22.02.2019

Der Anschlag in Kaschmir und seine Folgen

Christian Wagner

Der jüngste Terroranschlag in Kaschmir belastet nicht nur das Verhältnis von Indien und Pakistan, sondern könnte auch Folgen für die Friedensgespräche in Afghanistan und das chinesisch-indische Verhältnis haben. Christian Wagner über die Hintergründe.

Es war der schwerste Anschlag auf Sicherheitskräfte in Kaschmir in den letzten 30 Jahren, als am 14. Februar ein Selbstmordattentäter ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug im Distrikt Pulwama im indischen Kaschmir in ein Konvoi paramilitärischer Einheiten lenkte; mindestens 40 Angehörige der Central Reserve Police Force (CRPF) wurden getötet. Damit bahnt sich eine neue Krise zwischen Indien und Pakistan an, die weiterreichende Folgen haben dürfte als die Krisen von 2001/02 und 2008, da sie auch China und Afghanistan berührt.

Die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed (JeM) bekannte sich zu dem Anschlag. Sie operiert von Pakistan aus und hat vermutlich enge Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI). Eine Reihe von Anschlägen in Indien gehen auf ihr Konto, darunter der Angriff auf das indische Parlament im Dezember 2001. Die JeM wurde zwar 2002 in Pakistan verboten, jedoch befindet sich ihr Anführer Maulana Masood Azhar weiter auf freiem Fuß. Adil Ahmad Dar, der 19-jährige Attentäter, stammte aus dem indischen Teil Kaschmirs. Dort hat es in den letzten Jahren zahlreiche Proteste bzw. eine zunehmende Radikalisierung gegeben, die sich unter anderem gegen schlechte Lebensverhältnisse und Repressionen der Sicherheitskräfte richtete. Militante Gruppen wie die JeM, die einen Anschluss Kaschmirs an Pakistan anstreben, verschärfen mit ihren Anschlägen die Situation.

Begrenzte militärische und politische Optionen Indiens

Wie in der Vergangenheit ist auch dieses Mal mit einer militärischen Gegenreaktion Indiens zu rechnen, die die Regierung von Premierminister Modi im bevorstehenden Wahlkampf für sich nutzen wird. Wahrscheinlich sind gezielte Schläge gegen die Infrastruktur der JeM jenseits der Kontrolllinie im pakistanischen Teil Kaschmirs. Es hat in der Vergangenheit bereits solche Operationen gegeben, die aber erstmals im September 2016 auch öffentlich gemacht wurden. Weitergehende militärische Aktionen wie Luftschläge gegen die Einrichtungen terroristischer Gruppen in den Gebieten Azad Kaschmir oder Gilgit-Baltistan, die als Teile Kaschmirs von Indien beansprucht werden, wären ebenfalls denkbar. Sie bergen aber die Gefahr einer militärischen Eskalation mit Pakistan, sollte es dabei zivile Opfer geben. Auch Angriffe auf Einrichtungen der JeM auf pakistanischem Staatsgebiet, etwa in der Provinz Punjab, sind wenig wahrscheinlich, da sie eine unmittelbare Eskalation zwischen den beiden Atommächten heraufbeschwören könnten.

Die politischen Optionen der Modi-Regierung sind ebenfalls begrenzt, da sich die Beziehungen zu Pakistan in den letzten Jahren bereits abgekühlt haben. Die Aufhebung des Most-Favored Nation (MFN) Status und damit von Handelsvergünstigungen für Pakistan als unmittelbare Reaktion auf den Anschlag ist angesichts des ohnehin geringen Handels bestenfalls eine symbolische Geste. Die Versuche, Pakistan international zu isolieren, dürften angesichts der großen chinesischen Unterstützung für die Regierung in Islamabad vermutlich ebenfalls wenig Erfolg bringen.

Folgen des Anschlags über Indien und Pakistan hinaus

Neben der krisenhaften Zuspitzung der indisch-pakistanischen Beziehungen kann sich der Anschlag auch auf die Friedensgespräche in Afghanistan und die indisch-chinesischen Beziehungen auswirken.

Der pakistanische Botschafter in Afghanistan versuchte mit seiner Bemerkung, die Friedensgespräche könnten durch eine militärische Reaktion Indiens gegen Pakistan Schaden nehmen, erneut eine Internationalisierung der Kaschmirfrage zu erreichen. Obwohl Präsident Trump Pakistan massiv kritisiert hat, spielt Islamabad eine zentrale Rolle in den Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA über eine Beilegung des Konflikts in Afghanistan. Aus diesem Grund hat auch Russland in den letzten Jahren seine Beziehungen zu Pakistan deutlich ausgebaut. Indien verfügt zwar über sehr gute Beziehungen zu den USA und zu Russland, seinem traditionell engsten Verbündeten, doch dürften beide Staaten vor diesem Hintergrund gegenwärtig wenig Interesse daran haben, Indien allzu sehr in einem Konflikt mit Pakistan zu unterstützen.

Der Anschlag wird aber auch zu einem Belastungstest für die Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Peking. Auf ihrem informellen Gipfel im April 2018 in Wuhan haben sich Premierminister Modi und Präsident Xi auf eine Annäherung verständigt, um das bilaterale Verhältnis nach der Doklam-Krise vom Sommer 2017 zu entspannen; damals hatte es wochenlang Zwischenfällen an der strittigen Grenze im Himalaya gegeben. Indien kritisiert seit langem die umfangreiche politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung Chinas für Pakistan. Zudem blockiert Peking seit einigen Jahren die Aufnahme von Maulana Masood Azhar, dem Führer der JeM, in die Terrorliste der Vereinten Nationen (VN). Der Anschlag in Kaschmir wird vor diesem Hintergrund auch zu einer Belastungsprobe für den vielbeschworenen »Geist von Wuhan«, mit dem Indien und China ihre Beziehungen erneuern wollten.

Neben dem wahrscheinlichen Negativszenario einer weiteren indisch-pakistanischen Krise gibt es angesichts des chinesischen Interesses an guten Beziehungen zu Indien zumindest einen kleinen Hauch von Optimismus. So unterstützte China die Resolution des Sicherheitsrats der VN, in der die Verantwortung der JeM ausdrücklich erwähnt wurde. Ein weiteres Instrument  für China, gemeinsam mit anderen Staaten Druck auf Pakistan auszuüben, wäre die gegenwärtige Prüfung Pakistans durch die Financial Action Task Force (FATF), ein internationales Gremium zur Bekämpfung der Terrorfinanzierung. Peking hatte der Prüfung bereits 2018 zugestimmt. Allerdings ist zu befürchten, dass die diplomatischen Bemühungen eine militärische Antwort Indiens nicht verhindern werden.

Dieser Text ist auch bei Handelsblatt.com erschienen.

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