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Ankaras kritischer Blick auf das EU‑Freihandelsabkommen mit Indien

Die Türkei fordert mit Nachdruck, die Zollunion mit der EU zu modernisieren

SWP-Aktuell 2026/A 08, 19.02.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A08

Forschungsgebiete

Dreißig Jahre nach Gründung der Zollunion mit der Europäischen Union (EU) sieht Ankara durch die Freihandelsabkommen der EU mit Drittstaaten, zuletzt mit Indien, wachsende wirtschaftliche Risiken. Während die Verhandlungen zum EU-Indien-Freihandels­abkommen Ende Januar abgeschlossen wurden und nun ebenfalls die Sicher­heits­kooperation zwischen der EU und Indien ausgeweitet werden soll, bleibt Ankara außen vor. Aus Sicht der Türkei könnte das Abkommen zudem ihr Gewicht im strate­gischen Kalkül der EU schwächen. Mit Nachdruck fordert Ankara daher die Modernisierung der Zollunion. Denn nicht auszuschließen ist, dass sich die struk­turellen Asymmetrien in der Zollunion zu seinen Lasten weiter verfestigen: Markt­integration ohne politische Mitgestaltung kann eine dauerhafte Benachteiligung der Türkei bedeuten und belastet ihre Beziehungen zur EU. Mit Inkrafttreten des Frei­handels­abkommens werden indische Produkte leichter auf den tür­kischen Markt gelangen, türkische Produkte aber nicht nach Indien. Aufgrund geo­politischer Diver­genzen mit Indien bestehen aus türkischer Perspektive überdies Risiken für eigene regionale Interessen. Brüssel und Berlin könnten diese Konstellation nutzen, um die Koopera­tion mit Ankara auf eine tragfähige institutionelle Grundlage zu stellen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht im Freihandelsabkommen mit Indien einen Meilenstein in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen den »größ­ten Demokratien« der Welt, während Indiens Premierminister Narendra Modi es gar als die »Mutter aller Abkommen« bezeich­net. EU-Ratspräsident António Costa knüpft an das Abkommen die Erwartung, dass es eine neue Phase der Beziehungen eröffnen könnte, die über Handel hinaus auch sicher­heitspolitische Aspekte ein­schließen soll.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar dieses Jahres bezeichnete Bundes­kanzler Friedrich Merz das Freihandels­abkommen als Chance, gemeinsam gegen wachsende protektionistische Tendenzen und politischen Isolationismus vorzugehen. Er betonte dabei, dass »regelfreundliche« Länder wie Deutschland, die EU und Indien von offenen Märkten profitierten und des­halb zusammenhalten sollten.

Während das Freihandelsabkommen in Deutschland und anderen EU-Ländern als wirtschafts- und geopolitischer Gewinn ge­wertet wird, überwiegt in der Türkei Skep­sis. Aus türkischer Sicht ist das Ab­kommen ein Warnsignal: Europas wirt­schaftliche und politische Geografie ordnet sich neu, wäh­rend die Türkei Gefahr läuft, als Mit­glied der Zollunion mit der EU Regeln befolgen zu müssen, die sie nicht mitbestimmt hat.

Das Freihandelsabkommen und seine Relevanz für die EU-Türkei-Zollunion

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien sieht vor, 90 Prozent der Zölle abzubauen. Damit ermöglicht es für beide Seiten einen umfangreichen Markt­zugang im Waren- und Dienstleistungs­verkehr sowie Investitionen. Es wird erwar­tet, dass die jährlichen Warenausfuhren aus der EU nach Indien bis 2032 um 107,6 Pro­zent ansteigen. Besonders profi­tieren sollen in­dus­trielle Schlüsselbranchen wie der Maschinenbau, die Chemie-, die Pharma- und die Automobilzulieferindustrie sowie ausgewählte Dienstleistungssektoren, dar­unter IT-, Finanz- und professionelle Dienst­leistungen.

Flankiert wird die Markt­öffnung von Regelungen zum Investitionsschutz, zur regulatorischen Zu­sammenarbeit und zum Schutz geistigen Eigen­tums sowie von Mechanismen, die Zoll- und Handelsverfahren vereinfachen sollen. Gleichzeitig ver­ankert das Ab­kommen Verpflichtungen zu Arbeits-, Umwelt- und Nachhaltigkeits­standards. Durch Übergangsfristen und Ausnahme­regelungen bleiben Sektoren in der Land­wirtschaft geschützt. Insgesamt zielt das Abkommen auf eine langfristige, regel­basierte Vertiefung der wirtschaft­lichen Beziehungen ab sowie auf eine stär­kere strategische Anbindung Indiens an den europäischen Markt.

Das europäisch-indische Freihandels­abkommen steht im Kontext globaler geo­politischer und wirtschaftlicher Verschiebungen sowie des zunehmenden neo­merkantilistischen Pro­tektionismus, der sich exemplarisch im Streit um Zölle zeigt. Mit dem Abkommen verfolgt die EU das Ziel, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Indien zu intensivieren, neue Absatzmärkte zu erschließen, ihre wirtschaftliche Präsenz im Indo-Pazifik auszubauen und ihre Abhängigkeit von China zu reduzieren. Indien wiederum wird die Kooperation mit der EU nutzen, um seine wirtschaftliche und technologische Modernisierung zu be­schleunigen. Dies gilt als zentrale Voraussetzung für die angestrebte stärkere Rolle des Landes auf der internationalen Bühne.

Für die Türkei ergibt sich die – hauptsächlich wirtschaftliche – Relevanz des EU-Indien-Freihandelsabkommens primär aus der EU-Türkei-Zollunion. Die im Jahr 1996 etablierte Zollunion umfasst fast alle gewerb­lichen Waren; ausgenommen sind landwirt­schaftliche Grundprodukte sowie Kohle- und Stahlwaren, für die separate Präferenzabkommen bestehen. Diese Ab­kommen gewähren zollbegünstigten Zu­gang nur für sogenannte Ursprungswaren, das heißt Pro­dukte, die vollständig in einem Ver­trags­staat erzeugt oder dort aus Vormaterialien ausreichend weiterverarbeitet wurden. Die konkreten Ursprungsregeln sind im Ursprungs­protokoll festgelegt.

Für die Türkei entstehen aus dieser Situa­tion wirtschaftliche Risiken: Produkte eines Landes, mit dem die EU ein Freihandels­abkommen abgeschlossen hat, können zoll­frei auf dem EU-Markt und aufgrund der Zoll­union auch in der Türkei zir­kulieren. Darum ist aus Sicht türkischer Wirtschafts­akteure und ‑experten das EU-Indien-Frei­handels­abkom­men mit wirt­schafts­politi­schen Herausforderungen ver­bun­den. Die Debatte über das Abkommen konzentriert sich folglich nicht auf Indien, sondern auf die Zoll­union und dabei auf drei Punkte.

Erstens verweist die von politischen Ent­scheidungsträgern und Wirtschaftsakteuren geführte und medial begleitete Debatte auf die institutionelle Asymmetrie zwischen Brüssel und Ankara. Als Teil der Zollunion mit der EU ist die Türkei, wenn die EU mit Drittstaaten neue Freihandelsabkommen eingeht, zwar an die Anwendung der dar­aus resultierenden Handelsregelungen und Zollsätze gebunden – jedoch ist sie nicht an deren Ausgestaltung beteiligt, was struk­turelle Benachteiligungen nach sich zieht. Vor diesem Hintergrund richten sich die Bedenken der Türkei insbesondere darauf, wie sich solche EU-Freihandelsabkommen auf ihre Handels­beziehungen mit der EU aus­wir­ken: Als Mitglied der Zoll­union muss die Türkei die von der EU mit Dritt­staaten vereinbarten Tarife über­nehmen.

In Expertenkreisen und unter Entscheidungsträgern in der Türkei wird das EU-Indien-Freihandelsabkommen als klare Wettbewerbsverzerrung wahrgenommen. Grund ist, dass indische Industriegüter künftig zollfrei bzw. mit niedrigen Zoll­sätzen in den EU-Binnenmarkt und damit auch auf den türkischen Markt gelangen werden, während türkische Exporteure keinen ver­gleichbaren Zugang zum indischen Markt erhalten. Daher werden die For­derungen nach einer Modernisierung der Zollunion lauter, zumal mittlerweile zahlreiche Frei­handelsabkommen der EU – etwa mit dem Mercosur, Vietnam oder dem Vereinigten Königreich – den türkischen Markt für Drittstaaten öffnen.

Eine Modernisierung der EU-Türkei-Zollunion würde voraussichtlich Folgendes umfassen: die Ausweitung auf neue Sekto­ren wie Dienst­leistungen, Landwirtschaft und das öffent­liche Beschaffungswesen; die Beseitigung struktureller Asymmetrien durch eine bessere Einbindung der Türkei in EU-Frei­handelsabkommen mit Dritt­staaten; die Einführung eines verbindlichen Streit­beilegungsmechanismus. 2016 emp­fahl die damalige Europäische Kommission in einem Bericht, die Zollunion entsprechend zu überarbeiten.

Führende Wirtschaftsakteure der Türkei haben kürzlich in einem Schreiben an EU-Spit­zen­vertreter betont, dass eine Modernisierung der Zollunion entscheidend sei für die Sta­bilität und Wettbewerbsfähigkeit Euro­pas. Nail Olpak, Präsident des Außen­wirtschafts­rates der Türkei (Dış Eko­nomik İlişkiler Kurulu, DEİK), und die Vorsitzenden der bilateralen Türkei-Europa-Wirt­schaftsräte (Türkiye-Avrupa İş Konseyleri) fordern einen »Paradigmenwechsel« in den EU-Türkei-Beziehungen. Aus ihrer Sicht müssten die Kopenhagener Kriterien von 1993, deren Einhaltung Voraussetzung für einen EU-Beitritt ist, neu festgelegt werden, da sie »ineffizient« seien. In dem Schreiben bringen sie die Modernisierung der Zoll­union ins Spiel, um die europäische Wett­bewerbs­fähigkeit zu stärken. Da die Wirt­schaftsräte dem DEİK und dieser der Regie­rung unter­stellt ist, erfolgte diese Erklärung ver­mut­lich in Abstimmung mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan.

Am 4. Dezember 2025 wandte sich Präsi­dent Erdoğan an EU-Entschei­dungs­träger und forderte, die Türkei zu berücksichtigen, sollte die öffentliche Hand in Zukunft be­vor­zugt »Made in Europe«-Autos be­schaf­fen – ein Versuch, wirtschaftliche Benach­teiligung und den Einflussverlust der Türkei im europäischen Markt zu begren­zen. Aller­dings begründet die Zollunion keinen An­spruch der Türkei darauf, dass ihre Waren automatisch in die europäische Präferenzpolitik einbezogen werden. Die »Made in Europe«-Initiative, Teil der »Euro­pean pref­er­ence«‑Politik, soll künftig Pro­dukten den Vorzug geben, die überwiegend in der EU hergestellt wurden, um Industrie, Wert­schöpfung und Arbeits­plätze zu stärken; in Kraft getreten sind die entsprechenden Regelungen noch nicht.

Zweitens gilt das EU-Indien-Freihandels­abkommen unter ökonomischen Gesichtspunkten als potenzielle Heraus­forderung: für türkische Exporte in die EU, für die Liefer­kettenverflechtung mit der EU sowie für Direktinvestitionen. Als relevant er­scheint ferner der erwartete Anstieg indi­scher Ex­porte in die Türkei, der ihr Handels­bilanzdefizit mit Indien weiter erhöhen könnte. (Siehe die beiden folgenden Kapitel.)

Diese Befürchtung haben auch Branchen­vertreter geäußert. Mustafa Paşahan, stell­vertretender Vorsitzender der Vereinigung Istanbuler Bekleidungs- und Konfektionsexporteure (İstanbul Hazır Giyim ve Konfek­siyon İhracatçıları Birliği, İHKİB), weist dar­auf hin, dass zollfreie Importe aus Indien die tür­kische Textilindustrie unter Druck set­zen, zu Wettbewerbsverzerrungen führen und einen weiteren Arbeitsplatzschwund nach sich ziehen könnten. Die Branche steht bereits vor erheblichen Herausforderungen: Der Wert der Exporte des Konfektions­sektors, der traditionell eine zentrale Rolle in der tür­kischen Wirtschaft spielt, sank von 21,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf 16,8 Mil­liarden US-Dollar im Jahr 2025. Gleich­zeitig ging die Zahl der Beschäf­tigten in diesem Sektor in den letzten drei Jahren zurück, von 1,2 Millionen auf rund 860.000.

Erdal Bahçıvan, Präsident der Istanbuler Industriekammer (İstanbul Sanayi Odası, İSO), wiederum hebt hervor, dass die Zoll­union zunehmend zur Wachstumsbremse für die Industrie geworden sei und dringend modernisiert werden müsse. Geschehe dies nicht, laufe die Türkei Gefahr, wichtige Markt­anteile in ihrem größten Export­markt, der EU, zu verlieren.

Demgegenüber relativierte der türkische Handelsminister Ömer Bolat die möglichen Auswirkungen des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien und verwies beschwichtigend darauf, dass keine erheb­lichen Verluste für die Türkei auf dem EU-Markt zu erwarten seien.

Drittens besteht die Sorge, dass die Türkei im geostrategischen und sicherheits­politi­schen Kalkül Europas an Gewicht verliert. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı berichtete über den Abschluss des Freihandelsabkommens unter der Schlagzeile: »EU und Indien unterzeich­nen Sicher­heits- und Verteidigungskooperations­abkom­men«. Damit rückte sie bewusst die sicher­heits- und verteidigungspolitische Dimen­sion des Abkommens in den Vor­der­grund.

Folgen für den EU-Türkei-Handel, die Lieferkettenverflechtung und Investitionen

Die vor 30 Jahren gegründete EU-Türkei-Zollunion hat die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen intensiviert und die EU zum bedeutendsten Handelspartner und zen­­tralen Absatzmarkt der Türkei gemacht. 2024 erreichte der Wert des bilateralen Han­dels einen Rekordwert von 218,9 Milli­ar­den US-Dollar (siehe Grafik), wobei rund 41 Pro­zent der türkischen Exporte in die EU gin­gen und 32 Prozent der türkischen Importe von dort stammten. Vergleicht man die tür­ki­schen und die indischen Exporte in die EU, ergibt sich folgendes Bild: Die Exporte der Türkei in die EU beliefen sich 2024 auf 108,5 Milliar­den US-Dollar, diejenigen

Grafik

Grafik: Handelsströme: Türkei–EU, Indien–EU und Türkei–Indien

Indiens auf 79,1 Milliarden US-Dollar. Türki­sche Unter­nehmer äußern die Sorge, dass das EU-Indien-Frei­handelsabkommen lang­fristig die Wettbewerbsposition türkischer Exporte in der EU gegenüber indischen Lieferungen schwächen könnte.

Die Türkei exportiert vor allem Fahr­zeuge und Fahrzeugteile, Maschinen, mechanische Produkte, Textilien sowie Eisen und Stahl in die EU, während Indien Maschinen, technische Geräte, Chemikalien, Tex­tilien und Mineralprodukte liefert. Über­schnei­dungen bei Exportgütern kön­nen den Wett­bewerb auf dem EU-Markt ver­schärfen. Mit Inkrafttreten des EU-Indien-Freihandels­abkommens dürfte das wach­sende Export­volumen Indiens den Druck auf türkische Hersteller in diesen Schlüsselbranchen ver­stärken und ihre Preis­vorteile und Innova­tionsfähigkeit auf dem wich­tigsten Absatz­markt der Türkei auf die Probe stellen.

Das EU-Indien-Freihandelsabkommen könnte zusätzlich eine Herausforderung für die Handels- und Lieferkettenverflechtung der Türkei mit der EU darstellen. Die Türkei verfolgt eine Industrie- und Liefer­ketten­strate­gie, die auf Anpassung an den Euro­pean Green Deal, auf Dekarbonisierung und die Stärkung türkischer Exporteure in euro­päischen Wertschöpfungsketten zielt. Ein zollfreier Zugang für indische Industrie­produkte zum EU-Markt könnte diese Be­mü­hungen unter­laufen, den Wett­bewerb verschärfen und dazu führen, dass Koope­ra­tionen mit türkischen Unter­neh­men redu­ziert und neue mit indischen auf­gebaut wer­den. Folglich ist eine Abkühlung des bilateralen Handels nicht auszuschließen, da die Hemmnisse der veralteten EU-Türkei-Zoll­union durch das EU-Indien-Abkom­men verstärkt werden könnten. Zu diesen Hemm­nissen zählen der begrenzte Geltungsbereich der Zollunion, strukturelle Asymmetrien, technische Regulierungsunter­schiede, Visa­probleme für Geschäftsleute, Transport­quoten und sonstige administrative Hürden.

Was Investitionen betrifft, könnten die das EU-Indien-Abkommen flankierenden Regelungen zum Investi­tionsschutz und zur Handels- und Regu­lierungs­erleichterung die Stand­ort­vorteile Indiens für europäische Inves­toren gegenüber der Türkei erhöhen. In der Folge wäre es denkbar, dass einzelne Investitionsentscheidungen, von denen zuvor die Türkei profitiert hätte, nun zu­guns­ten Indiens ausfallen. Damit könnte sich die Dynamik von Investitionen aus der EU in die Türkei abschwächen.

Folgen für den bilateralen Handel Türkei–Indien

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien birgt über die möglichen Auswirkungen auf den EU-Türkei-Handel hinaus das Risiko, dass der türkische Außen­handel direkt beeinträchtigt wird. Dies könnte geschehen, wenn das be­stehende Handelsungleichgewicht gegen­über Indien größer wird.

Mit der Liberalisierung der türkischen Wirtschaft in den 1980er Jahren und der Öffnung der indischen Wirtschaft in den 1990er Jahren begann der bilaterale Handel zu wachsen, blieb jedoch bis in die frühen 2000er Jahre unter 1 Milliarde US-Dollar.

In den 2010er Jahren beschleunigte sich der Anstieg des bilateralen Handels zwi­schen der Türkei und Indien deutlich. So wuchs das Handelsvolumen zwischen 2014 und 2022 von 7,8 Milliarden US-Dollar auf einen historischen Höchststand von 12,3 Mil­liarden US-Dollar (siehe Grafik). Die tür­ki­schen Exporte nach Indien blieben dabei hinter den Impor­ten aus Indien zu­rück, die Handelsbilanz verlief über weite Strecken zugunsten Indiens. Im Jahr 2023 hatten die Exporte der Türkei nach Indien einen Wert von 1,6 Milliarden US-Dollar, während der Wert der Importe aus Indien bei 7,9 Milli­ar­den US-Dollar lag.

2024 sank das bilaterale Handelsvolumen auf 8,5 Milliarden US-Dollar. Früh­indika­to­ren für 2026 weisen auf eine Fort­setzung dieser Entwicklung hin. Als Ur­sachen gelten unter anderem geopolitische Spannungen, temporäre Handelsstörungen sowie eine rückläufige Nachfrage in ein­zelnen Sekto­ren. Dennoch bleibt Indien für die Türkei ein bedeutendes Liefer­land, während die Türkei auf dem indischen Markt weiterhin nur eine nach­geordnete Rolle spielt.

Das EU-Indien-Freihandelsabkommen dürfte indische Exporte in die Türkei an­treiben und somit das Handels­ungleich­gewicht weiter verschärfen.

Geopolitische und geoöko­nomische Rivalität zwischen Ankara und Neu-Delhi

Das EU-Indien-Freihandelsabkommen steht zwar nicht in einem direkten Zusammenhang mit den geopolitischen Interessen der Türkei, entfaltet jedoch indirekt geopolitische Relevanz. Eine ausbleibende Modernisierung der EU-Türkei-Zollunion mit daraus resultierenden Handelsrückgängen und Wachs­tumsverlusten würde die sicherheits- und geopolitischen Interessen der Türkei schwächen.

Begünstigt wurde das Zustandekommen des EU-Indien-Freihandelsabkommens durch eine geopolitische Konstellation, in der Europa unter Druck steht: einerseits sicher­heitspolitisch durch Russland, ande­rer­seits durch die Großmachtrivalität zwi­schen den USA und China. Der zuneh­mende strategische Konflikt im Indo-Pazifik sowie die Handelskonflikte zwischen Peking und Washington stellen eine erheb­liche Belas­tung für den Welthandel und die globale Sicherheit dar. China baut dabei ein eng­maschiges Netz regionaler Abhängigkeiten auf, während die USA neue Allianzen schmie­den und bestehende revitalisieren. In diesem Kontext gilt Taiwan als geostrategischer »Dominostein«, dessen Destabilisierung weitreichende Folgen für die regionale und globale Sicherheitsarchitektur hätte.

Vor diesem Hintergrund gewinnt Indien als regionales Gegengewicht zu China, mit dem es sich in einem langjährigen Konflikt befindet, an strategischer Bedeutung. Die Kriegserfahrung von 1962 und die Grenz­zusammenstöße von 2020 prägen die in­dische Sicherheitsdoktrin. Zwar intensiviert Indien seine Kooperation mit den USA, be­hält aber seine traditionelle Neu­tra­litäts­politik bei und unterhält keine for­mellen militärischen Bindungen an den Westen.

Ob Indien eine engere sicherheitspolitische Kooperation mit der EU eingehen wird, ist noch offen. Für die EU ist das Frei­handels­abkommen mit Indien gleichwohl Teil eines strategischen Kalküls, welches lautet: Indien als wirtschaftlich und poli­tisch er­star­ken­des Gegengewicht zu China zu posi­tionie­ren und zu Russland auf Dis­tanz zu bringen. Deutschland und der EU liegt daher viel an einem prosperierenden Indien, das dazu bei­trägt, die Macht Chinas zu begrenzen. Aus tür­kischer Sicht aller­dings ist Indien weni­ger als globales Gegen­gewicht zu China bedeut­sam, sondern pri­mär als regionaler Rivale Pakistans und als indirekter, aber relevanter Gegenspieler im nahöstlichen Machtgefüge. Die Türkei unter­hält sicher­heitspolitische Beziehungen zu Pakistan und Bangladesch.

In türkischen Expertenkreisen wird das EU-Indien-Abkommen als Faktor angesehen, der Indien wirtschaftlich stärkt und es in die Lage versetzt, seine Machtposition in der Region zulasten der Türkei auszubauen. So könnte Indien Staaten unterstützen, mit denen die Türkei in einem angespannten Verhältnis steht, etwa Israel, die Ver­einig­ten Arabischen Emirate (VAE), Griechenland oder Zypern. Indien kooperiert mit diesen Ländern in den Bereichen Rüstung, Sicher­heitstechnologie, Drohnen, Raketenabwehr und Cybersicherheit.

In der Türkei sieht man die Teilnahme der indischen Marine an gemeinsamen Manö­vern mit griechischen und griechisch-zypriotischen Seestreitkräften im östlichen Mit­tel­meer als Herausforderung. Indien pflegt zudem einen engen Kontakt mit der Repub­lik Zypern, Ausdruck seines wachsen­den Inter­esses an Gasreserven und Energie­projekten in der Region. Umgekehrt beob­achtet Indien aufmerksam den zunehmenden maritimen Einfluss der Türkei im öst­lichen Mittelmeer, im Roten Meer und im Indo-Pazifik, insbesondere die Zusammenarbeit der türkischen Marine mit Pakistan.

Eine weitere geoökonomische Differenz zwischen der Türkei und Indien ist das Pro­jekt India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC), vorgestellt im September 2023 auf dem G20-Gipfel in Neu-Delhi. Ziel ist es, indische Märkte über den Nahen Osten mit Europa zu verbinden. Unterstützt wird das Vorhaben von Indien, den USA und der EU so­wie von Golf- und Mittelmeer­staaten. IMEC sieht zwei Haupt­korridore vor: einen östlichen von Indien über die VAE, Saudi-Arabien und Jordanien nach Israel, einen nördlichen von Israel nach Europa. Smart Infrastructure, grüne Energie und digitale Vernetzung sollen den Korri­dor zu einer nachhaltigen, multilateralen und privat­wirtschaftlich orientierten Alter­native zur chinesischen Belt and Road Initiative machen. Die Türkei ist hingegen von IMEC ausgeschlossen. Präsident Erdoğan kriti­sierte das Projekt offen und propagiert statt­dessen das Iraq Development Road Project, einen kon­kurrierenden Korridor über Irak und die Türkei. Dies verdeutlicht, dass die Unterschiede zwischen den beiden Projek­ten nicht nur logistischer Natur sind, sondern tief­gehende geopolitische Divergenzen wider­spiegeln.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Indien bleiben angesichts der geopolitischen Differenzen weitgehend auf Handel und multilaterale Diplomatie begrenzt. Obwohl wirtschaftliche Kontakte und diplo­matische Begegnungen seit den 2000er Jahren zugenommen haben, hat sich das politische Vertrauen kaum vertieft. Die sicher­heitspolitischen Positionen aus der Zeit des Kalten Krieges wirken bis heute nach: Die Türkei ist fest in die Nato einge­bunden, Indien stand als blockfreier Staat der Sowjetunion näher.

Formelle Diplomatie, multilaterale Kon­takte und punktuelle Ministertreffen prä­gen das Verhältnis. Fehlender strategischer Dialog, unregelmäßige Gip­fel­treffen und eine divergierende regionale Vision ver­hin­dern eine Entspannung oder gar Intensivierung der bilateralen Beziehungen. Beson­ders sichtbar wird dies im Kaschmir-Kon­flikt: Die türkische Unterstützung Pakistans sowie Hinweise auf Resolutionen der Ver­einten Nationen wer­den in Indien als poli­tische Einmischung wahrgenommen, und Äußerungen Präsident Erdoğans zu Kaschmir haben die Irrita­tionen in Neu-Delhi verstärkt.

In türkischen Expertenkreisen und bei Entscheidungsträgern dominiert häufig ein Nullsummen-Denken. Dadurch werden mögliche Überschneidungen globaler Ziel­setzungen mit Indien – etwa das gemeinsame Ein­treten für Reformen internatio­naler Insti­tutionen und die Anerkennung des Wan­dels der unipolaren Weltordnung – über­sehen, und sicherheitspolitische Anknüp­fungs­punkte bleiben ungenutzt.

Konsequenzen für und Handlungsmöglichkeiten der EU

Angesichts geopolitischer und geoökonomischer Dynamiken, der Rivalität der Groß­mächte USA, China und Russland sowie zunehmender neomerkantilistischer Ab­schottungstendenzen ist das EU-Indien-Frei­handelsabkommen ein Erfolg. Zu erwar­ten ist, dass das Abkommen die Wirtschafts­beziehungen zwischen Europa und Indien stärkt, zur Verringerung der Abhängigkeit beider Parteien von China beiträgt und zugleich ein Signal gegen protektionistische Tendenzen setzt.

Das EU-Indien-Freihandelsabkommen dürfte Ankara deutlich gemacht haben, dass die Türkei für die EU wirtschaftlich nicht un­verzichtbar ist. Gleichwohl ist davon aus­zugehen, dass der türkische Markt für sie kurz- bis mittelfristig wirt­schaftlich und strategisch relevant bleibt, auch wenn Markt­anteile europäischer Unternehmen und die ohnehin rückläufigen Investitionen zuneh­mend an Indien gehen könnten. Das Ab­kom­men ist noch nicht ratifiziert, viele Details müssen noch geklärt werden, spür­bare Effekte auf Handel und Wirtschaft wer­den voraussichtlich bis 2030 auf sich warten lassen. Und dennoch befindet sich Ankara bereits im Alarm­zustand – ein Momentum, das die EU nutzen könnte, um ihre Bezie­hungen zur Türkei neu auszurichten.

Für Brüssel ist es ratsam, diese Beziehungen strategisch zu stabilisieren und eine verlässliche Ko­operation in Wirtschaft und Sicherheit zu gewährleisten, sodass globale wirtschafts- und sicherheitspolitische Ver­schiebungen nicht zulasten der Türkei gehen. Als Teil der Zoll­union und zentraler Nato-Partner bleibt das Land für die euro­päische Wirtschafts- und Sicherheitsarchitektur von Bedeutung.

In Anbetracht innerstaatlicher Entwicklungen in der Türkei erscheint eine Wieder­aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen derzeit weder realistisch noch politisch sinnvoll. Gründe hierfür sind der fortschreitende Demokratieabbau, strukturelle Defi­zite in der Rechtsstaatlichkeit sowie die anhaltende Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte. Vor diesem Hintergrund ist die Moder­nisierung der EU-Türkei-Zoll­union das am besten geeignete verfügbare Instrument. Durch eine Moder­nisierung könnte die wirtschaftliche An­bindung der Türkei an die EU fortgeführt und zugleich ihre sicherheits- und außen­politische Orientierung an der EU gefestigt werden.

Blickt man auf die geo- und sicherheits­politischen Herausforderungen, mit denen die EU konfrontiert ist, liegt es im strategischen Interesse Brüssels, eine wirtschaft­liche Entflechtung von der Türkei zu ver­hindern. Eine ökonomisch stabile und an Europa orientierte Türkei ist sowohl aus handels- als auch aus sicherheitspolitischer Perspektive wichtig. Fortbestehende wirt­schaftliche Verflechtungen stellen da­bei ein wesentliches Instrument dar, über das die EU die Türkei an sich binden kann.

Würden die wirtschaftlichen Verflechtungen hingegen geschwächt, erhöhte dies das Risiko, dass sich die Türkei politisch und wirtschaftlich destabilisiert, geopolitisch von Europa abdriftet und zu einem sicher­heitspolitischen Risikofaktor an den Außen­grenzen der EU wird. Vor diesem Hintergrund erscheint der von Bundeskanzler Merz verfolgte Ansatz konsistent: Er hat der Türkei eine europäische Perspek­tive eröffnet, verknüpft diese jedoch klar mit Bedin­gungen, insbesondere der Erfüllung der Kopenhagener Kriterien. Damit verbin­det er eine Konsolidierung der europäisch-türkischen Beziehungen mit der Wahrung europäischer Interessen.

Die EU sollte politisch lösbare Themen gezielt nutzen, um die wirtschaftliche und strategische Einbindung der Türkei zu ver­tiefen. Eine solche Vorgehensweise würde Anreize schaffen, die zum einen praktische Han­delshemmnisse abbauen, zum anderen die Teilnahme der Türkei an europäischen Pro­grammen und Initiativen erleichtern würden. Beson­ders relevant wären dabei:

  • Konkrete Fortschritte bei der Visaliberalisierung, die für die türkische Wirt­schaft und die Zivilgesellschaft von hoher sym­bo­lischer und prak­tischer Bedeutung sind.

  • Integration in die entstehende euro­päische Sicherheitsinfrastruktur, um die Zusam­menarbeit bei Krisenmanagement, Energie- und Lieferkettensicherheit zu vertiefen.

  • Die Teilnahme der Türkei am EU-Finanz­instrument Security Action for Europe (SAFE), das die europäische Verteidigungs­industrie stärken soll. Ziel von SAFE ist es, durch gemeinsame Beschaffung vor­rangiger Fähigkeiten die industrielle und technologische Basis der europäischen Verteidigung auszubauen, die Produktions­kapazitäten zu erhöhen und Fähigkeitslücken zu schließen. Die Beteiligung der Türkei würde dazu beitragen, die Ver­teidigungsindustrie des Landes an euro­päische Sicherheits- und Compliance-Standards anzugleichen.

  • Intensivierung der Kooperation im Rah­men von Horizon Europe, um türkische Forschung und Innovation stärker mit europäischen Netzwerken zu verknüpfen.

Diese Maßnahmen würden nicht nur zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Türkei beitragen, sondern auch politische Bindun­gen stärken und eine belastbare Grundlage für die Modernisierung der EU-Türkei-Zoll­union schaffen. Auf dieser Basis bliebe der strategische Handlungsspielraum der EU gegenüber Ankara erhalten und könnte mittel- bis langfristig genutzt werden, um kooperative Formate zu fördern und die Annäherung der Türkei an europäische Normen zu unterstützen.

Dr. Yaşar Aydın ist Wissenschaftler am Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) an der SWP.

Das Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) wird gefördert durch die Stiftung Mercator und das Auswärtige Amt.

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