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Autokratien unter US-Vormundschaft

Venezuela, Kuba und die Interessen der Regierung Trump

SWP-Aktuell 2026/A 18, 02.04.2026, 8 Pages

doi:10.18449/2026A18

Research Areas

Die imperiale Politik der USA gegenüber Lateinamerika und der Karibik verbindet Dominanzbestrebungen mit Exklusivitätsansprüchen. Mit drastischen Zwangsmaßnahmen forciert Washington in Venezuela eine ökonomische Transformation ohne poli­tische Transition, während es Kuba mit einer Treibstoffblockade belegt und dem Inselstaat mit Übernahme droht. In diesen Ländern sollten Deutschland und die EU in erster Linie die Zivilgesellschaft unterstützen. Sie sollten aber auch die bestehenden Verstöße gegen das Völkerrecht deutlich benennen und sich klar gegen die Ent­tabuisierung von Gewalt und die Missachtung der Menschenrechte positionieren.

Im Rahmen der Militäroperation »Absolute Resolve« ließ die US-Regie­rung unter Donald Trump am 3. Januar 2026 in Cara­cas den venezolanischen Prä­sidenten Nicolás Madu­ro zusammen mit seiner Frau Cilia Flores entführen. Dabei wurden rund hundert Menschen getötet, darunter An­gehörige des venezolanischen Sicherheitsapparats ein­schließ­lich 32 kuba­nischer Militärs sowie Zivi­list:innen. US-Todesopfer gab es nicht. In der Pressekonferenz des Weißen Hauses am selben Tag verkündete der US-Präsident mit Bezug auf Venezuela: »Wir werden das Land so lange regieren, bis wir eine sichere, ordnungs­gemäße und umsich­tige Transi­tion gewähr­leisten können.«

Nun richtet Trump seine imperialen Ambitionen auch gegen Kuba. Am 16. März 2026 erklärte er, er könne das Land einfach übernehmen und damit machen, was er wolle. Seit Januar 2026 unterbindet Wash­ing­ton venezolanische Ölexporte an die Insel. Bisher bezog Kuba rund 70 Pro­zent seiner Ölimporte aus Venezuela und bezahlte diese mit der Entsendung von Perso­nal. In seiner Executive Order vom 29. Janu­ar 2026 sah Trump zudem Zölle gegen jene Staaten vor, die Erdöl nach Kuba trans­portieren. Bis zur Ankunft eines russischen Öltankers Ende März stand das Land faktisch unter einer Totalblockade. Die Folge ist eine dramatische ökonomische und humanitäre Lage, denn Kuba ist sehr stark von Erdöl­lieferungen aus dem Aus­land abhängig. Indes fordern Trump und US-Außen­minis­ter Marco Rubio – analog zum Fall Vene­zuela – einen Wechsel an der Spitze der politischen Führung Kubas.

Unter Jurist:in­nen etwa in den USA, Deutschland und den Vereinten Nationen herrscht weithin Kon­sens darüber, dass diese US-Aktionen gegen Venezuela und Kuba gegen das Völkerrecht verstoßen.

Der Hintergrund des US-Vorgehens

Die genannten Aktionen sowie die An­dro­hung weite­rer Zwangsmaßnahmen gegen Venezuela und Kuba sind Teil des Gewalt­repertoires der Trump-Regierung gegenüber Lateinamerika und der Karibik (LAK). Dieses geht über Strafzölle und Deportationen hinaus und umfasst auch die seit 2025 auf­gebaute militärische Prä­senz in der Karibik sowie das nach wie vor praktizierte Versen­ken von angeblich Drogen transportierenden Booten im Atlan­tik und Pazifik und die gezielte Tötung ihrer Insassen. Solche aggres­siven Handlungen sind konzeptionell in der National Secu­rity Strategy (NSS) des Weißen Hauses vom November 2025 sowie in der National Defense Strategy (NDS) des Kriegs­ministe­riums vom Januar 2026 verankert.

In der NSS von 2025 wird der historische An­spruch der USA auf weltweite Dominanz als Überdehnung kritisiert. Stattdessen wird regionale Dominanz in der westlichen Hemi­sphäre angestrebt, die durch die Reak­tivierung der Monroe-Doktrin erreicht wer­den soll. Damit sind vier konkrete Unter­ziele verbunden: Erstens soll der amerikanische Kontinent stabil und gut regiert bleiben, um Massenmigration in die USA zu erschweren. Zweitens sollen die Regie­rungen der Region mit den USA zusammen­arbeiten und sich in der Bekämpfung des Drogenhandels und der organisierten Kri­minalität engagieren. Drittens soll der Kontinent in Schlüsselbereichen frei von Einmischung und Investitionen aus dem Ausland werden. Viertens schließlich soll der Zugang der USA zu strategischen Res­sourcen gesichert werden. Zu diesem Zweck wollen die USA ihre Militärpräsenz auf dem Kontinent ausbauen. Gezielte Militäroperationen und der Einsatz tödlicher Gewalt werden als erforderlich erachtet. Mit diesen Vorgaben ist das »Trump-Korollar« als Aktu­alisierung und Präzisierung der Monroe-Doktrin beschrieben.

Auch in der NDS von 2026 wird für einen fokussierten Ansatz plädiert, der – ohne isolationistisch zu sein – die angeb­lich irreführende alte Politik überwindet. Denn diese habe sich an »abstrakten Kon­strukten wie der regelbasierten internationalen Ordnung« orientiert, aber das »Kriegs­ethos der Kämpfer« sowie die Kernaufgabe des Militärs vernachlässigt und sich durch Interventionen, Kriege, »Regime Change« und »Nation Building« ablenken lassen.

Die Verteidigungsstrategie wird unter dem Motto »Frieden durch Stärke« zusammen­gefasst. Die westliche Hemisphäre ist auch mit Blick auf den Heimatschutz außerordentlich wichtig, da die US-Regie­rung ihre nationalen Interessen durch Ent­wicklungen auf dem gesamten Kontinent als gefährdet betrachtet. »Homeland« und »Hemisphere« werden gemeinsam im selben Kapitel abge­handelt, was vermuten lässt, dass diese Räume als sicherheitspolitisch eng mitein­ander verbunden gelten. Vertei­digung heißt konkret, Grenzkontrollen zu ver­schärfen, um illegale Einwanderung und Drogenhandel zu ver­hin­dern, die Dominanz der USA auf dem Kontinent wiederherzustellen sowie den Zugang zu strategisch wichtigen Gebieten wie dem Panama­kanal, dem »Gulf of America« und Grön­land zu sichern, all das im Ein­klang mit der Mon­roe-Doktrin.

Den Prioritäten der NSS von 2025 und der NDS von 2026 folgt die Agenda des »Shield of the Americas«, dessen erstes Gipfeltreffen am 7. März in Doral, Florida stattfand. Diese US-Initiative für militärische Zusam­menarbeit bringt bisher zwölf konservativ bis rechtsradikal regierte Staa­ten aus LAK zu­sammen. Das US-Außen­ministerium be­schreibt sie als »Allianz von Gleichgesinnten«, die gemeinsam Strategien forcieren werden, »um ausländische Ein­mischung in der westlichen Hemisphäre, das Treiben krimineller und drogenterroristischer Ban­den und Kartelle sowie illegale und massen­hafte Einwanderung zu unter­binden«. Zur Sondergesandten für den Shield of the Americas wurde Kristi Noem ernannt.

Venezuela und der Vormund USA

Die Regierung Trump begründet die US-Mili­täroperation in Venezuela mit der Not­wendigkeit, nationales Recht durchzusetzen. Maduro und Flores galten als vor der US-Justiz geflüchtete Angeklagte. Laut Anklageschrift werden ihnen und vier weiteren Venezolanern die Beteiligung an Drogenterrorismus und ‑einfuhr sowie Waffenbesitz vorgeworfen. Seit ihrer Ent­führung sind sie in New York inhaftiert, wo ihnen der Prozess gemacht wer­den soll. Laut der US-Regierung sei Maduro ein illegi­timer Staatschef und daher nicht anerkannt. Er unterdrücke das venezolanische Volk und gefährde die Sicherheit der USA und ihrer Bürger:innen.

Außenminister Rubio stellte für Venezuela einen Dreiphasenplan in Aussicht: (1) Stabilisierung, (2) Wiederaufbau, Öff­nung und Versöhnung sowie schließlich (3) Transition. Dabei bleibt oft unklar, ob mit der letzten Etappe eine Demokratisierung gemeint ist. Jedenfalls werden Wahlen auf unbestimmte Zeit vertagt, während die Stabilisierungsphase unter US-Kontrolle im Vordergrund steht. Die US-Regierung er­kennt María Corina Machado, der Anführerin des Oppositionsbündnisses »Demokra­tische Einheitsplattform« und Friedens­nobelpreisträgerin des Jahres 2025, keine bedeutende Rolle im venezolanischen Libe­ralisierungsprozess zu. Auch Machados Besuch im Januar 2026, bei dem sie Trump ihre Nobelpreismedaille überreichte, konn­te ihn nicht dazu bewegen, ihr öffentlich seinen Rückhalt zuzusichern.

Die bevorzugte Gesprächspartnerin der USA ist vielmehr Delcy Rodríguez, die nach der Entführung Maduros von der Vizepräsidentschaft auf die Präsidentschaft rückte. Die Regierung Trump macht deutlich, dass sie von der politischen Führung Venezuelas kooperatives Verhalten erwartet. Dieses werde »nach Taten und nicht nach Worten« bewertet und könne notfalls mit dem er­neu­ten Einsatz von Gewalt erzwungen wer­den. Durch diese wiederholte Warnung ist das autokratische Regime in Vene­zuela unter enormen Druck geraten. Gleichzeitig erhält es jedoch Raum, um seine antiimperialistisch-revolutionäre Rhe­torik beizubehalten.

Nach der Militäroperation beschlagnahmten die USA venezolanische Tanker und übernahmen die Vermarktung von venezolanischem Rohöl und Ölprodukten – vorerst auf unbestimmte Zeit. Zudem ist Venezuela angehalten, Produkte und Dienstleistungen aus den USA zu beziehen. Alle Erlöse aus dem Ölverkauf wurden zunächst auf Konten in Katar transferiert. Ende Feb­ruar teilte der US-Energieminister jedoch mit, dass hierfür nun Konten ver­wendet werden, die unter direkter Kontrol­le des US-Finanzministeriums stehen. Grundsätzlich herrscht keine Transparenz darüber, wo diese Erträge liegen und zu welchen Kon­ditionen sie an die Regierung in Caracas überwiesen werden. Im Januar hatte Außenminister Rubio erklärt, dass die Regierung Venezuelas ab sofort ihre monat­lichen Haushaltspläne von den USA geneh­migen lassen muss.

Durch diesen Transfermechanismus, der mittels der Executive Order vom 9. Januar eingerichtet wurde, soll unter anderem ver­hindert werden, dass Gerichte oder Gläu­bi­ger die Einzahlungen beschlagnahmen kön­nen. Venezuela schuldet internatio­na­len Anleihegläubigern, Ölgesellschaften und anderen insgesamt über 170 Milliar­den US-Dollar. Dieser Umstand schreckt auch US-Firmen von Investitionen in den Wieder­aufbau der maroden Öl-Infrastruk­tur Vene­zuelas ab. Dennoch haben die USA Lizenzen an Öl- und Gasunternehmen für Investitionen in Venezuelas Energiesektor sowie für den Export venezolanischen Goldes ver­geben. Zugleich werden gezielt die Sanktio­nen gegen Venezuela gelockert.

Die USA untermauern ihre Forderungen an Caracas mit häufigen hochrangigen Besuchen: So traf sich John Ratcliffe, der Direktor der Central Intelligence Agency (CIA), bereits am 15. Januar mit Delcy Rodrí­guez in Caracas. Laura F. Dogu, die neu er­nannte US-Geschäftsträgerin für Venezuela, reiste am 31. Januar nach Caracas, um die Wiedereröffnung der Bot­schaft vorzubereiten. Am 11. Februar folgte der Besuch des US-Energieministers Chris Wright. General Francis L. Donovan, Be­fehls­haber des U.S. Southern Command, traf am 18. Februar in Venezuela ein. Ihn begleitete Joseph M. Humire, Assistant Secretary for Homeland Defense and the Americas. Am 4. März lan­dete der US-Innenminister und Vorsitzende des National Energy Dominance Council, Doug Burgum, in Caracas. Am 5. März kün­digten beide Staaten die Wiederaufnahme der diplomatischen und konsularischen Bezie­hungen an. In der Folge erkannte die US-Regie­rung Delcy Rodríguez in einem offi­ziellen Dokument vom 10. März ab dem 3. Januar als legitime Vertreterin des vene­zolanischen Staates an. Im selben Monat wurde eine US-Delegation von Investoren und Unter­nehmen in Caracas empfangen. Dort wurde am 30. März die US-Botschaft offiziell nach sieben Jahren wiedereröffnet.

Diese US-Politik zeigt Wirkung: In Venezuela findet eine öko­nomische Transfor­ma­tion ohne poli­tische Transition statt. Hinter­grundmusik dieses Wandels ist die fort­gesetzte chavistische Propaganda, in deren Licht auch die Errichtung einer »Hochrangi­gen Kommission zur Freilassung von Nico­lás Maduro und Cilia Flores« zu sehen ist. Die Regie­rungsberichte über die gute und reibungslose Zusammenarbeit mit den USA sind jedoch neu.

Personalwechsel bei den Streitkräften und im Kabinett

Am 5. Januar wurde Delcy Rodríguez als geschäftsführende Präsidentin des Landes vereidigt. Dies erfolgte im Zuge eines Urteils des Obersten Gerichtshofs (TSJ) vom 3. Januar. Darin wurde festgestellt, dass die Ereignisse desselben Tages eine außer­ordent­liche, atypische Situation höherer Gewalt darstellten, die in den entsprechenden Verfassungsartikeln zur Abwesenheit des Präsidenten nicht vorgesehen ist. Des­halb wurde angeordnet, dass Rodríguez alle mit dem Amt des Präsidenten verbundenen Befugnisse, Pflichten und Zuständigkeiten wahrnimmt, um die Kontinuität der Staats­führung und den umfassenden Schutz der Nation zu gewährleisten. Weder zur Amts­zeit noch zu Wahlen wurden im Urteil Fest­legungen getroffen.

Als geschäftsführende Präsidentin nahm Rodríguez organisatorische Reformen im Kabinett sowie zivile und militärische Per­sonalwechsel vor. Damit verfolgte sie das Ziel, loyale Akteur:innen zu etablieren.

Neben den Wechseln an der Spitze meh­rerer Ministerien entließ sie im März die gesamte Militärführung, darunter den Ver­teidigungsminister sowie die Befehlshaber der Teilstreitkräfte und der acht strategischen Teil­gebiete des Landes. In Venezuela stützen die Streitkräfte das Regime und kontrollieren dabei nicht nur den Sicherheitsapparat, sondern auch viele Wirtschaftssektoren.

Zusammen mit Delcy Rodríguez besetzen drei weitere Personen Schlüsselpositionen. Hierzu gehört Delcys Bruder Jorge Rodrí­guez, Abgeordneter der chavistischen Regie­rungspartei (PSUV), der am 5. Januar zum Präsidenten der Nationalversammlung wie­dergewählt wurde. Hauptmann Diosdado Cabello ist Innenminister und General­sekre­tär der PSUV. Er war ein poli­tischer Gefähr­te des einstigen Präsidenten Hugo Chávez und stand seit 2001 mehreren Ressorts vor. Cabello gilt als Hard­liner und ist in der An­klageschrift der USA aufgeführt. Generaloberst Vladimir Padrino López fungierte von 2014 bis 2026 als Verteidigungsminister. Am 18. März wurde er durch Gustavo González López ersetzt, der ebenfalls Mili­tär ist und früher Chef des Inlandsgeheimdienstes (SEBIN) war. Gegen González López hat die EU auf­grund von Menschenrechtsverletzungen individuelle Sanktionen ver­hängt. Er war bereits am 7. Januar zum Kommandanten der Präsidialgarde sowie zum Leiter der Generaldirektion für mili­tä­rische Spionageabwehr (DGCIM) ernannt worden, die ein zentrales Organ des Repres­sionsapparats ist.

Extern gelenkte Ordnungspolitik

In ihren ersten drei Monaten hat die Regie­rung Rodríguez ein Paket ordnungspolitischer Gesetze auf den Weg gebracht. Ziel ist es, die Wirtschaft zu öffnen und die Bedin­gungen für ausländische Investitionen zu verbessern. Hierzu gehören die Erlaubnis für private Unternehmen, gemeinsame Pro­jekte mit dem Staat zu leiten, die Sen­kung oder Abschaffung von Sonderabgaben und Steuern sowie die Einführung unabhängiger Schlichtungsmechanismen bei Streit­verfahren. Diese von den USA gefor­derten und mit Sanktionslockerungen belohnten Maßnahmen sollen eine stärkere und direk­tere Beteiligung von US-Kapital – vor allem im Erdöl- und im Bergbausektor – ermög­lichen und die Vertragssicherheit erhöhen. Delcy Rodriguez präsentiert sie jedoch als Akt der Bekräftigung venezola­nischer Sou­veränität über die nationalen Ressourcen. Dank der schnellen Behandlung durch die Nationalversammlung, die sich nach den unfairen Parlamentswahlen vom Mai 2025 am 5. Januar 2026 neu kon­stituierte, kom­men die von der Exekutive ini­tiier­ten Refor­men zügig voran. In der Nationalversammlung kontrolliert das regimetragende Bünd­nis rund 90 Prozent der 285 Sitze.

Bereits am 29. Januar wurde die Reform des Gesetzes über Kohlen­wasserstoffe beschlossen. Mit einem Anteil von rund 17 Pro­zent verfügt Venezuela über die welt­weit größten nachgewiesenen Erdölreserven, die sich überwiegend im Ori­noko-Gürtel be­finden. Der Großteil davon ist extra schwe­res Rohöl, das eine spezielle Verarbeitung erfordert. Heute wird davon weniger als die Hälfte der Menge aus den 1990er Jahren produziert. Am 9. März nahm die Nationalversammlung den Reform­entwurf zum Bergbaugesetz an. Seitdem ist die An­nahme der 127 Artikel, die einzeln behan­delt werden müssen, schnell vorangeschritten. Venezuela ist reich an Bodenschätzen wie Gold, Diamanten, Bauxit und Coltan. Der Bergbau konzen­triert sich auf das Gebiet des sogenannten Berg­bau­bogens. Umweltorganisationen prangern dort Umweltschäden und die Prä­senz be­waff­ne­ter Gruppen an.

Rückgang der Repression

Insgesamt lässt sich eine gewisse Abmilderung der Repression feststellen, wenngleich die Maßnahmen, welche die zivilen und politischen Freiheiten betreffen, widersprüchlich sind. So schloss die Nationale Telekommu­nikationskommission (Conatel) nach dem 3. Januar vier unabhängige Rund­funk­sender. Zugleich erhielten unabhängige Medien nach langer Zeit wieder Zugang zum Parlament und zum Regierungspalast. Die Degradierung von Tarek William Saab, Schlüsselfigur der repressiven Justiz, vom Generalstaatsanwalt zur Ombudsperson wurde als positives Signal gewertet. Das im Januar lancierte »Programm für ein demo­kratisches Zusammenleben und den Frie­den« gilt hingegen als wenig repräsentativ und partizi­pativ.

Am 8. Januar begannen die ersten Freilassungen politischer Gefangener, denen in den Monaten darauf weitere folgten. Am 30. Januar kündigte die geschäfts­führende Präsidentin ein Amnestiegesetz an, des­gleichen die Schließung des berüchtigten Foltergefängnisses »El Heli­coide« und dessen Umwidmung in ein Gemeinschafts-, Kultur- und Sportzentrum. Nach einem öffentlichen Konsultationsprozess unter Beteiligung zivil­gesellschaftlicher Orga­nisationen wurde am 19. Februar das »Am­nestiegesetz für das demo­kratische Zusammenleben« verabschiedet. Es erfasst 13 verschiedene Ver­gehen, die über mehrere Jahre hinweg begangen wurden. Ausgenommen sind vier Arten besonders schwerer Straftaten.

Fachleute weisen unter anderem darauf hin, dass es sich bei vielen der erfassten Fälle nicht um kriminelles Verhalten im eigentlichen Sinne handelt. Wer heute im Sinne dieses Gesetzes einen Antrag auf Amnestie stelle, liefere zumindest indirekt ein Schuldeingeständnis, statt dass der Staat das eigene repres­sive Vor­gehen anerkenne. Zudem enthält das Amnestiegesetz wider­sprüchliche An­gaben zum betreffenden Zeit­raum und zweifelhafte Garantien für die Antragstellenden. Außerdem bemängeln Menschenrechts­organisationen die fehlende Transparenz und Klarheit der rechtlichen Kriterien in der offiziellen Entlassungspolitik. Und sie beklagen, dass willkürliche Festnahmen, Einschüchterungsaktionen und die Diffa­mierung zivilgesellschaftlicher Organi­sationen noch immer stattfinden, wenn auch in geringerem Maße.

Laut einem Bericht der venezolanischen Menschenrechtsorganisation Foro Penal befanden sich am 24. Februar 2026 mehr als 573 politische Gefangene in Haft. Seit dem 8. Januar wurden 436 Frei­lassungen bestätigt. Viele der Entlassenen leiden jedoch unter den Folgen von Folter und unterliegen weiterhin Freiheitsbeschrän­kungen bzw. haben ihre Rechte noch nicht vollständig zurückerhalten.

(Noch) keine politische Transition

Die Abmachung der venezolanischen Füh­rungsspitze mit den USA scheint zurzeit der Formel zu folgen: »An der Macht blei­ben, ohne die Macht zu haben; Beteiligung der USA an der Wirtschaft, jedoch nicht der Opposition an der Politik.«

Nach der Entführung Maduros, der Ab­milderung der Repression und den Frei­lassungen versuchen die politischen Kräfte der Opposition, sich neu zu formieren. Viele ihrer Führungsfiguren befinden sich aber im Gefängnis oder, wie Machado, im Exil. Eine Rückkehr ist nach wie vor gefähr­lich. Höchste Priorität für die Oppositionskräfte hat es, dass alle politischen Gefangenen freigelassen werden, rechtsstaatliche Voraussetzungen für demokratische Wah­len geschaffen werden, diese auch statt­finden und der anschließende Übergang zur Demokratie gelingt. Doch wegen der US-Intervention müssen die Oppositionellen nun an zwei Fronten verhandeln: Die USA sind nicht mehr der erhoffte Rückhalt von außen, sondern ein unmittelbarer Macht­faktor im Innern, der möglicherweise nicht auf ihrer Seite steht.

Die venezolanische Bevölkerung ver­bindet mit der neuen Rolle der USA eine gewisse Verbesserung der gegenwärtigen politischen Lage und ökonomische Hoff­nungen. Laut einer Umfrage vom Februar 2026 bewerten 34,7 Prozent der Befragten die Regierung von Delcy Rodríguez als mittelmäßig und 33,5 Pro­zent als schlecht oder sehr schlecht. Gleich­zeitig rechnen 77,5 Prozent der Teilnehmenden damit, dass sich die ökonomische Situation ihrer Familie bzw. Venezuelas in den folgenden sechs Monaten bessern wird. Mehr als die Hälfte (52,1 Prozent) spürt eine Liberalisierung im Sinne wachsender ziviler Freiheiten. Den gestiegenen Einfluss der USA auf die venezolanische Politik sehen 62,4 Pro­zent als positiv an. Die fünf besten Bewer­tungen unter den zwölf Führungsfiguren aus Regierung und Opposition sowie der US-Regierung erhalten Marco Rubio (57 Pro­zent), María Corina Machado (56), Donald Trump (53), Edmundo González Urrutia (51) und Delcy Rodríguez (29). Im Kontext abneh­mender Repression und wachsender Koope­ration mit den USA werden die Stimmen auf den Straßen lauter. So mobilisierten sich am 12. März Gewerkschaften in verschiede­nen Städten des Landes mit Lohnforderungen, während neue Erdölvereinbarungen mit Washington getroffen wurden.

Kuba im Schatten der USA

In seiner zweiten Amtszeit machte Trump die von Präsident Joe Biden durchgesetzten Erleichterungen bezüglich Reisen nach und Finanztransaktionen mit Kuba rück­gängig. Zudem setzte er die Karibikinsel erneut auf die Liste der Staaten, die Terro­rismus för­dern. Nach der Militäroperation in Vene­­zuela folgte eine massive Blockade gegen Kuba, die über das histo­rische Handels­embargo hinausgeht. Seit­dem hat Kuba – bis zur Ankunft eines russischen Öltankers am 30. März – keine Öllieferungen aus dem Ausland mehr erhalten. Dies hat zu einer verheeren­den Lage geführt, da Transport und Strom­versorgung von Öl abhängig sind. Wiederholt kommt es zu inselweiten Blackouts mit lebensbedroh­lichen Folgen. Auch die huma­nitäre Hilfe kann das Land nicht erreichen. Unter diesen Bedingungen, wegen der Einstellung von Flügen und angesichts der von den USA ausgehenden Drohkulisse bricht auch der Tourismus zusammen.

Während Donald Trump von einer »freundlichen Übernahme« Kubas sprach und die Entwicklungen in Venezuela als »perfektes Szenario« bezeich­nete, verneinte Francis Donovan, Chef des U.S. Southern Command, die Existenz eines Militärplans für eine Invasion. Die Regie­rung Trump wirft der kubanischen Füh­rungsspitze Verbrechen wie Drogenhandel, illegale Migration und die Unterstützung terroristischer Gruppen aus dem Ausland vor und macht sie auch für die Unter­drückung der eigenen Bevöl­kerung verant­wortlich. Auch wenn Regierungs­mitglieder dies nicht öffentlich konkretisieren, ver­suchen die USA zweifellos, politi­sche und ökonomische Veränderungen auf Kuba zu erzwingen. Inzwischen haben Washington und Havanna bestätigt, dass sie Gespräche miteinander führen, doch deren Inhalt ist nicht bekannt.

Havannas familiärer Machtkern

Ähnlich wie in Venezuela würde der Rück­tritt oder die »Entfernung« von Präsident Díaz-Canel nur wenig an den Grundsäulen des kubanischen Regimes ändern. Es sind Raúl Castro und sein engster Kreis aus Familie und Vertrauten, die den Sicherheitsapparat sowie das Wirtschaftskonglomerat GAESA kontrollieren. Damit haben sie unter anderem maßgeblichen Einfluss auf den Devisenhandel sowie auf Häfen, Luxushotels, Restaurants und Supermärkte.

Der Machtkern des kubanischen Regimes ist kleiner und kohäsiver als der Vene­zuelas. In Kuba sind Politik und Militär enger mit­einander verflochten, wobei die Rolle der Familie Castro zentral ist. So nimmt Raúl Guillermo Rodríguez Castro, der Enkel des heute 94-jährigen Raúl Castro, laut Berich­ten an den Gesprächen mit den USA teil. Er ist der Sohn des im Jahr 2022 verstorbenen Gene­rals Luis Alberto Rodríguez López-Calleja, der bis zu seinem Tod das militärisch kon­trollierte Unternehmensgeflecht GAESA leitete.

Es gab bisher nur wenig Bewegung in Havanna: Am 12. März informierte das Außenministerium über die bevorstehende Freilassung von 51 politischen Gefangenen. Diese Entscheidung wurde als souveräne Maßnahme dargestellt, die im Rahmen von Vereinbarungen mit dem Vatikan erfolgt sei. Vizepremierminister Óscar Pérez-Oliva Fraga, Großneffe von Fidel und Raúl Castro, kündigte am 16. März ein Maßnahmen­paket an, mit dem die wirtschaftliche Posi­tion der im Ausland lebenden Kubaner:in­nen ausgebaut wird. Damit sollen diese erst­mals seit der Revolution private Unter­nehmen auf der Insel besitzen dürfen. Hier­zu gehört die Mög­lich­keit, groß angelegte Investitionen durch ausländisches Kapital in Schlüsselbranchen zu tätigen und sich am natio­na­len Finanz­system zu beteiligen.

Diese Reformen werden die kubanische Wirtschaft aber kaum von ihren drin­gends­ten Problemen entlasten und gelten auch nicht als gewichtige Konzession an die US-Regierung. Als Inselstaat mit der US-Militär­basis Guantánamo auf eigenem Terri­torium ist Kuba zudem besonders exponiert. Vize­außenminister Carlos Fer­nández de Cossío gab am 22. März an, dass sich Kuba auf eine militärische Invasion der USA vorbereite, auch wenn die Regierung diese für unwahr­scheinlich halte. Mehrere Regierungsmitglieder schlossen öffentlich einen Regimewechsel als Antwort auf den Druck der USA kate­gorisch aus. Erdöl bleibt der Treibstoff der Politik auf beiden Seiten: Die kubanische Regierung lehnte einen Antrag der US-Botschaft in Havanna auf Dieselimporte für Generatoren ab. Auf Entscheidung Trumps ließ die US-Küstenwache den mit Sanktionen belegten russischen Öltanker Anatoly Kolodkin am 30. März im kubanischen Hafen Matanzas anlegen. Indes kämpft die Bevöl­kerung ums Über­leben – schlechte Bedin­gungen für Pro­teste. Bei einer Demonstra­tion in Morón am 13. März kam es aber zu Plünderungen und Bränden in der loka­len Vertretung der Kom­munistischen Partei.

Die US-Politik und das Völkerrecht

Von einem US-Präsidenten, der die Demo­kratie im eigenen Land demontiert, können keine Impulse zur Förderung der Demo­kratie in anderen Staaten erwartet werden. LAK wird von den USA in erster Linie als Sicherheitsproblem und Rohstoffquelle betrachtet. Im Einklang mit dem »America First«-Ansatz verfolgt die Regierung Trump auch hier eigene wirtschaftliche und geo­politische Interessen sowie eine auf Gewalt gestützte imperiale Politik mit Exklusivitätsansprüchen. Wie der Fall Grönland gezeigt hat, macht diese auch vor europäischen Interessen nicht halt. Es geht also nicht »nur« um Großmachtkonkurrenz mit China und Russland. Insofern ist nicht auszuschließen, dass auch die Beziehungen Deutschlands und der EU bzw. ihrer Mitgliedstaaten mit LAK unter den Druck der Mon­roe-Doktrin geraten könnten.

Im Mittelpunkt der Ziele der US-Politik gegenüber Venezuela und Kuba steht bis­her eine ökonomische, keine politische Öff­nung. Ob dem Rückgang der Repression in Venezuela langfristig eine politische Libe­ralisierung und schließlich ein demo­krati­scher Regimewechsel folgen werden, ist noch nicht abzusehen. Jedenfalls werden derzeit unter der Kontrolle der USA öko­nomische Fakten geschaffen, auf die die Bevölkerung keinen Einfluss hat – und nicht die Wei­chen für einen Übergang zur Demokratie gestellt.

Ohne den Begriff »Regime Change« zu verwenden, fordert die Regierung Trump einen Wechsel an der Spitze beider poli­ti­schen Regime und eine andere Wirtschaftspolitik. Sie schließt die venezola­nische und die kuba­nische Opposition von den Ver­handlungen mit den Führungs­riegen aus. Unter Zwang kooperieren sie mit den USA, um ihr Über­leben zu sichern. In Venezuela hat sich das cha­vistische Regime trotz Per­sonalwechsel und Wirt­schaftsrefor­men bisher gehalten. Das Land ist heute eine Auto­kratie unter Vormundschaft der USA – und Kuba könnte es werden.

Die aggressive Politik der Regie­rung Trump drängt auf eine Militarisierung der Drogenbekämpfung und eine Versicherheitlichung der Migrationspolitik in LAK. Sie gibt den Ländern dort Anlass, ihre Verteidigungs­ausgaben zu erhöhen, um eine mög­liche US-Invasion abzuwehren. Diese Im­pulse treffen auf einen fragmentierten Sub­kontinent, auf dem eine politische Koordi­nation über ideologische Grenzen hinweg zurzeit kaum möglich ist. Grundsätzlich haben die Staaten der Region nur gerin­gen Handlungsspielraum. Pragma­tische Anpas­sung und dogmatische bis opportunistische Unter­werfung überwiegen als Strategie.

Vor diesem Hintergrund ist eine deutsche und europäische LAK-Strategie gefragt, die nicht ebenfalls auf Hard Power, sondern auf ein breites Instrumentarium setzt, um partizipative politische und inklusive sozio-ökonomische Entwicklungen sowie partner­schaftliche Beziehungen zu fördern. In Vene­zuela und Kuba ist Unterstützung für die Zivilgesellschaft – nicht zuletzt durch die politischen Stiftungen und andere nicht­staatliche Akteur:innen – essentiell.

Die Politik der USA schließt Menschen­rechtsverletzungen und Verstöße gegen das Völkerrecht ein. Besonders deutlich wird dies bei der Versenkung von Booten, der Militäroperation in Venezuela und der Ener­gieblockade Kubas. Ein Teil der inter­nationalen Gemeinschaft schweigt dazu oder »prüft« die Fälle endlos, beklagt aber zugleich die Erosion der regelbasierten inter­nationalen Ordnung. Dies gilt sowohl für LAK-Länder als auch für Deutschland und andere EU-Mitgliedstaaten. Zwar hat es schon immer Völkerrechtsbrüche gegeben, doch hier besteht die Tendenz, diese nicht (mehr) zu benennen. Das schwächt das Völkerrecht und enttabuisiert Gewalt.

Politische Positionierungen und strukturelle Interdependenzen sollten die völker­rechtliche Urteilskraft nicht beeinträchtigen. Werden juristische Bewertungen von poli­tischen Erwägungen abhängig gemacht, entsteht eine ideologisch gefärbte und so­mit verfälschte juristische Wirklichkeit. Eine Politik, die »alternative Fakten« – sprich: Unwahrheiten – produ­ziert, schafft nicht nur Ungerechtigkeit, sondern schadet auch ihrer eigenen Glaub­würdigkeit. Sie gefährdet das Vertrauen der Bürger:innen in ihre Vertreter:innen. Und sie untergräbt die Grundlagen der Verfassungstreue. Denn die Logik juristischer Prin­zipien liegt so­wohl dem Völkerrecht als auch dem Rechts­staat zugrunde. Kontingent dürfte also nur der politische Umgang mit einem gegebenen Sachverhalt sein, nicht jedoch dessen völkerrechtliche Einordnung.

Dr. Claudia Zilla ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe Amerika.

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