Lars Brozus

Vorausschau erleichtert die gezielte Vorbereitung auf böse Überraschungen

Kurz gesagt, 06.04.2020
Lars Brozus
Portraitfoto Lars Brozus (bzs)

Systematische Vorausschau kann der Politik helfen, sich auf böse Überraschungen gezielter vorzubereiten. Damit sie aber am Ende für Krisen wie die Corona-Pandemie tatsächlich gewappnet ist, bedarf es noch mehr, meint Lars Brozus.

Die Corona-Pandemie unterstreicht, wie wichtig es ist, die Fähigkeiten zur Vorausschau zu verbessern. Von der EU-Schulden- über die Flucht- und Migrationskrise bis zum Brexit: Immer wieder sind Staat und Gesellschaft in der letzten Dekade in unvorhergesehene Situationen geraten. Das Unbehagen darüber wächst, auch in der Politik. Keinem Verantwortlichen dürfte wohl dabei sein, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen, von denen die Sicherheit der Bevölkerung und die Wohlfahrt des Landes abhängen – und dies bei hoher Ungewissheit über die Auswirkungen der beschlossenen Maßnahmen.

Gutes Vorhersagen lässt sich lernen

Das Unbehagen müsste nicht so groß ausfallen. Das zeigt die Forschung darüber, wie gut wir Menschen darin sind, künftige Ereignisse zu antizipieren. Zwar belegen repräsentative statistische Untersuchungen, dass Experten bei Vorhersagen nicht viel besser abschneiden, als aufgrund einer bloßen Zufallsverteilung zu erwarten ist. Etwa die Hälfte ihrer Annahmen trifft ein, die andere Hälfte jedoch nicht. Experten zu konsultieren reicht also nicht aus, wenn es darum geht, bessere Zukunftsaussagen zu erhalten.

Dass sie besser werden können, verdeutlichen Analysen, die untersuchen, wie die Trefferquote für die korrekte Vorhersage von konkreten Ereignissen, die sogenannten Forecasts, gesteigert werden kann. Die gegenwärtige Pandemie wäre ein solches Ereignis. Die Untersuchungen stützen sich auf die Analyse eines wissenschaftlich konzipierten und kontrollierten Vorhersagewettbewerbs, des Good Judgment Projects. An diesem Wettbewerb beteiligten sich mehr als 20.000 Teilnehmer, darunter Laien ebenso wie Fachleute. Sie beantworteten Fragen, die sich auf denkbare Ereignisse in der Zukunft beziehen. Aktuell könnten solche Fragen etwa lauten: Wird Donald Trump die Präsidentschaftswahlen im November in den USA gewinnen? Wird der Dax zum Jahresende über 10.000 Punkten schließen? Wird Nordkorea im Jahr 2020 einen Nukleartest durchführen? Oder eben: Wird es innerhalb der nächsten zwölf Monate zu einer weiteren globalen Pandemie kommen?

Nach Ablauf des Zeitraums, auf den sich die Frage bezieht, wird geprüft, ob die Vorhersagen der Forecaster eingetroffen sind. Die Auswertung verdeutlicht Unterschiede: Manche Teilnehmer liegen öfter richtig als andere. Das ist nicht etwa auf hellseherische Fähigkeiten zurückzuführen. Vielmehr gehen gute Forecaster methodisch vor. Sie suchen aktiv nach Hinweisen, die für die Beantwortung der Frage wichtig sein könnten, und sind offen für Informationen, die ihren Ansichten widersprechen. Legt die neue Informationslage es nah, passen sie ihre Bewertungen an. Es zeigt sich: Die wichtigste Voraussetzung für zutreffende Forecasts besteht darin, systematisch aus Fehlern zu lernen. So tauschen sich überdurchschnittlich abschneidende Forecaster gern untereinander über Erfolgsfaktoren, aber auch über Fehleinschätzungen aus. In der Praxis bedeutet dies die rigorose Analyse der eigenen Vorhersagen und eine kontinuierliche Erfolgskontrolle.

Werden diese überdurchschnittlich gut abschneidenden Forecaster in Teams zusammengefasst, steigt die Trefferwahrscheinlichkeit ihrer gebündelten Vorhersagen weiter. Das ist zwar keine Garantie dafür, dass künftig alle bösen Überraschungen antizipiert werden können, selbst wenn die Vorhersagewettbewerbe kontinuierlich fortgesetzt und weiterentwickelt werden. Aber wie das Good Judgment Project zeigt, ist eine deutliche Erhöhung der Vorhersagepräzision möglich: Ziel des zunächst auf vier Jahre angelegten Wettbewerbs war es, die Durchschnittsgenauigkeit der Vorhersagen um 50 Prozent zu übertreffen – was bereits nach zwei Jahren gelang. Die Anzahl an unvorhergesehenen Ereignissen lässt sich also reduzieren.

Gute Vorhersagen führen nicht automatisch zu besserer Vorbereitung

Das ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Denn selbst wenn sich künftige Ereignisse häufiger voraussehen lassen, ist nicht automatisch gewährleistet, dass auch die angemessenen Vorbereitungen getroffen werden. Das liegt in der Struktur des Politik-Machens begründet. Um weitreichende und kostspielige Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, sind politische und gesellschaftliche Mehrheiten notwendig. In Krisensituationen wie der gegenwärtigen Pandemie fällt dies erheblich leichter, wie wir gerade in Echtzeit erleben. Umgekehrt ist es mit Blick auf weniger sichtbare Ereignisse in der Zukunft notorisch schwierig, die notwendigen Mehrheiten für weitreichende Vorsorgemaßnahmen zu mobilisieren. Auch wissenschaftlich gut begründete Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen lassen sich schwerlich umsetzen, wie in den vergangenen Jahren mit Blick auf die Gesundheits- und Klimaforschung zu beobachten gewesen ist.

Es wäre jedoch falsch, den schwarzen Peter für mangelnde Vorbereitung allein den politisch Verantwortlichen zuzuschieben. Denn es sollte nicht vergessen werden, dass Vorhersagen daneben liegen können – auch dafür gibt es hinreichend Beispiele. Aufwendige und kostenintensive Vorbereitungen zur Abwehr einer befürchteten Pandemie könnten sich womöglich als überflüssig erweisen. Das würde ebenfalls den Entscheidungsträgern zur Last gelegt. Und es ist nicht nur eine Güterabwägungsfrage, wofür und wie Vorbereitungsmaßnahmen getroffen werden. Sie hängt vor allem von der politischen und öffentlichen Unterstützung dafür ab.

Konflikte darüber, wo künftig die Prioritäten politischen Handelns gesetzt werden sollen, werden auch nach der Corona-Pandemie unvermeidlich sein. Im Zentrum dieser Konflikte stehen häufig unterschiedliche Annahmen über die Zukunft. Auch wenn es keinen Automatismus zwischen einer guten Vorhersage und politischem Handeln gibt: Die Maßstäbe rigorosen Analysierens und kontinuierlicher Erfolgskontrolle können dabei helfen, in solchen Konflikten fundierte Entscheidungen zu treffen, die zu einer gezielteren Vorbereitung beitragen.

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