Elitenwandel und neue soziale Mobilisierung in der arabischen Welt (abgeschl.)

Die aktuellen Umbrüche in der arabischen Welt bilden eine historische Zäsur in den Beziehungen zwischen den arabischen Gesellschaften und den autokratischen Systemen, die in weiten Teilen der Region die politische Kultur der letzten Jahrzehnte geprägt haben. Erstmals ist es gelungen, die auf loyale Sicherheitsapparate und scheinbar stabile Elitenkoalitionen gegründete Machtposition mehrerer arabischer Regime durch Mobilisierung weiter Teile der Bevölkerung herauszufordern. Die Umwälzungen in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und im Jemen strahlen dabei auch auf Länder aus, in denen solche Bewegungen noch nicht oder erst im Ansatz erkennbar sind. Denn auch dort sehen sich die Machthaber vor der Herausforderung, ihre Position gegenüber zunehmend emanzipierten Gesellschaften neu zu legitimieren.

Dabei bleibt bislang offen, ob der erfolgte Führungswechsel in einigen Ländern tatsächlich einen Regimewechsel konstituiert und in wieweit es zu einem umfassenden Elitenwechsel kommt. Handelt es sich lediglich um eine Rotation innerhalb der existierenden politischen Eliten oder beobachten wir die Einbindung neuer Akteure? Wer genau sind diese neuen Akteure, können sie nachhaltig Einfluss nehmen, wie verhalten sie sich zu den bisherigen, nach wie vor in den Machtstrukturen vertretenen Eliten? Schafft politische Mobilisierung eine integrative nationale Identität, oder bereitet sie den Boden für Populismus, Radikalisierung und die Verschärfung existierender Konflikte? Führt dies zur Umsetzung veränderter politischer Ordnungsvorstellungen? Ergeben sich Alternativen zu der lange vertretenen Gleichsetzung von autoritären Regimen und Stabilität? Schließlich: In welcher Form können externe Akteure wie Deutschland und die EU die Transformation der politischen Systeme in der Region konstruktiv begleiten?

Zur Bearbeitung der oben aufgeworfenen Fragen knüpft das Forschungsvorhaben an das in den Jahren 2001-03 an der SWP durchgeführte Projekt "Elitenwandel in der arabischen Welt" an. Es ist in der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika angesiedelt und soll die von der Bundesregierung aufgelegten Transformationspartnerschaften mit Ländern des Nahen/Mittleren Ostens analytisch unterfüttern und forschend und politikberatend begleiten. Die spezifischen Bedingungen in den als Fallstudien in Frage kommenden Ländern (Ägypten, Jemen, Kuwait, Libyen, Syrien, Tunesien, eventuell auch Jordanien und Marokko) bieten eine breite empirische Basis für ein fundiertes konzeptionellen Verständnisses der Umbrüche in der arabischen Welt.

Projektlaufzeit: 2012-2015

Projektleitung: Dr. Muriel Asseburg

Projektkoordinator: Heiko Wimmen

Forschungsassistenz: Amina Arabi

Projektassistenz: Barbara Heckl

Fellows und Mitarbeiter/innen

Alle Projektpublikationen finden Sie hier. Im Rahmen des Projekts wird außerdem das SWP-Themendossier »Umbruch in der arabischen Welt« regelmäßig überarbeitet.

Projektförderung: Das Projekt wird gefördert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes im Rahmen der Transformationspartnerschaften mit der arabischen Welt sowie der Robert Bosch Stiftung, und kooperiert mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Studienwerk der Heinrich Böll Stiftung sowie dem Institut für Begabtenförderung der Hanns-Seidel-Stiftung und der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Sonderausgabe von »Mediterranean Politics«

“Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World”, Mediterranean Politics, 2016, Bd. 21, Nr. 1

Herausgegeben von Muriel Asseburg und Heiko Wimmen

Die Sonderausgabe der Zeitschrift Mediterranean Politics analysiert die Transformationsprozesse, die 2011 in Ägypten, Libyen, Tunesien und dem Jemen eingeleitet wurden. Die Beiträge gehen dabei davon aus, dass diese Prozesse nicht als lineare Übergänge von autoritären Ordnungen hin zu vorgefassten Ergebnissen zu verstehen sind, sondern als ergebnisoffene und umkämpfte Aushandlungsprozesse. Die Autorinnen und Autoren nehmen eine akteurszentrierte Perspektive ein, in der die „Politisch Relevante Elite“ (PRE) und ihre Interaktion mit der politisch aktiven Bürgerschaft, die als „Mobilisierte Öffentlichkeiten“ beschrieben wird, im Mittelpunkt stehen. Basierend auf intensiver Feldforschung analysieren acht Einzelbeiträge diese Dynamiken in den genannten Ländern im Detail, jeweils einmal aus der Perspektive der PRE und einmal aus der der Mobilisierten Öffentlichkeiten. Der einleitende Beitrag präsentiert den konzeptionellen Rahmen und argumentiert – aufbauend auf der Analyse der Fallstudien –, dass die (neu konfigurierte) PRE in allen vorliegenden Fällen die Transformationsprozesse zur Maximierung politischer Ressourcen und zur Monopolisierung von Macht zu nutzen suchte. Die hieraus folgenden politischen Grabenkämpfe polarisierten auch die Gesellschaften und erleichterten damit die Kooptation und Instrumentalisierung Mobilisierter Öffentlichkeiten durch die PRE. In Folge verringerten sich die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung zusehends. Während Ägypten und Tunesien erneut durch Top-down-Kontrolle geprägt sind, wenn auch mit deutlich unterschiedlichem Ausmaß von Repression; herrschen in Libyen und Jemen Bürgerkrieg und Staatszerfall vor. Der abschließende Artikel der Sonderausgabe zieht Schlussfolgerungen aus den empirischen Artikeln, ordnet sie in die akademische Debatte ein und verweist auf offene Forschungsfragen.

Muriel Asseburg, Heiko Wimmen

Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015); also published as book by Routledge, 2017.
Stephan Roll

Managing Change: How Egypt's Military Leadership Shaped the Transformation

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Nadine Abdalla

Youth Movements in the Egyptian Transformation: Strategies and Repertoires of Political Participation

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Wolfram Lacher

Libya’s Local Elites and the Politics of Alliance Building

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Rafaa Tabib

Mobilized Publics in Post-Qadhafi Libya: The Emergence of New Modes of Popular Protest in Tripoli and Ubari

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Amel Boubekeur

Islamists, Secularists and Old Regime Elites in Tunisia: Bargained Competition

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Anna Antonakis-Nashif

Contested Transformation: Mobilized Publics in Tunisia between Compliance and Protest

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Mareike Transfeld

Political Bargaining and Violent Conflict: Shifting Elite Alliances as the Decisive Factor in Yemen’s Transformation

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Atiaf Alwazir

Yemen’s Enduring Resistance: Youth Between Politics and Informal Mobilization

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).
Steven Heydemann

Explaining the Arab Uprisings: Transformations in Comparative Perspective

in: Mediterranean Politics (Special Issue "Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization in the Arab World"), 21 (2016) 1 (online versions October 2015).