Berlin, 18.09.2014

»Bedrohung der zivilen Ordnung«: Den langfristigen Folgen von Ebola begegnen

Bettina Rudloff
Bettina Rudloff
Judith Vorrath
Judith Vorrath

Die Eindämmung von Ebola hat aktuell zu Recht oberste Priorität. Doch die Epidemie wird auch massive Auswirkungen jenseits der gesundheitlichen Tragödie haben. Darauf muss die internationale Gemeinschaft vorbereitet sein, meinen Bettina Rudloff und Judith Vorrath.

Mit Guinea, Liberia und Sierra Leone sind Staaten am stärksten vom Ebola-Ausbruch betroffen, die ohnehin schon zu den ärmsten und fragilsten in Westafrika gehörten. Ihre Gesundheitssysteme waren schon ohne die Epidemie schlecht aufgestellt. Nun sind sie praktisch zusammengebrochen, während sich Ebola, insbesondere in Liberia, rasant weiter ausbreitet. Mittlerweile steuert die Krise über die medizinischen Probleme hinaus auf eine humanitäre Notlage zu. Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf spricht in einem Brief an die deutsche Bundeskanzlerin bereits von einer Bedrohung der zivilen Ordnung.

Akute Nahrungsmittelknappheit: verlassene Farmen und explodierende Preise

In der ganzen Region stehen in diesen Wochen die Ernten der wichtigen Versorgungsprodukte Reis und Cassava an. Diese können wegen hoher Sterbe- und Erkrankungsraten oftmals gar nicht erst eingebracht werden. Der Transport von Lebensmitteln und die Mobilität von Erntearbeitern innerhalb und zwischen Ländern sind zudem stark eingeschränkt. Gerade in Liberia und Sierra Leone sind die fruchtbarsten Regionen besonders schwer von Ebola betroffen. So haben im Kailahun Distrikt im Osten von Sierra Leone an der Grenze zu Liberia und Guinea fast die Hälfte der Bauern ihre Farmen verlassen. Die Angebotseinbrüche auf den lokalen Märkten verursachen bereits erkennbare Preisspitzen: Laut der UN-Organisation für Welternährung (FAO) stiegen vielerorts die Nahrungspreise – etwa der Preis von Cassava in der liberischen Hauptstadt Monrovia um 150 Prozent im August. Da die Menschen in allen drei Ländern bereits fast die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung ausgeben, können sie sich teurere Nahrungsmittel nicht leisten. Sollte die Ebolakrise länger anhalten und die Aussaat von Reis und Cassava im Frühling 2015 gefährden, könnte sich die Versorgungskrise bis ins nächste Jahr ziehen. Die in dieser Situation dringend benötigten schnellen Nahrungsimporte und -hilfen werden durch geschlossene Staatsgrenzen und reduzierte Flugverbindungen behindert.

Wirtschaftliche Einbrüche und staatliche Misere schüren Unsicherheit

Gesamtwirtschaftlich werden aufgrund der Ebolakrise in allen drei Ländern deutliche Einbrüche erwartet. Für Sierra Leone etwa wird geschätzt, dass sich das bis dato hohe Wirtschaftswachstum um neun, in Liberia sogar um fast zwölf Prozent verringern könnte. Grund sind vor allem sinkende Exporteinnahmen durch ausgesetzte Ausfuhren von Gütern wie Palmöl. Auch der wirtschaftlich wichtige Abbau von Erzen und Mineralien ist stark rückläufig, da internationale Unternehmen ihre Mitarbeiter abziehen – so etwa geschehen durch London Mining in Sierra Leone. Auch geplante Investitionen sind gefährdet. Beispielsweise hat die britische Arcelor Mittal ihre Expansion in Liberia angesichts der Ebola-Krise verschoben. Neben negativen Effekten auf die Beschäftigung lokalen Personals verringert dieser Stillstand auch Einnahmen vieler kleiner Unternehmer etwa im Dienstleistungsbereich, die von der Präsenz internationaler Akteure leben.

Die ohnehin spärlichen öffentlichen Leistungen werden durch rückläufige Steuereinnahmen, den Fokus auf die akute Seuchenbekämpfung und die eingeschränkte Arbeit der internationalen Geber weiter beschnitten. Dies zeigt sich zum Beispiel im Gesundheitsbereich: Bereits jetzt sterben deutlich mehr Menschen an behandelbaren Krankheiten wie Malaria. Zudem bröckeln die staatlichen Kapazitäten auch in der Verwaltung und bei den Sicherheitskräften. Das schürt Befürchtungen, dass sich die Sicherheitslage deutlich verschlechtern könnte. Zusätzlich haben Zwangsmaßnahmen wie die Abriegelung ganzer Viertel das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Polizei und Armee verstärkt. Bei einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation sind auch angesichts der politisch schwierigen Lage in allen drei Ländern gewaltsame Ausschreitungen nicht auszuschließen.

Neben Soforthilfen schon jetzt längerfristige Hilfen und Vorsorge planen

Selbstverständlich muss es Priorität bleiben, die Epidemie zu stoppen. Insofern ist es gut, dass internationale Geber jetzt verstärkt handeln. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass neben schnellen Finanz- und Nahrungsmittelhilfen auch ausländische Logistik sowie Personal für die medizinische Unterstützung, für den Transport und für die Zuteilung von Hilfen gebraucht wird.

Aber auch die schon absehbaren weiteren Folgen der Epidemie müssen in den Blick genommen werden: wegen der bis ins nächste Jahr reichenden Versorgungsrisiken werden auch im Jahr 2015 Nahrungshilfen und Agrarexperten gebraucht. Weiterhin sollten Maßnahmen eingeleitet werden, die das sinkende Wirtschaftswachstum und den Mangel an ausländischem privatem Kapital auffangen können, wie eine erleichterte Kreditaufnahme. Bei der Sicherung der öffentlichen Ordnung sind vor allem die Regierungen der betroffenen Länder gefragt, das richtige Maß für den Einsatz von Sicherheitskräften zu finden. Politische Eliten müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und dabei mit und nicht gegen die Bevölkerung arbeiten. Von internationaler Seite könnte darüber nachgedacht werden, den geplanten Rückzug der VN-Mission in Liberia zu verschieben, die seit den Bürgerkriegen in den neunziger Jahren für Stabilität sorgt. In den anderen Ländern sollten bereits bestehende Beratungsformate im Sicherheitssektor die Frage einbeziehen, wie man Unruhen infolge des Ebolaausbruchs am besten begegnet.

Schließlich sollten die Nachbarstaaten auf eine mögliche Ausbreitung der Epidemie vorbereitet sein. Zum einen brauchen sie ausreichend ausgebildetes Personal. Zum anderen müssen endlich lokale Nahrungsreserven aufgebaut werden. Die Staatengemeinschaft stuft diese zwar schon länger als unverzichtbar bei Katastrophen ein, baut sie aber nur unzureichend auf.

Dieses »Kurz gesagt« ist auch bei Euractiv.de erschienen.

Literaturempfehlung

Bettina Rudloff

Gegeneinander, nebeneinander, miteinander

Transatlantische Unterschiede im Umgang mit Nahrungskrisen

SWP-Studie 2014/S 03, Februar 2014, 41 Seiten
 

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