Heinrich-W. Krumwiede

Soziale Ungleichheit und Massenarmut in Lateinamerika

SWP-Studie 2002/S 18, Mai 2002, 30 Seiten

Heinrich-W. Krumwiede

Nicht nur im Vergleich zu entwickelten Ländern, sondern auch zu anderen Entwicklungsregionen weist Lateinamerika ein außerordentlich hohes Maß an sozialer Ungleichheit auf. Obwohl Lateinamerika in Bezug auf sein Entwicklungs- und Wohlstandsniveau zur "Mittelklasse" der Entwicklungsregionen gehört, ist es die Weltregion mit der größten Ungleichheit in der Einkommensverteilung. Zugleich ist Lateinamerika nach wie vor von Massenarmut gekennzeichnet. Nahezu jeder zweite Lateinamerikaner ist arm, fast jeder fünfte extrem arm.

Die Lateinamerikapolitik sollte zur Kenntnis nehmen, welche politische Sprengkraft der Ungleichheits- und Armutsproblematik in Lateinamerika innewohnt. Die gegenwärtigen Vorgänge in Argentinien können als warnender Hinweis darauf verstanden werden, welche Krisenpotentiale entstehen, wenn sich zu dieser Problematik eine ökonomische Leistungskrise gesellt. Sie sollten auch Anlaß dazu sein, kritisch über eine Politik nachzudenken, die marktwirtschaftliche Strukturpolitik ohne hinreichende Berücksichtigung sozialer Gesichtspunkte betreibt.

In der Studie werden am Beispiel von vier relativ entwickelten, nicht-ländlichen Staaten (Chile, Costa Rica, Brasilien und Mexico) gesellschaftliche und politische Implikationen der Ungleichheits- und Armutsproblematik in Lateinamerika analysiert. Zum einen wird der systematische Zusammenhang zwischen elementarer Armut und extremer sozialer Ungleichheit aufgezeigt, zum anderen, dass und warum der Modernisierungs- und Globalisierungsprozeß nicht zu einer spürbaren Reduktion von Ungleichheit und Armut geführt hat. Vor allem weist nichts darauf hin, daß sich in Lateinamerika Mittelschichtgesellschaften herausbilden werden, wie sie in Westeuropa und den USA anzutreffen sind.

Dennoch dürfte es in den vier analysierten Ländern wahrscheinlich gelingen, soziale Unzufriedenheit innerhalb der bestehenden demokratischen Systeme zu kanalisieren, weil sie sich vornehmlich als Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik äußert. Das politische Faktum, daß sich die demokratische Staatsform in Lateinamerika durchgesetzt zu haben scheint, ist auch von sozialer Bedeutung. Denn immerhin verfügen die sozial Unterprivilegierten über das Wahlrecht als potentiell einflußreiche politische Ressource. Es ist zu hoffen, daß der Ruf nach dem starken Staat nicht zum Rückfall in den Populismus, sondern zu einer staatlichen Politik führt, die sich energisch für soziale Gerechtigkeit und systematische Wettbewerbsfähigkeit" einsetzt.

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