Berlin, 10.08.2016

Der japanische Tenno revoltiert: Er will abdanken

Volker Stanzel
Volker Stanzel

Der Wunsch des japanischen Tennos Kaiser Akihito abzudanken ist hochpolitisch. Gelingt es ihm, seinen Rücktritt durchzusetzen, bedeutet dies die weitere Modernisierung der traditionell göttlichen Rolle des Tennos, die von den Konservativen nicht gewünscht ist. Eine Analyse von Volker Stanzel.

Der japanische Tenno, Kaiser Akihito, hat in einer am 8. August verbreiteten Videobotschaft erkennen lassen, dass er abdanken möchte. Der 82-Jährige war wegen eines Herzleidens schon mehrfach in Behandlung und musste sich bereits des Öfteren über längere Zeit von Kronprinz Naruhito vertreten lassen. Gute Gründe also, einen Rückzug von seinem anstrengenden Posten zu erwägen. Bei aller Machtvollkommenheit eines Kaisers allerdings, in Japan ist das so leicht nicht. Die Verfassung sieht eine Abdankung nicht vor, vielmehr kann der Kronprinz die Nachfolge erst nach dem Tod des Tenno antreten. Es müsste also eine neue gesetzliche Regelung geben – genau hier aber wird die Frage hochpolitisch.

Der Kaiser zwischen göttlicher und politischer Rolle

Die Institution des Tenno hat eine weltweit einzigartige Tradition, die seit der Demokratisierung Japans nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Gegenstand scharfer innenpolitischer Auseinandersetzungen ist. »Himmlischer Herrscher« (Tenno) nannten sich die Vorfahren des jetzigen Kaisers erstmals vor etwa 1300 Jahren. Sie beanspruchten die geistliche wie die weltliche Herrschaft über die rivalisierenden Clans, die sie niedergerungen hatten. In Legenden führten sie ihren Ursprung auf die Sonnengöttin und das Jahr 660 v. Chr. zurück. Dass die gleiche Familie heute noch immer auf dem Thron sitzt, verdankt sich auch der Tatsache, dass sie sich immer mehr auf die geistliche Rolle einer Mensch gewordenen Gottheit beschränkte und die politische Herrschaft einflussreichen Kriegerfamilien überließ. Vor dem gewaltsamen Umsturz zur Zeit des Kaisers Meiji – der »Meiji-Restauration« im Jahr 1868 – durften die Kaiser über mehrere Jahrhunderte kaum einmal mehr das Gelände ihres Palastes in Kyoto verlassen.

Dann aber bekam der Tenno wieder eine politische Rolle. Diese war aber nicht sein, sondern das Werk der Revolutionäre. Der Kaiser war Gottheit; politisches Mitspracherecht besaß er nicht. Er durfte weder politische Richtlinien vorgeben, noch Entscheidungen treffen. Selbst seine öffentlichen Äußerungen wurden ihm vorgeschrieben. Mit seiner göttlichen Autorität aber rechtfertigte er die von den Revolutionären vorangebrachten tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, ohne dass es zu größerem Widerstand im Volk kam. Erst nach dem Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki setzte ein Tenno – Hirohito, der Vater Akihitos – einmal den eigenen Willen durch: Japan kapitulierte. Danach begann der Verwestlichungsprozess Japans, eine neue Revolution, für die erneut der Tenno die Legitimation stellen musste, diesmal auf Wunsch der amerikanischen Besatzer. Auf deren Veranlassung erklärte der Tenno allerdings auch, dass er Mensch, nicht Gott sei. Seither streben Konservative in Japan an, dem Tenno wieder eine seiner traditionellen Stellung als Gottheit entsprechende Funktion zu geben. Ihrem Verständnis nach sollte Japan zurückkehren zu Werten wie Familie, Volksgemeinschaft und staatlicher Autorität, wie sie für das Vorkriegsjapan galten. Für diese Werte soll danach wieder ein Tenno stehen, der das Handeln der Regierung legitimiert, dieses aber als »Mensch« nicht in Frage stellen kann. Ein Teil der Verfassungsänderungen, die der gegenwärtige Premierminister Shinzo Abe anstrebt, dienen deshalb sowohl der Neudefinition des Tenno als Quasi-Gottheit als auch der Wiedereinführung von als »traditionell japanisch« verstandenen Grundsätzen. Nur: Die Bevölkerung hat andere Vorstellungen davon, was »traditionell japanisch« im politischen Raum bedeutet: Sie lehnt die restaurativen Ziele der Konservativen mit großer Mehrheit ab.

Ein Tenno, der einfach auf eigenen Wunsch abdanken kann, würde jedenfalls der Idee der göttlichen Rolle nicht gerecht werden. Damit einher geht das Risiko, dass er sich den Wünschen der Regierung auch in Zukunft entzieht. Dementsprechend stark ist der Widerstand unter den Konservativen Japans gegen das Anliegen des Kaisers. Allerdings hat Akihito bereits in der Vergangenheit mehrfach durchgesetzt, dass seine Rolle politischer und moderner wurde, einem westlichen Staatsoberhaupt ähnlicher, als es den Konservativen und Ultranationalisten Japans genehm ist. So ist er der erste Tenno, der Auslandsreisen zum Teil der Routine seiner Funktion macht. Akihito war es auch, der gegenüber dem südkoreanischen Präsidenten im Jahr 1990 und bei einem Besuch in China 1992 die Anerkennung der Schuld Japans für das durch den Zweiten Weltkrieg angerichtete Leid noch einmal ansprach, nachdem die Politiker dies bereits erledigt glaubten. Als »Symbol« Japans – wie seine Rolle in der Verfassung bezeichnet wird – gab er damit diesem Schuldbekenntnis den höchsten Segen. Schließlich ist Akihito der erste Tenno seit Jahrhunderten, der das Gespräch, den Austausch und die Begegnung mit normalen Japanern sucht.

Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich einen modernen Tenno

Der Tenno hat auch heute keinerlei Recht, sich politisch zu betätigen oder zu äußern. Grundsätzlich wird ihm jedes Wort vorgeschrieben. Dass es Akihito dennoch gelungen ist, das japanische Kaisertum in wichtigen Aspekten zu modernisieren und es in der Praxis der modernen Form eines Staatsoberhaupts anzunähern, mag die Konservativen in der japanischen Gesellschaft nicht zufrieden stellen. Über acht Zehntel der Bevölkerung aber billigen die Art und Weise, wie der Tenno seine Rolle ausfüllt; sie sehen in ihm ein Symbol des modernen, nicht des alten Japans. Ein Tenno, der in seinen Äußerungen nicht stärker gebunden ist als ein Bundespräsident oder eine englische Königin, erscheint der Bevölkerung modern. Über achtzig Prozent möchten ihm das Recht zugestehen, auf eigenen Wunsch abzudanken. So steht in fast ironischer Weise der Kaiser selbst gegen jene in der japanischen Gesellschaft, die vorgeben, seine Stellung nach altem Vorbild stärken zu wollen. Sein Sohn dürfte den Prozess weiter vorantreiben, spätestens wenn die Frage auftaucht, ob entgegen der derzeitigen Gesetzeslage nicht auch eine Frau, die Tochter des jetzigen Kronprinzen, den Thron besteigen kann. Wenn Kaiser Akihito also nun nach einer gesetzlichen Regelung sucht, die ihm den Rücktritt ermöglichen könnte, werden die Konservativen es schwer haben, sich allzu lange zu sträuben. Ist Akihito erfolgreich, dürften weitere Konflikte über das, was den Tenno in der Welt von heute eigentlich ausmacht, zu erwarten sein.

Botschafter a.D. Dr. Volker Stanzel forscht als Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Asien.

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