Berlin, 14.02.2012

Hohe Armutsquote in Laos trotz Ressourcenreichtums und Wirtschaftswachstums

Gerhard Will
Gerhard Will

Gerhard Will analysiert die Ursachen des schlechten Entwicklungsniveaus Laos' und erläutert, wie kluge Entwicklungszusammenarbeit dazu beitragen kann, bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Laos zählt zu der Gruppe der "Least Developed Countries": etwa 75 Prozent seiner Einwohner müssen mit weniger als 2 US$ am Tag auskommen, mehr als 25 Prozent mit weniger als 1 US$. Auf jeden Einwohner entfallen etwa 65 US$ an ausländischer Hilfe pro Jahr; ein Spitzenwert in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Auf den Lebensstandard seiner Bevölkerung hat sich dies kaum ausgewirkt. Die weit verbreitete Armut steht zudem im eklatanten Gegensatz zum Ressourcenreichtum des Landes, das über begehrte Mineralien und Edelmetalle wie z.B. Kupfer verfügt. Obwohl ein Großteil seiner immensen Reserven an Wasserkraft noch ungenutzt ist, versorgt Laos schon heute weite Teile Thailands mit Strom. Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von acht Prozent wird Laos nur noch von China überboten, während etwa das Nachbarland Vietnam, bereits als neuer asiatischer Tiger gehandelt, im vergangenen Jahr nicht mal auf sechs Prozent kam. Wie ist dieser Widerspruch zwischen hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Lebensstandard zu erklären?

Wirtschaftliche Desintegration, mangelnde politische Steuerung, Korruption und Organisierte Kriminalität hemmen die Entwicklung des Landes

Im Flusstal des Mekong ist Nassreisanbau ohne größere Schwierigkeiten möglich. Aber der überwiegende Teil des Territoriums besteht aus sehr gebirgigem und unwegsamem Gelände. Bis zum heutigen Tag gibt es kein Verkehrssystem, das die verschiedenen Teile von Laos wirklich zusammenführt. Auch der Zugang zum Internet, in den Nachbarstaaten selbst auf dem Land längst Teil des Alltags, beschränkt sich in Laos auf elf Internetnutzer pro 1000 Einwohner. Der geographischen Zerklüftung entspricht eine ethnische Vielfalt, die sich nicht nur in Sprache und Kleidung, sondern auch in Wirtschaftsformen manifestiert, die durch ein hohes Maß an Subsistenzwirtschaft sowie eine schwache Integration in überregionale Märkte gekennzeichnet sind.

Die "Laotisch Revolutionäre Volkspartei" versteht sich als marxistisch-leninistische Partei, der - laut Verfassung - das absolute Führungsmonopol zukommt. Faktisch aber ist sie nur in den leicht zugänglichen Gebieten in der Lage, diesen Führungsanspruch auch auszuüben. In vielen der abgelegenen Regionen sind politische Loyalitäten durch ethnische bzw. Clan-Strukturen geprägt. Dem politischen System gelingt es kaum, Bindungskraft zu entfalten, weil es wenig leistet: Öffentliche Güter wie Gesundheitsfürsorge, Aus- und Weiterbildung, abgesicherte Landnutzungsrechte sowie eine effiziente Verwaltung werden nur unzureichend bereit gestellt. Patronagenetzwerke spielen eine wesentlich größere Rolle als die formalen Organisationsstrukturen einer leninistischen Partei. In dem von "Transparency International" erstellten Korruptionsindex nimmt Laos Position 154 von insgesamt 178 Ländern ein.

Regierungsstrukturen, die weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleiben, ermöglichen es wiederum den Nachbarländern Thailand, Vietnam und nicht zuletzt der VR China, sich in Laos beachtliche Einflusssphären zu verschaffen. Der von den Nachbarländern finanzierte und von deren Firmen ausgeführte Bau von Straßen wird von deren Investitionsprojekten begleitet, überwiegend im Bereich von Bergbau und Wasserkraft. Da die ausländischen Firmen eigene Arbeitskräfte mitbringen, entstehen für Laoten nur wenige Arbeitsplätze. Den großen Staatsfirmen im Straßen- und Anlagenbau folgen kleinere private Unternehmer und Händler, die mit ihren billigen Importwaren einheimische Produkte vom Markt verdrängen. Darüber hinaus entwickeln sich in diesen Grauzonen administrativer Zuständigkeit grenzübergreifende kriminelle Organisationen, die mit Drogenschmuggel, Menschenhandel und Glücksspiel enorme Summen verdienen, die es ihnen ermöglichen, sich durch Bestechung große Freiräume zu verschaffen.

Laos muss mehr sein als die "Batterie Südostasiens"

Eine Verbesserung der Regierungsführung und stärkere Durchsetzung nationaler Souveränität ist unabdingbar an eine neue Wirtschaftspolitik geknüpft. Laos sollte alles daran setzen, aus seiner Rolle als bloßer Rohstoff- und Energielieferant seiner Nachbarländer herauszukommen und aktiv jene Schlüsselposition zu nutzen, die ihm aufgrund seiner geographischen Lage und seines Ressourcenreichtums zukommt. "Batterie Südostasiens" zu werden, ist ein von vielen laotischen Politikern gerne gebrauchtes Bild, um die Zukunft ihres Landes zu beschreiben. Die einseitige Abhängigkeit von den Nachbarländern lässt sich auf diese Weise aber kaum aufheben, sondern allenfalls auf höherem Niveau perpetuieren.

Erfolgversprechende Entwicklungszusammenarbeit wird dagegen im Bereich ländliche Entwicklung ansetzen. Noch immer leben zwei Drittel aller laotischen Familien von der Landwirtschaft, die aber nur ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Unterstützung bei der Verbesserung landwirtschaftlicher Anbautechniken, der Herstellung marktfähiger Erzeugnisse sowie beim Aufbau regionaler Märkte würde es vielen Menschen ermöglichen, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen. Langfristig wird dies nur gelingen, wenn der relativ jungen Bevölkerung - 60 Prozent sind unter 25 Jahre alt - bessere Bildungs- und Ausbildungschancen eröffnet werden. Laos verfügt neben der Landwirtschaft über große wirtschaftliche Potenziale im Bergbau, im Tourismus und nicht zuletzt im Bereich der Wasserkraft. Will man das so häufig propagierte "Nachhaltige Wirtschaftswachstum" erzielen, müssen diese verschiedenen Sektoren aufeinander abgestimmt werden. Die "Mekong River Commission" hat hier bereits detaillierte und schlüssige Konzepte eines integrierten Ressourcenmanagements vorgelegt. Deren Umsetzung ist aber an ein politisches System gegenseitiger Kontrolle geknüpft, das entwicklungshemmende Patron-Klientel-Verhältnisse aufbricht. Kluge entwicklungspolitische Zusammenarbeit sollte diese Konzepte unterstützen und sich bei deren Umsetzung engagieren. Der Erfolg hängt letztlich jedoch von den politischen Kräfteverhältnissen in Laos selbst ab.

Literaturempfehlung

Gerhard Will

Der Mekong: Ungelöste Probleme regionaler Kooperation

SWP-Studie 2010/S 07, März 2010, 39 Seiten
 

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