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Der Iran-Krieg verschiebt die globalen Kräfteverhältnisse: Teheran zeigt Resilienz, Israel gewinnt Zeit, verfehlt aber zentrale Kriegsziele – und die USA verharren im Dilemma. Welche Folgen das für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft hat, legt dieses 360 Grad dar. 

Die Koordination hat Peter Lintl übernommen.

Iran: Widerstand statt Wandel

Acht Wochen nach Ausbruch des Krieges steht Teheran materiell geschwächt, aber strategisch gestärkt da. Israelische und US-amerikanische Luftangriffe haben große Teile der Atom-, Raketen- und Marinekapazitäten zerstört, zivile Infrastruktur beschädigt und Kriegsschäden in dreistelliger Milliardenhöhe verursacht. Doch obwohl ein Regimewechsel in Aussicht gestellt wurde, konnte Teheran bislang sein oberstes Kriegsziel wahren: den Systemerhalt. 

Dabei folgt die iranische Kriegsstrategie einem seit Jahren angekündigten Eskalationsmuster: anhaltende Raketen- und Drohnenangriffe auf israelische und US-amerikanische Ziele, Vergeltungsschläge gegen Nachbarstaaten in der Region sowie die Behinderung des Seeverkehrs im Persischen Golf. Mit der Internationalisierung des Konflikts treibt Teheran die Kosten auch für bislang unbeteiligte Staaten in die Höhe und erhöht damit den Druck auf Washington. Wer Iran angreift oder Basen für Militärschläge zur Verfügung stellt, riskiert nicht nur Raketenbeschuss, sondern auch Störungen auf globalen Energiemärkten und wesentlichen Handelsrouten. 

Die Nutzung der Straße von Hormus als ökonomische Waffe hat sich dabei als besonders effektiv erwiesen. Erstmals seit dem Iran-Irak-Krieg sammelte Teheran Erfahrung mit der operativen Umsetzung einer faktischen Blockade. Der jetzige Krieg hat dieses Mittel von einer theoretischen Option zu einem einsatzerprobten Instrument werden lassen, das auf absehbare Zeit fester Bestandteil des iranischen Abschreckungsarsenals bleiben dürfte. Damit hat Iran zusätzliche Verhandlungsmasse für laufende Gespräche mit den USA gewonnen. 

Die Resilienz des Systems hat die Islamische Republik in ihrem Selbstverständnis als unüberwindbare Regionalmacht bestärkt. Die Botschaft ist klar: An Iran führt in der Region sicherheitspolitisch und ökonomisch kein Weg vorbei. Dies bringt insbesondere die arabischen Golfstaaten in die Bredouille. Denn Irans Bedeutung wächst: einerseits als sicherheitspolitische Bedrohung und andererseits als unverzichtbarer Ansprechpartner, mit dem sie sich arrangieren müssen. 

Während Irak, Libyen und Afghanistan unter militärischem Druck kollabierten, konnte Teheran seine politische und militärische Handlungsfähigkeit erhalten und sogar teilweise ausbauen. In einer modernen Informationskampagne inszeniert sich das Land als erfolgreicher Herausforderer einer Supermacht und als Speerspitze globalen Widerstands gegen Israel und die USA. 

Doch noch ist der Krieg nicht vorbei. Der Waffenstillstand bleibt fragil, eine Konfliktlösung nicht in Sicht, und Irans ökonomischer Stresstest steht erst noch bevor. Der Unmut der Bevölkerung steigt, und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind nachhaltig beschädigt. Teherans strategische Erfolge sind teuer erkauft, aber die Führung scheint entschlossen, den Preis weiter zu zahlen. 

Israel: Von Abschreckung zu offensiver Prävention

Israels Situation nach dem Krieg mit Iran ist ambivalent: Die Tötung von Ali Khamenei sowie führender Militärs und Nuklearexperten, die massive Zerstörung militärisch-industrieller Kapazitäten und die deutliche Reduktion ballistischer Raketenarsenale haben Iran nachhaltig geschwächt. Die demonstrierte Lufthoheit sichert Israel und den USA prinzipiell die Fähigkeit zu wiederholten Schlägen. In diesem Sinne hat Israel Zeit gewonnen. 

Gleichzeitig bleiben zentrale Ziele unerreicht. Ein Regimewechsel ist ausgeblieben, die Machtstrukturen in Teheran bestehen fort. Das nukleare Know-how und spaltbares Material sind nicht vollständig beseitigt. Zudem hat Iran durch die temporäre Blockade der Straße von Hormus seine Fähigkeit bewiesen, globalen wirtschaftlichen Druck auszuüben. Unklar bleibt, wie nachhaltig Irans Fähigkeit zur Machtprojektion über regionale Verbündete tatsächlich eingeschränkt wurde. Schließlich offenbart der Krieg eine strukturelle Abhängigkeit Israels von den USA – militärisch wie diplomatisch, und besonders ausgeprägt unter Präsident Donald Trump. 

Diese gemischte Bilanz verweist auf eine tiefgreifende Verschiebung im israelischen strategischen Denken seit dem 7. Oktober. Die Region gilt nicht länger als ein Umfeld, in dem Konflikte eingedämmt und zyklisch begrenzt werden können, sondern als Raum existenzieller Bedrohungen, die umfassend und unmittelbar bekämpft werden müssen. Frühere Strategien setzten auf Abschreckung und periodische Eskalationsdominanz, oft als »Mowing the Lawn« bezeichnet. An ihre Stelle tritt zunehmend eine Logik offensiver Prävention: Existenzielle Bedrohungen sollen nicht mehr eingehegt, sondern im gegnerischen Territorium bekämpft und eliminiert werden. 

Daraus ergibt sich eine politische Vision, die auf eine »Dominanzbefriedung« abzielt: Sicherheit soll durch militärische Überlegenheit, wiederholte massive Eingriffe und durch Regimewechsel hergestellt werden. Eine Konsequenz dieses Denkens ist auch, dass Fragen der Proportionalität bei der Kriegsführung in den Hintergrund treten. Verbunden ist dies mit der Erwartung, dass sich dadurch regionale Normalisierungseffekte nach dem Prinzip »Frieden durch Stärke« ergeben. 

Gerade hier liegen jedoch die blinden Flecken der Strategie. Das Axiom, dass Bedrohungen kurzfristig beseitigt werden müssen, ersetzt eine konkrete Zieldefinition. Strategische Planung wird durch Hoffnung auf Transformation überlagert, ohne klare Pfade dorthin aufzuzeigen. Rückschläge führen dann nicht zu Anpassung, sondern zu einer Intensivierung desselben Handlungsmusters. In der Konsequenz entsteht ein politischer Rahmen, der auf Dauerkonfrontation ausgerichtet ist – und damit Gefahr läuft, genau jene Unsicherheiten zu reproduzieren, die er zu überwinden sucht.

USA: Die lange Suche nach dem Exit

Der Krieg gegen Iran hat ein zentrales Dilemma der US-amerikanischen Nahost-Politik verschärft. Einerseits verlangt die Wahrung zentraler amerikanischer Interessen – Nichtverbreitung, Energiezugang, Terrorismusbekämpfung und der Schutz Israels – ein fortgesetztes sicherheitspolitisches Engagement. Bereits seit 1980 verfolgt Washington offiziell das Ziel, die Machtbalance am Persischen Golf zu kontrollieren und die Dominanz rivalisierender Akteure zu verhindern. Dieses Ziel prägt die Politik nachfolgender US-Administrationen bis heute und findet sich auch in der Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) der Trump-Regierung vom November 2025 wieder. Andererseits hat sich ein überparteilicher Konsens herausgebildet, wonach die USA »endlose Kriege« vermeiden und Ressourcen nach Asien verlagern sollen. Die Auflösung dieses Dilemmas – Einfluss zu wahren und zugleich einen Rückzug zu ermöglichen – hängt maßgeblich von der künftigen Rolle Irans ab. 

Die Schwächung Irans und dessen »Achse des Widerstandes« seit dem 7. Oktober 2023 sowie die Massenproteste Anfang 2026 haben aus Sicht Israels und der USA ein Gelegenheitsfenster eröffnet, die Iran-Frage ein für alle Mal militärisch zu entscheiden. Trump witterte dabei offensichtlich auch eine Chance, in die Geschichtsbücher als derjenige Präsident einzugehen, der, wie er es formulierte, den seit 47 Jahren andauernden »Krieg« mit Iran beendete. Bislang ist dieses Kalkül nicht aufgegangen. Der Krieg hat die USA vielmehr gezwungen, Truppen und Militärgerät am Golf auszubauen, während ein Ende der Konfrontation nicht absehbar ist. Operative Erfolge konnten nicht in einen strategischen Sieg übersetzt werden, der Teheran dauerhaft eindämmen oder zu einer Verhaltensänderung zwingen würde. 

Stattdessen hat der Krieg die Position der USA im regionalen und globalen Gefüge geschwächt – und das auf mehreren Ebenen. Er hat einmal mehr die Grenzen der amerikanischen Militärmacht offengelegt. Er zeigt, dass die Kontrolle der Rohstoffe in der Region in weiter Ferne liegt, und dass die amerikanische Wirtschaft trotz der heimischen »Fracking-Revolution« gegenüber Preissteigerungen auf den globalen Energiemärkten keineswegs immun ist. Die Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten sind erneut stark belastet, wenngleich diesen Ländern weiterhin eine glaubwürdige Alternative zu den US-Sicherheitszusagen fehlt. Schließlich hat der Iran-Krieg die geopolitische Flanke Amerikas gegenüber China weit geöffnet. Sollte der Konflikt an der Schwelle zum Krieg andauern bzw. in einen instabilen Schwebezustand übergehen, werden militärische und politische Ressourcen zulasten des Wettbewerbs mit Peking auf längere Sicht gebunden. 

Saudi-Arabien: Zurückhaltung und Suche nach neuen Partnern

Seit 2019 setzte Saudi-Arabien im Verhältnis zu Iran auf Entspannung. Auslöser war ein iranischer Angriff auf saudische Ölanlagen im September 2019, der der Führung in Riad vor Augen führte, wie verwundbar ihre Energieinfrastruktur war. Die Entspannung war umso wichtiger, als Riad im Jahr 2016 die Vision 2030 ins Leben gerufen hatte, ein Reformprogramm, zu dem auch gigantische Bau- und Infrastrukturprojekte gehören und das zum mit Abstand wichtigsten Vorhaben der saudischen Politik wurde. Iran reagierte ab 2022 positiv auf die Entspannungssignale. Zunächst beruhigte sich die Lage im Jemen, wo Saudi-Arabien seit 2015 Krieg gegen die mit Iran verbündeten Ansarullah (»Huthis«) führte, die das Königreich mit immer weitreichenderen Flugkörpern beschossen hatten. Im März 2023 normalisierten Riad und Teheran ihre Beziehungen. 

Der Krieg 2026 ließ den Entspannungskurs gegenüber Teheran scheitern, denn Iran beschoss auch Saudi-Arabien mit Raketen und Drohnen. Es handelte sich aus saudischer Sicht um ein Worst-Case-Szenario, denn die Attacken auf die Ölanlagen aller Art und die anschließende Sperrung der Straße von Hormus bedrohten die wirtschaftlichen Grundlagen des Königreichs. Zwar verfügt Saudi-Arabien über eine Pipeline in Richtung des Roten Meeres, doch können auf diesem Weg maximal etwa fünf Millionen Barrel pro Tag, also etwa die Hälfte der Vorkriegsförderung, exportiert werden. Hinzu kommt, dass auch das Rote Meer nicht sicher ist. Die mit Iran verbündeten Huthis können jederzeit versuchen, seinen Südausgang für Tanker zu sperren. 

Zurzeit befindet sich die saudische Politik noch im Krisenmodus; sie versucht fieberhaft, die Infrastruktur des Landes durch eine verbesserte Flugabwehr zu schützen. Öl wird vor allem über das Rote Meer exportiert, und die gestiegenen Preise sorgen dafür, dass sich die Einnahmeverluste trotz verringerter Exporte in Grenzen halten. Bisher beteiligt sich Saudi-Arabien nicht am Krieg, was dafür spricht, dass es die Entspannungspolitik gegenüber Iran nach Kriegsende wiederaufnehmen könnte. Die Grundlinien saudischer Außenpolitik werden sich aller Voraussicht nach nicht ändern. Der gegenwärtige Krieg wird aber dazu führen, dass Riad weiter versuchen wird, unabhängiger von den USA zu werden und seine Beziehungen zu China und Russland auszubauen. Hinzu kommt, dass sich Saudi-Arabien nach neuen Partnern umsieht, um sich besser vor Iran und neuerdings auch vor Israel zu schützen. Es sucht vor allem die Nähe Pakistans, mit dem es schon 2025 ein Verteidigungsabkommen geschlossen hat. 

Libanon: Balanceakt zwischen Entwaffnung der Hisbollah und israelischer Besatzung

Seit Anfang März ist der Libanon – neben dem Persischen Golf – zum Hauptschauplatz der regionalen Konfrontation zwischen Israel und der von Iran geführten »Achse des Widerstands« geworden. Für die libanesische Regierung bedeutet das einen schwierigen Balanceakt: Sie versucht zugleich, sich aus der Umklammerung Irans zu befreien und eine dauerhafte israelische Militärpräsenz im Südlibanon zu verhindern. Im Zentrum steht dabei die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols – sowohl gegenüber Israel als auch gegenüber der libanesischen Hisbollah.

Die Hisbollah, Irans engster nichtstaatlicher Verbündeter, hatte den Libanon in den Krieg hineingezogen, als sie in Vergeltung für die Tötung von Ali Khamenei Israel mit Raketen angriff. Damit brach der ohnehin brüchige Waffenstillstand vom November 2024 zusammen. In dessen Rahmen hatte Israel, basierend auf Nebenabreden mit den USA, fünf Militärposten im Süden des Landes beibehalten und war weiter militärisch gegen die Hisbollah vorgegangen. UNIFIL stellte allein im ersten Jahr des Waffenstillstands mehr als zehntausend Verstöße, überwiegend von israelischer Seite, fest. 

Der von US-Präsident Trump in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2026 auferlegte Waffenstillstand sowie erste direkte Gespräche zwischen Israel und Libanon seit Jahrzehnten bieten die Chance auf einen langfristigen Waffenstillstand, die Regelung offener Fragen im bilateralen Verhältnis und eine mögliche Normalisierung der Beziehungen. Syrien dürfte dabei unter der neuen Führung nicht mehr als Störfaktor auftreten. Gleichwohl ist ein Erfolg keineswegs garantiert. Hauptstolpersteine bleiben die Entwaffnung der Hisbollah und die israelische Militärpräsenz im Südlibanon.

Zwar kann sich Libanons reformorientierte Regierung mit ihrem Ansatz auf einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung stützen. Auch ist die Hisbollah durch die israelischen Angriffe deutlich geschwächt; mit dem Fall des Assad-Regimes hat sie zudem einen zentralen Unterstützer verloren. Dennoch kommt für Libanons Regierung eine militärische Entwaffnung der »Partei Gottes« nicht in Frage. Denn dies könnte nicht nur dazu führen, dass die Armee entlang konfessioneller Linien zerfällt, sondern auch dazu, dass das Land erneut in Gewalt abgleitet. Iranische Offizielle und Hisbollah-Vertreter haben bereits unverhohlen gedroht. Eine verhandelte Entwaffnung dürfte nur gelingen, wenn Israel sich aus dem Libanon zurückzieht und die aus dem Süden vertriebene, überwiegend schiitische Bevölkerung überzeugende Zusagen für Rückkehr, Schutz und Wiederaufbau erhält. Eine andauernde israelische Militärpräsenz im Süden, die Zerstörung von Dörfern und andauernde Vertreibungen dürften hingegen nicht nur Verhandlungen erschweren, sondern auch den Nährboden für ein Wiedererstarken der Hisbollah bieten. 

Russland: Geringer Spielraum großer Gewinn?

Russland war einmal eine tonangebende Großmacht im Mittleren Osten. Seine Intervention in Syrien rettete 2015 die Diktatur Baschar al-Assads. Als sich das Verhältnis zum Westen wegen der Aggression gegen die Ukraine verschlechterte, baute Moskau seine Beziehungen zu den Staaten des Mittleren Ostens und der Golfregion aus. Nach der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 half dies gegen die internationale Isolation. Iran wurde dabei zum besonders bedeutenden Partner: Teheran lieferte Russland 2022 und 2023 Shahed-Drohnen. 2025 schlossen beide Länder ein umfassendes Partnerschaftsabkommen und erklärten, gemeinsam auf eine neue, post-westlichen Weltordnung hinzuarbeiten.

Heute steht Russland im Mittleren Osten am Spielfeldrand. 2024 konnte Moskau dem gestürzten syrischen Diktator nur noch Asyl anbieten. Dem erneuten Angriff auf Iran hatte es nichts entgegenzusetzen. Die Trump-Administration agiert ohne jede Rücksicht auf russische Interessen in der Region: Amerikanische und israelische Bomben haben russische Objekte in Iran beschädigt. Der Krieg gefährdet wichtige russisch-iranische Infrastrukturprojekte und belastet Russlands Beziehungen zu den Golfstaaten. Moskaus vorsichtige Vermittlungsangebote wurden von allen Seiten ignoriert. Das schadet Russlands internationalem Ansehen und widerspricht dem Selbstbild des russischen Regimes als Großmacht in einer multipolaren Welt. Moskau hat sich durch seinen eigenen Krieg gegen die Ukraine so stark gebunden, dass es in der wichtigsten Region außerhalb seiner unmittelbaren Nachbarschaft kaum noch Einfluss ausüben kann.

Freilich könnte die Verflechtung der Kriege gegen Iran und in der Ukraine Russlands am Ende doch nützen. Moskau profitiert von gestiegenen Ölpreisen, gelockerten amerikanischen Ölsanktionen und der Verschwendung von Flugabwehrraketen, die für die Ukraine überlebenswichtig sind. So kann es seinen eigenen Vernichtungskrieg zumindest vorerst ungestört von den genannten Friedensinitiativen Trumps weiterführen. Wichtiger ist jedoch, dass sich die USA mit dem Angriff auf Iran selbst in die Enge getrieben haben. Moskau stellt Iran Satellitendaten zur Zielaufklärung zur Verfügung und unterstützt Teheran in den Vereinten Nationen sowie in Form von Rüstungskooperation. Es tut das wenige, was in seiner Macht steht, um das Regime in Teheran und den iranischen Widerstand gegen die USA aufrechtzuerhalten. Langfristig könnte die amerikanische Selbstschwächung Russland in die Lage versetzen, seine Ziele in der Ukraine, in Europa und in der Welt zu erreichen. Ob es so kommt, entscheidet sich in Teheran, Washington und Jerusalem. Russland hat darauf keinen Einfluss.

China: Einflussgewinn durch Zurückhaltung

Vor dem Iran-Krieg war China in seiner von wenigen Selbstzweifeln geprägten Eigenwahrnehmung auf dem Weg zur Weltmacht. Peking war dabei bemüht, die Volksrepublik als stabilisierende, neutrale Macht darzustellen, die westliche Interventionen ablehnt und stattdessen für das Prinzip der Nichteinmischung eintritt. China strebte nach globalem Einfluss, ohne zugleich die Verantwortung der bestehenden Weltmacht USA übernehmen zu wollen. Stattdessen ging die chinesische Staatsführung dort in die Offensive, wo es ihren Interessen diente.   

Der Iran-Krieg dürfte China in dieser Eigenwahrnehmung bestätigt haben. In dem Krieg erscheint Peking eine strategische Zurückhaltung vorteilhafter als eine offensive Politik. So konfrontiert China die USA nicht frontal, unterstützt Iran nicht offensiv und versucht so, die Beziehungen zu den Golfstaaten nicht zu gefährden. Bislang ist China diese Balance gelungen. Es wird von manchen Experten sogar als Gewinner des Krieges bezeichnet.

Tatsächlich dürfte China in vielerlei Hinsicht zu den Nutznießern zählen: Angesichts der chaotischen US-Politik erscheint Peking anderen Staaten des Globalen Südens – und auch in Europa – derzeit als die verlässlichere Weltmacht. China kann auch darauf spekulieren, dass sich die strategischen Kräfteverhältnisse in Ostasien zugunsten der Volksrepublik verschieben werden. Eine im Mittleren Osten gebundene US-Administration dürfte wenig Interesse an einer Auseinandersetzung um die Vorherrschaft im Indo-Pazifik haben. Peking könnte nun darauf hinarbeiten, seinen Einfluss im Ost- und Südchinesischen Meer weiter auszubauen. Ganz sicher kann sich die Volksrepublik allerdings nicht sein: Ob Washington seine Interessen in der indopazifischen Region zurückstellt, bleibt offen. Einen Indikator könnte das geplante Treffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping liefern. 

Auch im Mittleren Osten kann China sich nicht sicher sein, dass sich seine Politik der Zurückhaltung langfristig auszahlt. Peking hat bislang wenig Engagement gezeigt, um einen Waffenstillstand zu erreichen oder die Straße von Hormus wieder für die internationale Schifffahrt zu öffnen – und stimmte sogar gegen eine von Bahrain eingebrachte UN-Resolution. Die Volksrepublik spielt damit bislang nicht die Rolle, die einer Weltmacht in der Region zugeschrieben würde, und riskiert so an Profil zu verlieren. Erschwerend kommt hinzu, dass Peking weiterhin mit einer unberechenbaren US-Administration umgehen muss. Dass China als Gewinner aus dem Iran-Krieg hervorgehen wird, ist also keineswegs ausgemacht. 
 

Die Weltwirtschaft: Lieferketten und Finanzsysteme unter Druck

Die Blockade der Straße von Hormus bedeutet nach der volatilen Zollpolitik der USA eine weitere schwere Erschütterung für die Weltwirtschaft. Diese Entwicklung geht weit über eine reine Ölkrise hinaus: Sie zwingt die Weltwirtschaft zu einem Paradigmenwechsel – weg von kostenoptimiertem Just-in-Time-Denken, hin zu einem resilienten Just-in-Reach-Ansatz, der die Versorgungssicherheit in den Vordergrund stellt. 

Die Folgen strahlen weit über den Energiesektor hinaus. Eine Kettenreaktion erfasst den Transportsektor und macht auch vor der Düngemittelproduktion nicht Halt. Gewinner der Krise sind Rohstoffexporteure außerhalb des Nahost-Risikogebietes, darunter die USA, Norwegen, Kanada und Australien. Hinzu kommen einzelne eurasische Lieferanten, die auf alternative Handelsrouten und bestehende Pipeline-Infrastrukturen zurückgreifen können. Der Ruf des Mittleren Ostens als stabiler Energie- und Investitionshub dürfte nachhaltig beschädigt sein. 

Die Bilanz für die größten Volkswirtschaften bleibt jedoch uneinheitlich. China könnte trotz der Störungen im Seehandel von der steigenden Nachfrage nach eigenen kohlenstoffarmen Technologien und einem Inflationsimpuls profitieren, der den Deflationsdruck mildert. In den USA hingegen treiben höhere Kraftstoffpreise die Inflation in die Höhe und erhöhen die Risiken für den Finanzsektor. Parallel dazu wächst der Druck auf das dollarbasierte Finanzsystem zugunsten regionaler und digitaler Alternativen, wie etwa mBridge oder Kryptoaktiva.

Die Krise beschleunigt die Abkehr von fossilen Brennstoffen in den Bereichen Energie und Transport – zunehmend primär motiviert durch Sicherheitsaspekte und nicht durch Klimaschutz. Dieser Prozess zeigt sich in der Elektrifizierung des Verkehrs, der Logistik sowie im Ausbau von Energiespeichern. Er verläuft jedoch zutiefst ungleichmäßig: Während entwickelte Volkswirtschaften die Transformation forcieren, bleiben viele Schwellenländer von billigeren, emissionsintensiveren und geopolitisch risikoreicheren Energiequellen abhängig.

Die Welt verabschiedet sich von der Ära niedriger Inflation. Kosten für Energie, Versicherungen und den Aufbau strategischer Reserven werden dauerhaft in die Produktpreise eingepreist. Die daraus resultierenden steigenden Zinsen auf Staatsschulden werden unweigerlich tiefgreifende politische und soziale Konsequenzen haben. Während die staatlichen Finanzspielräume weiter eingeschränkt werden, droht die sinkende Kaufkraft soziale Spannungen zu verschärfen.

Die Krise kann die Zentralbanken weltweit vor ein klassisches Dilemma stellen: Soll ein höheres Preisniveau in Kauf genommen werden, oder soll die Geldpolitik auf Kosten des Wirtschaftswachstums gestrafft werden? In der Praxis bedeutet dies eine größere Volatilität der Zinssätze und ein steigendes Risiko geldpolitischer Fehlentscheidungen. Die Weltwirtschaft rutscht in einen weniger vorhersehbaren, politisch instabileren, weniger effizienten und stärker fragmentierten Zustand ab.

Zitiervorschlag

Zitiervorschlag 360 Grad gesamt:

Peter Lintl (Koord.), Der Iran-Krieg und seine Folgen – für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 30.04.2026 (360 Grad)

Zitiervorschlag einzelner 360 Grad-Beitrag:

Azadeh Zamirirad, Iran: Widerstand statt Wandel, in: Peter Lintl (Koord.), Der Iran-Krieg und seine Folgen – für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, 30.04.2026 (360 Grad)

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