Berlin, 21.10.2011

Galileo: Die EU im All

Marcel Dickow
Marcel Dickow

Vor acht Jahren entschieden sich die europäischen Regierungen für die Entwicklung eines eigenen Satellitennavigationssystems – Galileo. An diesem Freitag wurden die beiden ersten Testsatelliten vom Weltraumbahnhof Kourou aus ins All gebracht. Sinn und Hintergründe des Programms analysiert Marcel Dickow.

Seit über 30 Jahren nutzen die Europäer das amerikanische Satellitennavigationssystem GPS mit. Warum brauchen Sie überhaupt Galileo?

Die Europäer ziehen ein ziviles System unter ziviler Kontrolle vor, da sie nicht mit ihren ganzen zivilen Anwendungen von der Navigation im Auto bis hin zur Logistik auf Güterbahnhöfen von einem militärischen System abhängen wollen, das einem anderen Land gehört. Die USA sind zwar ein enger Verbündeter, unterliegen aber anderen militärischen Überlegungen.

Aber es hat doch in den vergangenen 30 Jahren diesbezüglich keine Schwierigkeiten gegeben?

Genau das haben die Amerikaner auch gesagt. In der Tat ist die europäische Entscheidung für Galileo eher eine strategisch-politische Entscheidung gewesen als eine, die auf realistischen Krisenszenarien gefußt hat. Die Überlegung war, erst dann mit seinen Partnern auf Augenhöhe sprechen zu können, wenn man selbst etwas in die Waagschale werfen kann. Tatsächlich waren die Amerikaner zu Beginn der Verhandlungen über die Kompatibilität von GPS und Galileo ziemlich herablassend und haben versucht, Galileo zu verhindern. Erst als klar wurde, dass die Europäer sich nicht aufhalten lassen und technisch sehr wohl in der Lage sein würden, ein eigenes, GPS technisch überlegenes System aufzubauen, sind sie umgeschwenkt. Aus technischer Sicht sind zwei Systeme sogar besser als eines: Mehr Satelliten liefern mehr Daten, beim Ausfall eines Systems existiert ein Backup, und dies stärkt letztlich auch die strategische Partnerschaft zwischen Europäern und Amerikanern.

Wird auch mit Russen und Chinesen kooperiert, die ebenfalls eigene Satellitennavigationssysteme betreiben?

Ja. Allerdings sind die Satelliten des russischen Systems Glonass technisch anfällig, und das System hält zu wenig Satelliten im Orbit. Glonass ist selbst in Russland nicht überall verfügbar. Dennoch wird mit Galileo kooperiert, angefangen damit, dass die Testsatelliten mit russischen Trägerraketen ins All geschossen werden. Dazu wird Galileo technisch gesehen kompatibel zu Glonass und GSP sein. Die Chinesen wiederum waren sogar Teil des Galileo-Konsortiums. Doch diese Zusammenarbeit wurde den EU-Staaten im Blick auf Sicherheit und Technologieentwicklung zu heikel, und sie haben China aus dem Programm gedrängt. Das ist der Grund für Pekings Nadelstiche bei der Verteilung der Frequenzen für Galileo. Die Chinesen beanspruchen jetzt Teile der Frequenzen für sich, EU-Kommission und das chinesische Außenministerium streiten darüber bei der Internationalen Fernmeldeunion in Genf.  

Für was werden die Europäer jetzt Galileo verwenden?

GPS entstand aus dem amerikanischen Bestreben nach der nuklearen Zweitschlagfähigkeit. Es sollte den mit Atomwaffen ausgestatteten U-Booten zur eigenen Standortfindung dienen. Inzwischen gibt es eine Bandbreite von militärischen Anwendungen, bis hin zur Steuerung von Smartbombs, die ihr programmiertes Ziel mittels Satellitennavigation selbst finden. Den Europäern geht es bei Galileo dagegen vor allem um die Anwendung im zivilen Bereich, und zwar letztlich um alles, was mit Navigation, mit Standort-, mit präziser Zeitbestimmung zu tun hat. Das können Navigationslösungen im Auto sein, ebenso wie ganze Mautsystemen wie die deutsche LKW-Maut. Aber auch die Börsen weltweit beziehen zum Beispiel ihre Zeitsignale von GPS, weil sie ihren Handel miteinander synchronisieren müssen.

Wer profitiert jetzt konkret von Galileo?

Es gibt das offene Signal, das alle Bürger nutzen können, und zwar vom Handy über das Navigationssystem bis hin zur Funkuhr. Kommerzielle Anbieter wiederum können ein genaueres Signal einkaufen, um zum Beispiel Logistiklösungen aufzusetzen. Hier geht es um Fragen wie: Wo fährt mein Lastwagen, steht der Zug auf dem richtigen Gleis, ist meine Sonderfracht auf dem Transport von München nach Berlin korrekt gelagert. Es gibt hier eine Reihe von denkbaren, aber mit GPS derzeit nicht realisierbaren Anwendungen. Die vertikale Genauigkeit von GPS zum Beispiel für die Höhenmessung liegt bei 30 Metern. Das ist für einen Einsatz in der Luftfahrt absolut inakzeptabel – Flugzeuge sie sind entweder am Boden oder in der Luft. Bei Galileo dagegen wird die vertikale Auflösung deutlich besser sein.

Galileo ist mit bisher rund fünf Milliarden Euro deutlich teurer als die veranschlagten 3,5 Milliarden. Bis 2020, so die Annahme, wird das Programm jedes Jahr eine weitere Milliarde kosten. Ist Galileo das wert?

Die ursprünglichen Wirtschaftspläne für Galileo, nach denen das System ein Public Private Partnership Programm war, und Erlöse von Milliarden erwartet wurden, waren völlig unrealistisch. Und dass ein komplexes System jährliche Betriebskosten aufwirft, sollte niemanden überraschen. Die Frage ist hier: Was will Europa damit erreichen? Und das ist zum einen die strategische Unabhängigkeit bei der Technologie und bei bestimmten Fähigkeiten. Man hat sich bewusst dafür entschieden, ein Satellitennavigationssystem zu haben und es betreiben zu können. Zum anderen lernt die Europäische Union gerade den Umgang mit einer eigenen Infrastruktur. Das ist etwas völlig neues für die EU. Aus dieser Perspektive ist Galileo ein Erfolg – wenn auch ein teuer bezahlter. Allerdings war das das eine explizite Entscheidung der europäischen Staatschefs, nachdem im Jahr 2007 der erste kommerzielle Ansatz gescheitert war, Galileo weiter zu betreiben und es der Europäischen Kommission zu übertragen. Und diese Behörde hatte eben bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrung mit solchen Infrastrukturprojekten -  das hat die Kosten auch nicht gesenkt.

Fragen: Webredaktion

Literaturempfehlung

Marcel Dickow

Die Weltraumpolitik der EU

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SWP-Studie 2011/S 26, Oktober 2011, 36 Seiten
 

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