Berlin, 23.07.2013

Sunniten gegen Schiiten. Der konfessionelle Gegensatz wird durch Machtpolitik geschürt

Guido Steinberg
Guido Steinberg

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Nahen Osten beruht auf alten religiösen Gegensätzen. Angeheizt wird er jedoch vor allem durch sunnitische Islamisten und die machtpolitisch motivierte Anti-Iranpolitik Saudi-Arabiens, meint Guido Steinberg.

Seit im Mai 2013 deutlich wurde, dass die libanesische Hizbullah im syrischen Bürgerkrieg auf Seiten des Assad-Regimes kämpft, ist immer häufiger die Rede von einem eskalierenden Religionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Auf der einen Seite stünden der schiitische Iran, die Hizbullah, das Alawitenregime in Damaskus und die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad, auf der anderen die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien, die Türkei, Katar und die sunnitischen Aufständischen in Syrien. Glaubt man der verbreiteten Darstellung, so seien der syrische Bürgerkrieg, die Proteste gegen die Zentralregierung im Irak und das schiitische Aufbegehren in Bahrain Teile eines tausend Jahre alten Konfliktes zwischen den beiden Glaubensrichtungen. Dieser Argumentation steht vor allem entgegen, dass Sunniten und Schiiten über weite Strecken der Geschichte friedlich zusammenlebten.

Diese verbreitete Darstellung vom Religionskrieg geht vor allem auf sunnitische Akteure in der Region zurück, bei denen antischiitische Ressentiments, ohne Unterscheidung verschiedener schiitischer Gruppen und Sekten, seit dem Irak-Krieg 2003 zunehmen. Die Schiitengegner im Nahen Osten glauben, dass Schiiten in arabischen Staaten nicht herrschen dürften, obwohl diese im Irak rund 60 Prozent, in Bahrain 50 bis 70 Prozent, im Libanon 35 bis 50 Prozent, in Kuwait 20 bis 30 Prozent, in den Vereinigten Arabischen Emiraten bis zu 20 Prozent und in Saudi-Arabien rund 10 Prozent der Bevölkerung stellen. Vielmehr müssten schiitische Regierungen wie in Syrien und im Irak sowie substaatliche Akteure wie die Hizbullah bekämpft werden.

Der Antischiismus der Salafisten und des saudi-arabischen Staates

Die wichtigsten Träger antischiitischen Gedankenguts sind salafistische Religionsgelehrte, Intellektuelle und Gruppen. Ihre Ideologie geht auf sunnitische Reformbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts zurück, die versuchten, ihre Gesellschaften durch eine Rückkehr zur Lebensweise der Zeit des Propheten und seiner Gefährten zu verändern. Ihre Rückbesinnung auf die Zeit der "frommen Altvorderen" bewirkte häufig, dass die alten Debatten über die Frage, ob die Kalifen der Sunniten oder die Imame der Schiiten die legitimen Nachfolger des Propheten Muhammad seien, neu entfacht wurden. Die meisten dieser Reformbewegungen, wie an erster Stelle die Wahhabiya in Arabien, halten die Schiiten für Ketzer, die lediglich behaupten, Muslime zu sein, und so die einzig wahre Religion von innen korrumpieren. Dies gilt auch für den Salafismus, der von der Wahhabiya beeinflusst wurde und seit den 1970er Jahren an Zulauf gewinnt. Seit Beginn des Arabischen Frühlings 2011 können die Salafisten sehr viel freier agieren als früher, die Bewegung scheint insgesamt anzuwachsen. Entsprechend gewinnen auch ihre antischiitischen Ressentiments an Bedeutung.

Die Zunahme der konfessionellen Feindseligkeiten hat eine weitere Ursache in der Politik Saudi-Arabiens, der heutigen Führungsmacht des sunnitischen Lagers. Seit der Islamischen Revolution in Iran 1979 wurde der Antischiismus des saudi-arabischen Staates – in dem die Wahhabiya als die offizielle Islaminterpretation gilt – zu einem regionalpolitischen Thema gemacht. Die Führung in Riad nimmt den schiitischen Iran als eine Macht wahr, die versucht, im Nahen Osten eine Hegemonialstellung einzunehmen. Den arabischen Schiiten unterstellt sie, eine "fünfte Kolonne" des schiitischen Nachbarn zu sein. Seit 1979 bemüht sich die saudi-arabische Führung deshalb, jeglichen Einflussgewinn der Iraner und damit jegliche Emanzipation der Schiiten in der arabischen Welt zu verhindern.

Das Zusammenspiel von Glaube und Macht im syrischen Bürgerkrieg

Während der Irak zwischen 2003 und 2008 zum Schlachtfeld der konfessionellen Auseinandersetzung wurde, geht sie in Syrien in eine neue Etappe. Glaube und Macht wirken vor allem auf sunnitischer Seite zusammen, denn die meisten aufständischen Gruppierungen vertreten einen religiös begründeten Antischiismus, den sie auf die herrschenden Alawiten beziehen, obwohl die meisten Schiiten die Alawiten als ketzerische Sekte betrachten. Damit ergänzen sie die machtpolitischen Interessen ihrer Unterstützer am Golf, denen es vor allem darum geht, den wichtigsten Verbündeten Irans im Nahen Osten zu stürzen. Beides zusammengenommen heizt die konfessionellen Spannungen weiter an. Schon heute ist der Nahe Osten zwischen den meist nicht-sunnitischen Unterstützern des Assad-Regimes und seinen meist sunnitischen Gegnern tief gespalten. Der Konflikt droht, sich auf die Nachbarstaaten Libanon und Irak mit ihren ohnehin tiefen religiösen Bruchlinien auszuweiten. Die iranische Führung befürchtet, wahrscheinlich nicht zu Unrecht, dass ein Machtwechsel in Damaskus für die Saudis und ihre Verbündeten nur der erste Schritt zum Sturz der Regierungen in Bagdad und Teheran sei. Dementsprechend massiv fällt die iranische Unterstützung für Assad und sein Regime aus. Eskaliert der Konflikt weiter, dürfte dies auch zu einer weiteren Mobilisierung der schiitischen Gemeinden am Golf führen. Die brutale Repression der Schiiten in Bahrain und Saudi-Arabien droht junge Aktivisten dort in die Arme Irans zu treiben.

So wird der religiöse Gegensatz durch die Machtpolitik sunnitischer Akteure geschürt, die aus ihrer Wahrnehmung zweier sich unversöhnlich gegenüberstehender, konfessionell geprägter Blöcke eine sich selbst erfüllende Prophezeiung machen. Auch wenn der Einfluss der Amerikaner und Europäer auf dieses Geschehen begrenzt sein mag, ist die Beobachtung wichtig, dass es mit ihnen verbündete Regierungen wie die Saudi-Arabiens sind, die die konfessionellen Spannungen anheizen. Da der Konflikt in Syrien anhalten dürfte, der Irak in absehbarer Zeit nicht zu einem stabilen Staat wird und auch die iranisch-saudi-arabische Auseinandersetzung längerfristiger Natur ist, gilt es, eine Eskalation der religiösen Spannungen zumindest dort zu vermeiden, wo die Lage noch nicht aussichtslos ist. Hierzu muss der Westen auf Staaten wie Saudi-Arabien Einfluss nehmen. Eine Entspannung könnte Riad schon durch Schritte hin zu einer Gleichberechtigung der Schiiten im eigenen Land bewirken. Darüber hinaus könnte die saudi-arabische Regierung eine politische Regelung des Konfliktes im benachbarten Bahrain erzwingen. Jeder noch so kleine Schritt wäre im Moment wichtig, um eine Eskalation der Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten in der Gesamtregion zu verhindern.

Dieser Text ist auch bei Zeit.de erschienen.

Literaturempfehlung

Guido Steinberg

German Jihad: On the Internationalization of Islamist Terrorism

New York: Columbia University Press, June 2013, 320 pages
Guido Steinberg

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Zum Umgang mit einer schnell wachsenden und sich politisierenden Bewegung

SWP-Aktuell 2012/A 28, Mai 2012, 8 Seiten
 

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