Südostasien – mehr als ein Nebenschauplatz im Indo-Pazifik
Die strategische Bedeutung der Region für die deutsche Außenpolitik
SWP-Aktuell 2026/A 32, 30.06.2026, 4 Seitendoi:10.18449/2026A32
ForschungsgebieteDie Reise des Bundespräsidenten, die ihn Mitte Juni 2026 unter anderem nach Indonesien und auf die Philippinen führte, hat einmal mehr das wachsende Bewusstsein der deutschen Außenpolitik für die Bedeutung Südostasiens signalisiert. Geht es um Deutschlands Verhältnis zum Indo-Pazifik, erfahren bislang aber Nordostasien und Indien größere Aufmerksamkeit. Die Beziehungen zu Südostasien bleiben vergleichsweise schwach ausgeprägt und von ökonomischen Interessen geleitet. Vorrangiges Ziel ist dabei, Abhängigkeiten von China zu korrigieren. Über ihr Wirtschaftspotential hinaus hat die Region aber eigenständiges strategisches Gewicht: als Schauplatz der Großmächte-Rivalität, Knotenpunkt globaler Lieferketten und lauter werdende Stimme in multilateralen Foren. Um seine Interessen an Stabilität und einer regelbasierten internationalen Ordnung im Indo-Pazifik langfristig zu stärken, muss Deutschland seine Kooperation mit Südostasien vertiefen – zumal viele Akteure um Einfluss dort konkurrieren.
Gut ein Jahr nach Antritt der neuen Koalition in Berlin haben Bundespräsident, Außenminister und weitere hochrangige Vertreter der Bundesregierung schon Indonesien, Singapur, Brunei, Malaysia und die Philippinen besucht. Damit setzt sich der Aufschwung in Deutschlands politischen Kontakten mit Südostasien fort. Zwischen 2022 und 2024 reisten hochrangige Repräsentanten der damaligen Ampel-Regierung 13-mal in die Region – verglichen mit lediglich vier Besuchen unter den beiden Vorgängerregierungen. Diese aktive Reisediplomatie signalisiert ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung, die Südostasien als Baustein einer diversifizierten deutschen Außenpolitik im Indo-Pazifik hat. Gleichwohl haben Deutschlands Partnerschaften mit der Region jenseits von Handelsangelegenheiten bislang nur eine begrenzte Tiefe.
Südostasien in der deutschen Indo-Pazifik-Politik
Die Asien-Politik Deutschlands hat sich lange auf China konzentriert. Mit einem Außenhandelsumsatz von rund 252 Milliarden Euro war die Volksrepublik im Jahr 2025 (wie bereits durchgehend von 2016 bis 2023) Deutschlands wichtigster Handelspartner. Diese einseitige Ausrichtung hat sich als strategische Verwundbarkeit erwiesen, seit die sino-amerikanische Rivalität an Schärfe gewonnen hat und Handelsabhängigkeiten von Peking gezielt instrumentalisiert werden. Mit den Indo-Pazifik-Leitlinien von 2020 hat die Bundesregierung daher eine Neuaufstellung ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik gegenüber der Region eingeleitet. Im Zuge entsprechender Diversifizierungsbemühungen stand aber eine vertiefte Kooperation mit Ländern Nordostasiens im Vordergrund, allen voran mit Japan, aber auch mit Indien und Australien. Dagegen nahm Südostasien in der deutschen Indo-Pazifik-Politik nur eine randständige Rolle ein.
Dabei ist diese Region von hoher geopolitischer Bedeutung. Das liegt nicht nur an ihrer Nähe zu wichtigen asiatischen Märkten wie China, Japan und Südkorea; auch verlaufen hier Seewege wie die Straßen von Singapur und Malakka, die kritische Verkehrsadern für den globalen Handel darstellen. Diese Geographie macht Südostasien zu einem zentralen Schauplatz der Großmächte-Rivalität, weshalb sich Entwicklungen in der Region unmittelbar auf Stabilität und Ordnung im gesamten Indo-Pazifik auswirken. Das Südchinesische Meer gehört zu den entscheidenden Transitkorridoren, ist zugleich aber ein Brennpunkt sino-amerikanischer Rivalität, weil Peking hier auf eskalative Weise illegitime Gebietsansprüche durchzusetzen sucht. Etwaige Konflikte entlang der dortigen Routen hätten »schwerwiegende Folgen« für die Interessen Deutschlands und Europas, wie Außenminister Johann Wadephul im Februar 2026 bei einem Besuch in Singapur anmerkte.
Die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) ist die zentrale multilaterale Organisation Südostasiens. Sie bildet die wichtigste Plattform für wirtschaftliche und politische Kooperation in der Region, aber auch einen institutionellen Anker für multilaterale Formate wie den East Asia Summit und das ASEAN Regional Forum. Für Deutschland und andere Akteure ist ASEAN damit ein zentraler Anknüpfungspunkt, um sich mit weiteren Interessenträgern im Indo-Pazifik auszutauschen. Die Indo-Pazifik-Leitlinien bezeichnen sie entsprechend als »wirkungsvollste« regionale Organisation.
Auch in Südostasien selbst besteht Interesse an neuen Partnerschaften. ASEAN-Staaten setzen traditionell auf außenpolitische Unabhängigkeit. Obwohl sie sich in ihrer geopolitischen Ausrichtung unterscheiden, sind sie generell bestrebt, stabile Beziehungen mit China wie den USA zu pflegen, unterhalten sie doch mit beiden Großmächten enge Handels- und Investitionsbeziehungen. In der Region wächst die Sorge, der strategische Wettbewerb und die Nullsummen-Politik zwischen Washington und Peking könnten bald dazu zwingen, sich für eine Seite zu entscheiden.
Um diesem Druck zu begegnen, suchen viele ASEAN-Mitglieder unter Drittstaaten nach Partnern, die es ihnen erlauben, ihre Beziehungen zu diversifizieren und strategische Abhängigkeiten zu verringern. Unsicherheit über die US-Zollpolitik gegenüber der Region, für die die Vereinigten Staaten einen der wichtigsten Exportmärkte bilden, hat dieses Bemühen weiter verstärkt. Indonesien und Thailand haben ihren Beitritt zur OECD beantragt, überdies streben einzelne Hauptstädte eine engere Kooperation mit der BRICS-Gruppe aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika an. Entwicklungen wie diese signalisieren, dass südostasiatische Staaten aktiv nach neuen Partnern und Formaten Ausschau halten, um ihre Interessen in einem unsicheren internationalen Umfeld zu wahren.
Partner für De-Risking
Damit eröffnen sich auch für Deutschland neue Möglichkeiten, mit der Region in Bereichen gemeinsamer Interessen zu kooperieren, was nachhaltige Entwicklung ebenso betrifft wie die Erhaltung der regelbasierten internationalen Ordnung und die Stärkung des Multilateralismus. Bisher wurden diese Chancen von deutscher Seite aber nur begrenzt verwirklicht.
Auf regionaler Ebene hat Berlin versucht, sich ASEAN institutionell anzunähern. So ist Deutschland 2020 dem Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit in Südostasien beigetreten, womit der »Grundstein« für eine vertiefte sicherheitspolitische Zusammenarbeit gelegt werden sollte. Doch abgesehen davon, dass Deutschland als Beobachter im ASEAN Defence Ministers’ Meeting Plus (ADMM+) zugelassen wurde, hat man dieses Ziel bislang nicht erreicht.
Zwar stellte Berlin etwa 2024 insgesamt 22,6 Millionen Euro für ASEAN-Initiativen bereit, doch bleibt dieser Betrag verglichen mit nationalen Entwicklungsleistungen gering. Im selben Jahr wandte Deutschland mehr als 231 Millionen Euro für Indonesien auf, den größten Empfänger der Region; die Philippinen und Vietnam erhielten je 39 Millionen und 59 Millionen Euro. Symptomatisch ist auch, dass aus Berlin der Staatsminister des Auswärtigen Amtes und nicht der Ressortchef anreiste, als im April 2026 das EU-ASEAN-Außenministertreffen in Brunei stattfand. Gerade im ASEAN-Kontext sind solche Gesten von Bedeutung, da die Qualität von Partnerschaften dort nicht allein an Ergebnissen, sondern auch an kontinuierlicher Präsenz und persönlichem Austausch auf Führungsebene gemessen wird. Die deutschen Beziehungen zur Region beschränken sich bisher auf eine Kooperation mit einzelnen Mitgliedstaaten, die vornehmlich von ökonomischen Interessen geleitet wird.
Südostasien gilt als Epizentrum wirtschaftlichen Wachstums im 21. Jahrhundert. Zusammengenommen sollen die Staaten der Region bis 2030 zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Mit einer Gesamtbevölkerung von rund 684 Millionen Menschen verfügen sie zudem über einen riesigen Absatz- und Arbeitsmarkt. Für das deutsche Bemühen, einseitige Abhängigkeiten von China zu korrigieren (Stichwort »De-Risking«), kommt Südostasien damit potentiell eine zentrale Rolle zu.
Mit einem Handelsvolumen von rund 83 Milliarden Euro (2025) ist die Region bereits ein bedeutender Wirtschaftspartner Deutschlands. Diese Beziehungen dürften durch neue Freihandelsabkommen weiter an Gewicht gewinnen. Bestehende Handelsverträge mit Vietnam und Singapur konnte die EU im vergangenen Jahr um ein Abkommen mit Indonesien erweitern; beflügelt durch die US-Zollpolitik ließen sich die Verhandlungen, die schon fast zehn Jahre gedauert hatten, nun innerhalb weniger Monate abschließen. Ähnliche Vereinbarungen mit Thailand, Malaysia und den Philippinen sollen zeitnah folgen.
Gleich mehrere Länder der Region positionieren sich zudem im Rahmen globaler Lieferketten gezielt als Alternative zu China. Besonders relevant für deutsche Interessen ist der Aufbau regionaler Kapazitäten in strategischen Sektoren. Malaysia und Vietnam haben sich zu bedeutenden Standorten der Halbleiterproduktion entwickelt, wie jüngste Investitionen deutscher Firmen wie Infineon und Aixtron unterstreichen. Im Bereich der E‑Mobilität etabliert sich Thailand als aufstrebender Produktionshub, der von chinesischen Direktinvestitionen in die Fertigung von Elektrofahrzeugen profitiert. Auch für deutsche Automobilhersteller gewinnt das Land als Produktions- und Exportstandort an Bedeutung. Indonesien verfügt über die weltweit größten Nickelreserven und strebt wie einige andere Länder der Region nach einer wichtigeren Rolle in kritischen Rohstofflieferketten.
Länderspezifische Strategien
Der »De-Risking«-Ansatz reduziert Südostasien allerdings auf einen nachgeordneten Faktor deutscher China-Politik und vernachlässigt die eigenständige strategische Bedeutung der Region. Dabei ist diese für Deutschland in mehreren Schlüsselbereichen außen- und sicherheitspolitisch von unmittelbarem Interesse.
Im Klimaschutz sind Partnerschaften mit südostasiatischen Ländern unverzichtbar. Indonesien ist einer der weltweit größten CO2-Emittenten, dessen Pfad zur Dekarbonisierung mitentscheidend dafür ist, globale Klimaziele zu erreichen. Die Region ist zugleich ein zentraler Schauplatz transnationaler Bedrohungen – von Piraterie und illegaler Fischerei, die kritische Seewege gefährden, bis hin zu Cybersicherheitsrisiken. Die Bekämpfung dieser Gefahren liegt im direkten deutschen Interesse. Dank ihrer Zusammenarbeit in solchen Bereichen verfügen die ASEAN-Staaten über wertvolle Erfahrungen, von denen Europa lernen kann. Zudem sind aufstrebende Mittelmächte der Region wie Indonesien und Malaysia sowie der einflussreiche Kleinstaat Singapur, denen ebenfalls an einer regelbasierten internationalen Ordnung liegt, mögliche Verbündete im deutschen Bemühen um eine Reform multilateraler Institutionen wie der Vereinten Nationen oder der Welthandelsorganisation (WTO).
Die Heterogenität der Region macht es dabei wenig zielführend, zur Vertiefung der strategischen Kooperation pauschalen Ansätzen zu folgen. ASEAN-Staaten unterscheiden sich erheblich, was politische Systeme, geopolitische Ausrichtung und wirtschaftliche Strukturen angeht. Das Entwicklungsgefälle reicht von Singapur, einem der wohlhabendsten Länder der Welt, bis hin zu Myanmar und Laos, die den Status eines am wenigsten entwickelten Landes haben. Wie relevant einzelne Staaten für deutsche Prioritäten sind, variiert entsprechend stark. Anrainer des Südchinesischen Meeres sind für das deutsche Engagement im Bereich maritimer Sicherheit bedeutsamer als das Binnenland Laos; auf dem Rohstoffsektor bietet die Kooperation mit Indonesien, einem der wichtigsten Bergbauländer der Welt, ungleich größeres Potential als etwa jene mit dem rohstoffarmen Singapur. Es bedarf daher länderspezifischer Strategien, die sowohl deutsche Interessen als auch lokale Prioritäten berücksichtigen. In dieser Hinsicht steht Berlin vor mehreren miteinander verschränkten Herausforderungen.
Wenig Sichtbarkeit, viel Konkurrenz
Aus Sicht der Zielländer ist Deutschland ein Partner mit begrenztem Gewicht. Bisherige Initiativen, die etwa darauf zielten, die Verteidigungskooperation mit den Philippinen und Singapur zu stärken oder die Energiewende in Indonesien und Vietnam zu unterstützen, sind wichtige Schritte hin zur Vertiefung der strategischen Beziehungen. Sie wirken aber nur punktuell und haben einen vergleichsweise geringen Umfang. Entsprechend fehlt es Deutschland an Sichtbarkeit in der Region. Mit rund einer Milliarde Euro an Entwicklungsunterstützung lag Deutschland etwa 2023 weit hinter anderen Gebern zurück. Japan beispielsweise stellte im selben Jahr 3,8 Milliarden Euro für Südostasien bereit.
Diese Herausforderungen fallen in ein zunehmend kompetitives Umfeld. Eine Vielzahl von Akteuren hat die strategische Bedeutung der Region für sich erkannt. Sie investieren teils erhebliche diplomatische wie finanzielle Ressourcen, um den Bedürfnissen vor Ort entgegenzukommen und gleichzeitig eigene strategische Interessen zu stärken. Allen voran hat China seinen Fußabdruck in Südostasien systematisch vergrößert; die Volksrepublik ist heute wohl der einflussreichste externe Akteur in der Region, dicht gefolgt von den Vereinigten Staaten. Neben den Großmächten konkurrieren hier Russland, die langjährigen Partner Japan und Australien sowie andere Mittelmächte um Einfluss. Angesichts dieses Wettbewerbs sollte es keine nachgeordnete Reaktion auf Chinas Aufstieg sein, deutsche Partnerschaften in Südostasien gezielt zu vertiefen. Es geht dabei um eine strategische Notwendigkeit, um Deutschlands Relevanz und Handlungsfähigkeit im Indo-Pazifik langfristig zu erhöhen.
Dr. Pia Dannhauer ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Asien. Dieses Aktuell entstand im Rahmen des Projekts »Mehr als China+1 – Hidden Champions und verborgene Potenziale in der Kooperation Deutschlands und Südostasiens«, das von der Stiftung Mercator gefördert wird.
Dieses Werk ist lizenziert unter CC BY 4.0
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DOI: 10.18449/2026A32