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SWP-Studie
Staat und Islam in der Türkei
SWP-Studie 2004/S 29, August 2004, 29 Seiten
von Günter Seufert

Ist die Türkei wirklich ein "islamischer Großstaat", der seinem Wesen nach keinen Platz in der Europäischen Union hat? Dominiert "der Islam" Politik und Gesellschaft der Türkei in einer Art und Weise, daß diese einfach nicht "europäisch" werden können?

In der Studie wird, ausgehend von der historischen Entwicklung, das aktuelle Verhältnis von Staat und Islam in der Türkei untersucht. Unter Zurückweisung eines unveränderlichen Wesens "des Islam" und seines Verhältnisses zur Politik wird in einer historisch-strukturellen Analyse gezeigt, wie die islamische Religion nach europäischen Vorbildern in den Dienst der türkischen Staatsraison und des Aufbaus einer republikanischen Nation (nation building) gestellt wird. Der so entstandene türkische Laizismus ist gekennzeichnet durch eine strikte staatliche Kontrolle des öffentlichen religiösen Lebens, einschließlich einer von einer staatliche Einrichtung verfügten "korrekten" Interpretation der Religionsinhalte, und dadurch, daß jegliche Form von "freier" Religionsausübung als existentielle Bedrohung für die Republik wahrgenommen wird. Erst unter der AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beginnt sich das offizielle Religionsverständnis zu wandeln: Laizismus wird im europäischen Sinn als echte Trennung von Staat und Islam gesehen; Islam wird zwar als eine mögliche ethische Grundlage, nicht aber als Handlungsanleitung für Politik verstanden und ein pluralistisches Verständnis von Religionsfreiheit beginnt zu keimen. So gesehen ist zwar die aktuelle Situation von Staat und Islam immer noch durch ein in den meisten EU-Ländern bereits weitgehend überwundenes Verhältnis gekennzeichnet, aber im Prozeß ihrer Säkularisierung ist die Türkei "verspätetes Europa" und nicht "aktueller Orient".

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© 2003 Stiftung Wissenschaft und Politik , Letzte Änderung Do 28 Okt 2004 10:04:26 CEST
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