Berlin, 04.10.2017

Ein russisch-türkischer Raketendeal: Doppelter Schaden für die Nato

Rayk Hähnlein
Rayk Hähnlein

Die Türkei sucht schon seit Jahren nach einem geeigneten Luftabwehrsystem, um der Bedrohung durch syrische Raketen zu begegnen. Der Kauf des russischen S-400-Systems wäre militärisch nachvollziehbar, aber ein weiterer Schritt der Entfremdung von der Nato, meint Rayk Hähnlein.

Bodenbasierte Luftverteidigungssysteme wie das unter anderem durch einige Nato-Staaten genutzte Patriot-System, aber auch die neueste russische Entwicklung S-400 (offizielle Nato-Bezeichnung SA-21) haben zwei Aufgaben: Zum einen sollen sie gegnerische Luftfahrzeuge und Marschflugkörper vom Boden aus bekämpfen, zum anderen dienen sie dazu, feindliche Boden-Boden-Raketen von kurzer und mittlerer Reichweite, sogenannte taktische ballistische Raketen, zu zerstören, bevor diese einschlagen und ihre möglicherweise verheerende Wirkung entfalten. Gerade diese zweite Fähigkeit hat in den letzten Jahren für viele Staaten an Bedeutung gewonnen, denn taktische Raketen sind einfach herzustellen und auch in schwer berechenbaren und instabilen Staaten weit verbreitet. So fühlt sich etwa die Türkei besonders durch das Raketenarsenal des syrischen Machthabers Assad herausgefordert.

Warum die Türken ein Raketenabwehrsystem brauchen

Mit dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und der Eskalation des syrischen Bürgerkrieges ab 2011 hat die Türkei, die sich von Beginn an klar gegen das Assad-Regime positioniert hat, die eigene Verwundbarkeit durch dessen Boden-Boden-Raketen der Typen Scud B/C/D als eine wesentliche Bedrohung der eigenen grenznahen Städte identifiziert. In den Sprengköpfen dieser Raketen, von denen einige über Distanzen von bis zu 800 km wirken können, lassen sich zum Teil auch chemische Waffen transportieren. Die türkischen bodengebundenen Luftverteidigungssysteme, im Wesentlichen das US-Modell IHAWK aus den 70er Jahren, sind zu alt, um einer solchen Bedrohung begegnen zu können. Insbesondere sind die Türken nicht fähig, Raketen in großer Höhe, weit entfernt vom Ziel, zu bekämpfen. Zwischen Anfang 2013 und Ende 2015 / Anfang 2016 haben US-amerikanische, deutsche und zunächst niederländische, später spanische Patriot-Systeme die grenznahen Städte Gaziantep, Kahramanmaras und Adana gegen syrische Raketen geschützt, auch wenn sie nicht zum scharfen Einsatz kamen. Derzeit sind nur noch die Spanier in Adana vor Ort. Der einseitig beschlossene Abzug der anderen hat die innertürkische Debatte über eine schnelle eigene Abwehrbefähigung noch einmal befeuert.

Der Weg zum S-400-Deal

Bereits seit 2008 schreibt Ankara fortlaufend den Kauf von Luftverteidigungssystemen bzw. deren nationale Entwicklung mit internationalen Partnern aus. Ein möglichst hoher Eigenanteil an der Produktion und ein Wissenstransfer in Richtung Türkei ist für Präsident Erdoğan besonders wichtig, denn er verfolgt das ehrgeizige Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Rüstungsindustrie zu stärken. Die zehn bis zwölf Prozent Beteiligung, die ein US-amerikanischer Anbieter ebenso wie ein italienisch-französisches Konsortium der Türkei angeboten hatte, erachtete man als zu gering. Ein chinesisches Angebot, das lange als führend galt, wurde 2015 vorwiegend aus politischen Gründen ebenfalls zurückgewiesen. Russland beteiligte sich mit dem Antey-2500, einer Exportvariante aus der großen S-300-Produktfamilie, an einer Ausschreibung. Auch die Nato-Mitglieder Griechenland, Bulgarien und die Slowakei führen ältere S-300-Systeme in ihren Beständen. Für die Türkei wären diese wohl eine Übergangslösung auf dem Weg zu einer Neuentwicklung und damit für die Nato-Partner erträglich gewesen. Eine neue Dimension erhielt der Vorgang, als im Februar 2017 zunächst der türkische Verteidigungsminister öffentlich über einen möglichen Kauf des modernen, russischen S-400-Systems sprach und das Thema am 10. März bei einem Treffen zwischen Erdoğan und Putin aufgegriffen wurde. Mitte September erklärte Erdoğan den Deal für besiegelt.

Politisch-strategischer und operativer Schadensfall für die Nato

Das erst 2007 in die russischen Streitkräfte eingeführte S-400 gilt als das derzeit wirkungsvollste Luftabwehrraketensystem der Welt, zumindest so lange, bis die Russen, wohl noch in diesem Jahr, die Folgeversion S-500 eingeführt haben werden. Das von den Russen auch in Syrien stationierte System, das noch nicht scharf zum Schuss gekommen ist, soll der modernsten Patriot-Version PAC-3 mindestens ebenbürtig, wahrscheinlich sogar überlegen sein. Für Erdoğan wäre der Kauf zum einen eine erneute Möglichkeit, sich von der Nato und einzelnen ihrer Mitglieder, allen voran den USA, abzusetzen und nebenbei auch noch das modernste marktverfügbare System zu erhalten. Putin könnte mit diesem Coup einen weiteren Keil in die Nato treiben und darüber hinaus einen Rüstungsdeal in Milliardenhöhe zeichnen. Für die Nato wäre der Kauf nicht nur ein politisch-strategischer, sondern auch ein operativer Schadensfall. Nato-Luftverteidigungssysteme agieren im Rahmen einer sogenannten »Integrierten Luftverteidigung«: Sie sollten in der Lage sein, auch mit den Systemen anderer Nato-Staaten, mit deren Gefechtsständen, Radarstationen, Satelliten und Waffensystemen wie etwa Kampfflugzeugen, zu kommunizieren. Von neu einzuführenden Systemen wird erwartet, dass sie zur vernetzten Operationsführung fähig sind und zu einem übergreifenden Lagebild beitragen können. Ein russisches Waffensystem wird in diesen Systemverbund kaum einzubinden sein und deshalb nur einen begrenzten Beitrag zur Sicherheit der Nato leisten können.

Das Ende ist offen

Ob der Deal zwischen Russland und der Türkei tatsächlich zustande kommt, ist noch offen. Viele Beobachter hatten sich vom Treffen der Präsidenten in Ankara am 28. September mehr Details erwartet, aber es blieb in dieser Frage auffallend ruhig. Wie es nun weitergeht, wird auch davon abhängen, wie viel Beteiligung an dem Projekt Russland der Türkei zugesteht. Es ist anzunehmen, dass Erdoğan eine signifikante Beteiligung türkischer Unternehmen wie Aselsan und Roketsan zur Bedingung machen wird. Ob die russische Seite allerdings bereit ist, den damit verbundenen Technologietransfer zu akzeptieren, oder am Ende nur eine abgespeckte Exportvariante zur Verfügung stellen möchte, ist trotz aller rhetorischen Annäherungen und womöglich erfolgter Anzahlungen noch offen. Rüstungsanbieter aus Nato-Staaten sollten die gewonnene Zeit nutzen, um ihre eigenen Angebote anzupassen.

Der Text ist auch bei EurActiv.de erschienen.

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