Andrea Frenzel, Nadine Godehardt

Mehr Chinakompetenz wagen

Zur außenpolitischen Bedeutung der Chinakompetenz für die deutsche und europäische Chinapolitik

SWP-Aktuell 2020/A 59, Juli 2020, 4 Seiten

doi:10.18449/2020A59

Bei der Auseinandersetzung mit China geht es nicht nur darum, in Politik, Wirt­schaft oder Technologie Antworten auf drängende Probleme zu finden. Vielmehr muss ein System europäischer Chinakompetenz aufgebaut werden, das langfristige Handlungsfähigkeit sichert. Entscheidend ist, diese Aufgabe an der Schnittstelle von Außen- und Bildungspolitik zu verorten. Die Bildung von Chinakompetenz – und Chinakompetenz durch Bildung – sollte daher Teil der europäischen Chinastrategie sein.

Schon vor der Covid-19-Pandemie hat sich in Deutschland und Europa die Haltung gegenüber der chinesischen Regierung unter Xi Jinping stark verändert. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür ist der Strategic Outlook der EU-Kommission vom 12. März 2019. Darin wird China zum einen nicht mehr als Entwicklungsland, sondern als globaler Schlüsselakteur sowie führende technologische Macht bezeichnet. Zum anderen betont die EU-Kommission, dass China zwar Ko­operations- und Verhandlungspartner sowie wirt­schaftlicher Wettbewerber ist, aber zu­gleich systemischer Rivale, vor allem auf­grund seines Regie­rungsmodells.

Im Verlauf der Covid-19-Pandemie hat sich diese kritische Haltung in Politik, Presse und Think-Tank-Community deut­lich ver­stärkt. Verbunden ist sie mit wachsendem Zweifel an Pekings politischer Glaubwürdig­keit. Dieser nährt sich nicht nur aus der Entscheidung des Nationalen Volkskongresses (NVK) über das Nationale Sicherheits­gesetz für Hongkong Ende Mai 2020, son­dern aus einer ganzen Reihe politischer Ereignisse. Besonders vernehmlich ist die Kritik am Vorgehen der chinesischen Behör­den zu Beginn der Pandemie in Wuhan.

Einerseits steigt die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für Deutschland und Europa. Andererseits wächst aber auch die Unsicherheit gegenüber den globalen Akti­vitäten chinesischer Akteure sowie den immer komplexeren thematischen Zusam­menhängen im Um­gang mit China. Die Kombination aus beidem offenbarte schon seit Längerem, dass mehr China­kompetenz unerlässlich ist. Die Bundes­regierung rea­gierte auf diese Erkenntnis bereits mit der (inzwischen ausgelaufenen) »China-Stra­te­gie des Bundes­ministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 2015–2020«. Die darin entwickelten Maß­nahmen betreffen aber vor allem Wissenschaft und Forschung. Zwar sind im Rah­men einer Fördermaßnahme seit 2016 elf interessante interdiszi­plinäre Projekte an deutschen Hoch­schulen entstanden. Doch die Frage bleibt, in­wie­weit diese Förder­linien ausreichen, um »eine breitere China-Kompetenz in Deutsch­land« auf­zubauen.

Schnittstelle Außen- und Bildungspolitik

Bildungs- und Außenpolitik sind natürliche Bündnispartner beim Aufbau von Chinakompetenz. Daher ist es nicht sinnvoll, sie in diesem Kontext getrennt voneinander zu betrachten. Aller­dings ist die föderale Struktur des Bildungs­wesens in Deutschland bei der Förderung von Chinakompetenz immer mitzuberück­sichtigen, denn maßgeblich für die Umset­zung sind die Bildungs- oder Kultusministerien der Länder. Erste vielversprechende Ansätze einer Ko­opera­tion gibt es bereits. So ent­stand 2017 eine gemeinsame Initia­tive von BMBF, Aus­wärtigem Amt und Kultusministerkonferenz. Sie unterstützte die Studie »China kennen, China können« (2018), eine erste, umfassende Bestandsaufnahme von China­kompetenz in Deutschland. Die Studie hatte nicht nur Wis­sen­schaft und Forschung zum Gegenstand, sondern schwerpunktmäßig auch die Situa­tion in der Schul­bildung. Diese ist für einen strategischen Ansatz mindestens so wichtig wie die ter­tiäre Bildung. Mit der genannten Initiative verbunden war die »Arbeitsgruppe China­kompetenz in Schule und Ausbildung«. Anhand der Erkenntnisse aus der Studie erarbeitete sie Empfehlungen für die Um­setzung in allgemein- und berufsbilden­den Schulen. Ende 2019 grün­dete ein zivil­gesellschaftlicher Akteur, die Stiftung Mercator, mit Unter­stützung der Initiativpartner ein Bildungsnetzwerk zur Förderung der Chinakompetenz im Schul­bereich. Arbeits­felder sind Chinesischunterricht, China als Thema im Fachunterricht und Schüler­austausch.

Die Frage ist nun, wie es weiter­gehen kann und ob die Bemühungen für mehr Chinakompetenz nicht viel strategischer und vor allem transnational angelegt wer­den müssten. Ein tiefergehendes Verständnis von China erfordert noch mehr direkte wie indirekte Auseinandersetzung mit dem Land. Nur dann ist es möglich, effektive Instrumente und eine auf Gegenseitigkeit beruhende, selbstbewusste Haltung zu ent­wickeln. Die Grundlagen für die Förderung von China­kompetenz müssen nicht nur an Hochschulen und in Exzellenzclustern, sondern in der gesamten Gesellschaft geschaffen und im natio­nalen, besonders aber im europäischen Bildungssektor ver­ankert werden. Ohne intensiven, europaweiten Aufbau von China­kompetenz über alle Ressorts hin­weg kann es nicht gelingen, die Beziehungen mit China als Partner, Wettbewerber und Rivale in Deutschland und vor allem in Europa langfristig aus­zudifferenzieren.

Handlungsmöglichkeiten durch Chinakompetenz

Chinakompetenz in der Politik hat andere Schwerpunkte als in wirtschaftlichen oder technologischen Kontexten. Alle Varianten basieren aber im Idealfall auf guter Sprach­beherrschung, fundiertem Wissen und Fachkenntnissen in Bezug auf China sowie der Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation.

Erstens steht Chinakompetenz für die Fähigkeit, Chinawissen auf unterschiedlichste Zusammenhänge anzuwenden und spezifische Probleme in den weiteren Kon­text der Chinapolitik einzuordnen. Bei­spielsweise bleiben Erfahrungen im Wirt­schaftsbereich mit China meist sektor­spezifisch und sind daher gerade nicht auf andere Bereiche übertragbar. Zweitens ist interkulturelle Kompetenz eine notwendige Bedingung für Dialogfähigkeit, besonders unter den Bedingungen eines Systemwettbewerbs. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der Beherrschung einer Trickkiste oder Businessetikette, sondern beinhaltet vor allem die Fähigkeit, im Wissen über die Unterschiedlichkeit der Systeme den Deu­tungshorizont neu zu kon­stituieren. Ein detailgenauer Blick etwa auf die komplexe politische Funktionsweise von Staats- und Parteiapparat schützt so­wohl vor der Beein­flussung durch propagandistische Inszenierungen als auch vor dem allzu schlichten Freund-Feind-Schema »unverdorbener« chinesischer Bevölkerung auf der einen und »durchtriebener« Par­teifunktionäre auf der anderen Seite. Dies hilft, eine nüchterne Haltung zu entwickeln und Lösungen zu finden, die der Komplexität des deutsch-chinesischen und europäisch-chinesischen Verhältnisses gerecht werden und dem wachsenden Misstrauen entgegenwirken können.

Drittens muss Chinakompetenz in der Schulbildung ansetzen. Studium und Berufsausbildung sowie begleitete Auf­enthalte im Land können fundierte China­kompetenz schaffen. Diese Ansätze sind wertvoll, tragen allerdings kaum dazu bei, Chinaexpertise auf breiter Basis in der Gesellschaft zu verankern. Die Zahl der Studienanfänger in chinawissenschaft­lichen Studiengängen geht seit Jahren zu­rück und lag 2016/17 in Deutschland bei etwa 500, obwohl es immer mehr Angebote gegenwartsorientierter Chinaforschung gibt. Ähn­lich ist die Entwicklung zum Beispiel in Großbritannien. In der Berufsbildung in Deutschland existieren zurzeit keine china­bezogenen Zusatzqualifikationen, deren Sprachausbildung über ein Niveau elemen­tarer Sprachverwendung hinausgeht.

Schulbildung als Grundpfeiler der Chinakompetenz

Der Aufbau von Chinakompetenz muss daher früher in der Lernbiografie verankert werden. Hierfür bietet sich der Sekundar­bereich der Schulbildung an. Interkulturelle Handlungskompetenz ist das Leitziel des schulischen Chinesischunterrichts. Er ist in den letzten Jahren strukturell, wenn auch nicht zahlenmäßig erheblich ausgebaut worden. Hier werden genau die Fähigkeiten vermittelt, die in Deutschland und Europa auf einer viel breiteren gesellschaftlichen Basis benötigt werden: Sprachkenntnisse (bei entsprechender Unterrichtsdauer bis zu einem Niveau selbständiger Sprachverwendung) und substantielles soziokulturelles Orientierungswissen über China. Allerdings bleibt die Zahl der Schülerinnen und Schü­ler, die am schulischen Chinesischunterricht teilnehmen, seit Jahren niedrig – sie liegt bei ungefähr 5 000. Dagegen lernen rund 7 Millionen Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen die Welt­ver­kehrssprache Englisch, 1,4 Mil­lio­nen Fran­zösisch und immerhin 464 000 Spa­nisch. Kaum genutzt wird bislang auch das Poten­tial des Fachunterrichts, den etwa 5,3 Mil­lionen Sekundarschülern in Deutsch­land beispielsweise in den Fächern Politik, Erd­kunde, Wirtschaft oder Geschichte etwas über China beizubringen.

Nicht zuletzt muss Chinakompetenz im Schulbereich finanziell und ideologisch unabhängig vom chinesischen Staat auf­gebaut werden. Zwar sollten sprachliche und kulturelle Angebote von chinesischer Seite im Sinne einer Kulturaußenpolitik, wie sie auch Deutschland und viele andere Länder betreiben, als Ergän­zung willkommen sein. Die »Grundausbildung« sollte jedoch in nationaler Verantwortung ge­schehen. Nicht nur das: In Solidarität mit den EU-Mitgliedstaaten sollte diese Grund­ausstattung auf europäischer Ebene ver­wirklicht und finanziert werden, beispielsweise durch den Aufbau eines »Europäischen Bildungsfonds Chinesisch«. Euro­päische Robustheit entsteht auch in dieser Hinsicht nicht (nur) in Deutschland, son­dern vor allem durch Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Finanziell schwächer gestellte Staaten Europas können nämlich oft nicht einmal im Hochschulbereich Lehrstühle der Sinologie oder Sprachunterricht anbieten, geschweige denn Chinesisch­unterricht in den Schulen.

Auch wenn eine vollständige Bestands­aufnahme der vorhandenen Chinakompetenz in Europa bislang nicht vorliegt, gibt es wohl zurzeit kein einziges europäisches Land, das in eigener staatlicher Verantwortung adäquate Bildungsangebote in Bezug auf China bereitstellen kann. Mittelfristig beeinträchtigt dieser Mangel die autonome Handlungsfähigkeit Europas im Hinblick auf China.

Eine europäische Bildungs­initiative für Chinakompetenz

Letztlich reicht es in dieser Frage also nicht, den Blick einzig auf Deutschland zu richten. »China« ist schon längst in Europa angekom­men und tritt zunehmend be­stimmender und selbstbewusster auf. Deshalb ist Europa auf der Suche nach einer gemeinsamen Haltung und einer »robusteren europäischen Strategie«, wie der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell kürzlich betonte. Förderung von Chinakompetenz ist folglich eine Herausforderung nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa – sei es in wirt­schaftlichen oder politischen Verhand­lungen, Diplomatie und Informations­gewinnung oder um Propaganda und Des­information begegnen zu können. Selbst in den USA wird gegenwärtig über den Mangel an Chinakompetenz diskutiert und über die Gefahren, die daraus entstehen können.

Ohne den Aufbau eines zukunftsfähigen europaweiten China­kompetenzsystems und intensive Werbung dafür fehlt es auf abseh­bare Zeit an Expertise über China. Eine europäische Bildungsinitiative für Chinakompetenz als Teil der europäischen China­strategie kann und sollte allerdings nicht bei Normen und bindenden Strukturen an­setzen, denn die Bildungspolitik ist Domäne der einzelnen Mitgliedstaaten. Die EU besitzt jedoch bereits eine breit angeleg­te Bildungsplattform mit Ele­menten, auf denen eine Chinakompetenz-Initiative auf­setzen könnte, zum Beispiel die EU-Politik der Mehrsprachigkeit. Auch gern genutzte Angebote wie Erasmus+ schränken die Sou­veränität der einzelnen Länder nicht ein.

Ein erstes Teilpaket sollte die Aktions­felder Information, Vernetzung von Akteu­ren und Austausch über die Chinabildung in Europa mit Beispielen guter Praxis ent­halten. Die lange überfällige Bestands­aufnahme zur schulischen und universi­tären Sprach­vermittlung von Chinesisch in ganz Europa sollte Teil dieser Komponente sein. Eine von der EU-Kommission geförderte Projektgruppe von Sprach­experten aus verschiedenen europäischen Ländern hat sich schon vor Jahren mit dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen und seiner Anwendbarkeit auf die chinesische Sprache beschäftigt. Ein ähn­liches Projekt könnte der Vernetzung und dem Informations­austausch über den Chinesischunterricht auf europäischer Ebene dienen und tragfähige Strukturen dafür erarbeiten.

Inhalt eines zweiten Teilpakets sollte sein, konkrete Bildungsangebote in Bezug auf Unterrichtsentwicklung und Begegnungsformate zu konzipieren, zu realisieren und zu evaluieren. Denkbar sind zum Bei­spiel Kooperationen, in denen gemischte euro­päische Gruppen nach China fahren und sich im Gegenzug in einzelnen europä­ischen Ländern mit chinesischen Schülern oder Studierenden treffen. Dieses Modell funktioniert ähnlich schon bei Anbietern von Individualaustauschen, könnte aber als Teil eines integrierten EU-Vorhabens noch wesentlich ausgebaut werden. Beide Pakete zusammen können eine europäische Bil­dungs­initiative für Chinakompetenz begrün­den und gleichermaßen dazu bei­tragen, die Kohäsion der EU zu festigen sowie die europäische Autonomie in der Auseinander­setzung mit China zu stärken.

Andrea Frenzel ist Forschungsassistentin in der Forschungsgruppe Asien.
Dr. Nadine Godehardt ist Stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Asien.

© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2020

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ISSN 1611-6364

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