Steffen Halling

Das ukrainische »Superwahljahr«

Der Schlüssel für innerstaatliche Reformen liegt in der Parlamentswahl

SWP-Aktuell 2019/A 02, Januar 2019, 4 Seiten

doi:10.18449/2019A02

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Ukraine

2019 stehen in der Ukraine zwei richtungsweisende Wahlen an: Ende März findet die Präsidentschaftswahl statt, im Oktober wird ein neues Parlament gewählt. Der Aus­gang der Präsidentschaftswahl ist vollkommen offen. Eine außen- und sicherheits­politische Kursänderung der Ukraine wäre allerdings auch bei einem Wechsel an der Staatsspitze unwahrscheinlich. Über die Machtverteilung und damit die politische Ausrichtung im Inneren wird hingegen erst die Parlamentswahl entscheiden. Ihr Aus­gang wird entscheidend dafür sein, ob unerlässliche innenpolitische Reform­prozesse vorangetrieben und zu Ende geführt werden.

Mit dem Jahreswechsel hat in der Ukraine offiziell der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl am 31. März 2019 begonnen. Inoffiziell ist dieser bereits seit mehreren Monaten im Gange. Bislang haben über 30 Personen angekündigt, für das höchste Staatsamt kandidieren zu wollen. Die sich abzeichnende hohe Anzahl an Bewerbern lässt sich einerseits damit erklären, dass der Einsatz sogenannter Zählkandidaten in der Ukraine ein erprobtes Mittel ist, um Kon­kurrenten den Einzug in eine Stichwahl zu erschweren. Sie ist andererseits aber auch ein Indiz dafür, dass die Präsidentschaftswahl bereits den Wahl­kampf für die Par­lamentswahl einläutet, die nur wenige Monate später stattfindet. Nach der 2014 erfolgten Rückkehr zur Verfassung von 2004 und der damit einhergehenden Par­lamentarisierung des ukrainischen Regie­rungssystems ist die Bedeutung der Parla­mentswahl größer denn je. Wie wichtig die Rolle des Parlaments in der Ukraine ist, zeigte sich zuletzt Ende November 2018. Damals folgte das Par­lament zwar der Empfehlung Präsident Petro Poroschenkos, in Teilen des Landes ein dreißigtägiges Kriegsrecht zu verhängen und so auf die militärische Konfronta­tion mit Russland an der Meerenge von Kertsch zu reagieren. Dem ursprünglichen Vorschlag Poroschenkos, das Kriegsrecht landesweit und für sechzig Tage zu proklamieren, was zu einer Verschiebung der Präsidentschaftswahl ge­führt hätte, kam das Parlament indes nicht nach.

Offenes Rennen um das Präsidentenamt

Meinungsumfragen zur Präsidentschaftswahl zeigen, dass etwa 20 Prozent der Ukrainer noch unschlüssig sind, wem sie ihre Stimme geben werden. Belastbare Aus­sagen über einen möglichen Wahlausgang sind daher derzeit kaum zu treffen. Hinzu kommt, dass die Frist zur Registrierung der Kandidaten erst Anfang Februar endet; zu­dem können mögliche Anwärter ihre Kan­didatur auch später noch zurückziehen. Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass es keinem der Bewerber gelingen wird, die Wahl im ersten Urnengang zu gewinnen. Da vom gegenwärtigen Stand aus mehrere Aspiranten Aussicht haben, in eine dann voraussichtlich im April statt­findende Stichwahl einzuziehen, ist der Ausgang der Präsidentschaftswahl vollkommen offen.

Die größten Chancen auf den Einzug in eine Stichwahl hat derzeit Julia Tymoschen­ko. Die frühere Ministerpräsidentin und Ikone der Orangenen Revolution von 2004/ 2005 führt seit Wochen in sämtlichen Um­fragen. Unter all jenen Ukrainern, die an­geben, wählen zu wollen, belief sich ihr Zuspruch laut einer Erhebung von Ende Dezember 2018 auf etwa 16 Prozent (Demo­cratic Initiatives Foundation/Ra­zumkov Centre). Chancen auf einen Einzug in die Stichwahl haben auch der amtierende Präsident Poroschenko, der ehemalige Ver­teidigungsminister (2005–2007) Anatolij Hryzenko, der von Teilen der reformorientierten proeuro­päischen Opposition unter­stützt wird, der Führer der »Radikalen Par­tei« Oleh Ljaschko sowie der frühere Frak­tionsvorsitzende des russlandfreundlichen Oppo­sitionsblocks Jurij Bojko. Alle Ge­nann­ten liegen in den Umfragen derzeit eng bei­einander und kommen auf circa 7 bis 13 Pro­zent. Aussichten auf einen Einzug in die Stichwahl hat auch der Kabarettist und Schauspieler Wolodymyr Selenskyj (knapp 9 Prozent, Democratic Initiatives Founda­tion/Razumkov Centre). Er ist bislang poli­tisch noch nicht in Erscheinung getreten. Die vergleichsweise hohen Umfragewerte des Newcomers Selenskyj, der in der belieb­ten Fernsehserie »Diener des Volkes« einen redlichen, unerwartet zum Präsidenten ge­wählten Lehrer spielt, sind vor allem Aus­druck für einen Vertrauensvorschuss, den Teile der ukrainischen Bevölkerung neuen Gesichtern in der Politik entgegenbringen. Die Veröffentlichung von Selenskyjs Ge­schäftsbeziehungen nach Russland und seine Verbindungen zum ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj haben jedoch prompt Zweifel an seiner Unabhängigkeit gestreut. Auch der von Teilen des reformorientierten Lagers favorisierte Musiker Swjatoslaw Wakartschuk könnte sich als unverbrauchter Seiteneinsteiger profilieren. Er hat bisher jedoch offengelassen, ob er kandidieren wird.

Refokussierung auf die nationale Sicherheit und Unabhängigkeit

Anders als in weiten Teilen des postsowje­tischen Raums stellt die Wiederwahl eines amtierenden Präsidenten in der Ukraine keine Regel, sondern die Ausnahme dar. Auch Poroschenkos Aussichten auf eine zweite Amtszeit waren bislang mäßig. 2014, als er unter dem Eindruck der Annexion der Krim und erster militärischer Auseinan­der­setzungen im Donbas mit absoluter Mehr­heit im ersten Wahlgang zum Präsidenten gewählt wurde, konnte er sich noch als künf­tiger Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte profilieren. Im Folgenden je­doch war seine Amtszeit von durchwachsenen Reformergebnissen, einer nur schleppenden wirtschaftlichen Erholung und anhaltenden Korruptionsaffären in seinem Umfeld ge­prägt.

Im Zuge der jüngsten militärischen Eska­lation mit Russland im Schwarzen Meer im Spätherbst 2018 hat sich der inner­ukraini­sche Diskurs jedoch wieder stark auf die von Russ­land ausgehende Bedrohung der terri­toria­len Integrität und politischen Souveränität der Ukraine fokussiert. Vor dem Hin­ter­grund der partiellen Verhängung des Kriegs­rechts zum Ende des letzten Jahres betrach­tet die ukrainische Öffentlichkeit somit auch die Innenpolitik wieder ver­stärkt durch ein sicherheitspolitisches Prisma. Die neuerliche Zuspitzung des Konflikts mit Russland und der damit ein­hergehende »rally around the flag«-Effekt dürften dabei im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl ins­besondere zum Nachteil der Politik­neulinge ausschlagen. Auch die Kampagne Tymoschenkos, die sich bislang vor allem über Kritik an der Wirtschafts- und Sozial­politik der Regierung zu profilieren suchte, hat durch die entstandene sicherheitspolitische Diskursdominanz – zumindest vor­übergehend – an Zugkraft eingebüßt. Tymoschenko steht nach wie vor in der Kri­tik, 2009 einen für die Ukraine unvorteilhaften Gasliefer­vertrag mit dem russi­schen Präsidenten Putin ausgehandelt zu haben. Poroschenko konnte indes von den jüngs­ten Entwicklungen profitieren. Ihm kommt dabei zugute, dass seine Kampagne voll und ganz auf Patriotismus setzt. Durch die Los­lösung der Orthodoxen Kirche der Ukraine vom Moskauer Patriarchat, die zeitgleich mit dem offiziellen Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs verkündet wurde und ein zentrales Element von Poroschenkos Wahlkampf darstellt, dürfte die Popularität des Amtsinhabers einen weiteren Schub erhalten.

Kein außen- und sicherheits­politischer Kurswechsel

Von den potentiellen Kandidaten, die der­zeit Aussicht auf einen Einzug in die Stich­wahl haben, kritisiert vor allem Jurij Bojko die von der Regierung verfolgte euroatlan­tische Integration. Bojko war bis zuletzt Vorsitzender der Parlamentsfraktion des so­genannten Oppositionsblocks, der nach dem Euromajdan aus Janukowytschs »Partei der Regionen« hervorgegangen ist. Anfang November gab Bojko bekannt, dass der Op­positionsblock ein Bündnis mit der Partei »Für das Leben« des fraktionslosen Abgeord­neten Wadym Rabinowytsch geschlossen habe. Bojko soll als gemeinsamer Präsidentschaftskandidat antreten. Rabinowytsch kündigte unterdessen an, auf eine Kandidatur zu verzichten. Bereits zuvor, im Som­mer 2018, war Rabinowytschs Partei mit der von Viktor Medwedtschuk initiierten Bewegung »Ukrainische Wahl« fusioniert. Diese Bewegung war seit 2012 vehement gegen die Unterzeichnung des Assoziierungs­abkommens mit der Euro­päischen Union eingetreten. Medwedtschuk gilt als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Putin. Der vom einflussreichen Oligarchen Rinat Achmetow kontrollierte Flügel des Oppositionsblocks sprach sich jedoch gegen das Bündnis mit Rabinowytsch beziehungs­weise Medwedtschuk aus und sorgte damit für Bojkos Ausschluss aus der Fraktion.

Sollte Achmetow, der Teile seines Im- und Exportgeschäfts über den Hafen von Mariupol abwickelt und dementsprechend durch die von Russland initiierten Handels­beschränkungen im Asowschen Meer unter Druck gesetzt worden ist, Bojko am Ende doch noch unterstützen, würden sich des­sen Chancen für einen Einzug in die Stich­wahl zwar erhöhen. Dass es jedoch einem prorussischen Kandidaten, der den außen- und sicherheitspolitischen Kurs der Ukraine in Frage stellt, gelin­gen könnte, in einer Stichwahl eine Mehr­heit zu erlangen, ist äußerst unwahrscheinlich. Spätestens seit der Annexion der Krim durch Russland und dem Ausbruch des Krieges im Donbas sind prorussische Posi­tionen in der ukrai­nischen Gesellschaft nicht mehr mehrheitsfähig.

Katalysator für die Parlamentswahl

Die jüngsten Entwicklungen innerhalb des Oppositionsblocks sind nicht alleine mit Blick auf die Präsidentschaftswahl, sondern auch vor dem Hintergrund der nur wenige Monate später stattfindenden Parlamentswahl zu betrachten. Dieser kommt eine be­sondere Bedeutung zu: Mit der Rückkehr zu der Verfassungsversion von 2004, die 2014 beschlossen wurde, hat sich das Kräfte­verhältnis im semipräsidentiellen Regierungssystem der Ukraine zugunsten des Par­laments und der Regierung verschoben. Der Präsident hat zwar nach wie vor umfang­reiche Exekutivkompetenzen in der Außen- und Sicherheitspolitik und nominiert so­wohl den Außen- als auch den Verteidigungsminister. Der Generalstaatsanwalt und der Chef des Inlandsgeheimdienstes werden ebenfalls vom Präsidenten bestimmt. Die Wahl des Ministerpräsidenten wie auch die Ernennung aller übrigen Kabinettsmitglieder auf dessen Vorschlag sind indes ein exklusives Prärogativ des Parlaments.

Das Parlament ist der Dreh- und Angelpunkt der Einflussnahme konkurrierender Elitengruppen. Zudem ist das ukrainische Parteiensystem kaum konsolidiert und stark personenfixiert. Vor diesem Hintergrund könnten die Parteien jener Kandidaten, die die zweite Runde der Präsidentschaftswahl nicht erreichen, es schwer haben, bei der folgenden Parlamentswahl erfolgreich um Unterstützung – sowohl beim Elektorat als auch bei Sponsoren – zu werben. Dieses Risiko besteht in erster Linie für Poroschen­ko und dessen Seilschaft. Sollte Poroschenko zur Wahl antreten und die Stichwahl nicht erreichen, würde voraussichtlich auch seine nach ihm benannte Partei erheblich an Ein­fluss verlieren. Andere Kandidaten können die Präsidentschaftswahl indes nutzen, um durch Achtungserfolge neue politische Par­teien populär zu machen. Die Chancen, be­trächtlich an Einfluss zu gewinnen, stehen jedoch insbesondere für Tymoschenko gut. Ihr kommt zugute, dass die von ihr geführte Partei »Vaterland« eine etablierte politische Kraft darstellt, die in weiten Teilen des Lan­des stärker und besser als andere Parteien organisiert ist. Sollte sich Tymoschenko tatsächlich durchsetzen, könnte sich nach den Parlamentswahlen aber auch das Risiko einer politischen Machtkonzentration er­höhen. Ein Präsident ohne den Rückhalt einer mächtigen Parlamentsfraktion wäre indes der Gefahr ausgesetzt, stärker mit möglichen exekutiv-legislativen Konflikten sowie entsprechenden Politikblockaden konfrontiert zu werden. Ein solches Schick­sal würde vor allem Außenseitern drohen, zum Beispiel auch Hryzenko. Zwar wird Hryzenko von Teilen der reformorientierten proeuropäischen Opposition unterstützt. Dieser ist es bislang aber noch nicht gelun­gen, sich zu einer geeinten politischen Kraft zu organisieren. Sollte die Fragmentierung anhalten, schmälert dies ihre Chancen, im Zuge der Parlamentswahlen an Einfluss zu gewinnen.

Günstige Voraussetzungen für die Oligarchen – schlechte für die Um­setzung notwendiger Reformen

Sowohl bei der Präsidentschafts- als auch der Parlamentswahl dürften am Ende vor allem die Oligarchen ihren Einfluss erhöhen. Sie spielen nach wie vor eine sehr bedeutende Rolle im politischen Willensbildungs­prozess der Ukraine. Das sich abzeichnende enge Rennen um das Präsidentenamt ver­größert ihre Chancen, mit den finanziellen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung ste­hen, und dank ihrer Kontrolle über die wichtigsten Massenmedien des Landes ihr politisches Gewicht geltend zu machen. Und auch die Ausgangslage der Parlaments­wahl ist für die Einflussnahme der Olig­archen vorteilhaft. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem, dass es in den vergangenen Jahren nicht ge­lungen ist, die von der ukrainischen Zivil­gesellschaft und inter­nationalen Akteuren wie der Venedig-Kommission und der OSZE geforderte Wahlrechtsreform umzusetzen. Seit 2012 wird das Parlament in einem ge­mischten Wahlsystem gewählt, das durch Direktmandate einerseits und landesweite geschlossene Parteilisten andererseits der politischen Korruption Vorschub leistet. Zwar hat das Parlament im Herbst 2017 in erster Lesung den Ent­wurf eines Wahl­gesetzbuchs angenommen, das eine reine Verhältniswahl mit lose gebundenen Listen vorsieht. Dass dieser Entwurf jedoch vor der anstehenden Parlamentswahl verabschiedet wird, ist unwahrscheinlich. Hinzu kommt die unzureichende Reglementierung der Finanzierung von Wahlkampagnen und politischer Werbung. Die Oligarchen wer­den daher auch bei der diesjährigen Parla­mentswahl günstige Vor­aussetzungen vor­finden, um eigene Stellvertreter in der Legis­lative zu installieren und politische Ver­bün­dete zu protegieren. Entsprechend dürfte sich für reformorientierte Kräfte vor­aussichtlich der Spielraum verringern, neue Regelungen durchzusetzen, die die Renten­maximierung der Oligarchen begrenzen und die politische Korruption eindämmen.

Steffen Halling ist Promotionsstipendiat in der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien.

© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2019

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