Berlin, 25.09.2013

»Die Attentäter von Nairobi glauben, dass sie mit ihren Anschlägen direkt die Politik steuern können«

Annette Weber
Annette Weber

Radikale Islamisten haben in Kenia wenigstens 67 Menschen ermordet, Dutzende werden vermisst. Annette Weber spricht im Interview über Geschichte, Struktur und Ideologie der Al-Shabaab-Miliz, die für den Terroranschlag auf ein Einkaufszentrum in Nairobi verantwortlich ist.

Die somalische Al-Shabaab-Miliz hat sich zu dem Anschlag in Nairobi bekannt. Mit wem haben wir es da genau zu tun?

Annette Weber: Die Al-Shabaab-Miliz ist im Jahr 2006 gegründet worden. Sie war damals der militärische Flügel der islamischen Gerichtshöfe, die von Juni bis Dezember 2006 Somalia regierten. Die Herrschaft der vereinten islamischen Gerichtshöfe hat dann zur Intervention des Nachbarn Äthiopien geführt, die eine islamistische Regierung in Somalia verhindern wollten. Viele Somalis haben das als Besatzung wahrgenommen. Das Ziel der Al-Shabaab war es anfangs, gegen die äthiopischen Besatzer vorzugehen.

Wie ging es 2007 weiter, als die Gerichtshöfe nicht mehr an der Macht waren?

Annette Weber: Die Al-Shabaab blieb bestehen und verfolgte weiterhin das Ziel, die Äthiopier aus dem Land zu drängen. Das hat ihr sehr viel Rückhalt in der Bevölkerung eingetragen. Als dann die Äthiopier im Jahr 2009 das Land verlassen haben, hat sich die Al-Shabaab in zwei Flügel aufgespalten. Bis heute gibt es auf der einen Seite diejenigen, die vor allem Somalia zu einem islamischen Staat machen möchten. Und auf der anderen Seiten die, die das Ziel verfolgen, den internationalen Jihad voranzutreiben.

Zu welcher der Gruppen gehören denn die Terroristen in Nairobi?

Annette Weber: Sie gehören zur zweiten Gruppe, also zu den international orientierten Jihadisten. Konkret beteiligt sind offenbar sowohl somalische, als auch kenianische Aktivisten, aber auch Ausländer mit somalischen Wurzeln.

Welche Ziele verfolgt die Al-Shabaab-Miliz mit dem Anschlag in Kenia?

Annette Weber: Sie fordert vor allem den Rückzug der kenianischen Truppen aus Somalia. Als Äthiopien das Land im Jahr 2009 verlassen hat, sind Truppen der Afrikanischen Union (AU) nachgerückt. Die Kenianer kamen 2011, zunächst außerhalb der AU, dazu. Ihre Intervention legitimierten die Kenianer mit den Anschlägen der Al-Shabaab auf die Polizei und die Entführung von Mitarbeitern humanitärer Organisationen an der Grenze zu Somalia.

Und so wurde Kenia zum Feindbild der Al-Shabaab?

Annette Weber: Ja, allerdings mehr zum Feindbild des Al-Shabaab-Flügels, dessen Aktivitäten sich auf Somalia konzentrieren. Er sieht sich durch Kenia geschwächt, das heute den südlichen Teil des Landes kontrolliert. Mit der Besetzung der Hafenstadt Kismayo durch Kenia ist Al-Shabaab zudem mit dem Holzkohlehandel eine wichtige Einkommensquelle abhanden gekommen.

Wie wird der Anschlag von dem international agierenden Al-Shabaab-Flügel begründet?

Annette Weber: Wie gesagt ist es ein erklärtes Ziel des Anschlages, dass Kenia - und weitere AU-Länder - Somalia verlassen. Die Terroristen glauben, dass sie mit ihren Anschlägen direkt die Politik steuern können. Dabei berufen sie sich auf die Anschläge in Madrid, in deren Folge sich die Spanier aus Afghanistan zurückgezogen haben. Dabei geht es aber weniger um die erlittene Schwächung. Die wird von diesem Flügel gar nicht so stark wahrgenommen. Vielmehr gehört es zum globalen Jihad-Gedanken, dass immer mehr Länder zu Khalifaten werden. Ein somalisches Khalifat ist da ein wichtiges Ziel, dem man näher kommt, wenn die AU-Truppen das Land verlassen.

Das heißt, dass der internationale Flügel der Al-Shabaab gar nicht geschwächt ist?

Annette Weber: Richtig. Die Al-Shabaab ist in der Region sehr gut vernetzt, wie der Anschlag in Kenia zeigt. Seit Februar 2012 darf sie sich "Al-Qaida-Affiliate" nennen. Sie ist damit zwar nicht in die Befehlsstrukturen der Al-Qaida eingebunden, hat aber sehr viel mehr Zulauf und weniger Probleme, Geld einzuwerben, als in den Jahren zuvor. Man muss dazu sagen, dass die Al-Qaida in Ostafrika stark ist und seit jeher Somalia als Ausbildungsort für internationale Jihadisten nutzt. Hier liegt eine Zusammenarbeit nah, nicht nur bei der Ausbildung, sondern auch bei vereinzelten terroristischen Aktionen.

Das Interview führte Candida Splett von der Online-Redaktion.

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