Eurasien – postsowjetischer Raum

Gedenken an die Opfer des Metroanschlags in Moskau, 29.03.2015 © Maksim Blinov / picture alliance / dpa

Das Zentrum islamistischer Untergrundaktivität im GUS-Raum liegt nicht nördlich von Afghanistan, sondern südlich von Europa in dem zu Russland gehörenden Nordkaukasus mit seiner überwiegend muslimischen Bevölkerung. Dort entfalteten sich islamistische Bewegungen verstärkt seit dem Ende des ersten Tschetschenienkriegs 1996. Die Kampfmotivation verlagerte sich von einer gegen russische Oberherrschaft gerichteten nationalen Unabhängigkeitsbewegung zu einem Jihad, in dem nicht mehr die ethnische Identität ausschlaggebend ist. Diese Entwicklung trat über Tschetschenien hinaus in weitere Teile des Nordkaukasus und führte zur Ausrufung eines »Kaukasus-Emirats« im Jahr 2007. Dabei wurde Russland zu dem Staat, der im GUS-Raum am meisten von Terroranschlägen heimgesucht wurde. Seit 2014 verlagerte sich im bewaffneten Untergrund die Loyalität zunehmend vom »Kaukasus-Emirat«, das sich al-Qaida zuordnete, auf den sogenannten Islamischen Staat (IS). In der Folge haben sich Hunderte Jihadisten aus nordkaukasischen Teilrepubliken wie Dagestan in die Kampfgebiete Syriens begeben.

In Zentralasien, der größten vom Islam geprägten Region des postsowjetischen Raums, kam es 1999 zu militärischen Zusammenstößen mit der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU). In den folgenden Jahren wurde die IBU durch die usbekischen Sicherheitsorgane weitgehend nach Afghanistan und Pakistan verdrängt und hat sich dort zunehmend mit dem internationalen Jihadismus vernetzt. In Usbekistan kam es zuletzt 2004 zu terroristischen Anschlägen, insgesamt steht Zentralasien aber in der internationalen Terrorismusstatistik weit hinter anderen Regionen zurück. Gleichwohl schauen die Machteliten der fünf zentralasiatischen Staaten derzeit besorgt auf die prekäre Sicherheitslage in Afghanistan und warnen vor einem Überschwappen jihadistischer Dynamiken auf ihre Region.

SWP-Literatur

Felix Heiduk, Jann Preisendörfer

Unter der schwarzen Fahne

Neue Qualität jihadistischer Militanz im Süden der Philippinen

SWP-Aktuell 2017/A 21, März 2017, 8 Seiten
Uwe Halbach, Manarsha Isaeva

Dagestan: Russlands schwierigste Teilrepublik

Politische und religiöse Entwicklung am »Berg der Sprachen«

SWP-Studien 2015/S 08, April 2015, 28 Seiten
Andrea Schmitz

Islam in Tadschikistan

Akteure, Diskurse, Konflikte

SWP-Studien 2015/S 06, März 2015, 34 Seiten
Guido Steinberg

Eine tschetschenische al-Qaida?

In Syrien internationalisieren kaukasische Gruppen den bewaffneten Kampf und werden zur Gefahr für die Türkei und Europa

SWP-Aktuell 2014/A 40, Juni 2014, 8 Seiten
Uwe Halbach

Nach den Anschlägen von Boston: Zur Rolle des Terrorismus im Nordkaukasus

Weil die Bombenattentäter von Boston aus Tschetschenien stammen, steht das Land wieder im öffentlichen Fokus. Uwe Halbach analysiert die Lage in Tschetschenien und beleuchtet die Hintergründe des islamistischen Terrors im Nordkaukasus.

Kurz gesagt, April 2013
 

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Südostasien

Helfer nach Bombenanschlag in Kuta, Bali 14.10.2002 © Oka Budhi / picture alliance / dpa

Wenngleich islamistische Militanz in Südostasien keineswegs ein neues Phänomen ist, hat sie erst durch die Anschläge auf zwei Nachtclubs auf der indonesischen Ferieninsel Bali 2002 internationale Aufmerksamkeit erfahren. Die Region, die vielfach als die zweite Front im »Global war on terror« neben Afghanistan bezeichnet wird, ist in den Folgejahren immer wieder von Terroranschlägen auf internationale Hotels, westliche Botschaften, aber auch auf lokale Ziele wie Kirchen und Fährschiffe erschüttert worden. Als Reaktion auf die Formierung der transnational operierenden, der al-Qaida nahestehenden »Islamischen Gemeinschaft« (Jemaah Islamiyah, JI), die sich u.a. zu den Attentaten auf Bali bekannt hatte, verschärften die betroffenen Staaten nicht nur ihre nationalen Anti-Terror-Gesetzgebungen, sondern intensivierten auch die zwischenstaatliche Kooperation im Rahmen der Regionalorganisation ASEAN. Der massive staatliche Repressionsdruck führte zu einer Schwächung der JI ab 2009, die sich durch interne Streitigkeiten zudem zunehmend fragmentierte. Auf lokaler Ebene, insbesondere in Indonesien sowie im Süden Thailands und der Philippinen, bestanden zwar eine Reihe jihadistischer Organisationen fort. Versuche, diese unterschiedlichen Gruppierungen transnational ideologisch und operativ zusammenzuführen, scheiterten jedoch. Die politischen und militärischen Erfolge des IS haben in Südostasien dennoch ihre Spuren hinterlassen. So sind nicht nur Jihadisten aus der Region zu Hunderten nach Syrien und in den Irak ausgereist, um dort für den IS zu kämpfen. Es haben auch mehrere lokale jihadistische Organisationen dem IS die Treue geschworen und in dessen Namen Anschläge verübt. Die Wurzeln islamistischer Militanz sind jedoch primär in lokalen Missständen wie Korruption, mangelnder wirtschaftlicher Entwicklung und schlechter Regierungsführung zu suchen.

SWP-Literatur

Felix Heiduk, Jann Preisendörfer

Unter der schwarzen Fahne

Neue Qualität jihadistischer Militanz im Süden der Philippinen

SWP-Aktuell 2017/A 21, März 2017, 8 Seiten
Felix Heiduk

»Indonesiens Islamisten eher in lokalen Gruppen organisiert als bei IS«

Der Anschlag in der indonesischen Hauptstadt Jakarta hat die Aufmerksamkeit des Westens auf den südostasiatischen Inselstaat gelenkt, der Heimat von 250 Millionen Menschen ist und die zahlenmäßig größte muslimische Bevölkerung der Erde beherbergt.

Interview von Florian Niederndorfer, in: derStandard.at, 14.01.2016 (online)
 

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Südasien

Schüler/innen, Lehrkräfte und zivilgesellschaftliche Akteur/innen gedenken am 15.12.2015 der Opfer des Terroranschlags auf eine Schule in Peschawar, Pakistan, im Dezember 2014. © Rana Sajid Hussain / picture alliance / Pacific Press Agency

In Südasien haben verschiedene Entwicklungen den Nährboden für den Jihadismus bereitet. Zum einen kam es in Folge der sunnitisch geprägten Islamisierungspolitik von General Zia-ul Haq in Pakistan nach 1977 und der schiitisch inspirierten Islamischen Revolution im Iran 1979 in den 1980er Jahren in Pakistan zu einer stärkeren Abgrenzung zwischen sunnitischen Gruppen auf der einen und der schiitischen Minderheit auf der anderen Seite sowie zu einer Radikalisierung beider Gruppen. Zum anderen bildete der pakistanische Militärgeheimdienst die von den USA und den Golfstaaten unterstützten sunnitischen Mujahedin im Kampf gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans aus. Der Erfolg der Mujahedin veranlasste die pakistanische Militärführung nach dem Rückzug der Sowjetunion 1988/89, eine ähnliche Strategie auch im Kaschmirkonflikt mit Indien zu verfolgen. Jihadistische Gruppen wie Lashkar-e-Taiba (LeT) und Jaish-e-Mohammed (JeM) haben bis heute enge Verbindungen zum pakistanischen Sicherheitsapparat und sind für eine Reihe von Anschlägen in Kaschmir und Indien, u.a. den Angriff auf das indische Parlament im Jahr 2001 und den Anschlag in Mumbai 2008, verantwortlich.

Auch die Erfolge der radikal-islamistischen Taliban im afghanischen Bürgerkrieg gehen zu großen Teilen auf die Unterstützung durch Pakistan zurück. Zwischen 1996 und 2001 wurde das Herrschaftsgebiet der Taliban zum Rückzugsort für die jihadistische al-Qaida. 2007 schlossen sich pakistanische Talibangruppen zur Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) zusammen und kämpfen seither mit dem Ziel, einen Talibanstaat in Pakistan zu errichten, gegen den pakistanischen Staat und die Armee. Infolge interner Auseinandersetzungen haben Teile der Taliban in Afghanistan und Pakistan ihre Gefolgschaft gegenüber dem Islamischen Staat (IS) bekundet. Ableger von al-Qaida und dem IS sind ebenfalls in Bangladesch aktiv. Die Malediven stellen in Relation zur Einwohnerzahl eine der größten Gruppen ausländischer Kämpfer des IS in Syrien und Irak.

SWP-Literatur

Christian Wagner

Die Schlacht um Nord-Waziristan

Ein Wendepunkt in Pakistans Anti-Terror-Politik?

SWP-Aktuell 2014/A 49, Juli 2014, 4 Seiten
 

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SWP-Aktuell

Jakub Eberle, Vladimír Handl, Kai-Olaf Lang
Berlin–Prag: Entfremdung vermeiden – Chancen ergreifen

Für eine europapolitische Einbettung der deutsch-tschechischen Beziehungen


Oliver Geden
Treibhausgasneutralität als Klimaziel priorisieren

Die EU und Deutschland sollten eine ehrgeizigere und zugleich pragmatischere Klimapolitik betreiben