China als Zeremonienmeister der Weltpolitik
Die Gipfeltreffen von Xi Jinping mit Donald Trump und Wladimir Putin
SWP-Aktuell 2026/A 28, 12.06.2026, 6 Pagesdoi:10.18449/2026A28
Research AreasInnerhalb weniger Tage empfing der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping im Mai 2026 zunächst Donald Trump und dann Wladimir Putin. Der Machthaber aus Moskau reiste bereits zum 25. Mal seit dem Jahr 2000 in die Volksrepublik, während mit Trump erstmals seit neun Jahren wieder ein US-Präsident zum Staatsbesuch nach Peking kam. Beide Gipfeltreffen waren akribisch choreographiert. Trump und Putin bekamen die für sie wichtigen Bilder geliefert, Xi indes präsentierte sich als Zeremonienmeister der Weltpolitik. Welche Bedeutung haben solche politisch ritualisierten Inszenierungen? Inwiefern ordnen sich auf visueller Ebene die Beziehungen zwischen China, Russland und den USA? Und welche Lehren sollten Deutschland und die EU in ihrem Umgang mit Peking daraus ziehen?
Staatsbesuche entfalten ihre Wirkung nicht nur hinter verschlossenen Türen. Gerade auch durch ihre Inszenierung, durch Bilder und Filmaufnahmen werden Botschaften gesetzt. Politische Darbietungen und deren visuelle Repräsentation stellen ebenso wie die gewählte Rhetorik und Sprache einen wichtigen Faktor dar, um zwischenstaatliche Machtbeziehungen zu analysieren. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Visibilität und Visualität. Im Falle von Visibilität geht es darum, was Bilder bedeuten und ausdrücken. Geklärt werden muss dann etwa, warum ein bestimmter Ablauf oder Ort beim Staatsbesuch von Trump bzw. Putin gewählt wurde und welcher Sinngehalt damit einhergeht. Visualität zielt darauf ab, was Bilder beim Rezipienten bewirken. Über eine reine Bedeutungsanalyse des Dargestellten geht dies insofern hinaus, als dass hier auch Stimmung und Atmosphäre mit aufgegriffen werden. Visuelle Darbietungen sind daher nicht nur eine passive Repräsentation von Ereignissen, sondern können das Verständnis von Gesellschaft oder bestimmten politischen Realitäten (mit-)prägen.
Folglich können Regierungen durch Gipfeltreffen, diplomatische Etikette und Rituale ihre Legitimität stärken, die Öffentlichkeit einbeziehen oder Hierarchien etablieren. Mit der Bedeutung von Bildern (Visibilität) und deren Wirkung (Visualität) lassen sich bewusste Vorstellungen erzeugen. Die Choreographien solcher Termine und die offiziellen Darstellungen davon dienen nicht nur der dekorativen Untermalung von Diplomatie; sie vermitteln ein bestimmtes normatives Verständnis von Identität, Status oder Ordnungsvorstellungen. Neuere Forschungen im Bereich der Internationalen Beziehungen sehen die Qualität ritueller Handlungen auf internationaler Bühne darin, dass sie politische Unsicherheiten überwindbar erscheinen lassen. Rituale können die Macht von Symbolen kanalisieren; sie basieren auf kulturellen Konventionen, Bräuchen oder traditionellen Routinen und haben eine gemeinschaftsbildende Wirkung. Wie Maria Mälksoo betont, helfen rituelle Inszenierungen und Performance dabei, Situationen zu bewältigen, in denen strategische und symbolische Momente verbunden sind. Sie kultivieren aufgeladene politische Realitäten und stiften ein vorübergehendes Gefühl von Ordnung.
Rituale in der chinesischen Außenpolitik
Unter der Führung von Xi Jinping haben in China traditionelle Werte an Bedeutung gewonnen. Bereits 2017 veröffentlichten zentrale Partei- und Staatsorgane ein maßgebliches politisches Dokument (»Stellungnahmen zur Umsetzung des Projekts zur Weitergabe herausragender traditioneller chinesischer Kultur«), das Elemente von Chinas Kultur als Ressource definiert, um die politische Legitimität zu stärken, Governance-Fragen anzugehen und das Land im globalen Diskurs zu positionieren. Verweise auf nationale Tradition sind damit ein fester Bestandteil der politischen Praxis unter Xi. In der Außenpolitik zeigt sich das verstärkt am Gebrauch einer Sprache, die sich auf China als Zivilisation bezieht. Diesen Anspruch machte Xi besonders deutlich, als er im März 2023 Pekings Globale Zivilisationsinitiative (GCI) vorstellte.
Vor diesem Hintergrund wurde auch das konfuzianische Ritual (chin. Li) sichtlich aufgewertet. Es beschreibt nicht nur Zeremonien, sondern hat in der klassischen chinesischen Tradition immer auch einen ordnenden Charakter, etwa in der Familie oder zwischen Gesellschaft und Staat. Unter Xi wird die Politik der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) durch Li gestützt. Sowohl bei nationalen Gedenkfeiern als auch bei diplomatischen Begegnungen wird damit politische Legitimität inszeniert. Li verbindet – wie im Dokument von 2017 gefordert – nationale Zeremonie mit der Kultur der Etikette, mit anderen Worten: Tradition und Machtpolitik. Eine ritualisierte Performance wie bei Gipfeltreffen lässt sich vor diesem Hintergrund im heutigen China nicht als Folklore abtun. Vielmehr handelt es sich um den politischen Versuch, Ordnung durch Kultur zu schaffen.
Trumps Besuch in Peking
Im Rahmen des Gipfels mit Trump führte Xi eine neue Formel ein, die als Basis für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen der nächsten drei Jahre (und darüber hinaus) dienen soll. Demnach geht es Peking um den Aufbau »konstruktiver Beziehungen zwischen China und den USA im Sinne strategischer Stabilität«. Letztere umfasst laut chinesischer Darstellung vier Komponenten: positive Stabilität mit Kooperation als Grundlage, solide Stabilität mit moderatem Wettbewerb, dauerhafte Stabilität mit kontrollierbaren Unterschieden, nachhaltige Stabilität mit Friedensversprechen.
Durch die Choreographie des am 13. Mai begonnenen Gipfels wurde dieses Leitmotiv zusätzlich unterstrichen. Die Abfolge kontrollierter und massenhaft verbreiteter Bilder – Ankunft, Begrüßung, militärische Ehren, winkende Kinder, Besuch historischer Stätten, Bankett, Gang durch das streng geheime und bewachte Führungszentrum (Zhongnanhai) der KPCh – verlieh der propagierten Formel von der konstruktiven strategischen Stabilität eine visuelle Form. Dabei bestimmt der Gastgeber die Gestaltung des Treffens. So traf Trump nicht einfach nur Xi, vielmehr wurde der US-Präsident durch eine chinesische Symbolordnung geführt. Die Macht der Performance wurde in mehreren Stufen sichtbar.
Zunächst demonstrierten die Begrüßungszeremonie vor dem Osttor der Großen Halle des Volkes und das Treffen in der Halle selbst, dass Ebenbürtigkeit zwischen den souveränen Staaten China und USA beansprucht wird. Sichtbar wurde, dass Xi die Kapazitäten mobilisieren kann, um Trump in dessen eigenen Augen angemessen zu empfangen. Der rote Teppich bezeugt Ehre und Respekt für den Gast. Die Ehrengarde und 21 Salutschüsse zeigen Disziplin und Stärke. Das Treffen in der Großen Halle, eingerahmt von monumentaler Architektur, vermittelt die gegenseitige Anerkennung als Großmacht. Wie deutlich werden soll, steht China auf Augenhöhe mit den USA. Die Bilder von Trump und Xi untermauern Pekings expliziten Wunsch nach einer stabilen Beziehung mit Washington.
Der Besuch des Himmelstempels war der symbolträchtigste visuelle Moment des Gipfels. Xi begrüßte Trump vor der Halle des Gebets für Gute Ernten. Auf dem offenen Platz posierten sie für Fotos, bevor sie das Gebäude betraten, um eine Architektur zu betrachten, die sich eng an die Philosophie der »Harmonie mit allen Dingen« anlehnt. Xi erklärte, dass Herrscher des alten Kaiserreiches in der Halle Opferrituale abhielten, um für nationalen Frieden, günstiges Wetter und gute Ernten zu beten. Er verknüpfte den Besuch mit der traditionellen Vorstellung, dass »das Volk das Fundament des Staates ist« – eine Formulierung, die von der KPCh in ihren Sprachkanon übernommen wurde.
Während die Große Halle des Volkes das heutige China widerspiegelt, steht der Himmelstempel dafür, dass die Geschichte des Landes weiter zurückreicht als das moderne Staatensystem und damit auch weiter als die Geschichte der USA. Trump wurde aus dem politischen Raum der Volksrepublik, der Großen Halle, in den Himmelstempel geführt – an einen Ort, der mit imperialer Kosmologie, ritueller Ordnung und zivilisatorischer Macht, mit Himmel und Erde verbunden ist. Visuell wurde Trump in ein Ensemble aus Weltanschauung, Architektur und Geographie eingebunden, das China als Zivilisationsstaat mit einer langen und ununterbrochenen Geschichte präsentiert. Das Bild zweier moderner Staatsmänner vor der 600 Jahre alten Halle des Gebets für Gute Ernten ließ die amerikanisch-chinesische Rivalität, gemessen an Chinas Zivilisation und Geschichte, klein erscheinen.
Das Staatsbankett umschloss strategische Rivalität und strukturelle Unterschiede in einem von beiden Delegationen gefüllten Saal. Es hob die grundlegenden Differenzen nicht auf, sondern ließ sie innerhalb eines ritualisierten Rahmens bestehen. Spannungen und Konflikte wurden in Reden, Applaus, Trinksprüche und farbenprächtige Etikette überführt, wodurch ein Bild von legitimer Koexistenz und Gleichberechtigung entstand. In seiner Bankettrede verknüpfte Xi das erste Jahr von Chinas 15. Fünfjahresplan (2026–2030) und die über 5000-jährige Geschichte der chinesischen Zivilisation mit dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Er argumentierte, dass die Wiederbelebung der chinesischen Nation und die Politik des »Make America Great Again« nicht nur völlig vereinbar seien, sondern sich gegenseitig verstärken und für die Welt von Vorteil sein könnten.
Das Bankett fungierte somit als Akt der Integration. Trump erhielt Zugang zu Chinas Zeremonienzentrum. Diese Ehre wurde ihm jedoch im Rahmen von Architektur, Protokoll und Gastfreundschaft des Landes zuteil. Der Gast wurde respektiert, aber der Gastgeber definierte die Bedingungen des Respekts. In gewisser Weise wurde Trump im chinesischen Sinne kultiviert – ein Akt, der durch die Bilder vom gemeinsamen Auftritt im Garten des chinesischen Führungszentrums Zhongnanhai noch unterstrichen wurde. An diesem Ort verbinden sich die moderne und die imperiale Geschichte Chinas, und Trump wurde darin visuell eingefügt.
Während des gesamten Gipfels zeigten sich zwei unterschiedliche Arten der Macht-Performance. Der chinesische Stil war zivilisatorisch-imperial geprägt. Diese Inszenierung umfasste politische Bezüge zum modernen China, rituelle Architektur, alte Kosmologie, Staatszeremonien und kontrollierte Gastfreundschaft, was Kontinuität, Zentralität und Ordnung demonstrieren sollte. Der US-amerikanische Stil war kommerziell-imperial. Trump reiste mit einem Wirtschaftskonvoi an, dessen thematischer Fokus auf Marktzugang, Ölgeschäften, Agrarhandel, der Bekämpfung des Fentanyl-Handels und einer Öffnung der Straße von Hormus lag. Xi präsentierte China als Zentrum der Ordnung, das sowohl imperial als auch modern ist, während die USA sich als Macht von Deals und Märkten, CEO-Kapitalismus und Sicherheitsforderungen zeigten. Die eine Seite stellte zivilisatorische Autorität zur Schau, die andere transaktionales Durchsetzungsvermögen. Beide Selbstdarstellungen standen in einem angespannten Verhältnis nebeneinander und definierten den Gipfel. Die chinesische Performance erschuf für diesen Augenblick eine Welt, in der sich Konkurrenz als Partnerschaft, Hierarchie als Gastfreundschaft und Unsicherheit als Ordnung inszenieren ließ. Die Rivalität wurde dabei nicht aufgelöst, sondern in eine Choreographie eingebettet, in der Trump als respektierter Gast erschien, Xi hingegen als Zeremonienmeister des gemeinsamen Auftritts.
Die Tatsache, dass im Nachgang des Gipfels die chinesische Formel der konstruktiven strategischen Stabilität auch von Washington übernommen wurde, deutet an, dass die Kultivierung der USA aus chinesischer Sicht durchaus erfolgreich war. Nicht auszuschließen ist, dass dieses Treffen eine Neuausrichtung der US-amerikanischen China-Politik einläutet. Ein prominenter Indikator dafür ist die Rede von Kriegsminister Pete Hegseth beim diesjährigen Shangri-La-Dialog in Singapur. Pekings Wunsch nach einer stabilen Großmachtbeziehung und nach friedlicher Koexistenz mit den USA scheint in Washington auf Resonanz zu stoßen.
Putins Besuch in Peking
Am 19. Mai traf Wladimir Putin zum Staatsbesuch in Peking ein. Anlass war der 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China – ein Abkommen, dessen Verlängerung nun bekräftigt wurde. Vor seiner Abreise hatte sich Putin in einer Videobotschaft an die chinesische Öffentlichkeit gewandt. Dies ist ungewöhnlich für einen solchen Besuch. Putin versuchte bereits im Vorfeld, das Narrativ für das Treffen in Peking zu formen und dabei das Bild von Russland als gleichrangiger Großmacht neben China und den USA zu prägen.
Auffallend war, dass die offizielle Begrüßungszeremonie auf dieselbe protokollarische Form zurückgriff wie beim Trump-Besuch. Auch Putin wurde vor der Großen Halle des Volkes auf einem roten Teppich empfangen, mit militärischen Ehren begrüßt und durch 21 Salutschüsse gewürdigt. Dies unterstrich, dass Xi den Gästen aus Washington und Moskau auf derselben diplomatischen Ebene begegnete. Putin gewann so Bildmaterial für das heimische Publikum, vor dem er sich auf Augenhöhe mit den Führungspersönlichkeiten Chinas und der USA präsentieren konnte.
Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen beiden Besuchen liegt in der Kontextbeschreibung. Während bei den USA die Stabilisierung der Beziehungen im Mittelpunkt stand und Xi mit der konstruktiven strategischen Stabilität zunächst ein neues Rahmenwerk vorschlug, war die Verbindung zwischen China und Russland bereits deutlich vertrauter. Wie Xi und Putin erklärten, bekennen sie sich weiter zur Entwicklung einer »umfassenden strategischen Partnerschaft der Koordinierung für eine neue Ära«.
Diese politische Nähe drückte sich auch in der weiteren Choreographie des Treffens aus. Dazu zählte eine Zeremonie anlässlich der Unterzeichnung von mehreren bilateralen Kooperationsvereinbarungen. Zunächst signierten Xi und Putin eine »Gemeinsame Erklärung zur Stärkung der umfassenden strategischen Zusammenarbeit und zur Vertiefung der gutnachbarlichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit«. Darin bestätigten sie ausdrücklich die Verlängerung des Vertrags über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit. Dem 2001 unterzeichneten Vertrag zufolge sollte dieser zunächst für 20 Jahre gelten und sich danach automatisch jeweils um weitere fünf Jahre verlängern, sofern ihn keine Seite spätestens ein Jahr vor Ablauf schriftlich kündigen würde. Festgehalten wurde nun also bereits die zweite turnusgemäße Fünfjahresverlängerung. Eine gesonderte vertragliche Bestätigung war nicht erforderlich, damit das Abkommen weiter in Kraft bleiben würde. Gerade deshalb war die Inszenierung politisch aussagekräftig. Was vertraglich ohnehin vorgesehen war, erschien in der Choreographie des Treffens als demonstrative Bekräftigung der engen Partnerschaft zwischen China und Russland.
Danach unterschrieben Minister und weitere hochrangige Vertreter beider Länder in Anwesenheit der Staatspräsidenten eine Reihe von Kooperationsdokumenten. Zuletzt kündigte man an, eine gemeinsame Verlautbarung »für die Multipolarisierung der Welt und eine neue Art internationaler Beziehungen« zu veröffentlichen. So wurde das Bild von Einigkeit, Partnerschaftlichkeit und Gleichheit abermals verstärkt, auch wenn Putin ein wichtiges Ziel nicht erreichte und keinen Deal mit Xi über die Pipeline »Power of Siberia 2« unterzeichnen konnte.
Am Abend des 20. Mai besuchten Xi und Putin in der Großen Halle des Volkes eine Fotoausstellung der staatlichen Nachrichtenagenturen Xinhua und TASS. Die Schau stand unter dem leitmotivischen Titel der »generationsübergreifenden Freundschaft zwischen China und Russland«, die »ein Vorbild für die Beziehungen zwischen Großmächten« sein soll. Putin wird hier zum Teil von Chinas Geschichtsschreibung, weil die russisch-chinesischen Beziehungen in auffälliger Weise mit seinem persönlichen Verhältnis zu Xi in eins gesetzt werden.
Das Verhältnis zwischen Peking und Moskau erscheint hier als Modell für einen neuen Typ der Großmachtbeziehung, in deutlichem Kontrast zu Chinas Umgang mit den USA. Xi führte Putin durch die Fotoausstellung, vorbei an einem gigantischen Porträt der beiden Staatschefs – das Xi im Vordergrund und deutlich größer als Putin präsentiert –, an einer Bildreihe früherer gegenseitiger Besuche sowie Zeugnissen gemeinsamer Auftritte in multilateralen Formaten wie BRICS.
Am Ende wandten sich Xi und Putin einem Foto zu, das auf der Moskauer Militärparade zum 80. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai 2025 aufgenommen worden war. Es zeigt die beiden, wie sie neben dem 100-jährigen Veteranen Evgenij Aleksejewitsch Znamenski sitzen. Ein Ausstellungsführer erläuterte, Znamenski habe in Stalingrad gekämpft und an der Befreiung der Ukraine teilgenommen, bevor er später in Berlin eingesetzt worden sei. Am Vortag hätten die Organisatoren der Ausstellung mit ihm telefoniert. Der Veteran habe sich sehr darüber gefreut, lasse die beiden Präsidenten herzlich grüßen und wolle ihnen eine Botschaft übermitteln: »Wenn beide Staaten zusammenbleiben, gibt es keine Macht auf der Welt, die einen dritten Weltkrieg entfachen könnte.« Die Szene unterstreicht, dass Putin innerhalb der chinesischen Zeremonie durchaus eigene Akzente zu setzen suchte. Über die Figur des Veteranen erinnerte er Xi und das Publikum daran, dass die Sowjetunion die Ukraine von Nazideutschland befreit hatte. Damit untermauerte er indirekt seine territorialen Ansprüche gegenüber dem Nachbarland, was von Xi nicht in Frage gestellt oder kritisiert wurde.
Mit dem Titel und dem repräsentativen Ort der Ausstellung konnte Xi sein Streben nach einer multipolaren Weltordnung symbolisch inszenieren. Die Schau untermauerte seine Vision eines neuen Typs von Großmachtbeziehungen und internationaler Politik. Russland erscheint als willkommener Partner im Rahmen dieser Ordnungsvorstellung, ungeachtet westlicher Kritik. Auffällig ist dabei der starke Bezug auf historische Freundschaft, während Streitpunkte wie das sowjetisch-chinesische Zerwürfnis, die immer noch geltenden ungleichen Verträge oder das von Russen an Chinesen verübte Massaker von Blagoweschtschensk im Jahr 1900 unerwähnt blieben. Xi gelang es so, mit Trump auf Augenhöhe zu verhandeln und gleichzeitig mit Putin eine antiwestliche Ordnungssprache zu pflegen.
Lehren für Deutschland und Europa
Die Staatsbesuche, die Donald Trump und Wladimir Putin im Mai 2026 in Peking durchführten, haben Xi Jinpings Rolle als Zeremonienmeister der Weltpolitik unterstrichen. Der chinesische Staats- und Parteichef konnte den US-Präsidenten aus einer Position der Stärke heraus empfangen; ebenso war er in der Lage, den Gast aus Moskau demonstrativ, wenn auch in erster Linie performativ aufzuwerten. Während Putins Besuch wurde ein teils offensichtlich antiwestlicher sowie dezidiert antiamerikanischer Ton angeschlagen. Die neu deklarierte konstruktive strategische Stabilität zwischen China und den USA wurde davon jedoch nicht negativ beeinflusst. So konnte Xi der Welt nicht nur demonstrieren, dass China Großmacht ist. Ebenso zeigte er, dass er die Beziehungen zu den USA und zu Russland in einen eigenen Rahmen einordnen kann. Xi muss nicht zwischen Trump und Putin wählen, sondern kann das Verhältnis zu beiden so managen, dass daraus chinesischer Handlungsspielraum entsteht.
Für Europa und Deutschland folgt daraus zunächst, China als einen Akteur mit globalem Gestaltungsanspruch zu akzeptieren, für den symbolische Kommunikation und ritualisierte Inszenierungen ein fester Bestandteil der Politik sind. Diese Erkenntnis ist auch für die strategische Kommunikation deutscher wie europäischer Entscheidungsträger äußert relevant. In Berlin und Brüssel wird oftmals unterschätzt, welche Rolle Performance in den Beziehungen zu China spielt. Über Jahrzehnte waren Europa und USA daran gewöhnt, dass Choreographie und Bildsprache diplomatischer Begegnungen europäisch geprägt und westlichen Akteuren daher besonders vertraut waren.
Diese über lange Zeit gewachsenen Formen visueller Repräsentation wurden zu einem wichtigen Referenzrahmen moderner Diplomatie, an dem sich auch nichtwestliche Akteure wie China orientierten. Mit dem Aufstieg der Volksrepublik zur Globalmacht aber begegnen Deutschland und Europa hier nun einem Akteur, der zunehmend auf eigene Rhetorik, Rituale und Symbolik setzt. Deutsche und europäische Entscheidungsträger sollten diese Sprache weder reflexhaft zurückweisen noch unkritisch übernehmen. Denn im Umgang mit Peking zählt das Gesamtbild, nicht nur das Gespräch hinter verschlossenen Türen. Es geht darum, die Wichtigkeit von Bildern, Protokoll, Begriffen und Anschlusskommunikation zu verstehen.
Die Lesbarkeit chinesischer Performances gilt es politikstrategisch zu nutzen. Formeln wie »konstruktive Beziehungen zwischen China und den USA im Sinne strategischer Stabilität« oder »neue Art internationaler Beziehungen« lassen zwar nur wenig Rückschluss auf die tatsächliche Natur von Pekings Außenpolitik zu. Doch für China entscheiden solche Motive mitunter darüber, was im Anschluss an Zeremonien überhaupt verhandelt werden kann. Der Ton macht die Musik, auch wenn sich Konflikte und Rivalitäten dabei keineswegs auflösen. Trumps Besuch in der Volksrepublik unterstreicht das eindrücklich.
Für deutsche und europäische Entscheidungsträger gilt es daher die Fähigkeit zu entwickeln, im Umgang mit Peking zwischen öffentlicher Symbolik und harter Interessenpolitik zu unterscheiden. Ohne strategische Einbettung in eine Sprache, die von Peking positiv aufgenommen wird, dürfte die gegenwärtige Entwicklung neuer Instrumente – wie etwa des geplanten Industrial Accelerator Act (IAA) der EU – fast zwangsläufig in eine Spirale aus Misstrauen, Vergeltungsmaßnahmen und hohen wirtschaftlichen Kosten führen. Der Gebrauch von Performance und Ritualen muss Bestandteil einer deutschen und europäischen Strategie gegenüber China werden, damit sich die realpolitischen Ziele – Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftliche Resilienz und De-Risking – erfolgreich umsetzen lassen.
Dr. Nadine Godehardt ist Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Asien. Oliver Dieckmann ist Informations- und Datenmanager im Projekt »CHINAGLOBAL – Wie China Global Governance formt«.
Dieses Werk ist lizenziert unter CC BY 4.0
Das Aktuell gibt die Auffassung der Autoren wieder.
SWP-Aktuells werden intern einem Begutachtungsverfahren, einem Faktencheck und einem Lektorat unterzogen. Weitere Informationen zur Qualitätssicherung der SWP finden Sie auf der SWP-Website unter https://www. swp-berlin.org/ueber-uns/ qualitaetssicherung/
SWP
Stiftung Wissenschaft und Politik
Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit
Ludwigkirchplatz 3–4
10719 Berlin
Telefon +49 30 880 07-0
Fax +49 30 880 07-100
www.swp-berlin.org
swp@swp-berlin.org
ISSN (Print) 1611-6364
ISSN (Online) 2747-5018
DOI: 10.18449/2026A28