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Die destabilisierende Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate in afrikanischen Konflikten

SWP-Aktuell 2026/A 22, 05.05.2026, 8 Pages

doi:10.18449/2026A22v02

Research Areas

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zählen inzwischen zu den aggressivsten externen Akteuren in afrikanischen Konflikten, besonders in Äthiopien, Libyen, Sudan und Somalia. Beharrlich leugnet die Führung in der emiratischen Hauptstadt Abu Dhabi ihre Unterstützung für bewaffnete Akteure, führte sie aber sogar während des amerikanisch-israelischen Kriegs gegen Iran fort – trotz dessen gravie­render Auswirkungen auf das eigene Land. Diese Unterstützung erschwert eine konstruktive Konfliktbearbeitung und verschärft humanitäre Krisen und regionale Instabilität. Sie untergräbt Europas Interesse an stabilen Handelswegen, Fluchtursachenbekämpfung und regionaler Integration. Daher sollte Deutschland das destabilisierende Vorgehen der VAE wesentlich stärker in den bilateralen Beziehungen gewichten, deutlicher kritisieren und gemeinsam mit seinen europäischen Partnern Sanktionen prüfen. Der Kontext des Irankriegs sowie Spannungen zwischen den VAE und Saudi-Arabien bieten Chancen, einen Politikwechsel in Abu Dhabi zu bewirken.

Der Irankrieg hat eine Entwicklung in den Hintergrund gedrängt, die Ende 2025 zunehmend ins Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit gerückt war: die Rolle der VAE in afrikanischen Konflikten – vor allem angesichts der verheerenden humani­tären Folgen des fortdauernden Kriegs in Sudan. Dieser erreichte im Oktober 2025 einen neuen Höhe­punkt, als die Rapid Support Forces (RSF) die Stadt El-Fasher in Nord-Darfur einnahmen und in der Folge Massaker mit vermutlich zehntausenden Toten begingen. Die VAE gelten als wich­tigster militärischer, logis­tischer und finan­zieller Unterstützer der RSF. Selbst nach Beginn des Irankriegs gingen zahlreiche ver­dächtige Flüge von Frachtmaschinen aus den Emiraten nach Äthiopien, offenbar um Material über die Grenze an die RSF zu leiten. Das Engagement der VAE in afrika­nischen Konflikten reicht indes weit über den Fall Sudan hinaus. Bereits im libyschen Bürgerkrieg unterstützten sie ab 2014 die Libysch-Arabischen Streitkräfte (Libyan Arab Armed Forces, LAAF) von Khalifa Haftar, so auch 2019–20 bei deren Großoffensive gegen die international anerkannte Regie­rung in Tripolis. Die äthiopische Regierung von Abiy Ahmed konnte sich auf Drohnenlieferungen aus den VAE verlassen, um eine Offensive der Tigray-Rebellen im Herbst 2021 zurückzuschlagen. Dabei ist typisch, dass die Emiratis nur wenig eigene Militär­kräfte einsetzen. Stattdessen üben sie ihren Einfluss hauptsächlich über lokale Partner aus, dar­unter häufig para- oder nichtstaat­liche Gewaltakteure.

Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate in afrikanischen Konflikten: Zentrale StandorteKarte 1

Unterstützung für disruptive Akteure

Zu den Verbündeten der VAE zählen Haftars LAAF in Libyen, die RSF unter Mohamed Hamdan Dagalo (Hemedti) in Sudan, die Puntland Maritime Police Force (PMPF) sowie Polizei- und Militärkräfte Somalilands im Norden Somalias. An diese sowie an die äthiopische Regierung liefern die VAE laut Berichten Waffensysteme, die oft entscheidend für den Verlauf der Kriege sind, etwa moderne Drohnen mit langer Reichweite. Eigene Luftangriffe flogen die VAE gegen die Regierung in Tri­polis und im somalischen Puntland, wo sie eine Zelle des so­genannten Islamischen Staates attackierten.

Drei der lokalen Partner der VAE – die LAAF, die RSF und die PMPF – haben ein an­gespanntes bis feindseliges Verhältnis zur jeweiligen Zentralregierung. Sie ent­stammen parastaatlichen Milizen und kon­trollieren eigenes Territorium. Die Unter­stützung für die äthiopische Regierung, besonders während des Kriegs im Norden des Landes 2020–22, hebt sich von diesem Mus­ter ab, da die Emirate dort die inter­national anerkannte Regierung gegen die Tigray Defence Forces (TDF) stärkten. Gleich­wohl verfolgen alle diese Akteure – und mithin die VAE selbst – eine disruptive Agenda in Bezug auf das jeweilige politische System und treiben eine Verschiebung der innen­politischen Machtverhältnisse voran.

Zum Instrumentarium der VAE gehört auch, ausländische Kämpfer und Söldner anzuwerben, auf Gefechtsfelder zu trans­portieren oder zur logistischen Unterstützung zu verwenden. Bereits 2010 setzten die VAE ein von Südafrikanern geführtes privates Militärunternehmen ein, um in Somalia die PMPF zur angeb­lichen Pirate­riebekämpfung aufzubauen. Später bezahl­ten sie sudanesische Söldner, die auf der Seite von Khalifa Haftar um Tripolis kämpf­ten. Und in Sudan organisierte das emirati­sche Sicherheitsunternehmen Global Secu­rity Services Group Rekrutierung, Transport und Bezahlung mehrerer hundert kolumbianischer Söld­ner, teils über eine Militär­basis in den Emi­raten. Sie verstärkten die RSF mit »taktischer und technischer Exper­tise, dienten als Infanteristen und Artilleristen, als Drohnenpiloten, Fahrzeugführer und Aus­bilder, von denen manche sogar Kinder für den Kampf trainierten«, wie die US-Regierung mitteilte, als sie 2025 beteilig­te Akteure (mit Ausnahme der genannten emiratischen Sicherheitsfirma) sanktionierte.

Die militärische Unterstützung in diesen Konfliktarenen erfolgt nicht isoliert, son­dern fügt sich in ein transnationales Netz­werk ein, das die Emirate aufgebaut haben. Lieferungen an die RSF gingen unter ande­rem über den von den LAAF kontrollierten Teil Libyens (allen voran Kufra im Süden), über N’Djamena und Amdjarass im Tschad, teilweise auch über Zwischenlandungen in Kenia, Uganda und Ruanda. Bosaso in Punt­land diente als Basis zur Unterstützung der PMPF, aber auch zum Transport von Waffen aus Jemen und von kolumbianischen Söld­nern für die RSF. Die VAE passen die Routen und Liefermodalitäten immer wieder an, um auf Ver­änderun­gen der militärischen Lage oder der Position örtlicher Machthaber zu reagieren. Um sich Einfluss in den Län­dern dieses logistischen Netzwerks zu ver­schaffen, setzen sie hohe Geldsummen ein. So versprachen die VAE dem tschadischen Präsi­denten Déby bei einem Besuch im Juni 2023 einen Kredit von 1,5 Milliarden US-Dollar. Emiratische Kredite halfen auch den Regierungen in Äthiopien und Kenia, kurz­fristige Finanzprobleme zu überwinden. Umgekehrt profi­tieren die VAE vom Export und Schmuggel von Gold aus Konfliktgebieten wie in Sudan.

Die Emirate leugnen einen Großteil dieser Aktivitäten, besonders die direkte militärische Unterstützung für Konflikt­parteien wie die RSF. Nachdem 2024 in einem Ex­per­tenbericht der Vereinten Natio­nen (VN) von »glaub­würdigen« Beweisen für die Unterstützung der Emirate für die RSF gesprochen wurde, war davon im Folge­bericht keine Rede mehr, im durchgestochenen Entwurf desselben Berichts indes schon. Die VAE verweisen auf die veröffentlichte, augenscheinlich angepasste Version als Beweis ihrer angeblichen Nicht­einmischung und regen gar ein VN-Waffen­embargo für ganz Sudan an (bisher gilt es nur für Darfur).

Um internationale Kritik zu vermeiden, betreiben die VAE erheblichen Auf­wand. So blieb die emiratische Staats­minis­terin Lana Nusseibeh im November 2025 vier Tage in Brüssel, um sich mit Abgeordneten des EU-Parlaments zu treffen. In der gleich­zeitig ver­abschiedeten Entschließung des Parla­ments zu Sudan wird die Unterstützung der VAE für die RSF nach Widerstand der Frak­tion der Europäischen Volkspartei gegen entsprechende Änderungsanträge linker Fraktionen nicht erwähnt.

Wirtschaft, Geopolitik und Selbstbereicherung

Welche konkreten Interessen dem emira­tischen Vorgehen in einzelnen Konflikten zugrunde liegen, bleibt oft unklar. Ent­schei­dungen fallen im kleinen Kreis mit Moham­med bin Zayed Al Nahyan, dem Emir von Abu Dhabi und Staatspräsidenten, im Zen­trum. Da die VAE bislang kaum poli­ti­sche Kosten für ihren Inter­ventionismus tragen mussten, ist die Hemmschwelle für Ein­griffe niedrig. Diese folgen nicht zwin­gend einer konsistenten Gesamt­strategie. Gleich­wohl lassen sich grundlegende Motive er­kennen. So wird das sicher­heitspolitische Engagement der VAE häufig mit außenwirt­schaftlichen Interessen er­klärt. Tatsächlich sind die Emirate in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Wirtschaftspartner zahlreicher afri­kanischer Staaten avanciert. Die in Dubai und Abu Dhabi ansässigen staat­lichen Logistik­konzerne DP World und AD Ports Group betreiben oder entwickeln Häfen und zugehörige Infrastruktur unter ande­rem in Somalia, Senegal, Tansania, Mosam­bik, Angola und Ägypten. Die Hafen­projekte sind Bestandteile strategisch be­deut­­samer Wirtschaftskorridore, über die Roh­stoffe wie Mineralien, landwirtschaft­liche Erzeug­nisse und Energieprodukte zu internationalen Märkten transportiert werden sollen.

Für die VAE sind diese Korridore auch deshalb essentiell, weil sie den lang­fristigen Zugang zu strategischen Ressourcen und Handelsrouten sichern. Mit ihren Investi­tionen unterfüttern die Emirate ihre Stra­te­gie, die Wirtschaft unabhängiger vom Erdöl zu machen. Militärinterventionen lassen sich daher als Instrument sehen, diese wirt­schaftlichen Interessen abzusichern.

Angesichts der Wirkung emiratischer Regio­nalpolitik jedoch stößt diese Deutung an ihre Grenzen. Das Engage­ment der VAE trägt oft zur De­sta­bilisierung wirtschaft­licher Räume bei, was auf zusätz­liche, nicht vorrangig ökonomische Beweg­gründe schlie­ßen lässt. Zu nen­nen ist hier zuvorderst das Bestreben der Emirate, mehr Einfluss in der Region und damit auch größere internationale Bedeutung zu erlangen. In erster Linie geht es darum, sich gegen deutlich größere Regionalmächte zu behaupten, etwa gegen Iran, aber vor allem gegen den direk­ten großen Nachbarn auf der Arabischen Halb­insel, Saudi-Arabien. Keineswegs neu sind Spannungen zwischen den beiden »Bruder­staaten«, wie sie Ende 2025 im Jemen eska­lierten. Standen früher Grenz­streitigkeiten und Kompetenzgerangel inner­halb des Golf­kooperationsrats im Vordergrund, manifestiert sich die Riva­lität heute über­wiegend in konkurrierenden wirtschaftlichen Entwicklungs- und Regio­nal­strategien. Beide Staa­ten verfolgen ambi­tionierte Pläne, sich als zentrale Handels-, Logistik- und Investitionsdrehscheiben zwi­schen Afrika, Asien und Europa zu eta­blie­ren. Spätestens seit dem von Riad erzwungenen Rückzug Abu Dhabis aus Südjemen ist klar geworden, wie gravierend der zuvor eher schwelende Konflikt tatsächlich ist – mit unmittel­baren regionalen Auswirkungen. Berichten zufolge sperrten Saudi-Arabien ebenso wie Ägypten und Somalia ihren Luftraum für Versorgungsmissionen aus den VAE an die mit ihnen verbündeten RSF. In der Folge gewann Äthiopien als logistischer Knotenpunkt für solche Lieferungen an Bedeutung. Selbst der Iran­krieg, von dem sowohl die VAE als auch Saudi-Arabien stark betrof­fen sind, änderte wenig an den bilateralen Spannungen. Diese waren auch der Grund dafür, dass bei der internatio­na­len Sudan­konferenz in Berlin am 15. April 2026 zu­nächst keine gemeinsame Abschlusserklärung zustande kam. Ende April 2026 ver­kündeten die VAE zudem ihren Austritt aus dem Ölkartell OPEC+, was ihr Verhältnis zu Saudi-Arabien weiter belasten dürfte.

Das regionale Engagement ist überdies maß­geblich von der ideologischen Geg­ner­schaft der herrschenden Familie Al Nahyan in Abu Dhabi zur Mus­limbruderschaft geprägt. Die Familie will das autoritäre Herr­schaftsmodell erhalten und richtet sich gegen islamistische Strömungen, die gesell­schaftliche Mobilisierung betreiben und politische Teilhabe einfordern. Deshalb verfolgt Abu Dhabi eine Politik der aktiven Eindämmung solcher Akteure, die sich sowohl in innenpolitischer Repression als auch in interventionistischer Außen­politik widerspiegelt. Besonders offenkundig wurde dies während der wesentlich von Abu Dhabi vorangetriebenen Blockade des Nach­bar­landes Katar zwischen 2017 und 2021. Dessen Führung wurde vor­geworfen, die Muslimbruderschaft in der Region zu unterstützen.

Auch in afrikanischen Konflikten äußert sich diese Linie in der gezielten Ko­operation mit lokalen Machtakteuren wie den RSF, die sich explizit gegen die Mus­limbruder­schaft oder ihr nahestehende Kräfte positio­nieren. Gleichzeitig bleibt die Abgrenzung der Emirate gegenüber anderen islamistischen Akteuren oft unscharf. Sicherheits­politische Allianzen sind prag­matischer Natur und stehen nicht zwangs­läufig mit den offiziell verkündeten Zielen der Terrorismusbekämpfung im Einklang.

Schließlich spielen auch Netzwerke von Mitgliedern der herrschenden Familien in Abu Dhabi und Dubai eine Rolle. Mansour bin Zayed etwa, ein Bruder des Staatspräsidenten und Vorsitzender des Staatsfonds Mubadala, hat laut Medien- und Forschungs­berichten enge Beziehungen zu lokalen Macht­akteuren in afrikanischen Konflikten, darunter Haf­tar in Libyen und Dagalo in Sudan. Handel und Schmuggel mit Gold und anderen Res­sourcen bieten den RSF und dem regulären sudanesischen Militär (Sudanese Armed Forces, SAF) lukra­tive Einnahmequellen, aber auch deren Ge­schäftspartnern in den VAE.

Verschärfung und Ausbreitung von Konflikten

Die Konflikte in Sudan, Äthio­pien, Libyen und Somalia haben jeweils eigene Ursachen, sind also keine bloßen Stellvertreterkonflikte. Dennoch fördert externe militä­rische und finanzielle Unter­stützung – hier durch die VAE – die Bereitschaft der Konfliktparteien, ihre Ziele gewaltsam und kompromisslos zu verfolgen. Dies hat Folgen: Der Krieg in Sudan hat die größte humanitäre Krise weltweit ausgelöst, gemessen an der Zahl von Men­schen, die laut den Vereinten Nationen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind (33,7 Mil­lionen), vertrieben wurden (zeitweise über 15 Millio­nen) oder an extremem Hunger leiden. Die RSF, Partner der VAE, sind für gezielte Gewalt gegen die sudanesische Zivilbevölkerung verantwortlich. Das umfasst auch sexuelle Gewalt, Geiselnahmen, Plünderungen, Ver­treibung, Angriffe auf medizinische Ein­richtungen und Mas­sentötungen. All dies richtet sich oft gegen Angehörige nicht­arabischer Minderheiten wie die Masa­lit in West-Darfur oder die Zaghawa in Nord-Darfur. Die Stadt El-Fasher, welche die SAF und ihre Verbündeten bis Oktober 2025 als letzte Provinzhauptstadt in Darfur kontrol­lierten, belagerten die RSF für anderthalb Jahre. Bei der Einnahme gingen sie derart organisiert gegen die nichtarabische Zivil­bevölkerung vor, dass eine VN-Untersu­chungskommission von Völkermord sprach.

Das logistische Netzwerk der VAE, das sie vor allem zur Unterstützung der RSF geschaffen haben, trägt dazu bei, Konflikte in verschiedenen Ländern stärker mitein­ander zu verknüpfen. So haben die VAE seit Herbst 2025 ein Trainingscamp für die RSF in Benishangul-Gumuz im Westen Äthiopi­ens aufgebaut. Für die RSF bestimmte Rüs­tungsgüter, die mutmaßlich über die Stadt Berbera in Somaliland kommen, werden anscheinend auch auf einem Stützpunkt der äthiopischen Streitkräfte umgeladen. Gleichzeitig haben die RSF im Süden des sudanesischen Bundesstaats Blauer Nil eine Offen­sive gestartet, bei der sie offenbar auch Einheiten von Südsudan aus einsetzen.

Die emiratische Versorgung für die RSF via Tschad bedroht das fragile Gleich­gewicht dort. Mehrere Bevölkerungsgruppen in Darfur – und damit die dorti­gen Konfliktparteien – haben enge Ver­bin­dun­gen in den Tschad, von wo auch ein Teil der Kämpfer stammt. Präsident Déby ermöglichte den VAE zeitweise, das Land als logis­tische Drehscheibe zur Unterstützung der RSF zu nutzen. Diese rekrutieren sich überwiegend aus arabischen Gruppen, was Spannungen innerhalb der tschadischen Militärelite befeuert. Vereinzelte Zusammen­stöße zwischen den RSF und der tschadischen Armee im Grenzgebiet waren Anzei­chen, dass der Konflikt­ eskalieren könnte.

Welche langfristigen Konsequenzen sich aus dem emiratischen Interventionismus für Europa ergeben können, zeigt Libyen. Dort war das frühe Eingreifen der VAE zu­gunsten Haftars maßgebend dafür, dass dessen Angriff auf Tripolis im April 2019 in einen Bürgerkrieg ausartete. Er dauerte länger als ein Jahr und hatte eine stän­dige türkische und russische Militär­präsenz in dem Land zur Folge. Ob die VAE die Ein­mischung der russischen Gruppe Wagner in diesen Konflikt finanzierte, wie der US-Militärnachrichtendienst 2020 behauptete, bleibt unklar. Gesichert ist dagegen die enge Kooperation der VAE mit Wagner während des Kriegs: Die Wagner-Logistik stützte sich unter anderem auf Transportflüge aus den VAE, die VAE stationierten Pantsir-Luftabwehrsysteme, die von Wagner-Kräften bedient wurden, und Letztere liefer­ten Zielkoordinaten für emiratische Droh­nen. Die Emi­rate sind daher mitverantwortlich für die mittlerweile fest etablierte rus­sische Militärpräsenz in Libyen und damit die anhaltende Spaltung des Landes.

Die humanitären Folgen der Konflikte, in denen die VAE intervenieren, sind weit­reichend – wobei die VAE selbst weit­gehend von ihnen isoliert sind. Vor allem auf den Nachbarstaaten lastet die massive Flüchtlingskrise, die der Krieg in Sudan verursacht hat. Sie schlägt sich aber auch in einer wachsenden Zahl sudanesischer Geflüchteter nieder, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Unter den Ankünften in Italien verdoppelte sich von 2024 bis 2025 sowohl die Anzahl als auch der Anteil suda­nesischer Staatsangehöriger, von 3 auf 6 Prozent. In Griechenland stell­ten sudane­sische Geflüchtete 2025 mit mehr als einem Fünftel bereits die zweit­größte Gruppe.

Unterminierung internationaler Konfliktbearbeitung

Nicht nur bei Interventionen, sondern auch beim Umgang der VAE mit internationaler Konfliktbearbeitung zeigt sich ein durchgängiges Muster. Die Emirate beteiligen sich an diplomatischen Prozessen zur Been­di­gung von Konflikten, nutzen die inter­natio­nale Bühne aber vor allem, um sich als vor­geblich konstruktiver Akteur darzustellen.

Das prominenteste Beispiel für solch diplomatisches Taktieren ist das Quad-For­mat (Ägypten, Saudi-Arabien, USA, VAE), das im September 2025 gemeinsame Ziel­vorstellungen für einen Waffenstillstand in Sudan vorlegte. Dazu gehört ein Ende der externen Unterstützung, welche die VAE jedoch 2025 laut US-Geheimdienstberichten noch intensivierten. Die diplomatischen Vorstöße dienten eher dazu, dass sich die RSF zum wiederholten Male als bereit­williger Partner für einen Waffenstillstand präsentieren konn­ten, während sie ein Massaker verübten.

Die VAE inszenierten sich zudem als humanitärer Geber für Sudan. Auf einer gemeinsam mit der Afrikanischen Union (AU), der regionalen Wirtschaftsgemeinschaft IGAD und Äthiopien ausgerichteten Konferenz im Februar 2025 sagten sie 200 Millionen US-Dollar zu und bei einer US-Konferenz 2026 weitere 500 Millionen US-Dollar. Wohin diese Mittel fließen, ist jedoch ungewiss, da die VAE 2025 lediglich rund 33 Millionen US-Dollar in den VN-koordinierten Plan einzahlten. Deutschland hatte bereits im Berliner Libyen-Prozess (2019–20) erlebt, wie die VAE diplomatische Bemühungen unterliefen: Trotz Zusagen (gemeinsam mit Russ­land und der Türkei), die Unterstützung für die libyschen Konflikt­parteien einzustellen, wurde sie weiter ver­stärkt. Selbst am Tag der Berliner Libyen-Konferenz im Januar 2020 flogen Transport­maschinen aus den Emiraten nach Ost­libyen. Infolgedessen endete der Krieg nicht aufgrund diplomatischer Anstrengungen, sondern wegen des durch die Interventionen ent­standenen militärischen Kräftegleich­gewichts. Sowohl Libyen als auch aktuell Sudan zeigen: Ohne Druck verspricht die Einbindung der VAE in diplomatische Pro­zesse zur Konfliktlösung wenig Erfolg.

Das Agieren der VAE untergräbt zudem ein wichtiges Instrument multilateraler Konfliktbearbeitung: Waffenembargos. Die offene Missachtung des VN-Embargos für Libyen durch die VAE ab 2014 und beson­ders während des Kriegs um Tripolis 2019–20 dürfte Staaten wie die Türkei ermutigt haben, sich ebenso zu verhalten. Ähn­liches gilt seit 2023 für Sudan. Ein VN-Experten­bericht listet zwischen Oktober 2024 und Ende 2025 458 Flüge mit schweren Trans­portmaschinen von Mili­tär­flughäfen in den VAE oder vom emiratischen Umschlagplatz Bosaso nach Ostlibyen. Darunter waren 239 Flüge nach Kufra, einem Knotenpunkt zur Unterstützung der RSF. Diese Trans­porte verletzten mutmaßlich das VN-Waffen­embargo für Libyen und jenes für Darfur. Dabei ist klar: Auch die Unter­stützung für die SAF durch Ägyp­ten, Saudi-Arabien, Russland, die Tür­kei, Iran und andere Länder befeuert den Krieg.

Für beide Konflikte gilt, dass sich west­liche Regierungen gegenüber den VAE auf­fällig mit Kritik zurückhalten, was sie auch daran hindert, stärker gegen­über anderen intervenierenden Staaten auf Einhaltung der Embargos zu drängen. So hat noch kein Mitglied des VN-Sicher­heitsrats in Sitzungen explizit die Unterstützung der VAE für die RSF angesprochen. Diese Nach­sicht gegenüber emiratischem Interventionismus hat maßgeblich zum Glaubwürdigkeits­verlust der Sanktions­regime beigetragen.

Kein konstruktiver Partner

Die Analyse emiratischer Interventionen in Afrika verdeutlicht, dass die VAE für euro­päische Bemühungen der Konfliktpräven­tion und -bearbeitung auf dem Kon­tinent bislang kein verlässlicher Partner sind. Viel­mehr agiert das Land als Spoiler, dessen Eingreifen lokale Konfliktdynamiken ver­schärft, Gewaltökonomien stabilisiert und die Fragmentierung der Staaten befördert. Die Folgen sind nicht nur für die betroffenen Gesellschaften desaströs, sondern berühren auch europäische Interessen – von regio­naler Stabilität über Migration bis hin zur Sicherung multilateraler Ordnungsstrukturen.

Diese Einschätzung ist durchaus nicht neu. Für ihr Handeln mussten die VAE den­noch bisher nicht mit spürbaren politischen Konsequenzen seitens Deutschlands und seiner europäischen Partner rechnen. In der Abwägung dominieren andere Gesichtspunkte der Beziehungen: Wirtschafts- und Handelsinteressen, die sicherheitspolitische Kooperation, die im Zuge des Irankriegs noch größe­ren Stellenwert erhielt, die enge Abstimmung der VAE mit Israel, das strate­gische Ziel, die Emirate nicht weiter in Richtung China oder Russland abdriften zu lassen, sowie jüngst die Zusammenarbeit im Bereich Künstliche Intelligenz.

Dabei bedarf es dringend einer nüchternen und umfassenden Prüfung des Ver­hält­nisses zu den VAE, zumal andere Aspekte bisher kaum ins Gewicht fallen. Zu nennen sind etwa die ambivalente bis blockierende Rolle der Emirate in internationalen Klima­verhandlungen, ihr pragmatisch-freund­licher Umgang mit Russland sowie politi­sche Einflussnahme in Europa – darunter Beziehungen zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen Parteien und die Unterstützung von Netzwerken, die Desinformation verbreiten. Die emiratische Außenpolitik in Afrika ist daher kein isoliertes Defizit eines an­sonsten konstruktiven Partners. Sie sollte vielmehr als Ausdruck eines konsistent macht­politischen Ansatzes ver­standen werden: Die VAE fördern gezielt dis­ruptive Akteure und verknüpfen mili­tärische Unterstützung systematisch mit kommer­ziellen und ideologischen Inter­essen.

Dieses Vorgehen könnte zukünftig noch intensiviert werden. Nachdem die VAE zum Jahreswechsel 2025/26 ihre verbliebenen Trup­pen im Jemen aufgrund der Differenzen mit Saudi-Arabien vollständig abgezogen haben, gewinnen afrikanische Schau­plätze stra­te­gisch weiter an Bedeutung: als Knotenpunkte entlang der Handels- und Energierouten durch das Rote Meer, als Standorte für Hafen- und Logistikprojekte im Rahmen einer expansiven Außenwirtschaftspolitik, als Zugänge zu Rohstoffen sowie als sicher­heitspolitische Einfluss­zonen. Dass die logis­tische Unterstützung für die RSF in Sudan selbst inmitten irani­scher Angriffe auf die VAE andauerte, zeigt, wel­chen Stel­lenwert die Emirate dieser Poli­tik einräumen. Auch die jüngst begon­nene emiratische Zusammenarbeit mit Israel im Aufbau einer Militärpräsenz in Somaliland spiegelt solche Ambitionen wider.

Zugleich dürfte Abu Dhabi derzeit weit stärker als früher daran interessiert sein, seine guten Beziehungen gerade zu den Europäern nicht zu verspielen. Die wachsen­de Kritik in der Region an emiratischer Politik, die Spannungen mit Saudi-Arabien sowie die im Iran­krieg offengelegte wirt­schaftliche und sicher­heitspolitische Ver­wundbarkeit bie­ten Gelegenheit, effektiver Druck auf die VAE auszuüben. Konkret bestehen für Deutschland und seine euro­päischen Part­ner fünf Handlungsoptionen, um auf eine konstruktivere emiratische Regionalpolitik hinzuwirken:

Erstens sollte die reputative Dimension in der Politik gegenüber Abu Dhabi stärker genutzt werden. Die VAE legen großen Wert auf ihr Image als moderner, stabiler und verantwortungsvoller Akteur. Eine offenere internationale Thematisierung kon­fliktverschärfender Aktivitäten kann politischen Druck erzeugen. Statt nur all­gemein von externer Unterstützung für Kon­fliktakteure in Afrika zu sprechen, sollte Deutschland sowohl die VAE als auch andere entsprechend involvierte Staaten ausdrücklich erwähnen, ohne sich dabei in die Rivalitäten am Golf hineinziehen zu lassen. Ein Reputationsschaden kann auch wirt­schaftliche Folgen haben, wie im Falle der mutmaßlichen Verwicklung des frühe­ren Chefs von DP World in das Epstein-Netz­werk – er trat nach der Intervention eines kanadischen Pensionsfonds zurück.

Zweitens sollte die EU ihre Finanzsank­tionen ausweiten und konsequenter an­wenden – gerade dort, wo emiratische Akteure nachweislich gegen VN-Embargos verstoßen oder bewaffnete Gruppen unter­stützen.

Drittens sollte die deutsche Rüstungs­exportpolitik gegenüber den VAE grund­legend überprüft werden. Denn trotz des gestiegenen Bedarfs der Emirate, sich gegen iranische Angriffe zu schützen, gilt: Die Gefahr der Weitergabe oder des Ein­satzes deutscher Rüstungsgüter in Drittstaatenkonflikten ist real. So statteten die VAE Haftars Offensive auf Tripolis in Libyen mit Pantsir-Luftabwehrsystemen auf MAN-/ Rheinmetall-Chassis aus. Das französische Abwehrsystem Galix kam auf bewaffneten Fahrzeugen der VAE in Sudan zum Einsatz.

Viertens könnten strengere Maßstäbe bei der Anwendung von Geldwäsche- und Trans­­parenzstandards angelegt werden. Die Rolle emiratischer Finanzplätze als Dreh­scheiben für Konfliktökonomien, informelle Kapital­flüsse und Sanktionsumgehung sollte stärker in den Fokus europäischer Regu­lie­rung rücken. Zwar wurden die VAE 2024 von der »Grauen Liste« der Financial Action Task Force gestrichen, nachdem Reformschritte im Bereich Geldwäschebekämpfung eingeleitet worden waren. Zivilgesellschaft­liche Organisationen und Transparenzinitia­tiven kritisierten diese Entschei­dung jedoch als verfrüht. Sie verwiesen auf fortbestehen­de strukturelle Defizite bei der Durchsetzung sowie auf die anhaltende Attrak­tivität emiratischer Finanzplätze für problematische Kapitalströme.

Fünftens bedarf auch das diplomatische Engagement einer Neubewertung. Eine »strategische Partnerschaft«, die Deutschland seit 2004 mit den VAE unterhält, sug­geriert weitgehende Interessenkongruenz. Diese Partnerschaft angesichts der Konfliktinterventionen nicht zumindest auszusetzen konter­kariert den von Deutschland vor­getragenen Anspruch auf ein zuverlässiges, also regel­basiertes Verhalten. Nur wenn die Emirate ihre Poli­tik in Afrika erkennbar auf Deeska­lation aus­richten, kann die Partnerschaft glaubwürdig fortgeführt werden – und zu­gleich das vorhandene finanzielle Gewicht und die politischen Netzwerke Abu Dhabis für eine konstruktive Konfliktbearbeitung nutzbar gemacht werden.

Dr. Gerrit Kurtz und Dr. Wolfram Lacher sind Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten. Dr. Stephan Roll ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten.

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