Andreas Goldthau, Martin Keim, Kirsten Westphal

Die Energiewende und ihre geopolitischen Konsequenzen

Von Transformationsdividenden, systemischen Risiken und neuen Unsicherheiten

SWP-Aktuell 2018/A 51, August 2018, 4 Seiten

Die Transformation des Energiesystems ist ein globales Phänomen. Um den Klimawandel aufzuhalten, geht der Umbau zwar noch viel zu langsam voran. Aber für die »menschliche Sicherheit« (human security) hat er unmittelbare positive Effekte. Die Elektrifizierung des Energiesystems reduziert die Abhängigkeiten von fossilen Roh­stoff-Lieferketten, stärkt den Zugang zu Energie als Wirtschaftsfaktor und begünstigt damit indirekt auch die nationale und internationale Sicherheit. Allerdings drohen eine geographische Konzentration von Technologieführerschaft und eine Schieflage bei globalen Finanzierungsstrukturen. Diese Faktoren ziehen geopolitische Risiken nach sich, deren Einhegung globaler Kooperation bedarf.

Die Energiewende ist real und zeigt sich be­sonders im Ausbau der Erneuerbaren Ener­gien, den sinkende Kosten beschleunigen. 2017 wurden weltweit etwa 300 Milliarden Euro in Erneuerbare investiert (gegenüber 700 Milliarden Euro bei Öl und Gas). 174 Staaten haben sich verpflichtet, freiwillige Bei­träge im Rahmen des Pariser Klima­schutz-Abkommens (2015) zu leisten. Zwei Drit­tel der globalen Treibhausgas-Emis­sio­nen gehen auf Energieverbrauch zurück; daher ist es entscheidend für den Klima­schutz, das Energiesystem zu dekarbonisie­ren. Geopolitisch verstärkt die Energiewen­de eine ohnehin stattfindende Verschiebung – weg von klassischer Sicherheitspolitik und geographischen Einflusssphären, hin zur Beherrschung von Fließprozessen aus Gütern, Wissen, Kapital und Informationen.

Energie-Systemwechsel

Die Energiewende bedeutet im Kern einen Systemwechsel, dessen Effekte nicht zu unterschätzen sind. Drei Faktoren sind hier maßgeblich:

  • Die Energiewende rekalibriert Wertschöpfungsketten. In einem kohlen­wasserstoffarmen – also dekarbonisierten – Energiesystem wird der ökonomische Wert nicht mehr primär mit fossi­len Ressourcen generiert. Wirtschaftlich relevant sind vielmehr in erster Linie technologieabhängige Prozesse der Er­zeugung von End- und Nutzenergie. Die Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen, werden dann vor allem von der Verfügbarkeit und dem Einsatz von Technologien bestimmt.

  • Die Energietransformation führt zu neuen Energieräumen, die durch Infrastruktur, Produktionsketten und Industrie-Cluster geprägt sind. Dieser räumliche Effekt wird vom geotechnologischen Wandel erzeugt, was sich etwa in lokalen »micro grids« zeigt oder in Großregionen überspannenden »super grids«, wie sie von China vorangetrieben werden.

  • Während heute noch die unterschiedlichen Sektoren (Strom, Gebäude, Verkehr, Industrie) mit ihren jeweils dominanten fossilen Energieträgern im Mittel­punkt stehen, liegt die Zukunft in der Sektoren­kopplung. Die Vernetzung von Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor verstärkt zusätzlich die Relokalisierung und Rekonfiguration von Energieräumen.

Global betrachtet wird das Energiesystem zwar tendenziell nachhaltiger, aber auch deutlich heterogener. Das konventionelle Energiesystem, wie es heute besteht, hat sich relativ gleichförmig entwickelt – ge­prägt vom weltumspannenden Handel mit Erdöl, Kohle und verflüssigtem Erdgas sowie durch den im Verkehr dominanten Verbrennungsmotor. Mit der Transforma­tion der Energiesysteme kommen dagegen die spezifischen Eigenheiten der einzelnen Länder und Regionen stärker zum Tragen: die jeweiligen geographischen Ausgangs­lagen, die – stark differierenden – politi­schen Ambitionen und Steuerungsmöglichkeiten sowie die nationalen Präferenzen im Energiemix (Atomenergie, Nutzung von Gas) ebenso wie die unterschiedlichen Ansätze im Mobilitätssektor.

Schlüsseltechnologien rücken ins Zen­trum der Energietransformation. »Technologie-Renten« versprechen wirtschaftliches Wachstum, und Wohlfahrtsgewinne kön­nen zum entscheidenden Treiber für den Erfolg der globalen Energiewende werden – aber nur, wenn Staaten kooperieren. Eingebettet in spezifische geographische Räume, können diese Prozesse ebenso zu Konkurrenz und nationalen Alleingängen führen. Das macht die Ambivalenz aus, welche die geoökonomischen Folgen des Energie-Systemwechsels auszeichnet.

Größter Nutzen: Globale Sicherheitsdividende

Unbestreitbar liegt der zentrale Beitrag der Energiewende darin, die globale Erwärmung abzubremsen. Doch auch für die menschliche Sicherheit hat sie positive Nebeneffekte weitreichender Art, etwa die Verbesserung der Luft- und Wasserqualität und damit der öffentlichen Gesundheit. Der schnelle, un­mittelbare Zugang zu sauberer und sicherer Energie ist entscheidend für grünes Wachs­tum. Die Citibank schätzt, dass aktive Klima-Investitionen und grünes Wachstum bis 2040 einen volkswirtschaftlichen Netto­gewinn von 1,8 Billionen US‑Dollar erzeu­gen werden. In Entwicklungsländern ist der Zugang zu Strom eine Grundvoraussetzung bzw. ein Multiplikator für soziale und wirt­schaftliche Transaktionen. Dabei haben noch immer 1,1 Milliarden Menschen kei­nen Zugang zu Strom. Die Energiewende reduziert sukzessive die Abhängigkeiten von Importen und die Risiken teurer Preis­volatilitäten. Sie trägt so dazu bei, Zugangs- und Verteilungskrisen um fossile Energieträger zu vermeiden. Auch die Marktmacht der heute existierenden Oligopole, etwa der neuen Öl-Allianz »OPEC+«, kann auf diese Weise langfristig erodieren.

Die Energietransformation verspricht damit eine »Sicherheitsdividende«. Wenn mehr Energie vor Ort produziert wird, wirkt das auf die Abhängigkeitsverhältnisse zwi­schen Produzenten-, Transit- und Konsumentenländern zurück. Dies geht mit einem Zugewinn an Souveränität bei der Energieversorgung einher.

Auch die Elektrifizierung des Systems nivelliert international die Rolle von Staa­ten – sie werden alle zu »Prosumern«, also Produzenten und Konsumenten gleichermaßen. Zudem können sie sich in eine »Netzgemeinschaft« begeben, was bewusste politische Entscheidungen voraussetzt, so­wohl hinsichtlich des heimischen Ausbaus oder des Imports von Erneuerbaren als auch mit Blick auf gemeinsame Steuerungs- und Kooperationsmechanismen für den Stromaustausch im Netz. Vulnerabilitäten und Sensitivitäten verteilen sich in einem Stromnetz ähnlich auf alle Beteiligten. Die Notwendigkeit, kritische Infrastrukturen zu sichern, stellt die Nato vor neue Auf­gaben. Dies wird auch die Diskussion um die Las­tenverteilung im Bündnis beeinflussen, da sich Schutzobjekte sowohl geographisch ver­schieben als auch in der Sache verändern, etwa von Seepassagen hin zu Stromnetzen.

Neue Unsicherheiten

Den Transformationsdividenden stehen je­doch neue Risiken und Herausforderungen gegenüber. Schon die Elektrifizierung des Energiesystems geht mit erheblichen Risi­ken einher, die im Bereich von Netzstabilität und Cyber-Security liegen. Ein Zusammenbruch der Stromversorgung hätte Kas­kaden­effekte für andere kritische Infra­strukturen. Die geopolitischen Impli­katio­nen betreffen weniger den militärischen und sicherheitspolitischen Bereich per se. Sie liegen in den Fließprozessen von »Energie-Ökosystemen« und be­rühren die Bereitstellung und Kon­trolle von Netzen und Energiediensten, Daten, Tech­nologien und Lieferketten.

Hinzu kommt der Umstand, dass sich die Energietransformation weltweit sehr hete­rogen entwickelt. Die Re-Ska­lie­rung globa­ler Wertschöpfungsketten, die Rückverlagerung von Produktions-Clustern auf die loka­le Ebene, aber auch die Verän­derung der Güterströme wirken sich unmit­telbar auf die internationale Arbeitsteilung und das Welthandelssystem aus. Dessen Volumen beruht zu etwa einem Fünftel auf Produkten der extrahierenden Industrie wie Öl, Gas und Kohle. In dem Maße, wie die Ener­gieversorgung stärker zu einem technolo­gie- und innovationsgetriebenen Prozess wird, verschiebt sich die Teilhabe von Staa­ten am Welthandels- und Energiesystem. Volkswirtschaftliche Wohlfahrtsgewinne werden so rekalibriert, und dies hat tiefgrei­fende Folgen für das Weltwirtschaftssystem.

Damit sich das 2-Grad-Ziel erreichen lässt, werden etwa 80 Prozent der weltweit verfügbaren Kohle, ein Drittel des Öls und die Hälfte der Gasreserven im Boden blei­ben müssen. Dass dies weitreichende Konse­quenzen für die Finanzmärkte haben wird, zeigt die Debatte über »stranded assets«, also die in fossilen Energieträgern gebundenen Vermögenswerte, die aufgrund der Dekarbonisierung vorzeitig abgeschrieben werden müssen. An internationalen Börsen wie etwa der London Stock Exchange liegt der Anteil fossiler Assets bei bis zu 30 Pro­zent. Dies kann, je nach notwendiger Abschreibungsgeschwindigkeit, ebenfalls ein syste­misches Risiko darstellen.

Geopolitisch wird der Umbau des Energiesystems die großen Öl- und Gasproduzenten – wie die Golfstaaten und Russland – weniger schnell und existentiell bedro­hen, als gemeinhin angenommen wird. Selbst bei einer Dekarbonisierung in den Industrieländern dürfte die Nachfrage nach Öl und Erdgas für einen Übergangszeitraum hoch bleiben; dafür sorgt der Bedarf in China, Indien und anderen sich entwickeln­den Volkswirtschaften. Ebenso wenig ist langfristig wohl der Zugang zu Lithium, Kobalt und »Seltenen Erden« problematisch, die zur Produktion von Batterien, Energiesparlampen, Windrädern oder Elektro­motoren benötigt werden. Hier wird der Roh­stoffzyklus wirksam. Er sorgt dafür, dass Preisanreize das Angebot erhöhen und ver­breitern, aber auch Recycling und zirkuläres Wirtschaften sich lohnen.

Dagegen rückt die Frage in den Vordergrund, wie sich der Wohlstand mit dem grünen Wirtschaftsmodell sichern lässt. Zentrale Bedeutung hat hier die Technologieführerschaft bei der Dekarbonisierung; die Technologierente wird der be­stim­men­de Faktor für die Wohlfahrt von Volks­wirt­schaften. Zum Teil ist die globale Ener­gie­wende schon Objekt klassischer Industrie­politik geworden. Dabei drohen nichtkoope­rativer Wettbewerb und merkantilistische Wirtschaftspolitik – in Zeiten von »Ame­rica First« und der weltweit zu beobachten­den Refokussierung auf vermeintliche »nationale Interessen«. Schon heute gibt es bei erneuerbaren Energien harte industriepolitische Auseinandersetzungen, wie die EU-Zölle auf chinesische Solarpanels zeigen. Aus Interesse, eigene »Wettbewerbsvorsprünge« zu sichern, könnten Staaten ver­sucht sein, ihre Anteile an globalen Wert­schöpfungsketten der Hochtechnologie in stärkerem Maße staatlicher Steuerung zu unterwerfen und zu re-nationalisieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Patente für Schlüsseltechnologien im Be­reich Smarte Netze, Offshore-Wind oder Ver­bund­materialien fast exklusiv in der OECD-Welt und China liegen. Auch Investi­tionen in Erneuerbare Energien gehen der­zeit zu etwa 90 Prozent in diesen »neuen Globalen Norden«. Dagegen laufen Entwick­lungs­länder Gefahr, von entsprechenden Kapitalströmen und Technologiesprüngen kaum zu profitieren – obwohl das größte Energie-Nachfragewachstum im Globalen Süden zu erwarten ist. Die Digitalisierung kann solche Trends noch verschärfen. Diese sich abzeichnende Unwucht in der globalen Energiewende gilt es anzugehen.

Governance matters

Die globale Energiewende kommt einem Systemwechsel gleich. Daraus erwächst eine Transformationsdividende, am deutlichsten bei globalem Klimaschutz und mensch­li­cher Sicherheit. Eine nachhaltigere Ener­gie­ver­sorgung bedeutet aber auch direkte Zuge­winne für Gesellschaften und Volks­wirt­schaften durch die Wertschöpfung im eige­nen Land; indirekte Gewinne gibt es durch Abbau von Abhängigkeitsbeziehungen.

Für Deutschland und die EU ist der Be­deutungszuwachs von Geoökonomie eine Chance, weil Wirtschaftsprozesse an außen­politischem Gewicht gewinnen. Nationale Alleingänge, wie zu Beginn der deutschen Energiewende, werden so kostenintensiver und weniger zielführend. Deutschland sollte seine Vorreiterrolle als Energiewende-Land nutzen und die Vorteile internatio­naler Kooperation offensiver kommunizieren. Der nichtständige Sitz der Bundes­republik im UN-Sicherheitsrat 2019/2020 bietet einen idealen Handlungsrahmen, denn der geplante Schwerpunkt »Klimawandel und Sicherheit« ist substantiell mit einer globa­len Energiewende verwoben.

Ein heterogenes, kleinteiligeres Energiesystem würde sich zwar auch in eine zu­nehmend multipolare Weltordnung mit einem stärker protektionistischen Handelssystem einfügen. Doch birgt merkantilistische Energiepolitik die Gefahr einer Rivali­tät zwischen »Energieblöcken«. Einzelne Staaten könnten danach streben, Wettbewerbsvorsprünge und Technologierenten zu »privatisieren«. Multilaterale Koopera­tion ist deshalb unerlässlich, um das Ener­giesystem schnell und konsequent umzu­bauen. Transformationsdividenden sind nur dann erreichbar, wenn ein liberales Handelsregime komplexe, reibungslose Lie­ferketten ermöglicht und den Zugang zu Technologie und Know-how garantiert. Das Industrieland Deutschland ist daher gefor­dert, internationale Kooperation in der Energiewende zu stärken, damit es seine wirtschaftlichen Grundlagen langfristig sichern kann. Der kriselnden WTO kommt eine zentrale Stellung zu, weil sie regulatorisch die grünen Technologien von morgen abdeckt (was bei den fossilen Rohstoffen von heute nicht der Fall ist).

Deutschland sollte im Rahmen der EU darauf hinwirken, Technologietransfers zu erleichtern und politische Risikoprämien abzufedern. Die deutsche EU-Ratspräsident­schaft 2020 lässt sich als politisches Momen­tum nutzen, um Governance-Mechanismen weiterzuentwickeln. Auf globaler Ebene ist es wichtig, Dekarbonisierungspfade trans­parent zu gestalten und einen intensiven Austausch über die Modernisierung des Energiesystems, die Steigerung der Energie­effizienz sowie alternative Energienutzungspfade zu führen – nicht nur mit den gro­ßen Verbraucherländern, sondern auch mit den traditionellen Energieproduzenten.

© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2018

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