeigt sich in Argentinien unter Präsident Javier Milei ebenso wie in Kolumbien seit dem Amtsantritt von Präsi­dent Abelardo de la Espriella. Sollte Flavio Bolsonaro die Präsidentschaftswahl ge­win­nen, könnte sich eine vergleichbare Ent­wicklung auch in Brasilien vollziehen. Gemeinsame Narrative und politische Bot­schaften, die die Abwendung von multi­lateralen Institutionen wie dem Internatio­nalen Strafgerichtshof und den Rückzug aus Mitgliedschaften, etwa dem Inter­amerikanischen Menschenrechtssystem, fordern, finden in der Region verstärkt Wider­hall. Mit dieser Neuausrichtung werden die breit angelegten Absicherungsstrategien früherer Regierungen durch eine enger gefasste Partnerschaft ersetzt, die sich maßgeblich an US-Präsident Donald Trump orientiert. Neben politischen Gemeinsamkeiten spielen dabei auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle, in erster Linie Trumps Bestreben, sich einen bevorzugten Zugang zu den natürlichen Ressourcen in der Region zu sichern.

An die Stelle der traditionellen regio­nalen und multilateralen Zusammenarbeit treten zunehmend Sicherheitskonzepte der USA, etwa in der Migrationspolitik. Die außenpolitische Neuorientierung äußert sich in einer Abkehr vom Multilateralismus, in der schwindenden Bedeutung regionaler Foren für die politische Abstimmung sowie in disruptiven Strategien, die bestehende regionale Beziehungen belas­ten. Ein Bei­spiel dafür ist das Verhalten Argentiniens unter Präsident Javier Milei gegenüber Brasilien. Wo zuvor internationale Institu­tionen und regionale Foren als Orte der Verhandlung, des Interessen­ausgleichs und der Koalitionsbildung be­trachtet und ge­nutzt wurden, dominiert nun eine Außen­politik, die auf bilaterale Annäherung, ideo­logische Affinität und demonstrative Kon­frontation setzt. Das diplomatische Engage­ment der von dieser Entwicklung erfassten lateinamerikanischen Regierungen orien­tiert sich somit vor allem an der ideologischen Verbundenheit mit Washington und der von dort erlangten symbolischen An­erkennung. Eine schlagkräftige politische Koalition dürfte daraus jedoch nicht er­wachsen, da die Bedarfe hinsichtlich der wirtschaftlichen Diversifizierung zu unter­schiedlich sind und viele Regierungen dem Druck der Trump-Administration aus­zuweichen versuchen, um ihren eigenen Hand­lungsspielraum zu wahren.

Während Präsident Milei Argentinien eng an Trumps Amerika anlehnen will, sind andere Präsidenten der Region nicht gewillt, ihren Handel mit China einer poli­tisch-welt­anschaulichen Nähe zur aktuellen US-Regierung zu opfern. Sie sehen gegen­wärtig wenig Vorteile darin, sich nur an die USA zu binden. Die Kosten einer Entfremdung von China, Europa und globalen Foren erscheinen Ländern wie Bolivien, Chile, Peru und Costa Rica zu hoch, da sich für sie eine Volatilität in den Außenbeziehungen schnell in innenpolitische Verwundbarkeit verwandeln würde. Daraus resultiert eine außenpolitische Ambiguität, die dem Gebot untergeordnet ist, Risiken zu reduzieren und hinter der gemeinsamen ideologischen Fassade eine nationale Inter­essenpolitik zu verfolgen. Hier liegt für Deutschland und Europa die Chance, sich als verlässlicher Diversifizierungspartner zu bewähren und unbeschadet von disruptiven Verwerfungen als Markt und politischer Kooperations­akteur das eigene Profil zu stärken.

Prekäre Erfolgsbedingungen

Mit dem »Sicherheitsschild« wurde ein Format geschaffen, das zur Versicherheit­lichung der interamerikanischen Beziehungen beitragen und eine neue Interaktionsordnung in der Region begründen soll. Für das Funktionieren dieses Formats ist es ent­scheidend, dass einerseits politisch gleich­gesinnte Regierungen dem Kooptationsdruck der USA nachgeben und andererseits »Spoiler-Nationen« als Störenfriede extra­regionaler (China) und intraregionaler (Brasilien, Kanada und Mexiko) Art aus­geschlossen werden. Das »Sicherheitsschild«-Projekt kann als Teil einer neuen Ära im­perialer Politik der USA gegenüber Latein­amerika und der Karibik verstanden wer­den. In dieser Phase versucht die Trump-Administration durch die erfolg­reiche Ein­flussnahme auf die Wahl neuer Präsidenten in Ecuador, Honduras, Kolumbien und zu­letzt in Brasilien, neue Mitglieder zu rekru­tieren. Parallel dazu übt sie wirtschaft­lichen Druck aus, um die Länder Latein­amerikas zu einer Einschränkung ihrer (Wirtschafts-)Beziehungen zu China zu zwingen. Bei diesem hegemonialen Agieren profitieren die USA von einem asymmetrischen Beziehungsmuster, das auch in der Ausgestaltung des »Sicherheitsschilds« deut­lich wird: Bereits die reine Mitgliedschaft in diesem Forum wird von den Partnerstaaten als Privileg und Status­gewinn betrachtet. Die Erweiterung der Bereiche möglicher Kooperation jenseits der anfänglichen Fokussierung auf Sicherheitsfragen lässt erkennen, dass zwar ein Zu­sammenwirken in umfassenderen Formaten angestrebt wird, um die Gemeinschaft als Bollwerk gegen China zu posi­tionieren (und die USA somit als zentralen Akteur zu stärken); allerdings bleibt die Initiative dem Muster flexi­bler Institutionalisierung verhaftet, was sowohl für die USA als auch für die Staaten Lateinamerikas und der Karibik etablierte Praxis ist. Zudem dürfte der Fortbestand des Bündnisses an die Amtszeit der Trump-Administration gebunden sein, ein Element der zeitlichen Fragilität, das diese Initiative von Beginn an begleitet.

Ist die Basis dieser politischen Allianz aber auch ungeachtet der genannten Ein­schränkungen überhaupt hinreichend trag­fähig, um eine so heterogene Gruppe von Staaten mit ausgeprägten nationalen Interessenprofilen zusammenzuhalten und ein gemeinsames politisches Vorgehen zu gewährleisten? Die Zweifel daran sind be­rechtigt, wenn man die Handelsbeziehungen der lateinamerikanischen Länder mit China, ihre Mitgliedschaft in der Belt and Road Initiative (BRI) und den Status ihrer internen Zusammenarbeit betrachtet. Neben Loyalität erwarten die USA von den Mit­gliedern des »Sicherheitsschilds« auch Bei­träge in den anderen Säulen der Ko­opera­tion. Gleichwohl steht hinter dieser Com­pliance-Anforderung auch die Dro­hung, gegebenenfalls mit schwerwiegenden Sank­tionen rechnen zu müssen. Das Eingreifen der USA in Venezuela und die Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro wur­den vielfach als Auftakt für die Umset­zung der »Sicherheitsschild«-Initiative verstanden, als Demonstration, wie mit Zwangsmitteln die angestrebte imperiale Ordnung durch­gesetzt werden kann, wenn eine Regierung unbotmäßig ist. Bislang hat sich jedoch nur ein Bruchteil der Staaten der Region von China abgewandt; die Handelsbeziehungen laufen auf hohem Niveau weiter – dem Konzept des »Active Nonalignment« fol­gend. Viele lateinamerikanische Regierungen werden auch weiterhin einem dualen Ansatz folgen und einerseits enge Handelsbeziehungen zu China aufrechterhalten und anderseits ihre Außenpolitik zu den USA nicht offen konfrontativ gestalten.

Bislang stellen die Mitglieder der Sicherheitsschild-Allianz die bestehende Inter­aktionsordnung im Bündnis nicht er­kenn­bar in Frage. Gewährt die Trump-Adminis­tration ihnen allerdings keine wirtschaft­lichen Vergünstigungen (bezogen auf Zölle, Handelspräferenzen) oder keinen Aus­gleich für entstehende Nachteile, könnte ihre Bereitschaft abnehmen, die Führungsrolle der USA und die damit verbundene Ord­nung der hemisphärischen Beziehungen zu akzeptieren, auch wenn sich die Sympathie für die aktuelle US-Regierung deutlich ab­geschwächt hat. Einstweilen lehnen die Staaten des Kontinents die Koopera­tions­angebote Chinas nicht ab, sondern betrach­ten diese nach wie vor als Erweiterung ihrer Handlungsoptionen. Dies gilt vor allem für die regionalen Schwer­gewichte Brasilien, Kanada und Mexiko, die dem Druck der USA bislang standgehalten haben. An­gesichts der erratischen Ausrichtung der Außenwirtschaftspolitik der Trump-Admi­nistration ist es mehr als zweifelhaft, ob es Washington gelingt, die Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich in nachhaltige wirt­schaftliche Partnerschaften zu überführen.

Der Erfolg der Allianz ist auch deshalb fraglich, weil sie sich in ihrem Kernbereich, der Sicherheitspolitik, auf einen stark mili­tärisch geprägten Ansatz verständigt hat. Die transnational agierenden Kartelle sind aber nicht in erster Linie aufgrund ihrer militärischen Stärke erfolgreich, sondern weil Lücken in der Regierungsführung es diesen organisierten kriminellen Gruppen ermöglichen, Polizeikräfte, Justizsysteme und politische Parteien zu unterwandern. Sie gedeihen auf einem Nährboden aus schwacher Rechtsstaatlichkeit, systemischer Korruption und instabilen öffentlichen Institutionen. In den Vereinbarungen wird auf diese Komponente nicht eingegangen und Instrumente, die gegen diese Faktoren eingesetzt werden könnten, sind durch die Einstellung der Aktivitäten von USAID nicht mehr verfügbar.

Eine Verschiebung der regionalen Gewichte und ihre Folgen

Als Führungsmacht der westlichen Hemi­sphäre sehen sich die USA der Erwartung gegenüber, die Wirksamkeit der »Sicherheitsschild«-Initiative unter Beweis zu stellen. Druck, Drohungen und ideologische Verbundenheit allein werden jedoch nicht ausreichen, um ein handlungsfähiges und dauerhaft geschlossenes Bündnis zu schaf­fen, das sowohl politisch gemeinsam agie­ren als auch eine schlagkräftige Sicher­heits­politik betreiben kann. Allein schon die zentrifugalen Kräfte zwischen den latein­amerikanischen Partnern dürften das ko­operative Handeln beeinträchtigen, selbst wenn man sich gesinnungsmäßig nahesteht. So ist die Position des argentinischen Präsidenten Javier Milei, der sich als Stell­vertreter Trumps in Südamerika versteht, kaum vereinbar mit dem Vormacht­anspruch Brasiliens, sei es unter einem Präsidenten Lula oder Flavio Bolsonaro.

Letztlich wird der Erfolg der »Sicherheitsschild«-Initiative maßgeblich davon abhän­gen, ob die Trump-Administration ihren Partnern wirtschaftlich entgegenkommt. Mit entsprechenden Zugeständnissen könn­te sie regionale Rivalitäten eindämmen, die eigene Führungsrolle festigen und die be­stehende, von den USA dominierte Ord­nung bewahren. Dabei wird Washington berück­sichtigen müssen, dass die Staaten der Re­gion zwar politisch mit den USA verbunden sein können, ihre handelspolitische Un­abhängigkeit aber nicht aufgeben wollen. Um diesen Zielkonflikt zu entschärfen, müsste die US-Regierung selbst Vorleistun­gen erbringen und ihren Partnern bessere Handelsbedingungen einräumen; dies dürfte indes die Bereitschaft der Trump-Administration überfordern. Allein mit temporärem Statusgewinn werden sich die Staaten der Region nicht zufrieden­geben. Sie erwarten wirtschaft­liche Unter­stützung, Marktzugang und für sie positive Inves­titionsentscheidungen, nicht zuletzt im Bereich strategischer Roh­stoffe, die ihre wirtschaftlichen Chancen erweitern. Ins­besondere wenn ihnen finanziell belastende Beiträge abverlangt werden, wird es den Regierungen schwerfallen, diese im eigenen Land zu verkaufen. Insofern wird sich die Tragfähigkeit des »Sicherheitsschilds« über die Zeit erst er­weisen müssen.

In diesem Kontext stellt sich die Position der mexikanischen Regierung als besonders schwierig dar: Mit ihrer ideologischen Aus­richtung liegt sie quer zum gegenwärtigen Rechtstrend in der Region, gleich­zeitig ist Mexiko eng mit den USA verwoben. Damit gerät Präsidentin Sheinbaum in die Zwick­mühle, bei ihrem innen- und außenpolitischen Kurs einerseits die US-Interessen berücksichtigen zu müssen und andererseits keine regionalen Partner zu haben, die ihr politischen Rück­halt bieten könnten. Zuletzt waren dies in begrenztem Umfang noch Brasilien, Chile und Kolumbien, aber dort sind bereits Präsi­denten mit anderen politischen Vorzeichen an die Macht ge­kom­men oder stehen kurz davor, die Macht zu übernehmen. Trotz dieser Veränderungen spielt die mexikanische Führung das Risiko einer regionalen Isolation derzeit noch herunter. Präsidentin Sheinbaum er­klärte kürzlich, sie mache sich keine Sorgen um Mexikos politische Stellung, und beton­te, man werde weiterhin auf eine souveräne regionale Diplomatie und alter­native inter­nationale Partnerschaften setzen. Hierzu zählt beispielsweise das kürzlich unterzeich­nete modernisierte Globalabkommen zwischen der EU und Mexiko. Doch nicht nur für Mexiko dürfte die EU ein wichtiger Diversifizierungspartner bleiben, um eine zu starke Abhän­gigkeit von den USA und ihren Ordnungsvorstellungen zu vermeiden. Dies sollte von der europäischen Diplo­matie genutzt werden, um mittelfristig Ansatzpunkte für gemeinsames Handeln auszubauen.

Prof. Dr. Günther Maihold ist Non-Resident Senior Fellow der SWP.

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