Berlin, 04.11.2016

Pariser Klimaabkommen: Früher oder später müssen alle auf Null

Oliver Geden
Oliver Geden

Das Klimaabkommen von Paris tritt in Kraft. Im Vertragstext versteckt steht ein wichtiges Ziel: Alle Emissionen sollen auf Null! Die Klimapolitik muss sich daran messen, meint Oliver Geden.

Nicht einmal ein Jahr ist es her, da beschlossen 195 Regierungen in Paris ein bislang einzigartiges Abkommen zum globalen Klimaschutz. Erstmals bezieht es alle Staaten mit ein: die Industrie-, die Schwellen- und die Entwicklungsländer. Am heutigen Freitag tritt es in Kraft.

Das Abkommen enthält anspruchsvolle Ziele. Doch auf ein gleichermaßen ehrgeiziges Handeln haben die Vereinten Nationen sich nicht verständigen können.

Der Pariser Gipfel hat entschieden, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad beschränken zu wollen. Nach Möglichkeit will man sogar bei 1,5 Grad landen. Auf dem gleichen Gipfel etablierten die Klimadiplomaten ein System freiwilliger nationaler Klimaschutzzusagen. Die bislang abgegebenen Versprechen erlauben aber nicht nur einen weiteren leichten Anstieg der globalen Emissionen bis 2030, sie laufen sogar auf eine Erwärmung von 3 bis 3,5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 hinaus.

Dass die in Paris beschlossenen Temperaturziele vom Weltklimarat IPCC überhaupt noch für erreichbar gehalten werden, liegt im Wesentlichen daran, dass klimaökonomische Modelle den Einsatz von Technologien voraussetzen, mit denen der Erdatmosphäre im Lauf des Jahrhunderts in enorm hohem Maße Kohlendioxid entzogen werden kann.

Falls es schiefgeht, ist niemand verantwortlich

Der Kern des Paris-Abkommens wirkt wie ein Musterbeispiel klimapolitischer Inkonsistenz. Die verabschiedeten Temperaturziele sind integraler Bestandteil des Problems, denn sie sind als Handlungsanleitung für Regierungen und Wirtschaft kaum effektiv. Es wäre weit besser, die UN-Klimapolitik würde sich fortan auf das Ziel der Nullemissionen konzentrieren.

Ziele wie 2 oder 1,5 Grad adressieren das ganze Erdsystem – aber sie verpflichten nicht die einzelnen Akteure zum Handeln. Globale Temperaturziele sagen nichts darüber aus, wie viel Klimaschutz ein einzelnes Land zu leisten hat. Den Regierungen fällt es deshalb relativ leicht, ein ehrgeiziges Globalziel zu unterstützen, aber gleichzeitig wenig für den nationalen Klimaschutz zu tun.

Da es der IPCC aus guten Gründen ablehnt, eine wissenschaftliche Formel für die gerechte Aufteilung von Klimaschutzverpflichtungen auf einzelne Staaten zu präsentieren, kann jede Regierung selbstbewusst erklären, ihre nationalen Klimapläne stünden im Einklang mit den globalen Temperaturzielen. Eine kritische Evaluierung der Fortschritte ist nur auf globaler Ebene möglich. Kein einzelnes Land kann für die Verfehlung des 2- oder des 1,5-Grad-Ziels verantwortlich gemacht werden.

Doch komplexe Langfristpolitik funktioniert nur mit ehrgeizigen Zielen. Aber sie müssen präzise, evaluierbar, erreichbar und motivierend sein. Sind sie das nicht, bleiben sie wirkungslos.

Das Null-Emissions-Ziel ist entscheidend

Das Paris-Abkommen hat auch ein solches Ziel im Angebot. Versteckt hinter einer relativ undurchsichtigen Formel wurde vor einem Jahr ein drittes Klimaziel beschlossen: das Erreichen von Null-Emissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Das Null-Emissions-Ziel zeigt Politik, Medien und Öffentlichkeit exakt an, was getan werden muss: Die Emissionen eines jeden Landes müssen zunächst ihren Gipfelpunkt erreichen, dann möglichst schnell absinken und schließlich bei Null landen. An diesem Ziel kann man das klimapolitische Handeln transparent messen – nicht nur das Handeln nationaler Regierungen, sondern auch das von Städten, Branchen, Unternehmen und Individuen. Wer das Ziel ignoriert, kann nicht darüber hinwegreden, denn ob die Emissionen steigen oder sinken lässt sich leicht erkennen. Wo immer die Null-Emissionen als gesellschaftliche Norm Akzeptanz fände, ließen sich neue fossile Infrastrukturen kaum noch begründen.

Eine Null-Emissions-Vision kann auch einen Wettlauf anregen, wer das Ziel schneller erreicht. Manche Länder haben die Herausforderung bereits angenommen. Schweden will es bis 2045 schaffen. Großbritannien hat zumindest angekündigt, bald ein Null-Emissions-Ziel verkünden zu wollen.

Es hat schon einmal funktioniert

Deutschland aber bleibt vorläufig bei seinem Ziel von 80 bis 95 Prozent weniger Emissionen bis 2050. Besser wären 100 Prozent bis 2060, denn es würde allen Bundesländer, allen Kommunen und allen Branchen signalisieren, dass es keine Hintertüren geben wird. Früher oder später müssen alle auf Null.

Naturwissenschaftler bevorzugen Klimastabilisierungsziele, Politiker mögen eindrucksvolle Symbole – deshalb dominieren das 2- und das 1,5-Grad-Ziel den Klimadiskurs. Aber die Geschichte der Klimapolitik hat gezeigt, dass Temperaturziele maßgeblich zur Inkonsistenz zwischen Reden, Entscheiden und Handeln beitragen.

Das Null-Emissions-Ziel hingegen gibt eine klare und transparente Handlungsanleitung. Deshalb sollte man sich auf dieses eine Ziel konzentrieren. Es wäre keine Garantie, dass sich Politik und Wirtschaft auch daran halten. Aber es würde inkonsistentes Handeln doch sehr viel deutlicher zutage treten lassen.

Eine ähnliche Herangehensweise hat schon einmal funktioniert, beim Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht. Dort wurde nicht definiert, welche Größe des Ozonlochs gerade noch tolerierbar wäre. Man hat sich vielmehr auf den schrittweisen Ausstieg aus der Produktion gefährlicher Substanzen konzentriert.

Und ganz gleich, welches Temperaturlimit die Staatengemeinschaft tatsächlich erreichen will, die Emissionen müssen in der zweiten Jahrhunderthälfte in jedem Fall auf Null abgesenkt werden. Dies gilt letztlich für jedes Land. Das Paris-Abkommen wird nur dann als Erfolg in die Geschichte eingehen, wenn es in den kommenden Jahren gelingt, den Fokus der Klimapolitik zu verschieben.

Der Text ist zuerst bei Zeit.de erschienen.

Literaturempfehlung

Oliver Geden

An actionable climate target

in: Nature Geoscience, Vol. 9, No 5, May 2016, pp. 340-342
Susanne Dröge, Oliver Geden

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SWP-Aktuell 2016/A 16, März 2016, 4 Seiten
 

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