Berlin, 06.12.2012

Religion darf kein Kriterium bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge sein

Petra Becker
Petra Becker

Flüchtlinge aus Syrien sollten in Deutschland und Europa aufgrund ihrer individuellen Schutzbedürftigkeit und unabhängig von ihrer Konfession aufgenommen werden. Ein Aufnahmeangebot lediglich für Christen würde diese im multi-konfessionellen Syrien nur in Bedrängnis bringen und ein falsches Signal an die arabische Welt senden, meint Petra Becker.

Die syrische Bevölkerung besteht aus einer Vielzahl von religiösen und ethnischen Gruppen. Der Anteil der Sunniten wird gemeinhin auf 70% geschätzt. Homogen ist diese Gruppe aber nicht, denn es gibt neben den arabisch-stämmigen Sunniten auch solche kurdischer, tscherkessischer oder turkmenischer Volkszugehörigkeit. Zusammen mit den Christen verschiedener Konfessionen zählen auch die Schiiten, Drusen, Ismailiten, Yeziden zu den religiösen Minderheiten. Zudem sind die Alawiten, zu denen der Clan des Präsidenten Baschar al-Assad gehört, ebenso eine Minderheit, aus der sich aber ein wesentlicher Teil der politischen Elite rekrutiert. Insgesamt werden die religiösen Minderheiten auf ca. 30% und die Christen auf ca. 12% der Bevölkerung geschätzt. Unter den Christen wiederum gibt es Armenier, Assyrer und Aramäer.

Die Christen - in ihrer Mehrheit Anhänger des orthodoxen Ritus - sind originärer Bestandteil der syrischen Bevölkerung. Im Gegensatz zu anderen Gruppen, etwa den Kurden, wurden sie bislang in Syrien weder politisch, gesellschaftlich noch wirtschaftlich benachteiligt und können ihre Religion frei ausüben. Ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet haben sie nicht. Vielmehr leben Christen in den großen Städten und es finden sich christliche Dörfer und Gemeinden im ganzen Land, etwa im Damaskus und Aleppo, im Küstengebirge, im kurdisch dominierten Nordosten, in Mittelsyrien und im südsyrischen Hauran.

Die Christen im Bürgerkrieg

Im gegenwärtigen Konflikt hat das Assad-Regime versucht, die Christen, ebenso wie die anderen Minderheiten, an sich zu binden, indem es ihnen suggeriert hat, dass es sich bei der Protestbewegung um einen vom Ausland gesteuerten Aufstand salafistischer Gruppen handele. Deren Ziel wäre es, in Syrien einen islamischen Gottesstaat zu errichten, das jetzige Regime aber sei der Garant der Sicherheit der Minderheiten im Land.

Viele Christen haben diese Sichtweise übernommen. Insbesondere das städtische, christliche Bürgertum ist gegenüber den Aufständischen äußerst misstrauisch - ebenso wie das sunnitische Bürgertum. Hinzu kommt, dass das Regime den Klerus gleichgeschaltet hat.

Andererseits sind die christlichen Bewohner von Dörfern im Hauran oder in der Umgebung von Homs mit den Revolutionären übereingekommen, sich zwar nicht an den Protesten zu beteiligen, die Aufständischen aber auch nicht an das Regime zu verraten. In manchen Orten haben sich Christen allerdings an den Demonstrationen beteiligt. Viele christliche Jugendliche etwa sind in den Netzwerken der lokalen Revolutionskomitees aktiv.

Letztlich lässt sich die politische Einstellung nicht an der Religionszugehörigkeit oder Konfession festmachen: Der bei dem Anschlag auf die Köpfe der syrischen Sicherheitsorganisationen im Juli 2012 ermordete Verteidigungsminister Daoud Rajiha war ebenso Christ wie der bekannte Oppositionelle Michel Kilo oder der jüngst zum Vorsitzenden des oppositionellen Nationalrats gewählte George Sabra.

Auch wenn es Bombenanschläge auf Kirchen und in christlichen Wohnvierteln gegeben hat: Christen sind bislang nicht Opfer gezielter Verfolgung von Seiten der Aufständischen. Christen in Syrien leiden vielmehr wie Angehörige anderer Konfessionen vor allem unter der brutalen Gewalt, die das Regime einsetzt, um den Aufstand zu bekämpfen.

Durch eine exklusive Aufnahme von Christen würden Europa und Deutschland der arabischen Welt signalisieren, dass sie die Christen nicht als originären Bestandteil ihrer Gesellschaften begreifen. Dadurch könnten diese in eine prekäre Lage gebracht werden, anstatt dass ihnen geholfen wird. Dies ist zumindest die Furcht syrischer Christen, die man ernst nehmen sollte. Zudem würde der Westen dann selbst den Konfessionalismus praktizieren, den man in Syrien kritisiert.

Viele Menschen in Syrien und insbesondere Angehörige der Minderheiten fürchten sich davor, nach einem etwaigen Sturz des Assad-Regimes Racheakten ausgesetzt zu sein. Die Aufständischen könnten sie kollektiv für die Gräueltaten des Regimes verantwortlich machen. Auch haben sie Sorge, dass aus der Revolution ein neues despotisches Regime islamistischer Prägung entstehen könnte, in dem die Religionsfreiheit nicht mehr gewährleistet wäre.

Will man von außerhalb des Landes neuem Unrecht vorbeugen helfen, gilt es jene Regimegegner, die nach wie vor an ihren Forderungen nach Demokratie und Pluralismus festhalten, zu stärken. Ein Schritt in diese Richtung wäre, dass möglichst viele westliche Staaten das neu geschmiedete Oppositionsbündnis, die »Nationale Koalition«, als einzige legitime Vertreterin des syrischen Volkes anerkennen. Denn, soweit von externen Beobachtern zu erkennen ist, bemüht sich dieses Bündnis wie die Revolutionskomitees vor Ort nach Kräften darum, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in die Pläne für ein neues Syrien zu integrieren.

Flankiert werden müsste diese Anerkennung - neben der Ausweitung der Unterstützung für Aufnahmeländer in der Region und Aufnahme von Kontingentflüchtlingen in Europa - durch die Bereitstellung von Mitteln, die das breite Oppositionsbündnis in die Lage versetzen, seinerseits humanitäre Hilfe im Inland zu leisten und damit zu verhindern, dass sich die Menschen den radikalen Gruppen zuwenden.

Der Text ist auch auf EurActiv.de erschienen.