Mehr als Wasser

Marianne Beisheim
Marianne Beisheim

Für eine neue Politik: Marianne Beisheim nutzt den Weltwassertag, um für nachhaltige Reformen im Blick auf den Zusammenhang von Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelbedarf zu plädieren.

Schon heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung, knapp 3,5 Milliarden Menschen, in Städten. Ihre Zahl wächst stetig weiter und damit ihr Bedarf an Wasser, Nahrungsmitteln und Energie. Deshalb ist das Motto des diesjährigen Weltwassertages „Wasser für die Städte: Antwort auf urbane Herausforderungen“ ein wichtiger Hinweis auf eine drängende Herausforderung. Für eine erfolgreiche, nachhaltige Wasserpolitik wäre es jetzt aber ebenso wichtig, den Zusammenhang zwischen Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelbedarf sowie dem Klimawandel stärker in den Fokus zu rücken und entsprechende Reformen national wie international einzuleiten.

Versorgungsprobleme in den Bereichen Wasser, Nahrung und Energie hängen eng miteinander zusammen: So verbraucht allein der Agrarsektor 70 Prozent der weltweit genutzten Süßwasserressourcen, vor allem für die Produktion von Nahrungsmitteln, aber auch zunehmend für den Anbau von Biomasse für die Energieversorgung. Die Nachfrage nach Energie steigt ebenfalls, auch weil immer mehr Menschen Wohlstandsgüter wie Mobiltelefone, Fernsehgeräte oder Kühlschranke besitzen. Viele Arten der Energieproduktion benötigen enorme Mengen Wasser, beispielsweise bei der Nutzung der Wasserkraft, der Kühlung von AKWs, beim Anbau von Agrotreibstoffen oder – weitgehend unbekannt aber zukünftig relevant– bei der Ausbeutung von Ölsanden und unkonventionellem Gas. Umgekehrt sind die Aufbereitung von Meer- oder Schmutzwasser sowie die Herstellung von Kunstdünger für die Landwirtschaft ausgesprochen energieintensiv. Schließlich verschärfen der Klimawandel und damit verbundene Fluten oder Dürren sowie steigende Meeresspiegel die Lage.

Es braucht neue Instrumente und den Umbau internationaler Organisationen

Dieser Nexus, dieser Zusammenhang von Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelbedarf sowie dem Klimawandel, wird von Experten zunehmend thematisiert. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Problematik auch politisch aufzugreifen, bieten jetzt die Vorbereitungen für die 2012 in Rio de Janeiro stattfindende UN-Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung (UNCSD). Rio+20 beschäftigt sich mit den beiden Kernthemen "Green Economy" und "Reform der Nachhaltigkeitsinstitutionen". Was die benannten Defizite mit Blick auf diesen Nexus betrifft, sind Reformen sowohl hinsichtlich der Weiterentwicklung politischer und ökonomischer Instrumente notwendig als auch mit Blick auf den Um- und Ausbau der internationalen Organisationen im Bereich nachhaltiger Entwicklung.

Was passiert, wenn beispielsweise in der Agrarpolitik Instrumente zur Förderung der landwirtschaftlichen Erträge ohne Rücksicht auf die genannten Zusammenhänge entwickelt werden, zeigt der Fall der staatlichen Subventionierung der Energie für Bewässerungspumpen. Wenn die Bauern nur stark verbilligte Energiepreise zahlen müssen, laufen die Pumpen den ganzen Tag, was die Übernutzung der Wasserressourcen geradezu herausfordert. Dasselbe gilt für staatliche Beihilfen für Dünger und Pestizide. Massenhaft auf die Felder aufgebracht, verschmutzen sie nachher das Trinkwasser.

Während derartige Widersprüche vermieden werden müssen, und das betrifft bei weitem nicht nur die Entwicklungs-, sondern ebenso die Industrieländer, sollten sich gegenseitig stützende Ansätze weiter entwickelt werden. So sollten beispielsweise kostengünstige Methoden weiterentwickelt werden, wie die bei der Nahrungsproduktion anfallenden Reste aus Biomasse optimal für die Energiegewinnung genutzt werden können. Die Aufbereitung von Schmutzwasser, das als nährstoffreiches Bewässerungswasser oder als Brauchwasser in der Industrie nutzbar wäre, könnte mittels des Einsatzes von Solarenergie noch nachhaltiger gestaltet werden. Ein guter Ansatz ist das sogenannte "Integrierte Wasserressourcenmanagement" (IWRM). "Integriert" bedeutet, die Bedürfnisse verschiedener Regionen, Nutzergruppen und Sektoren in den Blick zu nehmen. So sollen konfliktträchtige Konkurrenzen um die Ressource – zwischen den wachsenden Städten und ländlichen Regionen, zwischen Flussober- und –unterliegern oder zwischen der Bewässerungslandwirtschaft, Industrie und privaten Haushalten – besser bearbeitet werden. Als Konzept ist dies weltweit anerkannt – nur hapert es bei der Umsetzung.

Um diese voran zu bringen, bedarf es sowohl politischer Reformen, beispielsweise auf Seiten der Kommunalverwaltungen, als auch der zuvor genannten technischen Innovationen für eine verbesserte Ressourceneffizienz. Über die Vereinten Nationen könnten derartige Innovationen auch in Entwicklungsländer getragen werden, damit dort sofort modernste ressourcenschonende Technologien zur Anwendung kommen können.

Obwohl im konkreten Fall der Zusammenhang zwischen Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelfragen sehr schnell deutlich wird, fehlt ein entsprechender "Nexus" aufseiten der Politik, die diese Probleme lösen soll. Beispielsweise beschäftigen sich innerhalb der Vereinten Nationen rund 30 Organisationen mit dem Thema Wasser (die für Nahrung zuständige Landwirtschaftsorganisation FAO ist eine davon) – ein Umstand, der 2003 zur Gründung von UN Water führte. Diese Einheit soll die Arbeit der verschiedenen UN-Einheiten koordinieren und die Kohärenz bei der Verabschiedung und Umsetzung politischer Ziele im Wasserbereich stärken. Das gelingt bislang nur ansatzweise: auch UN Water hat kein Mandat für die Zusammenführung von Wasser-, Energie- und Nahrungspolitiken, sondern ist im Moment eher eine Plattform für den Informationsaustausch.

Das ließe sich ändern: Da 2012 in Rio ohnehin Reformen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und der Nachhaltigkeitskommission (CSD) auf der Tagesordnung stehen, sollte im Rahmen einer reformierten internationalen Umwelt- oder Nachhaltigkeitsorganisation eine Einheit geschaffen werden, die den "Nexus" gezielt in den Blick nimmt und entsprechende Instrumente und Innovationen fördert.

Deutschland kann viel zu diesem Prozess beitragen

Zum diesjährigen Weltwassertag kündigt das BMU auf seiner Internetseite an, den "grobmaterialreichen, silikatischen Mittelgebirgsbach" zum "Gewässertyp des Jahres 2011" zu erklären. Das ist ehrenwert. International schlagkräftiger ist das Vorhaben, mittels des sogenannten "Bonn 2011 Prozesses" die Herausforderungen hinsichtlich der Versorgungssicherheit mit Wasser, Nahrung und Energie auf der internationalen Agenda zu platzieren. Experten erarbeiten hierzu derzeit Vorschläge, die zunächst auf einer internationalen Konferenz im November in Bonn diskutiert und dann in die Beratungen zur Rio+20-Konferenz eingebracht werden sollen. Wenn dies gelingt, und zudem durch glaubwürdige Reformen der deutschen Umwelt-, Agrar-, Energie- und Entwicklungspolitik begleitet wird, wäre das ein Beitrag im besten Sinne der Absichten des Weltwassertages.

Berlin, 22.03.2011