Günther Maihold

Außenpolitik als Provokation

Rhetorik und Realität in der Außenpolitik Venezuelas unter Präsident Hugo Chávez

SWP-Studie 2008/S 22, Juli 2008, 34 Seiten

Viele Auftritte des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez auf der Weltbühne können mit Fug und Recht als Provokation bezeichnet werden. Sein Verbalradikalismus und die ständig im Raum stehende Drohung, den USA kein Öl mehr zu liefern, füllen die Schlagzeilen der internationalen Medien. Doch hinter dem rhetorischen Gestus steckt mehr als nur das vermeintliche persönliche Geltungsbedürfnis eines »südamerikanischen Potentaten«. Venezuela verfügt über umfangreiche Öl- und Gasvorkommen und betreibt eine dynamische und wohlkalkulierte Außenpolitik, die nicht nur den Vereinigten Staaten zunehmend Kopfzerbrechen bereitet. Dabei richten sich außenpolitische Provokationen zwar vorwiegend an die USA, doch darüber hinaus versucht der venezolanische Präsident, internationale Ordnungsmuster in Wirtschaft und Politik durch eine neue Süd-Süd-Kooperation auszuhebeln. Zudem sehen sich die Institutionen der Integrationsräume in Lateinamerika durch neue Parallelorganisationen unter Druck gesetzt. Indes kann Venezuela seinem neuen regionalen Führungsanspruch nicht gerecht werden: Trotz strategischer Energieressourcen ist es bislang nicht in der Lage, über seinen Einfluss in Südamerika hinaus nachhaltig auch in der westlichen Hemisphäre und der Weltpolitik eine gestaltende Rolle zu spielen. Die Initiativen von Präsident Chávez erweisen sich als unzureichend, um eine neue internationale Ordnung zu formen und das politische und wirtschaftliche Gewicht anderer Bündnispartner (wie des Iran) dauerhaft für seine Interessen zu gewinnen. Gleichwohl ist Venezuela für den Westen ein wichtiger Player, den man in die Verantwortung einbinden sollte, um Einwirkungsmöglichkeiten zu bewahren.

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