Günter Seufert

Überdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen?

Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur

SWP-Studie 2013/S 23, Dezember 2013, 32 Seiten

Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen ist die größte nichtamtliche Strömung im türkischen Islam. In Westeuropa gilt sie als die am schnellsten wachsende religiöse Gemeinde unter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Allein in Deutschland betreiben circa 300 Vereine, die Gülen nahestehen, 24 staatlich anerkannte Privatschulen und etwa 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen. In der europäischen Diaspora gewinnt Gülens Appell an die Muslime, sich Wissen, Handlungsformen und Habitus der Moderne anzueignen, sozial aufzusteigen und gerade dadurch effektiv zur Versittlichung der Gesellschaft beizutragen, eine neue Dimension. Zum einen kann hier der eigene soziale Aufstieg – anders als in der Türkei – nicht mit dem Projekt der Eroberung des Staates verbunden werden. Zum zweiten bürgt in der Diaspora – erneut anders als in der Türkei – eine Lebenshaltung, die auf die Konservierung der eigenen religiösen und nationalen Identität gerichtet ist, nicht ohne weiteres dafür, mit der Mehrheit der Bevölkerung in Harmonie zu leben. Die türkisch-muslimische Diaspora steht deshalb unter dem Druck, ein neues, mit den Haltungen der europäischen Gesellschaften kompatibles Verständnis von religiöser und nationaler Identität zu entwickeln. Gülens Vorgabe, dass der Dienst an der Gesellschaft eine wesentliche Form einer vor Gott gerechtfertigten Lebensführung ist, könnte in der europäischen Diaspora (sowie in den USA) geradewegs der Schlüssel dafür sein, den prinzipiellen Interessengegensatz zwischen dem Islam und dem Westen aufzuheben, den Gülen in seinen frühen Schriften wiederholt mit eindringlichen Worten beschworen hat.

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