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Kampfansage an Bandenkriminalität in Haiti

Der Neuansatz der Vereinten Nationen zur Kontrolle des Staatszerfalls

SWP-Aktuell 2026/A 23, 11.05.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A23

Forschungsgebiete

Haiti leidet seit Jahrzehnten unter zahlreichen humanitären, politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Krisen, die einander überlagern und verheerende Folgen für die lokale Bevölkerung haben. Bisherige Stabilisierungsversuche waren kaum erfolgreich. Die 5.500 Mann starke sogenannte »Einheit zur Bekämpfung von Banden« (Gang Suppression Force, GSF) hat am 1. April 2026 die Nachfolge der von Kenia geführten Multinationalen Sicherheitsunterstützungsmission (MSS) angetreten. Es ist die zwölfte Friedens- und Stabilisierungsmission, die Haiti seit 1990 erlebt. Die GSF wird als VN-mandatierte Mission geführt und operiert vor allem mit zunächst 800 Militärkräften aus dem Tschad. Damit unternehmen die Vereinten Nationen einen gewagten Versuch, die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zum zentralen Ansatzpunkt ihrer Missionen nach Kapitel VII der VN-Charta zu machen – und das in einer extrem komplexen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage in Haiti.

Die VN haben wiederholt umfassendere oder multidimensionale Friedenssicherungs­einsätze ins Leben gerufen, bei denen mili­tärische und zivile Aktivitäten mit­einander kombiniert wurden. Später wurde eine Polizeikomponente zur dritten Säule dieser weitreichenden Missionen. Dieser Ansatz begründete sich mit dem Bestreben, dem gleichzeitigen Auftreten einer dreifachen Herausforderung Rechnung zu tragen: dem weitgehenden Zusammenbruch staatlicher Autorität, dem Verlust von Handlungs­fähig­keit zentraler Akteure und dem Schwund von Legitimität durch Einschränkungen von Demokratie und rechtsstaatlichen Ver­fahren. Gerade in Haiti wurden die Mög­lichkeiten der bekannten VN-Instru­mente als weitgehend ausgeschöpft betrachtet.

Die MSS war fast zwei Jahre lang in Haiti statio­niert, erzielte jedoch angesichts der aus­geprägten Fragilität und Unsicherheit nur magere Ergeb­nisse im Kampf gegen die bewaffneten Banden, die die Hauptstadt Port-au-Prince praktisch vollständig beherr­schen und sich ins Landesinnere ausgedehnt haben. Weit verbreitete Korruption unter den politischen und wirtschaftlichen Eliten sowie unter den Staats­beamten in den Zoll-, Hafen- und Straf­verfolgungsbehörden begünstigen den Trans­port von Waffen und Drogen und Geldwäsche-Operationen. Die Erlöse der Banden aus Erpressung, Entfüh­rungen, Drogenhandel und Waffenverkäufen werden Berichten zufolge in Form gro­ßer Mengen an Bargeld mit Hilfe unregulierter Geldtransferdienste oder über Scheinfirmen verschoben. Jen­seits dieses kriminellen Feldes haben sich die Gangs als Söldner zum Schutz und zur Durchsetzung partikularer Interessen von Politikern und Staats­beamten verdingt. Sie agieren als mafiöse bewaffnete Gruppen im Dienste privater Auftraggeber und haben sich neben­bei als lokale Koordinatoren internationaler krimi­neller Netzwerke etabliert. Aufgrund dieser Verschränkung von Inter­essen staat­licher Eliten mit denen krimineller Grup­pen erfordert die Lage in Haiti grundlegende Reformen der Institutionen, die Teil der kriminellen Verstrickung sind. Ziel muss es sein, die wirtschaftlichen und politischen Drahtzieher und die wichtigsten Anführer der Banden zu verfolgen und so deren Zer­schlagung anzugehen. Doch genau an dieser Bereitschaft und Fähigkeit fehlt es bislang bei der politischen Elite in Haiti. Der inter­nationalen Gemeinschaft sind damit Gren­zen bei ihrem Bemühen gesetzt, entscheidend in die nationale Realität einzugreifen. Die Politisierung der organisierten Krimi­nalität, die sich mit politischen Ansprüchen der kriminellen Akteure ergeben hat, und das damit einhergehende Changieren der Beziehungen der Gangs mit der politischen Elite des Landes zwischen Verknüpfung und Konkurrenz erschweren zudem den Zugriff auf die Banden.

Kriminelle Governance ersetzt Staatsautorität

In seinem letzten Vierteljahresbericht an den VN-Sicherheitsrat über die Lage in Haiti hat das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) festgestellt, dass die im Lande vorherrschenden kriminellen Netz­werke in eine neue Entwicklungsphase ein­getreten sind: Von räuberischen Banden­aktivitäten sind sie zu stärker strukturier­ten Formen der territorialen Kontrolle und der Einbindung in transnationale illegale Märkte übergegangen. Indem sich die bis­lang autonomen Bewaffneten zu einem Verbund zusammengeschlossen haben, ist es ihnen gelungen, die Kontrolle über wesent­liche Teile des Staatsgebiets zu ge­winnen. Auch haben sie ihre illegalen Akti­vitäten weiter diversifiziert. Neben Waffen- und Drogenhandel gehören nun auch der Kraftstoffschmuggel, die Ausbeutung von Migranten oder auch Erpressung zu ihrem kriminellen Portfolio. Die bewaffneten Banden, deren territorialer Einflussbereich mit wachsendem politischem Einfluss ver­bunden ist, sind zu einer veritablen Heraus­forderung für staat­liche Autoritäten heran­gewachsen. Wäh­rend sie vor einer Dekade noch als zersplit­terte Nachbarschafts­bürger­wehren agierten, haben sie sich mittler­weile zu einer großen kriminellen Allianz zusammengeschlossen, die in zentralen Regionen den Staat ersetzt. Sie haben ihre Vorherrschaft über legale und illegale Lieferketten gefestigt und sich gleichzeitig immer ausgefeiltere Waffen militärischer Art beschafft, die denen der haitianischen Nationalpolizei überlegen sind und ihnen besser koordinierte, groß angelegte Opera­tionen ermöglichen.

Seit Anfang 2024 hat sich eine Koalition namens »Viv Ansanm« aus den bis dahin dominanten Gang-Föderationen »G9-Fami­lie und Verbündete« sowie »G-Pèp« ge­bildet, in die nach und nach die Anführer und Ein­heiten aus beiden Allianzen integriert wor­den sind. Die An­griffe von »Viv Ansanm« auf Polizeistationen, Gefängnisse, Steuerämter und den internationalen Flughafen sind Ausdruck des wachsenden Gewichts dieser Bandenallianz in der komplexen Sicherheitslage des Landes. Mit illegalen Kontrollpunkten und der Erhebung von Straßenzöllen von Transport­unternehmen, aber auch mit der Erpressung von Schutzgeldern von Handelsfirmen und Hilfsorganisationen setzen sie nach und nach ihre Stra­tegie um, das Straßennetz, die Häfen, die Treib­stoffdepots und die an der Grenze zum Nach­barland Dominikanische Repu­blik gelege­nen Gemeinden unter ihre Kontrolle zu bringen.

Der Anführer der Koalition »Viv Ansanm«, Jimmy Chérizier alias »Barbecue«, hat wiederholt deutlich gemacht, dass seine Organisation beabsichtige, als politische Kraft tätig zu werden, die den Anspruch hat, die Zukunft des Landes mitzugestalten. Im Jahr 2022 hatte der Gangleader bereits seinen eigenen »Friedensplan« vorgelegt, in dem er vorschlug, den Mitgliedern seiner Bande Amnestie zu gewähren und einen »Rat der Weisen« mit Vertretern aus den zehn Regio­nen Haitis einzuberufen. Schon damals beanspruchte er, seiner Bande Posten im Kabinett zuzuweisen. Seitdem hat er den Druck immer weiter erhöht und versucht, sich als »Revolutionär« zu prä­sentieren. Viv Ansanm hat sich in der Folge bemüht, die regierungsfeindliche Stimmung für sich zu nutzen und ihr gewaltsames Unwesen als Kampf zwischen »den Menschen von unten« gegen »die Menschen von oben« zu stili­sieren und mit natio­nalistischen Narrativen zu verbrämen.

Dem hat die haitianische Nationalpolizei angesichts chronischer Überlastung wenig entgegenzusetzen. Ihr Personalbestand, der im Jahr 2023 mit 15.498 Beamten an­gegeben wurde, wird heute auf 9.000 Kräfte geschätzt (bei einer Bevölkerung von mehr als 11 Millionen). Die staatlichen Polizeikräfte sehen sich einem Geg­ner gegenüber, der besser bewaffnet und territorial fest ver­ankert ist und operativ koordiniert agiert.

Kein stabiler politischer Rahmen – ein »Phantom-Staat«

Bislang haben die Anstrengungen der poli­tischen Akteure Haitis, das Land aus eige­ner Kraft friedlich zu entwickeln, nicht zum Erfolg geführt. An­gesichts der Kon­vergenz von politischen und kriminellen Interessen und der Unfähigkeit staatlicher Institutionen, territoriale Kontrolle auszuüben und die Sicherheitslage entscheidend zu beein­flussen, ist Haiti als »Phantom-Staat« be­zeich­net worden, der nurmehr eine frag­men­tierte Autorität im Land aufrecht­zuerhalten bzw. herzustellen vermag. Nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 durch kolumbianische Söldner ist die Präsenz von Gewaltoligopolen und kriminellen Komplexen erkennbar ge­worden, die die politischen Prozesse im Lande dominieren. Internationale Be­mühungen, insbesondere der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM), das Machtvakuum nach dem Mord durch ein gemeinsames Handeln zu schließen, waren nur begrenzt erfolgreich. Seitens der haitianischen Gesell­schaft wurde eine nationale Lösung bevor­zugt. Aller­dings wird das politische Leben Haitis von einer Vielzahl zerstrittener Par­teien und Gruppierungen dominiert, denen kaum politische Repräsentativität zukommt. Mit der »Bürgerkonferenz für eine haitianische Lösung der Krise« haben mehr als 500 Organisationen sowie 85 Parteien und politische Gruppierungen den Versuch unternommen, eine Übereinkunft über eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft des Landes zu treffen. Das als »Accord de Montana« be­kannt gewordene Abkommen wurde jedoch nicht um­gesetzt. Interims­präsident Ariel Henry (2021–2024) wider­setzte sich dem Bestreben, die nötigen Bedingungen für Neuwahlen zu schaffen. Er setzte stattdessen auf die neue, im Okto­ber 2023 von den VN mandatierte Militärmission MSS. Nach einer Auslandsreise nach Kenia im Kontext der Aufstellung der Missionseinheiten konnte er aufgrund von Drohungen durch die Banden nicht mehr in sein Land zurückkehren. Henry musste nach Puerto Rico ausweichen und erklärte dann seinen Rücktritt zugunsten eines Übergangsrats (Conseil présidentiel de tran­sition, CPT), der die Geschicke des Landes formell übernahm.

Für viele Beob­achter haben jedoch die kriminellen Gangs die Herrschaft übernommen. Dem Über­gangsrat gelang es nicht, in den folgenden zwei Jahren die grassierende Bandengewalt einzudämmen und den Karibikstaat in eine bessere Zu­kunft zu führen. Er löste sich im Februar 2026 auf. Premier­minister Alix Didier Fils‑Aimé ist nun der einzige Politiker des Landes mit Exekutiv­gewalt. Er wird von den USA unterstützt; das US-Außenministerium hat zudem Sanktionen gegen zwei Mit­glieder des CPT und einen Minister verhängt. Es wirft ihnen vor, Banden zu unterstützen. Da das Land seit 2016 keine gewählten Auto­ritäten mehr besitzt, sollen eigentlich im August 2026 Wah­len stattfinden. Aller­dings ist angesichts der Sicherheitslage auch dieses Datum unrealistisch geworden, so dass weiterhin nur provisorische Bevollmächtigte fungieren. Das Fehlen demokratisch legiti­mierter Funktionsträger macht auch das Engagement der internationalen Akteure kompliziert. Es gibt keine natio­nale Instanz, die das Land noch legi­tim nach außen vertreten kann. Damit kommt den Vereinten Nationen eine zentrale Rolle zu.

Mit dem Integrierten Büro der Vereinten Nationen in Haiti (BINUH) gibt es eine poli­tische Mission der VN in Port-au-Prince, die allerdings nur sehr schwach aufgestellt ist. Das Büro hat im Jahr 2025 5.915 direkte Opfer von Bandengewalt dokumentiert, hinzu kommen 1,4 Millionen intern Ver­triebene. Allein auf die Hauptstadt Port-au-Prince entfielen 78 Prozent der Tötungen und Verletzungen, doch Akte der Gewalt und vor allem Entführungen mit Lösegelderpressung haben sich auch auf andere Gebiete ausgebreitet. Damit wächst das Risiko für eine Tätigkeit internationaler Sicherheitskräfte, die wenig Unterstützung von der fragmentierten und teilweise von kriminellen Gruppen unterwanderten staatlichen Polizei zu erwarten haben.

Das Versagen der nationalen Polizei

Die Sicherheitslage ist der Polizei entglitten, sowohl bezogen auf den blühenden Waf­fen­handel als auch auf das expandierende Drogengeschäft. Viele Einwohner ver­suchen in das Nachbarland zu gelangen, doch die Dominikanische Republik ist nicht bereit, Flüchtlinge aufzunehmen, und hat die Grenzkontrollen verschärft. Mit dem Verfall einer effektiven Regierungsführung weitet sich die humanitäre Krise des Landes aus. Der Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten wird immer schwieriger.

Angesichts dieser Umstände ist eine inter­nationale Polizeimission wie die jetzt installierte Gang Suppression Force nicht mehr hinreichend; sie kann auch kaum erfolgreich sein, wenn es nicht gleichzeitig gelingt, die politischen Kräfte des Landes zusammenzuführen. In Haiti ist seit Jahren politische Instabilität zur Regel geworden. Der bis Februar 2026 amtierende Präsidialrat für den Übergang (CPT) hatte mit Blick auf die angestrebten Präsidentschafts-, Par­laments- und Kommunalwahlen zwei Vor­aussetzungen für die Einhaltung des Wahl­kalenders benannt: ein akzeptables Sicher­heitsklima und die Verfügbarkeit finan­zieller Mittel. Doch ist die Erfüllung beider Bedingungen nicht in Sicht, allein für die Absicherung und Durchführung der Wah­len hatte der provisorische Wahl­rat völlig überhöhte Kosten von 250 Millionen US-Dol­lar angesetzt, eine Summe, die vom Premier­minister und zivilgesellschaftlichen Ak­teuren unmittelbar als zu hoch abgelehnt wurde. Haiti hielt seine letzten Wahlen zwischen 2015 und 2016 ab, während einer Übergangsphase, die mit der Wahl von Jovenel Moïse endete. Dieser trat am 7. Februar 2017 sein Amt an und wurde am 7. Juli 2021 von einem Kommando er­mordet.

Die Attacken der kriminellen Banden, aber auch die Maßnahmen der nationalen und internationalen Sicherheitsorgane und die Akte von Lynchjustiz von Selbstverteidigungsgruppen haben die Zahl der Toten im Lande erhöht. Seit März 2025 ist auch ein privates Militärunternehmen, das »von der haitianischen Regierung beauftragt wurde«, an Operationen betei­ligt, bei denen Drohnen und Hubschrauber zum Einsatz kommen. Die Lage der Bevölkerung zwi­schen den Fronten wird dadurch immer schwieriger. Gangmitglieder zerstören und plündern Eigentum und drangsalieren die Bevölkerung, indem sie sie an der Beschaffung von Lebensmitteln hindern und Schutzgelder erpressen. Sie schränken den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung ein, indem sie entsprechende Ein­richtungen zerstören und Straßensperren errichten. Eine Änderung der Lage ist nicht absehbar, da es bislang nicht gelungen ist, das Waffenembargo des VN-Sicherheitsrats umzusetzen, um den illegalen Handel mit Schusswaffen und Munition aus den USA nach Haiti zu stoppen, durch den die Ban­denkriminalität weiter angeheizt wird.

Die magere Bilanz der VN-Missionen

Nach langen Diskussionen hatte der Welt­sicherheitsrat im Oktober 2023 die Entsen­dung einer inter­nationalen Polizeimission (Multinational Security Support Mission, MSS Mission) beschlossen, die zwölf Monate lang die haitianische Natio­nalpolizei operativ und mit Aus­bildungsmaßnahmen unterstützen sowie kritische Infrastrukturen schützen sollte. Es handelt sich dabei um eine nicht von den Vereinten Nationen geleitete multi­natio­nale Truppe, die durch freiwillige Beiträge finanziert wurde. Damit hatten sich die Mitglieder des Sicherheitsrats auf eine Mini­mallösung verständigt, die der komplexen Lage im Lande jedoch nicht gerecht wurde. Selbst diese redu­zierte Mission kam nur schwer in Gang, sie fand keine handlungsfähigen natio­nalen Instan­zen mehr vor, mit der sie Vereinbarungen hätte treffen können. Kenia, das den Groß­teil des Truppenkontingents stellte, wollte 1.000 Kräfte entsenden, karibische Nach­barn Haitis wie die Bahamas, Belize, El Sal­vador, Guatemala und Jamaika erklärten sich bereit, mit weiteren 1.500 Polizei­kräften beizutragen. Die Ankündigungen wurden jedoch nie in diesem Umfang wahrgemacht. Letztlich wurden nur rund 1.000 kenianische und kari­bische Polizei- und Militärangehörige vor Ort aktiv, also 1.500 weniger als vorgesehen. Hinzu kam, dass das Verfassungsgericht Kenias den Ein­satz wegen rechtlicher Bedenken zunächst blockierte und die finanziellen Mittel für den Start der Mission, die sich aus frei­willigen Beiträgen der VN-Mitgliedstaaten speisen sollten, nicht bereitgestellt wurden, eine Situation, die sich auch nach der Ver­längerung der Mission um ein weiteres Jahr bis Oktober 2025 noch verschärfte.

Der MSS fehlte ein formeller völkerrechtlicher Status, was ihre Möglichkeiten ein­schränkte, Mittel direkt zu verwalten oder logistische Operationen durchzuführen. Laut VN-Generalsekretär António Guterres beliefen sich die Zuflüsse in den Treuhandfonds auf 110,8 Mil­lionen US-Dollar, von denen 48 Millionen US-Dollar noch nicht zugewiesen wurden; es wurde jedoch ein weitaus höherer Betrag benötigt. Wegen der reduzierten Personalstärke, die die Ziel­marke von 2.500 Mitarbeitern weit unter­schritt, blieb die operative Kapazität deut­lich unter dem für eine wirk­same Stabi­lisie­rung erforderlichen Mindestniveau zu­rück. Als Lehre aus dem MSS-Einsatz sollten inter­nationale und regionale Partner der nun ins Leben gerufenen Gang Suppression Force (GSF) dringend ausreichend Personal und Ressourcen zur Verfügung stellen.

Doch auch frühere Friedens- oder Stabilisierungseinsätze unter VN-Mandat, wie sie Haiti schon von 2004–2017 mit der MINUSTAH-Mission (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti) erlebt hat, haben nicht den gewünschten Erfolg erbracht, möglicherweise auch, weil sie zusätzlich zu ihrem Auftrag mit der Bewäl­tigung von Naturkatastrophen wie dem schweren Erdbeben im Jahr 2010 und dem Wirbelsturm Matthew im Jahr 2016 belastet waren. Auch die davor aktive Mission UNMIH (United Nations Mission in Haiti, 1993–1996) verfehlte ihr Ziel, Sicherheit zu gewährleisten, die Institutionen zu stärken und einen demokratischen politi­schen Prozess anzubahnen. Das Image der VN in Haiti ist nicht zuletzt aufgrund der Cholera-Epidemie, die Blauhelme der MINUSTAH-Operation ausgelöst haben, und der Übergriffe auf die Zivilbevölkerung weit­gehend negativ. Daher gibt es unter den Haitianern viele Stimmen, die sich gegen eine weitere Mission wenden und eine solche als »internationale Einmischung« im Lande wahrnehmen.

Die neue robuste GSF-Mission

Ein Ausweg aus der verfahrenen Lage des Landes ist indes nur mittels eines anhaltenden finanziellen und politischen Engagements der gesamten internationalen Ge­meinschaft denkbar, die sich jedoch immer weniger dazu bereitfindet. Trotz aller welt­politischer Widrigkeiten gelang es auf Ini­tiative Panamas und der USA im Sep­tember 2025, die MSS in die GSF überzuleiten und mit einem VN-Mandat auszustatten. Die Mission soll durch freiwillige Beiträge von VN-Mitgliedern finanziert und hauptsächlich von Polizei- und Militärkräften des Tschad getragen werden. Bei Stimmenthaltung Chinas, Russlands und Pakistans fasste der VN-Sicherheitsrat den Beschluss zu einer im Vergleich zur MSS deutlich robus­ter angelegten Mission in Haiti. China, das sich bereits 2023 skep­tisch gegenüber der Einrichtung der MSS gezeigt hatte, weil es gleichzeitige Maßnahmen zur Stützung der politischen Transition in Haiti vermisste, äußerte hingegen deut­lich seine Zweifel an der neuen Mission. »Es ist unwahrscheinlich, dass der Einsatz mili­tärischer Gewalt, um Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, zum jetzigen Zeitpunkt zum Erfolg führt; dies könnte die ohnehin schon unlösbare Situa­tion sogar noch verschärfen«, betonte der chinesische VN-Botschafter Fu Cong. Er kritisierte zudem, dass die neue Mission »überstürzt« vorbereitet worden sei, ohne »aus der Vergangenheit zu lernen« oder zunächst wichtige »unklare Sachverhalte« hinsichtlich der Zusammensetzung der Truppe oder der Einsatzregeln zu klären.

Von den 1.500 tschadischen Polizisten, die an der Mission teilnehmen werden, sind 350 bereits abgestellt worden. Weitere 17 Län­der haben die Entsendung von Polizeikräften zugesagt, um die Zielgröße von 5.500 Einsatzkräften zu erreichen. Es han­delt sich jedoch nicht um eine klassische Friedensmission von Blauhelmen. Die GSF ist eher als offensive Eingreiftruppe mit einem robusten Mandat angelegt. Das ein­gesetzte Polizei- und Militärpersonal wird jeweils unter der eigenen Nationalflagge operieren. Die Truppe ist vom Sicherheitsrat ermächtigt, »alle erforderlichen Maß­nahmen« zu ergreifen, um die offensiv agie­renden Banden unschädlich zu machen, zu isolieren und abzuschrecken. Sie hat den Auftrag, gezielte, auf nachrichtendienst­lichen Erkenntnissen basierende Ope­ratio­nen durchzuführen, um bewaffnete Banden zu zerschlagen und die Kontrolle über kri­tische Infrastrukturen zurückzu­gewinnen. Ein Unter­stützungsbüro der Vereinten Nationen in Haiti (UNSOH), das unter Leitung der deutschen VN-Beamtin Daniela Kroslak noch in Port-au-Prince eingerichtet werden muss, wird der GSF operativ und logistisch zur Seite stehen. UNSOH wird zum Beispiel Treibstoff, Wasser, Unterkünfte, Infrastruktur, medizinische Ver­sorgung und Transportkapazitäten bereit­stellen – ein Support, auf den die MSS nicht bauen konnte. Im Gegensatz zur MSS, die sich im Wesentlichen aus Polizisten zusammen­setzte und die Aufgabe hatte, die haitianische Polizei PNH zu unterstützen, wird die GSF weitgehend militarisiert und befugt sein, unabhängig vom Kommando der PNH zu operieren, womit sie über deutlich größere Handlungsfreiheit verfügt.

Die Polizei- und Militärkräfte aus dem Tschad, die das größte Kontingent der Mis­sion stellen werden, sind zwar in der Auf­standsbekämpfung in Wüstenregionen erprobt – unter anderem im Kampf gegen Boko Haram im Tschadsee-Gebiet sowie in Nord-Mali, also in ländlichen ariden oder semi-ariden Regionen; aber weder die tschadischen Militärs noch die Gendarmen haben bisher Erfah­rungen mit Banden­bekämpfung in Städten. Insofern ist davon auszugehen, dass sie in Haiti in einem für sie völlig ungewohnten Kontext agieren werden, auch wenn sie vorher noch ein gewisses Training durch US-Einheiten be­kommen sollten. Hier könnte sich eine Über­forderung der Einsatzkräfte abzeichnen, die für das gesamte VN-Engagement in Haiti negative Folgen haben könnte. Der Aufwuchs der Missionsstärke durch 1.500 Soldaten aus Bangladesch, 750 aus Sri Lanka sowie durch kleine­re Kontingente von 250 Soldaten aus Sierra Leone, 750 aus Burundi, 200 aus Gambia, 60 aus Burkina Faso und 50 aus Belize wird entscheidend dafür sein, dass eine hinreichende territo­riale Präsenz erreicht wird.

Die Truppe wird dabei mit den Defiziten des »Phantom-Staats« Haiti, insbesondere im Bereich der Strafverfolgung, konfrontiert werden. Notwendig sind zudem klare Ein­satzregeln, um zu vermeiden, dass die GSF hohe Zahlen ziviler Opfer verursacht und der latent vorhandene Widerstand der Be­völkerung gegen externe Sicher­heits­kräfte erneut anwächst. Die GSF muss wirk­samen Menschenrechtsschutz gewährleisten und Überwachungs- und Rechenschafts­mechanismen einführen und einhalten. Internationale und regionale Partner sollten der GSF dringend ausreichend Personal und Ressourcen zur Verfügung stellen und auch weitere Akteure koordinieren.

Das gilt auch für die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), die in Ergänzung zur GSF-Mission eine neue Version ihrer »Haiti Roadmap« vorgelegt hat. Diesen umfassenden Plan zur Wiederherstellung der Stabilität in Haiti und für Weichenstellungen auf dem Weg zur Entwicklung und zu Wohlstand im Land will sie durch Kon­sultationen mit den betroffenen Gemeinden und der haitianischen Zivil­gesellschaft voranbringen. Allerdings bedarf auch die Implementierung der OAS-Roadmap frei­williger finanzieller Beiträge, insbesondere für die Umsetzung jener angedachten Maßnahmen, die der Förderung eines fried­lichen zivi­len Zusammenlebens dienen. Ob es der OAS allerdings gelingen kann, die GSF in einen von haitianischen Auto­ritäten gelenkten politischen Prozess einzubetten, muss fraglich bleiben. Die fünf gewählten Agendaschwerpunkte Stabilisierung der Sicherheitslage, Herstellung eines politischen Konsenses, Herstellung von Legiti­mität durch Wahlen, humanitäre Hilfe und Nachhaltige Entwicklung sind so anspruchs­voll formuliert, dass angesichts der diffusen politischen Lage Zweifel angebracht sind, ob sie effektiv umgesetzt werden können.

Die zentrale Herausforderung: Bekämpfung politisierter organisierter Kriminalität

Die besondere Schwierigkeit der aktuellen Situation in Haiti liegt in der Über­lagerung und Vermischung von diffuser politischer Macht und krimineller Gewalt. Drei Fakto­ren sind dadurch wirksam geworden, die für eine Bekämpfung der Bandenkriminalität in Haiti von zentraler Bedeutung sind:

1. Die Politisierung der kriminellen Ban­den, die sich durch langjährige Verbindungen mit den Eliten ergeben hat. Befördert worden ist dieser Prozess durch das Macht­vakuum und die Zersplitterung der Füh­rung nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Jahr 2021. Polizei, Poli­tiker und andere Repräsentanten der Eliten suchten die Nähe der Banden, um ihre Autorität durchzusetzen, versorgten sie mit Geld und Waffen und gewährten Straf­freiheit. Inzwischen sind die Banden zu autonomen politischen Akteuren aufgestiegen und beanspruchen Eigenrechte bei der Interessenvertretung.

2. Die territoriale Kontrolle, die von den Gangs ausgeübt wird, hat sich in den ver­gangenen Jahren massiv erweitert. Ihre Gebietsherrschaft auf Kosten staatlicher Instanzen hat die Banden in weiten Teilen des Landes zu De-facto-Autoritäten werden lassen, zuweilen nehmen sie den Charakter krimineller bewaffneter Milizen an. Damit setzen sie ihre eigene Form der kriminellen Governance durch. Sie regeln das tägliche Leben und haben eine weitgehende Kon­trolle über wichtige Ressourcen und Trans­portwege übernommen, was ihre Autono­mie und wirtschaftliche Macht gestärkt hat. Durch Erpressung, Entführungen, Drogen- und Waffenhandel sind sie in der Lage, die Grundlagen der kriminellen Ökonomie, auf die sie sich stützen, sicherzustellen und dauernd zu erneuern. Gerade die USA sehen das Land als wichtiges Durchgangsland für die Drogenökonomie, die sie im karibischen Raum derzeit durch massive militärische Präsenz einzudämmen versuchen.

3. Die Zentralisierung ihrer Organisations­struktur durch den Zusammenschluss zu Viv Ansanm (mit einer geschätzten Personal­stärke von insgesamt zwischen 12.000 und 20.000 Mitgliedern, von denen 3.000 schwer bewaffnet sind) hat die Banden zu einer einheitlicheren und strategisch effektiveren Kraft gemacht und ihren Einfluss vergrößert. Interne Streitigkeiten der über 100 Ein­heiten scheinen beigelegt zu sein. Sie agie­ren als eine gemeinsame Front, wodurch sie ihre militärische Schlagkraft potenzieren und ihre territoriale Kontrolle, die zunächst auf die Hauptstadt Port-au-Prince beschränkt war, erheblich ausweiten konnten.

Aufgrund dieser komplexen Situation ist unklar, ob die Auseinandersetzungen mit den politisierten kriminellen Banden als bewaffnete Konflikte anzusehen und welche Mittel zur Bekämpfung der kriminellen Organisationen angemessen sind (mili­tä­risch, wie bei Aufständischen, oder polizei­lich, wie bei allen anderen Straftaten) und ob es rechtlich möglich oder auch politisch angezeigt ist, mit solchen Akteu­ren trans­nationaler organisierter Kriminalität zu verhandeln. Mit der Einrichtung der GSF hat der Sicherheitsrat sich klar für ein robustes Han­deln entschieden, eine lang­fristige Zusammenarbeit zum Aufbau staat­licher Strukturen ist gegenwärtig nicht in Sicht; dies bedeutet auch, dass die Verknüpfungen zwischen politischer Macht und krimineller Gewalt von der GSF zerschlagen werden müssen, wenn die Mission nicht nur an der Oberfläche tätig sein will, indem sie sich auf die Verfolgung einzelner gewalt­samer Über­griffe fokussiert. Damit ist ab­sehbar, dass die Mission mit den politischen Eliten des Landes in Konflikt geraten wird, die ihre Ansprüche durch (informelle) Ver­einbarungen mit den Banden durchzusetzen ver­suchen. Bereits im Juli 2024 hatten die Bandenführer der haitianischen Regie­rung eine Übereinkunft vorgeschlagen, in der die Einberufung eines Friedensgesprächs mit ihnen in Erwägung gezogen wurde, um der im Land herrschenden Anarchie Einhalt zu gebieten. Jenseits der kontinuierlich statt­findenden informellen Verhandlungen mit Banden, die vor allem darauf gerichtet sind, Zugang zu Menschen zu erhalten, die huma­nitäre Hilfe benötigen, oder Geschäfte zu ermöglichen, lehnen viele Haitianer einen formellen Dialog mit diesen Gewalt­akteuren ab, zumal solange der haitianische (Phantom-)Staat diesen nur aus einer Position der Schwä­che heraus führen kann. Zudem verschieben sich die politischen Gewichte fortwährend in Abhängigkeit von der nationalen politischen Konjunktur: Hatten haitianische Eliten lange Zeit die Banden bewaff­net und finanziert und diese für ihre eige­nen Zwecke instrumentalisiert, so treten diese zunehmend als eigenständige politische Akteure auf, was jedoch nicht ausschließt, dass sich je nach Inter­essenlage wieder kurzfristige Allianzen bilden, an denen die GSF scheitern könnte.

Für einen Erfolg der GSF wird das effektive Ineinandergreifen der verschiedenen Komponenten des Einsatzes entscheidend sein: die politische Einbettung in die Road­map der OAS, die Unterstützung durch die UNSOH und die Leistungsfähigkeit der gestellten Truppen. Operative Fähig­keiten und hinreichende militärische und finan­zielle Ressourcen müssen zusam­men­geführt werden, um die herausfordernde Aufgabe meistern zu können. Die finanzielle Aus­stattung des Treuhandfonds der VN für die MSS- und GSF-Missionen in Haiti ist mit gegenwärtig (5. Mai 2026) eingegangenen 174,1 Millionen US-Dollar zu 48,93 Pro­zent von Kanada, 26,23 Prozent von Deutschland, 8,62 Prozent von den USA und 6,94 Prozent von Frankreich geleistet worden. Weitere Beiträge sind zugesagt und müssen noch bereitgestellt werden, um die Mission so stark und durchsetzungsfähig zu machen, dass sie in der Lage ist, auch den Waffenhandel zu unterbinden und die humanitäre Lage im Land zu verbessern. Die Volatilität der Lage im Lande bleibt dabei eine schwer zu kontrollierende Kontextbedingung, die eine erfolgreiche Tätigkeit der GSF an der schwierigen Schnittstelle von humanitärer Hilfe, Verbesserung der sozialen und Sicher­heitslage und Friedensförderung massiv beeinträchtigen kann.

Die Zurückhaltung der führenden Mitglieder der internationalen Gemein­schaft im Hinblick auf die Bereitschaft, selbst in Haiti aktiv zu werden, steht dabei im Gegen­satz zu der im Kontext der GSF-Mission geäußerten Auf­fassung, es handele sich dabei um die »letzte Chance«, um das Land zu retten. Umso wichtiger ist es deshalb, den Einsatz der GSF nun tragfähig aus­zugestalten.

Prof. Dr. Günther Maihold ist Non-Resident Senior Fellow der SWP.

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