29.05.2019

30 Jahre Tiananmen: Erinnerungskultur als Politikum

Volker Stanzel
Volker Stanzel

30 Jahre nach dem Massaker von Tiananmen in Peking gibt es dort kein öffentliches Gedenken, in Deutschland hingegen wird dem Datum große Bedeutung beigemessen. Der unterschiedliche Umgang mit Erinnerung führt zuweilen zu Verstimmungen, schreibt Volker Stanzel.

Meldungen, die es nicht gibt. Trauer, die keinen Raum findet. 30 Jahre nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens – dem Tiananmen-Platz – in Peking am 4. Juni 1989 gibt es keine öffentliche Erinnerung.

Ganz anders in Deutschland. Dort werden am 4. Juni im Deutschen Bundestag zwei Dissidenten aus Hongkong darüber sprechen, wie wichtig es ist, den Platz des Himmlischen Friedens nicht zu vergessen. Die beiden sind im vergangenen Jahr aus Hongkong geflohen und haben in Deutschland Asyl erhalten. Deutschland ist eines der Länder, wo die Erinnerung an den 4. Juni sich mit direkter eigener Betroffenheit verbindet: Egon Krenz hatte im Sommer 1989 bei einem Pekingbesuch die chinesische Führung ausdrücklich für ihr Vorgehen gelobt und damit in Deutschland die Furcht geschürt, die DDR-Führung könne in Leipzig zu einer »chinesischen Lösung« greifen. Das geschah nicht, doch die Erinnerung an diese Gefahr bleibt, und damit auch die Erinnerung an Tiananmen.

Hongkong ist der Ort, wo das Gedenken an den 4. Juni am stärksten lebt, denn auch hier gibt es eigene Betroffenheit. Hier gibt es ein »Museum zum 4. Juni«, das vor einiger Zeit von Einbrechern unbekannter Herkunft verwüstet, aber jetzt wiederhergestellt wurde. Hier gibt es noch immer die alljährliche Totenwache zum 4. Juni. Vor allem: Hier leben geflüchtete Dissidenten aus der Volksrepublik, die seinerzeit der chinesischen Armee entkamen. Auch die prekäre Situation, in der sich die Stadt befindet, hält das Gedenken an Tiananmen lebendig. Die chinesische Führung hat das britisch-chinesische Abkommen über den Erhalt der Freiheiten Hongkongs für 50 Jahre nach dem Prinzip »Ein Land, zwei Systeme« zu einem »wertlosen Stück Papier« erklärt und reduziert die verbliebene Autonomie Hongkongs mit harter Hand Stück für Stück. Nicht verwunderlich, wenn Hongkonger damit auch die Gewalt einer Regierung näher rücken sehen, die den 4. Juni vor dreißig Jahren zu verantworten hat.

»Normalität« wichtiger als Aussöhnung

Nach der Niederschlagung des Aufstands vom 4. Juni 1989 war das Ziel des damaligen Machthabers Deng Xiaoping, rasch zur Normalität wirtschaftlichen Aufbaus und solider politischer Kontrolle des Landes zurückzukehren. Die linken Gegner der Wirtschaftsreformpolitik Dengs begannen sofort, die Bataillone der Ideologen in der Partei um sich zu scharen. Sie sahen die Gelegenheit, die gesamte Politik von »Reform und Öffnung« schuldig zu sprechen für den Pragmatismus, der ihnen an Dengs Politik nicht passte: Die Demokratiebewegung drohe, so ihr Argument, marxistische Grundsätze auf den Kopf zu stellen, und damit all die Errungenschaften der Mao-Zeit. Deng sah auch die ganz andere Gefahr einer Zerrüttung der Partei von innen her, durch die Befürworter politischer Reformen, wie das in der Sowjetunion Gorbatschows gerade geschah. Sich allzu lange mit der Bewältigung des Aufstands zu beschäftigen, schien die Rückkehr zur Dengschen Linie kontrollierter Wirtschaftsreformen zu gefährden. »Ein paar Fliegen ins Land lassen«, das dürfe man riskieren, so Deng, doch nicht mehr. Andererseits, den Ideologen der Mao-Zeit das Heft zurück in die Hand zu geben, hätte gleichfalls den beginnenden Aufschwung gefährdet, zumal sich im damaligen Machtkampf selbst spätere Vorkämpfer der Wirtschaftsreformen wie Parteigeneralsekretär Jiang Zemin zunächst auf die Seite der Gegner Dengs schlugen.

Erinnerungskultur als Politikum

So wurde rasch jede Auseinandersetzung mit dem 4. Juni im Keim erstickt. Der heute in Deutschland lebende Künstler Liao Yiwu mit seinem Lied »Massaker« gehörte bald zu den Verfolgten. Auch das erste Narrativ einer besiegten Konterrevolution wurde schnell vom allgemeinen Schweigen zugedeckt. Heute macht die moderne digitale Zensur in China es möglich, dass von der Erinnerung der Zeitzeugen nur noch Schatten bleiben. Die »Mütter vom Tiananmen-Platz«, die die Erinnerung an ihre ermordeten Kinder am Leben halten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen wollen, können sich öffentlich nicht äußern. Und noch im April dieses Jahres wurden einige Studenten in der Provinz Sichuan als Angehörige einer Bewegung, die angeblich China schwächen wolle, zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatten Bilder des berühmten jungen Mannes – des »Tank Man« verbreitetet, der damals für einen Moment die Panzer der Armee aufhielt. Dieses Foto wird von der Zeitschrift »Time« zu den »100 einflussreichsten Fotos aller Zeiten« gezählt  und illustriert, wie unterschiedlich die Erinnerung an den 4. Juni weltweit erhalten ist.

Immer wieder stellen Staaten die Notwendigkeit, gesellschaftlich zu funktionieren, über die Bewältigung des Leids, das Staatsbürgern zugefügt wurde. Auch Churchill sprach mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg bereits 1946 vom »gesegneten Akt des Vergessens«. Chinas eigener Weg liegt darin, dieses Vergessen zu erzwingen. Deng unterdrückte jedes Gedenken an die Opfer des 4. Juni, sofern es nicht ausschließlich privat geschah. Er schuf sich damit Raum, die Ideologen im Zaum zu halten und die Wirtschaftsreformpolitik fortzuführen. In dieser Tradition wurde China in den folgenden 30 Jahren zu dem, was es heute ist: Ein streng überwachter Einparteienstaat, dabei, sich einen Platz als neue Weltmacht zu sichern, zugleich die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Welt und Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner. Dem Ziel des Aufstiegs fiel Vieles zum Opfer. Die Erinnerung an den 4. Juni 1989 gehört dazu.

Dies spüren auch Chinas Partner, dies spürt auch Deutschland. Das Foto des »Tank Man« wurde gerade erst zu einem Beispiel für die Risiken, die der unterschiedliche Umgang mit Erinnerung über Staatsgrenzen hinweg birgt. Die deutsche Firma Leica verwendete es in einer Werbung, um die Arbeit von Pressefotografen in gefährlichen Momenten zu belegen. Leica steht aber seit 2016 in einer »langfristigen Technologiepartnerschaft« mit dem chinesischen Hightech-Riesen Huawei. So musste die Firma sich von dem Video distanzieren: Es handele sich nicht um »offizielle« Werbung. Auch der geplante Auftritt der chinesischen Dissidenten im Bundestag am 4. Juni erregt Pekings Unmut, er sei eine »Einmischung in innere Angelegenheiten Chinas«. Aus Protest versammelten sich prochinesische Demonstranten vor dem deutschen Generalkonsulat in Hongkong.

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