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Neue Technologien für die Bundeswehr

Handlungsnotwendigkeiten durch technische Innovationen

SWP-Aktuell 2024/A 14, 06.03.2024, 4 Pages

doi:10.18449/2024A14

Research Areas

Mit steigenden Anforderungen an die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik in einem von multiplen Krisen gekennzeichneten Europa wachsen auch die Ansprüche an die deutschen Streitkräfte. Damit die Bundeswehr trotz limitierender Faktoren wie Personal- und Materialmangel an Durchsetzungsfähigkeit und Abschreckungswirkung gewinnt, muss sie schneller und breitflächiger neue Technologien nutzen. Je zügiger und effektiver diese Technologien nutzbar gemacht werden, desto mehr Vorteile bringen sie auf dem Gefechtsfeld. Der derzeitige politische Wille zur Veränderung, der Anpassungsdruck aufgrund der veränderten Sicherheitslage und die finanziellen Ressourcen sorgen für ein bisher einzigartiges Momentum.

In seiner Rede vom 16. September 2022 hat Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Bundes­wehrtagung gefordert, dass die Bundeswehr »zur am besten ausgestatteten Streitkraft in Europa« wird. Damit reagierte er unmittelbar auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Für die Bundeswehr bedeutet dies, schnell ihre Leistungsfähigkeit zu stei­gern. Aktuell reichen die Fähigkeiten für eine umfassende Landes- und Bündnis­verteidigung quantitativ, teils auch qualita­tiv nicht aus. Das liegt vor allem daran, dass sie bei langjähriger Unterfinanzierung nicht ausreichend für die Wahrnehmung ihres Hauptauftrags weiterentwickelt wur­den. Gleichzeitig fehlt es der Bundeswehr an der Fähigkeit, sich an Bedingungen anzupas­sen, die sich schnell verändern. Viele Not­wendigkeiten für eine Steigerung der Leis­tungsfähigkeit sind bekannt, bislang hapert es an einer zielgerichteten Umsetzung. Fern­ab der Herausforderungen, die mit dem Per­sonal- und Materialmangel verbunden sind, zeigt sich dies in besonderem Maße an der ausbleibenden oder nicht ausreichenden Einführung und Nutzung neuer Techno­logien wie künstlicher Intelligenz (KI) oder unbemannter Systeme unterschiedlicher Größe und an der unzureichenden Nutzung neuartiger Munition wie Loitering-Munition. Alle drei verbindet, dass sie die Dynamiken bewaffneter Auseinandersetzungen grund­legend verändern. Sie erhöhen nicht nur die Geschwindigkeit, sie machen das Gefechtsfeld auch transparenter und steigern die letale Wirkung. Ohne ihre zügige und breit angelegte Einbindung werden deutsche Streitkräfte nicht bestehen können. Werden nötige Schritte jetzt nicht vollzogen, ver­größern sich die Herausforderungen in der Zukunft, weil wichtige Entwicklungen und Anpassungen kaum aufzuholen sind.

Verdrängungseffekte

In der öffentlichen Aufmerksamkeit und in den Prozessen, in denen über die Rüs­tung der Bundeswehr entschieden wird, liegt der Fokus auf großen und teuren Waf­fensystemen wie Kampfflugzeugen, Fregat­ten und Panzern. Verdrängt werden dabei kleinere Rüstungsprojekte, die in der Folge nicht über ausreichend Finanzmittel und Personal verfügen. Aber genau diese schaf­fen die Grundlagen für das Zusammen­wirken von Aufklärungs-, Führungs- sowie Wirkmitteln und erzeugen dabei ein ein­heitliches Lagebild. Panzer etwa und Schiffe sind auf dem Gefechtsfeld noch wichtig. Dennoch betreffen die aktuellen Neu­beschaffungen dieser sogenannten mono­lithischen Systeme nur einen Teil der not­wenigen Veränderungen in den deutschen Streitkräften. Entscheidend für den Aus­gang eines Krieges ist nicht ein einzelnes Waffensystem, sondern der koordinierte und effektive Einsatz aller Mittel in einem Verbund. Dafür bedarf es einer Ausbalan­cierung der Ausgaben für monolithische Systeme und für die Schnittstellen, Beschleu­niger von Entscheidungen und der Koordi­nierungselemente im Betrieb und im Kampfeinsatz von Streitkräften.

Eine weitere Herausforderung ist die Struktur des militärischen Beschaffungs­wesens. Dieses ist nach wie vor dafür aus­gelegt, mit wenig Finanzmitteln sehr gründ­lich und langsam zu planen bzw. zu be­schaffen. Sollen neue Technologien schnell eingeführt und breitflächig nutzbar gemacht werden, stößt das Beschaffungswesen daher schnell an seine Grenzen. Ausnahmen und Sonderverfahren gibt es hier nur wenige.

Fehlende Digitalisierung

Die Friedensdividende inklusive fehlender Priorisierung der Landes- und Bündnis­verteidigung haben dazu geführt, dass die Bundeswehr nicht in ausreichendem Maß modernisiert wurde. Damit einher gehen fehlende Digitalisierungsschritte im Gesamt­system der Streitkräfte. Dies zeigt sich unter anderem an veralteten Waffen- und Kommu­nikationssystemen, die auf dem Gefechts­feld der Gegenwart nicht effizient mitein­ander kommunizieren und wirken können. Die Bundeswehr ist weit von der Fähigkeit entfernt, Echtzeitinformationen auszutauschen und bei Unterstützungsaufgaben In­formationen schnell und stringent zu ver­arbeiten. Damit aber überhaupt modernste technologische Mittel wie digitale Führungs­systeme, unbemannte Systeme und KI ein­gesetzt werden können, müssen immer noch Grundvoraussetzungen geschaffen werden. Eine davon ist es, ausreichend und qualitativ hochwertige Daten für die Daten­verarbeitungssysteme wie KI zu sammeln. Digitalisierung bedeutet mehr als die Er­neuerung von Funkgeräten in einem Teil der Waffensysteme. Sie soll dafür sorgen, dass Wissen und Daten schnell erfasst, ana­lysiert, für viele Nutzer zugänglich abgelegt und nutzbar gemacht werden. Gleichzeitig trägt sie zur Beschleunigung von Prozessen bei und ermöglicht mehr Transparenz von Vorgängen. Deutschland liegt bei den Aus­gaben für Digitalisierung deutlich hinter seinen Nato-Verbündeten, zum Beispiel Frankreich oder Großbritannien.

Technische Möglichkeiten

Das Feld technischer Möglichkeiten durch militärisch nutzbare Neuerungen ist nahe­zu unüberschaubar groß geworden. Das Gros der Neuerungen kommt mittlerweile aus der zivilen Wirtschaft.

Durch Nutzung von Neuentwicklungen können manche Waffensysteme oder Sys­temverbünde jetzt oder bereits in naher Zukunft vollständig ersetzt werden. Ein Beispiel hierfür sind Drohnen unterschiedlicher Größe, die bemannte Aufklärungsmittel wie Hubschrauber oder Flugzeuge zu ersetzen vermögen. Drohnen lassen sich günstiger beschaffen und betreiben als bemannte Systeme. Gleichzeitig können sie bei der Aufgabenerfüllung einem höheren Risiko ausgesetzt werden. Selbst wenn noch nicht in allen Bereichen ein vollwertiger Ersatz verfügbar ist, muss aufgrund wei­terer Faktoren wie Kosten-, Material- und Personalersparnis ein Wechsel angestrebt werden. Die geschickte Einbindung neuer Technologien kann außerdem als Kräfte­multiplikator für bestehende Systemverbün­de fungieren. So erlaubt etwa die Nutzung von Drohnen als Aufklärungsmittel für die Artillerie, sofern sie effektiv eingebunden werden, eine höhere Präzision und schnel­lere Bekämpfung von Zielen. Von allen Neuerungen ist vor allem der Techno­logie der KI in der aktuellen Entwicklung von Streitkräften größere Aufmerksamkeit zu widmen. Ihre Nutzung hat das Potential, Veränderungen für das Militär herbeizufüh­ren wie einst das Schießpulver, der Ver­bren­nungsmotor oder das Internet. KI-Sys­teme unterscheiden sich in ihrer Arbeits­weise und nach den Aufgaben, die sie lösen können. Konkret sind maschinelles Lernen und Sehen, Robotik und Aufbau neuronaler Netzwerke für Streitkräfte von besonderer Bedeutung. Immerhin befindet sich Deutsch­land bei den Grundlagen der KI-Fähigkeiten unter den Top 10 weltweit. Darauf aufbau­end müssen militärische Fähigkeiten ver­bessert und neue entwickelt werden. Groß­britannien, das hier vor Deutschland ran­giert, hat vor kurzem ein eigenes Institut gegrün­det. An ihm sollen neue Formen der KI erforscht und Auswirkungen auf die eigene Sicherheit analysiert werden. Das »AI Safety Summit 2023« im britischen Bletchley Park hat im November den Auf­takt gemacht.

Handlungsnotwendigkeiten

Soll die Leistungsfähigkeit der deutschen Streitkräfte gesteigert werden, müssen die Digitalisierung und die Nutzung neuer Technologien mehr Beachtung finden. Nur eine breit angelegte Einführung und Nut­zung neuer Technologien eröffnet die Mög­lichkeit, in Zukunft auf dem Gefechtsfeld überlegen zu sein. Diese Technologien ermöglichen nicht nur erhebliche Effizienz- und Leistungssteigerungen, sie stellen auch sicher, dass künftige Potentiale ihrer Nut­zung überhaupt erkannt und realisiert wer­den können. Konkret bedeutet dies, dass bei sämtlichen Rüstungsvorhaben entsprechende Schnittstellen eingeplant werden müssen: Hardwarekomponenten einerseits und die Komptabilität der Software andererseits. Aufgrund der immer schneller werdenden Zyklen der Neuerfindungen sollte das Mili­tär bei der Einführung neuer Technologien ihre Herangehensweise ändern. Dies betrifft sowohl die generelle Beschaffung der Sys­teme als auch die Aktualisierung von Dok­trinen und Verfahren der Streitkräfte. Um bestehende Systemverbünde und techno­logische Neuanschaffungen zu synchronisieren, gilt es in sehr kurzen, regelmäßigen Abständen präzise zu definieren, welche Zielzustände erreicht werden sollen. Son­derbeschaffungswege können kurzfristig bis zu einer grundlegenden Veränderung des Beschaffungswesens genutzt werden.

KI – Inzwischen gibt es umfassende Möglichkeiten, unterschiedliche Arten von KI im militärischen Kontext anzuwenden. Die Bundeswehr sollte einen zweigleisigen Ansatz verfolgen: Zum einen muss KI in spezifischen, bereits in anderen Armeen genutzten Bereichen eingesetzt werden, um die Fähigkeit zu erreichen, sich gegenüber einem potentiellen Feind durchzusetzen. Das ist zum Beispiel bei unbemannten Sys­teme erforderlich, bei denen elektromagnetische Störmaßnahmen den Austausch von Daten und Befehlen einschränken können. Diese Systeme müssen in der Lage sein, durch KI autark zu reagieren und den zuvor eingestellten Befehl zu befolgen. Zum ande­ren muss an unterschiedlichen Stellen der Bundeswehr damit begonnen werden, mit KI umzugehen, um das Potential der Sys­teme einschätzen und nutzen zu können. Konkret ist das Zusammenspiel bei der Mensch-Maschine-Interaktion zu erlernen. Ein gutes Beispiel ist die Unterstützung bei der Findung von Entscheidungen für das Gefechtsfeld. Die KI kann mit allen verfüg­baren Informationen – wie Aufklärungsdaten von Satelliten, Drohnen, Meldungen von Menschen, Daten weiterer Sensoren – gespeist werden und Handlungsmöglich­keiten erarbeiten. Der Mensch selbst trifft dann die Entscheidung.

Essentiell ist außerdem eine Strategie dafür, wie militärisch mit KI umgegangen, wie priorisiert und wie der größtmögliche Nutzen erreicht werden soll. Für die Einfüh­rung und Nutzung von KI sind Investitionen in Höhe von rund zehn Prozent des Vertei­digungsetats erforderlich, um die bisherigen Verdrängungseffekte zu vermeiden.

Unbemannte Systeme – Auf dem Ge­fechtsfeld werden unbemannte Systeme immer häufiger eingesetzt, und dies für unterschiedlichste Aufgaben wie Aufklärung, Wirkung oder Störung. Dabei bieten große Drohnen, die mit mittelgroßen Flug­zeugen mithalten können, den Vorteil, dass sie in der Lage sind, dank ihrer Auf­klärungsfähigkeiten weitläufige Gebiete zu überwachen. Außerdem haben sie sich mittlerweile als Waffenträger mit weit­reichender Wirkung etabliert. Manche der etwas kleineren Drohnen werden selbst als Waffe eingesetzt und mit einer Spreng­ladung bestückt, die sie dann in das Ziel fliegen oder im Zielgebiet abwerfen. Sie bie­ten neben der Kostenersparnis den großen Vorteil, dass sie keine Rücksicht auf die menschlichen Bedürfnisse in einem Cockpit nehmen müssen und dadurch größeren Gefahren ausgesetzt werden können. Neu­erdings lässt sich ein Teil der Drohnen aus der »first person view« fliegen, was sie nicht nur schneller, sondern auch zielsicherer macht. Frankreich hat im Juli 2023 eine Drohnenflugschule eröffnet, um in diesem Bereich schnelle und sichtbare Fortschritte zu ermöglichen. Eine Kooperation und eine Intensivierung des Austauschs mit Partnern über den Einsatz unbemannter Systeme können deren Erfolgschancen vergrößern.

Loitering-Munition – Die Bundeswehr muss auf dem Gefechtsfeld effektiver und durchschlagskräftiger werden. Ein mög­liches Mittel ist die Nutzung von Loitering-Munition, die mehrere Vorteile hat. Einer­seits kann sie gestartet werden, ohne dass dafür schweres Großgerät wie Haubitzen genutzt werden muss, und dabei Ziele effektiv unter menschlicher Kontrolle bekämpfen. Anderseits kann sie auf dem Gefechtsfeld präziser als zum Beispiel ein Artilleriegeschoss zur Wirkung kommen, da sich ihre Zielbekämpfung bis kurz vor dem Einschlag stoppen lässt. Gleichzeitig lassen sich mit ihr Ziele genauer treffen, weil die Zeit zwischen dem Feuerbefehl und dem Einschlag im Ziel kürzer ist als zum Beispiel bei der Artillerie. In fast allen ver­bündeten Armeen wird diese neuartige Form von Munition bereits genutzt oder befindet sich im Prozess der Beschaffung. In der Bundeswehr gibt es noch keine kon­kreten Entscheidungen über eine Nutzung.

Fazit

Die deutschen Streitkräfte stehen vor der herausfordernden Aufgabe, mit begrenzten Ressourcen schnell an Leistungsfähigkeit zu gewinnen. Die Ausnutzung neuer tech­nischer Mittel schafft neue Handlungs­notwendigkeiten und ‑möglichkeiten, die ein enormes Potential bieten. Bisweilen fehlt es jedoch an einer kohärenten Nut­zungsstrategie und an Tempo bei der breit angelegten Einführung.

Durch eine konstruktive Zusammenschaltung des bisher genutzten Materials, neuer unbemannter Systeme und von Loi­tering-Munition ließe sich unter Einbin­dung von KI eine deutliche Überlegenheit herstellen. Trotz diverser Gefah­renquellen, die mit der Einführung von KI, unbemannten Systemen und Loitering-Munition ver­bunden sind, dürfen diese technologischen Schritte nicht zu langsam vollzogen oder gar gänzlich unterlassen werden. Die Fest­legung eines Anteils von zehn Prozent des Verteidigungsetats eigens für Digitalisierung, KI und neue technologische Entwicklungen eröffnet die Möglichkeit, die bis­herigen Verdrängungseffekte zu vermeiden, die große Rüstungsprojekte zu Lasten klei­nerer haben. Grundsätzlicher muss mit Blick auf die Zukunft der neuen Technologien die Maxime gelten: »Was die Maschine erledigen kann, muss sie erledigen, den Rest macht der Mensch«.

Oberstleutnant i. G. Torben Arnold ist Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik.

© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2024

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