COP31 in Antalya: Klimapolitik im Zeichen der Energie- und Sicherheitskrise
SWP-Podcast 2026/P 24, 03.11.2026 Research AreasWeltklimakonferenz COP31 in Antalya: Was sind die geopolitischen und finanziellen Herausforderungen? Welche Interessen und Ziele hat das Gastgeberland Türkei und welche Rolle spielt die EU in den Klimaverhandlungen? Darüber diskutieren Yasar Aydin und Susanne Dröge im SWP-Podcast.
Hinweis: Dieses Transkript wurde mithilfe von KI generiert. Es handelt sich somit nicht um einen redaktionell erstellten und lektorierten Text.
Moderator: Am 9. November beginnt in Antalya die 31. Weltklimakonferenz, die COP31, und zwar in einem wie so oft schwierigen Umfeld. Da sind die Kriege gegen Iran und die Ukraine, die weltweit die Energiepreise steigen lassen und auch die Emissionen übrigens. Die Vereinten Nationen stehen unter Druck und das Geld für Klimaschutz ist wie so oft knapp oder wird eben für Waffen ausgegeben. Vielleicht ist es da ganz hilfreich, dass die COP31 von gleich zwei Ländern ausgerichtet wird. Die Türkei ist Gastgeberin und Australien führt die Verhandlungen. Beide sind bislang nicht unbedingt als Klimamusterschüler aufgefallen, aber beide haben Ambitionen in der Richtung, insbesondere die Türkei. So sollen bis zum Jahr 2035 weltweit 35 Prozent der verbrauchten Energie aus Strom kommen. Woher kommen diese Ambitionen und wo können sie ultimativ hinführen mit Blick auf die COP31? Darüber spreche ich jetzt mit Dr. Susanne Dröge, Senior Fellow und Leiterin des Forschungsclusters Klima- und Energiepolitik bei der SWP und mit Dr. Yasar Aydin vom Zentrum für angewandte Türkei-Forschung. Hallo Ihnen beiden. Hallo, Herr Schottner. Und mein Name ist Dominik Schottner. Herzlich willkommen auch von meiner Seite. Herr Aydin, fangen wir mit Ihnen an. Die Türkei richtet die Konferenz aus. Australien leitet die Verhandlungen. Wie muss man sich dieses Jobsharing vorstellen?
Yasar Aydin: Das muss man sich so vorstellen, dass die Türkei als Gastgeberin der Konferenz in erster Linie für die organisatorische Seite verantwortlich ist, zum Beispiel für den Ablauf der Verhandlungen und die politische Leitung liegt bei Australien. Aber letztendlich müssen beide Länder zusammen entscheiden. Und zu dieser merkwürdigen Aufteilung ist es gekommen, weil beide Länder diese Konferenz unbedingt ausrichten wollten und keiner der Staaten zurücktreten wollte. So hat man diese Kompromisslösung gefunden. Und ich sehe darin auch Vorteile, mögliche Vorteile. Nämlich mit einem Australien wären zum Beispiel die Interessen der pazifischen Inselstaaten, die ja von dem Klimawandel besonders betroffen sind, besser hervorgehoben. Und auf der anderen Seite würde die Türkei die Interessen des globalen Südens stärker berücksichtigen. Ob das auch in der Praxis zu einem Erfolg wird, das müssen wir noch abwarten.
Moderator: Genau, weil wir nehmen hier Ende Oktober auf. Das Ganze findet also in ein bisschen weniger als zwei Wochen statt, können wir an der Stelle noch nicht sagen. Frau Dröge, was weiß man denn, worüber in Antalya konkret verhandelt werden soll? Das Klima, so viel ist schon mal klar, aber was steht auf der Tagesordnung?
Susanne Dröge: Genau, ich würde hier auch noch mal nachlegen. Es ist halt so, diese doppelte Präsidentschaft, da ist eigentlich eine relativ klare Aufteilung jetzt entstanden. Und trotzdem gibt es Veränderungen. Also zum einen Teil gibt es ganz offizielle Verhandlungsthemen. Das sind sechs Themen, die kann ich mal eben aufzählen. Das ist Emissionsminderung, also Umsetzung der Verpflichtungen unter dem Klimaabkommen von Paris. Es gibt auch ein Arbeitsprogramm dazu. Dann geht es um die Klimafinanzierung. Auch hier Geld für Entwicklungsländer und zugesagte Summen. Irgendwie muss man da hinkommen. Das Thema ist ja breit angelegt, weil es eben um Klimaschutz, Klimaanpassung und Verluste und Schäden durch den Klimawandel geht. Die Klimaanpassung als solche soll besser verstanden werden, indem man da Indikatoren entwickelt. Dann geht es noch um Themen wie Technologiekooperation. Ein ganz heikles Thema, aber immer wieder sind die Entwicklungsländer auch hier im Fokus. Wie können sie es schaffen, ihre Klimaschutzpläne zu erfüllen? Und last but not least das ganz große Gerechtigkeitsthema ist die sogenannte Just Transition. Also alles, was mit Umstellung auf Klimaneutralität zu tun hat. Und um diesen Strauß muss sich Australien kümmern, während aber die türkische Präsidentschaft auch mit vor allen Dingen auf Klimaschutz und Vermittlung in den Gelddingen beitragen möchte. Und insofern wird man abwarten müssen, wie verbindlich auch der Teil ist, den die Türkei mit verhandeln möchte.
Moderator: Jetzt hat der Herr Aydin gerade schon angedeutet, warum er glaubt, dass das durchaus positiv sein kann, wenn es da zwei Nationen gibt, die sich das teilen. Warum wollte Australien, warum wollte die Türkei denn unbedingt das haben? Haben die in irgendeinem der Felder, das sie gerade genannt haben, besondere Ambitionen, besondere Bestrebungen, wo sie gesagt haben, okay, jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir das auf den Plan rufen können?
Susanne Dröge: Also es ist so, die australische Regierung, da gab es ja Berg- und Talfahrten immer wieder, was die nationalen Ambitionen anging. Es wird immer über die Kontinente in Reihe um eine Gastgeberschaft erbeten, sozusagen wer ist dran. Und Australien hatte sich aufgestellt und die Türkei hat sehr lange gezögert, soweit ich das weiß, aber vielleicht kann Jascha da nochmal was zu sagen. Es war auf jeden Fall interessant zu sehen, dass auf einmal eine Konkurrenz da war, statt ein Rückzug beider, was auch oft passiert und dann ist niemand da. Und das ist genau der Punkt, wo man jetzt auf jeden Fall eine Lösung gebastelt hat, die beiden zugutekommt. Und ich denke auch, dass es viel darum geht, auf diese inzwischen als, ja ich sag mal, es ist schon ein großes Event, was auch Renommee bringen kann, wo man sich politisch positionieren kann, auch im UN-Kontext ein Zeichen setzen kann. Und da liegt für mich das Interesse vor allen Dingen bei Australien. Und die Türkei hat, glaube ich, ganz andere Ideen, die ganz nochmal aus einer ganz anderen Richtung kommen. Darüber wollte ich auch mit Yasar nochmal diskutieren.
Moderator: Fire away, feel free. Also was möchte die Türkei? Warum möchte die unbedingt oder warum wollte die unbedingt diese Konferenz ausrichten?
Yasar Aydin: Da gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Zum einen verspricht sich die Türkei bzw. die türkische Regierung internationale Sichtbarkeit von einer solchen Klimakonferenz, einer solchen Größenordnung. Und sie sieht darin auch eine Gelegenheit, sich als wichtigen Akteur im Bereich der Klimapolitik, in der Klimadiplomatie, aber auch im Bereich der Energiewirtschaft zu positionieren. Und als ein Land darzustellen, das bei der grünen Transformation eine aktive Rolle spielen möchte. Und in der Tat bietet so eine Konferenz eine Bühne dafür, weil hier auch wichtige Staats- und Regierungschefs zusammenkommen mit Unternehmen und mit anderen Akteuren. Aber die Türkei hat da auch handfeste wirtschaftliche Interessen, nämlich die Regierung will Investitionen in erneuerbare Energien zum Beispiel, in Stromnetze, Elektromobilität, aber auch in Recycling anziehen. Die Wirtschaft braucht auch diese Investitionen und die Regierung sieht die COP als eine gute Bühne dafür. Das wären so die Ziele der türkischen Regierung.
Moderator: Über die Motive der Türkei, Gastgeberlein zu sein für so große Konferenzen, hatten wir in einer anderen Folge schon mal gesprochen. Da ging es um den NATO-Gipfel, der in Ankara stattgefunden hat. Das zu wollen und sich ins Schaufenster zu stellen und zu sagen, was man gerne hätte, ist ja das eine. Aber wie sieht denn die Bilanz in Sachen Klimaschutz aus in der Türkei?
Yasar Aydin: Die sieht gar nicht mal so schlecht aus, muss man sagen. Es gibt auch Schattenseiten, dazu komme ich noch. Aber zunächst einmal muss man sagen, dass die Türkei ernste, wichtige Schritte unternommen hat in den zurückliegenden Jahren und dort auch Fortschritte erzielt wurden. Zum Beispiel 2025 kamen rund 22 Prozent des türkischen Stroms aus Wind- und Solarenergie und zusammen mit Wasserkraft. Das sind alles erneuerbare Energien. Und anderen Quellen lag der Anteil an erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bei 43 Prozent. Und das zeigt, dass die Türkei daran interessiert ist, an Klimaschutz. Sicher spielt hier auch der wirtschaftliche Druck eine Rolle, das muss man auch klar und deutlich sagen. Nämlich, die Türkei will die türkische Industrie modernisieren und wettbewerbsfähiger zu machen. Unter anderem auch im Hinblick auf den europäischen Markt und CO2-Vorgaben zum Beispiel. Anders ist es nicht möglich für türkische Unternehmen, weiterhin als wichtigen Bestandteil europäischer Wertschöpfungs- und Lieferketten zu bleiben. Das wären so die Motiven.
Susanne Dröge: Ja, da wird dann natürlich auch diese CO2-Grenzabgabe, das sogenannte CBAM, eine Rolle gespielt haben, oder?
Yasar Aydin: Das ist ein Kostenfaktor natürlich. Das muss man runter reduzieren, damit man im Wettbewerb nicht zurückfällt. Also das meine ich mit wirtschaftlichen Druck. All das spielt natürlich auch eine Rolle. Vielleicht kann man dazu auch sagen, dass die türkische Energiepolitik oder Klimaschutzpolitik eng zusammenhängt mit der Energiepolitik, aber auch mit der Außenpolitik. Vielleicht dazu später.
Moderator: Aber wie ich es eingangs gesagt habe, als Klimamusterschüler, wie jetzt vielleicht sich auch Deutschland geriert, ob das tatsächlich dann verbrieft ist, ist die Türkei und auch Australien, korrigieren Sie mich gerne, bislang nicht aufgefallen. Wie wird das in anderen Ländern gesehen, wenn zwei solche Staaten nach vorne drängen und so eine Konferenz ausrichten? Da fehlt es ja so ein bisschen vielleicht an, naja, Glaubwürdigkeit durch Empirie sozusagen.
Susanne Dröge: Ja gut, man muss sich die Genese genauer anschauen. Also ich glaube, wir sind in sehr schwierigen Zeiten unterwegs, was die Klimaverhandlungen an sich angeht. Die Türkei war in den vergangenen Jahren, vielleicht so vor, ich sage mal grob fünf Jahren noch, wirklich kein Staat, der im UN-Kontext sehr weit vorne dabei war. Und jetzt auf einmal diese Idee, man ist Gastgeber und man nutzt das auch im geopolitischen Kontext ein Zeichen zu setzen. Andere Länder schauen sich das natürlich mit Interesse an, weil wir in der einen Führung heute ja gehört haben, es ist einfach, hängt viel dran. Es ist momentan eine Situation, wo man auch schon nach Afrika guckt, weil die nächste COP ist in Addis Abeba. Und da geht es dann mehr um die Themen der Entwicklungsländer. Und hier traut man vielleicht der Türkei zu, dass sie da Brücken bauen kann. Das wäre so eine Sache, auch wenn es wieder mal um Geld geht, aber es geht natürlich auch um einen glaubwürdigen Vermittler. Bei Australien ist es eher so, dass es ein Land ist, das in seiner Region eine bestimmte Rolle erfüllt. Wobei ich nicht glaube, dass jetzt zum Beispiel, also wir haben ja einen großen Elefanten im Raum immer, wie verhält sich China zu den Kernthemen in den Verhandlungen. Und ich glaube nicht, dass Australien jetzt da einen großen Unterschied Richtung China macht. Dazu fehlt der Gegenpol zu China, nämlich die USA. Und deswegen, genau, und dann, genau, der ist auch im Raum, der ist ganz riesig, aber nicht wirklich mehr gefragt, der ist eben indirekt relevant. Und hier könnte für die EU die Türkei eben eine große Rolle spielen, weil einfach die Türkei ein anderes Verhältnis pflegt, als wir in der EU, wo wir so eine große Gratwanderung mit China absolvieren, wenn es um Klima und Wettbewerbsfähigkeit geht.
Moderator: Jetzt haben wir zwar gerade von Herrn Aydin gehört, wie die Zahlen in Sachen Erneuerbare sind, aber trotzdem sind beide Staaten ja tendenziell eher noch Staaten, die auf fossilen Energien ihre Wirtschaft aufbauen. Frau Drögen, noch ganz kurz, bevor Herr Aydin gleich wieder da war, hat er sich schon gemeldet. Schadet das nicht, wenn man auf die vergangenen COPs schaut, gab es ja auch schon ähnliche Ausrichterstaaten, die sehr, sehr tief in der fossilen Energie drin stecken. Schadet das der Sache nicht oder ist das vielleicht sogar eher hilfreich?
Susanne Dröge: Naja, man muss sich vor Augen führen, wo der internationale Prozess steht und es steht wirklich nicht sehr gut um die internationalen Ambitionen beim Klimaschutz. Das heißt, die Zeiten haben sich geändert. Wir hatten eben Probleme, Gastgeber zu finden und dann kamen Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate ins Spiel oder Kasachstan, wo das Geschäftsmodell natürlich eindeutig fossil geprägt ist. Und die haben sich natürlich vorgestellt, also vor allen Dingen in Dubai, die COP, dass man ein Superhost ist, allen das Leben sehr leicht macht und ganz en passant die fossilen Interessen in alle Verhandlungen presst. Zudem war aber auch klar, ein klares Commitment zu Erneuerbaren, aber bitte nur on top. Also nicht irgendwas mit Abschaffen von fossiler Energie oder wie man es so schön sagt, auslaufen lassen, sondern eher, ja wir pushen in die Richtung Erneuerbare und dann muss das so funktionieren. Und natürlich haben ambitionierte Staaten oder auch die EU vorneweg das mit Sorge betrachtet, dass das ein bisschen gehijackt wird. Und jetzt ist halt die Idee...
Moderator: Also in Geiselhaft genommen.
Susanne Dröge: Ja, Entschuldigung, also dass wirklich das benutzt wird, um so eine Agenda voranzutreiben, die eigentlich unter dem Deckmantel der freundlichen Ausbau der Erneuerbaren dann letztlich den Klimaschutz doch untergräbt. Und ja, jetzt haben wir mit zwei Ländern, die im Grunde spät, aber doch auf diesen Zug aufgesprungen sind, dass so eine Transformation wirtschaftliche Vorteile bringt, eine Paarung, die ein bisschen so den Schwung wieder rausnimmt. Aber natürlich, wenn man alle an Bord haben will, dann ist der kleinste gemeinsame Nenner nach wie vor die einzige Option.
Moderator: Jetzt findet die Konferenz in Antalya statt, in der Türkei. Wie ist denn die Lage innenpolitisch? Gibt es dafür eine breite Bewegung, dass man also sagen könnte, dass sozusagen die Bilder, die ja auch kreiert werden während so einer Konferenz, die so eine Stimmung dann auch befördern können?
Yasar Aydin: Auf jeden Fall. Es gibt in der Türkei eine kritische Öffentlichkeit, die auch diesen Prozess begleiten möchte. Aber auch kann? Das ist die nächste Frage. Jetzt dazu komme ich. Vielleicht nochmal muss man dazu sagen, dass Umweltverbände zum Beispiel oder auch sehr viele lokale Initiativen und Klimaschützer haben sich zusammengetan und wollen auch parallel zur COP31 eine alternative Gipfel der Völker für Umweltschutz installieren mit Diskussionen, Workshops und auch einer Demonstrationen in Antalya. Und ob diese Demonstration zugelassen wird, ist abzuwarten, weil in der Türkei werden solche Demonstrationen, insbesondere bei solchen Aktivitäten, stark reglementiert. Und Türkei ist weiterhin ein Staat, der auf Fossilenergie setzt. 86 Prozent des Energiemixes der Türkei besteht aus fossilen Energien. Das ist natürlich ein Problem. Aber auf der anderen Seite bietet auch solche Veranstaltungen die Möglichkeit, solche Länder, wie du auch es angesprochen hast, zusammen in die Pflicht zu nehmen. Sonst hat man keine andere Möglichkeit, mit denen auch so ins Gespräch zu kommen. Insofern finde ich das in Ordnung, dass diese Veranstaltung in Antalya stattfindet. Aber wichtig ist, was danach passiert. Welche Beschlüsse und wie man die Frage der Implementierung da in den Griff nimmt.
Moderator: Gibt es denn schon konkrete Vorschläge seitens der Türkei zum Beispiel, was man erreichen möchte oder vielleicht sogar Projekte, die wie ein Leuchtturm scheinen könnten bei diesen Verhandlungen? Eine Frage an Sie beide.
Yasar Aydin: Ein wichtiger Punkt ist die Elektrifizierung. Die Türkei verpflichtet sich zu dieser Elektrifizierung. 35 Prozent des Energiemixes im Jahr 2035 soll global, weltweit // Nicht nur für die Türkei. Ob die Türkei das Ziel selber erreicht, ist fragwürdig, weil nach Schätzungen braucht das Land Investitionen in Höhe von 108 Milliarden US-Dollar, um dieses Ziel zu erreichen.
Moderator: Darf ich da kurz eine Zwischenfrage stellen? Dieses Ziel zu erreichen heißt, diese 35 Prozent aus Grünen, aus erneuerbaren Quellen dann sicherzustellen? Oder ist da genau die Krux?
Susanne Dröge: Also das ist genau die Krux. Ich hatte ja schon vom kleinsten gemeinsamen Nenner gesprochen und hier zeigt sich das wieder sehr gut. Also im September war ja in New York, also September diesen Jahres, die sogenannte Climate Week und der Chefverhandler, der Präsident der Türkei, hat dort nochmal versucht spezifischer zu werden, was das denn ist. Und dann macht man immer einen Pledge. Das ist nichts anderes als eine Absichtserklärung. Und diese Absichtserklärung sagt halt global elektrifizieren, aber nicht grün. Das Einzige, was er gesagt hat, war auch, dass er guckt Richtung KI-Bedarf und Rechenzentren und die sollen doch bitte vor allen Dingen Erneuerbare nutzen. Da in die Richtung stößt er schon, aber die Elektrifizierung gilt für Strom aus allen Quellen, inklusive auch Atomkraft.
Moderator: Aber das heißt, da werden jetzt neue Ziele gesetzt. Ich dachte, es geht vor allem um die Implementierung. Also wie kann man die schon gesteckten Ziele eigentlich jetzt in der nächsten Zeit erreichen? Also man hatte ja jetzt schon zehn Jahre Zeit, um die Ziele immer wieder neu zu formulieren seit Paris.
Susanne Dröge: Ja, die Implementierung, das ist eben das, wo ich denke, dass es bei der COP darauf ankommt, hier die Zeichen zu setzen, dass es nach dem Pariser Abkommen im Sinne des Abkommens vorangeht mit dem Klimaschutz. Und dann, wenn man sich die UN-Berichte anschaut, die jetzt immer kurz vor der COP kommen ja UN-Berichte raus, die zahlen auch auf dieses Narrativ ein, es passiert was, es geht voran, aber leider viel zu langsam. Also grundsätzlich positive Signale und wir sind hier in einem diplomatischen Bereich, wenn es darum geht, dass Implementierung passieren soll. Weil das Pariser Abkommen kein Land zwingt, konkret zum Klimaschutz überzugehen, sondern die Länder verpflichten sich und dann kommt sowas wie der Dorfpranger und dann sieht man, wer kommt voran und wer kommt nicht voran. Das Datum für diesen Pranger, wenn ich das mal so salopp sagen darf, ist übernächstes Jahr bei der COP 33. Dann kommt eine globale Bestandsaufnahme und da guckt man genau hin, wer hat was geschafft. Und das ist nicht schön und viele versuchen das natürlich zu umgehen, dass sie da so...
Moderator: Es wird nicht schön werden für einzelne Länder, meinen Sie?
Susanne Dröge: Ja, das kann schwierig werden. Es ist durchaus so, viele Länder kommen voran, andere nicht. Es liegt am Geld, es liegt an der Frage, wie es gesetzlich umgesetzt wird, aber alles in allem ist das, das Stichwort Implementierung ist, was machen die in Bezug auf die Verabredungen, die getroffen wurden.
Moderator: Ganz kurz noch zu den Berichten, die Sie gerade genannt hatten. Die Berichte, die ich jetzt zuletzt gelesen und gehört hatte, die waren eher düster, um ehrlich zu sein. Also ich fasse sehr kurz zusammen, es wird immer heißer und eigentlich wirkt nichts so richtig. Die Emissionen steigen fröhlich weiter.
Susanne Dröge: Naja, das sind die Fakten und das ist auch nicht in Abrede zu stellen. Was aber diese Berichte tun ist, sie schauen sich ja an, die sogenannten NDCs, also die nationalen Beiträge, die gemeldet werden sollen alle fünf Jahre. Liegen die Länder im Plan oder nicht? Beziehungsweise aufaddiert, auf welche Temperaturerhöhung kommen wir? Ja, da sind wir jetzt circa bei 2,8 Grad bis Ende des Jahrhunderts, also zu viel. Nicht annähernd beim 1,5 Grad Ziel. Und das ist natürlich die Faktenbasis, die kann man nicht in Abrede stellen. Wenn man aber genauer hinschaut, sind Länder aktiv geworden? Dann heißt die Antwort ja. Der Teufel liegt im Detail und das heißt in der Summe reicht es natürlich hinten und vorne nicht.
Moderator: Herr Aydin, Sie hatten sich schon eine ganze Weile gemeldet.
Yasar Aydin: Ich wollte nochmal ergänzen, dass zu den Zielen, für die sich die Türkei sehr stark gemacht hat, gehört auch die Reduzierung von Abfallwirtschaft zum Beispiel, Zero Waste Policy und so weiter. Und auch die Städte so zu gestalten, dass sie klimafreundlicher sind. Also da hat die Türkei versucht auch Akzente zu setzen, aber wieder muss man zurückkommen auf die finanziellen Möglichkeiten der Türkei. Die türkische Wirtschaft läuft gerade nicht rund. Da gibt es sehr viele Herausforderungen und da wird es viel darauf ankommen, ob man zur internationalen Finanzierung kommt, um diese Ziele zu erreichen.
Moderator: Wir hatten vorhin kurz über Brückenschlagen gesprochen. Inwiefern kann die Türkei denn in diesem Prozess auch dafür sorgen, dass so Elefanten im Raum wie China oder auch Russland, von denen man zum Teil ja auch abhängig ist von Energielieferungen, dass die mit einbezogen werden in den ganzen Prozess?
Yasar Aydin: Die Türkei hat relativ gute Beziehungen zu Russland und auch zu China ein ganz anderes Verhältnis als Europa. Das wären so die Pluspunkte der Türkei. Und auf der einen Seite ist die Türkei in der westlichen Welt gut verankert über die Zollunion, über die NATO und auch immer noch als EU-Beitrittskandidat. Auf der anderen Seite hat das Land auch ein ausgeprägtes Netz, auch im globalen Süden. Nicht nur eine gute Draht zu Russland und China, aber auch zu den Ländern des globalen Südens. Und Ankara ist auch in Public Diplomacy und auch in Entwicklungszusammenarbeit, Wirtschaftszusammenarbeit relativ versiert. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Türkei da diese Länder mit einbeziehen kann. Aber Hebel, um die zu überzeugen, hat das Land nicht. Das muss man auch klar und deutlich sagen.
Moderator: Lassen wir vielleicht Türkei und Australien mal außen vor. Großer Player, großer Block vor allem ist ja die Europäische Union, die da als Einheit auftritt bei den Klimaverhandlungen. Was ist von der zu erwarten? Kann die diese Brücken bauen oder diese Player, Russland, China, USA ist nicht dabei, irgendwie stärker mit einbeziehen?
Susanne Dröge: Also die EU ist schon sehr aktiv vor jeder COP im Hintergrund, die Prozesse mit zu organisieren. Das hat man bei dem Elektrifizierungsziel wieder sehr schön sehen können. War zwar alles viel zu spät in der Logik der jährlichen Kalenderabfolgen, aber sie hat mit Electrify Now eine Initiative gegründet, um auch der Türkei Anschwung zu geben und da verschiedene Länder einbezogen aus allen Teilen der Welt. Und das heißt, die Aufgabe der EU ist zum einen hinter den Kulissen, die Prozesse gut zu organisieren und zu unterstützen, einfach mit Manpower. Von den Ambitionen her zieht die EU an einem Ende an der Türkei. Nach dem Motto hier Follow-up zum Klimaabkommen machen, implementieren, Zusage einhalten. Schaut auf uns. Wir versuchen auf der EU-Ebene auch wirklich erneuerbar auszubauen und im Lichte der Energiepreiskrise müssen wir auf grüne Energie setzen.
Moderator: Können Sie ganz kurz Electrify Now vielleicht in zwei Sätzen erklären?
Susanne Dröge: Electrify Now ist genau eine Initiative, die bei der Vorbereitung der Türkei auf ihre 35 Prozent bis 35 Agenda den diplomatischen Unterbau liefert und sagt, Länder, die sich dieser Plattform oder dieser Initiative anschließen wollen bis zur COP 33 übernächstes Jahr, an den Zielen arbeiten. Und unterstützt wird diese Initiative auch von den beiden wichtigsten globalen Energieagenturen, der Internationalen Energieagentur und der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien. Mit Daten, Fakten und Perspektiven, wie das alles für das 1,5-Grad-Ziel funktionieren kann.
Moderator: Da sind auch jetzt Staaten jenseits der Europäischen Union.
Susanne Dröge: Ja, Kanada ist zum Beispiel dabei. Das ist so ein bisschen die Wiederholung dessen, was man schon in den G7 minus USA gesehen hat. Es gibt eben mittlere Mächte, die gerne auch da diplomatisch mitwirken wollen. Also was ich noch sagen wollte, ist, dass im Grunde die EU den Gastgebern den Ehrgeiz vorgibt, den die Klimaverhandlungen brauchen. Die EU diese Rolle erfüllt, weil sie nicht nur hinter den Kulissen arbeitet, sondern nach vorne zieht. Während eben die Bremser oder die Zweifler oder die mit den großen geopolitischen Interessen, in dem Fall China-Russland, sozusagen der Gegenspieler ein bisschen sind. Und die Brückenbauerei ist dann eben die Aufgabe von den beiden Co-Präsidentschaften.
Moderator: Dann mit der Bitte um eine kurze Antwort, auch wenn man im Podcast theoretisch unendlich lange sprechen kann. Und das Thema gibt es auf jeden Fall her. Was sollte denn in Antalya am Ende auf dem Tisch liegen, damit man, Frau Dröge hatte gesagt, bitte nicht die Erfolgsdiskussion führen in diesem Podcast, damit man aber sagen kann, okay, das waren keine Schritte rückwärts, sondern es waren Schritte nach vorne. Und dieses Modell mit zwei Nationen hat sich total bewährt.
Susanne Dröge: Man muss das auf eine höhere Flugebene heben, weil es im Detail natürlich viele kleine Bausteine gibt. Das große Bild muss sein, dass es ein klares Signal gibt, dass die internationalen Verabredungen, konkret das Pariser Klimaabkommen und seine Prozesse, Gültigkeit haben. Dass internationale Kooperation noch funktioniert, trotz des vielen Gegenwinds. Dass auch Länder wie die Türkei und Australien ein ernstes Anliegen hinter dem Klimaschutz und vor allen Dingen hinter den Anliegen der Entwicklungsländer signalisieren. Denn ich wollte noch den wichtigen Punkt machen. Wir sind in Zeiten, wo der Klimawandel jetzt wirklich alle betrifft. Und das hat dieses Jahr gezeigt. Und darauf setzen auch viele, viele Länder, die da hinfahren, dass man das sehr ernst nimmt, aber deswegen den Klimaschutz nicht vernachlässigt.
Yasar Aydin: Ich stimme dir zu und zusätzlich würde ich sagen, dass es wichtig ist, dass man konkrete Aktionspläne erarbeitet, auf der Konferenz Projekte auf dem Tisch liegt und auch Fortschritte messbar macht, um die Umsetzung überprüfbar zu machen. Und wichtig wäre auch, dass man verlässliche Klimafinanzierung, da Regelungen dafür schafft, um Fortschritte zu erzielen, um die Ziele umzusetzen.
Moderator: Und Herr Aydin, Sie sind ja der Türkei-Experte hier in der Runde. Was wäre aus Sicht dieses Gastgeberlandes ein Erfolg?
Yasar Aydin: Für die Türkei ist es sehr wichtig, dass sie bei der Finanzierung der Dekarbonisierung und auch der Elektrifizierung im eigenen Lande Investitionen anzieht und auch im globalen Maßstab die Interessen der industrialisierenden Länder des globalen Südens und auch Länder wie die Türkei stärker berücksichtigt wird. Für die Türkei ist es auch wichtig, dass Klimagerechtigkeit in den Vordergrund gerückt wird und auch die Lasten besser verteilt wird im globalen Maßstab. Wenn die Türkei das erreicht, dann wird das für Ankara, für die Regierung ein Erfolg.
Moderator: Die COP31 in Antalya ist eine Konferenz mit zwei Gastgebernationen, ganz vielen Erwartungen und bislang noch relativ wenig Geld. Was dennoch zu erwarten ist, haben für uns Susanne Dröge und Yasar Aydin aufgedröselt. Vielen herzlichen Dank Ihnen beiden.
Susanne Dröge/Yasar Aydin: Sehr gerne.
Moderator: Und wie immer auch herzlichen Dank an Maya Dähne, die die Redaktion für diese Folge hatte. Wenn Sie sich weiter einlesen wollen, da finden Sie zu weiteren SWP-Analysen einige Links in der Folgenbeschreibung. Und wenn Sie diesen Podcast abonnieren und bewerten, dann helfen Sie uns und anderen, diese Inhalte in Ihrer Podcast-App noch besser zu finden. Ich bin Dominik Schottner. Danke fürs Zuhören.
Dr. Yaşar Aydın ist Wissenschaftler am Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Türkei sowie die Beziehungen zwischen der EU, Deutschland und der Türkei. Dr. Susanne Dröge ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe Globale Fragen und leitet das SWP-Forschungscluster Klima- und Energiepolitik.
