Martin Keim, Maria Pastukhova, Maike Voss, Kirsten Westphal

Der Zusammenhang von Gesundheits- und Energieversorgung

Wie vernetztes Denken zu mehr Synergien der beiden Politikbereiche führen kann

SWP-Aktuell 2019/A 08, Februar 2019, 8 Seiten

doi:10.18449/2019A08

Wie die beiden Politikfelder Energie und Gesundheit zusammenhängen, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Klar benannt sind zumindest die negativen Externa­litäten, die sich aus dem Energieverbrauch aus fossilen Brennstoffen ergeben. Im Januar 2019 bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Klima­wandel und Luft­verschmutzung als die zwei größten Herausforderungen für die Gesundheit aller. Ein differenzierter Blick auf Infrastruktur, Verfügbarkeit und Qualität der Energie- wie der Gesundheitsversorgung und den Zugang zu ihnen zeigt, wie eng verwoben diese Politikfelder sind. Kein moderner Krankenhausbetrieb funktioniert ohne siche­re Stromversorgung, für die Lagerung von Impfstoffen sind leistungsfähige Kühl­ketten unerlässlich. Im Sinne der »Ziele nachhaltiger Entwicklung« der Vereinten Nationen müssen die beiden Politikfelder so ausgestaltet und verschränkt werden, dass sie über nationale Grenzen hinweg zur menschlichen Sicherheit beitragen und planetare Grenzen berücksichtigen. Es kommt darauf an, Gesundheit und Energie zusammenzudenken und Synergien zwischen ihnen zu schaffen. Dies wäre ein wich­tiger Beitrag, um die Nach­haltigkeitsziele rascher umzusetzen.

Während die Gesundheits- und Energieversorgung in den meisten westlichen OECD-Staaten eine hohe Qualität aufweist, fehlt in vielen anderen Ländern der Welt eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, näm­lich eine stabile und ausreichende Strom­versorgung. Fast 60 Prozent der Gesundheits­einrichtungen in Subsahara-Afrika haben keinen Zugang zu Elektrizität. Zudem ver­dirbt dort etwa die Hälfte aller Impfstoffe, weil rund 60 Prozent der Kühlschränke in Kliniken über keine verlässliche Strom­zufuhr ver­fügen.

In den »Zielen nachhaltiger Entwicklung« (SDGs) der Vereinten Nationen von 2015 wird dieser Zusammenhang betont. Die 17 Nachhaltigkeitsziele, darunter »Gesundheit und Wohlergehen« (SDG 3) und »Bezahlbare und saubere Energie« (SDG 7), sind so an­gelegt, dass alle Ziele nur gemeinsam erreicht werden können.

Um die Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zu verdeutlichen, ist das Kon­zept der menschlichen Sicherheit (human security) hilfreich. Es geht auf den Human Development Report des Entwicklungs­programms der Vereinten Nationen von 1994 zurück. Kern des Konzepts ist ein Paradigmenwechsel, weg von territorialer Sicher­heit des Nationalstaats und hin zur Sicher­heit des einzel­nen Menschen. Auf diese Weise wird sowohl die Sicher­heit vor akuten Bedrohungen wie Hunger, Krank­heit und Unterdrückung erfasst als auch die Verbesserung der Lebensbedingungen.

Die Öffnung des traditionellen, staatszentrierten Sicherheitsbegriffs zugunsten der umfassenderen menschlichen Sicherheit hat direkte Konsequenzen für die politische Praxis. Der Begriff menschliche Sicherheit ermöglicht es, sich kontext­spezifischer mit Sicherheitsproblematiken aus­einanderzusetzen sowie sich stärker auf Gefahrenprävention und Ver­besserung der Lebensbedingungen zu konzentrieren. Rein militärische Überlegungen sind ein, aber nicht mehr der zentrale Bestandteil. Ziel ist nunmehr, die Sicher­heit von Men­schen zu verbessern, indem der Komplexität so­zia­ler Verhältnisse Rech­nung getragen wird.

Nach dieser Maxime sollen beispielsweise Synergien, die sich aus dem Bedarf an Infra­struktur, Finanzierungs­wegen, Liefer­ketten und Kommunikationskanälen er­geben, systematisch als zusammenhängend ge­dacht werden. Konzeptionell können damit das Ziel der Nachhaltigkeit besser in politik­feldübergreifende Governance-Strukturen ein­gebettet und seine Umsetzung effektiver geplant wer­den. Idealerweise lassen sich so effektive und menschenzentrierte Lösungsansätze für grundlegende Probleme entwer­fen, anstatt nur auf Symp­tome zu reagieren. In der Pra­xis lässt sich dieses Konzept aber nicht leicht operatio­nalisieren. Energie und Gesund­heit zusam­men­zubringen ist eine große Herausforderung, weil es höchst unterschiedliche Governance-Syste­me, Denktraditionen und Prioritäten gibt.

Gesundheit und menschliche Sicherheit

Es existiert eine offensichtliche Verbindung zwischen Gesundheit und menschlicher Sicherheit. Gesundheit ist ein Wert an sich, globales öffentliches Gut, Voraussetzung für und Folge von Sicherheit, Stabilität und Wohl­stand. Gesundheitspolitik hat die Auf­gabe, im jeweiligen Staat allen Menschen eine zugängliche, wirksame und bezahl­bare Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, Gesundheitsrisiken (auch in ande­ren Politik­bereichen) abzubauen sowie ge­sund­heits­fördernde Lebenswelten zu schaffen.

Der Konnex zwischen Gesundheit und menschlicher Sicherheit wird vor allem in der Gesundheitsversorgung und der indivi­duellen Arzt-Patienten-Beziehung deut­lich. Ein menschenzentrierter Ansatz gilt dort als Goldstandard.

Nur widerstandsfähige (resiliente), gut ausgestattete Gesundheitssysteme können in Krisenzeiten, etwa im Falle von Epidemien, die Regelversorgung aufrechterhalten. Dabei sind solche Systeme nur in Ver­knüp­fung mit der Infrastruktur ande­rer Sektoren funktionsfähig. Als verwund­bar erweisen sich Gesundheitssysteme gerade dann, wenn andere Infrastruktur Defizite aufweist oder zusammenbricht.

Schnittstellen zwischen Gesundheit und menschlicher Sicherheit gibt es jedoch nicht nur auf individueller Ebene innerhalb der Gesundheitsversorgung, sondern auch außerhalb, nämlich auf kollektiver, bevöl­kerungsbezogener Ebene. Vor allem Fak­toren wie Ernährung, sozioökonomischer Status, Bildungsstand, Wohnumgebung und ‑ort, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Luftqualität beeinflussen die Gesund­heit von Menschen. Diese Faktoren werden als Gesundheitsdeterminanten bezeichnet. Ungleich verteilt sind Lebenserwartung und Krankheitslast zwischen und innerhalb von Ländern, zwischen städtischen und länd­lichen Gebieten, zwischen Einkommens- und Altersgruppen und zwischen den Geschlechtern.

Das Konzept der Gesundheitssicherheit (health security) wird im oben erwähnten Human Development Report als eine Di­mension menschlicher Sicherheit genannt. Im Gegensatz zu menschlicher Sicherheit wird Gesundheitssicherheit in der politischen Praxis meist im Sinne des traditio­nellen Sicherheitsverständnisses aufgefasst, das heißt als Schutz vor grenzüberschreitenden Gesundheitsgefahren wie Infektionskrankheiten und antimikrobiellen Resi­sten­zen. Im außenpolitischen Interesse wird jenseits der eigenen Staatsgrenzen massiv in Gesundheit inves­tiert, um vor Krankheit »zu Hause« zu schützen.

Dieser Zweiklang, nämlich der Abbau von Risiken zusammen mit der Stärkung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen, findet sich nicht nur im Konzept der mensch­lichen Sicherheit, sondern auch im Menschenrecht auf Gesundheit. Das Recht auf den »höchsten erreichbaren Zustand an körperlicher und geistiger Gesundheit« ge­hört zu den wirtschaft­lichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten. Seit 1966 ist es im Sozialpakt der Vereinten Nationen verankert. Das Recht auf Gesundheit be­inhaltet zwei voneinander untrennbare Komponenten: erstens die Determinanten von Gesundheit und Wohlbefinden und zweitens die Verfügbarkeit, Qualität und Akzeptanz von Gesundheitsleistungen. Anders als der Begriff Gesundheitssicherheit findet sich das Kon­zept der mensch­lichen Sicherheit in weiten Teilen im Recht auf Gesundheit wieder.

Das Konzept der menschlichen Sicherheit ist weitaus weni­ger verrechtlicht als das der Gesundheitssicherheit. Die inter­nationalen Gesundheitsvorschriften der WHO, zuletzt überarbeitet im Jahre 2005, gelten als rechtlich bindendes Instrument, um Infektionsschutz auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene durch­zusetzen. Bisher gibt es kein ver­gleichbares Instrument, das über internatio­nalen Infek­tionsschutz hinausgeht und das Recht auf Gesundheit umfassend einschließt.

Bis 2030 sollen Gesundheit und Wohl­befinden für alle Menschen in jedem Alter und an allen Orten sichergestellt werden (SDG 3). In ihrem Arbeits­programm für die Jahre 2019–2023 räumt die WHO dem Konzept der all­ge­meinen Gesundheitsversorgung als sys­temi­schem Ansatz Vorrang ein und prio­risiert nicht mehr krankheits­spezifische Program­me. Alle Menschen sollen bei Bedarf die Möglichkeit haben, hochwertige und siche­re Gesundheits­leistungen zu erhalten, ohne im Krankheitsfall in finanzielle Not zu geraten.

Energieversorgung und Sicherheit

Energiesicherheit und menschliche Sicher­heit weisen mehr Schnittstellen und Quer­verbindungen auf als gemeinhin angenom­men. Allerdings ist die Verlagerung des Energiesicherheitsbegriffs vom Nationalstaat auf den einzelnen Endkonsumenten noch sehr neu, selten ausformuliert und kaum operationalisiert. Das regulatorische Rahmenwerk der EU von 2018 mit dem Titel »Clean energy for all Europeans« bietet dafür ein Beispiel.

Traditionell wird Energiesicherheit viel stärker nationalstaatlich oder – wie im Falle der EU – im Rahmen einer Juris­diktion definiert und umgesetzt. In der EU wird Energiesicherheit gemeinhin als Ver­fügbarkeit preisgünstiger, stabiler und sicherer sowie nachhaltiger Energie um­schrieben.

Derzeit wandelt sich das Verständnis von Energiesicherheit. Während sich der tradi­tionelle Energiesicherheitsbegriff stark an der Frage der Importabhängigkeit fest­macht, werden mit dem Ausbau erneuer­barer Energieträger und der zu­nehmenden Elektrifizierung des Energie­systems Flexi­bilität, Angemessenheit und Resilienz zu Schlüsselbegriffen. Sowohl der wachsende Stromverbrauch als auch der Ausbau der erneuerbaren Ener­gien stellen neue Anfor­derungen an System­stabilität, da elek­tri­sche Energie nicht so leicht gespeichert werden kann wie etwa fossile Energieträger, die zudem eine hohe Energiedichte auf­weisen. Die Kombination von Zugang und Verfügbarkeit rückt stärker in den Fokus – also ob Energie an dem Ort, zu dem Zeit­punkt sowie in der Form und Menge, in der sie gebraucht wird, bereit­gestellt wird und bezahlbar ist.

Mit der Dekarbonisierung des Energie­systems sowie der wachsenden Bedeutung von erneuerbaren Energien und Energie­effizienz rückt aber auch der einzelne Kon­sument in seiner Verantwortung und mit seinen gestiegenen Möglichkeiten in den Mittelpunkt. Die neuen Technologien er­möglichen es nämlich, dass Verbraucher gleichzeitig zu Produzenten werden, indem der Überschuss aus privaten Photovoltaik-Anlagen in die Verteilnetze eingespeist oder von lokalen Erzeugergemeinschaften ver­marktet wird.

Parallel dazu ist auf globaler Ebene neben Versorgungssicherheit, Klima- und Umweltverträglichkeit das Leitbild Energie­gerechtigkeit hinzugekommen. Während in Industrieländern vor allem Wettbewerbsfähigkeit und Bezahlbarkeit der Energie­versorgung darunter gefasst werden, bedeu­tet sie im globalen Süden Inklusion und Chancengleichheit mit Blick auf gut zugäng­liche, verfügbare und bezahlbare Energie.

Der Paradigmenwechsel vom Nationalstaat zum Individuum steckt noch in den Kinderschuhen, vor allem was die konkrete Umsetzung angeht. Im Völkerrecht wurde das Recht auf Energieversorgung bzw. auf Zugang zu Energie zwar bisher noch nicht etabliert. Eine gerechte Verteilung der Energieressourcen ist jedoch eine Grund­voraussetzung für die Erfüllung der meisten an­erkannten Sozialrechte, wie sie in den Artikeln 9–12 des Sozial­pakts der Verein­ten Nationen verankert sind. Dort findet sich etwa das Recht auf gerechte und befrie­digende Arbeitsbedingungen, das Recht auf angemessenen Lebens­standard und nicht zuletzt das Recht auf Gesundheit.

Die politische Stoßrichtung einer sicheren und zuverlässigen Energieversorgung wurde in Foren wie UN Energy, Sustainable Energy for All (SE4ALL) und in den globalen Nachhaltigkeitszielen bis 2030 formuliert. Laut SDG 7 soll bis dahin der Zu­gang zu bezahlbarer, verläss­licher, nach­haltiger und moderner Energie für alle gewährleistet werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, soll der Anteil erneuerbarer Energien substantiell steigen und die Energienutzung bis 2030 doppelt so effizient wer­den. Des Weiteren soll bis zu jenem Jahr die internationale Kooperation im Hinblick auf universellen Zugang zu sauberer Energie und sauberen Technologien ver­bessert werden. Investi­tio­nen in Energieinfrastruktur und saubere Technologien sollen vorangetrieben wer­den. Bis 2030 soll die Infrastruktur ausge­baut und die Technologie weiterentwickelt werden, um moderne und nachhaltige Ener­giedienstleistungen für Entwicklungsländer und kleine Inselstaaten bereitzustellen.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) werden die bisher bestehenden und geplanten Politikmaßnahmen nicht aus­reichen, um das Ziel nachhaltige Ener­gie bis 2030 zu erreichen. Dabei liegen in der Trans­formation des Energiesystems große Chan­cen für Entwicklung so­wie Energie­gerechtigkeit und ‑versorgungs­sicherheit, denn die erneuerbaren Energien ermög­lichen klein­teiligere, dezentrale Lösungen jenseits der großen Netze (off-grid). Idealer­weise können sich daran auch neue Parti­zipationsmöglich­keiten für lokale Gemeinschaften knüpfen, die selbst­bestimmt Energielösungen für ihre Dörfer und Städte entwickeln. Theore­tisch sind damit solche modernen Energieformen »demokratischer« als die konventio­nellen Energiesysteme. Diese werden häufig von staatlichen Mono­polen oder Konzernen getragen, da sie große Investitionen und den Ausbau von Energieleitungen erfordern. Grundvoraussetzungen für dezentrale Lösungen sind allerdings Wissenstransfer und Zugang zu modernen und sauberen Technologien.

Negative Externalitäten des Ener­gieverbrauchs auf die Gesundheit

Allerdings ist der globale Energieverbrauch nach Daten der IEA immer noch zu mehr als 80 Prozent fossil dominiert, fünf Prozent stam­men aus Kernenergie. Laut der IEA wurden 2016 rund 27 Prozent des weltweiten Primärenergiebedarfs aus Kohle, knapp 32 Prozent aus Erdöl und rund 22 Prozent aus Erdgas gedeckt. Szenarien des BP Energy Outlook bis 2040 zufolge dürfte bis 2030 der Kohleverbrauch auf knapp über 20 Pro­zent und der Ölverbrauch auf 30 Pro­zent sinken, aber der Erdgasverbrauch auf fast 30 Pro­zent steigen. Grosso modo zeichnen sich damit bei den Großtrends keine funda­mentalen Verschiebungen ab; der Anteil der Kernenergie verharrt bei rund fünf Pro­zent. Derzeit werden die erneuerbaren Ener­gien in rasantem Tempo ausgebaut, doch auch der Energieverbrauch steigt weiter. Sie decken zwar einen beacht­lichen Teil des wachsenden Be­darfs, ohne dass aber die ab­so­luten Ver­brauchs­mengen bei den fossi­len Brennstoffen sänken. Ganz im Gegenteil, der globale Ölverbrauch erreich­te 2018 die Rekord­marke von 100 Millionen Barrel am Tag. Mit diesem Energiemix sind negative Externalitäten verbunden, also nachteilige und ungeplante Folgen wie Luftverschmutzung und Treibhausgasemissionen, die nicht über den Markt allein behoben werden können und ein Marktversagen offenlegen.

Klimawandel und Umweltverschmutzung sind zentrale Themen für die Gesund­heits- und Energiepolitik. Die Dekarboni­sierung des Energie­systems soll in erster Linie dazu beitragen, die Erwär­mung des Planeten abzubremsen. Für zwei Drittel der globalen Treibhausgasemissionen ist der Energie­sektor verantwortlich. Große Mengen an Feinstaub, Stickoxiden und anderen Luft­partikeln sind weitere Folgen des wach­senden Straßenverkehrs und der fossilen Ener­gieerzeugung vor allem aus Kohle. Luft­ver­schmutzung ist eines der größten Gesund­heitsrisiken weltweit. Die Aus­wirkungen des gegenwärtigen Energie­verbrauchs auf Gesundheit, Umwelt und Klima sind ver­heerend.

Die WHO schätzt, dass neun von zehn Menschen auf der Erde Luft atmen, die der Gesundheit schadet. Sieben Mil­lionen Men­schen sterben jährlich durch Luftverschmut­zung, die damit an vierter Stelle der Todes­ursachen steht. Nach An­gaben der IEA ster­ben jedes Jahr weltweit ungefähr 2,9 Millio­nen Menschen vorzeitig durch Luftver­schmutzung in den Städten. 2,6 Millionen sterben vorzeitig, da in den Haushalten vielfach umweltschädigende Brennstoffe (wie Kohle und Kero­sin) und Techniken in geschlos­senen Wohnräumen ohne Belüf­tung ein­gesetzt wer­den, so beim Kochen, Heizen und Be­leuchten. Frauen und Kinder sind dem Gesundheits­risiko häusliche Luft­verschmutzung am häufig­sten aus­gesetzt. Die Folgen sind unter ande­rem Atem­wegs- und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen sowie bös­artige Tumorerkrankungen der Lunge. Ein generationenübergrei­fendes gesundheit­liches Risiko geht zudem von Atomkraft­werken aus. Verstrahlung droht in erster Linie bei Unfällen, aber auch bei der End­lagerung der Brennstäbe. In der Umgebung von Atomkraftwerken existiert vor allem für Kinder ein erhöh­tes Risiko, an Blutkrebs zu erkranken.

Wegen der vielen Gesundheitsrisiken ist es entscheidend, beim Auf- und Aus­bau einer Energieversorgung in den Entwicklungsländern nicht mehr auf traditionelle Biomasse oder fossile Energien zu setzen, sondern auf moderne und er­neuer­bare Energieformen. In ihrem World Energy Out­look 2018 verweist die IEA da­rauf, dass die Anzahl der Men­schen welt­weit, die im Jahr 2017 keinen Zugang zu Stromversorgung hatten, auf unter eine Milliarde gefallen ist. Auch sinkt die Zahl der Menschen, die weiter mit Holz, Dung oder Kerosin heizen. Seit 2010 etwa haben mehr als 400 Mil­lio­nen Menschen Zugang zu sauberer Energie zum Kochen bekommen, weil China und Indien Programme zur Verwendung von Flüssiggas (liquefied petroleum gas, LPG) aufgelegt haben und Politiken zur Ver­besse­rung der Luftqualität verfolgen. Vor allem in ländlichen Regio­nen Subsahara-Afrikas fehlt jedoch immer noch rund 600 Millio­nen Menschen der Zu­gang zu Strom, hinzu kommen weitere 50 Millionen in anderen Regionen. Da allerdings der Zu­gang zu Elek­trizität meistens binär, das heißt als gegeben oder nicht gegeben erfasst wird, ist damit zu rechnen, dass die Verfügbarkeit von Strom nicht stabil und sicher genug ist, um den Lebensstandard durch den Betrieb tech­nischer Geräte nach­haltig zu heben.

Gesundheit und Energie zusammendenken

Der Club of Rome plädiert dafür, die Nach­haltigkeitsziele in den natürlichen Grenzen des Planeten (SDGs in planetary boundaries) zu denken. Die Ziele sind sektorenübergrei­fend und lokal zu verankern. Damit steht besonders die Transformation des gesamten Energiesystems im Mittelpunkt: Wird Ener­gie eingespart, effizienter genutzt, erneuer­bar erzeugt und sauberer eingesetzt, hat dies weitreichende positive Folgen für die menschliche Sicherheit, etwa die Verbesserung der Luft- und Wasserqualität, und wirkt sich damit vorteilhaft auf die Gesund­heit aller aus. Eine in­stabile, unzureichende Energieversorgung dagegen kann die Stabi­lität der gesamten Gesundheitsinfrastruktur gefährden und schlimmstenfalls Kaskadeneffekte wie Epidemien und Hygienekrisen auslösen.

Deshalb verweist die Global Commis­sion der Internationalen Agentur für Erneuer­bare Energien (IRENA) in ihrem Bericht »A New World« vom Januar 2019 auch auf die positiven Effekte eines Energie­systems, das auf erneuerbaren Energien aufbaut. Dies kann dazu beitragen, Ursachen für politische und gesellschaftliche Kon­flikte abzumildern. Weil sie breit verfügbar, zunehmend kostengünstig sowie lokal und dezentral einsetzbar sind, können erneuerbare Ener­gien Entwicklung befördern. Sie bedeu­ten zudem weniger Belastung für andere Ressourcen wie Wasser und Luft.

Zwar sind mittlerweile die Kosten für erneuerbare Technologien wie Photovoltaik oder Windkraftanlagen an Land so stark gesunken, dass diese an vielen Orten mit konventionellen Anlagen konkurrieren können. Aber auch wenn die Grenzkosten für Wind und Sonne gen null tendieren, das heißt eine höhere Stromerzeugung kaum mehr Kosten verursacht, bleiben die Vorlaufkosten und Investitionen in die An­lagen bestehen. Deswegen lässt sich allein aus der Kostendegression schwer ein welt­weiter und radi­kaler Trend zu einer nach­haltigen Energietransformation ableiten. Es bleiben Bar­rie­ren und Markthürden be­stehen, die in der Trägheit und dem Wider­stand des alten Systems begründet liegen. Dazu zählen der regulatorische Rahmen und die Finanzierungs- und Geschäfts­modelle, die noch auf das alte System aus­gerichtet sind. In vielen rohstoffreichen Ländern, aber nicht nur dort, ist der Energie­sektor eng mit der politischen Elite ver­woben. Hier rührt der Umbau des Energiesystems direkt an die Frage von Herrschaftssicherung und Gesellschafts­vertrag.

Wenn es gelingt, die zwei kritischen Infra­strukturen Gesundheit und Energie zusam­menzudenken sowie den Zugang zu ihnen und ihre Verfügbarkeit gerecht zu ge­stalten, sind positive Effekte für die mensch­liche Sicher­heit zu erwarten. Auch liegt in die­sem Fall nahe, dass sich soziale und wirtschaftliche Transaktionen stabilisieren werden. Ein gut aus­gestattetes, resilientes, öffentlich finan­zier­tes Gesundheitssystem, das gesund­heits­fördernde, präventive, kura­tive und reha­bilitative Versorgungsleistungen an­bietet, kann zur Stabilisierung von Staaten und Gesellschaften beitragen. Der Energiesektor wiederum bildet das Rück­grat jeder Volkswirtschaft.

Laut dem High Level Political Forum (HLPF) der Vereinten Nationen haben Maß­nahmen, die den Zugang zu und die Effek­tivität von erneuerbaren Energieträgern verbessern, gleichzeitig das Potential, einen zusätz­lichen Mehrwert (co-benefits) für Gesundheit zu erbringen. Risiken im häus­lichen Bereich oder im Lebensumfeld kön­nen minimiert und Lebensbedingungen von vornherein gesundheitsfördernd gestal­tet werden, wenn eine saubere, lokal ver­­fügbare und gut zugängliche Energieversorgung mitgedacht wird.

An erster Stelle ist im häuslichen Bereich an die Kochstellen, aber auch die Beleuchtung zu denken. Nach Auffassung des HLPF ist die Verfügbarkeit sau­berer Energien für private Haushalte zum Bei­spiel über Strom oder LPG vorrangig, vor allem wenn sie zu gleichwertigen, idealerweise zu günstigeren, saube­ren Bedingungen nutzbar sind. Um das zu gewährleisten, müssen auch die Rahmenbedingungen angepasst werden, das heißt, erneuerbare und saubere Ener­gien zu fördern und die Subventionen für fossile Brennstoffe endlich auslaufen zu lassen. Dabei gilt es, Markteintritts­barrieren abzubauen und einen Markt sowohl für die modernen Energieträger als auch die tech­nischen Geräte zu schaffen. Deswegen sind Finanzierungsfragen, zum Beispiel Mikro­kredite, ebenso mitzudenken.

In Städten sind andere Lösungen als auf dem Land gefragt. Darum fordert das HLPF, die »urbane Gesundheit« zu verbessern, indem der Ausbau erneuerbarer Energien, effizienter Netze und sauberer Transport- und Verkehrs­lösungen vorangetrieben wird. Um dies zu erreichen, sind Steueranreize und Gebäude­vorschriften anzupassen.

Auch am Beispiel der Waschmaschine lässt sich der Zusammenhang von Gesundheit und Energie illustrieren. Ein solches Gerät in einem Haushalt spart viele Stun­den an Arbeit und ermöglicht es vor allem Frauen, anderen Tätigkeiten wie Lernen oder Arbei­ten nachzugehen. Das hat letzt­lich auch Rückwirkungen auf Bevölkerungswachstum, Bildung und Produktivität. Unmittelbar damit ist eine bessere Hygiene und in der Folge ein höherer Lebensstandard der Gemeinschaft verbunden. Dies alles ist aber kaum möglich ohne den Zu­gang zu stabiler und erschwinglicher Energieversorgung. Ähnliches gilt für den Zusammenhang zwi­schen dem Zugang zu Elek­trizität, künst­licher Beleuchtung und Lernmöglichkeiten in den Abendstunden.

Schließlich müssen die Entscheidungsebenen besser verzahnt werden, damit der Gesundheitssektor durch eine sichere, sta­bi­le und saubere Energieversorgung gestützt werden kann. Das HLPF verlangt hier natio­nale Strategien und den Aufbau lokaler In­dustrien, um saubere Energiedienstleistungen für Gesundheitsvorsorge bereit­zustellen.

Der normative Rahmen für eine sinnvolle Verknüpfung der Bereiche Energie und Gesundheit ist in erster Linie durch die Ver­einten Nationen gesetzt, vor allem durch ihr HLPF und ihre Ziele nachhaltiger Ent­wicklung. Governance-Ansätze mit dem Ziel, die beiden Bereiche zusammen­zuden­ken, sind immer noch selten, aber es gibt sie. So hat die WHO 2018 zum ersten Mal Vertreter der Trans­port- und der Energie­industrie mit Reprä­sentanten der Gesundheits­ministerien und Wissenschaftlern in einer globalen Konfe­renz zu Gesundheit und Luftverschmutzung zusammen­ge­bracht. Auch die IRENA hat sich dem Thema in Konferenzen gewid­met. Die IEA wiederum hat in ihrem World Energy Outlook zum zweiten Mal in Folge ein »SDG Policy Scena­rio« vorgelegt, das die politische Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele impliziert. Weite­re Organi­sationen beschäftigen sich mit Zu­sammenhängen zwischen einzelnen Aspek­ten von Energie und Gesundheit, etwa sauberes Kochen (Global Alliance for Clean Cookstoves), Zugang zu sauberer Energie (Energia, Clean Energy Ministerial) sowie gerechter Zugang zu Gesundheits- und Energieversorgung (SE4ALL, ECOWAS Ener­gy-Gender Policy & Regulation). Mit diesen Anstrengungen verbessert sich auch die Datenlage, doch steht eine Disaggregierung hinsichtlich der erwähnten Gesundheits­deter­mi­nanten wie Alter, Wohnort, Ge­schlecht, Einkommen und Bildungsgrad weitestgehend aus.

Fazit und Empfehlungen

Bei genauerer Betrachtung erschließt sich, dass es im Lichte der Nachhaltigkeits­ziele enge Zusammenhänge zwischen Energie- und Gesundheitsversorgung gibt. Die Nach­haltigkeitsziele und die planetaren Grenzen sind hier das politische Leitbild. Dabei tritt das Energieversorgungs­system bei den meisten Kausalketten zwischen den beiden Feldern entweder als »Enabler«, also Chan­cen ermöglichender Faktor, oder als Risiko auf. Die Verbindung der beiden Bereiche birgt vielfältige Entwicklungschancen. So gehört der Abbau sozialer Ungleichheit zu den wichtigen Synergien. Gemeinsame Infra­strukturplanung und der Trend zu dezen­tra­leren Versorgungssystemen eröff­nen gute Chancen, Gesell­schaften zu stabilisieren.

Für die Operationalisierung und Planung, für die Identifikation von Spannungsfeldern und für die gemeinsame Prioritätensetzung empfiehlt sich ein systemischer Ansatz.

Hohe Stabilität und Qualität der Energieversorgung sind für die Gesundheitsinfrastruktur unabdingbar, seien es Krankenhäuser, Sanitär- oder Hygiene­anlagen, Kühl­ketten für Impfstoffe oder Klimaanlagen. Einrichtungen der dezen­tralisierten Gesund­heitsversorgung sind davon beson­ders ab­hängig, zum Beispiel Gesundheitszentren in Gemeinden, wo neue Lösungen mit Hilfe erneuerbarer Energiequellen entwickelt werden.

Das Gesundheitswesen ist ein bedeutender Energieverbraucher. Geschätzt fünf bis acht Prozent der ver­brauchten Energie ent­fallen auf den Gesundheitssektor. In der Gesundheitspolitik ist eine umweltschonende Ressourcennutzung alles andere als selbstverständlich. Eine effiziente und umweltfreundliche Energieerzeugung in diesem Sektor hätte also spürbare Aus­wirkungen. Auf der ande­ren Seite lässt sich die Dekarbonisierung des Energiesystems beschleunigen, wenn Akteure aus anderen Sekto­ren zu Anwälten einer sauberen Energiewende (enlightened change agents) wer­den. So können Pfad­abhängigkeiten und Widerstände leichter umgangen wer­den. Im Einzelnen emp­fehlen sich zum Beispiel folgende Maßnahmen:

  • Im Gesundheitssektor, vor allem in der hochtechnologisierten medizinischen Versorgung, sollte die Dekarbonisierung vorangetrieben werden. Methoden dafür wären zum Beispiel Abfall-Management (geringerer Energieverbrauch, Recycling), Langzeitverträge mit Er­zeugern erneuerbarer Energien und Gebäude­effizienz.

  • Unternehmen sollten in ihrer Verantwor­tung für negative Externalitäten stärker verpflichtet werden. Diese Firmen könnten beispiels­weise als Kom­pensation in einen Green-Health-Fonds einzahlen, der Mittel für saubere Energieversorgung öffentlicher Gesundheitseinrichtungen bereitstellt.

  • Internationale Energiepartnerschaften wie etwa das Deutsch-Indische Energie­forum können helfen, die Vor­teile saube­rer Energie für Gesundheit besser zu ver­mitteln und gerade verbrauchs­intensiven Schwellenländern neue Optionen aufzuzeigen.

  • Eine disaggregierte, also aufgeschlüsselte und qualitativ ausgelegte Datensammlung, um Zu­gangschancen zu Energie- und Gesundheitsversorgung besser zu erfassen, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, eine resiliente Energie- und Gesundheitsversorgung zu entwickeln und damit den Lebens­standard zu erhöhen.

  • Unter dem Dach von Energie und Gesund­heit könnten sich Städtepartnerschaften formieren. Das WHO-Kon­zept »Healthy Cities« kann dafür ein Leitbild sein. Auf dem Land könnten Gesund­heitszentren in Entwicklungs­ländern auch als Orte geplant werden, an denen saube­re Ener­gie erzeugt sowie Wasch- und Hygienezentren eingerichtet werden.

Um die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen, ist es notwendig, die Felder Energie und Gesundheit weitaus mehr als bisher zusammenzudenken. Hilfreich dabei könnte sein, dass Geld zur Förderung von Gesundheitssystemen und für die Energieversorgung häufig aus denselben Töpfen der Entwicklungszusammenarbeit stammt und teilweise an dieselben Emp­fänger geht. Wenn diese auf die beschriebenen Syner­gien hin sensibilisiert werden, könnte für die betroffenen Gesellschaften ein echter Mehrwert entstehen. Weitere Kooperationsformen, etwa öffent­lich-private Partnerschaften, sind in beiden Bereichen vorhan­den, existieren aber paral­lel zueinander.

Innen- wie außenpolitisch gilt es, viel stärker als bisher die Synergien zwischen Energie und Gesundheit auszuloten und die beschriebenen Ansätze für beide Bereiche zu verfolgen, um menschliche Sicherheit zu verbessern.

© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2019

SWP

Stiftung Wissenschaft und Politik

ISSN 1611-6364

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