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Türkei–Israel: Riskante Eskalation in einer fragmentierten Regionalordnung

SWP-Aktuell 2026/A 07, 11.02.2026, 7 Pages

doi:10.18449/2026A07

Research Areas

Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel von einer konflikthaften Partnerschaft zu einer Rivalität entwickelt. Getrieben wird diese Dynamik von regionalen Machtverschiebungen, innenpolitischen Eskalations­logiken und divergierenden Ordnungsvorstellungen – besonders sichtbar im Hinblick auf Syrien, das östliche Mittelmeer und zunehmend auch das Horn von Afrika. Zwar vermeiden beide Staaten bislang eine direkte militärische Konfrontation, doch die wachsende Überschneidung ihrer Einflusszonen erhöht das Risiko einer nicht inten­dierten Eskalation. Denn die bestehenden diplomatischen, wirtschaftlichen und sicher­heitspolitischen Kommunikationskanäle sind fragil und entfalten nur in begrenztem Maße stabilisierende Wirkung. Für Deutschland und die Europäische Union ergibt sich daraus die Aufgabe, gegenüber beiden Seiten auf Deeskalation hin­zuwirken und diese als Voraussetzung für mögliche Kooperationsansätze zu definieren.

Die Türkei galt lange als Israels »ältester Freund in der Nachbarschaft«. Bereits 1949 erkannte Ankara den Staat Israel als erstes muslimisches Land an und hielt zugleich das palästinensische Selbstbestim­mungs­recht als außenpolitisches Prinzip hoch. Trotz unterschiedlicher Positionen in der Palästina-Frage gelang es beiden Staaten in den 1990er Jahren, ihre Differenzen prag­matisch zu managen und eine strategische Partnerschaft aufzubauen, die auch mili­tärische, verteidigungs- und nachrichtendienstliche Zusammenarbeit umfasste.

Mit dem Aufstieg Recep Tayyip Erdoğans und der Partei für Gerechtigkeit und Ent­wicklung (AKP) in den 2000er Jahren änderte sich das Verhältnis schrittweise. Die Palästina-Frage rückte stärker ins Zen­trum der türkischen Israelpolitik, begleitet von wachsender öffentlicher Kritik an Israels Vorgehen, insbesondere im Gaza­streifen. Der Gaza-Krieg 2008/09 und der »One-Minute-Zwischenfall« beim Welt­wirtschaftsforum in Davos 2009, bei dem Erdoğan den israelischen Präsidenten Schimon Peres öffentlich konfrontierte, markierten einen Wendepunkt. Die Mavi-Marmara-Krise von 2010, die durch den Tod von neun türkischen Staatsbürgern bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit israelischen Streitkräften ausgelöst wurde, führte schließlich zu einem massiven Einbruch der politischen Beziehungen.

Von Partnerschaft zur strukturellen Entfremdung

Im Gefolge der arabischen Aufstände (2010/11) und der zunehmenden Aus­tragung geopolitischer Machtkonflikte auf regionaler Ebene – insbesondere in Syrien und Libyen – verfolgte Ankara eine selbst­bewusstere, stärker militarisierte Außen­politik. Israel reagierte darauf mit einer strategischen Neuorientierung: Es vertiefte seine Beziehungen zu Griechenland, Zypern und einigen arabischen Staaten im Rahmen der Abraham-Abkommen (2020/21) und verlagerte seinen sicherheitspolitischen Fokus auf belastbare Partnerschaften jen­seits der Türkei.

Die wirtschaftliche Kooperation blieb von den strategischen Divergenzen lange Zeit weitgehend unberührt. Das bilaterale Handelsvolumen stieg von 3,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 8,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021. Diese ökonomische Verflechtung konnte den zunehmenden politischen Vertrauensverlust jedoch nicht kompensieren. Die Palästina-Frage ist nach wie vor die Achillesferse des bilateralen Verhältnisses und trägt maßgeblich zur weiteren Entfremdung beider Akteure bei.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat das bilaterale Verhältnis jedoch einen neuen Tief­punkt erreicht. Ausgelöst wurde dies nicht allein durch den Gaza-Krieg, sondern durch eine Reihe struktureller Umbrüche in der Region, darunter die Schwächung der so­genannten »Achse des Widerstands« aus Iran, Hisbollah und Hamas, der Sturz des Assad-Regimes in Syrien sowie der teilweise Rückzug Russ­lands aus dem Nahen Osten. In dieser Phase tiefgreifender Umbrüche verändern sich Bedrohungswahrnehmungen und Vorstellungen regionaler Ordnung und beide Staa­ten passen ihre außen- und sicherheits­politischen Prioritäten ent­sprechend an.

Die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan reagierte auf den Gaza-Krieg mit scharfer Kritik an Israel, die deutlich über frühere verbale Zuspitzungen hinausging. Erdoğan bezeichnete Israels militärisches Vorgehen als unverhältnismäßig und warf dem Land wiederholt Kriegsverbrechen und das Begehen eines »Genozids« vor. Der türkische Außen­minister Hakan Fidan unterstellte Israel, ein »Großisrael« anzustreben und letztlich darauf hinzuarbeiten, »die Länder der Region dauerhaft zu schwächen und hand­lungsunfähig zu machen«. Aus Sicht der Türkei verfolgt Israel also im Hinblick auf sein Umfeld eine expansionistische Außen­politik und eine Ordnungsvorstellung, bei der Instabilität bewusst in Kauf genommen wird und die deshalb mit Ankaras eigenen Interessen kollidiert.

Nach einer Phase regionaler Isolation und gescheiterter hegemonialer Ambitionen setzt die türkische Regierung in der Politik gegenüber ihren Nachbarn zunehmend auf Pragmatismus, mit einem Fokus auf wirtschaftliche Zusammenarbeit und Normalisierung der Beziehungen. Die ver­bale Eskalation gegenüber Israel ist daher nicht Kennzeichen eines umfassenden strategischen Kurswechsels, sondern Teil einer kalkulierten politischen Kommunikation.

Auch in Israel hat sich die Wahrnehmung der Türkei verschoben. Obwohl die israelische Regierung – ebenso wie die türkische – den Iran weiterhin als größte sicherheitspolitische Bedrohung in der Region betrachtet, nimmt sie die Türkei zunehmend als poli­tischen Rivalen mit eigener regionaler Agenda wahr. In israeli­schen Medien wird Ankaras Vorgehen im Nahen und Mittleren Osten als Ausdruck einer »neo-osmanischen Ordnungsvorstellung« interpretiert, in deren Rahmen die Türkei ver­suche, ihre Rolle als regionale »imperiale Macht« mit Hilfe militärischer, ideologischer und religiöser Instrumente auszubauen.

In der Summe haben diese Entwicklungen dazu beigetragen, dass sich das Verhält­nis zwischen der Türkei und Israel mehr und mehr zu einem offen ausgetragenen geopolitischen Widerstreit verdichtet hat. Da beide Seiten ihre Rivalität verstärkt als verflochtenen, regionenübergreifenden Wett­bewerb begreifen, steigt das Risiko unbeabsichtigter Eskalationen.

Innenpolitische und regionale Treiber der Rivalität

Die strukturelle Entfremdung zwischen der Türkei und Israel hat in beiden Ländern hauptsächlich zwei Treiber: innenpolitische Dynami­ken und regionale Machtverschiebungen. Politische Entscheidungsträger:in­nen wählen gezielt das Mittel der rhetorischen Zuspitzung außenpolitischer Kon­flikte, um im Inneren Kräfte hinter sich zu versammeln und von innenpolitischen Herausforderungen abzulenken. In der Türkei bezeichnete Präsident Erdoğan die israelische Regierung als »mörderisches Netzwerk« mit »faschistischer Ideologie« und verglich bei einer anderen Gelegenheit den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu mit einem »Führer«. Diese harte Polemik gegenüber Israel dient der Mobili­sierung der religiös-konservativen Wählerschaft, insbesondere vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Belastungen und wachsender gesellschaftlicher Unzufriedenheit.

In Israel dominiert seit dem 7. Oktober 2023 eine sicherheitszentrierte Logik. Externe Kritik wird als unzweideutiges Zeichen einer feindlichen Grundhaltung interpretiert. Auf die Vorwürfe aus Ankara reagierten Netanyahu und andere Regierungsvertreter:innen mit eigenen verbalen Ausfällen: Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar bezeichnete Erdoğan wiederholt als »Sultan« oder »Hetzer«. Mit der Schwächung Irans und seiner regionalen Verbündeten wird die Türkei in Teilen der israelischen Öffentlichkeit zunehmend als neue strategische Bedrohung wahrgenommen. Die gegenseitigen verbalen Aggressionen verengen dabei die poli­tischen Spiel­räume für Entspannung.

Zweitens speist sich die Eskalations­dynamik aus regionalen Machtverschiebun­gen. Beide Staaten agieren in einer frag­mentierten Regionalordnung, die von lang­jährigen Konflikten, tiefem Misstrauen, situativen Allianzen und hoher Volatilität geprägt ist. In diesem Umfeld verdichtet sich strategische Konkurrenz zunehmend über mehrere, miteinander verbundene Schau­plätze hinweg. Dadurch steigt nicht nur das Risiko indirekter Konfrontationen, sondern auch die Gefahr von Fehleinschätzungen.

Syrien als zentrale strategische Bruchlinie

Nirgendwo tritt die Rivalitätsdynamik zwischen der Türkei und Israel deutlicher zutage als in Syrien. Beide Staaten vertreten grundlegend gegensätzliche Vorstellungen von der Ordnung eines Post-Assad-Syriens.

Die türkische Syrien-Politik zielt darauf ab, dass das Nachbarland sich zu einem stabilen und stark zentralisierten Staat ent­wickelt, in den die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) – ein Bündnis, an des­sen Spitze kurdische Milizen mit Verbindung zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) stehen – unter Führung der Übergangs­regierung von Ahmed al-Sharaa integriert sind. Die Unterstützung Ankaras beim institutionellen und sicherheitspolitischen Wiederaufbau Syriens ist konsequent da­rauf angelegt, jenseits seiner südlichen Grenze die zentralstaatliche Kontrolle zu stärken und die kurdischen Autonomie­strukturen zu beschneiden und zurück­zudrängen.

Vor diesem Hintergrund werden in Ankara öffentliche Stellungnahmen von Vertreter:innen Israels zur Rolle kurdischer Akteure in Syrien als sicherheitspolitisch brisant wahrgenommen. So erklärte der israelische Außenminister Sa’ar, die von der Türkei unterstützten Angriffe auf Syriens Kurden müssten gestoppt werden, und bezeichnete Letztere als »stabilisierende Kraft« im Hinblick auf die Zukunft Syriens. Aus Sicht Ankaras nähren solche Aussagen die Sorge, Israel könne kurdische Akteure in dem gemeinsamen Nachbarland gezielt politisch aufwerten und als Hebel nutzen, um den türkischen Einfluss dort zu begrenzen. Diese Bedenken waren mit ausschlaggebend für die im Oktober 2024 von der türkischen Regierung gestartete Initiative »Terrorfreie Türkei«. Ziel des Pro­zesses ist es, nach einem ersten Schritt der Selbstauflösung der PKK den seit vier Jahr­zehnten andauernden bewaffneten Konflikt zu beenden und zugleich externe Einflussmöglichkeiten auf kurdische Akteure syste­matisch zu reduzieren. Parallel dazu fordert die türkische Regierung von der syrischen Übergangsregierung die Auf­lösung der Volksverteidigungseinheiten (YPG), die aus ihrer Sicht ein Ableger der PKK sind.

Mit Zustimmung der Vereinigten Staaten und der Türkei rückten syrische Regierungs­truppen und verbündete Kräfte im Januar 2026 weiter in Gebiete im Norden und Osten des Landes vor, die zuvor von den SDF besetzt waren. Dabei übernahmen sie unter anderem die Kontrolle über die mehrheitlich arabisch geprägten Provinzen Raqqa und Deir ez-Zor, in denen sich größere Öl- und Gasfelder befinden.

Von entscheidender Bedeutung ist, dass die Mitglieder der SDF – im Gegensatz zu früheren Angeboten seitens der Übergangsregierung – nach den derzeitigen Planungen nicht einzeln, sondern kollektiv in die Reihen der syrischen Armee und des Innen­ministeriums eingegliedert werden sollen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die politische und sicherheitspolitische Fragmentierung in Syrien zu reduzieren, militärische Paral­lelstrukturen aufzulösen und das staatliche Gewaltmonopol schrittweise auszuweiten. Wie tragfähig diese Agenda von Übergangs­präsident al-Sharaa ist, wird indes maß­geblich von der weiteren Umsetzung und der Akzeptanz innerhalb der vielfältigen syrischen Akteurslandschaft abhängen.

Israel betrachtet die neue Regierung in Damaskus hingegen als strategisches Risiko. Es bevorzugt ein geschwächtes, dezentra­lisiertes Syrien mit Autonomierechten für drusische und kurdische Minderheiten, um das Bedrohungspotential des Nachbarlands zu minimieren und türkischen Einfluss dort einzudämmen. In diesem Kontext hat Israel seine territoriale Präsenz im Süden Syriens nach dem Fall des Assad-Regimes deutlich ausgeweitet, Ein­richtungen des syrischen Militärs bombardiert und Drusen­milizen direkte Unterstützung geleistet.

Sicherheitsgespräche zwischen Israel und Syrien, die Anfang des Jahres 2026 unter US-Vermittlung in Paris stattfanden, haben eine erste Verständigung auf Prozesse zum Austausch nachrichtendienstlicher Infor­mationen und zur militärischen Deeskala­tion erbracht. Über die Einrichtung einer technischen Koordinationszelle hinaus wurden jedoch bislang keine substantiellen Fortschritte erzielt; die Tragfähigkeit dieser Mechanismen bleibt entsprechend fraglich.

In Syrien haben sich damit informelle, aber klar definierte Einflusszonen herausgebildet. Die Türkei fokussiert sich auf den Norden und Nordosten des Landes, mit dem Ziel, kurdische Autonomiestrukturen zu begrenzen. Israel konzentriert sich auf den Süden Syriens sowie auf strategische Kor­ridore im Landesinneren, um potentielle Bedrohungen frühzeitig neutralisieren zu können. Dort, wo sich diese Einflusszonen räumlich und operativ annähern, steigt das Risiko einer unbeabsichtigten Eskalation zwischen der Türkei und Israel deutlich. Wie berech­tigt diese Sorge ist, hat ein Vor­fall bereits konkret gezeigt: Im April 2025 bombardierte Israel Luftwaffenstützpunkte bei Palmyra, die türkische Militärteams zu­vor im Hinblick auf eine mögliche künftige Nutzung inspiziert hatten. Zwar vermeiden beide Seiten bisher eine direkte militärische Konfrontation, doch die zunehmende räum­liche Überlappung ihrer Einflusszonen er­höht das Eskalationspotential spürbar.

Strategische Divergenzen im östlichen Mittelmeer

Jenseits von Syrien treten strategische Diver­genzen zwischen der Türkei und Israel im östlichen Mittelmeer zutage. Israels wachsende sicherheits- und wirtschafts­politische Kooperation mit Griechenland und Zypern und seine Mitwirkung im East­ern Mediterranean Gas Forum werden in Ankara als bewusste strategische Ausgren­zung interpretiert. Diese Wahrnehmung hat sich aus türkischer Sicht im Dezember 2025 weiter verstärkt, als Griechenland, Zypern, und Israel einen Trilateralen Arbeitsplan für militärische Zusammen­arbeit unterzeichneten. Das Abkommen umfasst ge­meinsame Übungen und Aus­bildungsmaßnahmen, thematische Arbeits­gruppen sowie einen strukturierten strate­gischen Dialog über sicherheitspolitische Fragen gemeinsamen Interesses. Aus türki­scher Perspektive fügt sich diese Vertiefung militärischer Kooperation in ein Muster ein, dem zufolge Israel seinen Einfluss im öst­lichen Mittelmeer und in angrenzenden Konflikträumen ausweitet und Ankaras eigene Ordnungsvorstellungen systematisch konterkariert. Die Konkurrenz um mari­time Einflusszonen, Energiequellen und sicherheitspolitische Kooperationsformate schürt den Wettbewerb zwischen der Türkei und Israel und trägt zur weiteren Entfremdung beider Akteure bei.

Gleichzeitig wirkt die Gaza-Dynamik als zusätzlicher Verstärker der israelisch-türkischen Rivalität. In Washington disku­tierte Konzepte zur Nachkriegsordnung Gazas – darunter auch der sogenannte Trump-Plan – sehen ausdrücklich eine Einbindung regionaler Akteure vor und schließen die Türkei ein. Ankara soll ins­besondere bei humanitären Aufgaben, logis­tischer Unterstützung und der Finan­zierung einen Beitrag leisten. Israel lehnt jedoch sowohl eine türkische Mitwirkung beim Wiederaufbau Gazas als auch eine türkische Truppenpräsenz konsequent ab. Aus israelischer Perspektive würde vor allem Letzteres zentrale Prinzipien der eigenen Abschreckungslogik unterminieren, die auf militärischer Kontrolle und der Vermeidung externer Einflussnahme be­ruht. Hinzu kommt, dass Israel die Türkei – nicht zuletzt vor dem Hintergrund öffentlicher Aussagen und politischer Posi­tionierungen der türkischen Führung – als Hamas-nahen Akteur wahrnimmt. Eine institutionalisierte Rolle der Türkei in Gaza würde aus israelischer Sicht die Gefahr heraufbeschwören, dass ein als feindlich eingestufter Akteur Einfluss in einem sicherheitspolitisch hochsensiblen Raum erhält, den Israel nach dem Krieg möglichst eng kontrollieren will.

Die Türkei hingegen nutzt Gaza vor allem als ideologisches und diplomatisches Mobilisierungsfeld, um ihr Standing und ihre Reputation als Fürsprecherin der paläs­tinensischen Sache zu festigen und regio­nale sowie internationale Aufmerksamkeit zu bündeln. Der tatsächliche Handlungsspielraum Ankaras bleibt dabei aber be­grenzt, da Israel wie erwähnt jegliche opera­tive Mitgestaltung und sicherheitspolitische Einbindung konsequent ablehnt.

Das Horn von Afrika als neuer Schauplatz

Das Horn von Afrika entwickelt sich seit dem 7. Oktober zu einem weiteren Schau­platz des israelisch-türkischen Gegensatzes. Entlang der Küsten des Roten Meeres und des Golfs von Aden bauen mehrere regio­nale Akteure – darunter die Türkei, Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien – ihre politische, wirtschaft­liche und sicherheitspolitische Präsenz ge­zielt aus.

Aus israelischer Perspektive hat der Raum insbesondere wegen der Angriffe der Huthi-Miliz im Jemen auf den Schiffs­verkehr im Roten Meer erheblich an sicher­heitspolitischer Bedeutung gewonnen. Die mit dem Iran verbündeten Huthis dekla­rierten ihre Attacken offen als Vergeltung für die israelische militärische Intervention in Gaza und als Aus­druck ihrer Solidarität mit den Palästinenser:innen. Die Angriffe haben auch die Verwundbarkeit essentieller maritimer Handelsrouten offengelegt: Rund 14 Prozent des weltweiten Seehandels und etwa 30 Prozent des globalen Con­tainer­verkehrs passieren diese Route durch das südliche Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab. Infolge der Attacken gingen die Transitmengen zeitweise um rund 60 Pro­zent zurück. Die Kontrolle von maritimen Engpässen wie des Bab al‑Mandab ist damit zu einem Kernbestandteil israelischer Sicherheitsüberlegungen geworden.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Anerkennung Somalilands durch Israel im Dezember 2025 einzuordnen. Geografisch nimmt Somaliland eine Schlüsselposition an der Meerenge Bab al-Mandab ein. Von hier aus lässt sich der Zugang zum Roten Meer und damit zum Suezkanal – einer zen­tralen Schlagader des globalen Handels und der Energieversorgung – überwachen.

Für die Türkei, die seit 2011 ihre Präsenz in Somalia ausgebaut hat, stellt dieser Schritt eine direkte Herausforderung dar. Ankara engagiert sich dort in Infrastruktur­projekten, mit humanitärer Hilfe, diplomatischer Unterstützung sowie bei der mili­tä­rischen Ausbildung und sieht in Somalia einen zentralen Baustein bei seinen Be­mühungen, politischen Einfluss in Afrika und im Roten Meer zu projizieren. Ent­sprechend verurteilte das türkische Außen­ministerium die Anerkennung als weiteren Beleg für eine aus türkischer Sicht destabi­lisierende israelische Regionalpolitik, eine Einschätzung, die auch von Ägypten und Dschibuti geteilt wurde.

Die Anerkennung einer abtrünnigen Region schwächt zugleich die Autorität der somalischen Regierung – Ankaras wich­tigstem Partner in Afrika– und stellt den türkischen Anspruch in Frage, als zentraler strategischer Partner Somalias auch als Garant der territorialen Integrität des Landes zu fungieren. Damit verlagert sich die israelisch-türkische Rivalität über den Nahen Osten hinaus und erhält eine aus­geprägt maritime und geoökonomische Dimension.

Die Entwicklungen am Horn von Afrika fügen sich somit in ein Muster wachsender Kon­kurrenz zwischen der Türkei und Israel ein. Die Schauplätze dieses Gegensatzes erstrecken sich über mehrere strategisch miteinander verbundene Räume – von Syrien über das östliche Mittelmeer bis zum Roten Meer. Die Rivalität nimmt damit zunehmend die Form eines Wettbewerbs an, der weniger durch offene Konfrontation als durch punktuelle Machtprojektionen, den Ausbau von Allianzen und die Nutzung geo­politischer Hebel gekennzeichnet ist.

Grenzen der Eskalation

Trotz der Verschärfung der türkisch-israeli­schen Rivalität gibt es Faktoren, die einer Eska­lation des Konflikts zwischen beiden Ländern entgegenwirken. Einer davon be­steht in der kurzfristigen Kosten-Nutzen-Abwägung, die beide Seiten vornehmen. Ankara setzt trotz scharfer öffentlicher Ver­urteilungen Israels weiterhin auf wirtschaft­lichen Pragmatismus. Nach Angaben von UN Comtrade war die Türkei im Jahr 2024 Israels fünftgrößter Importlieferant. Im gleichen Jahr verhängte Ankara als Re­aktion auf Israels Invasion im Gazastreifen ein Handelsembargo. Berichte über türki­sche Warenlieferungen nach Israel über Drittstaaten wie Griechenland oder Aser­baidschan belegen aber, dass ökonomische Interdependenzen fortbestehen.

Die USA gelten als wichtigster externer Faktor zur Eindämmung einer direkten Eskalation zwischen beiden Ländern. Washing­ton fungiert insbesondere in Syrien als einflussreichster Vermittler und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Israel eine unter Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa zentralisierte syrische Ord­nung zumindest insoweit akzeptiert, als dass es zu Gesprächen bereit ist. Gleich­zeitig ist die stabilisierende Rolle, die die USA derzeit erfüllen, nur begrenzt belast­bar: Wie tragfähig sie ist, hängt stark von den jeweiligen regional­politischen Priori­täten der Trump-Administration ab.

Implikationen für Deutschland und Europa

Die israelisch-türkischen Beziehungen befin­den sich in einer Phase der Rivalität mit realen Eskalationsrisiken. Deutschland und die Europäische Union zwingt diese Ent­wicklung zur Formulierung einer kohärenteren Regionalstrategie, die maritime Sicherheit über verschiedene Schauplätze hinweg mit politischer Stabilisierung im Großraum des Nahen und Mittleren Ostens zusammendenkt.

Deutschland und die EU stehen damit vor der Aufgabe, die Beziehungen zu Israel, zur Türkei und zu weiteren regionalen Partnern aufrechtzuerhalten, ohne in die wachsende Rivalität hineingezogen zu werden. Voraussetzung dafür, dass dies gelingt, sind realistische Erwartungen an die eigene Vermittlungs­fähigkeit und die offene Benennung poli­tischer Zielkonflikte – etwa zwischen dem Interesse an sicher­heitspolitischer Kooperation und völkerrechtlichen Normen. Vor diesem Hinter­grund sollte Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Partnern gegenüber beiden Seiten vorrangig auf Deeskalation und die Einhaltung des Völkerrechts hin­wirken. Kooperation mit der Türkei und Israel ist dabei nicht grundsätzlich aus­geschlossen, sollte sich jedoch auf klar umrissene, funktionale und konditionierte Bereiche beschränken – etwa auf Fragen des Wiederaufbaus Syriens, die Begrenzung von Migrationsdruck aus der Region und die Sicherung maritimer Handels- und Energierouten am Horn.

Syrien wird der zentrale Prüfstein für das Gelingen dieses Ansatzes sein. Deutschland und die EU haben ein ausgeprägtes Inter­esse an einer nachhaltigen Stabilisierung des Landes, um fortbestehende Sicherheits­risiken für die Region zu begrenzen, die direkte Auswirkungen auf Europa hätten. Die derzeitige Übergangsphase eröffnet Deutschland und der EU als externen Ak­teu­ren wichtige Ansatzpunkte, um staat­liche Struk­turen in Syrien zu stärken, einer Fragmentierung des Landes vorzubeugen und externe Rivalitäten nicht weiter in den syrischen Kontext hineinwirken zu lassen. Voraussetzung hierfür ist eine enge multi­laterale Abstimmung – insbesondere mit den USA, der Türkei, Israel sowie zentralen Akteuren der Golf­region.

Eine weitere Zuspitzung der israelisch-türkischen Rivalität würde den ohnehin fragilen politischen Übergang in Syrien erheblich belasten und europäische Interessen mittelbar, aber spürbar beeinträchtigen – etwa durch neue Migrationsbewegungen, erhöhte Sicherheitsrisiken und eine weitere Regionalisierung der Machtkonkurrenz zwischen externen Akteuren.

Dr. Hürcan Aslı Aksoy ist Senior Fellow am Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) an der SWP.

Das Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) wird gefördert durch die Stiftung Mercator und das Auswärtige Amt.

Dieses Werk ist lizenziert unter CC BY 4.0

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DOI: 10.18449/2026A07