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Helge Adrians

Die unterschätzte Bedrohung durch landgestützte Anti-Schiffs-Waffen

Militärische Lehren aus dem Iran-Krieg

SWP-Aktuell 2026/A 47, 06.10.2026, 8 Seiten

doi:10.18449/2026A47

Forschungsgebiete

Wie der Konflikt in der Straße von Hormus verdeutlicht, fehlt es westlichen Streitkräften an Fähigkeiten, mobile Abschussvorrichtungen für Anti-Schiffs-Flugkörper und ‑drohnen vor deren Start zu finden und zu bekämpfen. Mit entsprechenden land­gestützten Systemen kontrolliert der Iran hauptsächlich den Verkehr durch die Meer­enge. Da sich die US-Regierung scheut, mit Bodentruppen dagegen vorzugehen, kon­zentriert sie sich darauf, zum einen Elemente der iranischen Küstenverteidigung wie Radarstationen zu bombardieren und zum anderen den Schutz von Handelsschiffen zu gewährleisten. Auf diese Weise hat sich die Bedrohung durch landgestützte Anti-Schiffs-Waffen aber nicht abschwächen lassen. Um deren Einsatz zu verhindern – sei es durch Zerstörung oder ihre Androhung –, sind Fähigkeiten auf gegnerischem Boden nötig. Eine Möglichkeit dafür bil­den autonome Landsysteme, wie sich im Kampf der Ukraine gegen die russische Voll­invasion beobachten lässt. Nato-Staaten wie Deutschland sollten diese Erfahrungen aufnehmen und autonome Landsysteme stärker in Verfahren zur Bekämpfung gegne­rischer Stellungen an Küsten integrieren.

Seit Ausbruch des Iran-Kriegs im Februar 2026 attackiert der Iran mit Flugkörpern und Flugdrohnen regelmäßig Ziele in sei­nen Nachbarländern sowie gelegentlich dar­über hinaus. Besondere Bedeutung haben diese Waffen in der Straße von Hormus; über 40 zivile Handelsschiffe sind dort von solchen Wirkmitteln schon getroffen wor­den. Dies führte zu Toten und Verletzten sowie zu schweren Schäden, in einigen Fäl­len sogar zum Sinken des Schiffes.

Den USA und Israel ist es in der Anfangs­phase des Konflikts zwar gelungen, die meis­­ten größeren Kriegsschiffe des Iran kampf­unfähig zu machen. Sie schafften es jedoch nicht, die mobilen Systeme mit Anti-Schiffs-Flugkörpern und -drohnen, die an der irani­schen Küste verteilt sind, vor einem Ab­schuss zu finden und auszuschalten. Anders als mit Seeminen kann Teheran damit den Schiffsverkehr durch die Straße von Hor­mus seither gezielt stören, ohne ihn voll­ständig zu unterbinden – und auf diese Weise die Eskalation beliebig steuern. Die USA und ihre Verbündeten werden somit unter Druck gehalten, was wiederum Aus­wirkungen auf die Weltwirtschaft hat.

Irans landgestützte Fähigkeiten zur Seezielbekämpfung

Für die landseitige Bekämpfung von Zielen auf dem Meer verfügt der Iran über ein brei­tes Arsenal an Lenkwaffen. Dazu ge­hö­ren ballistische Raketen (»anti-ship ballistic missiles«, ASBMs), die sich aus großer Höhe schnell auf ein Schiff zubewegen (»high-diving«), ebenso wie Marschflugkörper (»anti-ship cruise missiles«, ASCMs), welche nah über der Wasseroberfläche fliegen (»sea-skimming«). Hinzu kommen unbemannte Luftfahrzeuge verschiedener Rol­len, darunter sogenannte Einweg- bzw. Kamikaze-Drohnen (»one-way attack un­manned aerial vehicles«, OWA-UAVs).

Der Vorteil solch eines diversen Arsenals besteht darin, Seeziele über unterschied­liche Vektoren angreifen zu können. Ge­schieht dies synchronisiert, lassen sich die Selbstverteidigungsmechanismen moder­ner Kriegsschiffe überfordern; denn wenn mehrere Bedrohungen gleichzeitig zu be­arbeiten sind, erschwert dies den bordinter­nen Entscheidungsprozess über die Prio­risierung von Abwehrmaßnahmen.

Eingesetzt werden die Lenkwaffen erfahrungsgemäß von speziellen Fahrzeugen aus (»transporter erector launcher«, TELs), die meist auf handelsüblichen Lastkraftwagen ohne Tarnbemalung basieren. Auf deren Ladepritsche ist die jeweilige Transport- und Startvorrichtung installiert, die aus mehre­ren Kanistern mit je einem Flug­kör­per be­stehen kann. Mit einer Plane abge­deckt, unterscheiden sich die TELs oft nicht von zivilen Fahrzeugen, wie sie im Güter­trans­port verwendet werden. Der Materialwert vieler TELs ist somit gering; fällt einer aus, lässt er sich vergleichsweise leicht er­setzen.

Irans landgestützte Anti-Schiffs-Flugkör­per und -drohnen sind Teil einer asymme­trischen Küstenverteidigung. Anders als ihre see- und luftgestützten Äquivalente werden sie nicht von den regulären See­streitkräften koordiniert, sondern von der Marine der paramilitärischen Islamischen Revolutionsgarde. Propagandaberichten ist zu entnehmen, dass die TELs in unterirdischen Basen (»missile cities«) gelagert wer­den, von denen es einige am Persischen Golf geben soll, und diese nur für den Ab­schuss verlassen. Über die genauen Verfah­ren der Zielzuweisung ist öffentlich wenig bekannt. Vermut­lich erfolgt dies über sepa­rate Küstenradare; die Ansteuerung im Endanflug geschieht dann über den jewei­ligen Suchkopf des Flugkörpers, etwa mit­tels Infrarotsensor.

Im Gegensatz zu Seeminen und Schnellbooten tauchen Irans landgestützte Anti-Schiffs-Waffen in der inter­nationalen Be­richterstattung nur sel­ten auf. Auch in westlichen Fachkreisen wurde wenig über sie veröffentlicht, insbe­sondere was ihre Einsatzverfahren betrifft. Dies mag daran liegen, dass solche Systeme lange Zeit weder über die nötige Reichweite verfügten noch weltweit genügend verbrei­tet waren, um als eigenständige maritime Machtmittel größere Aufmerksamkeit zu erlangen. Da­mit lässt sich teilweise erklä­ren, weshalb es den USA bislang an Konzep­ten mangelt, um gegen Irans landgestützte Anti-Schiffs-Waffen vor­zugehen.

Defizite bei der TEL-Bekämpfung in der westlichen Militärdoktrin

Bereits im Zweiten Golfkrieg 1991 gelang es den USA nicht, irakische TELs des ballistischen Raketensystems Scud schnellstmöglich zu finden und zu bekämpfen (»Scud hunting«) – trotz eines erheblichen Auf­wands, wie er mit dem umfangreichen Ein­satz von Satelliten, Flugzeugen und Spezial­kräften betrieben wurde. Der Grund lag in der vom Irak angewandten Artillerietaktik, die Deckung nur für den Abschuss zu ver­lassen und direkt danach die Stellung zu wechseln (»shoot-and-scoot«), damit sich der jeweilige TEL wieder verstecken ließ, etwa unter einer Brücke. So war das Zeit­fenster für die US-Streitkräfte zu kurz, um das Ziel zu lokalisieren und zu neutralisieren.

Obwohl diese Problematik also bekannt war und es einzelne Vorschläge gab, um die Verfahren zu verbessern, blieb die Bekämp­fung von TELs in den 1990er Jahren ein eher vernachlässigtes Thema. Zum einen ging man in den USA davon aus, dass opti­mierte Technologien und Abläufe der zeit­kriti­schen Zielbekämpfung es erleichtern würden, TELs aufzuspüren, weshalb man für sie keine neuen Einsatzkonzepte bräuchte. Zum ande­ren wurden sie nach Ende des Kalten Krie­ges weniger als Teil einer Groß­macht­bedro­hung angesehen, welche die ge­samte inter­nationale Ordnung beeinträchtigen könnte, sondern mehr als regionale Erscheinungen.

Ab den 2000er Jahren verlagerte sich der amerikanische Fokus auf die Bekämpfung gegnerischer Systemverbünde (»system of systems«). Gemeint sind damit durch digita­le Kommunikation und schnelle Datenverarbeitungsprozesse miteinander vernetzte Sensoren wie Satelliten und Radarstationen plus Wirkmittel wie Bomber, Raketen­artillerie und Flugabwehr. Der Vorteil von Systemverbünden besteht darin, dass die Abfolge von Zielerfassung und ‑bekämp­fung (»kill chain«) verkürzt wird, indem er­forderliche Informationen direkt bereit­gestellt werden (»sensor-to-shooter«, S2S). Dies soll es ermöglichen, schnell bis hin zu automatisiert, domänenübergreifend und großräumig auf Bedrohungen zu reagieren.

Auslöser für diese veränderte US-Militär­strategie war, dass China damals die Moder­nisierung seiner Streitkräfte zügig vorantrieb. So prognostizierte 2003 die amerikanische Denkfabrik Center for Strategic and Budgetary Assessments (CSBA), die Volks­republik werde es absehbar schaffen, den USA den Zugang zum Westpazifik zu ver­wehren und ihren dort vorstationierten Truppen, etwa in Japan, die Handlungsfreiheit zu nehmen. Die Strategie hinter dem von CSBA als »anti-access/area denial« (A2/AD) beschriebenen Ansatz ist, auf Dauer die Kosten der Gegenseite zu erhöhen – in Friedenszeiten durch den Eindruck einer kaum durchdringbaren Verteidigung, im Kriegsfall durch Abnutzung. TELs spiel­ten hier zwar eine Rolle, aber nur als Elemen­te weitaus umfangreicherer Systemverbünde.

Ab den 2010er Jahren verbreitete sich der Begriff A2/AD im sicherheitspolitischen Diskurs. In Europa gewann er stark an Be­deutung, nachdem Russland im Frühjahr 2014 die ukrainische Halbinsel Krim besetzt und völkerrechtswidrig annektiert hatte. Daraufhin wuchs in Teilen der Nato die Sorge, Moskau könnte auf ähnliche Weise gegen die baltischen Staaten vorgehen und dies durch Flugkörpersysteme in Kalinin­grad und um Sankt Petersburg absichern, die in den Vorjahren modernisiert worden waren.

Um der steigenden Gefahr von A2/AD zu begegnen, wurden in den USA verschiedene Ansätze entwickelt, aus denen 2018 das Konzept der »multi-domain operations« (MDO) hervorging, das 2023 von der Nato in adaptierter Form übernommen wurde. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Ausweitung des im Zwei­ten Golfkrieg an­gewandten »AirLand Battle«-Konzepts, das wiederum in den späten 1970er Jahre gegen die Sowjetunion erarbeitet worden war. Un­geachtet dieser Evolution blieb die Grund­logik dieselbe: Mithilfe technologischer und informationeller Überlegenheit, gerade im Luft-, Cyber- und Weltraum, gilt es einen Gegner bereits in der Anfangsphase eines Konflikts zu paralysieren (»rapid dominance«). Erreicht werden soll dies durch massierte Präzisions­schläge, vor allem in dessen Hinterland. Ziel ist, dass er seine S2S-Systemverbünde nicht vollständig akti­vieren kann.

Counter-AD als Schwäche von MDO

Der Iran-Krieg legt nun Defizite der USA offen, wenn es darum geht, in einem ver­wehrten Operationsgebiet die Handlungsfreiheit wiederzuerlangen (»Counter-AD«). Zugleich zeigt der Konflikt die Schwächen des MDO-Konzepts und der Bekämpfung von S2S-Systemverbünden. Den USA und Israel gelang es zwar durch Überraschung und überlegene Luftstreitkräfte, die irani­sche Luftverteidigung zu überwinden und sich Zugang in das Land zu verschaffen (»Counter-A2«). Ein Schockeffekt infolge der Enthauptungsschläge gegen Teile des Re­gimes blieb jedoch aus. Teheran begann daraufhin unter anderem, Handelsschiffe rund um die Straße von Hormus mit Flug­körpern und ‑drohnen anzugreifen, wo­durch eine neue Dynamik eintrat.

Weil der Iran in den ersten Tagen des Konflikts einen Großteil seiner Kriegsschiffe verloren hat, fehlt ihm nach der konzen­tri­schen Logik von A2/AD die Fähigkeit, frem­de Schiffe bereits im Golf von Oman davon abzuhalten, dass sie die Straße von Hormus passieren. Im Persischen Golf kann Teheran dennoch ihre Handlungsfreiheit einschränken. Auf operativer Ebene unter­streicht das Regime so die politische Bot­schaft, dass jeder sich seinen Bedingungen unterwerfen muss, der die Meerenge durch­queren möchte.

Die USA befassen sich aus Sorge vor einem Konflikt mit China im Südchinesischen Meer seit Jahren mit dem Problem von AD. Der bisherige amerikanische Coun­ter-AD-Ansatz sieht vor, ein verwehrtes Ge­biet zunächst von eigenen Bodentruppen infiltrieren zu lassen (»inside force«). In klei­ne Formationen aufgeteilt sollen sie, von gegnerischer Aufklärung unentdeckt, die für den Zustand ursächlichen Wirkmittel finden und bekämpfen oder dabei Unter­stüt­zung leisten, etwa durch Zielzuweisung für eigene Marschflugkörper. Ein solches Vor­gehen gilt aber als äußerst komplex, da S2S-Systemverbünde gestaffelt aufgebaut sind und sich die einzelnen Komponenten gegen­seitig absichern. Wird etwa ein be­stimmtes Flugabwehrsystem ausgeschaltet, kann dies zwar den Zugang zu einem Gebiet erleich­tern; es lässt aber nicht das Gesamtgefüge kollabieren, sondern fragmentiert es bloß.

Gerade hier liegt die Schwäche von MDO. Wenn die Anfangsphase hinsichtlich ihrer politischen Wirkung (»shock and awe«) scheitert und ein Gegner seine S2S-System­verbünde entfalten kann, verlagert sich der eigene Operationsschwerpunkt auf die Wiederherstellung von Handlungsfreiheit. Dieses Szenario scheint in amerikanischen Planungen bislang nicht ausreichend be­dacht worden zu sein. So zeigt der Fall Iran, dass Fähigkeiten fehlen, neben gegnerischen A2-Strukturen – hauptsächlich weitreichen­de Luftverteidigung und größere Kriegsschiffe – zeitgleich auch AD-Strukturen kontaktlos zu bekämpfen.

Die Optionen der USA

Obwohl in den vergangenen Jahren chinesi­sche, russische und iranische S2S-System­verbünde sowie deren Bewältigung ein wichtiges Thema im westlichen Militärdiskurs waren, ist Counter-AD konzeptionell unterentwickelt geblieben. Dies zeigt sich daran, dass ein überzeugendes Konzept (»theory of victory«) gegen Teherans verblie­bene Fähigkeiten fehlt. Militärisch bleiben den USA daher lediglich drei Optionen.

Option 1: Einsatz von Bodentruppen. Der klassische Ansatz, gegen landgestützte Anti-Schiffs-Flugkörper und -drohnen vor­zugehen, besteht darin, Bodentruppen wie Marineinfanteristen oder Fallschirmjäger zu entsenden. Sie sollen die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet erlangen und dadurch den dortigen Einsatz jener Systeme verhin­dern – entweder durch deren Lokalisierung und Bekämpfung oder indem ihr Ein­satz durch die eigene Präsenz riskanter ge­macht wird. Damit sollen sicherere Bedin­gungen für Folgeoperationen geschaffen werden, etwa mit bemannten Kriegsschiffen Seeminen zu suchen und zu räumen oder Handelsschiffe zu eskortieren.

Zu Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 fehlten den USA jedoch ausreichende Bodentruppen in der Region. Erst ab Mitte März wurden sukzessive größere Kontingente von Marineinfanteristen und Fall­schirmjägern dorthin verlegt. Doch trotz dieses Aufwuchses und ungeachtet der Dis­kussionen über eine Besetzung iranischer Inseln im Persischen Golf kam es bisher zu keiner Intervention am Boden.

Dass die US-Regierung einen solchen Ein­satz scheut, mag drei Gründe haben. Ers­tens würde dies eine neue Eskalation in den Konflikt bringen, was das ohnehin in einer Existenzkrise befindliche Regime des Iran zu weiteren Maßnahmen nötigen könnte, etwa einer kompletten Verminung der Straße von Hormus. Zweitens wären wahr­scheinlich mehr als die bisher verlegten Kräfte nötig, denn es wären nicht nur stra­tegische Punkte wie bestimmte Inseln zu sichern, sondern es müssten auch die eige­nen Kampfeinheiten logistisch unterstützt werden. Und drittens erhöht der Einsatz amerikanischer Bodentruppen die Wahrscheinlichkeit, dass eigene Soldaten ver­wundet oder getötet werden, was die ohne­hin schon niedrige innenpolitische Zustim­mung zum Iran-Krieg in den USA weiter schmälern dürfte.

Option 2: Schläge gegen das Netzwerk. Statt an Land direkt gegen die TELs vorzu­ge­hen, tun die USA dies indirekt aus der Luft. Die Idee dahinter ist, aus der Ferne und so­mit möglichst risikofrei Führungs- und Auf­klärungselemente eines S2S-Systemver­bunds wie Kommandozentralen und Radarstationen auszuschalten, so dass die Anti-Schiffs-Flugkörper und -drohnen keine Zieldaten mehr erhalten und ihr Einsatz ineffektiv wird (»blinding campaign«). Das Netzwerk wird also nicht vollständig zerstört, sondern gestört; in Fachkreisen galt dieser Ansatz lange Zeit als vielversprechendste Option für Counter-AD.

Die Realität sieht jedoch anders aus, wie sich im Kampf gegen die jemenitische Huthi-Miliz gezeigt hat. Ab November 2023 griff sie unter anderem mit landgestützten Anti-Schiffs-Flugkörpern und -drohnen rund um die Meerenge Bab al-Mandab ge­zielt Handelsschiffe an. Von Januar 2024 bis Mai 2025 versuchten die USA und Groß­britannien in mehreren Operationen, Ele­mente der S2S-Systemverbünde der Huthis mit Luftschlägen auszuschalten. Dennoch konnten sie die Fähigkeiten der Miliz weder zerstören noch den für die Weltwirtschaft wichtigen Seeweg durch das Rote Meer sicherer machen. Den Huthis gelang es – ähnlich wie heute dem Iran –, das eigene Arsenal in Verstecken zu schützen sowie die amerikanische und britische Zielerfassung durch Rückgriff auf mobile Abschussvorrichtungen zu erschweren.

Das Scheitern des aktuellen US-Ansatzes ist im Wesentlichen zwei Umständen ge­schuldet. Erstens sind S2S-System­verbünde redundant. Fallen einzelne Systeme oder deren Elemente wie Antennen, Gefechtsstände, Radare oder selbst TELs aus, unter­bricht dies nicht zwangsläufig die »kill chain«. Zweitens lassen sich speziell die einzelnen Elemente leicht und schnell er­setzen, weil sie aufgrund des technologischen Fortschritts einfacher, kleiner und mobiler geworden sind. So sollen etwa die Huthis bei ihrer Zielerfassung unter ande­rem auf UAVs mit elektro-optischen Senso­ren zurückgreifen. Solange sich mit solch simplen Mitteln Druck auf den maritimen Handelsverkehr ausüben lässt, liegen Initia­tive und Vorteil beim Aggressor.

Option 3: Defensive Maßnahmen. Um unter der Bedrohung durch landgestützte Anti-Schiffs-Waffen agie­ren zu können, muss die Überlebensfähigkeit eigener Kräfte erhöht werden. Für zivile Schiffe bedeutet dies navigatorische Änderungen, zum Beispiel ausgeschaltete Funkerkennungssignale. Ergänzend kann in verbündeten Regionalstaaten oder auf See über Kriegsschiffe eine Luftverteidigung auf- und ausgebaut werden. Unterstützt werden könnte dies durch weltraum- und luftgestützte Überwachung. Ziel solcher Maßnahmen ist nicht nur Schutz, sondern auch Abschreckung, denn die Erfolgsaussichten gegnerischer Angriffe sollen gesenkt und diese dadurch kostspieliger werden.

Die Erfahrungen mit Einsätzen wie der EU-geführten Operation Aspides im Roten Meer verdeutlichen indes die Grenzen eines primär defensiven Ansatzes. Mit starker Luftverteidigung lassen sich zwar einzelne Angriffe abwehren und damit die Risiken für den Schiffsverkehr verringern; dies allein hat jedoch keine Verhaltensänderung bei der Huthi-Miliz bewirkt. Dieser Befund hätte bereits vor Beginn des Iran-Kriegs dar­auf hindeuten können, dass eine vergleichbare Strategie auch im Persischen Golf kaum über Schadensbegrenzung hinausreichen würde. Hinzu kommt die Abnutzung des eigenen Arsenals an teuren Abfangraketen. Selbst wenn dafür zukünftig kostengünstigere Mittel bereitstehen sollten, dürfte dies wenig am Umstand ändern, dass allein die Existenz iranischer landgestützter Anti-Schiffs-Waffen ausreicht, um die Sicherheit der Schifffahrtsroute durch die Straße von Hormus infrage zu stellen.

Bedeutung für die Ostsee

Die Entwicklungen in der Straße von Hor­mus geben Anlass, eine für Europa und vor allem die Ostseeregion schon bestehende Herausforderung neu zu betrachten. Russ­land verfügt sowohl in seiner Exklave Kali­ningrad als auch an seiner Küste im Osten des Finnischen Meerbusens über mehrere Verbände mit zwei verschiedenen landgestützten Anti-Schiffs-Flugkörpersyste­men: Bal und Bastion. Sie sind essentieller Teil der mehrschichtigen Küstenverteidigung von Moskaus Baltischer Flotte; ihre Aufgabe ist es, die gemäß der 2022 aktuali­sierten Maritimen Doktrin als vital einge­stuften russischen Territorialgewässer abzu­sichern. Ihr Einsatz würde die Operationsfähigkeit der Nato-Anrainer vor allem in der zentra­len Ostsee behindern, wodurch die seeseiti­ge Versorgung des Baltikums ge­fährdet wäre.

Seit der Vollinvasion in der Ukraine hat Russland in der Ostsee seine Übungen mit landgestützten Anti-Schiffs-Flugkörper­systemen verstärkt. Während in russischen Medien darüber regelmäßig berichtet wird, blieb dies in westlichen weitgehend un­kommentiert. Das dürfte damit zu tun haben, dass der hiesige Fokus eher auf Russ­lands weitreichender Luftverteidigung liegt. Deren Schutzfunktion lässt die Frage nach der Überlebensfähigkeit von Systemen gegen Land- und Seeziele als Folgeproblem und damit nachrangig erscheinen. Unter­mauert wurde diese Ansicht im Jahr 2025 durch Aussagen aus dem amerikanischen Militär, wonach sich die russischen S2S-Systemver­bünde in Kaliningrad allein durch Fähig­keiten alliierter Landstreitkräfte schnell be­kämpfen ließen, zum Beispiel durch boden­gebundene Mittelstreckenwaffen.

So einfach dürfte es jedoch nicht sein. Angenommen, Moskau würde dem irani­schen Vorbild folgen und mit seinen Anti-Schiffs-Flugkörpersystemen drohen oder sie sporadisch einsetzen – etwa um Tankern seiner »Schattenflotte« den Seeweg durch die Ostsee offenzuhalten –, so würde sich für die Nato die Frage nach einer angemessenen Gegenreaktion stellen. Gerade zu Beginn eines solchen Konflikts könnte es angesichts des damit verbundenen Eskala­tionspotentials politische Vorbehalte bei einigen Nato-Staaten geben, gegen die Sys­teme in Kaliningrad vorzugehen. Kon­ven­tionelle Landstreitkräfte würden dann erst einmal wenig bewirken können.

Der Iran-Krieg lehrt, A2/AD nicht als Gesamtphänomen zu betrachten, sondern zwischen den einzelnen gegnerischen Fähig­keiten zu differenzieren. Dagegen etwas auszurichten, ist nicht nur eine Frage der Operationsführung, sondern beginnt schon bei der Streitkräfteplanung. So offen­bart der russische Angriffskrieg gegen die Ukrai­ne die Notwendigkeit flächendeckender Luftverteidigung. Hieran mangelt es den meisten europäischen Nato-Staaten aber. Das hat zwei Ursachen. Historisch be­stand nach Ende des Kalten Krieges, als sich der Fokus auf Stabilisierungs- und Anti-Terror-Einsätze in Übersee richtete, kein Bedarf. Doktrinär gab es die Überzeugung, Luft­überlegenheit reiche aus, um Aktio­nen am Boden und auf See sicherer zu machen. Folg­lich blieb die organische Flug­abwehr von Land- und Seestreitkräften vernachlässigt.

Die Bedingungen haben sich indes ver­ändert. Seit Mitte der 2000er Jahre gibt es eine immer rasanter werdende Weiterentwicklung und Verbreitung von Lenkwaffen für Präzisionsschläge (»democratization of precision strikes«). Bis heute kommen west­liche Staaten kaum hinterher damit, ihre Streitkräfte auf diese neue Bedrohung ein­zurichten.

Das zeigt sich an den Marinen der Nato-Ostseeanrainer; aufgrund der Geographie des Gewässers bestehen sie überwiegend aus kleineren Überwasserkriegsschiffen. Deren Größe lässt nur be­grenzt Platz für Selbstverteidigungsanlagen gegen Luft­angriffe. Angesichts des­sen und wegen der latenten Bedrohung durch landgestützte Anti-Schiffs-Waffen ist nachvollziehbar, warum europäische Regierungen gezögert haben, als die US-Regierung zwei Wochen nach Beginn des Iran-Kriegs nach Booten zur Minenabwehr in der Straße von Hor­mus fragte. Solchen Ersuchen konnten sich die Europäer bisher ent­zie­hen, doch ändert dies nichts an den be­grenzten Fähigkeiten ihrer Seestreitkräfte, einer ver­gleichbaren Bedrohung in heimi­schen Ge­wässern wie der Ostsee zu begegnen.

Vom taktischen Mittel zum strategischen Instrument

Dass die Huthis und der Iran mit Erfolg landgestützte Anti-Schiffs-Flugkörper und ‑drohnen einsetzen, könnte deren Attraktivität steigern und zu einer neuen Proliferationswelle dieser Systeme führen. Das hätte zwei wesentliche Konsequenzen. Kurzfristig und wirtschaftlich würde bereits die Möglichkeit, dass staatliche oder nicht­staatliche Akteure über solche Waffen ver­fügen, die Risikobewertung von Seehandels­routen nachhaltig verändern und die Kos­ten für Versicherungen ansteigen lassen. Langfristig und militärisch würde sich die Flottenplanung mancher Nato-Staaten da­hingehend verändern, dass Aufgaben klei­ner Überwassereinheiten, die sich nur be­grenzt gegen Angriffe aus der Luft schüt­zen können, zunehmend von unbemannten Systemen übernommen werden.

Anhand dieser Konsequenzen zeigt sich umso deutlicher, dass landgestützte Anti-Schiffs-Waffen nicht mehr nur taktische Mittel innerhalb einer Küstenverteidigung sind, sondern als strate­gische Machtinstrumente aufgefasst werden sollten. Solange die Mittel fehlen, um ihren Start zu verhin­dern – sei es durch Zerstö­rung der mobilen Startfahrzeuge oder durch Androhung des­sen –, bleibt nur die Wahl zwischen politi­schen Zugeständnissen an die Gegenseite und der Fortsetzung militärischer Aktionen.

Die USA werden zu Ersteren wahrscheinlich nicht bereit sein, zumal Teheran dann im Besitz landgestützter Anti-Schiffs-Waf­fen bliebe, wodurch das iranische Regime weiterhin nach Belieben Zwang auf fremde Schiffe ausüben könnte. Stattdessen ist davon aus­zugehen, dass die US-Regierung ihr bishe­riges Vorgehen – also Option 2 (Schläge gegen das Netzwerk) begleitet von Option 3 (defensive Maßnahmen) – noch einige Zeit mit wechselnder Intensität fort­setzen wird.

Das Potential autonomer Land­systeme für Counter-AD

Um zu verhindern, dass TELs im Küsten­bereich in Stellung gebracht werden kön­nen, bedarf es nach wie vor deren Be­kämp­fung in der Domäne Land. Da der Einsatz von Bodentruppen im Westen auch künftig innenpolitisch nicht mehrheits­fähig sein dürfte, gewinnen autonome Landsysteme an Bedeutung. Dieser Trend lässt sich aktu­ell im ukrainischen Verteidigungskrieg gegen Russland beobachten.

Seit November 2025 setzt Kyjiw verstärkt Quad-große unbemannte Bodenfahrzeuge (»unmanned ground vehicles«, UGVs) in Ge­bieten mit eingeschränkter Handlungsfreiheit ein. Für Aufmerksamkeit sorgte im April 2026 die Mitteilung, dass es erstmals gelungen sei, nur mithilfe von UAVs und UGVs russische Soldaten aus einer Stellung zu vertreiben. Mitte Juli 2026 meldeten die ukrainischen Streitkräfte dann, dass ein UGV per fern­gesteuertem Landungsboot an die Küste der Halbinsel Kinburn am Dnipro-Delta ange­landet werden konnte. Wie Video­aufnahmen zeigen, griff das Fahrzeug kurz darauf mit seinem auflafettierten Maschinengewehr eine russische Stellung an.

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich für den westlichen Militärdiskurs die Frage, ob die funktionale Trennung zwischen Mensch und Maschine, wie sie sich in den Domänen Luft und See bereits etabliert hat, auf die Domäne Land übertragen werden kann und wie das Zusammenspiel (»man­ned-unmanned teaming«) dann aussieht. So empfehlen amerikanische Offiziere, beson­ders heikle Phasen einer Operation wie etwa amphibische Landungen künftig von autonomen Systemen durchführen zu las­sen. Solche Schritte würden also nicht ein­fach herkömmlichen Kampfverbänden zu­gewiesen, sondern in neuartigen regulären – und nicht experimentellen – »unmanned systems battalions« organisiert.

Während dafür bereits erprobte Flug- sowie Über- und Unterwasserdrohnen be­reitstehen, fehlt es noch an entsprechenden Landsystemen. Mehrere Unternehmen haben zwar schon unbemannte Amphibien­fahrzeuge entwickelt, die darauf ausgelegt sind, schwimmend einen Strand zu errei­chen sowie an Land Erkundungsfahrten zu unternehmen und bis zu einem bestimmten Grade Angriffe zu erwidern. Entscheidend ist jedoch, ob Regierungen und Streit­kräfte in solchen Systemen einen Mehrwert erkennen und sie systematisch beschaffen.

Europäische Eigenständigkeit bei der Verteidigung der Ostsee

Autonome Landsysteme für Counter-AD zu nutzen würde eine operative Lücke schlie­ßen, die sich gerade im Iran-Krieg offenbart. Um TELs mit Anti-Schiffs-Flugkörpern und ‑drohnen zu finden und zu bekämpfen, setzen die USA derzeit hauptsächlich große Kampfdrohnen ein (»unmanned com­bat aerial vehicles«, UCAVs). Damit wird am Himmel der Straße von Hormus ein eng­maschiges Netz zur Überwachung und Jagd geschaffen (»kill web«). Dennoch gelingt es dem Iran weiterhin, Anti-Schiffs-Flugkörper und -drohnen starten zu lassen. Zudem haben es die Reste seiner Flugabwehr mehr­mals geschafft, die wegen ihrer Signatur recht auffälligen amerikanischen UCAVs abzuschießen. Nötig bleibt somit eine Lösung am Boden, damit sich TELs bereits in der Deckung oder auf dem Anmarsch ausfindig machen lassen.

UGVs haben nicht nur das Potential, das Lagebild zu komplettieren und zu einer schnellen Bekämpfung beizutragen. Sie können durch die Möglichkeit, unerwartet irgendwo aufzutauchen, auch eine Droh­kulisse erzeugen (»force in being«). Auf die­se Weise wird gewissermaßen ein eigener S2S-Systemverbund in einen gegnerischen geflochten. Im aktuellen westlichen Militär­diskurs wird dieser Ansatz schon länger erwogen. Statt die A2/AD-Fähigkeiten des Gegners nur zu bekämpfen, sollen ihnen auch eigene entgegengesetzt werden, um ebenfalls Kosten und Risiken hervorzurufen sowie den asymmetrischen Vorteil zu be­grenzen. In puncto TELs dürfte es hierbei genügen, UGVs punktuell an Orten einzu­setzen, die als Abschussstellungen gedient haben oder dienen könnten.

Um UGVs in Gebieten mit eingeschränkter Handlungsfreiheit zu nutzen, kommt es vor allem darauf an, sie in hoher Anzahl schnell, über große Distanzen und mög­lichst unbemerkt an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Da mit Ausfällen zu rechnen ist – etwa aufgrund von Energieverbrauch, Kommunikationsabriss oder Zerstörung –, muss die Nachführung neuen Geräts als kontinuierlicher Prozess gedacht werden. Ähnlich wie »loitering munition« gilt es UGVs als Verbrauchsmaterial zu behandeln. Gefordert sind somit transportmittel-agnostische Fahrzeuge, die sich flexibel über unterschiedliche Wege ins Operations­gebiet verbringen lassen, etwa aus der Luft via Gleitschirm oder mittels UAVs. Letzteres sollen ukrainische Truppen erstmals Mitte September 2026 praktiziert haben.

Inwieweit die USA einen solchen Ansatz im Iran-Krieg anwenden werden, ist unge­wiss. Hinzu kommt, dass in der politischen und militärischen Führung des Landes gegenwärtig Uneinigkeit über die künftigen Fähigkeiten und Strukturen der Streitkräfte herrscht. Europäische Nato-Mitglieder dür­fen deswegen nicht abwarten, sondern müs­sen selbständig Lehren aus dem Konflikt ziehen. Dies gilt insbesondere für Ostsee­anrainer wie Deutschland. Sie sollten be­stehende, vorwiegend luftgestützte Verfah­ren zur Bekämpfung landgestützter Anti-Schiffs-Waffensysteme Russlands über­prü­fen und Ansätze entwickeln, die sich mit eigenen Mitteln umsetzen lassen. Statt UGVs bloß als ergänzendes Mittel zu be­trachten, empfiehlt es sich, sie zusammen mit unbemannten Luft- und Seesystemen zur Basis einer regional angepassten Coun­ter-AD-Architektur zu machen.

Fregattenkapitän Helge Adrians war von April 2024 bis September 2026 Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik.

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