Berlin, 09.08.2016

Die Bedrohung geht vom »Islamischen Staat« aus, nicht von Einzeltätern

Guido Steinberg
Guido Steinberg

Die Anschläge von Einzeltätern sind Teil einer größeren Strategie des IS. Sie dienen der Ablenkung der Sicherheitsbehörden von größeren Anschlagsplänen. Guido Steinberg über die Strategie des IS in Europa und Möglichkeiten, ihr zu begegnen.

Zwei Wochen nach den Anschlägen zweier Anhänger des »Islamischen Staates« in Ansbach und Würzburg bietet sich ein etwas deutlicheres Bild der Taten und der Beziehung der beiden Terroristen zu der Organisation. Es handelte sich insofern um IS-Anschläge, als beide Männer nicht nur ihre Bekennervideos zum IS schickten, sondern bis kurz vor der Tat noch Kontakt zu Koordinatoren der Organisation hatten, die versuchten sie anzuleiten.

Obwohl beide Täter dilettantisch vorgingen, sollten die Anschläge uns Deutschen eine Warnung sein. Der IS plant seit 2014 Attentate hierzulande, und die Organisation hat immer wieder gezeigt, dass es ihr auch in gut geschützten Ländern und Regionen gelingt, die Sicherheitslücken zu finden. Die Täter können Einzeltäter sein, die mit nur wenig Mitteln viel Schaden anrichten: In Orlando im US-Bundesstaat Florida etwa tötete ein Amerikaner pakistanischer Abstammung, der sich zum IS bekannt hatte, im Juni 2016 49 Menschen. Die viel größere Gefahr für Deutschland geht aber weiterhin nicht von Einzeltätern, sondern von der Organisation IS selbst aus, wenn diese ihre immer noch beträchtlichen Ressourcen an Personal, Know-how und Geld mobilisiert, um einen von langer Hand sorgfältig geplanten Anschlag durchzuführen.

Die Organisation

Der IS hat mindestens eine Arbeitseinheit, die Anschläge im Ausland plant und die in den letzten zwei Jahren zahlreiche Erfolge verbuchen konnte. Aussagen von Rückkehrern sprechen dafür, dass der Syrer Abu Muhammad al-Adnani ihr Chef ist. Diese Abteilung für »externe Arbeit« (al-amal al-khariji) steht in enger Verbindung mit oder gehört sogar zu der Geheimpolizei des IS, die sich kurz »die Sicherheit« (al-amn) nennt. Deren wichtigste Aufgabe ist es, die innere Sicherheit im Lande des Kalifen Ibrahim zu gewährleisten. Die Väter dieser »IS-Gestapo« sind ehemalige Offiziere des Regimes von Saddam Hussein, die für den Militärgeheimdienst arbeiteten und ihre Fähigkeiten mit in die neue Organisation brachten. Die enorme Brutalität und Effektivität des Dienstes ist einer der Gründe für die interne Kohäsion und die erstaunliche Beharrungskraft des IS.

Seit einigen Monaten häufen sich die Hinweise, dass die Anschläge im westlichen Ausland von Adnanis Abteilung »externe Arbeit« und der »Sicherheit« des IS geplant und koordiniert werden. Zunächst beschränkte sich die IS-Geheimpolizei noch darauf, vereinzelt Mordanschläge auf syrische Gegner des IS zu verüben, die sich in grenznahen Städten in der Türkei aufhielten. Dann aber folgten größere Anschläge in der Türkei, in Frankreich und Belgien. Der Rädelsführer der Attentäter von Paris, Abdalhamid Abaaoud, war ein Unterführer der Geheimpolizei, weitere Attentäter fungierten als Gefängniswärter für sie. Einige Deutsche waren in diese Einheiten aufgenommen worden und standen dort in Kontakt mit den Attentätern von Paris. Mehrere Rückkehrer berichteten schließlich davon, dass der IS seit Frühjahr 2014 versucht habe, sie als Attentäter zu gewinnen. Dies machte deutlich, dass auch Deutschland von diesen Planungen betroffen ist.

Die Strategie

Der IS folgt in Europa einer klar definierten Strategie, die sich vor allem am Beispiel von Frankreich und Belgien nachvollziehen lässt. In einer ersten Phase sollte es darum gehen, die Sicherheitsbehörden durch kleinere Attentate zu beschäftigen, um auf diese Weise von Planungen für einen größeren Anschlag abzulenken. Dies geschah auf zweierlei Art und Weise: Zum einen schickte der IS Franzosen und Belgier nach einem kurzen Aufenthalt in Syrien zurück in ihre Heimatländer, wo sie einzeln Anschläge verübten. Dies galt beispielsweise für Ayyub al-Khazzani, der am 21. August 2015 im Thalys von Brüssel nach Paris überwältigt wurde, bevor er mit seinem Sturmgewehr größeren Schaden anrichten konnte. Zum anderen versuchte der IS, über Aufrufe im Internet bzw. in den sozialen Medien Sympathisanten zu ermutigen, auf eigene Faust Anschläge zu verüben. Der Attentäter, der im Juli 84 Unschuldige auf der Strandpromenade von Nizza tötete, könnte ein solcher gewesen sein.

Trotz deutlicher Hinweise erkannten weder französische Politik noch Öffentlichkeit das Muster. Immer wieder war von Einzeltätern die Rede, während die Rolle des IS kleingeredet wurde, so dass der IS parallel den großen Anschlag in Paris am 13. November 2015 vorbereiten konnte. Ähnlich verläuft die öffentliche Debatte in Deutschland nach den Attentaten von Ansbach und Würzburg. Dabei häufen sich die Hinweise, dass es enge Verbindungen zwischen den Terroristen in Bayern und der Terrororganisation gab. Nicht nur, dass beide bis kurz vor ihren Taten Kontakt zu einem Koordinator hatten. Der Syrer Muhammad Dalil in Ansbach war sogar Mitglied des IS, für den er wahrscheinlich schon vor Jahren im Irak gekämpft hatte. Besonders besorgniserregend ist, dass die Attentäter, wie schon ihre Kollegen in Frankreich und Belgien, ungestört mit Hintermännern im Nahen Osten kommunizieren konnten.

Die Gefahr

Es kommt nun darauf an, die Strategie des IS zu verstehen und ihr zu begegnen. Nicht die Einzeltäter sind die Gefahr, sondern die Organisation, die Terroristen in Syrien ausbildet, motiviert, finanziert und bis kurz vor der Tat anleitet. Deutschland muss sich im Klaren darüber sein, dass alle Attentate bisher nur Vorgeplänkel gewesen sein könnten, um unsere Sicherheitsbehörden von den großen Planungen abzulenken. Die dringendste Maßnahme in den nächsten Monaten wird sein, genauer zu erfassen, wer unter denen, die in den letzten beiden Jahren als vorgebliche Flüchtlinge nach Europa gekommen sind, ein Sicherheitsproblem darstellen könnte. Darüber hinaus muss die technische Überwachung verbessert werden, die die bedeutendste Schwachstelle der Deutschen darstellt. Noch vor wenigen Jahren wurden die meisten Terroristen in Europa gefasst, weil Behörden ihre Kommunikation mit den Auftraggebern in Pakistan oder anderswo abfingen. Dass dies nicht mehr gelingt, weil die IS-Leute verschlüsselt kommunizieren oder Plattformen benutzen, die von deutschen Behörden nicht überwacht werden (können), ist ein Warnzeichen. Und schließlich muss auch der Druck auf die Organisation im Irak und in Syrien wachsen, damit sie nicht mehr ungestört Anschläge in Europa planen und vorbereiten kann. Die USA, Großbritannien und Frankreich fliegen deshalb nicht nur Luftangriffe, sondern haben auch Spezialkräfte vor Ort. Wenn Deutschland die Bedrohung durch den IS ernst nimmt, sollte es ähnliche Maßnahmen ergreifen. Die Sicherheit Europas wird heute auch am Euphrat verteidigt.

Der Text ist auch bei Zeit.de, EurActiv.de und Handelsblatt.com erschienen.

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