Hanns Günther Hilpert

Nordkorea vor dem ökonomischen Zusammenbruch?

SWP-Studie 2003/S 14, April 2003, 38 Seiten

50 Jahre nach dem Ende des Koreakrieges steht das außenpolitisch isolierte Nordkorea auch wirtschaftlich vor einem Scherbenhaufen. Die Industrie und Infrastruktur des Landes sind verfallen und die Bevölkerung ist verarmt. Zwischen 1995 und 1999 ist vermutlich jeder zehnte Nordkoreaner an Folgen des Hungers gestorben. Etwa ein Prozent der Bevölkerung sind nach China geflohen. Dem ökonomischen ist aber kein politischer Zusammenbruch gefolgt. Vielmehr ist es dem Regime gelungen, durch eine strategische Schwerpunktsetzung auf das Militär, gestützt auf einen effektiven Sicherheits- und Propagandaapparat und dank humanitärer und wirtschaftlicher Hilfe des Auslandes die prekäre Situation bis heute zu überstehen.
Diese Studie stellt die Frage nach der ökonomischen und politischen Überlebensfähigkeit des nordkoreanischen Systems angesichts der jüngsten Ereignisse:

  • Die Wiederaufnahme der nuklearen Erpressungsversuche gegenüber den USA;
  • Die vorangegangenen diplomatischen Offensiven gegen Rußland, Japan und Südkorea;
  • Die dauerhafte Abhängigkeit von externen Hilfslieferungen und die aktuelle Verknappung der Nahrungsmittel;
  • Die systemwidrigen Preis- und Strukturreformen im Juli 2002, die die ökonomische Situation verschärft haben.

Wirtschaftlich befindet sich Nordkorea in einer dramatischen Situation. Angesichts der weiten Verbreitung von Subsistenzlandwirtschaft und Schattenökonomie ist die Autorität der zentralen planwirtschaftlichen Instanzen zerbrochen. Eine regulative Rückkehr zur alten Zentralplanwirtschaft kann ausgeschlossen werden.

Anders als in der Krise von 1993 steht das Kim Jong Il-Regime aktuell nicht nur vor einer militärisch-sicherheitspolitischen Herausforderung, sondern auch vor einer wirtschaftlichen und innenpolitischen. Demzufolge gehen von Nordkorea nicht nur militärische Sicherheitsrisiken aus, sondern auch sozioökonomische. Europäische Wirtschafts- und Sicherheitspolitik gegenüber Nordkorea müßte daher zwei - zuweilen widersprüchliche - Ziele verfolgen. Erstens sind die von Nordkorea ausgehenden Risiken für die regionale und internationale Sicherheit wirksam zu begrenzen, also die Gefahr der Proliferation von Massenvernichtungswaffen "made in North Korea" und das Risiko eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel. Zweitens ist das Leid der Nordkoreaner, die Hunger und systematischer Unterdrückung durch ein totalitäres Regime ausgesetzt sind, durch humanitäre Hilfen und wirtschaftliche Kooperation zu mindern.

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