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Restitution als Chance zum Dialog zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“

blog Joint Futures 13, 23.10.2023

Deutschland muss sich seiner Kolonialgeschichte stellen, das zeigen vor allem Forderungen zur Restitution. Kokou Azamede (Université de Lomé) und Andreas Mehler (Arnold-Bergstraesser-Institut) sehen darin eine Chance für tiefgreifendes interkulturelles Lernen. Doch bisher fehlt eine konsistente deutsche Politik.

 

In den letzten Jahren ist das öffentliche Bewusstsein für die Existenz von Sammlungen von Artefakten, tierischen, pflanzlichen Exponate und Ancestorial Remains in deutschen Museen stark gewachsen. Dies gilt sowohl für die deutsche Gesellschaft als auch für die Gesellschaften der ehemaligen deutschen Kolonien. Afrikanische Gemeinschaften sind überwiegend überrascht, teils auch schockiert von der Masse der Artefakte und der Humain Remains ihrer Vorfahren im „Besitz“ deutscher Institutionen. Afrikanischen Gemeinschaften, die Opfer von Plünderung, Diebstahl, Beschlagnahmung oder „Entführung“ ihrer Vorfahren geworden sind, wollen die ursprünglichen Beweggründe für solche „Sammlungen“ besser verstehen und sich ein Bild von Ausmaß und Spektrum in deutschen Museen zu machen.

Überraschung, teils auch Scham sind ebenso groß in der deutschen Gesellschaft. Denn: Deutschland hat seine Kolonialgeschichte lange Zeit verdrängt; nun wird es von ihr eingeholt. Gesellschaft und Politik sind gespalten in der Frage, wie sie mit diesem schweren und sensiblen Erbe umgehen soll (Kößler/Melber 2021).

Herausforderungen für die deutsche Afrikapolitik bestehen darin, 1. den unterschiedlichen Diskussionsständen in Afrika gerecht zu werden, 2. nicht erneut – in kolonialer Tradition – bevormundend aufzutreten, 3. Platz für dezentrale Initiativen zu lassen, aber den politischen Willen zur Restitution und zur Aufbereitung des deutschen Kolonialismus auch zentral zu dokumentieren.

Polarisierte Debatte und viele offene Fragen

In der hiesigen Debatte stehen sich zwei Positionen diametral gegenüber: Soll man (1) den Herkunftsgemeinschaften das zurückgeben, was ihnen unter oft schon damals illegalen, mindestens aber ungerechten und unmenschlichen Bedingungen genommen wurde? Oder (2) soll man sie zum Wohle der Museen und ihrer Besucher – oder gar der Menschheit, wie manche pathetisch behaupten - aufbewahren und so ihre Präsenz in den zumeist inzwischen umbenannten „Völkerkunde“-Museen rechtfertigen? Es besteht durchaus die Gefahr, dass die gegenwärtige Debatte zur Restitution für identitätspolitische oder revisionistische Zwecke instrumentalisiert wird und so zu neuen sozialen und Wertekrisen in der deutschen Gesellschaft führt.

Nicht geringer ist die Gefahr, dass Forderungen nach Restitutionen und ihre Durchführung zu politischen Vereinnahmungen in den ehemals kolonisierten Staaten führen. Aus der Perspektive der Herkunftsgemeinschaften: Wer soll, wer darf die beraubten Gemeinschaften in den Verhandlungen mit deutschen Stellen repräsentieren? Natürlich beanspruchen Regierungen diese Rolle, doch sie sind nicht umstandslos und überall hierzu legitimiert. Wie lassen sich vollkommen unvermeidliche Verzögerungen erklären, wenn Provenienzen nicht restlos geklärt sind – und zu wessen Lasten gehen diese Erklärungen?

Auch die umstandslose Rückgabe schafft Probleme – nicht nur, weil Aufnahmeoptionen nur selten geklärt sind. Die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria im Jahr 2022, am Ende aber die umstrittene Weitergabe der Güter an den Oba (politisches und rituelles Oberhaupt) des historischen Königreichs Benin, hat verdeutlicht, dass auch auf afrikanischer Seite Machtasymmetrien eine Rolle spielen. Restitutionen sind dazu geeignet, die historische Rolle einzelner Akteure in kolonialer und sogar vorkolonialer Zeit neu zu verhandeln.

Diese Rückgabe wurde von deutscher Seite in großer Geschwindigkeit vollzogen, sehr viel langsamer kommen Restitutionen in die ehemals eigenen Kolonien voran (grosso modo die heutigen Staaten Burundi, Kamerun, Namibia, Rwanda, Tansania und Togo). Ihr weiterer Verbleib in Deutschland könnte als Legitimierung der kolonialen Vergangenheit verstanden werden – symbolisiert durch die Aufbewahrung gestohlener, geplünderter oder unter fragwürdigen Bedingungen in einem kolonialen Kontext erworbener „Sammlungsgüter“. Gleichzeitig kann ihre vollständige Restitution umgekehrt dazu führen, dass in Deutschland eben nichts mehr daran erinnert, welche Enteignungen im Zuge kolonialer Verbrechen an afrikanischen Völkern vorgenommen wurden.

Wege der Restitution und ihre Herausforderungen

Deutschland wird in Afrika – möglicherweise mit der Ausnahme der aufgeladenen Beziehungen zu Namibia – als weitgehend selbstkritischer Partner in der Kolonialismus-Debatte angesehen. Die gegenwärtige deutsche Diskussion steht ganz unter dem Eindruck der Rückgabe der Benin-Bronzen. Diese sind aber kein repräsentativer Fall. Es steht außer Frage, dass die direkte deutsche Schuld an Verbrechen der Vergangenheit – also in den eigenen Kolonien – schmerzvoller einzugestehen ist, eventuell wird es dann auch noch zusätzlich um Reparationen gehen. Welche Wege können beschritten werden, um den Prozess der Aufarbeitung der Hintergründe kolonialer Sammlungen in Deutschland angemessen zu gestalten? Westafrika bietet dafür einige Beispiele:

Als der Präsident der Republik Benin, Patrice Talon 2016 an die Macht kam, machte er die Rückgabe des geplünderten und im Musée du quai Branly in Paris aufbewahrten Erbes des Königreichs Abomey (Agbome) zu einem zentralen Anliegen. Dies traf auf die grundsätzliche Zustimmung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der in einer Grundsatzrede in Ouagadougou im November 2017 Restitutionen in Aussicht stellte. Am 9. November 2021 unterzeichneten Talon und Macron im Élysée-Palast ein Abkommen über die Rückgabe von 26 Kulturgütern an die Republik Benin. Schon am nächsten Tag wurden die „Schätze“ in einer feierlichen Zeremonie und unter starker medialer Begleitung zurückgeführt.

In Cotonou wurde die Ankunft der Artefakte mit großem Pomp gefeiert. Sie wurden monatelang im Präsidentenpalast ausgestellt, um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, diese zu besichtigen. Allerdings stand kein geeigneter permanenter Aufbewahrungsort oder ein Museum bereit. Während einer Studienreise in das als Erinnerungsort konzipierte Museum „Maison du Brésil“ bzw. „Maison de Mémoire“ in Ouidah im März 2023 erfuhr einer der beiden Autoren, dass das ehemalige portugiesische Fort (1721) die 26 Kulturgüter aufnehmen soll (Interview mit Kurator Bertin Calixte Biah, Quidah 16.03.2023). Das Problem dabei: Ouidah liegt nicht im ehemaligen Königreich Abomey. Einige kritisieren bereits, dass die konkrete Urheberschaft der Kunstwerke verschleiert sei. Regierungsamtliches Vorgehen und die Bedarfe der betroffenen Gemeinschaften an Erinnerung stehen also nicht im Einklang.

Der politische und personalisierte Ansatz – ein „Deal“ zwischen zwei Präsidenten, der in Benin verfolgt wurde, um die Rückgabe zu erwirken, hat bisher nicht zu einer umsichtig abgestimmten, akzeptablen Restitution geführt, da er offenbar nicht von Anfang an von den direkt betroffenen Gemeinschaften begleitet wurde. Daher sehen wir derzeit Stillstand.

Auch in der ehemaligen britischen Kolonie Ghana wurden Artefakte geraubt und in Museen in London, u.a. dem Victoria and Albert Museum, aufbewahrt. Als die britische Regierung 2022 über einen langfristigen Verleih oder die Rückgabe einiger im Aschanti (Asante)-Königreich geraubter Schätze verhandelte, war eine der heiklen Fragen, ob die durch das Vereinigte Königreich zurückgegebenen Schätze in Ghanas Hauptstadt Accra oder in Kumasi, Zentrum des Aschanti-Reichs ausgestellt werden sollten. Der ehemalige Präsidentenberater und Historiker Ivor Agyeman-Duah forderte, dass die geraubten Asante-Artefakte an den Ort zurückgebracht werden, an dem sie beschlagnahmt wurden: "Es ist sinnvoll, dass sie in den Palast von Kumasi gehen." Aber sieht das die jetzige Regierung auch so?

In der Volta-Region, die ein Teil von Deutsch-Togo war und mit der Teilung der Kolonie nach dem Ersten Weltkrieg an die Kolonie Goldküste angegliedert wurde, hat die Akpini-Gemeinde von Kpando eine Anfrage auf Rückgabe einiger ihrer Artefakte eingereicht, die während der deutschen Kolonialzeit am Hof von König Dagadu beschlagnahmt worden waren. Von Anfang an hat die Gemeinschaft deutlich gemacht, dass es ihre Absicht ist, ihre Artefakte zurückzubekommen, um sie dort aufzustellen, wo sie entwendet wurden (Apoh/ Mehler 2021). Vertreter der Akpini sehen sie als wichtigste Symbole der Identität und des Zusammenhalts der Bevölkerung an. Die Vorfahren haben schweres Unrecht erlitten und können nur durch die Rückkehr besänftigt werden. Aus diesem Grund hat die Akpini-Gemeinde in Kpando die Initiative zu Verhandlungen über die Rückgabe ihrer Kulturgüter ergriffen – und nicht auf diejenige der Regierung Ghanas gewartet. Es ist sinnvoll, diesem Wunsch von deutscher Seite aus nachzugeben, aber Accra darf dabei nicht das Gesicht verlieren.

Diese Beispiele zeigen bereits zwei unterschiedliche Rückgabeansätze, die je nach Kontext zu verstehen, aber auch nach den Interessen der einen oder anderen Seite zu bewerten sind. Was sind aber die Vor- und Nachteile für den interkulturellen Dialog zwischen deutschen und afrikanischen Gesellschaften? Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit sind nicht die einzigen Kriterien. Wer profitiert, wenn die Frage der Rückgabe direkt entweder von der politischen Spitze auf der einen oder von der Basis der Gemeinschaft auf der anderen Seite gestellt wird?

Provenienz und Restitution als Chance  

Angesichts der angesprochenen Risiken und Herausforderungen ist es angebracht, die Vergangenheit zu re- und dekonstruieren. Oft sind simple Fakten umstritten. Besonders aber ist es das noch heute nachwirkende koloniale Erbe, das den Gesellschaften – den kolonisierten und den kolonisierenden - in einem Geist des offenen und aufrichtigen Dialogs „auf Augenhöhe“ und mit gegenseitigem Verständnis zur erneuten Beurteilung vorzulegen ist. Dieser Prozess setzt voraus, dass die Informationen zu „Sammlungsgütern“ in Deutschland auf den neuesten Stand gebracht werden, dass die Herkunft der Sammlungen aus dem kolonialen Erbe gemeinsam geklärt wird und dass gemeinsame Entscheidungen getroffen werden, die dann nicht nur auf dem Papier stehen. „Provenienzforschung mit Restitutionsperspektive“ wird also Geld kosten, aber sie bietet auch einmalige Chancen für die Völkerverständigung, gerade wenn man anerkennt, dass „Governance“ über Regierungen hinausgeht und möglichst viele “Stakeholder“ einschließen sollte, um dann auch nachhaltig zu sein.

Um eine „neue Beziehungsethik“ (Sarr/ Savoy 2018) zu schaffen, ist es wichtig, die Aktivitäten deutscher Institutionen zu stärken und zu diversifizieren, insbesondere in den ehemaligen Kolonien. Restitution ist nicht der einzige mögliche, aber der sichtbarste Beweis, um zu zeigen, dass die koloniale Attitüde des Wegnehmens (Extraktivismus) ein Ende hat.

Die Aktivitäten der deutschen Botschaften und Goethe-Institute sollten auf Initiativen ausgerichtet sein, die darauf abzielen, lokalen Gemeinschaften und Einrichtungen in Afrika und Deutschland einander näher zu bringen – und dies nicht nur in den jeweiligen Hauptstädten. Es bedarf der Debatten über die gemeinsame Geschichte und das gemeinsame Erbe.

Regelmäßige Treffen zwischen Akteuren der lokalen afrikanischen Gemeinschaften und ethnologischen Museen und Sammlungen in Deutschland sollten im beiderseitigen Interesse unterstützt oder sogar proaktiv organisiert werden. Denn bislang fehlt es auf deutscher Seite am Verständnis des kulturellen Kontexts und auch der politischen Bedeutung des Verlusts sowohl von „Ahnen“ als auch von spirituellen Gegenständen. Erfahrungen müssen dokumentiert werden, denn bislang gibt es noch keine „Best Practice“.

Wissenschaftsdiplomatie ist gut geeignet, diese Brücken über kollaborative Forschungsaktivitäten auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen herzustellen. Der Schwerpunkt muss dabei auf ehemaligen deutschen Kolonialterritorien liegen. Voraussetzung ist eine deutlich erleichterte Visavergabe an afrikanische Forscher*innen, die als Partner*innen und nicht Bittsteller*innen wahrgenommen werden sollten.

Zahlreiche deutsche Institutionen (politische Stiftungen, Museen, Forschungsförderungseinrichtungen, einzelne Landesregierungen) unternehmen bereits große Anstrengungen, um auf diesem Weg voranzukommen.

Eine konsistente Politik, die dennoch pragmatisch bleibt, fehlt aber bislang. Eine Anpassung an sehr unterschiedliche Realitäten in afrikanischen Gesellschaften ist notwendig, sonst läuft die Bundesregierung Gefahr, Kredit zu verspielen. Zu den wichtigen Parametern, die hier nur skizziert werden können, gehören: a) Legitimität der Akteure, die eine Rückführung fordern, b) politische, kulturelle und religiöse Bedeutung der Artefakte, und zwar c) für Gemeinschaften bzw. präkoloniale Staaten und heutige Nationen, d) das Ausmaß der (kolonialen) Gewalt in der Aneignung durch deutsche Einrichtungen. Finanzielle Mittel für die auswärtige Kulturpolitik dürfen gerade jetzt nicht gekürzt werden, aber sie sollten auch auf Restitutionen und ihren Kontext konzentriert werden.

Der Bundestag muss sich viel intensiver mit dem Thema befassen, ein Rahmengesetz verabschieden, das aber lokalen Initiativen nicht entgegensteht. Die Bundesregierung muss das im Koalitionsvertrag gemachte Versprechen der Aufbereitung des deutschen Kolonialismus endlich sichtbar umsetzen.

Deutschland hat die Chance - und als weniger der Einflusspolitik verdächtiger Akteur vielleicht bessere Chancen als andere -, ein auf gegenseitigem Respekt, Toleranz, kooperativer Forschungspraktik und Bereitschaft zum Teilen beruhendes Zusammenleben in der Weltgemeinschaft zu befördern. Restitution stellt hierfür ein sehr geeignetes Themenfeld dar: die Chancen überwiegen die (realen) Herausforderungen.

Die Verantwortung für die in den Beiträgen und Interviews vorgetragenen Inhalte, Meinungen und Quellen liegt bei den jeweiligen Autor*innen.

Dr. Kokou Azamede ist Germanist und Historiker. Er lehrt an der Universität Lomé (Togo) Kulturwissenschaft und ist Träger des Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis. Er ist Mitglied in den Akademischen Beiräten des Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA) und des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK)

Prof. Dr. Andreas Mehler ist Politologe und Direktor des Arnold-Bergstraesser-Institutes. Er lehrt an der Universität Freiburg und leitet dort das Africa Centre for Transregional Research. Er ist Projektverantwortlicher des vom BMBF geförderten MIASA.

Beide Autoren waren beteiligt an einem vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste finanzierten Projekt mit dem Titel „Reziprok, interdisziplinär und transparent: Provenienzforschung mit Restitutionsperspektive im kolonialen Kontext - Zum angemessenen Umgang mit einer Sammlung menschlicher Überreste am Beispiel der Alexander-Ecker-Sammlung in Freiburg“.